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Full text of "Lehrbuch der Geschichte der Medicin und der epidemischen Krankheiten"

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YALE 
MEDICAL LIBRARY 




HISTORICAL 
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in 2011 witli funding from 

Open Knowledge Commons and Yale University, Cushing/Whitney Medical Library 



http://www.archive.org/details/lehrbuchdergesch02unse 



Lehrbuch 



der 



Geschichte der Medicin 



und der 



epidemischen Krankheiten. 

Von 

Heinrich Haeser. 



Dt'itte Beai'beitnjig, 



Zweiter Band. 
Geschichte der Medicin in der neueren Zeit. 



JENA. 

VEPILAG von GUSTAV FISCHER. 
1881. 



Alle Rechte vorbehalten. 



VORWORT. 



Die ungebofifte Nachsicht, mit welcher der erste Band dieses 
Werkes von den Fachgenossen aufgenommen worden ist, hat 
nur dazu dienen können, das Bemühen des Verfassers, den 
Anforderungen der Kenner und Freunde der Geschichte unsrer 
Wissenschaft zu entsprechen, hei der Ausarbeitung des vor- 
liegenden rege zu erbalten. Allerdings bat dieses Bestreben 
auch einen Uebelstand zur Folge gehabt, welchen niemand 
mehr beklagt als der Verfasser: den über die ursprüngliche 
Berechnung hinausgehenden Umfang des gegenwärtigen Bandes. 
Zum grössten Theile ist derselbe bewirkt worden durch die 
( — immerhin auf das wichtigste beschränkte — ) den bio- 
graphischen und bibliographischen Angaben zugewendete Sorgfalt. 
Der Verpflichtung, auch diesem, fürwahr nicht am wenigsten 
mühseligen und zeitraubenden, Theile meiner Aufgabe zu ge- 
nügen, glaubte ich mich um so weniger entziehen zu dürfen, 
als die seit langer Zeit bei den Verfassern medicinischer Schriften, 
leider besonders häufig bei deutschen, eingerissene Gewohnheit, 
sich aller und jeder literarischen Nach Weisungen zu enthalten, 
oder, was noch mehr zu beklagen ist, bei etwaigen Notizen 
solcher Art die grösste Nachlässigkeit walten zu lassen, neuer- 
dings sogar in historisch-medicinischen Werken Eingang findet, 
ja wohl sogar als ein Vorzug gepriesen wird. 



YJ Vorwort. 

Unter den zalilreiclien für die literarischen Notizen benutzten 
Iliilfsmitteln gedenke ich besonders zweier durch Zuverlässigkeit 
ausgezeichneter Werke: der von Ludwig Hain gesammelten, 
von Kurt Sprengel vermehrten und herausgegebenen Literatura 
mcdira externa recentior. Lips. 1829. 8. und des im Jahre 1857 
erschienenen Katalogs der überaus reichen Bibliothek des Königl. 
Friedrich-Wilhelms-Instituts zu Berlin, dessen spätere (vom Jahre 
1877 datirte), nicht in den Buchhandel gelangte Ergänzung ich 
der Güte des Herrn Directors des Instituts, General- Arzt Dr. 
Schubert, verdanke. 

Auch für den vorliegenden Band habe ich der Beihülfe 
befreundeter Collegen zu gedenken. In Betreff der auf die 
Philosophie bezüglichen Abschnitte der des Herrn Professor Dr. 
Freudenthal, in Betreff der neuesten Periode der Physiologie 
und der Chirurgie der der Herren Professoren Heidenhain 
und E. Richter. 

So übergebe ich den Fachgenossen auch diesen Band nicht 
ohne die Hoffnung einer freundlichen Aufnahme. 

Breslau, 26. Mai 1881. 

H, Haeser. 



Inhalts -Verzeicliniss. 



Drittes Buch. Die neuere Zeit. 

Seite. 

Das sechszehnte Jahrhundert 3 

Einleitung. Der Humanismus. Neue Universitäten. Gelehrte 

Gesellschaften 3 

Aufschwung der Naturwissenschaften 8 

Aufschwung der Heilkunde 13 

Die philologischen Mecliciner 13 

Wiederherstellung der Anatomie 21 

Die Vorläufer Vesal's 21 

Andreas Vesalius 30 

Lebensgeschichte 30 

Die Schriften Vesal's 36 

Vesal's geschichtliche Bedeutung 39 

Hervorragende Anatomen zur Zeit Vesal's. Italien. Spanien. 48 

Deutschland. Holland 56 

Die wichtigsten Bereicherungen der Anatomie in der zweiten 

Hälfte des sechszehnten Jahrhunderts 59 

Die praktische Medicin im sechszehnten Jahrhundert .... 61 

Bekämpfung des Arabismus und Galenismus 61 

Brissot. Serveto 61 

Angriffe auf die Galenisch-arabische Pulslehre und Uroskopie 67 

Die Vorläufer des Paracelsus 69 

Paracelsus 71 

Lebensgeschichte 71 

Paracelsus' Schriften 80 

Die Lehren des Paracelsus 86 

Grundanschauungen 86 

Allgemeine Pathologie 92 

Therapie 95 

Specielle Pathologie. Chirurgie 101 



■\" [ I [ Inhalts -Veneichniss. 

Seite. 

Die Paracelsisten 106 

Der Paracelsismus in der Schule der Wittenberger Theologen 106 

Die Abenteurer und Empiriker HO 

Die Gegner des Paracelsus. Die Vermittler 113 

Anhänger und Gegner des Paracelsismus in Frankreich. 

Der Antimon-Streit H^ 

Gegner des Galenismus in Italien und Frankreich .... 120 

Die Hippokratischen Praktiker des sechszehnten Jahrhunderts 127 
Literarischer Verkehr. Collegia medicorum. Einführung des 

klinischen Unterrichts 127 

Hervorragende Praktiker des sechszehnten Jahrhunderts . 130 

Italien 130 

Spanien. Portugal 136 

Frankreich. Die Niederlande 139 

Deutschland 142 

Die Chirurgie im sechszelinten Jahrhundert 145 

Italien 148 

Spanien 155 

Deutschland 157 

Frankreich. Ambroise Pare. Lebensgeschichte und Schriften 169 

Pare's Verdienste 174 

Pare's Schüler und Zeitgenossen 178 

Bereicherungen der Chirurgie im sechszehnten Jahrhundert 181 

Einfache Wunden. Schusswunden. Amputation. Ligatur 181 

Steinschuitt. Hernien. Harnröhren-Stricturen 188 

Die plabtisthen Operationen 193 

Die Augenheilkunde 200 

Die Geburtshiilfe im sechszelmteu Jahrhundert 204 

Hebammenbücher. Sammelschriften 204 

Die Wendung. Der Kaiserschnitt 208 

Diätetik. Heilmittellehre. Heikiuelleu. Psychiatrie . . . 214 

Zunahme der Aufklärung. Bekämpfung des Aberglaubens 217 

Das siebzehnte Jahrhundert 220 

Einleitung. Politische und sociale Verhältnisse. Gelehrte 

Vereine. Naturwissenschaften 220 

Die Philosophie im siebzehnteu Jahrhundert 226 

Francis Bacon 228 

Die Nachfolger Bacon's 236 

Descartes. Spinoza 238 

Die Anatomie und Physiologie im siebzehnten Jahrhundert . 243 

Die Entdeckung des Blut-Kreislaufs 243 

Harvey's Vorläufer 243 

William Harvey 252 

Die Schrift Harvey's über den Kreislauf 254 

Die Gegner Harvey's 262 

Die Anhänger Harvey's 268 

Ergänzungen der Harvey'schen Entdeckung 272 

Entdeckung der Chylus-Gefässe, des Ductus thoracicus. der 

Lymph-Gefässe und der Capillaren 272 



Inhalts -Verzeichniss. IX 

Seite. 
Aufschwung der Anatomie und Physiologie in der zweiten 

Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts ....... 278 

Verbesserung des anatomischen Unterrichts. Erfindung des 

Mikroskops 278 

Italien 283 

England 287 

Die Niederlande 290 

Frankreich 299 

Deutschland 302 

Dänemark 304 

Die wichtigsten Bereicherungen der Anatomie und Physiologie 

während des siebzehnten Jahrhunderts 307 

Physiologie 314 

Muskelthätigkeit. Thierische Bewegung überhaupt . . . 327 
Geschlechts-Werkzeuge. Zeugung. Entwickelung .... 332 
Die praktische Medicin im siebzelinten Jahriiimdert .... 336 
Die Praktiker der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahr- 
hunderts 338 

latrophysiker 338 

Italien 338 

England 341 

Helmont 344 

Allgemeine Physiologie 350 

Allgemeine Pathologie 352 

Specielle Pathologie und Therapie 354 

Sylvius 363 

Physiologie 367 

Pathologie und Therapie 370 

Anhänger des Sylvius 375 

Gegner der Chemiatrie , . . . . 385 

Sydenham 387 

Sydenham's geschichtliche Bedeutung .... ... 390 

Pathologische Grund-Anschauungen 394 

Therapeutische Grundsätze. Heilmittel 398 

Specielle Pathologie und Therapie 400 

Bereicherungen der praktischen Medicin im siebzehnten 

Jahrhundert 406 

Sammlungen von Beobachtungen. Pathologische Anatomie 406 

Italien. Frankreich 406 

England. Die Niederlande. Deutschland 410 

Die Transfusion 416 

Einführung neuer Arzneimittel 422 

Die China-Rinde 422 

Ipecacuanha. Arsenik. Heilquellen. Pharmacie .... 427 

Die Chirurgie 430 

Italien 433 

Frankreich. Die Niederlande 437 

Deutschland 439 

England 444 



X luhalts-Verzoichniss. 

Seite, 
bercicheriingeu der Chirurgie während des siebzehnten 

Jahrhunderts 446 

Die Augeuheilkunde '^'^^ 

Entdeckung des wahren Sitzes der Cataracta 456 

Die Geburtshiilfe '^fQ 

Itiilien. Frankreich '^^^ 

Die Niederlande. Deutschland. Schweden. England . . 464 

Die Kinderheilkunde 4^''° 

Das achtzehnte Jahrhundert 470 

Einleitung. Politische und sociale Yerhältuisj,e. Die Literatur. 

Die Aufklärung 470 

Die Philosophie 472 

Leibniz 4/7 

Naturwissenschaften 482 

Die Heilkunde 484 

Allgemeine Verhältnisse derselben. Italien. Frankreich. 

England. Die Niederlande 484 

Deutschland 486 

Aeussere Verhältnisse des ärztlichen Standes. Unterricht. 
Akademische Würden. Prüfungen. Literarische Thätig- 

keit. Apotheker. Pfuscher 492 

Die medicinischen Systematiker 406 

Boerhaave 496 

Friedrich Hoffmanu 509 

Stahl 519 

Stahl's Anhänger und Gegner 529 

Die Anatomie 534 

Italien 534 

Die Niederlande 540 

Frankreich 545 

England 549 

Deutschland 554 

Die Physiologie 561 

Haller 561 

Haller's anatomische und physiologische Arbeiten .... 568 

Die Entdeckung der Irritabilität der Muskeln 575 

Gegner und Anhänger der Irritabilitätslehre 579 

Die namhaftesten Physiologen im Zeitalter Haller's . . . 583 

Italien 583 

Frankreich. England. Deutschland 587 

Die wichtigsten Bereicherungen der Anatomie und Physiologie 

während des achtzehnten Jahrhunderts 590 

Die Praktiker des achtzehnten Jahrhunderts 600 

Italien. Frankreich 600 

England 603 

Deutschland 612 

Der Göttinger Kreis 612 

Die Wiener Schule 617 

Bereicherungen der praktischen Medicin 623 



Inhalts -Verzeicliniss. XI 

Seite. 

Die pathologische Anatomie 623 

Bereicherungen der Diagnostik 628 

Die Krankheiten des Herzens 628 

Die Erfindung der Percussion 637 

Auenbrugger 687 

Bereicherungen der Heilmittellehre 645 

Neue Arzneien. Hydrotherapie. Heilquellen 645 

Die Chirurgie 648 

Die bedeutendsten Chirurgen des achtzehnten Jahrhunderts 656 

Italien 656 

Frankreich 659 

England 669 

, Deutschland 676 

Die Niederlande. Schweden. Dänemark 684 

Die wichtigsten Bereicherungen der Chirurgie während des 

achtzehnten Jahrhunderts 687 

Wunden. Blutungen. Ligatur. Wundfieber. Abscesse. 
Geschwüre. Verletzungen und Krankheiten der Knochen 

und Gelenke. Schuss-Verletzungen 687 

Kopfverletzungen. Trepanation. Krankheiten des Antrum 

Highmori. Tracheotomie. Hernien 691 

Die Angenheilkuude 702 

Die wichtigsten Vertreter der Augenheilkunde im acht- 
zehnten Jahrhundert 704 

Fortschritte der Augenheilkunde im achtzehnten Jahrhundert 707 
Verhandlungen über den Sitz der Cataracta. Di(3 Extraction. 

Die Thränenfistel. Die künstliche Pupillenbildung . . 707 

Die Gebnrtshülfe 714 

Die Erfindung der Geburtszange 714 

Palfyn 717 

Gründung geburtshülflicher Lehranstalten 720 

Die hervorragendsten Geburtshelfer des achtzehnten Jahr- 
hunderts 724 

Frankreich. England 724 

Deutschland. Holland. Schweden. Dänemark. Italien . 728 
Versuche zur Verdrängung des Kaiserschnitts. Die Symphy- 

seotomie. Die künstliche Frühgeburt 732 

Anfänge der physiologischen Bearbeitung der Entbindungs- 
kunst. Kinder-Heilkunde 734 

Die medicinischen Systeme der zweiten Hälfte des aclitzeliuteii 

Jalirhimderts 737 

Chemische Theorieen 737 

Galvanische Theorieen 741 

Die Nervenpathologie 743 

Cullen 744 

Das Brown'sche System 750 

Beurtheilung des Brown'schen Systems 757 

Die Anhänger Brown's 759 

Die Erregungstheorie 764 



VTI Inhalts -Veizoichniss. 

Seite. 

Hüsclilaub 764 

Gegner des Brownianisnuis uud der Erregungstheorie . . 766 

Das coutrastimulistiscbe System 768 

Rasori '^^^ 

Der Vitalismus '^'^^ 

770 
Frankreich 

Der Vitalismus iu Deutschland 780 

Der thicrische Magnetismus 784 

Die Homöopathie 793 

Die Lehren Hahnemanu's 794 

Beurtheilung der Lehre Hahnemanu's 797 

Die Anhänger Hahnemanu's 801 

Die «Erfahrungs-Heillehrc» Rademacher's 804 

Das neunzehnte Jahrhundert 806 

Einleitung °06 

Die Philosophie 810 

Kant 810 

Die Naturphilosophie 812 

Schelling 812 

Die Anhänger Schelling's 817 

Die Naturwissenschaften 824 

Die Heilkunde 826 

Die Auatomie 826 

Die allgemeine Anatomie 826 

Bichat^ 826 

Die beschreibende AnatoTuie 835 

Italien 835 

Frankreich 838 

England 840 

Deutschland 844 

Die Physiologie 850 

Italien. England 850 

Frankreich 852 

Deutschland 856 

Die ■wichtigsten Bereicherungen der Physiologie während 

der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts . . . 868 

Die Phrenologie oder Kranioskopie 874 

Entwickelung 877 

Die pralitische Heilknnde 879 

Die pathologische Anatomie 879 

Die Vorläufer. Eugland. Deutschland 879 

Frankreich 882 

Die «physiologische Medicin». Broussais 882 

Aufschwung der pathologischen Anatomie und der Diagnostik 

in der Schule von Paris 886 

Die Vorläufer 886 

Begründung der physikalischen Diagnostik 888 

Die Percussion. Corvisart 888 



Inhalts -Vorzoichniss. XIII 

Seite. 

Die Auscultation. Laennec 890 

Die Nachfolger Corvisart's und Laennec's 893 

England 900 

Deutschland 907 

Die Eklektiker 907 

Nasse. Krukenberg 911 

Schönlein 913 

Die Schüler Schönlein's. Der Parasitismus 915 

Die neue Wiener Schule 920 

Die jüngste Periode der pathologischen Anatomie und der 

klinischen Medicin in Deutschland. — Die Niederlande. 

Schweden 922 

Die wichtigsten Bereicherungen der praktischen Medicin 

während der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts 925 

Bereicherungen der Diagnostik 925 

Die pathologische Chemie. Laryngoskopie. Thermometrie 925 

Bereicherungen der Heilmittellehre 931 

Hydrotherapie. Gymnastik. Elektricität. Heilquellen. 

Arzneimittel 931 

Die Chirurgie 935 

Italien 935 

Frankreich 937 

Die Nachfolger Dupuytren's MB 

England 951 

Deutschland 957 

Die wichtigsten Bereicherungen der Chirurgie während der 

ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts 966 

Einleitung. Die anästhesirenden Inhalationen 966 

Wunden. Blutungen. Abscesse. Fracturen. Luxationen . 970 
Unblutige Entfernung kranker Theile. Galvanokaustik. 

Ecrasement 973 

Krankheiten der Extremitäten. Amputation. Exarticulation. 

Resection 975 

Krankheiten der Muskeln und Sehnen. Myotomie und 

Tenotomie 979 

Krankheiten der Gefässe. Aneurysmen 982 

Krankheiten einzelner Gegenden des Körpers 984 

Verdauungswerkzeuge. Hernien. Steinschnitt. Lithothrypsie. 

Stricturen der Harnröhre 984 

Die plastischen Operationen. Transplantation. Transfusion 988 

Allgemeine Wundbehandlung. Orthopädie 991 

Die Augenheilkuude 993 

Deutschland 996 

Italien. England. Frankreich. Die Niederlande .... 1001 
Bereicherungen der Augenheilkunde während der ersten 

Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts 1006 

Die Gebnrtshülfe 1011 

Deutschland 1011 

Frankreich. England . 1016 



^JY Inhalts -Vorzeichniss. 

Seite. 
Die wichtigsten Fortschritte der Gynäkologie während der 
ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts. — Kinder- 
krankheiten 1020 

Die Zahnheilkunde 1023 

Die Ohrenheilkunde 1025 

Die Psychiatrie 1027 

Die öffentliche Gesundheitspflege 1041 

Das Militair-Medicinal-Wesen 1046 

Die ältere Zeit bis zum Beginn des sechszehnten Jahr- 
hunderts 1046 

Die neuere Zeit 1048 

Frankreich 1048 

England 1053 

Deutschland. Preussen 1056 

Sachsen. Oesterreich. Holland. Schweden. Norwegen. 
Dänemark. Russland. Spanien. Die Schweiz. Italien. 

Belgien 1063 

Die Genfer Convention 1067 

Die Inoculation der Blattern 1069 

Die Kuhpocken-Impfung. Edward Jenner 1074 

Die gerichtliche Mediciu vom sechszehnten bis neun/eh iiteu 

Jahrhundert 1081 

Bearbeitung der Geschichte der Medicin und der Volks- 

krankheiteu 1086 



Drittes Buch. 



Die neuere Zeit. 



Haosor, Gesch. d. Mod. Tl. 



Die neuere Zeit. 



Das sechszehnte Jahrhundert. 

Einleitung, Der Humanismus. Neue Universitäten. 
Gelehrte Gesellschaften. 

Von der überaus grossen Zahl der Darstellungen der Geschichte des 
Huniani.smus genügt es, einige der neuesten an7A;fuhren: G. Voigt, Die 
Wiederbelebung des klassischen Alterthums. Berlin, 1859. 8. — J. F. Schröder, 
Das Wiederaufblühen der Massischen Studien in Deutschland im 15ten und 
zu Anfang des Ißten Jahrhunderts. Halle, 1864. S. — K. Grün, Kultur- 
geschichte des loten Jahrhunderts. Leipzig, 1872. 8. 

Universitäten. — H. Schreiber, Geschichte der Stadt und Uni- 
versität Freiburg im Breisgau. Freib. i. B., 1859. 8. — Marcus Lutz, 
Geschichte der Universität Basel. Aarau, 1826. 8. — J. Ch. A. G rohmann, 
Annalen der Universität Wittenberg. Meissen, 1801. 1802. 8. — H. C. R. Pr euss, 
Analecta ad historiam facuUatis medicae unive.rsitatis FrancofuHensis. Diss. 
inaug. Vratisl. 1847. 8. — M. Siegenbeek, Gescleiedenis der Leidsche hooge- 
school. Leyd. 1825. 8. — Album studiosorum academiae Licgduno-Batavae 
1575 — 1S75. Aceedunt nomina curatorum et professorum per eadem secida. 
Hag. Com. [Nijhoff], 1875. 4. (pp. LXXH, 1723.) — G. D. J. Schotel, De 
academie te Leiden in de 16. 17. en 18. eemv. 1. deel. Harlem, 1875. 8. — 
H. Rordam, Kjobcnhavns Universitets Historie fra 1537 — 1621. Udgivet af 
den danske historische Forening. Kjobenhavn, 1860 ff. 8. 

336. Das sechszehnte Jahrhundert bildet in der Geschichte 
der Heilkunde einen nicht minder wichtigen Abschnitt, als in 
dem der Cultur überhaupt. Zunächst vollzog sich in den allge- 
meinen politischen und gesellschaftlichen Zuständen eine schon 
seit langer Zeit vorbereitete Veränderung: der Sturz des Feu- 
dalismus und die Begründung des bürgerlichen Mittelstandes. 
Vor der Macht der aufblühenden Städte v^aren die Burgen des 
Raub -Adels verschwunden, durch das wachsende Ansehn der 
Reichsfürsten die Despotie der Kaiser und die noch weit 
drückendere Gewalt der Päpste gebrochen. Die neueröffneten 
Quellen des Verkehrs und des Gewerbes verbreiteten Wohlhaben- 

1* 



4 Die iiouero Zeit. Das sechszohnte Jabrliumlürt. 

heit und Bildung in allen Schiebten des Volks. Am meisten 
empfanden diese Segnungen die Bewohner des nördlichen Europa. 
Das Mittelalter hindurch hatten Genua und Venedig den Handels- 
verkehr mit dem Orient und mit Indien beherrscht. Neben den 
italienischen Städten standen im südlichen und mittleren Deutsch- 
land die Vertreter des europäischen Binnen -Handels: Basel, 
Augsburg, Nürnberg; im Norden die Häupter der Hansa: Lübeck, 
Danzig. Durch die Auffindung eines neuen Weges nach Indien 
traten Portugal und Spanien an die Stelle von Italien ; Spanien 
erhob sich durch die Entdeckung von Amerika zur ersten See- 
macht, bis es nach kurzer Blüthe durch England und die Nieder- 
lande in den Schatten gestellt wurde. Seit drei Jahrhunderten 
haben seefahrende Völker deutschen Stammes den Welthandel 
an sich gebracht; sie sind damit zur Herrschaft auf den mate- 
riellen und geistigen Gebieten des Lebens gelangt. 

Des mächtigsten von allen Hebeln, durch welche seit der 
Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts das geistige Leben der ge- 
bildeten Völker einen bis dahin ungeahnten Aufschwung gewann, 
der Buchdruckerkunst, ist bereits früher Erwähnung geschehen ^). 
Im vollsten Maasse kam sie einem der folgenreichsten Ereignisse 
des sechszehnten Jahrhunderts zu Statten : der Keformation. Es 
ist mit Worten nicht zu sagen, wie grossen Segen diese ver- 
breitet hat durch die Beförderung der Aufklärung, der Sittlich- 
keit, durch die Aufhebung des Cölibats der Geistlichen, denen 
nun wieder vergönnt war, durch das Beispiel eines einfach- 
frommen Familien-Lebens dem Volke als Muster voranzuleuchten. 
— Gerade unter den Aerzten fand die Lutherische Lehre zahl- 
reiche und entschiedene Anhänger, vor Allem an den neu ge- 
gründeten protestantischen Hochschulen Wittenberg, Marburg, 
Jena. 

Eine der wichtigsten Ursachen des geistigen Aufschwungs in 
der uns beschäftigenden Periode war die Vermehrung der Univer- 
sitäten. In grosser Zahl traten sie namentlich in den der Refor- 
mation sich anschliessenden Ländern hervor. Die wichtigeren von 
ihnen sind Freiburg im Breisgau (1457), Basel (1459), Tübingen 
(1477), Wittenberg (1502), Frankfurt a. d. Oder (1506), Marburg 
(1527), Königsberg (1544), Jena (1557), Leyden (1575), Helm- 
städt (1575), Altorf (1577), Würzburg (gegr. 1403, erneuert 1582), 
Kopenhagen (1537), Franeker (1585), lange Zeit Leyden's Neben- 

') Bd. I. s. 814 fi'. 



Der llumauisiuua. Neue Universitiiteu. O 

buhleiin. — Von diesen Hochschulen erlangte Basel, seit seinem 
Eintritt in die Schweizerische Eidgenossenschaft ein Mittelpunkt 
jeder freien Richtung in Wissenschaft und Kunst, nicht minder 
Wittenberg, die Wiege des Protestantismus, später vor allen 
Leyden, auch für die Heilkunde hervorragende Bedeutung. Viele 
andere freilich fristeten längere oder kürzere Zeit hindurch nur 
ein kümmerliches Daseyn, aber sie bildeten doch, wie die Aka- 
demieen von Italien, zahlreiche Mittelpunkte des geistigen Ver- 
kehrs. — Zu hoher Blüthe entwickelten sich mehrere von den 
zahlreichen holländischen Universitäten; besonders Deventer wurde 
zu einem Hauptsitze des Humanismus, aus welchem Gelehrte 
wie Rud. Agricola, einer von den Reformatoren der Philosophie, 
Reuchlin und Erasmus hervorgingen. Löwen, gestiftet um die 
Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts, zählte zu Anfang des fol- 
genden über 2000 Stadirende; später allerdings verfiel es dem 
Einflüsse der Jesuiten und der siegreichen Nebenbuhlerschaft von 
Leyden. 

Unter den medicini sehen Fakultäten der deutscheu Hochschulen nahm 
die von Basel in der zweiten Hälfte des sechszehnten Jahrhunderts die 
erste Stelle ein. Während in den Jahren 1532 — 1560 nur neun Promo- 
tionen vorgekommen waren, erhob sich die Zahl derselben in den nächsten 
25 Jahren auf 114, in der Periode von 1586 — 1610 auf 454. Dabei 
stand die Baseler Doctorwürde, wegen der Strenge der Prüfungen, in be- 
sonderem Ansehn. — Wittenberg und Frankfurt sollen auf den Antrieb 
von zwei Brandenburgischen Leibärzten, Pistoris und Pollich, gegründet 
worden seyii, welche sich hassten und einander aus dem Wege zu gehen 
wünschten. J. Beer, Deutsche Klinik, 1866. No. 25. — Die medici- 
nische Fakultät zu Wittenberg wurde vornämlich bemerkenswerth durch 
ihre nahe Beziehung zum Paracelsismus. — Die Universität Würzburg 
unterlag bald nach ihrer Erneuerung durch den Fürstbischof Julius Echter 
von Mespelbrunn (1582) der Herrschaft der Jesuiten. Schon im Stiftungs- 
jahre erscheint ein Schönlein (Job. Schönlinus) als Leibarzt und Professor. 
Aber gerade die Medicin litt unter der grössten Vernachlässigung. Das 
ganze 1 7 te Jahrhundert hindurch kamen nur 19 medicinische Promotionen 
vor. Noch im Jahre 1761 waren Weikard, Carl Caspar Siebold und Senfft 
die einzigen Studirenden der Medicin. Protestanten wurden erst seit dem 
Jahre 1776 zur Doctor-Prüfung zugelassen. A. Kölliker, Zur Geschichte 
der medicinischen Fakultät zu Würzburg. Mit Urkunden. Würzb. 1871. 4. 
Vergl. auch die Bd. I. S. 828 angeführte Abhandlung von Scherer. 

Ungewöhulichen Eifer, neue Hochschulen zu gründen, zeigten die 
Spanier. Der Cardinal Ximenes de los Cisneros stiftete im Jahre 1500 
die Universität Alcala; ferner wurde im Jahre 1410 Valencia mit 47 Pro- 
fessuren, darunter 8 medicinische, eröffnet. Aehnlich Toledo, Barcellona 
und Saragossa. Selbst in Lima (1551) und Mexiko (1553) gründeten die 
Spanier Universitäten. 



Q Die neuere Zeit. Das sochszehnto Jahrhundort. 

Die so oft geschilderte Bedeutung der Universitäten für die 
Wiederbelebung der klassischen Studien im Einzelnen darzulegen, 
liegt nicht in der Aufgabe dieses Werkes. Es ist genug, auf 
diejenigen Aeusserungen des neuerweckten geistigen Lebens hin- 
zudeuten, welche eine nähere Beziehung zu unserm Gegenstande 
darbieten. Zu diesen gehört die Gründung zahlreicher wissen- 
schaftlicher Vereine, Die ältesten von ihnen entstanden in 
Italien. Ihre Hauptaufgabe bestand in der Pflege der griechi- 
schen Literatur^), hauptsächlich in dem Studium der Schriften 
Platon's, welche im Orient nicht, wie im Abendlande, durch die 
Alleinherrschaft des Aristoteles verdrängt worden waren. Sie 
dienten nicht blos als eine mächtige Waife gegen die Scholastik, 
sondern befriedigten zugleich auch das sittliche und religiöse Ge- 
fühl. Die nüchterne Aristotelische Dialektik hatte Jahrhunderte 
hindurch alle warmen Regungen des Herzens zurückgedrängt; noch 
mehr war das lebendige christliche Gefühl durch den Einfluss 
der arabisch-jüdischen Philosophie erkaltet. Materialismus und 
Unglauben bewirkten, dass sogar Geistliche die Religion ver- 
spotteten ; unversöhnlich bewegten sich neben einander die Gegen- 
sätze der Orthodoxie und der religiösen Indifferenz. Der Pla- 
tonische Idealismus und der Aufschwung der Naturwissenschaften 
haben mehr als alles Andere dazu gewirkt, das religiöse Gefühl 
von Neuem zu beleben, die abgestumpften Geister und die er- 
storbenen Herzen zu erfrischen. — Die Platonischen Akademieen 
waren Vereiniguugspunkte für die gelehrtesten und edelsten 
Männer der damaligen Zeit; unter ihnen selbst zwei Päpste, 
Pius II. und Alexander VI. Nicht minder grossen Antheil übten 
sie auf das mächtige Erblühen der Kunst: Lionardo da Vinci, 
einer von den Begründern der neueren Physik, Michel Angelo 
und Raphael waren «Platoniker». Wer vermag zu sagen, welchen 
Antheil diese Gemeinschaft an ihren unsterblichen Schöpfungen 
gehabt hat! 

Die älteste und ansehnlichste Akademie der Platoniker, die 
zu Florenz, wurde durch Marsilius Ficinus ins Leben gerufen 3). 
Gleichzeitig entstand im Kloster der Augustiner zu Florenz eine 
physikalische Gesellschaft. Bald darauf stifteten Bessarion in 
Rom und Pomponius Letus in Neapel ähnliche Vereine (am 
letzteren Orte die sehr einflussreiche Academia Pontaniana). 
Nach kurzer Zeit bestanden fast in allen bedeutenderen Städten 



') S.lBd. I. S. 728 S. ^) S. Bd. I. S. 820. 



Der Huraanisimis. Wissenscliat'tlieho Yoroiuo. Platouischo Akademieeu. 7 

von Italien, unter dem Scliutze hochgebildeter Fürsten, der Me- 
diceer in Florenz, der Visconti in Mailand, der Gonzaga in 
Mantua, Platonische Akademieen. 

Dass es an Uebertreibungen und Auswüchsen nicht fehlte, ist begreif- 
lich. Auf vielen Kanzeln war nur von Piaton die Rede ; einzelne Platoniker 
gelangten zu einem förmlichen Cultus ihres Abgottes mit ewiger Lampe 
und Rauchfass; Andere duldeten nichts als Antikes um sich, ja sie ar- 
beiteten alles Ernstes auf die Wiederherstellung des Heidenthums hin, 
imd verwickelten sich dadurch in nicht unbedeutende Händel. 0. Jahn, 
Cyriacus von Ancona und Älhrecht Dürer. Grenzhoten, 1867. Ö. 1 ff. — 
Grosse Wichtigkeit erlangte später die von dem Buchdrucker Aldus Ma- 
nutius zu Venedig gestiftete Gesellschaft, welche sich die Aufgabe stellte, 
zunächst die Schriften Plato's, dann die der übrigen griechischen Klassiker 
herauszugeben; eine Anstalt, welcher die gelehrte Welt die noch jetzt so 
hochgeschätzten «Aldinen» verdankt. Vergl. J. Schuck, Aldus Manutius 
und seine Zeitgenossen. Berlin, 1862. 8. 

Die Anfänge der humanistischen Bestrebungen ausserhalb 
Italiens gehen gleichfalls bis in das fünfzehnte Jahrhundert zu- 
rück. In den Niederlanden traten sie besonders in der von 
Gheert Grote (gest. 1384) zu Deventer gestifteten Gesellschaft 
der «Brüder vom gemeinsamen Leben» hervor, welche in ihren 
Schulen («fraterhuizen») im Sinne der Humanisten wirkten, und 
Männer wie Erasmus von Rotterdam zu ihren Zöglingen zählten^). 

Aehnliche Bestrebungen erwachten, ungefähr seit dem Jahre 
1425 in Deutschland, zuerst durch Nicolaiis Cusanus (geb. 1401), 
der seine Bildung in Italien erhalten hatte, dann durch den be- 
rühmten Astronomen Joh. Müller von Königsberg (Regiomontanus), 
den Begleiter des Cardinais Bessarion in Italien. Ferner ent- 
stand zu Ende des fünfzehnten Jahrhunderts nach dem Muster 
der Platonischen Akademieen die «Rheinische Gesellschaft» in 
Heidelberg, zu deren Mitgliedern der gelehrte Joh. Tritheim, 
Abt des Schottenklosters zu Würzburg, der Nürnberger Patricier 
Wilibald Pirkheimer, Rud. Agricola, der Dichter Conr. Geltes, 
Joh. Reuchlin und Erasmus gehörten. — Weit später regte sich 
das neue Leben auf den übrigen in Aristotelischer Scholastik 
erstarrten deutschen Universitäten; am frühesten in Tübingen 
und Erfurt, damals die bedeutendste von allen ; zum Theil auch 
in Frankfurt a. d. Oder; gar nicht dagegen in Rostock und 
Greifswald. 



*) G. H. M. Delprat, Verhandding over de broederscluip van G. Grote 
en over den invlocd der Fraterhuizen op den ivetenschappelijken en gods- 
diendigen tocstand, voornamelijk van de Nederlanden na de lie eemo. 2. ed. 
Arnhem, 1856. 8. 



Die neuere Zeil. Uaa sechszuliuto Jiihrliuudert. 



Aufschwung der Naturwissenschaften. 

237. Auf keinem Gebiete des geistigen Lebens äusserte 
sich die freiere Bewegung früher, als auf dem der Naturwissen- 
schaften; auf keinem erzeugte sie tiefere und wohlthätigere 
Wirkungen. Am frühesten in der Astronomie. Deutsche vor- 
nämlich waren es, welche die vollständige Umgestaltung der- 
selben vorbereiteten: Peurbach, Regiomontanus, Beheimb, Schoner, 
Copernicus. Indem sie den Gesichtskreis der Menschen im eigent- 
lichen Sinne in das Unendliche erweiterten, bewirkten sie in 
allem Denken und Empfinden einen mit Worten nicht zu be- 
schreibenden Umschwung. Am nachhaltigsten dadurch, dass 
untrügliche Auctoritäten , unantastbare Lehren der Kirche als 
nichtig erkannt wurden. Dieselbe Wirkung hatten die grossen 
geographischen Entdeckungen des fünfzehnten Jahrhunderts : die 
Auffindung eines Seewegs nach Indien, mit dessen Wundern 
Europa schon im vierzehnten Jahrhundert durch Marco Polo 
bekannt geworden war, vor Allem durch die Entdeckung von 
Amerika, welche dem Abendlande die ungeahnte Pracht der 
Tropen erschloss, und auf dem Gebiete der Naturwissenschaft 
die Auctorität der Alten für immer beseitigte. 

Vergl. zu dem Folgenden hauptsächlich die gediegene Darstellung in 
Mey er's Geschichte der Botanik, IV, 207 ff. — Die frühesten Beschreibe r 
der tropischen Natur sind unter den Portugiesen, welche damals einen 
grossen Theil Süd-Asiens in Besitz hatten, Garcia d'Orta, Leibarzt des 
Vicekönigs von Goa, CristobalAcosta, Arzt zu Goa, und der Spanier 
Gonzalo Hernandez de Oviedo y Valdez, Director der Minen 
auf Haiti und Statthalter von Mexiko. — In Hinsicht auf Griechenland, 
Kleinasien, Syrien und Aegypten sind Pierre Belon aus Souletiöre bei 
Mans (geb. um 1518, gest. 1564), Leonh. Rauwolf aus Augsburg 
(gest. 1596) und Prosper Alpino aus Marostica (1553—1617), Arzt 
des Vcnctianischen Consuls in Kairo, zuletzt Professor in Padua, zu er- 
wähnen. — Das Werk Polo's ist in der angeblich ursprünglichen französi- 
schen Fassung gedruckt : Paris, 1865. 8. Schon früh erschienen italie- 
nische und deutsche, neuerdings auch englische Uebersetzungen (z. B. von 
H. Yule. Lond. 1871. 8. 2 Bde.) - Gar cia d'Orta, (7ofo^ws (^os 
simples e drogas he causas medicinais da India etc. Goa, 1563. 4. — 
Cristobal Acosta, Tractado de las drogas y medicinas de las Indias 
Orientales etc. Burgos, 1578. 4. Beide Werke mehrfach übersetzt, latei- 
msch in Clusius, Exoticor. lihri X. Antv. 1601. f. Lugd. 1605. f. 
— Oviedo, Historia general y natural de las Indias Occidentales y 
tierra ferma del mar Oceano. Die ersten 20 Bücher erschienen: Sevilla, 
1585. f. Das voUständige, 50 Bücher umfassende, Werk erst 1783. 



Aufschwung der Naturkunde. Naturwissenschaftliche Keisen. Q 

Kritik dos Dioskoridos und Plinius. Barliarus. Loouicenus. Manardus. 

— P. B e 1 n , Les observations de pbtsienrs singularUez et choses menio- 
rahles trourees en Grece etc. Paris, 1553. 4. und öfter. Lateinisch bei 
Clusiiis, 1. c. — Leonh. Rauwolf, Aigentliche beschreibimc/ der 

Raiss, so er vor diser zeit gegen Äuffgang in die Morgenländer selbs 

volbracht u. s. w. (Laugiugen), 1583. 4. — Pr. Alpinus, De planus 
exoticis. Veuet. 1627. 4. De plantis Aegijpti. Patav. 1640. 4. Historia 
Äegypti nahiralis. Lugd. Bat. 1735. 4. 

Auf dem Gebiete der Naturwissenschaften im engeren Sinne 
begann man zunächst mit der kritischen Bearbeitung desjenigen 
Schriftstellers, welcher bis dahin die Hauptquelle naturhistorischer 
Belehrung gebildet hatte, des Plinius. Die älteste dieser Arbeiten 
rührt von Ermolao Barbaro aus Venedig (1454 — ^1493), Venetia- 
nischer Glesandter in Rom, zuletzt Patriarch von Aquileja, her, 
welcher sich auch durch eine Uebersetzung des Dioskorides und 
durch Erläuterungen zu demselben verdient machte. In seinen 
Cast'if/ationes Plimanae, welche auf den zu Rom und Venedig 
aufbewahrten Handschriften dieses Schriftstellers beruhen, wies 
er nach, dass Plinius das Meiste von seinen naturhistorischen 
Angaben aus Aristoteles, Theophrastus und Dioskorides geschöpft 
habe. — Eingreifender wirkten die kritischen Untersuchungen 
von Nicola Leonice no^), noch mehr die des gelehrten und 
naturkundigen Giov. Manardo aus Ferrara (1462^1536), Leib- 
arzt des Fürsten von Mirandola und des Königs Ladislaus von 
Ungarn, später eine Zeitlang Leoniceno's Nachfolger in der Pro- 
fessur zQ Ferrara. 

Hermolaus Barbar us, Castigationes Plinianae. Rom. 1492. f. 
2 Ausgaben. Auch in mehreren Ausgaben des Plinius. — Die Ueber- 
setzung des Dioskorides erschien Venet. 1516. f. — In Dioscoridetn co- 
rollariorum libri V. Colon. 1530. f. 

Joh. Manardus, Epistolarum medicinaliwn libri XX. Vollständig 
zuerst Basil. 1540. f. 1549. f. Lugd. 1549. 8. Venet. 1557. 8. 
Hannov. 1611. f. 

An diese Studien schliessen sich die Versuche, das von den 
Alten überlieferte, durch die Neuen so ansehnlich vermehrte, 
naturwissenschaftliche Material systematisch zu bearbeiten. Die 
frühesten Unternehmungen dieser Art betrafen die Botanik und 
gingen von Deutschen aus. — Otto Brunfels aus dem gleich- 
namigen Schlosse bei Mainz (geb. kurz vor 1500, gest. 23. Nov. 
1534), anfangs Karthäuser -Mönch, dann Schullehrer in Strass- 
burg und Stadtarzt in Bern, gab naturgetreue Abbildungen ein- 



') S. unten S. 14. 



JQ Die iiouuro Zoit. üii.s soi'hsiiuluitc Juhrhuinlort. 

heimischer Pflanzen heraus; noch bessere Leonhard Fuchs 
aus Menibdingen in Baievn (1501—1506), Professor zu Ingolstadt 
und Tübingen. — Am reichsten an Pflanzen ist das Krünfer- 
buch von Hieronymus Tragus (Bock) aus lleiderbach bei 
Zweibrücken (1498—1554), zuerst Mönch, dann Schullehrer, Arzt 
und üirector des herzoglichen Gartens zu Zvveibrücken, später 
Prediger und Arzt zu Hornbach im Wasgau, sowie das ähnliche 
Werk seines Schülers Jac. Theod. Tabernaemontanus 
(d. h. aus 13erg-Zabern), Arzt in Speyer und Zweibrücken (gest. 
1590). 

Otto Bruiifels, Herharnm vivae eicones etc. Argent. 1530. f. 
mit mehreren Fortsetzungen. — Zusammen: Herhariimi, III tomi. Ar- 
gent. 1537. f. 1539. f. Mit vortrefflichen Holzschnitten. — Deutsch: 
Contrafaijt Kreuterbuch. Strassb. 1532. 1537. f. — Bruufels gehört auch 
zu den frühesten Schriftstellern über die Geschichte der Medicin: Cata- 
lof/us Uhfstrium mcdiroritm, s. de priviis medicinae scriptoribus. Argent. 
1530. 4. (Selten.) 

Leonh. Fuchs, Be hidoria sürphmi commentarn. Basil. 1542. f. 
Paris, 1546. 8. Lugd. 1547. 12. 1551. 8. 1555. 8. -- Deutsch: 
Ne'W Kreuterbuch u. s.w. Bas. 1543. — Primi de sürpiutn Imtoria com- 
inentariorimi tomi vivae imagines. Basil. 1549. 8. 

Hier. Bock, New Kr eiltt erblich von unterscheijdt ivürckung vnd 
namen der kreütter so in Teutschen landen wachsen. Auch der selbigen 
eygentUchem vnd wolgegründtem gebrauch in der Artznei etc. Strassburg, 
1539. f. u. öfter. Lateinisch: Argent. 1552. 4. — Vergl. Fr. Kirsch- 
leger, Hier. Bock, der Reformator der Pflanzenkunde in der ersten Hälfte 
des 16ten Jahrhunderts. (St ob er, Alsatla^ Bd. 8.) 

J. Th. Tabernaemontanus, Kreuterbuch. Frankf. 1588. f. Basel, 
1605. 1666. f 2 Bde. 

Sie alle übertrifft jedoch an Gelehrsamkeit und umfassender 
Kcnntniss aller drei Reiche der Natur der edle Züricher Conrad 
Gcsner, ein hervorragender Repräsentant der Polyhistorie des 
sechszehnten Jahrhunderts, zugleich einer der thätigsten Beför- 
derer der Reformation. Seine Bihliotliem universalis ist noch 
jetzt die Bewunderung der Bibliographen ; unter den Botanikern 
und Zoologen seiner Zeit nimmt er eine der ersten Stellen ein. 
Gesner war einer der ersten von Denen, welche den Natur-Reich- 
thuni und die Majestät der Schweizer Alpen erschlossen; er 
ist der erste Botaniker, welcher den Gedanken aussprach, die 
Pflanzen nach den Befruchtungs-Organen einzutheilen. Seine zoo- 
logischen Werke allein wären hinreichend, ein Menschenlel)eu aus- 
zufüllen. — Eine nicht minder ehrenvolle Stelle behauptet Gesner 
unter den Aerzten seiner Zeit. Hierher gehören seine Versuche 



Botaniker: Brunfels. Fuchs. Tragus. Ge.snur. Maranta. Anguülara. Matthiolus. 11 

mit Helleborus niger, Veratrum album und mit dem Tabak, 
dessen durch Verbrennung auf glühenden Kohlen erzeugte Dämpfe 
er einathmete. Ferner ist Gesner einer der frühesten schweize- 
rischen Baineographen , besonders in Betreff von Bormio und 
Schuls-Tarasp, welche er im Jahre 1561 besuchte. Nicht minder 
gehört er zu den wichtigsten Epidemiographen seiner Zeit, 
namentlich in Betreif der Influenza des Jahres 1562 und der 
auf dieselbe folgenden Pest, durch welche er selbst seinen Tod 
fand. 

Conrad Gesner aus Zürich (26. März 1516—13. Decbr. 1565), 
Sohn eines armen Kürschners, welcher in der Schlacht bei Cappeln an 
Zwingli's Seite fiel , studirte eine Zeit lang in Bonrges , dann in Paris 
Theologie, verheirathete sich 18 Jahre alt mit einem armen Mädchen, und 
lebte mehrere Jahre als Schullehrer zu Zürich, studirte dann in Basel 
Medicin, wurde im Jahre 1537 (21 Jahre alt) Professor der griechischen 
Sprache in Lausanne, verliess diese Stelle aber, um seine medicinischen 
und botanischen Studien in Montpellier zu beendigen und um zu promo- 
viren. Seit dem Jahre 1541 wirkte er wieder als Lehrer der Physik und 
Arzt in Zürich ; mit Ausnahme der drei letzten Jahre , in denen er eine 
Pfründe erhielt, sein ganzes Leben hindurch in Armuth und Krankheit. 

— Conr. (yQ^ner, Bibliotheca universalis. Tig. 1545. f. — Physicae 
meditationes, ed. C. Wolph. Turici, 1586. f. — Historiae animalium 
lihri V. Tigur, 1551 — 1587. f. — Gesner's botanischer Nachlass erschien 
erst zweihundert Jahre nach seinem Tode: Opera botanka ed. Schmiedel. 
Tigur. 1751 — 1771. f. — Tabnlae phitographicae, ed. Ch. S. Schinz. 
Turic.1795. 1804. f. 2 voll. — Seine botanische Gorrespondenz mit Clusius 
(seit 1593 Prof. in Leyden) gab Treviranus heraus: Car. Clusii et Conr. 
Gesneri Epistolae ineditae. Lips. 1831. 8. — Gesner ist auch Urheber 
der Sitte , neue Pflanzen nach hervorragenden Botanikern zu benennen. 
Ferner veröfi^entlichte er eine Menge von Uebersetzungen und Auszügen 
naturhistorischer Werke. — Unter seinen medicinischen Schriften sind zu 
erwähnen: Epistolarum medic'malinm lihri III. ed. C.Wolf. Tig. 1577. 8. 
Ein viertes Buch : 1584. 4. Winterthur, 1823. 8. ed. J. Hanhart. — 
Ueber Gesner's Leben handeln: C. Gesner' s Leben und Schriften. Zittau, 
1711. — Hauptsächlich Schmiedel in der Ausgabe von Gesner's Opera 
hotanica. — Job. Hanhart, Leben Conrad Gesner's. Winterthur, 1824. 8. 

— H. Lebert, Conrad Gesner als Arzt. Zürich, 1854. 8. — ßud. 
Wolf, Biographieen zur Kulturgeschichte der Schiveiz. Zürich, 1858. 8. 
L 15 ff. 

Unter Denen, welche in Italien diesen Vorgängern nach- 
strebten, sind besonders hervorzuheben Bar toll. Maranta aus 
Neapel, Ludov. Anguillara aus Rom, Pierandrea Mattioli 
(Matthiolus) aus Siena (23. März 1500—1577), Arzt in Siena, 
Rom, Valle Anania im Trientinischen, und Görz ; ein begeisterter 
Verehrer des Celsus, und demgemäss durch die Reinheit seiner 



J2 l>io neuere Zeit. Diis sechszehute Jabrhuudert. 

Schreibart hervorragend, Verfasser des berühmten Commentar's 
zum Dioskorides, welchen Mattioli zuerst italienisch, dann latei- 
nisch herausgab, wobei ihm ein gründlicher Kenner des Griechi- 
schen, der Arzt Donzellini, Hülfe leistete. — Ferner gehören hier- 
her der geniale Andrea Cesalpini aus Arezzo (1519 — 1603), 
Prof, der Botanik zu Pisa, dann Leibarzt Clemens' VIII. und Prof. 
an der Sapienza zu Kom, «der grösste Botaniker seines Jahr- 
hunderts» [Meyer], gleich Gesner der Vorgänger Linne's in der 
Benutzung der Gestalt der Blüthen und Früchte für die Classi- 
fication der Pflanzen, zugleich einer der wichtigsten Vorläufer 
Harvey's; — Ulisse Aldrovandi (1522 — 1605), Professorin 
seiner Vaterstadt Bologna, der Hauptbegründer der neueren 
Zoologie, vergleichenden Aoatomie und der Entwickelungsge- 
schichte. 

B. M a r a n t a , Methodi cognoscendorum simplickmi lihri II I. Venet. 
1559. 4. 

L. Anguillara, SempJici. Viuegia, 1561. 8. — P. A. Matthiolus, 
Commentaria in Dioscoridem de re medka. Zuerst italienisch : Venez. 
1544. Lateinisch: Venet. 1548. f. und später in mehr als 60 Ausgaben. 
Zahkeiche Abbildungen von Fflanxen und Thieren zuerst in der Ausgabe : 
Venet. 1548. f. — Deutsch: Kreuierhuch. Frankf. 1590. f. (von Joach. 
Camerarius.) — Eine böhmische Uebersetzung des Kreide rhuclis {Herharz) 
erschien *Prag, 1562. f. 

Andr. Cesalpinus, Z^e_?ia«(f/s //in Xr/. Flor. 1583. 4. Rom. 
1602. f. Francof. 1613. — De metallicis lihri III. Rom. 1596. 4. — 
Die wichtigsten von seinen übrigen Schriften sind : Quaestionum i)eripate- 
ticarum libri V. Venet. 1571. f. 1593. 4. — Daemomwi investigatio 
perijiatetica. Flor. 1580. 4. — Quaestionwn medicarum lihri IL Venet. 
1593. 4. — De medicanientorum facidtatihus lihri IL Venet. 1693. 4. 

^\j^ü. kX^Yov ^.wdiivi^, De quadrupedihus. Bonon. 1616—1637. 

f. — Ornithologiae lihri XIL Bonon. 1599. f. 1634. f. u. öfter. 

— Depiscihus lihri V., de cetis Hb. L Francof. 1634. f. — De anima- 
lihus insectis lihri VIL Bonon. 1602. f. — De reliquis animalihus 
exanguihus otG. Francof. 1632. f. — Ojiera. Bonon. 1638—1664. f. 
13 /oll. — Giov. Fantuzzi, Memorie della vita di Ulisse Aldrovandi. 
Bologna, 1774. 8. — Aldrovandi vermachte der Stadt Bologna seine an- 
sehnliche naturhistorische und archäologische Sammlung; viele seiner 
nachgelassenen handschriftlichen Werke werden noch jetzt aufbewahrt. 

In Holland, Frankreich und England traten als bedeutende 
Botaniker besonders ein ausgezeichneter Arzt, Rembert Do- 
doens (Dodonaeus) aus Mecheln (1517—1585), der Begründer 
des Gartenbaues in den Niederlanden, Matth. Lobelius aus 
Lille (1538—1616), königl. Botanikus zu Hackney bei London, 
Charles de l'Ecluse (Clusius) aus Antwerpen (1525— 1609), 



Botaniker: Cesalpini. Zoologen: Aldrovandi. Botaniker in Holland und Frankreich: 10 
Lobelius. Clusius. Kondulot. Ruellius. Mineralogen : Agricola. Encelius. Kentmanu. 

zuletzt Professor zu Leyden, der einflussreiche Rondelet, Prof. 
und Kanzler zu Montpellier, der Freund und College Rabelais', 
einer der angesehensten Botaniker und Ichthyologen seiner Zeit, 
und Jean Ruelle aus Soissons (1474 — 1537), Arzt in seiner 
Vaterstadt, später Canonicus in Paris, hervor. 

Remb. Dodonaeiis, Stirpimn Jdstoriae pemptades VI. Antv. 1583. 
f. 1616. f. — Vergl. Pli. J. van Meerbeck, liecherches historiques 
et criüqties siir Ja vie et les ouvrages de Bembert Dodoens. Malines, 1842. 
8. (pp. 340) 

M. Lobelius, Nova stirpium adver saria. Antv. 1576. f. u. öfter. 

— Stirpium Mstoria. Antv. 1576. f. 

C. Clusius, Rariormn stirpium Mstoria. Antv. 1601. f. — Vergl. 
oben S. 11. 

J. E. Planchen, Rondelet et ses disciples, ou Ja Botanique ä Mont- 
pelJier au XVI siede. 3Iontp.medicaJ.lS66. 1867. 

Joh. Kuellius, De natura stirpium Jibri III. Par. 1536. f. Ex oif. 
Sim. Colinaei. (Ein Meisterstück der Typographie; seit Dioskorides der 
erste Versuch einer vollständigen Naturgeschichte der Pflanzen. [Meyer.]) 
Später : Basil. 1537. f. 1543. f. 1575. f. Venet. 1538. 8. 

Endlich fällt in diese Periode auch die erste Begründung 
der wissenschaftlichen Mineralogie durch Georg Agricola 
aus Glaucha (1494 — 1555), Christoph Encelius aus Saal- 
feld, Prediger zu Osterhausen, und Joh. Kentmann, Arzt in 
Dresden. 

G. Agricola, Bermannus s. de re metaJlica. Basil. 1530. 8, und 
öfter. — De natura fossilium. Basil. 1546. f. — G. ÄgricoJa's mine- 
raJogische ScJiriften, übersetzt u. s. w. von E. Lehmann. Freiberg, 1806 
— 1810. 8. 4 Thle. — Agricola war Lehrer und Rector in Zwickau, 
studirte dann in Italien Medicin, und lebte hierauf (von 1527 — 1533) als 
Arzt der Silbergruben-Arbeiter zu Joachimsthal in Böhmen, einem damals 
auch durch geistigen Verkehr belebten Orte, zuletzt als Stadtphysikus in 
Chemnitz. Agricola war der Erste, welcher eine mineralogische Sammlung 
anlegte ; ihm folgte Hans Sloane , dessen Kabinet den Ausgangspunkt 
des Bi-itischen Museums gebildet hat. — Vergl. F. L. Becher, Die 
MineraJogen G. AgricoJa zu Chemnitz und A. G. Werner zu FreiJ)erg. 
Freib. 1819. — Chr. Encelius, De re metalJica. Francof. 1551. f. 

— Joh. Kentmann, bei C. Gesner, de omni rerum fossilium genere. 



Aufschwung der Heilkunde. 
Die philologischen Mediciner. 

2S8. Einen nicht minder erfreulichen Anblick gewährt in 
diesem glänzenden Zeiträume des allgemeinen Erwachens und 



^^ Dio neuere Zeit. Das sechszehnto Jahrhundert. 

Aufstrebens die Heilkunde. Auch auf unserm Gebiete wurde 
der Umschwung nicht durch die Arbeit eines Einzigen oder durch 
ein besonderes Ereigniss bewirkt; er ward durch eine Menge 
von Ursachen, durch eine grosse Zahl verdienstvoller Männer 
herbeigeführt. Sogar Das, was nun gestürzt wurde, die scho- 
lastische Dialektik, hatte dazu gedient, unmerklich zu dem Neuen 
hinzuleiten. Sie hatte die Köpfe geübt, in Vorstellungen und 
Begriffen das Gleichartige zu verbinden, das Fremde zu sondern ; 
sie war eine Vorschule der Beobachtung geworden. Nicht zum 
geringsten wirkte eben dazu auch eine neue , in den Schulen 
der Philologen erlernte Wissenschaft, die Kritik. Mit gleicher 
Sorgfalt wie in den Schriften der neubelebten Alten las man 
nunmehr im Buche der Natur. 

Die wichtigsten Hebel des Aufschwunges, welchen die Ge- 
schichte unsrer Wissenschaft im sechszehnten Jahrhundert vor 
Augen stellt, sind die Erneuerung des Studiums der klassi- 
schen Aerzte und die Wiederbelebung der Anatomie; sie be- 
wirken auch auf den praktischen Gebieten den Sieg der freien 
Forschung über die Auctorität. — Bedeutenden Einfluss hatte 
ferner das Auftreten neuer Krankheiten. Schon der schwarze 
Tod (1346 ff.) hatte das Ansehn der Alten mächtig erschüttert; 
noch mehr geschah dies durch die Syphilis, welcher die Gale- 
nische Medicin rathlos gegenüber stand, und welche vom Volke 
durch ein Mittel geheilt wurde, welches bis dahin nur als ein 
«kaltes Gift» gegolten hatte. In geringerem Maasse äusserte 
dieselbe Wirkung das Auftreten des Petechial -Typhus und des 
englischen Schweisses^). 

Eine unmittelbare Folge der seit der Mitte des vierzehnten 
Jahrhunderts alle Kreise des geistigen Lebens durchdringenden 
und läuternden humanistischen Studien war die rastlose Be- 
schäftigung mit den klassischen Aerzten des Alterthums. Wobei 
nicht zu vergessen ist, dass im sechszehnten Jahrhundert die ein- 
zelnen gelehrten Disciplinen noch auf das innigste mit einander 
zusammen hingen, dass die Philologie als die Wurzel und Grund- 
lage von jeder Art der gelehrten Beschäftigung betrachtet wurde, 
dass Alle, welche auf allgemeine wissenschaftliche Bildung An- 
spruch machten, neben den philologischen auch gründliche philo- 
sophische, ja selbst eingehende theologische Studien für uner- 
lässlich hielten. Hieraus erklärt es sich, dass sehr viele Aerzte, 

») Vergl. Bd. III. 



Aufschwung der Hoilkundo. Die philologiscliou Mediciuer. Boroaldus. 1 t^ 

Leoniceuus. Montauus. 

namentlich in protestantischen Ländern, wo die meisten Gelehrten 
aus den niederen Ständen hervorgingen, und, bei im Allgemeinen 
geringem Wohlstande, sehr bald eine Ueberfüllung der gelehrten 
Berufskreise eintrat, längere oder kürzere Zeit auch als Schul- 
lebrer, als Professoren der Philologie, als Geistliche thätig waren. 
Unzähligen Gelehrten dieser Art wurde es zur Aufgabe ihres 
Lebens, den verborgenen Handschriften griechischer und römischer 
Aerzte nachzuspüren, ihre Texte zu verbessern, zu übersetzen, zu 
erläutern, und durch die Presse zum Gemeingute zu machen. 
Allerdings entsprachen die Früchte dieser Thätigkeit nur selten 
den aufgewendeten Bemühungen, und zwar schon deshalb nicht, 
weil die Männer, die solchen Arbeiten sich widmeten, zu sehr 
Gelehrte waren, um die nothwendige ärztliche Erfahrung zu be- 
sitzen, und doch wieder zu sehr Mediciner, um den Anforderungen 
der Philologen zu genügen. Dennoch wäre es ungerecht, die 
hohen Verdienste derselben, sowohl um die Heilkunde, als um 
die Förderung der humanistischen Studien überhaupt, zu ver- 
kennen. 

Unter den frühesten Vertretern der medicinischen Philologie, 
den Italienern, verdient Filippo Beroaldo (1453 — 1505), Pro- 
fessor in seiner Vaterstadt Bologna, in Parma, Mailand, Paris, 
zuletzt wieder in Bologna, berühmt als Gelehrter und Staats- 
mann, hochgeschätzt wegen seiner lebensfrohen Liebenswürdig- 
keit, in Betreff der von ihm veranstalteten Ausgabe des Plinius 
die erste Stelle. 

Beroaldus' Ausgabe des Plinius erschien Farmae, 1476. f. 1480. f. 
— Andere Schriften desselben sind: Dedamatio ehriosi, scortatoris et alea- 
toris ; — de terrae motu et ^iestilenUa. Ueber die letztere vergl. Bd. III. 

Ihm zur Seite steht der ehrwürdige Nicola Leoniceno 
aus Vicenza (1428 — 1524), Professor zu Ferrara, einer der ele- 
gantesten Lateiner seiner Zeit. Seine wichtigsten Arbeiten sind 
eine Uebersetzung der Aphorismen des Hippokrates und seine 
Kritik des Plinius, Ferner gehört Leoniceno zu den frühesten 
und wichtigsten Schriftstellern über die Syphilis. 

Nie. Leonicenus, Plinü ac plurium aliorum auctorwn, cpä de 
shnplicUms medicaminibus scripserunt, errores notati. Ferrarae, 1492. 4. 
VoUständig erst Ferrar. 1509. 4. Basil. 1529. 4. 1530. 4. — Opuscida. 
Venet. 1530. f. Basil. 1532. f. — Vergl. Bd. III. 

Hierher gehören ferner die etwas späteren Arbeiten von zweien 
der berühmtesten Praktiker des sechszehnten Jahrhunderts : dem 
Italiener Giov. Batt. de Monte (Montanus [1498—1552]), 



Iß Dio neuere Zeit. Das sechszehnto Jahrhundert. 

Prof. zu Padua, und dem Spanier Franc. Valles (Valesius) 
aus Covarruvias bei Burgos, Professor zu Alcala, später Leibarzt 
Philipp II. Der Erstere gab die Schriften Galen's mit zahlreichen 
Coramentaren über die alten Aerzte, sowie über Rhazes und 
Avicenna heraus ; Valesius veröffentlichte Erklärungen der ÄpJio- 
risnien, welche noch Boerhaave mit Auszeichnung anführt. 

Das Verzeichniss von den zahlreichen Schriften de Monte's S. bei 
Haller, Bibl med. pract. IL 76 seq. 

Franc. Valesius, Controversiarum philosophicarum et niedicarum 
lihriX. Compluti, 1556. f. Francof. 1582. f. 1590. f. Lugd. 1591. 8. 

Am frühesten fand das von den Italienern gegebene Beispiel 
Nachahmung bei mehreren englischen, noch mehr bei einer be- 
trächtlichen Anzahl deutscher Aerzte. — Die von dem Leibarzte 
Heinrich VIII. von England, Thomas Lina er e aus Canterbury 
(1461 — 1524), einem Schüler des Griechen Chalkondylas und des 
Angelus Politianus, herrührenden Uebersetzungen des Schwurs 
und mehrerer Schriften Galen's sind durch Treue und Reinheit 
der Sprache ausgezeichnet. 

Der Schwur^ griech.-latein. Basil. 1538. 8. — Mehrere Galenische 
Schriften in der von Linacre mit Erasmus, Gull. Copus und mehreren 
Andern besorgten Ausgabe Galen's: Basil. 1529. f. — Linacre veranlasste 
ferner dm'ch Aussetzung von Legaten zu Oxford und Cambridge die Grün- 
dung von Professuren für die Erklärung des Hippokrates und Galen, und 
stiftete das noch jetzt bestehende Collegium der Aerzte von London. — 
Michael Barth, Oratio de Thotna Linacro. Lips. 1560. 8. — Lives 
of British Physicians. Lond. 1830. 8. 

Die Reihe der deutschen medicinischen Philologen eröffnet 
Wilhelm Copus (1471 — 1532) aus Basel, Stadtarzt daselbst, 
seit 1526 Professor in Paris, seit 1530 Leibarzt Franz I., durch 
mehrere vortreffliche Uebersetzungen griechischer Aerzte, z. B. 
der diätetischen Abschnitte des Paulus von Aegina, der Fraesagia 
des Hippokrates und mehrerer Schriften Galen's. — Win t her 
(Günther) von Andernach (1487—1574), Prof. zu Löwen und 
Strassburg, übersetzte die meisten Schriften des Galen, Oribasius, 
Alexander von Tralles, Paulus, und gab zuerst den zweiten Theil 
des Caelius Aurelianus heraus^). 

Winther von Andernach studirte zu Deventer und Marburg, lebte eine 
Zeitlang als Schulmeister in Goslar, dann als Professor der griechischen 
Sprache zu Löwen, wo Vesalius zu seinen Zuhörern gehörte, erwarb dann 
zu Paris die medicinische Doctorwürde, erhielt den Charakter eines «me- 

») S. Bd. I. S. ,S2.S. 



Die philologischen Modicinei'. Valosius. Linacer. Copus. Winther vou 1 7 

Andernach. Fuchs. Lange. Thorer. Zwinger. Cornarus. 

dicus regius», und hielt Vorlesungen über Hippokratische und Galenische 
Schriften. Nach seinem Uebertritt zum Protestantismus (zu welchem Be- 
hufe er eine Zeitlang in Wittenberg verweilte) verliess Winther Paris und 
begab sich nach Metz, dann nach Strassburg, wo er als Arzt und als Pro- 
fessor der griechischen Sprache thätig war. 

Aehnliche Verdienste erwarben sich der berühmte Botaniker 
Leonhard Fuchs^), Job. Lange aus Löwenberg in Schlesien 
(1485 — 1565), Kur-Pfälzischer Leibarzt, einer der angesehensten 
Praktiker des secbszehnten Jahrhunderts, dessen berühmte Briefe 
sehr viel zu dem Verständniss der griechischen Aerzte beitrugen, 
— Alban Thorer (Thorinus) aus Winterthur (1489— 23. Febr. 
1550), Professor in Basel, Herausgeber und Uebersetzer ärztlicher 
Klassiker, sowie Verfasser der deutschen Uebersetzung von der 
Anatomie Vesal's, und Theodor Zwinger aus Bischofzeil im 
Thurgau (1533 — 1588), Sohn eines Kürschners, eine Zeit lang 
Buchdrucker, dann Professor der griechischen Sprache, der Ethik, 
zuletzt der Medicin in Basel, gleich ausgezeichnet als Mensch, 
Arzt und Lehrer. 

Leonh. Fuchs, Errata recentiorum medicorum, LX numero, additis 
eorundem confutationibus. Hagenov. 1530. 4. Basil. 1535. f. — Cotn- 
mentaria in Hippocratis aj)}iorismos. Lugd. 1559. 8. — Institutiones me- 
dicae. Venet. 1556. 8. Lugd. 1558. 8. 1560. 8. Basil. 1566. 8. u. öfter. 

Joh. Lange, Medicinalium epistolarum miscellanea. Basil. 1554. 
1560. 4. Hannov. 1605. 8. 

Theodor. Zwinger, In Galeni de constitutione artis medicae tabulae 
et commentarii. Basil. 1561. f. — In artem medicam Galeni tabulae et 
commentarii. Ibid. 1561. f. — Hippocratis Coi commentarii XXII 
tabiüis illustrati. Basil. 1579. f. 

Zu den Eifrigsten und Verdientesten dieser medicinischen 
Philologen gehört Joh. Hagenbut (Hanbut, Cornarus) aus 
Zwickau (1500 — 18. März 1558). Die von ihm veröffentlichte 
Ausgabe und Uebersetzung des Hippokrates*), die Frucht fünf- 
zehnjähriger Arbeit, ist die erste, welche auf der Vergleichung 
von Handschriften beruht. 

Cornarus bereiste um dieser Studien willen England, Holland und 
Prankreich, lebte hierauf ein Jahr in Basel im Umgänge mit Erasmus und 
andern Gelehrten, in Nordhausen, Frankfurt a. M. , dann als Professor in 
Marburg, in Jena, wo er schon sechs Wochen nach seiner Ankunft starb. 
S. das Verzeichniss der von Cornarus veröffentlichten Schriften bei AI bin, 
Meissnische Land- und Berg-Chronika. Dresden, 1590. f. p. 346. — 
Haller, Bibl. rned. p)r. I. 96. 512. — Die Universitätsbibliothek zu Jena 
besitzt das Handexemplar des Cornarus von der Aldinischen Ausgabe des 



3) S. oben S. 9. ") Venet. 1544. 8. 

Haeser, Gesch. d. Med. II. 



]^g Die neuere Zeit. Das secliszelinte Jahrhundert. 

Galen iu fünf Bünden mit zahlreichen Emendationen und Randbemer- 
kungen. Eine Probe derselben gab Grüner heraus: J. Cornari Con- 
jecturae et emendationes Gahnkae. Jen. 1789. 8. Neuerdings sind die- 
selben auch von Iwan Müller behufs der Herausgabe einiger Galenischer 
Schriften benutzt worden. Andere weniger bedeutende handschriftliche 
Zusätze in dem Jenaer Exemplare rühren von Joach. Camerarius her. — 
Baidinger, Commentatio I—IIL, qua J. Cornarü memoria recolüur. 
Jen. 1769. 4. 

Zu den um die Kenntuiss der klassischen Aerzte verdienten 
Gelehrten gehört auch Caspar Wolff aus Zürich (23. März 1532 
—2. Sept. 1601), Lieblingsschüler und Mitarbeiter Conrad Ges- 
ner's, nach dessen Tode Professor der Physik und der griechi- 
schen Sprache in seiner Vaterstadt; der Herausgeber der Gynaecia. 

Casp. Wolphius, Harmon'ia Gynaeciorum, h. e. de muUerum affectihus 
etmorlis. Basil. 1566. 4. 1568. 4. 1586. 88. 4. Argent. 1597. f. — 
Alphahetum empiricum^ sive Dioscoridis et Stephani Ätheniensis de remediis 
expertis Über. Tiguri, 1581. 8. — Yergl. R. Wolf, BiograpMeen ztir 
KulturgescJuchte der Schweiz. Zürich, 1858, 8. I. 42 ff. 

Erwühnenswerth sind ferner, weniger wegen ihrer medieiuischen 
Leistungen, als wegen ihrer Bedeutung für die Ausbreitung des Huma- 
nismus und ihres Antheils an der Reformation, mehrere deutsche Gelehrte 
aus dem Anfange des sechszehuten Jahrhunderts. Euricius Cor du s aus 
Siemershausen in Hessen (1486 — 24. Dec. 1534), Professor in Marburg, 
zuletzt kurze Zeit Stadtarzt in Bremen, ein Schüler Manardo's und Leoni- 
ceno's in Ferrara, der Vater des berühmten Botanikers Valerius Cordus, 
ist am bekanntesten als lateinischer Dichter und durch seine Schrift 
über den englischen Schweiss ; — ferner sein Freund und Landsmann, 
Helius Eoban Hesse aus Halgehausen in Hessen , einer der bedeu- 
tendsten lateinischen Poeten seiner Zeit, Verfasser einer viel gelesenen 
diätetischen Schrift; — und Joachim Cureus aus Freistadt in Schlesien 
(22. Oct. 1532 — 21. Januar 1573), Arzt in Glogau. 

C. Krause, Euricius Cordus. Eine biographische Skizze aus der Befor- 
mationszeit. Hanau, 1863. 8. (SS. 124.) — Eob. Hesse, Bonae valetu- 
dinis conservandae praecepta. Erford. 1524. 4. — ed. Placotomus: Francof. 
1556. 8. — Interessant sind auch die beigegebenen Epigramme auf den 
«Chorus illustrium medicorum,» deren Gemälde sich in dem Hause von 
Sturz in Erfurt befanden, auf dessen Antrieb Hesse die Schrift verfasste. 

— Vergl. Strieder, Grundlage zu einer Hessischen Gelehrten-Geschichte. 
Gott. 1783. 8. — Mart. Hertz, Helius Eoban Hesse. Ein Lehrer- 
und Dichterleben aus der Beformationszeit. Berlin, 1860. 8. (SS. 38.) 

— G. Schwertzeil, Helius Eobanus Hessus. Ein Lebensbild aus der 
Beformationszeit. Halle, 1874. 8. (SS. 128.) — C. F. Heusinger, 
Commentatio de Joachimo Cureo. Marburg. 1853. 4. (pp. 56.) 

Unter diesen gelehrten Medicinern verdient auch ein in Italien, 
namentlich unter Montanus, gebildeter Engländer John Kaye 
(Cajus) aus Norwich (6. Oct. 1506-29. Juli 1573), Arzt' in 



Die philologischen Mediciner. Wolff. Cajus. Champier. Gorraeus. 19 

seiner Vaterstadt und in Slirewsbury, dann als Lehrer der Ana- 
tomie von Heinrich VIII. nach London berufen, Arzt der Köni- 
ginnen Maria und Elisabeth, seit 1547 Präsident des Colle- 
giunis der Aerzte zu London und Redacteur der Abhandlungen 
desselben, die rühmlichste Erwähnung wegen seiner Ausgabe 
mehrerer Schriften Galen's und seiner Verbesserungen des Textes 
des Celsus, Scribouius Largus u. s. w. 

Yergl. Chonlant, Bücherkunde, 118. — Unter den Schriften über 
den englischen Schweiss ist die von Kaye gleichfalls eine der wichtigsten. 
— Job. Caji Britanni, De medendi methodo lihri II ex — Galeni et — 
Montani sententia. liasil. 1544. 8. — De canibiis Britannicis, de rariorum 
aniniaUiim et sth'piiim histot'ia, de Uhris ■proprüs. Lond. 1570. 8. ibid. 
ed. S. Jebb. 1729. 8. 

Der älteste dieser philologischen Mediciner unter den Fran- 
zosen, Symphorieu Champier (Campegius) [1472—1539], 
aus St. Saphorin im Gebiete von Lyon, nach Andern aus St. 
Symphorien in Savoyen, Kämmerer der Stadt Lyon und Leib- 
arzt des Herzogs von Lothringen, dessen zahlreiche, aber ober- 
flächliche Schriften alle Gebiete des Wissens betreffen, und dessen 
medicinische Arbeiten sich hauptsächlich auf die Vergleichung 
der griechischen und arabischen Medicin beziehen, ist, so sehr 
Allut, sein neuester Biograph, seine Verdienste erhebt, von ge- 
ringer Bedeutung. 

Unter Champier's bei Haller, Bihl. liract. I. 494 und (Bonino) Bio- 
grafia niedica Piemontese. Torino, 1824. 8. 1. 125 seq. verzeichneten 
Öchriften sind hervorzuheben: Ccanjncs EJyshis, totius GalHae amoenitate 
refertus. Lugd. 1533. 8., in welchem er zeigte, dass Frankreich alle 
erforderlichen Heilmittel hervorbringe, und dass es überflüssig sey, sich 
exotischer Arzneien zu bedienen, — und De claris niedicinae seriptoribus. 
s. 1. et a. 8. Lugd. 1506. 8. 1507. 4. 1531. 8. 1534. 8., das älteste 
unter den seit der Erfindung des Bücherdrucks hervorgetretenen derartigen 
Werken. — Allut, Etüde hiographiqne et bibUograpJdque sur Symphorien 
Champier Qic. Lyon, 1859. 8. (pp. XIV. 432.) Hierzu Thierfelder, 
Schmidt's Jahrbb. Bd. 112. S. 143. — H. Tollin, Des Arztes Michael 
Servet Lehrer in Lyon, Dr. Symphorien Champier. Vii'chow's Archiv für 
pathologische Anatomie. Bd. 61. 

Wichtiger ist Jean de Gorris (Gorraeus) aus Bourges 
(1505 — 1577), Professor zu Paris, bekannt durch Bearbeitung 
des Nikander und einiger Hippokratischer Schriften, besonders 
durch seine Definitiones medicae^ eine alphabetisch geordnete 
Erklärung der griechischen mediciniscben Terminologie, die 
Grundlage aller späteren derartigen Arbeiten; noch mehr Henri 
Estienne (Stephanus), Buchdrucker zu Paris, der berühmte 

2* 



20 ßiö neuere Zeit. Das sechszelinte Jahrhundert. 

Herausgeber des Thesaurus linguae graecae, eines medicinischen 
Lexikons, und der Ärtis medicae principes. — Als ein Haupt- 
vertreter der Hippokratischen Studien erwies sieb ferner Jacques 
HouUier (HoHerius) [1498 — 1562] aus Etampes, durcb Aus- 
gabe der (erst naeb seinem Tode erscbienenen) Koischen Vor- 
hersagungen und berübmter Commentare zu den Aphorismen. 

J. Gorraeus, Nicandrl theriaca et alexipharmaca. Par. 1549. 8. 
1557. 4. — Definitioman medkarum lihri XXIV. Paris, 1564. f. 
Francof, 1578. f. 1601. f. Opera. Par. 1622. f. 

J. Hollerius, Hippocratis Coaca praesagia cum interpretatione et 
conimentariis. Lugd. 1576. f. — Commentarii in aphorismos Hippocratis. 
Par. 1579. 8. 1582. 8. — De morhis internis lihri II. Par. 1555. 8. 
1567. 8. Prancof. 1589. 12. 

Alle diese Arbeiten indess werden an TUcbtigkeit und nacb- 
baltigem Einfluss durcb die von Anutius Foes (Foesius) 
[1528 — 1591], einem Scbüler Houllier's, bei weitem übertroffen. 
Foes, welcber als sebr bescbäftigter Arzt in seiner Vaterstadt 
Metz lebte, veröffentlicbte als Frucbt vierzigjäbriger Studien zwei 
grosse den Hippokrates betreffende Werke: die Oeconomia 
Hippocratis, ein alpbabetiscb geordneter Commentar zu sämmt- 
licben Scbriften des Hippokrates, und eine vollständige kritiscbe 
Ausgabe desselben nebst lateiniscber Uebersetzung ; Arbeiten, die 
nocb jetzt einen boben Werth besitzen^). 

Anut. Fo6sius, Oeconomia Hippocratis alphabeti Serie distincfa, 
in qua dictionum apud Hippocratem omnium, praesertim ohscuriorum, 
USUS explicatur etc. Francof. 1588. f. Genev. 1662. f. — Percy, Möge 
historique d'Anuce Foes. Par. 1812. 8. (pp. 50. Extrait du Magasin 
encyclopedique.) 

Ein andrer Scbüler Houllier's, Louis Dur et, aus Bauge la 
Ville, en Bresse (1527—1586), Prof. zu Paris, Arzt Karl IX. 
und Heinrieb HL, ein gründlicber Kenner der alten Sprachen 
und des Arabiscbeu, der bedeutendste Vertreter des Hippokra- 
tismus in Frankreicb, ist am bekanntesten durcb seine Erklärung 
der Koischen Vorhersagungen. 

Hippocratis Coacae praenotiones interp>rete et enarrante L. D u r eto. 
Par. 1588. f. (Der letzte Theil ist von seinem Sohne Johannes.) 1621. 
f. u. öfter, zuletzt Lugd. 1784. f. — Adversaria s. SchoJia in J. Hollerii 
lihruni de morhis internis. Par. 1571. 8. Colon. AUobr. 1623. — In M. 
Hippocratis Uhr. III de diaeta acutorum commentarii, ed. P. Girardet. 
Par. 1631. 8. Lips. 1745. 8. — J. Dureti Opera. Par. 1611. 4. 



") S. Bd. I. S. 114. 



Die philologischen Mediciner. Hollorius. Foesius. Dnretus. Lemosius. 1 

Morcuriale. Wiederherstellung der Anatomie. 

— T. Chomel, Eloge de L. Dur et. Paris, 1765. — (Bonino) Biografia 
niedica Piemontese. II. 211 seq. 

Im Zusammenhange mit den Bemühungen um die Herstellung 
des Textes der klassischen Aerzte stehen die Untersuchungen 
über die Aechtheit der Hippokratischen Schriften. Die früheste 
derartige Arbeit des löten Jahrhunderts rührt von dem Portu- 
giesen Luis de Lemos (Lemosius), Prof. in Salamanca*^), her. 
Gleichzeitig veröffentlichte Geronimo Mercuriale (1530—1606), 
Prof. in Padua, Bologna und Pisa, eine ähnliche Schrift. Be- 
rühmter ist Mercurialis durch die in seinen Variae lectiones 
enthaltenen kritischen Abhandlungen über schwierige Stellen 
griechischer und römischer Schriftsteller. 

Hier. Mercurialis, Censura et dispositio operum Hippocratis. 
Francof. 1585. 8. — Variae lectiones. Venet. 1571. 4. Basil. 1586. 8. 

— De arte gymnastica libri VI. Venet. 1601. 4. Amstel. 1672. 4. — 
De morhis puerorum.N^nQi.lh^?». 4. 1601. 4. Basil. 1584. 8. Francof. 
1584. 8. (Unbedeutend.) — De morbis midiehrihus, in Bauhini Gy- 
naecia. Basil. 1586. 4. — Praelectiones Pisanae in epidemicas H'qjpo- 
cratls historias. Venet. 1597. f. u. öfter. — Considtationes et responsa 
medicinalia. Venet. 1587 — 1604. 8. 4 tomi. 1620. f. — Boerner, 
De vita, moribus, meritis et scriptis Mercurialis. Brunsvic. 1751. 4. 



Wiederherstellung der Anatomie. 
Die Vorläufer Vesal's. 

In Betreff der hiei'her gehörigen italienischen Anatomen vergl. die aus- 
führlichen Darstellungen von G. Cervetto, Di alcuni celebri anatomici 
italiani del XV. secolo. Brescia, 1854. 8. (pp. 155.) [Milano: Pirotta e. C] 
— besonders M. Medici, Compendio storico della sciiola anatomica di Bologna. 
(S. Bd. I. S. XXVII.) — Siebold, Geschichte der Geburtshülfe, Tl. 32 ff. 

239. Der niemals ausgestorbene Eifer der Aerzte für Unter- 
suchung menschlicher Leichen hatte durch Mondino einen neuen 
und kräftigen Antrieb erfahren ^). Nicht wenige Anatomen durften 
sich rühmen, über eine keineswegs geringe Zahl derartiger 
Untersuchungen zu verfügen. Aber der Nutzen dieser Arbeiten 
war sehr gering, da man sich in der Regel mit einer Besichtigung 
der äusseren Körpertheile und einer oberflächlichen Betrachtung 
der in den grossen Cavitäten eingeschlossenen Organe begnügte, 
um die Richtigkeit der von Galen überlieferten Beschreibungen 



«) S. Bd. I. S. 112. 
') S. Bd. I. S. 737 ff. 



22 Die neuere Zeit. Das secliszehnte Jahrhundert. 

ZU bestätigen-). Am sclilimmsten war es, bis weit in das seclis- 
zehnte Jahrhundert hinein, um die Anatomie in Deutschland be- 
stellt. Zum Beweise dienen mehrere Bücher des fünfzehnten 
Jahrhunderts, welche nur durch die beigegebenen, im höchsten 
Grade fehlerhaften und rohen, Abbildungen in Holzschnitt einiges 
Interesse erhalten. Hierher gehören der schon oben erwähnte 
Fascicuhis medlcinae von Ketham^), so wie die mit rohen und 
ganz willkürlichen anatomischen Abbildungen versehenen Schriften 
von dem Aristoteliker Joh. Peyligk aus Zeitz, einem Leipziger 
Juristen, und Magnus Hundt, Prof. zu Leipzig (gest. 1519). 

Johann Peyligk, Philosophiae naturalis compendiiim. Lips. 1499. f. 
(Sehr selten.) Das letzte Kapitel : Compendiosa capitis phjsici dedaratio 
enthält eine kurze Anatomie mit rohen, durchaus naturwidrigen Holz- 
schnitten, und ist besonders gedruckt : Lips. 1510. 1515. 1516. 1518. 
C h u 1 a n t , Graphische Inctinaheln, S. 132. 

Magnus Hundt, ÄntropoJogium de hominis dignitate, natura et 
proprietatibus. Lips. 1501. 4. (Sehr selten.) — Joh. Zach. Platner, 
De Magno Hundt, tahularum anatomicarum, ut videtur, auctore. Opuscc. 
Lips. 1749. 4. IL p. 35. — Choulant, Gesch. der anat ÄbiiJdung. 
S. 23 ff. (mit der Copie einer Darstellung der Organe der Brust- und 
Bauchhöhle). — Bei französischen Schriftstellern figurirt der wackere 
Magnus Hundt gar nicht selten als «Hundt lo Grand!» 

Ungleich höher stehen zwei schön geschnittene mit Erklä- 
rungen versehene, im Jahre 1517 bei Joh. Schott in Mainz er- 
schienene, sehr seltne, «fliegende Blätter». Das erste war ur- 
sprünglich als Beilage zu dem chirurgischen Werke von Hans 
von Gersdorf bestimmt*), und findet sich auch in dem ein Jahr 
später erschienenen Spiegel der Artsny von Laurentius 
Phryes (Phries, Frisen, Frisius, de Fries), einem 
tüchtigen niederländischen, zu Colmar und Metz lebenden Arzte 
(gestorben nach 1532). 

Laurentius Phryesen, Spiegel der Ärtzny, desgleichen vormals 
nie von keinen doctor in tütsch ussgangen. Strassb. 1518. f. 1529. f. 
1532. f. — Choulant, Geschichte der anatomischen Abbildung. S. 22. 
— Ders., Graph. Incunabeln, S. 137 ff. — Davidson, Jahresbericht der 
Schlesischen Gesellschaft für vaterländische Culttir. 1861. Naturwissen- 
schaftl.-med. Abtheil. S. 209 ff. — Banga, Geschiedenis van de Genees- 
kunde en Nederland, [S. Bd. I. S. XXVI.) 1. 19 ff. Das. ein Auszug aus 
dem Spiegel der Artzny. — lieber anatomische Abbildungen in mehreren 
Ausgaben der Margarita philosophica, einer von Gregor Reisch, Beicht- 



2) S. Bd. I. S. 737. _ *) S. Bd. I. S. 815. 

*) S. unten die Geschichte der Chirurgie im 16ten Jahrhundert. 



Wiodüi'horstellung der Aiiatomio. Vorläufer Voseirs. Peyligk. Hundt. Phryes. 23 

Galeotto Marzio. Moutagna. Zerbi. 

vater Kaiser Maximilian I., verfassten Encyklopäclie aller Wissenschaften 
(ed. princ. Heidelb. 1496. 4.) vergl. Choulant, Graphische Incimabdn, 
S. 134 ff. 

Durch vortreffliche Holzschnitte zeichnen sich auch zvi^ei Schriften 

von J oh. Dryander, aus Wetter an der Lahn, aus: Änatomiae 

pars 2)riGr [unica] (Caput.) Marpurgi, 1537. 4. — Dryander (der Erste, 
wie es scheint, welcher zu Marburg anatomische Vorlesungen hielt) gehörte 
später zu den Widersachern Vesal's. Eine andere Schrift desselben oder 

seines Sohnes: Ärtzenei Spiegel tvas hede, einem Leih- unnd Wundt- 

artzt, in der Theorie, Pr actio vnnd Chirurgie zusteht. Frankf. 1557. f. 
soll ebenfalls vortreffliche und interessante Holzschnitte enthalten. 

Ungleicli bedeutender sind die Anfänge der freieren Bewe- 
gung-, welche seit der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts auch 
auf dem Gebiete der Anatomie in Italien hervortreten. 

Zu den ältesten von diesen sehr wenig bekannten anatomi- 
schen Schriften gehört die von Galeotto Marzio aus Narni: 
de homine, in welcher sich eine rohe, mit klassischen Citaten 
reichlich verbrämte Beschreibung der äusseren und inneren 
Körpertheile findet. 

Galeotti Martii Narniensis(?e homine lihri IL S. 1. et a. — 
Gegen diese Schrift, besonders das Philologische in derselben, ist gerichtet : 
Georg. Merula, Amiotationes in Galeotti — lihrum de homine. S. 1. et a. 
(Beide Schriften vor 1476.) — Die Replik Galeotti's: Eefutatio objectorum 
Georg. Meriäae in lihrum — de homine, erschien: Bonon. 1476. 4. (Venet. 
1476. 4.) (Mediol. 1477.?) Die beiden ersten Schriften auch *Basil. 
1516. 4. ^Oppenheim, 1610. 8. (mit Jessenins de generationis et 
vitae humanae p/eriodis.) — Vergl. Brunet, Manuel du lihraire, s.v. 
Galeotti. 

Etwas später veröffentlichte Pietro Montagna, «Wundarzt 
zu Verona» über dessen persönliche Verhältnisse übrigens nichts 
mitgetbeilt wird, verschiedene Werke, namentlich eins über Ana- 
tomie, mit angeblich vortrefflichen Abbildungen^). — Bekannter 
sind zwei etwas spätere Anatomen, Gabriele Zerbi und 
Alessandro Acbillini. Der Erstere beschreibt in seiner 
Anatomie nach einander die Organe des Unterleibes, der Brust- 
und Scbädelhöhle, die Extremitäten, aber er trennt hierbei be- 
reits in einzelnen Kapiteln die Knochen, Muskeln und Gefässe, 
und schliesst mit der Beschreibung des Embryo. Er kennt die 
Thränenpunkte, deren Entdeckung Berengar von Carpi zuge- 



^) Brambilla, Storia delle scopeiie fisiclie — degli Italiani. etc. I. 114. 
(S. Bd. I. S. XXV.) — Die Werke Montagna's scheinen selbst in Italien 
sehr selten zu seyn. 



24: Die neuere Zeit. Das sechszehnte Jahrhundert. 

schrieben zu werden pflegt; von einem mittleren Herz-Ventrikel 
ist bei ihm nicht mehr die Rede. Er gibt gute Beschreibungen 
der Unterleibsorgaue und des Bauchfells; er kennt die kreis- 
förmigen und die queren Muskelfasern des Magens; er weist hin 
auf die Verschiedenheiten dieses Organs bei dem Menschen und 
bei den höheren Thieren, besonders den Wiederkäuern; er kennt 
die Entstehung der Tunica vaginalis communis des Hodens und 
des Samenstranges aus einer Verlängerung des Bauchfells; — 
dem Uterus schreibt er nur eine Höhle zu; die Fallopischen 
Röhren sind ihm wohlbekannt. Ferner finden sich bei Zerbi 
gute Bemerkungen über die Anatomie der Gewebe und den 
Nutzen der Muskelscheiden. Zur Zergliederung empfiehlt er 
jüngere oder apoplektisch verstorbene Personen, zur Conservirung 
der Leichen ätherische Oele. Nicht minder gehört er zu den 
frühesten Vertretern der vergleichenden Anatomie. 

Gabriele Zerbi (auch Zerbo, de Zerbis, eigentbch Gerbi) aus Verona, 
studirte im Jahre 1467 zu Padua, lebte dann bis 1483 in Bologna, hierauf 
über zehn Jahre bis gegen Ende des Jahrhunderts in Rom, wo d!* seine 
Werke herausgab , dann als Professor in Padua. Als Mitglied einer Ge- 
sandtschaft in Constantiuoiiel behandelte er im Jahre 1505 einen vor- 
nehmen Türken. Reich beschenkt reiste er ab ; da aber bald darauf der 
Kranke starb, so wurde er von den Sklaven desselben aus Rache oder Ge- 
winnsucht verfolgt, und an der Küste von Dalmatien grausam, angeblich 
durch Zersägen, ermordet. — Die Schmähungen, mit welchen Zerbi seines 
Charakters wegen von seinen Zeitgenossen, nazuentlich auch von Marc' 
Antonio della Torre (S. unten S. 27) überhäuft wird, sind wahrscheinlich 
ungerecht. — Zerbi verfasste: Quaestiones metaphysicae (ein Commentar 
zu der Metaphysik des Aristoteles). Bonon. 1482. f. min. — Gerento- 
coniia [sie]. Rom. 1489. 4. (Ein auf Pergament gedrucktes Exemplar 
zu Dresden.) — Liber anathomie corporis humani et sinyulorum memhro- 
rum Ulms. *Venet. 1502. f. 1533. f. — I>axaus : Anatomia mofricis 
et de anatomia et generatione emhryonis (nebst C o p h o 's Anatome porci). 
Edid. Dryander. Marb. 1537. 4. — Caiäelae medicorum, eine Art saty- 
rischer medicinischer Politik; angeblich Nachahmung der Salernitanischen 
Schrift de adventu medici (S. Bd. I. S. 665). Erschien zusammen mit 
PantaleonisdeConfluentia, Summa Jacticiniorum completa [Tract, 
de hufyro etc.']. Zuerst : Taurini, 1477. f. imd PiluIIarimn \sic']. (Zuerst 
Pav. 1508. f.) Beide Werke: Lugd. 1528.. 8. Ein Auszug bei Rigels, 
De fatis chirurgiae. Hafn. 1787. 8. p. 534. 

Hierher gehört ferner Alessandro Achillini (29. Oct. 1463 
— 2. Aug. 1512), aus einer angesehenen Familie zu Bologna, einer 
der gelehrtesten Averroisten seiner Zeit, berühmt wegen seines 
Scharfsinns, Professor der Philosophie, später der Medicin, in 
seiner Vaterstadt. Achillini, welcher wie Mondino bei seinen 



Wiederherstellung der Auatomio. Vorläufer Vesal's. Zerbi. 25 

Achillini. Berengar vou Carpi. 

anatomischen Beschreibungen, zugleich auch die Beziehungen zur 
praktischen Medicin ins Auge fasst, kennt unter Anderm die 
Blinddarm-Klappe, die Einmündung des Ductus choledochus in 
das Duodenum, und gilt für den ersten Beschreiber des Hammers 
und des Amboses. 

Aless. Achim 11 i, Annotaüones anatomicae in Mund'mum. Bonon. 
1522. f. — Irriger Weise hat man aus diesem Werke zwei, ja drei ver- 
schiedene Schriften gemacht. — Opera [phllosojMca]. Venet. 1545. f. 
1568. f. 

Der eigentliche Führer von der glänzenden Reihe der italie- 
nischen Anatomen des sechszehnten Jahrhunderts ist Jacopo 
Berengario Carpi, Professor zu Bologna. Seine Hauptarbeit, 
der mit ziemlich naturgetreuen Abbildungen ausgestattete Com- 
mentar zu Mondino, in welchem er viele Fehler des Letzteren, 
freilich sehr schüchtern und ohne ausreichende eigne Unter- 
suchungen, verbesserte, ist das erste für das Bedürfuiss der 
Künstler berechnete anatomische Werk. Berengar's Angaben über 
die Knochen, noch mehr die über das Nervensystem, sind mangel- 
haft. Indess gilt er als Entdecker der Keilbeinhöhle und des 
Wurmfortsatzes. Das Mesenterium beschreibt er sehr gut. Ferner 
hebt er den grösseren Umfang des Thorax beim Manne, den 
des Beckens beim Weibe hervor, und betrachtet gegen Galen 
sämmtliche Intercostal-Muskeln als Rippenheber. 

Jacopo Berengario Carpi (nach Einigen eigentlich Barigazzi) 
aus Carpi bei Mailand (geb. kurz vor 1470, gest. 24. Nov. 1530), Sohn 
des angesehenen Wundarztes Faustino Car^ii, wurde als Knabe mit den 
Söhnen der verwittweten Fürstin Caterina von Carpi und Novi , Alberto 
und Leonello, von Aldus Manutius unterrichtet, studirte in Bologna, lebte 
dann von 1489 — 1500 als Arzt in seiner Heimath, floh hierauf aus poli- 
tischen Ursachen nach Bologna, wo er von 1502—1527 die Professur der 
Chirurgie bekleidete. In den letzten Jahren seines Lebens zog er sich, 
wahrscheinlich um den Anfeindungen der Geistlichkeit zu entgehen, welche 
er sich durch seine sehr freien Grundsätze zugezogen hatte, nach Carpi, 
bald darauf nach Ferrara zurück, wo er schon zwei Jahre später starb. 
Sein bedeutendes Vermögen, die Frucht hauptsächlich einer sehr ausge- 
dehnten syphilidologischen Praxis , vermachte er seinem Gönner Estense 
Corte. — Berengar's Charakter wird von mehreren seiner Zeitgenossen 
heftig getadelt. Man trug sich sogar mit der Fabel, dass er aus National- 
hass zwei Spanier lebendig zergliedert habe u. s. w. ; Vorwürfe , deren 
Grundlosigkeit von Medici u. A. nachgewiesen worden ist. — Berengar's 
Behauptung, er habe «quam plurima centena cadaverum» secirt, ist gewiss 
nur zu einem kleinen Theile auf menschliche Leichen zu beziehen. 

Berengarius Carpensis, Commentaria cum ampUssimis addi- 
tionibiis super anathomiam Mund'mi, uiia cum textu ejus in pristinum et 



26 Die neuere Zeit. Das sechszolinte Jalirliiuiiiort. 

verum nitorem reilacto. Bouon. 1521. 4. 1552. 4. Englisch: London, 
1664. 12. Die beiden letzteren Ausgaben sind nach Choulant zweifelhaft. 
— Anatomia Carpi. Isayoge breves [sie] Perlucide ac iiherime, in Anato- 
miam humani corporis, a, communi Medicorum Academia, ttsitatam etc. 
Bonon. 1514. *1522. 4. [Univ.-Bibl. Breslau.] 1523. 4. Argent. 1530. 
8. *Venet. 1535. 4. — Die Ausgaben von 1522 und 1535 (wahrschein- 
lich auch die übrigen) enthalten rohe, die Bauchmuskeln, die weiblichen 
Genitalien, die Aderlass -Venen des Armes und Beines, mehrere Skelete, 
die Knochen der Hand und des Fusses darstellende Holzschnitte. Die Aus- 
gabe von 1522 ist um zwei Abbildungen weiblicher Figuren mit blosge- 
legten Genitalien reicher. Auf dem Titel der Edition von 1535 findet sich 
ausserdem eine bei Choulant, Geschichte der anatom. Abbildung, S. 31 
copirte Darstellung einer eben beginnenden Zergliederung. [«Primus 
procul dubio artis anatomicae instaurator. » F a 1 o p p i u s , Observat. anat. 
Venet. 1606. I. 48.] 

Zu den italienischen Anatomen der vor-Vesal'schen Periode 
gehören ferner Nicola Massa (gest. 1569), Arzt zu Venedig, 
besonders Giambattista Cannani aus Ferrara (geb. 1515), 
Leibarzt des Papstes Julius III., nach dessen Tode Protomedicus 
zu Ferrara, wegen seines nur zum Thcil gedruckten, mit werth- 
voUen Abbildungen versebenen, Werkes über die Muskeln. 

Nie. Massa, Liber iniroductorius anatomiae s. dissectionis corp>oris 
humani. Venet. 1536. 4. 1559. 4. — Joh. Bapt. Cannani, Muscu- 
lorum humani corporis picturata dissectio in Bartholomaei Nigrisolii 
Ferrariensis Patritii gratiam nunc pri7mim in lucem edita. S. 1. [Ferrara] 
et a. [Wahrscheinlich um 1543.] 4. 20 Blätter mit 27 Abbildungen, ge- 
zeichnet von Girol. Carpi, in Kixpfer gestochen von Aug. de Musi. Unvoll- 
endet. Angeblich nur noch in vier Exemplaren vorhanden. Haller besass 
zwei, von denen eins später in den Besitz des Lord Bute kam, ein andres 
findet sich in der Dresdener Bibliothek. 

Die bedeutendste Stelle unter den italienischen Anatomen 
des fünfzehnten Jahrhunderts nimmt Alessandro Benedetti, 
Professor zu Padua, ein, zugleich einer der hervorragendsten 
Beobachter seiner Zeit auf dem Gebiete der Chirurgie und prak- 
tischen Medicin. Auf seine Veranlassung wurde in Padua um 
1490 ein Baracken-artiges, jedes Jahr neu gebautes, anatomisches 
Theater errichtet. Seine, allerdings noch fast ganz Galeniscbe, 
Anatomie ist jedenfalls das bedeutendste Werk der vor-Vesal'- 
schen Periode. Ferner ist zu erwähnen, dass Benedetti bereits 
Untersuchungen über die Befruchtung bei Tbieren anstellte. 

Alessandro Benedetti aus Legnano (geb. um 1460, gest. 1525 
zu Venedig) lebte, nachdem er zu Padua seine Studien beendigt, längere 
Zeit als Arzt auf Candia, namenthch zu Cydonia, welches damals den Vene- 
tianern gehörte, und zu Modon in Morea. Um das Jahr 1490 wiu'de er 



Wiederherstellung der Anatomie. Vorliiufer Vesars. Massa. Caniuini. ßouodotti. 27 
Aiuitoiiiisclie Studien der Künstler. 

zum Professor der Anatomie in Paclna ernannt; im Jahre 1495, während 
des italienischen Feldzugs Karl VIII. von Frankreich, diente er als Ober- 
arzt in der italienischen Armee, und war als solcher bei der Belagerung 
von Novara zugegen. Auf diese Periode beziehen sich seine Diaria de hello 
Carolino (Venet. 1504; in G. H. Eccard, Corpus historicum medii aevi. 
Lips. 1723. f. und mehrere Uebersetzungen) und seine Beobachtungen 
über die Syphilis, welche zu den frühesten und besten gehören. Im Jahre 
1497 erhielt Benedetti die Professur der praktischen Medicin zu Padua ; 
über seine ferneren Lebensschicksale ist nichts Sicheres bekannt. 

Alex. Benedictus, Anatomia s. de hisforia corporis humani lihri V. 
s. 1. et a. 4. Venet. 1502. 4. Paris, 1514. 4. u. öfter. Dem Kaiser 
Maximilian gewidmet, welcher selbst Benedetti's Vorlesungen besucht hatte. 
— Von den übrigen Schriften sind hervorzuheben: Collectiones medicinae. 
S. 1. et a. 4. — Singidis corporum moi'his a capite ad pedes (jeneratim 
memhratimque remedia, causas eorumque signa XXXI libris complexa, 
praeterea historiae corporis humani libros quinque, de pestilentia lihrwn 
unum et collectionum medicinaliumlihellum. Basil. 1508. f. Venet. 1533. f. 
1535. f. Basil. 1539. 4. 1549. f. 1572. f. — Opera. Venet. 1533. 
u. öfter. — Siebold, GescJiichte der Geburtshülfe, I. 355. 358. 

Sehr wesentlichen Einfluss auf den Aufschwung der Anatomie 
übten in Italien die Künstler. Anatomische Studien galten den 
unerreichten Meistern jener Periode als eine unerlässliche Grund- 
lage ihrer Ausbildung; noch vorhandene Zeichnungen Raphael's 
beweisen, dass selbst der idealste aller Maler menschliche Ske- 
lete benutzte, um seine Gruppen zu ordnen. Nicht minder sind 
anatomische Zeichnungen von Michel Angelo auf uns ge- 
kommen; nach dem Tode Lorenzo's des Herrlichen beschäftigte 
er sich in den Kellern des Klosters San vSpirito zu Florenz 
unter der Leitung des Anatomen Colorabo mit der Myologie der 
Menschen und der Thiere. Ging doch sogar die Sage, der 
grosse Meister habe, wie Parrhasius, als er den vom Geyer zer- 
fleischten Prometheus malte, einen lebenden Verbrecher als 
Modell des Gekreuzigten benutzt. 

Vergl. die Copie eines von Michel Angelo herrührenden Muskelkörpers 
bei Choulant, Gesch. der anat. Abbild. S. 11 ; — über die von Lionardo 
herrührende naturgetreue Zeichnung eines Beckens C. Langer, Wiener 
akadem. Bericht. 1867. Abth. I. — Auch von dem Maler ßosso Rossi sind 
noch anatomische Zeichnungen vorhanden. 

Den grössten Eifer legte in dieser Hinsicht Lionardo da 
Vinci aus Vinci bei Florenz (1452 — 2. Mai 1519) an den 
Tag. Seinem Freunde Marc' Antonio della Torre lieferte 
er die Zeichnungen zu einem von diesem beabsichtigten, aber 
nicht erschienenen anatomischen Werke. Lionardo selbst ent- 
warf nach eigenen Präparaten eine dreizehn Bände umfassende 



28 Die neuere Zeit. Das sochszehnto Jahrhundert. 

Sammlung von anatomischen Zeichnungen, welche wahrschein- 
lich für sein grosses Werk über die Malerei bestimmt waren. 
Ein Theil derselben ist kürzlich veröffentlicht worden ; er be- 
stätigt das Urtheil von Will. Hunter, dass Lionardo da Vinci 
zu den ersten Anatomen seiner Zeit gehörte. 

Die Zeichnungen wurden durch Dalton, Bibliothekar Greorg III., in 
dessen Sammlung entdeckt. Auf ihren Werth machten zuerst W. Hunter 
{Tico introducfori/ Jectures. Lond. 1784. 4. p. 39) und Blumenbach 
[Med. Bibl. 111. 141 u. 728) aufmerksam. Sie befinden sich gegenwärtig zu 
Windsor Castle im Besitz der Königin von England, und bestehen aus 200 
mit der Feder gezeichneten Blättern, denen in verkehrter (deshalb im 
Spiegel zu lesender) Schrift italienische Erklärungen beigegeben sind. Sie 
sind kürzlich von Panizzi, Ober-Bibliothekar des Britischen Museums, und 
Sharpey, Prof. am University College, in gelungener Weise photographisch 
veröffentlicht worden. [Mehrere Tafeln haben dem Herausgeber der gegen- 
wärtigen Schrift vorgelegen.] Einige dieser Abbildungen sollen den Be- 
weis liefern, dass Lionardo den grossen Kreislauf gekannt habe. (?) — 
Einzelne Blätter wurden schon früher durch den Stich bekannt , z. B. von 
Chamberlaine, Lond. 1812. f.; ein Blatt (Mann und Frau in der 
Copula darstellend, beide Körper in der Mittellinie durchschnitten) auch: 
Lunaeburgi, 1830. 4. — Ueber Federzeichnungen Lionardo's (einen künst- 
lichen Arm betreffend) in einer Handschrift der Ambrosiana zu Mailand 
vergl. Burggraeve, Etiides sur Vesale [S. unten S. 30] p. 14. — K. 
F. H. Marx, Ueber Marc' Antonio della Torre und Lionardo da Vinci, 
die Begründer der bildlichen Anatomie. Abhandlungen der Göttinger 
Societät der Wissenschaften. Bd. IV. 1 7 7 ff. Besonders abgedruckt : Gott. 
1849. 4. (SS. 20.) — Hauptsächlich Choulant, Geschichte der anat. 
Abbildung. S. 5 ff. Mit Proben der Zeichnungen Lionardo's. — Ders., 
Gra2)h. Incunabeln, S. 153 ff. — A. Houssaye, L'histoire de Leonard 
de Vinci. Paris [Didier] 1869. 8. — In Betreff der Verdienste Lionardo's 
lim die Physik vergl. Libri, Histoire des sciences mathematiques en 
Italic etc. Paris. 1838-41. 8. IIL 1 — 50. — H. Grothe, Leonardo 
da Vinci als Ingenieur und Philosoph. Ein Beitrag zur Geschichte der 
Technik und der inductiven Wissenschaften. Berlin [Nicolai], 1874. 4. 
(SS. 94.) 

Marc Antonio della Torre (Turrius) [1473—1506] aus 
Verona, wo sein Vater, Girolamo, Professor der Medicin war, erhielt sehr 
früh die Professur der Anatomie in Padua, bald darauf die in Pavia, und 
stand zugleich als Mathematiker und Arzt in hohem Ansehn. Er starb, 
33 Jahre alt, zu Eiva am Gardasee am Petechialtyphus, den er sich bei 
einer Consultation zugezogen hatte. Cervetto, 1. c. mit Torre's Bildniss. 

Weit geringere Pflege fand die Anatomie in Frankreich. 
Zwar wurde im Jahre 1542, bald nach der Umgestaltung der 
Universität Paris durch Duchatel (unter Franz L im Jahre 1530) 
der Florentiner Guido Guidi (Vidus Vidius) [gest. 1569], 
als Lehrer der Anatomie berufen; aber er kehrte schon nach 



Wiederhorstellung der Anatomie. Vorläufer Vesars. Die Künstielf. Ort 

Frankreich. Vidus Vidius. Sylvius. Stephauus. Winther von Andernach. 

sechs Jahren wieder nach Italien zurück, um eine Professur in 
Pisa zu übernehmen. Sein anatomisches Werk erschien aber 
erst im Jahre 1611, und enthält deshalb auch die Ergebnisse 
der späteren Zeit. 

Vidus Vidius, De anatomia corporis huniani libri VII, tabulis 
LXXVII in aere incisis strata. Im dritten Theile der Ars medicinalis. 
Venet. 1611. f. Für sich allein: Francof. 1626. f. 

Sein Nachfolger, Fr an 9. Jacques Dubois [eigentlich 
Delboe] (Sylvius), aus einer armen Familie zu Louzille bei 
Amiens, Professor zu Paris, berühmt durch seineu glänzenden 
Vortrag, erwarb sich unbestreitbare Verdienste um die anatomi- 
sche Nomenclatur und durch Ausbildung zahlreicher Schüler, zu 
denen, ausser Vesalius und Serveto, besonders Charles Estienne 
(Stephanus) aus Paris (gest. 1564) gehört. Der Letztere (Bruder 
der berühmten gelehrten Buchdrucker Robert und Frangois E.) 
gab in den Jahren 1529 — 1545 ein mit Abbildungen von be- 
deutendem künstlerischen, aber geringem anatomischen Interesse 
versehenes Werk heraus. 

Jacob. Sylvius, Isagoge in lihros Hi^ypocratis et Galeni anatomiros. 
Par. 1555. 8. (nach dem Tode des Verfassers) und öfter. — Commentarii 
in Galemim de ossibus. Par. 1561. — Opera omnia, ed. Renat. Moreau. 
Genev. 1630. f. 1635. f. 

Car. Stephanus, De dissectione partium corporis humani libri tres. 
Paris, 1545. f. Französisch (mit denselben Platten): Par. 1546. f. — 
C ho u laut, Geschichte der anat. Abbild. 36. — Davidson, a. a. 0. 

Eine Erwähnung verdient auch Winther von Andernach 
wegen seines sehr verbreiteten, von seinem Schüler Vesalius 
herausgegebenen anatomischen Compendiums, in welchem freilich 
von eigenen Untersuchungen nicht die Rede ist"). 

Guintherus Andernacensis, Anatomicarum institutionum libri IV. 
Paris, 1533. 8. Basil. 1536. 8. und in vielen andern Ausgaben. Die 
von Vesalius besorgte erschien Venet. 1556. 16. — Vergl. nuten S. 32. 

Aber alle diese Leistungen treten weit zurück vor den Ver- 
diensten einer zweiten Reihe von Anatomen, als deren Führer 
ein Mann von deutschem Stamme zu betrachten ist: der grosse 
Andreas Vesalius. 

«) S. oben S. 16. 



30 Bie neuere Zeit. I)as secliszeliute Jahrbundort. 



Andreas Vesalius. 
Lebensgeschichte. 

Die Hauptquelle für die Lebensgeschichte Vesal's sind die Schriften 
desselben, namentlich die Vorrede des grossen anatomischen Werkes, und 
die Schrift de racUce Ghi/nae. — Die besten von den hierher gehörigen 
Darstellungen sind die Vita Vesalü in der Ausgabe seiner Opera von Albi- 
nus, und die von Burggraeve, Müdes sur Andre Vesale. Gand [Annoot- 
Braeckman], 1841. 8. (p. XXXIII. 438.) Mit Vesal's Bilduiss und Facsimile. 

240. Andreas Vesalius wurde am 31. December 1514 
zu Brüssel geboren. Die Familie stammte aus Wesel am Rhein, 
und hatte deshalb schon seit langer Zeit ihren ursprünglichen 
Namen: Wytinck oder Wytings, in «Wessele, Vesale, de Wes- 
salia» abgeändert. 

Das älteste bekannte Mitglied der Familie , Peter, wird bereits als 
a.usgezeichneter Arzt genannt. Der Sohn desselben (Vesal's ürgrossvater) 
Johannes deWessalia, ein leidenschaftlicher Sammler von Hand- 
schriften, war Leibarzt Kaiser Maximilian's, und gehörte später, im Jahre 
1429, zu den Lehrern der Medicin an der drei Jahre früher gegründeten 
Universität Löwen. In der Folge wurde er daselbst ordentlicher Professor, 
bekleidete das Rectorat, und starb im Jahre 1472. Sein Sohn Eberhard, 
Vesal's Grossvater, Mathematiker und Arzt , wird als Verfasser von Com- 
mentaren über den Rhazes und über die ersten vier Bücher der Hippokra- 
tischen Aphorismen genannt. Vesal's Vater, gleich diesem Andreas 
geheissen, war Apotheker der Statthalterin der Niederlande, Prinzessin Mar- 
garetha, der Tante Karl's V, Der Bruder des grossen Vesalius, Franz, 
Anfangs zum Juristen bestimmt, ergriff gleichfalls das Studium der Ana- 
tomie, starb aber sehr früh. 

Andreas Vesalius erhielt seine erste wissenschaftliche Bildung 
zu Löwen, und erwarb sich schon früh gründliche Kenntnisse 
in der griechischen, lateinischen und arabischen Sprache, sowie 
in der Mathematik. Zugleich erwachte schon in seinem Knaben- 
alter die Vorliebe für anatomische Untersuchungen von Thieren. 
Aus dieser frühen Zeit rührt auch Vesal's Freundschaft mit dem 
Friesen Reinerus Gemma, später einer der berühmtesten Mathe- 
matiker seiner Zeit, her. — Ungefähr in seinem achtzehnten 
Jahre (um 1532) begab sich Vesalius nach Montpellier, bald 
darauf nach Paris, wo Guido Guidi, später Jacques Dubois sowie 
Winther von Andernach, welcher schon in Löwen sein Lehrer ge- 
wesen war, ihn unterrichteten^). Wie dürftig diese Unterweisung 

1) S. oben S. 29. 



Wiodorherstelhing der Anatomie. Andreas Vosalius. Leliensgescliiclito. 31 

war, schildert Vesalius selbst. Die Anatomie wurde fast nur an 
Thieren gelehrt; die hin und wieder vorkommenden Zergliede- 
rungen menschlicher Leichen wurden in drei Lectionen absolvirt ; 
sie beschränkten sich fast nur auf die Demonstration der grossen 
Körperhöhlen, und waren so oberflächlich, dass, wie Vesalius 
sagt, die Unterweisung eines Metzgers denselben hätte vorge- 
zogen werden müssen. 

Sylvius legte seineu Vorlesungen die Schrift Galen's vom Nutzen der 
Theile zu Grunde. War er bis zur Mitte des ersten Buches, welches von 
der Anatomie handelt, vorgeschritten, so erklärte er, das sey für Studenten 
zu schwierig, und er habe nicht Lust, diese und sich selbst zu quälen ; 
worauf er dann sofort das vierte Buch in Angrifi nahm. — «Sane Sylvius, 
mihi dum vivam observandus, nobis libros de partium usu suo more legere 
incoepit. At quum ad primi libri medium, atque adeo ad anatomica ve- 
nisset, illa difficiliora esse proposuit, quam quae nos medicinae candidati 
possijnus assequi , atque ideo fore dixit , ut se pariter et nos frustra cru- 
ciaret.» — Und von den Sectionen menschlicher Leichen heisst es : «Ita 
quoque spectatoribus in illo tumultu pauciora praeponuntur, quam lanius 
in macello medicum docere posset. — Verum id studium nunquam succes- 
sisset, si, cum Parisiis medicinae operam darem, huic negotio non manus 
admovissem ipse , ac obiter mihi et consodalibus ab imperitissimis tonso- 
ribus in una atque altera publica sectione visceribus aliquot superficien- 
tenus ostensis acquievissem. — Praeter octo abdominis musculos, tur- 
piter perversoque ordine laceratos, nunquam ullum musculum, ut neque 
etiam os aliquod, multoque minus nervorum, venarum, arteriarum exactam 
seriem quisquam mihi primum commonstravit.» De corp. hum, fahrica, 
Epist. dedic. — Winther von Andernach, welcher Vesal's Vorzüge früh 
erkannte, hatte zwar ein Lehrbuch der Anatomie herausgegeben (S. unten 
S. 32), sich aber nur theoretisch mit der Anatomie befasst. Scherzhaft 
sagt Vesalius von ihm, er habe nie ein Messer zu etwas Anderm gebraucht, 
als um seinen Braten zu zerschneiden. 

Aber selbst diesen dürftigen Unterricht benutzte Vesalius 
mit jugendlicher Begeisterung. Häufig sah mau ihn mit den 
Knochen gehenkter Missethäter beschäftigt, die er auf den Kirch- 
höfen den Hunden entrissen hatte, oder im Auftrage des Sylvius 
die Vorträge desselben mit den Studirenden wiederholen. 

Die Vorzeichen des zwischen Kaiser Karl V. und König 
Franz I. ausbrechenden Krieges trieben Vesalius und seinen 
Freund Gemma nach Löwen zurück, wo er anatomische Vor- 
lesungen hielt, die bis dahin nur dem Namen nach bestanden 
hatten. Hier glückte es ihm, sich nächtlicher Weile von einem 
Galgen ein Skelet, und damit ein für ihn unschätzbares Kleinod 
zu verschaffen. Bald darauf (in seinem zwanzigsten Lebensjahre) 
trat Vesalius als Wundarzt in den Dienst des kaiserlichen Heeres, 



32 ßiö neuere Zeit. Das secliszehnte Jahrliundeit. 

hauptsächlich in der Hoffnung, sich Leichen verschaffen zu können. 
Zum erstenmale bot sich ihm eine solche Gelegenheit um das 
Jahr 1535, nachdem er bis dahin nur zweimal der Zergliederung 
eines menschlichen Körpers beigewohnt hatte. — Von Frankreich 
zog Vesalius mit dem Heere nach Italien, und aus dieser Periode 
stammen die zahlreichen Leichenuntersuchungen, welche zuerst 
den Plan zu einer vollständigen Umgestaltung der Anatomie in 
ihm erweckten. In diese Zeit, bald nach seiner Promotion zu 
Basel im Jahre 3537, fällt die Veröffentlichung seiner ersten 
anatomischen Arbeit, der sechs Tafeln (1538), die Herausgabe 
der anatomischen Institutionen seines Lehrers Winther von Ander- 
nach (1538) und des Briefes über die Wahl der Aderlass-Vene 
bei der Pleuritis (1539)^). — Vesal's Ruf als Anatom war schon 
damals so gross, dass der Senat von Venedig im Jahre 1539 
ihm, dem kaum dreiundzwanzigj ährigen Jünglinge, die Professur 
der Anatomie und Chirurgie an der Universität Padua übertrug, 
welche gerade damals in ihrer höchsten Blüthe stand. Vor mehr 
als fünfhundert Zuhörern trug Vesalius hier noch dreimal die Ana- 
tomie nach Galen vor, aber immer mehr befestigte sich in ihm 
die Ueberzeugung von der Nothwendigkeit, das alte Truggebäude 
zu stürzen, und an die Stelle der Anatomie des Affen die des 
Menschen zu setzen. 

Vesalius selbst erzählt {Epist. ad Joachim. Roelants. Basil.l546.p.l99), 
er habe oft die Richter damit belästigt, bei den Verbrechern diese oder 
jene Todesart zu wählen oder die Ausführung des Urtheils auf eine seinen 
Zwecken entsprechende Zeit zu verschieben. «Saepius judicibus molestus, 
ut hoc vel illo supplicio homines necari curent, sive in hoc vel illud tempus 
suis sectionibus opportunum vivos servent.» 

So lehrte Vesalius sieben Jahre lang (1539 — 1546) in sieben- 
wöchentlichen Cursen, zu Padua, abwechselndy namentlich in 
den ersten Jahren, auch zu Bologna und zu Pisa, wo Cosmus von 
Medicis ihm ein Gehalt von 800 Kronen und jede Begünstigung 
seiner Arbeiten gewährte, die Anatomie. In dieser Zeit, der ruhm- 
vollsten und glücklichsten seines Lebens, entstand das unsterb- 
liche Werk vom Bau des menschlichen Körpers. Allerdings 
wurde der Aufenthalt in Italien durch wiederholte, wahrschein- 
lich in den Sommer fallende. Reisen nach Deutschland und den 
Niederlanden unterbrochen. Im Jahre 1542, während des Drucks 
der ersten Auflage, verweilte Vesalius eine Zeit laug in Basel, 



'') S. unten S. 36. 



Wiederherstellung der Anatomie. Andreas Vesalius. Letensgeschichte. 33 

WO er sich immatrikuliren Hess, einige Vorlesungen hielt, und 
die erste dort vorgekommene Seetion einer menschlichen Leiche 
vornahm. Im Jahre 1543 folgte er einem ehrenvollen Rufe des 
Kaisers zur Armee nach Geldern. Bei dieser Gelegenheit ver- 
weilte er längere Zeit in Nymwegen als Arzt des schwer er- 
krankten Venetianischen Gesandten Naugerius. Bald darauf be- 
handelte er den Kaiser zu Regensburg an der Gicht, und schrieb 
bei diesem Anlasse den Brief von der Ghina-Wursel. 

Es war vorauszusehen, dass das grosse Werk Vesal's den 
heftigsten Angriffen ausgesetzt seyn würde. Mehrere seiner 
Freunde riethen ihm, auf die Veröffentlichung desselben zu ver- 
zichten; der Rath Anderer, namentlich seines Collegen Marc' 
Antonio Genua zu Padua und Wolfgang Herwort's, eines Augs- 
burgischen Patriciers, vor Allem die Macht der Wahrheit, trugen 
den Sieg davon. 

Im Jahre 1546 übergab Vesalius das von ihm zu Padua 
verwaltete Lehramt an seinen Schüler Colombo^). Er verweilte 
zunächst längere Zeit in Basel, um den Druck der zweiten 
(erst 1555 erscheinenden) Ausgabe seines Werkes vorzubereiten. 
Auch diesmal hielt er einige Vorlesungen, und schenkte der 
Universität ein (noch jetzt vorhandenes) männliches Skelet. 
Es bildete, nebst einem später von Felix Platter angefertigten 
weiblichen Skelet, bis in das neunzehnte Jahrhundert hinein die 
ganze anatomische Sammlung der Fakultät. — Von Basel begab 
sich Vesalius nach Brüssel, wo er sich mit Anna van Hamme, der 
Tochter eines angesehenen Beamten, vermählte. Im Uebrigen 
ist aus dieser Zeit über die Ereignisse im Leben desselben fast 
nichts bekannt. 

Die durch das Erscheinen des grossen anatomischen Werkes 
hervorgerufene, keineswegs nur auf die Kreise der Aerzte be- 
schränkte, Bewegung kann nur mit derjenigen verglichen werden, 
welche in späteren Tagen die Schrift Harvey's über den Kreislauf 
des Blutes, oder die Laennec's über die Auscultation, zur Folge 
hatten. Dem Angriffe, welchen Vesalius gegen die als untrüg- 
lich verehrten Lehren Galen's richtete, waren bereits andere kaum 
minder heftige vorausgegangen; gleichzeitig mit dem Anatomen 
von Brüssel hatte ein deutscher Arzt, Paracelsus, auf dem Ge- 
biete der praktischen Heilkunde einen Vernichtungskampf gegen 



3) S. unten S. 51. 
Haeser, Gesell, d. Med. H. 



34 Diö neuere Zeit. Das sechszolinte Jahrhundert. 

das System des Pergameners unternommen. Es wurde deutlich, 
dass es sich darum handelte, ob ein seit fast anderthalb Jahr- 
tausenden herrschendes System bestehen oder untergeben solle. 

Unter den heftigsten Widersachern Vesal's war sein alter 
Lehrer Sylvius. Noch im Jahre 1543 hatte Vesalius denselben 
aufs ehrerbietigste ersucht, ihn auf die Fehler seines Werkes 
aufmerksam zu machen. Aber es war unmöglich, den fanatischen 
Anhänger Galen's zu versöhnen. Im Jahre 1551 trat Sylvius 
mit einer Schrift hervor, in welcher er seinen ehemaligen Lieb- 
lings-Schüler als einen wahnsinnigen Neuerer («Vesanus») schil- 
derte, dessen giftiger Hauch Europa verpeste*). Vesalius liess 
diese Schrift aus Pietät unbeantwortet. — Weit bedeutender er- 
schien ein andrer Gegner, Bartolommeo Eustacchi, Professor zu 
Rom, einer der grössten Anatomen des sechszehuten Jahrhun- 
derts^), welcher übrigens öffentlich das von Sylvius einge- 
schlagene Verfahren missbilligte. Um diesen Widersacher zu 
bekämpfen, begab sich Vesalius von Neuem nach Italien. Padua, 
Pisa, Bologna nahmen ihn mit Enthusiasmus auf; überall eilten 
junge und alte Aerzte, ja berühmte Lehrer, zu seinen Sectionen 
herbei. — Inzwischen fühlte sich Vesalius durch die gegen ihn 
gerichteten Angriffe, besonders durch die Nachricht, man gehe 
damit um, seine Schriften einer besonderen Censur-Behörde vor- 
zulegen, so verletzt, dass er in einem missmuthigen Augenblicke 
einen grossen Theil seiner Manuscripte (Bemerkungen zu Galen's 
anatomischen Schriften, ein Exemplar der Werke Galen's mit 
handschriftlichen Zusätzen, ein Formulare, Collectaneen zur 
Arzneimittellehre, eine Paraphrasis über die griechische und 
arabische Medicin) den Flammen Preis gab ; ein Schritt, welchen 
er später sehr bereute. Noch im Jahre 1556 war die Bewegung, 
welche das Werk Vesal's in ganz Europa erregte, so gross, dass 
Kaiser Karl für räthlich hielt, es der theologischen Fakultät zu 
Salamanca mit der Frage vorzulegen, ob katholischen Christen 
gestattet sey, menschliche Leichen zu zergliedern; worauf die 
Fakultät zur Antwort gab, dass solche Zergliederungen nach 
der Meinung der Aerzte für die Erlernung der Heilkunde unent- 
behrlich seyen, und deshalb für zulässig erklärt werden müssten. 

Nach der Abdankung Karl's V. (im Jahre 1556) trat Vesalius, 



*)Jac. Sylvius, Vaesani cujusdam calumniarum in Hijy'pocraüs et 
Galeni rem anatomicam depulsio. Paris, 1551. 8. Venet. 1555. 8. 
^) S. unten S. 50. 



Wiederherstellung dor Anatomie. Andreas Vosalius. Lebensgeschichte, 35 

welcher den Kaiser nach Spanien begleitet hatte, in den Dienst 
Philipp's II. Hier aber schliesst die wissenschaftliche Laufbahn 
des grossen Anatomen. Die Geschäfte des Hofdienstes, die Eifer- 
sucht der spanischen Acrzte, der Hass des Klerus, dessen unsitt- 
lichen Wandel Vesalius in Schriften und Vorträgen häufig ver- 
spottete, die gänzlich mangelnde Gelegenheit, sich seinen Lieb- 
lingsstudien hinzugeben, da er in Madrid nicht einmal einen Schädel 
sich verschaffen konnte, dazu, wie es scheint, nicht eben glück- 
liche häusliche Verhältnisse, erzeugten eine bei dem lebhaften 
Ehrgefühl Vesal's sehr erklärliche hypochondrische Verstimmung, 
welche ihn zu dem Entschluss führte, sich für längere Zeit 
diesen drückenden Zuständen zu entziehen. Unter dem Vor- 
wande eines frommen Gelübdes verliess er im Jahre 1564 Madrid, 
um sich nach Jerusalem zu begeben. Unterwegs verweilte er 
eine Zeit lang in Venedig, wo er das seit drei Jahren vorbe- 
reitete Werk über die anatomischen Arbeiten Falloppio's, und 
die Pseudonyme Schrift gegen Puteus veröffentlichte. Er reiste 
über Cypern nach Jerusalem; hier angekommen erreichte ihn 
die Aufforderung des Senates von Venedig, die durch Falloppio's 
Tod seit zwei Jahren erledigte Professur der Anatomie in Padua 
zu übernehmen. Sofort trat er den Heimweg an; am zweiten 
October 1564 erlitt sein Fahrzeug an der Küste von Zante Schiff- 
bruch ; Vesalius erkrankte in Folge dieses Ereignisses, und starb 
den 15ten October 1565 im fünfzigsten Lebensjahre in Hunger 
und Elend. Ein Goldschmied erkannte ihn, und setzte ihm in 
der Kirche der heil. Jungfrau auf Zante ein einfaches Grabmal. 

Uebcr die Ursachen, welche Vesalius zu dem Entschlüsse führten, 
Madrid zu verlassen, sind nur Vermuthungen möglich. Einigen Antheil 
hatte ausser den oben angegebenen Verhältnissen wahrscheinlich auch die 
Krankheit des Infanten Don Carlos, welcher sich durch einen Fall eine 
gefährliche Verletzung des Hinterkopfes zugezogen hatte. Vesalius be- 
stand auf der Trepanation , welcher die übrigen Aerzte sich widersetzten. 
(Vergl. unten den Abschnitt über die Chirurgie des 16ten Jahrhunderts.) 
— Am mächtigsten wirkte wahrscheinlich das Verlangen, Italien, den 
Schauplatz seiner jugendlichen Triumphe, «ingeniorum vera altrix», wie 
er es nennt, nochmals zu sehen, vielleicht auch die stille Hoffnung, den 
seit zwei Jahren verwaisten Lehrstuhl Falloppio's zu besteigen. — Albinus 
erzählt, dass der Klerus von Madrid namentlich dadurch gegen Vesalius 
aufgebracht worden sey, dass dieser die Leiche der Buhlerin eines Geist- 
lichen auf die Anatomie gebracht habe. — Andere Berichte, z. B. von der 
Section einer scheintodten Spanierin, deren Herz bei Eröffnung der Brust- 
höhle gezuckt habe, von Verfolgung der Inquisition, sind ungegründet. 

Das einzige Original -Portrait Vesal's, welches existirt, ist der Holz- 

3* 



3(3 Die neuere Zeit. Das sechszehnte Jahrhundert. 

schnitt vor der Ausgabe seines Hauptwerkes und der Ejntome. — Von 
einem Gemälde E. Hamann's, Vesalius in seinem Arbeitszimmer dar- 
stellend, existiren Litbograplneen von Mouilleron und Schubert. Eine ver- 
kleinerte Copie gibt Choulant, a. a. 0. S. 58. — Eine Statue Vesal's, 
das Werk David's, ist seit einer Reihe von Jahren zu Brüssel errichtet. 



Die Schriften Vesal's. 

341. Die von Vesalius verfassten Schriften sind folgende: 

1. Paraphrasis in nonum Uhr um Bhazae ad Älman- 
sorem de affectuum Singular um corporis partium cu- 
rat ione. Basil. 1537. 8. Vesal's Inaugural-Dissertation. [Univ.-Bibl. 
Breslau.] 

2. Sechs anatomische Tafeln. Impr. B. Vitalis Venetus, 
sumptibus Johannis Stephani Calcarensis. Prostant vero in officina D. 
Bernardi. A. 1538. f. — «Fliegende Blätter» von höchster Seltenheit. 
[Markus-Bibliothek zu Venedig. Antiquar Simmel in Leipzig.] «Wahr- 
scheinlich enthielten drei dieser Tafeln das Skelet von vorn, von hinten 
und von der Seite ; eine Tafel stellte Leber und Milz nebst der Pfortader 
und die Genitalien beider Geschlechter dar ; eine andere die Leber mit der 
Hohlvene und ihren Wurzeln ; eine fernere das Herz und die Aorta mit 
ihren Verzweigungen. Eine Nerventafel scheint nicht dabei gewesen zu 
seyn; Vesalius hatte aber eine solche in Handzeichnung entworfen, und diese 
wurde 1539 in Köln ohne sein Vorwissen in Holzschnitt herausgegeben.» 
(Choulant, Geschichte der anatom. Abbild. S. 45.) 

3. Epistola docens, venam axillar em dextri cubiti in 
dolore laterali secandam, et melancholicum succum ex 
venae portae ramis ad sedem pertinentibus pur gar i. 
Basil. 1539. 4. (pp. 68.) Patav. 1544. 8. — Mit einem die Venen der 
Brust roh vorstellenden Holzschnitte. 

4. De corporis humani fabrica lihri Septem. Basil. 
ex off. Joann. Oiwrini. 1543. mense Junio. (12 und 660 Seiten und 
18 ungezählte Blätter.) f. — Vesal's Hauptwerk, dem Kaiser Karl V. ge- 
widmet. [«Immortale opus, et quo priora omnia, quae ante se scripta 
fuissent, paene reddidit supervacua.» Haller.] — Das vorzüglich in Holz 
geschnittene Titelblatt zeigt ein anatomisches Theater (wahrscheinlich das 
zu Padua) und in der Mitte zahlreicher Zuhörer Vesalius selbst , mit der 
Section einer weiblichen Leiche beschäftigt. Einer der Zuhörer betrachtet 
die letztere mit einer Lorgnette. Links oben in der Architektur steht das 
Monogramm O, rechts das Wappen Vesal's : drei Wiesel. Weiterhin, nach 
der Vorrede, findet sich das Bildniss des männlich schönen, mit der Präpa- 
ration der Armmuskeln beschäftigten Vesalius, mit den Worten: «An. Aet. 
XXVin. M. D. XLII. Ocyus, jucuude et tuto.» 

Ueber die Urheber des Titelbildes, des Portraits und der anatomischen 
Zeichnungen im Werke selbst sind nur Vermuthungen möglich. Das 
Bildniss Vesal's rührt jedenfalls von demselben Künstler her, welcher die 
wichtigsten von den anatomischen Abbildungen des Werkes zeichnete und 



Wiederherstellung der Anatomie. Vesalius. Schriften desselben. 37 

schnitt. Auf eleu letzteren selbst findet sich nirgends eine Andeutung von 
dem Namen dieses Künstlers ; aber der Titel der unter No. 2. genannten 
Schrift und wiederholte Bemerkungen Vesal's selbst weisen sehr deutlich 
auf Johann Stephan aus Calcar (einem Städtchen im Cleve'schen), einen 
hervorragenden Schüler Tizian's, hin, welcher lange Zeit in Neapel lebte, 
wo er im Jahre 1546 starb, und wo sich noch viele seiner Ai'beiten vor- 
finden. Eine ganz bestimmt Johann von Calcar angehörige vorzügliche 
Probe osteologischer Zeichnung gibt Choulant, Geschichte der anatoni. 
Abbild. S. 42. Wahrscheinlich stand auch Tizian selbst, mit welchem 
Vesalius befreundet war, bei der Anfertigung der Abbildungen be- 
rathend zur Seite. — Das von Oslander auf der siebenten Muskeltafel 
zwischen den Pflanzen vermeintlich entdeckte Monogramm D ist nichts 
als das Stück eines Blattes. — Vesal's eigne Aeusserungen und die augen- 
scheinliche Verschiedenheit der Zeichnungen lassen nicht daran zweifeln, 
dass mehrere Künstler mit denselben beschäftigt waren. So sagt Vesalius 
in der Epistola de radice Chynae (S. unten No. 6), dass ihn die Wider- 
willigkeit seiner Zeichner und Holzschneider oft zur Verzweiflung gebracht 
habe ; — «ut saepius ob eorum hominum morositatem me illis infeli- 
ciorem putarem, qui ad sectionem mihi obtigissent.» Höchst wahrschein- 
lich rühren auch einzelne Zeichnungen von Vesalius selbst her. — Das 
Monogramm des Titelbildes deutet , wie schon Oslander {Lehrbuch der 
Entbindung skimst. Gott. 1799. 8. I. 113) vermuthete, auf den Verleger 
des Werks, Joh. Oporinus (Herbst, Herbster), vielleicht auch auf den Vater 
desselben, einen nicht unbekannten Maler (geb. 1468) hin, welcher wahr- 
scheinlich für die Officin seines Sohnes thätig war, und im Jahre 1543 
möglicher Weise noch lebte. Gegen die Annahme, das Titelblatt rühre 
von Stephan von Calcar her, spricht, wie N a g 1 e r {Die Monogrammisten. 
München, 1863. 8. HI. 1019) hervorhebt, schon der Umstand, dass auf 
demselben Figuren nach Raphaöl und andern Meistern vorkommen, welche 
ein so bedeutender Künstler wie Calcar nicht aufgenommen hätte. Neuer- 
dings vermuthete Sotzmann {Serapeum, 1850. S. 69) als Zeichner des 
Titelblatts den Maler Gius. Porta, genannt Salviati. 

Wenig Beachtung haben bisher die zahlreichen, zum Theil sehr an- 
muthigen, der Mehrzahl nach öfter wiederkehrenden, Initialen gefunden, 
von denen unzweifelhaft die meisten ausdrücklich für das Werk Vesal's 
entworfen wurden. Hierher gehört die Initiale der Vorrede , auf welcher 
nackte Knaben (welche auch auf der Mehrzahl der übrigen derartigen 
Zeichnungen wiederkehren) einen Hund seciren; Cap. 1. Knaben, welche 
einen Schädel kochen; S. 47 und 57 die Section eines Thieres; S. 62 ein 
Skelet und verschiedene Knochen; S. 88 Knaben, welche einen Hund über 
einen Balken in die Höhe ziehen (dasselbe Motiv bildet vergrössert und 
ausgeführter die Haupt - Initiale der Epitome [S. unten No. 5]); S. 93 
Knaben, eine Leiche tragend; S. 125 Knaben, welche einen Schädel zer- 
sägen; S. 169 Section einer Leiche in einem Kerker bei Licht. 

Die Universität Löwen besitzt ein «auf Velin» [Burggraeve, — «auf 
Pergament» Choulant] gedrucktes Exemplar (wahrscheinlich das Dedi- 
cations-Exemplar) mit zum Theil iUiuninirten Figuren ; unter ihnen auch 
solche , welche aus über einander liegenden, zusammengeklebten und nach 
einander aufzuhebenden Theilen bestehen. 



qg Dio neuere Zeit. Das sechszehnte Jahrhundert. 

Die zweite, gleichfalls von Vesalius selbst besorgte, Ausgabe erschien : 
Basil. 1555 (mense Augusto). f. (pp. XII. 824.) Ebenfalls bei Oporinus. 
Der Titel -Holzschnitt wiederholt die Darstellung der ersten Ausgabe, ist 
aber ganz neu gearbeitet. Die Abbildungen sind die der ersten Edition, 
aber verbessert, schärfer gedruckt, die ganze Ausgabe eleganter. — Die 
dritte Ausgabe erschien nach Vesal's Tode: Venet. 1568. f. Die Abbil- 
dungen sind kleiner, aber sehr sauber ausgeführt von dem Mitverleger 
Joh. Criegher aus Pommern. — Vierte Ausgabe (mit den Abbildungen der 
vorigen). Venet. s. a. f. (Vergl. unten Gesammtausgabe der Werke 
Vesal's.) Spätere Ausgaben sind: Paris, 1564. f. — Amstel. 1617. f. — 
Ausserdem wurden die Platten des Vesal'schen Hauptwerkes zu mehreren 
von andern Verfassern herrührenden Schriften benutzt, z. B. zu einer 
deutschen Ausgabe der Epitome von Albanus Thorinus (S. unt. No. 5) ; — 
noch im Jahre 1706 und 1723 zu einem deutschen Auszuge des grossen 
Werkes, für welches der Verleger, Andreas Maschenbaur in Augsburg, 
zwölf von den Original- Platten benutzen konnte; — ja noch 1783 gab 
Leveling Abdrücke fast aller in dem Hauptwerke enthaltenen Platten 
zu einer nach Winslow gearbeiteten anatomischen Schrift, (Ingolstadt, 
1783. f.) — Deutsche Uebersetzung der J?mto«//e Vesal's von Alb an. 
Thorinus. 1551. — Vesal's A''?«ocÄe«7e//re erschien besonders: And r. 
Vesalii TabuJae ossium humanorum. ed. Ed. Sandifort. Lugd. Bat. 
1782. f. mit 27 Kupfertafeln von J. Wandelaar. — Noch viel grösser 
ist die Zahl der meist sehr untergeordneten Nachahmungen der Vesal'- 
schen Tafeln, von denen mehrere schon vor der Veröffentlichung des 
Hauptwerks erschienen. (S. Vesal's Vorrede.) So liess z. B. der Buch- 
händler Plantin in Antwerpen die Vesal'schen (und Valverde'schen) Tafeln 
nachstechen, und durch David van Mauden ein Handbuch in holländischer 
Sprache dazu verfex'tigen. David van Mauden, BedieningJie der ana- 
tomien. Antwerpen [Plantyn], 1583. f. pp. 101. — Vergl. C. Broeckx, 
Notice sur David van Mauden. Anvers, 1850, 8. (pp. 23.) 

5. Suorum de fahrica corporis humani lihrorum epitome. 
Basil. ex off. J. Oporini a. 1543 mense Junio. f. Dem Infanten Philipp (IL) 
gewidmet. (Höchst selten. Ein defektes Exemplar besitzt die Univ.-Bibl. 
Breslau, ein vollständiges der Herausgeber des gegenwäi'tigen Werkes.) — 
Die Epitome erschien, wie die angeführte Schlussschrift zeigt, gleich dem 
Hauptwerke im Juni 1543. Das Datum der Vorrede («Idibus Augusti 
1542») beweist, dass Vesalius die Redaction dieser Schrift etwas später be- 
endigte, als die des Hauptwerks, dessen Vorrede vom 1. Aug. 1542 datirt 
ist. — Die Epitome sollte dem letzteren als Probe-Heft zur Seite gehen. 
Vesalius selbst sagt in der Vorrede des Hauptwerks: «Epitomen quasi horum 
librorum semitam ac demonstratorum indicem praeparavi.» Ferner be- 
merkt er in der Chirurgie (S. unt. No. 9), dass die Epitome dazu bestimmt 
war, die in der ersteren vorgetragene Lehre von den Luxationen zu er- 
läutern. Aus diesem Grunde wahrscheinlich enthält die Epitome mehr 
Muskeltafeln als das Hauptwerk; ausserdem hat dieselbe vor letzterem 
zwei sehr schöne Zeichnungen eines nackten männlichen und weiblichen 
Körpers voraus, welche Nagler, wohl mit Unrecht, dem Tizian beilegt. 
— Noch seltner als die lateinische Ausgabe der Epitome scheint die 
unter No. 5. bereits erwähnte, nur wenige Wochen später erschienene, 



Wioderherstolhing der Anatomie. Vesalius. Schriften desselben. 39 

von Thoriniis besorgte deutsche Ausgabe ( Von des menschlichen Cörpers 
A)iatomey. Basel [Oporinus], 1543. Aug. f.) zu seyn. — Das Titelbild, 
das Portrait Vesal's und die Initialen finden sieb auch in der Epitome. — 
Spätere Ausgaben: Lugd. 1552. 8. [?] Viteb. 1582. 8. Colon. 1600. f. 
Viteb. 1603. 8. — Eine holländische Uebersetzung der Epitome gab Jan 
Wouters van Vieringen heraus: Brugghen [Brügge] , 1560. 4. [Israels.] 

6. Epistola rationem modumque p)ropinandi radicis 
Chynae decocti, quo nuper invictissimus Carolus V. Imperator 
usus est, 2)crtractans. Basil. (Idib. Jun.) 1546. f. Venet. 1546. 8. 
Lugd. 1546. 16. Lugd. 1547. 12. [Antiquar Maske in Breslau.] Basil. 
1566. 4. Enthält ausser ihrem eigentlichen Inhalte sehr viel Anatomisches 
und Polemisches gegen Galen und seine Anhänger. Ebenso sehr viel zur 
Lebensgeschichte Vesal's. 

7. Gahr. Cimet Mediolanensis apologiae Franc. Putei 
pro Galeni anatome examen. Venet. 1564. 4. — «Gabr. Cuneus» 
ist Vesalius selbst. Die Schrift enthält eine ausführliche Kechtfertigung 
Vesal's gegen die von Franc. Puteus gegen ihn gerichteten Einwürfe. Das 
Buch des Letzteren erschien unter dem Titel : Apologia in anatome pro 
GaJeno contra Ändr. Vesalium. Venet. 1562. 

8. Anatotnicarum Gahrielis Falloppii obser vationum 
examen. Venet. 1564. (24. Mai.) 4. Das letzte Werk Vesal's. Er 
übergab das am 27. Dec. 1561 abgeschlossene Manuscript sofort an Tie- 
polo, den Venetianischen Gesandten am spanischen Hofe, um es Falloppio 
zu überreichen, was zuerst durch den Ausbruch des Krieges, dann durch 
des Letzteren Tod (1562) vereitelt wurde. — Später: Hannov. 1609. 8, 

9. Chirurgia magna aProsp. Borgartttio recognita, 

emendata et in lucem edita. Venet. 1568. 8. — Vesalius beendigte dieses 
Werk nach dem Jahre 1561. Nach seinem Tode kam die Handschrift in 
den Besitz eines Pariser Buchhändlers, von welchem sie Borgarutius er- 
warb. Die Aechtheit ist mit Unrecht angezweifelt worden. Dass der 
Herausgeber Manches zusetzte, geht schon aus dem Titel hervor. 

Gesammtausgabe: Andr. Vesalti Opera omnia anato- 
mica et chirurgica edd. Herrn. Boerhaave et Bern. Sigfr. 
Albinus. Lugd. Bat. 1725. f. 2 voll. (Die Abbildungen sämmtlich in 
Kupferstich.) — Endlich findet sich eine Reihe von Consilien Vesal's in 
den Schriften von Ingrassia, de Monte u. A. 



Vesal's geschichtliche Bedeutung. 

343«. Die Epoche-machende Bedeutung Vesal's besteht darin, 
dass er zuerst es unternahm, die Anatomie von dem seit fast 
anderthalb Jahrtausenden auf ihr lastenden Joche Galen's zu 
befreien, den Bau des Menschen nach eigenen Untersuchungen 
zu schildern, und durch naturgetreue Abbildungen zu erläutern. 
Das wichtigste von diesen Verdiensten ist das zuerst genannte. 
Auf jeder Seite seines unsterblichen Werkes weist Vesalius die 



^Q Die neuere Zeit. Das secliszehnte Jalirliimdert. 

Iritbümer nach, deren Galen sich schuldig machte, indem er die 
Ergebnisse seiner Untersuchungen des thierischen Baues auf 
den Menschen übertrug. Vesal's eigne Darstellung dagegen be- 
ruht, wenige Fälle ausgenommen, durchaus auf der sorgfältigsten 
und gewissenhaftesten Untersuchung menschlicher Leichen. Seine 
Beschreibungen sind von musterhafter Ordnung und Klarheit, und 
erfüllt von dem unvergänglichen Zauber der Jugendfrische. Seine 
Abbildungen, welche zugleich einen wichtigen Wendepunkt in 
der Geschichte des Holzschnitts bezeichnen, sind bei aller Natur- 
treue eben so weit entfernt von ängstlicher Individualisirung, 
wie von oberflächlichem Schematisiren , und eben so sehr ge- 
eignet, die Anforderungen des Anatomen, wie die des Künstlers 
zu befriedigen. 

Allerdings theilt Vesalius den Ruhm, die Anatomie des 
Menschen in ihre vollen Rechte eingesetzt zu haben, mit seinen 
grossen Nebenbuhlern Eustacchi und Falloppio. Es ist selbst 
zuzugeben, dass der Letztere durch Genialität, durch die Ge- 
nauigkeit seiner Untersuchungen und durch den Umfang seiner 
Entdeckungen den Anatomen von Brüssel übertrifft; aber dennoch 
hat nur dieser Anspruch auf das Verdienst, die grosse Aufgabe 
der Neu-Begründung der Anatomie zuerst erkannt und mit den 
Hülfsmitteln seiner Zeit gelöst zu haben. 

Das Werk Vesal's erhält aber ferner noch dadurch beson- 
dern Werth, dass es, um die Quellen der von Galen begangenen 
Fehler darzulegen, fortwährend auch den Bau der höheren Thiere 
ins Auge fasst. Es enthält deshalb nicht unwichtige Beiträge 
für die vergleichende Anatomie. Ganz besonders aber verdient 
hervor gehoben zu werden, dass Vesalius sich keineswegs auf 
die Beschreibung des anatomischen Baues der Organe beschränkt, 
sondern an der Hand desselben und unter der Beihülfe zahl- 
reicher Vivisectionen, deren Vornahme er jungen, mit der Ana- 
tomie vertrauten Aerzten dringend empfiehlt, zugleich die Ver- 
richtungen des lebenden Körpers zu erläutern sucht, und nicht 
selten auch die pathologischen Veränderungen der beschriebenen 
Organe ins Auge fasst. 

Die Vorrede des Werks beginnt mit bitteren Klagen über 
den Verfall aller Zweige der Heilkunde. Die Diätetik überlasse 
man den Köchen, die Arzneimittellehre den Apothekern, die Chi- 
rurgie den Barbieren. Die letztere namentlich werde von den 
Aerzten im höchsten Maasse vernachlässigt, weil sie sich scheuen, 
mit den Bartscheerern auf eine Linie gestellt zu werden. Am 



Wiederherstelhing der Anatomio. Vesalius. Dessen geschichtliche Bedeutung. 41 

traurigsten sey es um die Anatomie bestellt; die Professoren 
halten es unter ihrer Würde, ein Messer zur Hand zu nehmen; 
die Prosectoren sind unwissende Barbiere. Am meisten aber 
liege die Anatomie deshalb so tief darnieder, weil fortwährend 
Galen als untrügliche Auctorität in Geltung stehe, der doch 
niemals eine menschliche Leiche zergliedert habe. 

Das Werk Vesal's zerfällt in sieben Bücher: 1. Knochen und 
Knorpel; 2. Bänder und Muskeln; 3. Gefässe; 4. Nerven; 5. Ein- 
geweide, Geschlechtswerkzeuge u. s. w. ; 6. Herz; 7. Gehirn und 
Sinnesorgane^). 

Für den seit langer Zeit am vollkommensten ausgebildeten 
Theil der Anatomie konnte die Osteologie gelten. Vesalius 
zeigt indess, dass Galen auch diesen Gegenstand, dadurch, 
dass er nicht das Skelet des Menschen, sondern das des Affen, 
beschreibt, in die grösste Verwirrung gebracht habe. — Die 
Darstellung beginnt mit den allgemeinen Eigenschaften der 
Knochen, ihren Verschiedenheiten, ihrer Ernährungsweise durch 
die Gefässe des Periosts und die in das Innere der Knochen 
eindringenden Vasa nutrientia. Von den Zähnen wird gesagt, 
dass sie von den Knochen nur durch den Mangel des Periosts und 
die ihrer Substanz eigenthümliche Empfindlichkeit verschieden 
seyen. Irrig ist auch die Darstellung der Entwickelung der 
Zähne, über welche Eustacchi später weit richtigere Ansichten 
veröffentlichte. 

Nach der Beschreibung der Gelenke und ihrer Verschieden- 
heiten wendet sich Vesalius zu der der einzelnen Knochen. Mit 
besonderer Sorgfalt untersucht er die des Schädels , die Su- 
turen, besonders die am Schädel befindlichen, für den Ein- und 
Austritt von Gefässen und Nerven bestimmten Oeffnungen. An 
dem Irrthum freilich von dem aus dem Gehirn abfliessenden 
Schleime hält auch er noch fest. 

Die Sorgfalt, welche Vesalius gerade den schwierigsten Gegen- 
ständen zuwendet, gibt sich in besonderem Grade bei der Be- 
schreibung der Wirbelsäule zu erkennen; wobei es wiederum 
nicht an Gelegenheit fehlt, die zahlreichen Irrthüraer Galen's, 
hauptsächlich in Betreff der Halswirbel und des Os sacrum, zu 
berichtigen. Das Brustbein sollte nach der Angabe Galen's aus 



^) Eine ausführliche Darstellung von dem Inhalt des Vesal'schen Werks 
gibt Burggraeve, Etudes sur Andre Vesale (S. oben S. 30) und in seiner 
Histoire de l'anatomie, p. 81 seq. 



42 Pio neuere Zeit. Das sechszeliiite Jahrhundert. 

sieben einzelnen Stücken bestehen; Vesalius beschränkte diese 
Zahl auf drei; wobei er allerdings übersah, dass das Sternum 
des Fötus wirklich aus sieben Stücken zusammengesetzt ist. Der 
alte Sylvius freilich erklärte die Verminderung aus der seit der 
Zeit Galen's eingetretenen Verkümmerung der Menschheit. 

Der Abschnitt von den Bändern und Muskeln beginnt mit 
einer für die damalige Zeit noch sehr nothwendigen Erläuterung 
über die Verschiedenheit der eigentlichen Ligamente von den 
Sehnen u. s, w. und den Nerven. — Die Darstellung der Myologie 
wird durch allgemeine Betrachtungen über den Bau der Muskeln 
eingeleitet. Nach der Meinung Galen's sollten dieselben aus dem 
eigentlichen Muskelfleische und den zwischen den Fasern des- 
selben liegenden Nerven und sehnigen Theilen bestehen. Vesalius 
zeigte, dass die Nerven in die Muskel-Substanz selbst eindringen, 
und begründete damit die für die fernere Entwickelung dieser 
Lehre so folgenreich gewordene Auffassung. — Demnächst folgt 
die Beschreibung der die Muskeln bedeckenden äusseren Haut, 
der Aponeurosen u. s. w. Die erstere wird im Gegensatze zu 
der herkömmlichen Meinung, welche den Sitz der Sensibilität in 
die Muskeln verlegte, als das Organ der Empfindung nachge- 
wiesen. — Die Beschreibung der einzelnen Muskeln, ein Kapitel, 
in welchem sich der Mangel einer anatomischen Terminologie 
ganz besonders bemerklich macht, folgt der physiologischen 
Anordnung. Die des Zwerchfells und der Intercostal- Muskeln 
gibt von Neuem Veranlassung, Irrthümer Galen's zu berichtigen, 
namentlich zu zeigen, dass sämmtliche Zwischen-Rippcnmuskeln 
als Rippenheber wirken. Es ist bekannt, dass Haller noch zwei- 
hundert Jahre später genöthigt war, die Vertheidiger der Galen'- 
schen Ansicht zu bekämpfen. Eben so zeigte Vesalius gegen 
Galen, dass dem Menschen der bei manchen Thieren vorkom- 
mende Hautmuskel [Platysma myodes] fehle. — In Betreff der 
übrigen Abschnitte sind die besonders sorgfältigen Beschreibungen 
der Aponeurosis palmaris und der Muskeln des Dammes hervor- 
zuheben. 

An den Ge fassen unterscheidet Vesalius die innere, mittlere 
und äussere Haut; die in querer, schiefer und in der Längs- 
richtung verlaufenden Fasern der mittleren Haut erscheinen be- 
sonders deutlich bei grossen Säugethieren. — Unter den Venen 
werden die des Schädels, der Brusthöhle und die Pfortader be- 
sonders genau beschrieben. Des Sinus longitudinalis inferior 
der Gehirn-Sichel geschieht bei Vesalius zum erstenmale Erwäh- 



Wiederherstellung der Anatomie. Vesalius. Inhalt seines Hauptwerks. 43 

nung. Der alten, erst von Falloppio berichtigten, Meinung, dass 
die venöse Hirnbewegung auf dem Einmünden der Gehirn-Arte- 
rien in die Sinus beruhe, auf welche sich der Puls der ersteren 
fortpflanze, pflichtet auch Vesalius bei. — In Betreff des Ver- 
hältnisses der letzten Endigungen der Arterien und Venen hält 
Vesalius gleichfalls noch an dem alten «Parenchym» fest, in 
welchem sich der Inhalt der Gefässe verlieren sollte, um zur 
Ernährung verwandt zu werden. — In der Lehre von den Drüsen, 
denen man bis dahin nur die Bedeutung mechanischer, für die 
Regulirung der Blutzufuhr bestimmter Receptacula sanguinis zu- 
geschrieben hatte, führte Vesalius dadurch einen Fortschritt her- 
bei, dass er von den Blutdrüsen die zu Secretionen bestimmten 
Drüsen unterschied. 

Am mangelhaftesten ist die Darstellung der Neurologie, 
welcher erst Falloppio gebührende. Sorgfalt widmete. An der 
Unterscheidung der Nerven in harte und weiche hält auch Ve- 
salius fest; den Sinnes -Nerven ist er geneigt eine besondere 
Stellung anzuweisen. Das Hohlseyn der Sinnes-Nerven, nament- 
lich des Opticus, stellt er entschieden in Abrede. Die Kreu- 
zung der Sehnerven im Chiasma wird geleugnet, hauptsächlich 
weil Vesalius Fälle von vollständiger Trennung beider Nerven 
beobachtet zu haben glaubte. Auffallender Weise leugnet er bei 
dieser Gelegenheit auch die bei Apoplexieen u. s. w. so deut- 
lich hervortretende Kreuzung der Gehirn fasern in der Medulla 
oblongata. Auch die Angaben über die Bewegungs-Nerven des 
Auges sind fehlerhaft; vortrefflich dagegen die Beschreibung des 
Trigeminus, dessen Verhalten in Betreff der physiologischen Eigen- 
schaften der einzelnen Aeste Vesalius sehr wohl kennt. Den 
Acusticus, von dem er annimmt, dass er als eine «nervöse 
Membran» endige, und den Facialis verfolgt er nur bis in das 
Vestibulum, da ihm die tieferen Theile des Gehör-Organs unbe- 
kannt sind ; dagegen kennt er die Chorda tympani. In Betreff 
des Vagus und Sympathicus theilt Vesalius die Irrthümer Galen's. 
Die Ganglien des Sympathicus übersieht er; den Glossopharyn- 
geus schildert er als einen Ast des Vagus. — Die Beschreibung 
des Rückenmarks und der aus ihm entspringenden Nerven ist 
im Allgemeinen richtig, berücksichtigt aber nur die gröberen 
Verhältnisse. 

In dem die Verdauungs- Werk zeuge behandelnden Ab- 
schnitte findet sich zunächst zum erstenmale eine im Allgemeinen 
richtige Vorstellung von der Ausbreitung des Bauchfells. — Dem 



J.4 Die neuere Zeit, Das sechszehnte Jahrhundert. 

Oesophagus werden nur zwei Häute beigelegt, die am Eingänge 
desselben befindlichen Muskeln und ihre Functionen der Natur 
gemäss beschrieben. Vortrefflich ist die Schilderung des Magens, 
besonders in Betreff der Nerven. Dem «Pankreas» dagegen, 
unter welchem aber nicht unsre Bauchspeicheldrüse, welche erst 
später entdeckt wurde, sondern ein im Mittelpunkte des Gekröses 
liegendes Convolut von Drüsen zu verstehen ist, wird ebenfalls 
nur die Bedeutung zugeschrieben, als Stütze für die Gefässe zu 
dienen. — Aus der Beschreibung des Darmkanals ist hervorzu- 
heben, dass Vesalius zwar die zu den mesenterischen Drüsen 
führenden Chylusgefässe kennt, dass er sie aber für Ausführungs- 
gänge der ersteren hält, bestimmt, den Darm mit einem schlüpf- 
rigen Safte zu versorgen. 

Bei der Beschreibung der Leber findet sich zwar noch viel 
von der hergebrachten Teleologie, aber zum erstenmale ist nicht 
mehr von einem formlosen «Parenchym» die Rede, sondern Ve- 
salius zeigt, dass die Substanz dieses Organs der Hauptsache 
nach aus den Verzweigungen der Pfortader, der Leber-Venen 
und den zwischen beiden liegenden Gallengängen besteht. — 
Auch in Betreff der Milz (bei deren Untersuchung zugleich die 
wichtigsten pathologischen Zustände dieses Organs zur Sprache 
kommen) finden sich zuerst bei Vesalius die Anfänge einer natur- 
gemässen Auflassung. 

Zu den dürftigsten Abschnitten des Werks gehört das Kapitel 
von den Nieren. Vesalius sieht in ihnen wenig mehr als eine 
fleischige Masse, die sich von der des Herzens fast nur durch 
den Mangel- der Fasern unterscheidet. 

In Betreff der Lehre von der Zeugung steht Vesalius 
noch durchaus auf dem herkömmlichen Standpunkte der Lehre 
von der Vermischung des männlichen und weiblichen Samens. 
Dagegen ist die Beschreibung der männlichen Genitalien, be- 
sonders der Corpora cavernosa, durchaus richtig. Die Scheide- 
wand des Scrotum wird übersehen, der Cremaster als selbstän- 
diger Muskel geschildert. Die Umhüllungs- Häute des Hodens 
und der letztere selbst werden im Allgemeinen richtig be- 
schrieben, namentlich findet sich bei Vesalius zum erstenmale 
eine Angabe der Samenkanäle. Die Samenbläschen werden als 
Erweiterungen des Samenstranges geschildert, welche in die 
Prostata einmünden. — Eben so sorgfältig ist die Beschreibung 
der weiblichen Genitalien im nicht-schwangeren und im schwan- 
geren Zustande. Die Bezeichnung «Uterus» umfasst herkömm- 



Wiederherstellung der Anatomie. Vesalius. Inhalt seine« Hauptwerts. 45 

lieber Weise die Gebärmutter nebst der Scheide, welche als 
«Fundus» und «Cervix uteri» unterschieden werden. Der Scheide 
schreibt Vesalius ein den Schwellkörpern des Penis analoges Ge- 
bilde zu; des Constrictor cunni gedenkt er gleichfalls. — Die 
hergebrachte Meinung von der Entwickelung der Knaben in der 
rechten, der Mädchen in der linken Seite des Uterus wird für 
irrig erklärt. Die Beschreibung der in der Schwangerschaft 
deutlich entwickelten Muskulatur des Uterus ist vortrefflich. 
Die Existenz von Cotyledonen wird für den Menschen auf 
Grund der Untersuchung einer in den ersten Monaten der 
Schwangerschaft von ihrem Manne ermordeten Frau in Abrede 
gestellt. Die EihüUen bestehen in der Richtung von innen nach 
aussen aus der Tunica Amnios, dem Chorion und dem «primum 
extimumve foetus involucrum,» unter welchem die Decidua zu 
verstehen ist, welche Vesalius mit den von den Drüsen her- 
rührenden charakteristischen Oeffnungen abbildet^). Das Chorion 
vermittelt nach Vesal's Meinung eine directe Verbindung des 
Blutes der Mutter und der Frucht ; — die vom Nabel ausgehende 
Schafhaut dient zur Aufnahme des kindlichen Schweisses, die 
(nach den Untersuchungen von Thieren beschriebene) Allantois 
zur Aufnahme des fötalen Harns. — Normal gebildete Zwillinge 
haben je besondere Eihäute und Placenten. 

In Betreff des Baues und der Verrichtungen der Athem- 
Werkzeuge steht Vesalius, abgesehen davon, dass er den 
ersteren nicht nach der Untersuchung von Hunden und Affen 
schildert, noch ganz auf dem Standpunkte Galen's. Indess be- 
schreibt er zuerst das Verhalten der Mediastina. Dagegen ver- 
leitet ihn, wie viele Spätere, die Häufigkeit pleuritischer Adhä- 
sionen zur Annahme von «Lungenbändern.» 

Den Glanzpunkt des Werks bildet die Beschreibung des 
Herzens. Zuvörderst berichtigt Vesalius die auch bei diesem 
Gegenstande durch die Untersuchungen von Thieren bewirkten 
Irrthümer Galen's in Betreff der Lage des Herzens. Im Uebrigen 
ist es genug, zu sagen, dass die Beschreibung in anatomischer 
Beziehung kaum etwas zu wünschen übrig lässt, und dass Ve- 
salius, gestützt auf zahlreiche Vivisectionen, in Betreff des 
Mechanismus der Bewegungen dieses Organs durchaus richtige 



') De cor]), hum. fahr. V. cap. 16 und 17. Fig. XXX. 1. F. 2. K. 
— Vergl. Haiissmauu, in Reichert und Dubois-Reymond's Archiv für 
Anatomie, 1874. S. 234 ff. 



/^Q Die neuere Zeit. Das sechszehnte Jahrhundert. 

Vorstellungen hat. — Von der grössten Wichtigkeit wurde es, 
dass Vesalius den alten folgenreichen Irrthum von dem Durch- 
bohrtseyn der Herzscheidewand beseitigte. Er legte damit einen 
der festesten Grundsteine zu der beinahe einhundert Jahre späte- 
ren Entdeckung des grossen Kreislaufs. Und dennoch beharrt 
auch er noch vollständig bei der alten Lehre, dass der grösste 
Theil des Blutes durch die «Poren» des Septum aus dem rechten 
Ventrikel in den linken hindurch schwitze. 

«Dexter itaque ventriculus in aninmlibvis, qui illo simul cum pulmone 
donautur, a cava vena, quoties cor dilatatur ac distenditur, magnam san- 
guinis vim attrahit, quem, adjuvantibus forte ad hoc ventriculi foveis, ex- 
coquit, ac suo calore attenuans levioremque, et qui aptius impetu post- 
modum per arterias ferri possit, reddens, maxima poi'tione per ventricu- 
lorum cordis septi porös in sinistrum ventriculum desudare sinit ; reliquam 
autem ejus sanguinis partem, dum cor contrahitur arctaturque, per venam 
arterialem in pulmonem delegat». De corp. hum. fahr. VI. 15. 

Dagegen sind Vesal's Vorstellungen über den kleinen Kreis- 
lauf durchaus naturgemäss. Eben so richtig beschreibt er die Ver- 
änderungen der Gestalt des Herzens bei der Systole und Dia- 
stole, die Klappen -Apparate und ihre Functionen, den Antheil 
des in der Systole zusammen gepressten Blutes auf den Klappen- 
Schluss; ja! er kennt sogar die Erscheinungen, welche durch 
die Unterbindung von Arterien und Venen verursacht werden. 
— Wie deutlich zeigt sich die Macht eingewurzelter Schul-An- 
sichten, wenn selbst ein so genialer und vorurtheilsfreier Kopf, 
befangen in dem Grundirrthume von der Bereitung des Blutes in 
der Leber, nicht im Stande war, an der Hand so schlagender 
Thatsachen zu der Entdeckung des grossen Kreislaufs vorzu- 
dringen ! 

Bei der Beschreibung des Gehirns, welche von Neuem ein 
glänzendes Zeugniss für die Sorgfalt und die technische Geschick- 
lichkeit Vesal's ablegt, wird zuerst der alte rohe Irrthum von 
den drei Gehirnzellen beseitigt, in welche die Alten das Gedächt- 
niss, die Phantasie und den Verstand verlegten 3). Ferner zeigt 
Vesalius (wie schon Berengar) gegen Galen, dass dem Menschen 
ein Rete mirabile nicht zukomme, dessen Stelle dagegen der später 
nach Willis genannte Circulus arteriosus vertrete. Im Uebrigen 
beschränkt sich Vesalius darauf, das Gehirn als das Central- 
Organ der Empfindung und Bewegung darzustellen; die Frage 



3) S. Bd. I. S. 484. 



Wiederherstellung der Anatomie. Vesalius. Inhalt seines Hauptwerks. 47 

nach der Bedeutung desselben für die Thätigkeit der Seele über- 
lässt er den Philosophen. — Von den Häuten des Gehirns kennt 
Vesalius die Dura mater, deren äusseres Blatt als Periost dient, 
und die Arachnoidea, nicht aber die weiche Hirnhaut. Wohl 
bekannt dagegen sind ihm die später nach Pacchioni genannten 
Gebilde und die venösen Emissarien. Vesalius ist der Erste, 
welcher auf den Unterschied der grauen und weissen Substanz 
des Gehirns aufmerksam macht; dagegen glaubt er, dass das 
Gehirn durch Imbibition ernährt werde, obschon er sehr wohl 
die punktförmigen Extravasate kannte, welche das Gehirn von 
Strangulirten u. dergl. darbietet. — Auf das glänzendste bewährt 
sich die Sorgfalt Vesal's und seine technische Geschicklichkeit 
bei der Beschreibung der Seiten -Ventrikel des Gehirns, deren 
Verbindung mit dem (von Galen für hohl gehaltenen) Opticus 
geleugnet wird, am meisten bei der Beschreibung des Septum 
lucidum, der mittleren Ventrikel, der später nach Vieussens ge- 
nannten Klappe, des Trigonum und der Zirbeldrüse. Zur ge- 
naueren Untersuchung der letzteren wird das Schaf empfohlen, 
bei dem dieses Organ [in welches Descartes später die Seele 
verlegte] besonders entwickelt ist. Vesalius schreibt der Zirbel- 
drüse nur eine ganz mechanische Bedeutung zu: sie soll dazu 
dienen, die in den mittleren Ventrikel eintretenden Gefässe zu 
stützen, und die Verschliessung der Oeflfnung des ersteren zu 
verhüten. — Eben so sorgfältig beschreibt Vesalius die Corpora 
quadrigemina, allerdings ohne ihren Zusammenhang mit den 
Sehnerven zu erkennen, das kleine Gehirn, die Glandula pitui- 
taria, die Plexus choriodei. 

Bei der Beschreibung des Auges finden sich zunächst mehrere 
auffallende Fehler, welche darin ihren Grund haben, dass Ve- 
salius, uneingedenk der Vorwürfe, welche er selbst gegen Galen 
erhebt, gleich diesem nicht menschliche, sondern thierische Augen 
untersuchte. Vesalius erwähnt nicht die Thränendrüsen ; eben 
so wenig den Orbicularis palpebrarum und den Levator palpe- 
brae superioris ; dagegen beschreibt er einen nur bei den Thieren 
vorkommenden siebenten Muskel des Auges, den Retrahens bulbi. 
Alle diese Fehler wurden indess in der an Falloppio gerichteten 
Schrift verbessert*). Um so vorzüglicher ist die Beschreibung 
des Bulbus selbst und der von ihm eingeschlossenen Organe. 
Vesalius beginnt mit der Linse, deren vordere Kapselwand ihm 



*) S. oben S. 37 No. 8. 



AQ Die neuere Zeit. Das sochszehntc Jahrhundert. 

wohl bekannt ist-, die Chorioidea schildert er als Fortsetzung 
der Pia mater, die Sklerotika als Fortsetzung der harten Hirn- 
haut, nicht des Periost's der Orbita. — Die Beschreibung des 
inneren Ohres beschränkt sich auf die Paukenhöhle. 



Hervorragende Anatomen zur Zeit Vesal's. 
Italien. Spanien. 

343. Durch das unsterbliche Werk Vesal's hatten alle Theile 
der menschlichen Anatomie eine völlig neue Gestalt erhalten-, 
nicht minder war durch dasselbe ein sicheres Fundament für 
die Entwickelung der Physiologie gewonnen worden. Aber die 
segensreichste Frucht von den Bemühungen des grossen Brüsseler 
Anatomen bestand in der Begeisterung für die Grundlage der 
Heilkunde, mit welcher er eine lange Reihe der hervorragendsten 
Aerzte seiner Zeit erfüllte. Allerdings war man noch sehr 
lange, selbst an den bedeutendsten Universitäten, vorzugsweise 
auf die Benutzung von Thieren angewiesen; die wichtigsten 
anatomischen Entdeckungen des sechszehnten und siebzehnten 
Jahrhunderts verdanken der Untersuchung todter und lebender 
thierischer Körper ihren Ursprung. Es ist einleuchtend, wie sehr 
dieser Umstand einem der anziehendsten und wichtigsten Zweige 
der Wissenschaft, der vergleichenden Anatomie, zu Statten kam. 
Die lauge und glänzende Reihe der neben Vesalius und nach 
demselben auftretenden italienischen Anatomen eröffnet am wür- 
digsten Gabriele Falloppio^) aus Modena (1523 — 9. Octbr. 
1562). Nach einer unter den grössten Entbehrungen verlebten 
Studienzeit erhielt Falloppio im Jahre 1548 die Professur der 
Anatomie zu Ferrara, gleich darauf die zu Pisa. Im Jahre 1551 
wurde er als Lehrer der Anatomie und Botanik nach Padua 
berufen, wo er zugleich als Praktiker, namentlich als Chirurg, 
grossen Ruf gewann, aber im blühendsten Mannesalter starb. 

Es gibt kein einziges Gebiet der Anatomie, welches nicht 
von Falloppio durch zahlreiche und wichtige Entdeckungen be- 
reichert worden wäre ; unbestreitbar nimmt er durch die Sorgfalt 



') Die Schreibart ist unsicher. In den Akten zu Padua findet sich 
«Foloppia, Faloppio, Faloppa.» Die Ausgabe der Oj^p. onin. Venet. 
1606. hat «Faloppius». Wir folgen der von den meisten der neueren 
Italiener adoptirten Schreibart : «Falloppio». 



Hervorragende Anatomen zur Zeit Vesal's. Falloppio. 49 

seiner Untersuchungen, die Genauigkeit seiner Beschreibungen, 
unter den Anatomen seiner Zeit die erste Stelle ein. Ihren 
grössten Schmuck aber erhalten seine Arbeiten durch die sel- 
tene Bescheidenheit ihres Verfassers, durch die Verehrung, mit 
welcher er die Verdienste seiner Vorgänger anerkennt. — Zu 
seinen wichtigsten Leistungen gehört die genaue Beschreibung 
des Knochensystems, die von ihm zuerst bearbeitete Entwicke- 
lungsgeschichte der einzelnen Knochen und der Zähne, so wie 
seine ausgezeichnete Beschreibung des Gehör-Organs. Mit gleicher 
Sorgfalt untersuchte Falloppio das Auge, wo er dem Ligamentum 
ciliare diese Benennung gab, die weiblichen Geschlechtswerkzeuge, 
wo die Tuben für alle Zeit seinen Namen führen, — die Nerven, 
welche Falloppio so weit als möglich mit dem Messer verfolgte, 
während man bis dahin die Ausbreitung derselben nach den 
Bewegungen beurtheilte , welche entstanden , wenn man ihre 
Stämme anspannte. — Durch seine kurze Abhandlung über die 
«Partes similares» (Knochen, Knorpel, Nerven, Bänder, Sehnen, 
Arterien, Venen und Häute) erscheint er als Vorläufer Malpighi's 
und Bichat's. 

Falloppio's Hauptwerk sind seine Observationes anatomicae, die 
einzige von ihm selbst herausgegebene, alle Theile des Körpers umfassende 
Schrift. Venet. 1561. 8. 1562. 8. 1571. 8. Par. 1562. 8. Colon. 1562. 8. 
Venet. 1606. und mit Vesal's Ojjp. Lugd. Bat. 1725. f. [«Exlmium opus 
est cui nullum priorum comparari potest.» Haller.] — Lectiones de parti- 
hus simüaribus corporis humani. [Vier Seiten.] His accessere diversorum 
animalium sceletorum explicationes iconibus — illustratae. Norib. 1575. 
f. Sämmtliche Zeichnungen rühren von dem Herausgeber, Koyter, her. 
(S. unten S. 53.) — Opera omnia. Venet. 1584. f. Francof. 1600. f. 
Venet. 1606. f. Die letztere Ausgabe enthält auch die zum Theil sehr 
werthvollen, auf praktische Medicin und Chirurgie bezüglichen Abhand- 
lungen Falloppio's, nach den Aufzeichnungen seines dazu von ihm autori- 
sirten Schülers Marcolini. — Das imter Falloppio's Namen erschienene 
Werk De corporis humani fahrica compendium. Venet. 1511. ist unter- 
geschoben. — [«Candidus vir, in anatome indefessus, magnus inventor, 
in neminem iniquus nisi forte in Eustachium.» Haller.] Am liebens- 
würdigsten äussert sich Falloppio's Bescheidenheit den Verdiensten Vesal's 
gegenüber, den er als Meister und Muster anerkennt: Er sagt, der Leser 
seines Werkes möge jeden Irrthimi ihm, jede Wahrheit dem Vesalius bei- 
messen, «quoniam iste mihi viam stravit, ut ulterius licuerit progredi, 
quod nunquam certe hoc opere destitutus facere potuissem.» {Ohserv. anat. 
Venet. 1606. I. p. 115.) — Ferner: «In absolutissimo divini Vesalii 
opere videbatur nihil posse desiderari, quod aut ad copiam partium expli- 
catarum, aut situm, aut magnitudinem, aut substantiam, aut speciem vel 
usum, aut denique quod ad integerrimi humani corporis historiam perti- 
neret.» (ibid. L p. 37.) — Ob Falloppio jemals Vesal's Schüler war, ist 

Haeser, Gesch. d. Med. II. a 



50 Die neuere Zeit. Das sechszehnte Jahrhundert. 

ungewiss. — Die erst in den späteren Ausgaben der Opera {de tiimorih. 
praet. natur. c. 14) sich findende Erzählung, dass Falloppio einen ihm über- 
lassenen Verbrecher durch Opium umgebracht habe, hält Calderato für 
einen boshaften Zusatz der späteren Herausgeber. Vielleicht mit Unrecht; 
derm man erinnert sich an die Gunst, welcher sich in dieser Beziehung noch 
andre Anatomen jener Zeit unzweifelhaft erfreuten. S. Bd. I. S. 746. — 
B u r g g r a e V e , Histoire de l'anatomie, p. 194 seq. — Vinc. Calde- 
rato, Brevi cenni sulla vita e sugli scritti anatomici di Gabriele Falloppio. 
Padova, 1862. 8. (pp. 52.) 

Zu den berühmtesten Anatomen des sechszehnten Jahrhunderts 
gehört ferner Bartolommeo Eustacchi (Eustacchio) aus 
San Severino in der Mark Ancona (gest. im August 1574 auf einer 
Keise zu dem Cardinal della Rovere in Fossombrone). Eustacchi, 
Lehrer der Anatomie an der Sapienza zu Rom, fasste den Plan, 
in einem grossen, von Abbildungen begleiteten, anatomischen 
Werke, welches den Titel de dissensionibus ac controversiis ana- 
tomicis führen sollte, die fehlerhaften Angaben Vesal's zu ver- 
bessern; er wurde aber vor Beendigung der Arbeit vom Tode 
überrascht. Das bei Lebzeiten Eustacchi's erschienene Fragment 
enthält deshalb nur acht Tafeln, die übrigen 38 wurden erst 
140 Jahre nach dem Tode desselben veröffentlicht. Sie um- 
fassen den grössten Theil der Anatomie, und enthalten eine Fülle 
der wichtigsten anatomischen und vergleichend - anatomischen 
Thatsachen. 

Barth. Eustachii Opuscula anatomica. Venet. 1564. 4. Lugd. 
Batav. 1707. 8. Delphis, 1726. 8. Die beiden letzten Ausgaben ent- 
halten nur schlechtere Nachstiche. — Die nachgelassenen 38 Tafeln, 
welche bereits im Jahre 1552 fertig waren, kamen durch Erbschaft an 
den Zeichner derselben, Pini, einen Verwandten Eustacchi's. Erst im An- 
fange des achtzehnten Jahrhunderts fand Lancisi diese Platten bei den 
Erben Pini's wieder auf, und veröffentlichte dieselben nebst den bereits 
früher erschienenen und einem von ihm selbst für die nach Eustacchi's Tode 

aufgefundenen Platten verfassten Gommentare : Tahulae anatomicae 

Barth. Eustachii ed. J. M. Lancisi. Rom. 1714. f. (pp. XXXXIV. 127. 
und 47 Kupfertafeln.) Rom. 1728. f. Die Tafeln sind höchstwahr- 
scheinlich von Giulio de Musi gestochen. — Diese Abbildungen, von 
denen die meisten nach jugendlichen Leichen entworfen zu seyn scheinen, 
zeichnen sich zwar durch Naturtreue aus, stehen aber in künstlerischer 
Hinsicht denen Vesal's bedeutend nach. — Später wurden die Tafeln auf 
Lancisi's Veranlassung noch einmal von einem römischen Chirurgen, Gae- 
tano Petrioli, abgedruckt, und mit einem von diesem verfassten werth- 
losen Commentare begleitet. Gaet. Petrioli, Biflessioni anatomiche 
sulle note dl Lancisi fatte sopra le tavole del cel. B. Eustachio. Roma, 
1740. f. Manche Exemplare enthalten die Tafeln, andere nicht. — 
Derselbe Petrioli ersetzte später die acht ältesten in Octav gestochenen 



Hervorragende Anatomen zur Zeit Vesal's. Eustacchi. Ingrassia. Colombo. 51 

Tafeln durch acht neue von ihm selbst entworfene in f. (Rom. 1748. f. 
1750. f.) Noch bis zum Anfange des neunzehnten Jahrhunderts erschienen 
zahlreiche Nachstiche und Nachbildungen der Eustacchi'schen Tafeln. 
Die besten derselben (vollständig verzeichnet bei Choulant, Geschidde 
der anat. Abbildung. S. 60) lieferte S. Albinus, ExpUcatio tabidarum 
anatomicarum B. EustacJdi. Lugd. Bat. 1744. f. — Sehr werthvoU ist 
G. Mli r t i n e , In B. Eustachii tabulas anatomicas commentaria. Edinb. 
1755. 8. (pp. CXX. 420.) — Renzi {Storia di med. in Italia, III. 171) 
erwähnt noch folgende Schriften Eustacchi's: De renibus libellus. Venet. 
1562. De denUbus libellus. Venet. 1562. — Eustacchi's Leben von 
Gentili in den Riflessioni von Petrioli. 

Giov. Fil. Ingrassia aus Recalbuto in Sicilien (1510 — 
1580), ein Zögling Padua's, Prof. zu Neapel, sodann, seit 1563, 
Archiater von Sicilien zu Palermo, muss als der Begründer der 
neueren Osteologie betrachtet werden, die er mit einer Sorgfalt 
bearbeitete, welche späteren Untersuchungen nur wenige Ent- 
deckungen übrig Hess. Auch die Geschichte der Epidemieeu 
verdankt ihm wichtige Beiträge. 

J. P. Ingrassia, Commentaria in Galeni librumde ossibus. Panorm. 
1604. f. (Herausgegeben von seinem Enkel.) — De tumoribus praeter 
naturam. Neap. 1553. f. — latrapologia^ Über, quo niulta adver sus bar- 
baros medicos disputantur. Venet. 1544., und mehrere andere praktische 
Werke. — Ein Schüler Ingrassia's, Giulio lasolini, Nachfolger des- 
selben im Lehramte der Anatomie zu Neapel , schrieb : Quaestiones anato- 
niicae. — OsteoTogia parva. — De cordis adip)e ; de aqua in pericardio ; de 
pinguedine in gener e. Neap. 1572. (Renzi, 1. c. HL 165.) 

Matteo Realdo Colombo aus Cremona (gest. 1559), 
Vesal's Prosector und Nachfolger zu Padua, später Professor zu 
Pisa und bald darauf in Rom, ist eben so rühmlich bekannt 
durch seine zahlreichen und wichtigen anatomischen Leistungen, 
namentlich durch die Genauigkeit und Klarheit seiner Beschrei- 
bungen, als durch seine, sogar gegen seinen grossen Lehrer 
gerichtete, Selbstsucht. Bemerkenswerth ist seine genaue Be- 
schreibung der (schon Bereugar von Carpi bekannten^) Gehör- 
knöchelchen, die des Nervus trochlearis, vielleicht auch des 
Abducens, besonders aber die des kleinen Blut-Kreislaufs^). 

Reald. Columbus, De re anatomica libri XV. Venet. 1559. f. 
Par. 1562. 8. 1572. 8. u. öfter. — Deutsch von A. Schenk, Änatomia, 
deutsch, mit einer Zugabe, worin Sceleta bruta begriffen. Frankf. 1609. f. 



2) S. oben S. 25. 

^) S. unten die Geschichte der Entdeckung des Blut-Kreislaufa. 



52 Dio neuere Zeit. Das sechszehnte Jahrhundert. 

Giulio Cesare Aranzio (auch Aranzi de Maggi) aus 
Bologna (1530 — 7. April 1589), Neffe und Schüler des be- 
rühmten Wundarztes Bartolommeo Maggi, erhielt gleich nach 
seiner Promotion (im Jahre 1556) eine Professar der Anatomie 
in seiner Vaterstadt, welche er 33 Jahre lang, bis zu seinem 
Tode, bekleidete. Aranzio, zugleich hochangesehen durch die 
Ehrenhaftigkeit seines Charakters, erwarb sich die grössten Ver- 
dienste durch seine sorgfältige Beschreibung des schwangeren 
Uterus und des Fötus. Er ist der Entdecker des später nach 
Botallo genannten Ductus arteriosus zwischen der Lungen-Arterie 
und Aorta, obschon er glaubte, derselbe sey dazu bestimmt, die 
Lungen mit arteriellem Blute zu versorgen. — Ferner ist Aranzio, 
welcher in seinen anatomischen Werken auch die Chirurgie be- 
rücksichtigt, bekannt durch einen Commentar zu der Hippo- 
kratischen Schrift über die Kopfivundcn. 

J. C. Arautius, De huniano foetu opusculuni. Rom. 1564. 8. 
Venet. 1571. 4. 1587. 4. u. öfter. — Observationes anatomkae. Venet. 
1587. 4. 1595. 4. Basil. 1679. 8. — Commentarius in librum Hippo- 
cratis de vulneribus cajntis. Lugd. 1639. 12. (Sehr selten.) — Aranzio 
war es auch, welcher das alte Herkommen beseitigte, welches zu Bologna 
alle Professoren der Medicin der Reihe nach zu anatomischen A^orträgen 
verpflichtete. (^S. Bd. I. S. 744.) Von min an durften derartige Vor- 
lesungen neben denen des Professors der Anatomie öffentlich nur zu ge* 
wissen Zeiten des Jahres gehalten werden. Zu Denen, welche von dieser 
Erlaubniss Gebrauch machten, gehörten Varolio und Tagliacozza. 

Costanzo Varolio aus Bologna (1543—1575), Professor 
in seiner Vaterstadt, seit 1573 Professor an der Sapienza zu 
Rom und Leibarzt Gregor's XIIL, ist am bekanntesten durch seine 
Untersuchungen des Gehirns und des Nervensystems. 

C. Varolius, De nervis ojdicis nonnullisque aliis pr^aeter communem 
opinionem in humano capite observatis epistola. Patav. 1573. 8. Francof. 
1591. 8. — Änatomia, s. de resohctione corporis humani libri IV. Francof. 
1591. 8. 

Zu den italienischen Anatomen kann auch der Holländer 
Volcher Koyter (Coeiter, Coiter, Kolter) [1534— IGOO] aus 
einer angesehenen Familie zu Groningen, gezählt werden, welcher 
lange in Italien lebte, und einige Zeit auch in Bologna lehrte. 
Koyter's Hauptverdienste bestehen in der sorgfältigen Beschrei- 
bung der Osteologie des Fötus, der Begründung der Entwicke- 
lungsgeschichte der Knochen, in seinen Beiträgen zur patholo- 
gischen Anatomie, und in den von ihm zur Erläuterung der Ver- 



Hervorragende Anatomen des sechszolinten Jahrhunderts. Ko 

Aranzio, Varolio. Koyter. Fabrizio. ^ 

richtungen des Herzens und des Gehirns unternommenen Vivi- 
sectionen. 

Koyter war in Padna Falloppio's Prosector, in Bologna Schüler Aran- 
zio's und Aldrovandi's, in Rom Freund Eustacchi's. Nach seiner Rück- 
kehr aus Italien lebte er einige Zeit in Montpellier, wo er Rondelct's 
Freundschaft gewann, hierauf als Leibarzt Herzogs Ludwig von Baiern zu 
Amberg in der Pfalz , dann als Stadt - Arzt in Nürnberg , wo er plötzlich 
starb, als er eben im Begriff war, in das zur Unterstützung Conde's be- 
stimmte Heer des Pfalzgrafen Johann Casimir einzutreten. — V. Coite- 
rus, De ossibus et rartilaginibus corporis Jiumani tabuJae. Bonon. 1566. f. 
(Tabellarische Uebersichten, ohne Abbildungen.) — Externarmn et inter- 
narutn principalium corporis humani partium tahulae atque anatomicae 
exercitatioties etc. Norimb. 1572. f. Neuer Titel: 1573. f. (Mit den 
ältesten Abbildungen der Knochen des Fötus.) Lovan. 1653. f. — Auch 
in Henr. Byssonius, Tractatus anatoniicus et medicus de ossibus in- 
fantis cognoscendis^ conservandis et curandis. Accedit Volcheri Coiter 
eortmdem ossiimi historia. Groning. 1659. 12. — A. van den Boon, 
Geschiedenis der ontdekkingen in de ontleedkunde von den mensch gedaan 
in de nordelijke NederJanden. Utrecht, 1851. 8. p, 13 seq. [Israels.] 

Besonders hervorzuheben sind die anatomischen Verdienste, 
welche sich der ehrwürdige Girolamo Fabrizio aus Acqua- 
pendente (1537 — 1619), der Nachfolger Falloppio's zu Padua, 
während eines langen Lebens erwarb. Seine früheste und zu- 
gleich wichtigste anatomische Arbeit ist die über die Venen- 
klappen, deren Entdeckung er vielleicht Sarpi verdankte*). Ferner 
erwarb sich Fabrizio bedeutende Verdienste um die vergleichende 
Anatomie. Nicht minder nimmt er unter den Wundärzten des 
sechszehnten Jahrhunderts eine hervorragende Stelle ein. 

Fabricius ab Aquapendente, De visione, voce et aiiditu. Venet. 
1600. f. Patav. 1600. f. — De venarum ostiolis. Patav. 1603. De 
formato faetu. De respiratione ejusque instrumentis libri IL Patav. 
1615. 4. — De ventricido, intestinis et gula. Patav. 1618. 4. — Die 
drei zuletzt genannten Schriften, nebst de loqueJa brutorum, zusammen : 
Francof. 1624. f. — De motu locali animalium secundum totimi. Patav. 
1618. 4. — Pentateuchos chirurgicum. Francof. 1592. 8. 1604. 8. 
— Opera chirurgica. Paris, 1613. f. Francof. 1620. 8. 1647. 8. 
Lugd. 1628. 8. Patav. 1647. f. 1665. f. Deutsch von Scultetus. 
Nürnb. 1673. — Opera omnia. Patav. 1625. f. Lips. 1657. f. 1687. f. 
Lugd. Bat. cur. B. S. Albinus. 1738. f. — Fabrizio war der erste der 
Paduaner Professoren, welchen man gleichzeitig das anatomische und 
chirurgische Lehramt anvertraute. Er erbaute auf seine eigenen Kosten 
zu Padua eine prachtvolle Anatomie, und hinterliess als Frucht einer aus- 
gedehnten praktischen Thätigkeit, ungeachtet seiner grossen Wohlthätig- 



*) S. unten die Geschichte der Entdeckung des Blut-Kreislaufs. 



MP' 



54 Die neuere Zeit. Das sechszelinte Jahrhimdort. 

keit, ein Vermögen von 200 000 Dukaten. Als man ihm verstattote, 
noch bei Lebzeiten einen Nachfolger zu wählen, so bezeichnete er als 
den Würdigsten seinen Schüler Casserio, der zuerst als Bedienter zu ihm 
gekommen war. 

Griulio Casserio aus Piacenza (1561 — 1616), seit 1604 
Professor der Anatomie zu Padua, machte sich vorzüglich ver- 
dient durch seine Untersuchungen über die Stimm- und Gehör- 
werkzeuge, bei denen er auch die vergleichende Anatomie be- 
rücksichtigte; am meisten aber durch ein unvollendetes Werk, 
welches dazu bestimmt war, die gesamrate Anatomie schriftlich 
und bildlich darzustellen. 

Jul. Casserius, Nova anatomia. France f. 1612. f. — De vocis 
auditusque organis historia anatomica — tractatihus IL expUcata, variis 
iconibus aere excusis ülustrata. Ferrar. (1600.) Mit 37 Kupfern in fol. 

— Pentaestheseion, h. e. de quinque sensihus liber. Venet. 1609. f. 
(33 Kupfertafeln.) Francof. 1610. f. 1622. f. — Tahidae anatomicae 
LXXIIX. etc. Venet. 1627. f. cton supphmentis Dan. Bucretii. S. 1. et 
a. f. Francof. 1632. 4. Deutsch: Frankf. 1656. 4. 

Zu den italienischen Anatomen muss auch Adrian van den 
Spieghel (Spigelius) aus Brüssel (1578 — 1625) gerechnet 
werden. Er wurde, nachdem er zu Löwen und Padua unter 
Fabrizio und Casserio studirt hatte, zum Nachfolger des Letz- 
teren ernannt, starb aber schon früh, in Folge einer Verletzung 
der Hand durch ein gesprungenes Glas, welche er sich auf der 
Hochzeit seiner Tochter zuzogt). — Die Arbeiten Spieghel's be- 
ziehen sich hauptsächlich auf die Leber und das Nervensystem. 
Das anatomische Hauptwerk desselben erschien ebenfalls erst 
nach seinem Tode. 

Adr. Spigelius, De hiimani corx)oris fahrica lihri X. Venet. 
1627. f., herausgegeben von Bucretius mit den Tafeln Casserio's und 20 
neu hinzugekommenen. Francof. 1632. 4. — De formato foetu liber singu- 
laris etc., epistolae duae anatomicae, tractatus de arthritide, Opera posth- 
uma, studio Liberalis Cremae, Tarvisini, edita. Patav. s. a. (1626.) f. 

— Opera quae exstant onmia ed. J. A. v. d. Linden. Amstelodami, 1645. 
f. voll. IL Mit sämmtlichen Tafeln, 107 an der Zahl; ausserdem noch 
Harvey's Exercitatio anatomica, Aselli's Schrift de lactibus et lacteis 
venis, Spigelius de lumbrico lato, und Walaeus, de motu chyli. — 
Das Nähere s. bei Broeckx, Essai sur l'Mstoire de la medecine beige. 
Gand, 1837. 8. p. 148 u. 311. — bes. bei Choulant, Geschichte der 
anatom. Abbildung. S. 76, nebst Proben der Casserio'schen Tafeln. 



^) Janus, III. 247. 



Hervorragende Anatomen des sechszehnten Jahrhunderts. Casserio. KK 

Spieghel. Vesling. Severino. Valverde. 

Auch Johann Vesling (Wesling) aus Minden (1598 — 1649), 
im Jahre 1627 «Incisor» bei dem ärztlichen Collegium zu Venedig, 
seit 1632 Professor der Anatomie und Botanik zu Padua, muss 
zu den italienischen Anatomen dieser Periode gezählt werden, 
Vesling machte sich vorzüglich durch Ausbildung hervorragender 
Schüler, durch ein tüchtiges Handbuch der Anatomie, und durch 
eine zweimalige botanische Reise in den Orient bekannt. 

Joh. Vesling, Syntagma anatomicum. Patav. 1633. 4. Francof. 
1641. 4. Patav. 1647. 4. Amstel. 1659. 4. 1666. 4. Traj.adEh. 1696. 4. 

— Dexitsch: Leiden, 1652. 4. Nürnb. 1687. 8. — Holländisch: 1661. 8. 

— Englisch: Lond. 1653. f. (24 Kiipfertafeba von massigem Werthe.) 
Die Tafeln allein : Padova, 1709. f. — Ohservationes anatomicae. Hafn. 
1664. 8. (Mit Epistolae medicae) ed. Th. Bartholinus. Hag. Comit. 1740. 
8. — Schon in Venedig hatte Vesling so grossen Beifall, dass der grösste 
Theil der deutschen Mediciner von Padua, um ihn zu hören, diese Univer- 
sität verliess. Später in Padua war die Zahl seiner Zuhörer so gross, dass 
einmal das Auditorium zusammenbrach. Corradi, a. a. 0. [Bd. I. 
S. 733.] p. 17. 

Marc' Aurelio Severino aus Tarsia in Calabrien, Prof. 
zu Neapel, bekannt durch die von der Inquisition gegen ihn 
gerichteten Verfolgungen und als einer der berühmtesten Lehrer 
seiner Zeit, ist besonders wichtig durch seine vergleichend-ana- 
tomischen und chirurgischen Arbeiten. 

M a r c' A u r. S e V e r i n u s , ^Too^om«« DemocHfea. Norimb. 1645, 4. 
Vergl. unten die Geschichte der Chirurgie im sechszehnten Jahrhundert. — 
Weniger wichtig sind Archangelo Piccolomini aus Ferrara (geb. 
1526), und Giambattista Carcano Leone (geb. 1536), FaUoppio's 
Schüler, seit 1573 Professor zu Pavia. Arch. Piccolomini veröffentlichte 
Anatomicae praelectiones. Rom. 1586. f. ed. Joh. Fantoni, mit einigen 
wenig naturgetreuen Abbildungen [«Malae et ex arbitrio fictae.» HaUer.] 

— Vergl. Choulant, Geschichte der anatomischen Ähhildung. 75. — 
Die unter Piccolomini' s Namen erschienene Anatomia integra, revisa, 
tabulis explanata etc. Veronae, 1754. f. ist unächt, und in den Tafeln ein 
Abdruck der Platten von dem Catoptrum microcosmicum des deutschen 
Arztes Joh. Remmelin. — G. B. C. Leone, De cordis vasorum in 
foetu unione. Pavia, 15 74. — De musculis palpebrarum ocidorum motihus 
inservientibus. Pavia, 1574. u. m. a. Sehr. — Vergl. Renzi, a. a. 0. 

m. 175. 

Untergeordneter sind die vereinzelten anatomischen Leistun- 
gen einiger spanischer Aerzte des sechszehnten Jahrhunderts. — 
Valverde de Hamusco, aus Castilla la Viega, welcher in 
Padua und Rom unter Colombo und Eustacchi studirt hatte, gab 
ein anatomisches Handbuch mit Copieen Vesal'scher Figuren und 



56 Die neuere Zeit. Das sochszehnto Jahrhundert. 

einigen wenigen Originaltafeln heraus, welches vorzüglich dazu 
bestimmt war, Vesal's Irrthtimer zu berichtigen. 

Juan de Valverde de Hamusco, Historia de la composicion del 
cuerpo humano. Roma, 1556. f. (42 Kupfertafeln.) — Italien. : Roma, 
1560. f. — Latein.: Antverp. 1566. f. 1568. f. Venet. (von Mich. 
Columbus, dem Sohne des Realdus C.) 1579. f. 1589. f. 1607. f. — 
Holländisch: Antwerpen, 1568. f. — S. Choulant, GescJdchte der 
anat. Abbild. 63 ff. und Morejon (Bibliografia med. espahola, III. 369 ff.), 
welcher den Inhalt jenes Werks weitläufig mittheilt. Nach Morejon ver- 
fasste Valverde ferner eine Schrift: De an'mii et corporis sanitate tuenda 
Uhellus. Paris, 1552. 8. — Juan de Arphe y Villafane, ein spani- 
scher Künstler, veröffentlichte ebenfalls anatomische Zeichnungen nach 
eigenen Präparaten (zuerst Sevilla, 1585), die nur für die Kunst- Anatomie 
von einigem Interesse sind. 



Deutschland. Holland. 

344. In Deutschland erscheint als der früheste Vertreter 
der von Vesalius eingeschlagenen Richtung Felix Platter (1536 
— 28, Juli 1614), Professor zu Basel, zugleich einer der ange- 
sehensten Praktiker dieser Periode. Platter war nächst Vesalius^) 
der Erste, welcher zu Basel (im Jahre 1557) eine menschliche 
Leiche zergliederte. Auf seinen Antrieb gründete man im Jahre 
1588 einen botanischen Garten und ein anatomisches Theater, 
nebst einer Professur für diese Fächer. Die Zahl der von Platter 
in fünfzig Jahren zergliederten Leichen erhob sich auf drei- 
hundert. Sein anatomisches Hauptwerk beruht zum Theil auf 
eigenen Untersuchungen-, die Abbildungen sind grösstentheils 
gute Nachbildungen der Vesal'schen. 

Felix Platerus, De corporis humani structura et usu lihri III, 
tabiüis methodice explicati, iconibus acute illustrati. Basil. 1583. f. 1603. 
f. (Mit 50 Kupfertafeln.) Daraus besonders abgedruckt: De muUerum 
partibus generationi dicatis icones. — Auch in Spach's Gynaecia. — 
Vergl. Hall er, Kleine Schriften, II. 193, — Felix Platter selbst erzählt, 
dass er sich in Montpellier als Student, unterstützt von seinen Freunden, 
durch Diebstahl Leichen verschaffte, die alsdann in Gegenwart von Stu- 
denten, Bürgern und — Damen secirt wurden. 

Von grossem Interesse sind die von Thomas Platter, dem Vater, Prof. 
der Medicin zu Basel, und dessen Sohn Felix herrührenden Tagebücher, 
deren Inhalt durch die von G. Freitag {Bilder aus deutscher Vergangen- 
heit. 4te Aufl. Leipz. 1863. 8. I. S. 262) gegebenen Auszüge allgemein 
bekannt geworden ist. — Thomas Platter, gebürtig aus Gränchen, einem 



^) S. oben S. 33. 



Hervorragende Anatomen des sechszehnten Jahrhunderts. Valverde. Platter. Bauhin. o7 

einsamen Dörfchen am östlichen Abhänge des Zermatt -Thaies in Wallis, 
erzählt hauptsächlich von den Erlebnissen, die er viele Jahre lang als 
«fahrender Schüler» erduldete. In dem Berichte des Sohnes ist am an- 
ziehendsten die Darstellung seiner Studien-Zeit in Montpellier, seiner Pro- 
motion, Verlobmig und Vermählung. — D. A. Fechter, TJiomas Platter 
und Felix Platter, zwei Antohiographieen. Ein Beitrag zur Sittengeschichte 
des 16ten Jahrhunderts. Basel, 1840. 8. — Französisch von E. Fick: 
Memoires de Fei. Platter, medecin balois. Geneve, 1866. 8. (pp. XV. 155. 
Papier und Druck im Geschmack des 16ten Jahrhunderts.) — F. Miescher, 
Die medicinische Fakultät in Basel und ihr Aufschivung unter F. Plater 
und C. Bauhin. Mit dem Lehenshilde von Felix Plater. Basel, 1860. 4. 
(SS. 53.) — Von Platter's Verdiensten um die praktische Medicin wird 
später gehandelt werden. — Thomas Platter, der Sohn, Felix' Bruder 
(38 Jahre jünger als dieser), wurde im Jahre 1614 Professor der Anatomie 
und Botanik in Basel. Als Schriftsteller ist derselbe nicht aufgetreten. 

Der Nachfolger Felix Platter's, Caspar Bauhin (17. Jan. 
1560 — 5. Dec. 1624), aus einer länger als zweihundert Jahre 
blühenden, aus Araiens stammenden, Familie, zweiter Sohn Job. 
Bauhin's, am bedeutendsten als Botaniker, nimmt auch unter den 
Anatomen dieser Periode eine ehrenvolle Stelle ein. Am be- 
kanntesten ist er durch die ihm zugeschriebene Entdeckung der 
seinen Namen führenden, aber schon von Falloppio erwähnten, 
Blinddarmklappe, und durch die Begründung der noch gegen- 
wärtig allgemein gebräuchlichen anatomischen Terminologie. 

Der Stammvater der Familie, Jean Bauhin (1511— 1582), floh unter 
Franz I. um seines reformirten Glaubens willen aus Amiens nach England, 
lebte dort als Arzt, kehrte nach Paris zurück, wurde eingekerkert, zum 
Feuertode verurtheilt, aber durch Verwendung seiner Gönnerin Margaretha 
von Navarra befreit. Erneute Verfolgungen trieben ihn im Jahre 1541 
von Antwerpen nach Basel , wo er sich namentlich als Chirurg Ansehn er- 
warb. — Sein ältester Sohn, gleich ihm Johannes geheissen (3. Februar 
1543 — 1613), ein bedeutender Botaniker, lebte vierzig Jahre als Würtem- 
bergischer Leibarzt in Mömpelgart, und machte sich hauptsächlich um 
mehrere schwäbische Heilquellen verdient. Moll, Würtemherg. med. 
Correspondenz-Blatt, 1854. No. 34. — Der zweite Sohn Jean Bauhin's, 
Caspar, der Anatom, studirte in Padua, bereiste Italien, besuchte Mont- 
pellier und Paris, wo er, als Gehülfe des Anatomen Severin Pinean, 
die Blinddarm - Klappe entdeckte. — Nach einem kurzen Aufenthalt in 
Tübingen kehrte C. Bauhin nach Basel zurück, wurde als Lehrer der grie- 
chischen Sprache angestellt, hielt aber zugleich auch anatomische und bo- 
tanische Vorlesungen. Bald darauf wurde er ordentlicher Lehrer dieser 
Fächer, im Jahre 1613, nach Felix Platter's Tode, der praktischen Medicin, 
und zugleich Mömpelgart'scher Leibarzt. — Als Botaniker ist Caspar 
Bauhin erwähnenswerth wegen seines , häufig glücklichen , Versuchs , die 
Pflanzen nach ihrem Gesammt - Habitus zu ordnen, wegen der von ihm 
herausgegebenen Flora von Basel, {Catalogus plantaruni circa Basileam 



58 Die neuere Zeit. Das sochszehnte Jahrhundert. 

sponte nascentinm. Bas. 1622. 8.), wahrscheinlich das erste Werk dieser 
Art, und durch seinen Phytopinax. Basil. 1596. 4., eine Aufzählung 
aller bis dahin bekannten Pflanzen. Auch in der Botanik erhielt sich die 
von ihm eingeführte Nomenclatur bis auf Linne. 

Die wichtigsten anatomischen Schriften Caspar Bauhin's sind : Ana- 
tomes Hb. 1. externarum corporis Jminani partium ajjpellationem — con- 
tinens. Basil. 1588. 8. 1591. 8. — De corporis humani fabrica. Basil. 
1590. 1592. 8. Mit plumpen Abbildungen, aber vielen historischen Notizen. 
— De partibus humani corporis. Bas. 1602. 4. Appendix s. explicatio 
tabulariim. Ibid. 1605. 8. — Institutiones anatomicae. Bas. 1609. 8. 
1621. Die Abbildungen besonders: Francof. 1640. — Von Interesse für 
die Sittengeschichte ist der von Hess zum Theil veröfiPentlichte Briefwechsel 

Caspar Bauhin's mit seiner Braut. J. W. Hess, Kaspar Bauhin's 

Leben und Charakter. Basel, 1860. 8. (SS. 72.) [Aus dem 7ten Bande 
der Beiträge für vaterländische Geschichte.^ — Wolf, Biographieen zur 
Kulturgeschichte der Schweiz. III. 63 flf. — Caspar's einziger Sohn, Joh. 
Caspar Baiihin, ebenfalls Professor der Anatomie in Basel, stand als 
Praktiker in hohem Ansehn. Seine Schriften sind unbedeutend. 

Zu den um die Anatomie verdienten deutschen Aerzten des 
sechszebnten Jahrhunderts gehört ferner Salomon Alberti 
aus Naumburg (1540 — 1600), Professor zu Wittenberg, später 
Leibarzt zu Dresden, am bekanntesten durch seine vortreffliche 
Schrift über die Thränen -Werkzeuge, ausserdem als tüchtiger 
Kenner der Geschichte der Medicin, am meisten durch tüchtige 
gerichtlich-medicinische Arbeiten. 

Sal. Alberti, Historia plerarumque partium humani corjjoris, in 
usum tyronum edita. Viteb. 1583. 8. 1585. 8. 1601. 8. 1602. 8. 
1630. 8. Mit etwa 30, meist eigenthümlichen, Abbildungen in rohen 
Holzschnitten. — Ders., De lacrymis. Viteb. 1581. 4. Auch in Haller, 
Diss. anat. IV. 53 seq. 

Der Vorläufer von der glänzenden Reibe berühmter Anatomen, 
welche die Niederlande seit dem siebzehnten Jahrhundert bis 
auf die Gegenwart aufweisen, ist Pieter Paaw (Paauw, 
Pavius) aus Amsterdam (1564—1617), seit 1589 Prof. der Ana- 
tomie und Botanik zu Leyden, wo er in dem 1597 mit grossen 
Kosten erbauten anatomischen Theater während 22 Jahren 
60 Leichen zergliederte. Sein Handbuch der Osteologie gehörte 
zu den besten Werken dieser Art, und ist bemerkenswerth wegen 
der Angaben über die Verschiedenheiten der Schädel von Türken, 
Grönländern, Abyssiniern und Aethiopen. 

P. Pavius, Primitiae anatomicae de humani corporis ossibus. L. B. 
1615. 4. — Vergl. Banga, Geschiedenis van de Geneeskunde in Neder- 
land. I. 798 seq. 



trjervorragonde Anatomen des sechszolinten Jahrh. Caspar Bauhin. Alberti. Paaw. I^O 
BereicherungBu der Anatomie in der zweiten Hälfte des secliszehuton Jalirhunderts. 



Die wichtig-sten Bereicherung-en der Anatomie in der zweiten Hälfte 
des sechszehnten Jahrhunderts. 

Eine vollständige Aufzählung der von den Zeitgenossen und Nach- 
folgern des grossen Anatomen von Brüssel während des sechszehnten Jahr- 
hunderts gemachten Entdeckungen liegt nicht in uusrer Aufgabe. Eine 
solche findet sich bei Sprengel, III. 49 ff., und in Burggr aeve's Prccts 
de Vhistoire de l'anatoniie. Gand, 1840. 8. 

S45. Vesalius hatte für alle Theile der Anatomie eine feste 
Grundlage geschaffen, auf welcher sich der fernere Ausbau dieser 
Wissenschaft entwickeln konnte. Die verhältnissmässig am 
weitesten vorgeschrittene Osteologie fand später besonders 
an Falloppio und Ingrassia hervorragende Bearbeiter. Nament- 
lich erhielt von allen Theilen der Entwickelungsgeschichte die 
des Knochensystems aus nahe liegenden Gründen am frühesten 
eine verhältnissmässig vollkommene Gestalt'). — Die Myologie 
fand an Cannani^) ihren vorzüglichsten Bearbeiter. — Die ge- 
nauesten Untersuchungen des Darmkanals rühren von Falloppio, 
der Respirations-Organe, namentlich der Stimm- und Sprach- 
Werkzeuge, von Fabrizio her^). 

Von besonderer Wichtigkeit sind die im sechszehnten Jahr- 
hundert gemachten Entdeckungen in Betreff des Herzens und 
der Gefässe, namentlich diejenigen, welche die Kenntniss des 
Kreislaufs vorbereiteten. — Das bereits von Galen gekannte 
Foramen ovale im Herzen und der Ductus arteriosus, welcher 
mit Unrecht Botallo's Namen führt, wurden von Vesalius, Fal- 
loppio, Aranzio u. A. genauer beschrieben. Eben so von Eustacchi 
die nach ihm benannte Klappe. 

Am wichtigsten wurde eine von den scheinbar unbedeutend- 
sten Entdeckungen, die der Venen-Klappen, weil sie höchst- 
wahrscheinlich den ersten Anstoss zu der Entdeckung des Blut- 
Kreislaufs gab. Das Verdienst der Auffindung jener Gebilde 
gebührt unstreitig Cannani*), welcher im Jahre 1546 in der Vena 
azygos Klappen bemerkte, denen er die Function zuschrieb, das 
Einströmen des Blutes aus diesem Gefässe in die Hohlader zu 
verzögern. Aber erst im Jahre 1574 wurden die Venen-Klappen 
durch Fabrizio, welchem übrigens Cannani's Angaben fremd ge- 



») S. oben S. 49 u. 53. ^] S. oben S. 26. ^) S. oben S. 53. 

*) S. oben S. 26. 



QQ Die nenero Zeit. Das sechszehnto Jahrhundert. 

blieben zu seyn scheinen, allgemein bekannt. Freilich betrachtete 
Fabrizio, in Uebereinstimmung mit der herrschenden Lehre, als 
die Aufgabe der Venen -Klappen, den zu heftigen Andrang des 
von den Stämmen in die Zweige sich ergiesseuden Blutes zu 
massigen. 

«[Venarum ostiola] ea ratione, nt opinor, a natura genita, ut san- 
guinem quadantenus remorentur, ue confertim ac fiuminis instar aut ad 
pedes aut in manus et digitos universus influat, colligaturque, duoque in- 
commoda eveniant : tum nt snperiores artuum partes alimenti penuria la- 
borent, tum vero manus et pedes perpetuo tumore premantur.» Fabricius^ 
Opera. Lips. 1687. p. 150. — Bereits Jac. Sylvius hatte in mehreren 
Venen Klappen bemerkt, ohne ihnen eine besondere Beachtung zu schenken. 
{Isagoge, I. 4.) Ebenso Vesalius an den Leber- Venen. 

Der Bau der Nieren wurde besonders genau von Eustacchi 
untersucht. Er wies bereits auf die Bedeutung des Blutdruckes 
für die Harn-Secretion hin, und gedenkt zuerst der Neben-Nieren 
und der später sogenannten Bellini'schen Röhren. — An den Ge- 
nitalien entdeckte Massa") die Prostata, Falloppio die Samen- 
bläschen. Eben derselbe beschrieb die Clitoris sorgfältiger, und 
ist der Einzige, der das Hymen genau kennt, über dessen Existenz 
und Bedeutung sich bei den Uebrigen die wunderbarsten Vor- 
stellungen finden. Den Uterus und seine Anhänge beschrieben 
Falloppio und Eustacchi am besten, ersterer besonders die nach 
ihm benannten Trompeten, Die Ovarien galten fortwährend für 
Drüsen, bestimmt, den weiblichen Samen zu bereiten. — Das 
Gehirn war bereits von Vesalius mit besonderer Sorgfalt unter- 
sucht worden. Unter seinen Nachfolgern widmete Varolio diesem 
Gegenstande die grösste Aufmerksamkeit. Dagegen erhielt sich 
in der Physiologie des Gehirns das Ansehn Galen's noch lange 
ungeschwächt. Fortwährend galt es für ein drüsenartiges Organ, 
auf der einen Seite dazu bestimmt, aus dem feinsten ihm durch 
die Carotiden zugeführten Blute die Lebensgeister abzusondern 
und in die Nerven überzuleiten, auf der andern als Secretions- 
Organ des durch die Siebplatte zur Nase und zum Schlünde ab- 
fliessenden, für die Anfeuchtung der Athem-Werkzeuge nothwen- 
digen, Schleimes zu dienen. — In Betreff der einzelnen Nerven 
nehmen die Untersuchungen von Falloppio die erste Stelle ein. 
— Eben derselbe beschrieb am genauesten die inneren Theile 
des Auges, namentlich die Ciliar-Fortsätze, die Tunica hyaloidea, 

") S. oben S. 26. 



Bereicherungen der Anatomie in der zweiten Hälfte des sechszehnten Jahrhunderts. AI 
Die praktische Medicin. Bekämpfung des Arabismus und Galenismus. 

und die Gestalt der Linse. -:- Den Ursprung der Sehnerven aus 
den Sehhügeln entdeckte Eustacchi , wobei er freilich auch das 
Hohlseyn desselben (eine Meinung, zu welcher die Arteria cen- 
tralis verleitete) vertheidigte; ein Irrthum, den schon Berengar, 
noch bestimmter Vesalius, berichtigt hatte. — Im Gehörorgane 
waren der Hammer und Ambos schon im Jahre 1480 von 
Achillini entdeckt worden*^); den Steigbügel fanden Ingrassia 
und Eustacchi gleichzeitig um 1546. Die kleinen Muskeln der 
Paukenhöhle beschrieben zuerst Eustacchi und Koyter genauer. 
Die Tuba und die Spindel fand Eustacchi; aber die genaueste 
Beschreibung aller Theile des Gehörorgans gab Falloppio. 



Die praktische Medicin im sechszehnten Jahrhundert. 

Bekämpfnng des Arabismus nnd Galenismus. 

Brissot. Servetü. 

246. So war durch Vesalius und die ihm Nachstrebenden 
die Herrschaft Galen's auf demjenigen Gebiete gebrochen, auf 
welchem sie die festesten Wurzeln geschlagen zu haben schien. 
Um so unerschütterlicher bestand dieselbe noch lange Zeit in 
der Physiologie und Pathologie. Ja! es schien lange Zeit hin- 
durch, als ob die emsige Beschäftigung mit den durch die Be- 
mühungen so vieler gelehrter Aerzte gereinigten und allgemein 
zugänglich gewordenen Schriften des Arztes von Pergamus nur 
dazu gedient habe, die Auctorität desselben und die der Griechen 
überhaupt noch mehr zu befestigen. 

Indess erhoben sich doch sehr bald auch auf dem Gebiete 
der praktischen Medicin sehr lebhafte Bewegungen gegen das 
herrschende System. Nach kurzer Zeit steigerten sie sich zu 
einem Sturme, der alles Bestehende mit sich fortzureissen und 
zu vernichten schien ; mehr als ein Jahrhundert hindurch lassen 
sich die Wirkungen desselben verfolgen; bis allmälig vor der 
immer klarer hervortretenden Einsicht in die Erfordernisse für 
das Fortschreiten der praktischen Heilkunde ein ruhigerer Gang 
der Entwickelung eintrat. 

Die während des sechszehnten Jahrhunderts gegen den Ga- 
lenismus und Arabismus gerichteten Angriffe sind die unmittel- 

«) S. oben S, 24. 



62 Die neuere Zeit. Das sechszelinte Jahrhundert. 

bare Fortsetzung derjenigeii, welche schon seit dem vierzehnten 
Jahrhundert, mit dem Wieder- Erwachen der humanistischen 
Studien, von einzelnen ihre Zeit überragenden Männern, z. B. 
von Arnald von Villanova, von Petrarca, ausgegangen waren ^). 
Die Uebermacht der Scholastik hatte diese Bewegungen er- 
stickt; aber seit dem siegreichen Hervorbrechen der freieren 
Anschauungen im sechszehnten Jahrhundert erwachten sie zu 
neuem Leben. 

Die ersten von diesen Angriffen sind schüchterne Bestreitungen 
einzelner von den schwächsten Kapiteln der hergebrachten Lehren; 
— allmälig breitet sich der Kampf auf immer mehrere Punkte 
aus ; bis zuletzt ein durch Genialität und Kühnheit hervorragender 
Arzt es unternimmt, das herrschende System an seiner Wurzel 
zu erfassen, um es vollständig auszurotten. Von diesen Kämpfen 
des Paracelsus und seiner Genossen, von dem hartnäckigen 
Widerstände der Gegner ist die ganze zweite Hälfte des sechs- 
zehnten, es ist von ihnen ein guter Theil selbst noch des sieb- 
zehnten Jahrhunderts erfüllt. Die Geschichte kann sich der 
Darstellung derselben nicht entziehen, aber mit um so grösserer 
Freude kehrt sie alsdann zu der Betrachtung derjenigen Be- 
strebungen zurück, welche zu derselben Zeit, mehr oder weniger 
unbeirrt und ungestört durch das verworrene Getümmel des 
grossen Haufens, auf die Begründung und Förderung der wissen- 
schaftlichen Heilkunde gerichtet sind. 

Die während des sechszehnten Jahrhunderts gegen das herr- 
schende System unternommenen Angriffe werden eröffnet durch 
den nach seinem Urheber so genannten Brissot'schen Aderlass- 
Streit, weniger wichtig durch seine Veranlassung, als durch seine 
nachhaltigen Folgen. 

Die Vorschrift der Hippokratiker, die Vene so nahe als mög- 
lich an dem entzündeten Theile zu öffnen, war bei den späteren 
Griechen zufolge hypothetischer Meinungen über die Vertheilung 
der Venen und die Natur der Entzündung immer mehr in Ver- 
gessenheit gerathen. Allmälig hatte sich sogar die Lehre aus- 
gebildet, dass der Aderlass in der Nähe der leidenden Stelle 
(«Derivation») schädlich sey, weil er das Blut noch mehr zu 
dem entzündeten Theile hinziehe. Man öffnete deshalb bei den 
Entzündungen, namentlich bei den «metastatischen» Entzündun- 
gen, vorzüglich bei der «Pleuritis» (seit alter Zeit die gemein- 



') S. Bd. I. S. 718 ff. 729 ff. 



Die praktische Medicin. Bekämpfung des Aratismus. Der Brissct'sohe Aderlass-Streit. 63 

same Benennung der Entzündung des Brustfells und der Lunge) 
um die vermeintliche Hyperämie des erkrankten Theiles zu ver- 
meiden, welche man von dem an der leidenden Seite angestellten 
Aderlasse befürchtete, und um das Blut von dem ersteren ab- 
zulenken («Revulsion»), eine Vene an dem Arme der entgegen- 
gesetzten Seite, oder an entfernten Stellen, hauptsächlich am 
Fusse, wobei die Menge des entleerten Blutes, namentlich im 
letzteren Falle, in der Regel eine sehr geringe war. — Diese 
von den Arabern mit ihrer gewöhnlichen Spitzfindigkeit ausge- 
bildeten Lehren standen in unerschüttertem Ansehn bis zum 
Anfange des sechszehnten Jahrhunderts. 

Pierre Brissot (1478 — 1522) aus Fontenay le Comte in 
Poitou, Professor zu Paris, einer der gelehrtesten Hippokratiker, 
seit lange von der Unzweckmässigkeit der arabischen Methode 
des Aderlasses überzeugt, hatte im Jahre 1514 bei einer epide- 
mischen «Pleuritis» Gelegenheit, die Vorzüge der Hippokratischen 
Methode des Aderlasses vor der arabischen zu beobachten. Zwei 
Mitglieder der Fakultät, Villemore und Heiin, traten aufBris- 
sot's Seite ; aber die Angriffe seiner Gegner, welche sogar bei dem 
Parlament ein Verbot seiner Methode erwirkten, und seine Vor- 
liebe für naturhistorische Arbeiten veranlassten Brissot, Paris zu 
verlassen und sich nach Portugal zu begeben, wo er sich durch 
fortgesetzte Beobachtungen (namentlich im Jahre 1518 bei einer 
Epidemie zu Evora) immer mehr von den Vorzügen des Ader- 
lasses am Arme der leidenden Seite überzeugte. Aber auch hier 
fand er heftige Widersacher, namentlich au dem Leibarzte des 
Königs, Denis (Dionysius), welcher eine besondere Schrift gegen 
Brissot richtete^). Sie veranlasste diesen zu der berühmten 
Gegenschrift, welche aber erst drei Jahre nach seinem, zu 
Lissabon an der Ruhr erfolgenden, Tode erschien, Brissot be- 
kennt sich in dieser zwar geistreich und elegant geschriebenen, 
aber auch mit der ganzen Dialektik ihrer Zeit ausgestatteten, 
Abhandlung unbedingt zu den Ansichten des Hippokrates und 
Galen, zu ihren durchaus verworrenen Meinungen über die Ver- 
theilung der Gefässe und über die Entzündung. Auch er hält 
fortwährend an der Lehre fest, dass der Nutzen des Aderlasses 
darin bestehe, das in den entzündeten Theilen stockende und 



*) In dem Werke Brissot's ist nur von einem umfangreichen Briefe 
(«epistola, quae vel mediocre volumen aequaret») die Rede, dessen Ver- 
fasser nicht genannt wird. 



64 Die neuere Zeit. Das sechszehnte Jahrhundert. 

verdorbene Blut zu beseitigen, und das gesunde Blut von der 
erkrankten Stelle abzuleiten. 

Petrus Brissotus, Äpologetica disceptatio, qua docetur, per quae 
loca sanguis niitti debeat in viscerwn inflammationibus , praesertim in pleu- 
ritide. Par. 1525. 4. (Herausgegeben von seinem Freunde Ant. Luceus 
aus Evora.) 1538. 8. Basil. 1529. 8. Venet. 1539. 8. Zvüetzt ed. R. 
Moreau. Par. 1622. 8. (mit Brissot's Leben.) — Sehr gut sagt Brissot 
an einer Stelle, sein Gegner verlange «avertendum omnem defluentem bu- 
morem longe a morbo ; ego contra foras a corpore, quod multo longius 
est.» — Das Ergebniss seiner wenig erquicklichen Untersuchung fasst 
Brissot am Schlüsse der Schrift in folgende Worte zusammen: «Ego in 
pleuritide dextra internam cubiti dextri venam seco, bis eodem die, si 
aeger patitur, qua nocentissimum corporis humorem, qui defluxionis causa 
erat, educo, sed a phlegmone reveUendo valide ac celeriter, simulque 
totum corpus evacuo, plus tamen a partibus phlegmone vicinis. Tum cru- 
rum ac sinistri brachii et cutis frictionibus, quandoque aliis, ut cucur- 
bitis, scarificationibus aut venae sectione, humorum molem converto ad 
distantissima, tractibus caloris dolorisque obsistens, simulque refrigeran- 
tibus humidisque citra adstrictionem spissantibus, quae sensus acrimoniam 
leviter obtundunt, neque humorem trahi neque tractum fluere ob spissitu- 
dinem permitto. Sic dolore et calore mitigato spuitiones humidis exte- 
nuantibus feliciter promoveo.» 

Die Schrift Brissot's, das einzige auf uns gekommene Werk 
desselben, war die entschiedenste Kriegserklärung gegen den 
Arabismus. Der Streit, den sie erregte, wurde so heftig, dass 
man ihn der Universität Salamanca, und als diese sich für Brissot 
erklärte, Kaiser Karl V. zur Entscheidung vorlegte, indem man 
betheuerte, die neue Irrlehre sey nicht minder gefährlich, als 
die Ketzerei Luther's. In Bologna fand sogar unter dem Vorsitz 
Clemens YII. ein Concil von Aerzten (unter ihnen Lobera, Leib- 
arzt Kaiser Karl V.) über die von Brissot angeregte Frage Statt. 
Der Erfolg dieser Angriffe war indess gering, weil gerade da- 
mals (gegen das Jahr 1525) ein Verwandter des Kaisers (wahr- 
scheinlich ein Sohn des Herzogs Karl III. von Savoyen) an einer 
nach arabischer Art behandelten «Pleuritis» gestorben war. Der 
Streit, an welchem sich auch Vesalius durch eine besondere 
Schrift betheiligte, in welcher er die für den Aderlass bei der 
«Pleuritis» zu befolgenden Regeln auf die anatomische Ver- 
theilung der Venen, namentlich auf das Verhalten der Vena 
azygos zu den Rippen -Venen der rechten Seite, zu begründen 
suchte^), spann sich fort fast bis zum Ende des sechszehnten Jahr- 



') S. oben S. 36. 



Die praktische Medicin. Bekämpfung des Arabismus. Der Brissot'sche Aderlass-Streit. 65 

hunderts; denn es handelte sieb im Grunde nicht um den Ort 
des Aderlasses, sondern um das Ansehn der Araber und der 
Griechen. Zudem fehlte es auf keiner Seite an Uebertreibungen 
und Irrthümern. Mehrere Schüler Brissot's verwarfen sogar bei 
der «Pleuritis» den Aderlass gänzlich, und erregten dadurch Ver- 
handlungen, kaum minder lebhaft als diejenigen, welche die- 
selbe Frage schon im Alterthum^) und in der Gegenwart zu 
wiederholten Malen erzeugt hat. 

Hierher gehören mehrere Schriften von Jeremias Thriverius 
(de Dryvere [1504 — 1554]), einem der vorzüglichsten Lehrer der 
Universität Löwen, in denen er als Vermittler zwischen Brissot und dessen 
Gegnern auftritt : De missione sanguinis in pleuritide ac aliis phlegmonis 
tarn externis quamque [sie] internis Omnibus cum Petro Brissoto et Leo- 
nardo Furhsio disceptatio ad medicos Parisienses etc. Lovan. 1532. 4. 

— CoroUarium siqyer missione sanguinis in p)leuritide. Lovan. 1541, 12. 
u. m, a. Sehr. — Vergl. Broeckx, Prodrome [S. Bd. I. S. 831], p. 29 seq. 

— Ferner Poupart, *Traicte [sie] de la saignee contre les tiouveaux 
Erasistratiens qui sont en Guyenne. [Bibl. Paris.] — Im siebzehnten Jahr- 
hundert trat hauptsächlich van Helmont als Gegner des Aderlasses auf. 
Das eben so reiche Material des achtzehnten Jahrhunderts ist verarbeitet 
in Mezler, Geschichte des Aderlasses. Ulm, 1793. 8. — Vergl. auch 
Maschke, Diss. qua historia litis de loco venaesertionis in pleu7'itide ven- 
tilatur. Hai. 1793. 8. 

Von Neuem wurden diese Verhandlungen gegen Ende des 
sechszehnten Jahrhunderts angeregt durch Leonardo Botallo 
aus Asti (geb. 1530), in späteren Jahren Leibarzt Karl' IX. und 
Wilhelm's, Herzog von Brabant zu Paris, einen der angesehensten 
Praktiker seiner Zeit. Botallo empfahl die Venäsection fast bei 
allen Krankheiten, besonders auch bei dyskrasischen Zuständen. 
Er ging so weit, in akuten Krankheiten ohne Rücksicht auf den 
Zeitraum des Uebels 4 — 5 mal Aderlässe von 3 — 4 Pfunden 
vorzunehmen; ein Vampyrismus, welcher sich vielleicht zum 
Theil dadurch erklärt, dass Botallo in Oberitalien lebte, wo von 
jeher ein entzündlicher Krankheitscharakter geherrscht haben 
soll, und dass er als Feldarzt in der Regel mit kräftigen 
Individuen zu thun hatte. Botallo fand in Italien, Frankreich 
und Spanien viele Anhänger, aber auch sehr heftige Gegner, 
besonders an den Hippokratikern, vor Allen an der allen Neue- 
rungen abgeneigten Fakultät von Paris. 

Leon. Botall US, De curatione per sanguinis missioneni, de inci- 
dendae venae, cutis scarificatione et hirudinum applicandarum modo. Lugd. 



*) S. Bd. I. S. 240. 

Haeser, Gesch. d. Med. IL 



QQ Dio neuere Zeit. Das sechszehnte Jahrhundert. 

1577. 8. 1580. 8. 1655. 8. Basil. 1579. 8. Antverp. 1583. 8. — 
Opp. L. B. 1660. 8. — Unter den Gegenschriften vergl. Bonaventura 
Granger, De cautionibus in sanguinis missione adhlbendis. Paris, 1578. 

NicM minder heftig war ein zweiter gegen die arabistische 
Praxis gerichteter Angriif, welcher von dem durch sein unglUcli- 
liches Schicksal bekannten, auch für die Geschichte der Ent- 
deckung des Blut-Kreislaufes nicht unwichtigen, Miguel Ser- 
veto aus Villanueva in Arragonien (1509 — 27. October 1553) 
ausging. 

Neben andern Arznei-Formen waren durch die Araber auch 
die den Alten unbekannten Syrupe in allgemeinen Gebrauch 
gekommen. In den akuten Erkrankungen galten sie als Haupt- 
mittel zur Beförderung der «Kochung». Es war deshalb einer 
der heftigsten Schläge gegen die arabistische Medicin, als Ser- 
veto den Gebrauch der Syrupe, namentlich aber die ganze ara- 
bistische Lehre von der Kochung, einer scharfen Kritik unter- 
warf, in welcher er hauptsächlich nachwies, dass die Cardinal- 
Säfte, mit Ausnahme des Schleims, einer derartigen Kochung 
überhaupt nicht fähig sind. 

Syruporum universa ratio ad Galeni censuram diligenter expolita, 
Michaele Villanovano authore. Paris, 1537. 8. Venet. *154:5. 8. [Univ.- 
Bibl. Breslau.] Lugd. 1546. 8. Die Schrift wurde namentlich deshalb, 
weil sie die Astrologie in Schutz nahm, von der Pariser Fakultät unter- 
drückt, und die erste Auflage gehört zu den Seltenheiten. 

Miguel Serveto (eigentlich S e r v e d e), aus einer adligen Familie, 
erhielt seine erste Erziehung von Petrus Martyr d'Anghiera (Angleria), 
dem Freunde der Königin Isabella von Spanien, der auch für die Geschichte 
der Syphilis eine gewisse Bedeutung hat. (S. Bd. III.) — Schon im Jahre 
1534 war Serveto als Gegner der Dreieinigkeits-Lehre berüchtigt. Die 
Noth führte ihn in eine Druckerei nach Lyon , wo er unter dem Namen 
Villanovanus als Corrector arbeitete. Auf diese Weise wurde er mit dem 
freidenkenden Symphorien Champier, Leibarzt des Herzogs von Lothringen, 
bekannt (S. oben S. 19), welcher ihn vermochte, zu Paris Medicin zu 
studiren. Schon im Jahre 1536 trat Serveto mit einer Äpologia pro S. 
Campegio in Leon. Fuchsium für seinen Gönner in die Schranken. Ein 
um diese Zeit gegen ihn erhobener Process veranlasste die Herausgabe der 
(ebenfalls höchst seltnen) Schrift Apologetica disceptatio, in Folge deren er 
freigesprochen wurde. Serveto erwarb nunmehr die Doctor- Würde, und 
practicirte in Avignon, Charlieu und Lyon. Seit dem Jahre 1542 lebte 
er unangefochten als Leibarzt bei dem Erzbischof Pahnier von Vienne. Da 
wurde er durch Calvin als der berüchtigte Serveto denuncirt und einge- 
kerkert. Er entfloh, fiel aber zu Genf in die Hände Calvin's und starb auf 
dem Scheiterhaufen. — Vergl. ausser den die theologischen Lehren Ser- 
veto's behandelnden kirchengeschichtlichen Werken G. G. Sigmond, The 
unnoticed theories of Servetus. A diss. adressed to the medical society of 



Die praktische Medicin. Bekämpfung des Arabismns. Serveto. ß7 

Angriffe auf die hergebrachte Puls- und Harnlehre. 

Stockhohn. London, 1826. 8. — H. Tollin (Pfarrer), Deutsche Klinik. 

1875. No. 8. 9. 



Angriffe auf die Galenisch-arabische Pulslehre und üroskopie. 

347. Ein altes, dem Galenismus entsprossenes, Dogma be- 
hauptete, dass aus dem Pulse das Verbalten der Lebenskräfte, 
aus dem Urin, dem Produkte der Nieren -Venen, mithin des 
Leber-Blutes, der Stand der natürlichen Kräfte erkennbar sey. 
Auf diese beiden Zeichen hatten besonders die Araber beinahe 
die gesammte Diagnostik gegründet. Im sechszehnten Jahr- 
hundert erfuhr man, dass bei Hippokrates von solcher Wichtig- 
keit des Pulses und des Harnes sich nichts finde. Dazu kam 
der schreiende Missbrauch, welchen Aerzte und Quacksalber mit 
der Harnschau trieben, und so konnte es an Angriffen auf diese 
traurige Partie nicht lange fehlen. 

Am frühesten trat, veranlasst durch das Studium der Schrift 
von Johannes Actuarius über den Harn^), Clementius Clemen- 
tin us, Arzt zu Rom, als Gegner der üroskopie hervor; übrigens 
ein entschiedener Anhänger des Neuplatouismus und der Astro- 
logie. Kurze Zeit darauf folgten ihm Christoph Clauser 
aus Zürich, Franz Emmerich in Wien, Bruno Seidel in 
Erfurt, Adolph Scribonius in Marburg, und Johann Lange^). 
Noch mehr trug der erfahrene Peter Force st zu Alkmaar in 
Holland dazu bei, den wahren Werth der Zeichen aus dem Harne 
darzuthun. Aber noch zu Ende des sechszehnten Jahrhunderts 
sahen sich mehrere Aerzte, besonders Kölreuter und Botallo, 
veranlasst, gegen die Uromantie zu Felde zu ziehen. 

dementia Clementis Clementii Clementini, Amerini. Rom. 

1512. 8. Später unter dem Titel: Clementii Clementini lucubrationes 

medicae de febrihus. Basil. 1535. f. [c. aliis.] — Christoph. Clauser, 
Dialogus, dass die Betrachtung des Menschenharns ahn andern Bericht un- 
nützlich sey, beschrieben von Joh. Actuario. Zürich, 1531. 

4. (Selten.) — Bruno Seidel, Z)e usitato apud medicos urinarum ju- 
dicio. 1562. 8. 1571. 8. — Gull. Adolph. Scribonius, Idea me- 
dicinae secundum logicas theses, acced. de inspectione urinarum contra eos, 
qui ex qualibet urina de quoUbet morbo judicare volunt, etc. Lemgov. 
1584. 8. Basil. 1585. 8. [«Princeps libellus est contra uromantes, cum 
cura et studio scriptus». Haller.] — Joh. Lange, Epistolarum medici- 
nalium miscellanea. Basil. [1554.] 4. I. 11. IIl. 6. — Forestus, De 



') S. Bd. I. S. 481. 2) s^ oben S. 17. 

5* 



63 Die neuere Zeit. Das sechszehnte Jahrhundert. 

incerto urinarum judicio. Ohservationes cJnnirg. L. B. 1589. 8. Francof. 
1610. f. I. c. 4. — Siegmund Kölreuter, Vom Harn- und Wasser- 
besehen. Nürnberg, 1574. 8. — Leon. Botallus, Commentarioli duo, 
alter de niedici, alter de aegroti munere etc. Lugd. 1565. 16. 1577. 8. 
§ 43. 

In ähnlicher Weise erfuhr die Lehre vom Pulse bedeutende 
Verbesserungen. Allerdings glaubte man noch lange Zeit, wie 
die Schrift von Joseph Struthius, Polnischem Leibarzt (1510 
— 1568), beweist, durch die möglichste Subtilität in der Unter- 
scheidung der einzelnen Pulsarten zu nützen, aber mau kam doch 
immer mehr zu der Ueberzeugung, dass der Puls häufig trüge- 
risch sey, und dass am wenigsten bei Galen und dessen An- 
hängern eine naturgemässe Untersuchung dieses Gegenstandes 
sich finde. 

Jos. Struthius, Ars sjohygmica, s. jjuhuum doctrina supra 1200 
annos perdlta et desiderata etc. Lihri V. Basil. 1540. 8. 1553. 8. 
1555. 8. 1602. 8. [«Ex libris quidem veterum plurima sumsit, et ex 
arithmeticis calculis, ex natura minus.» Haller.] — Job. Oettinger, 
Vita Josephl Struthii, medici Posnaniensis etc. Cracov. 1843. 8. (pp. 26.) 

Dass an diesen Bedenken und Streitigkeiten auch Laien sich betbei- 
ligten, hat nichts Ueberrascbendes , weim man den Alles umfassenden 
Charakter der gelehrten Bildung des secbszebuten Jahrhunderts erwägt. 
Zu den entschiedensten Gegnern Galen's, namentlich der Uroskopie und 
Pulslebre desselben, gehörte der edle Andreas Dudith von Horekowicz 
(1533 — 1589), Bischof von Tina in Dalmatien, später von Chonad und 
Fünfkirchen in Ungarn. Dudith lebte, nachdem er diese Stelle in Folge 
seiner Hinneigung zum Lutherthum aufgegeben, als Privatmann, im ver- 
trauten Umgange mit Crato von Kraftheim, zu Breslau. — «Et quid est, 
obsecro,» sagt er z. B., «in tota philosophia, quid item in arte vestra adeo 
firmum, quod ab hominibus acutis infirmari nequeat ? Remove paulisper 
antiquitatis praejudicium, et res non ex auctoritate veterum, sed ex veri- 
tate et eventu aestima; intelliges magno conatu atque unanimi assensione, 
magnas nugas nobis obtrusas esse.» (Cratonis epist. 14.) — «Equidem 
nihil in tota mediciua minus mihi intelligere videor» — [es ist von der 
Dosenlehre die Rede] — «excepta tamen pulsuum et urinarum doctrina, 
quam vel norunt medici prorsus et nobis imponunt, ut augures populo 
Romano faciebant, aut certe non ita explicant, ut intelligentia rem obscu- 
ram comprehendere liceat etc.» (Ibid. epist. 22.) — Andr. Dudithii 
Epistolae medicinales. Francof. 1598. f. — Die meisten seiner Briefe 
enthält das sechste Buch der Epistolae des Crato. (Francof. 1671. 8.) — 
Vergl. C, F. Fabricius, Doctrinarum de diehus decretoriis et de urinis, 
qua] es restituto semeiotices studio saeculo XVI. fuerint, brevis expositio. 
Vratisl. 1836. 8. 



Die prattisclio Medicin. Angriffe auf den Galenismus und Araliisraus. fJQ 

Die Vorläufer des Paracelsus. 



Die Vorläufer des Paracelsus. 

248. Der heftigste und folgenreichste von allen Angriffen 
auf die praktischen Lehren des herrschenden Systems war der 
des Paracelsus. Das Lehrgebäude dieses, von seinen Anhängern 
eben so unverdient vergötterten als von seinen Feinden mit 
Unrecht in den Staub getretenen, Arztes steht mit den allge- 
meinen reformatorischen Bewegungen, welche seit dem vier- 
zehnten Jahrhundert erwachten, und im sechszehnten zu ihrer 
vollen Entfaltung gelangten, in der engsten Verbindung. Und 
doch ist das Unternehmen des Paracelsus von den übrigen in 
derselben Zeit auf dem Felde der Medicin hervortretenden Be- 
wegungen aufs wesentlichste dadurch verschieden, dass es weder 
in der Wiederbelebung der humanistischen Studien, noch in dem 
Aufschwünge der Naturbeobachtung, am wenigsten in der Er- 
neuerung der Anatomie, sondern in pseudo-philosophischen Lu- 
cubrationen, vor Allem im Neu-Platonismus, seine Wurzeln hat^). 

Der die philosophischen Anschauungen des Mittelalters be- 
herrschende Aristotelismus hatte sich, seitdem die «physischen» 
Schriften des Stagiriten im Abendlande bekannt geworden waren, 
zu einem Gott und die Welt umfassenden Universalismus ent- 
wickelt^). Es lag nahe, dass er besonders unter den Aerzten 
zahlreiche Anhänger fand. Das Wiederaufleben der Platonischen 
Studien im vierzehnten Jahrhundert gab den Anlass zu einem 
immer deutlicher hervortretenden Vernichtungskampfe gegen die 
bis dahin in unbeschränkter Geltung stehende Scholastik. Aber 
dieser Kampf beschränkte sich nicht auf das Gebiet der Philo- 
sophie, sondern er verbreitete sich auf alle, selbst die scheinbar 
entlegensten, Gebiete des geistigen Lebens : die Naturkunde, die 
Religion, die Politik. Nicht minder als gegen die Auctorität in 
den Angelegenheiten der Wissenschaft richtete er sich gegen 
die Despotie der Kirche und des Staates. 

Den Ausgangspunkt der gegen den Aristotelismus sich erheben- 
den Bewegung bildete die allmälig sich vollziehende Trennung 



') Vergl. für das Folgende die vortreffliche Darstellung in Erdmann's 
Geschichte der Philosophie. Berlin, 1869. 8. I, 460 ff. 
■') S. Bd. I. S. 690 ff. 



70 Die neuere Zeit. Das sechszehnte Jahrhundert. 

der Philosophie von der Theologie. «Das bisherige Band der 
Philosophie mit der kirchlichen Lehre wird zuerst gelockert, 
dann zerrissen, zuletzt vergessen. Dem ersten Stadium entspricht 
freundliches Verhältniss zum kirchlichen Glauben, dem zweiten 
Hass, dem dritten Gleichgültigkeit.» (Erdmann.) Die Philosophie 
trennt sieh in Theosophie und Kosmosophie. Die Lehren der 
Theosophen beruhen auf dem Satze, dass Gott allein ist, dass 
ausser ihm Nichts ist, dass die Dinge nur insoweit sind, als 
Gott in ihnen ist. Die ethischen Folgerungen dieses Satzes ge- 
langen zu der Lehre, dass der von dem Geiste Gottes durch- 
drungene Mensch keine andere Aufgabe hat, als das zu erstreben, 
was einzig ist, — Gott; den Dingen abzusterben, und sich ganz 
in Gott zu versenken. Dies ist vor Allem der Kern von der 
Lehre der mystischen Prediger jener Zeit: Eckhard, Tauler, 
Ruysbrook, Gheert de Grote, Thomas a Kempis. 

Diesem negativen Standpunkte der Theosophen gegenüber 
beruht die Lehre der Kosmosophen auf dem seit dem fünf- 
zehnten Jahrhundert zu neuem Leben erwachten Piatonismus ^). 
Es konnte nicht fehlen, dass durch ihn auch die in stiller Ver- 
borgenheit fortwährend, namentlich von jüdischen Gelehrten, ge- 
pflegten neu-Platonischen Lehren wiederum an das Licht traten. 
Nach kurzer Zeit stand, was schon das Alterthum, was besonders 
der Orient und die spätere Alexandrinische Schule an Schwär- 
merei und Mysticismus geboren hatten, in voller Blüthe*). 

Es liegt uns fern, die Geschichte dieser Bewegungen im 
Einzelnen zu verfolgen, und es genügt deshalb, die wichtigsten 
Träger derselben namhaft zu machen. — Zu den frühesten von 
diesen gehört ein Fürstensohn aus deutschem Blute, Giov. Pico 
von Mirandola (1463 — 1494), der Schüler eines Hauptbe- 
gründers des Piatonismus: Marsilius Ficinus^). Durch diesen 
wurde Pico auf die Alexandrinischen Theosophen und die Kabba- 
listen geführt, mit denen er sich eifrig beschäftigte, und mit 
deren Lehren er bereits auch die Medicin in Verbindung zu 
setzen suchte. — Durch Pico von Mirandola wurde demnächst 
auch Joh. Reuchlin aus Pforzheim (1455—30. Juli 1522), 
Professor in Basel, Ingolstadt und Tübingen, einer der geist- 
reichsten Humanisten seiner Zeit, ein begeisterter Verehrer des 
Pythagoras, auf jene Lehren hingeleitet. Seine Kenntniss des 



») S. oben S. 6 ff. *) S. Bd. I. S. 429 ff. 

5) S. Bd. I. S. 820. 



Die praktische Medicin. Bekämpfung des Galonismus. Die Vorläufer des Paracelsus. 71 

Hebräischen setzte ihn in den Stand, die Quellen der Kabba- 
listik zu Studiren, welche er besonders mit der Theologie in 
Verbindung- brachte. Durch ihn wurden die Deutschen mit dem 
Inhalt jener Schriften bekannt. 

Pico von Mirandola, Opera. Basil. 1572. f. 1601. f. — 
Reuchlin, De arte cahbaHstica. Basil. 1537. f. Auch in Pico's Opera. 

— L. Geiger, Joh. Reuchlin, sein Leben und Wirken. Leipz. 1870. 8. 
(SS. XXIII. 448.) 

Zu den angesehensten Kosmosophen des sechszehnten Jahr- 
hunderts gehört ferner der abenteuerliche Heinrich von Nettes- 
heim aus Köln (1486 — 1535), welcher die Lehren der Kabbala 
mit den verschiedensten Disciplinen in Verbindung zu setzen 
suchte. 

Heinrich von Nettesheim (die andern Vornamen: «Cornelius Agrippa», 
sind Zusätze humanistischer Eitelkeit) trat zuerst als Lehrer der Kabbala 
zu Dole in Burgund auf. Aus Frankreich vertrieben, ging er nach England, 
Italien, wurde Soldat, dann Advokat in Metz, Arzt zu Freiburg in der 
Schweiz, Astrolog am Hofe der Herzogin Louise von Savoyen, kaiserlicher 
Historiograph in Köln, und lebte zuletzt, im Alter der Irrthümer seiner 
früheren Jahre offen eingeständig, in Grenoble. Seine wichtigsten Schriften 
handeln: de occulta philosophia ; de incertitudine et vanitate scientiarum. 
In der ersten Schrift vertheidigt, in der zweiten bekämpft er die Astrologie. 

— Opera. Lugd. Bat. 1600. 8. — H. Morley, The life of Henry Cor- 
nelius Agrippa von Nettesheim. Lond. 1856. 8. 2 voll. 

Zu den eifrigsten Beförderern des Neuplatouismus gehörte 
ferner der gelehrte Joh. Trietheim (Trithemius), Abt zu Spon- 
heim und Würzburg, zu dessen Schülern der Arzt gehört, welcher 
es unternahm, den Neu-Platonismus zur Grundlage einer neuen 
Lehre von der Natur und dem Menschen zu machen: Paracelsus. 

Job. Trithemius , 0/;era. Mogunt. 1605. f. — Silbernagel, 
Joh. Trithemius. Eine Monographie. Landshut, 1868. 8. (SS. 245.) 



Paracelsus. 
LebensgescMchte. 

Die äusseren Lebens-Verhältnisse des Paracelsus sind, ungeachtet der 
sorgfältigen Untersuchungen von Werneck, Marx, Moll, Wolf u. A. in 
Folge der unvollständigen und vielfach einander widersprechenden Nach- 
richten sehr unsicher und schwankend. Die wichtigste Quelle für die 
Lebensgeschichte des Paracelsus sind seine eigenen Schriften, besonders 
die Wundarsnei. Die Angaben der Zeitgenossen, der Anhänger wie der 
Gegner, noch mehr die der Späteren, sind vielfach unglaubwürdig. 

Die ältere Literatur über Paracelsus ist verzeichnet in G. E. Haller's 
Bibliothek der Schweisergeschichte. Bern, 1785 ff. 4. IL S. 313 ff., hiernach zum 



70 Die neuere Zeit. Das sechszelinte Jahrliundert. 

Theil bei Wolf (S. unt.). — Von den neuereu Schriften, welche das Leben 
und die Lehren des Paracelsus behandeln, verdienen folgende hervorge- 
hoben zu werden: Brucker, Historia critica philosophiae. Lips. 17ö7. 4. IV. 
Pars. L 646 seq. Die erste mit kritischem Sinne, aber ohne hinreichendes 
Material unternommene Darstellung [Meyer]. — Thadd. A ns. Rixner 
imdThadd. Siber, Leben und Lehrmeinungen berühmter Physiker am Ende 
des IGten und am Anfange des 17ten Jahrhunderts u. s, w. Erstes Heft. 
Sulzb. 1819. 8. 1829. 8. — A. N. Scherer, Theophrastus Paracelsm. (Fest^ 
rede.) St.-Petersb. 1821. 8. (54 SS.) (Eine parteilose Vertheidigungsschrift.) 
— J. F C. Hecker, Rust's HandioöHerhuch. Art. Paracelsus. — Jahn, 
Hecker's Annalen. 1829. V. 1—31. VI. 129-152. — C. H. Schultz, Die 
homöobiotische Median des Theophrastus Paracelsus in ihrem Gegensatze gegen 
die Medicin der Alten, als WendepunM. für die Entwickelung der neueren 
medicinischen Systeme und als Quell der Homöopathie. Berlin, 1831. 8. — 
J. C. Maris, Diss. de Paracelso. L. B. 1832. 8. (pp. 74.) — Andr. Fr. 
Bremer, Dissertatio de vita et opinionibus Theophr. Paracelsi. Hafn. 1836. 
8. (Einseitig, dem Paracelsus ungünstig.) — Werneck, in Clarus und 
Radius, Beiträge zur praMischen Medicin, III. 209 ff. Bes. Abdruck: Leipz. 
1886. 8. (Gründliche Untersuchung der biographischen Verhältnisse.) — H. 
A. Preu, Das System der Medicin des Theojjhrastus Paracelsus, atts dessen 
Schriften ausgezogen und dargestellt. Berlin, 1838. 8. — Ders., Die Theologie 
des Th. Paracelsus, aus seinen Schriften ausgezogen und dargestellt. Berlin, 
1839. 8. — M. B. Lessing, Paracelsus, sein Leben und Denken. Drei 
Bücher. Mit Titelkupfer. Berl. 1839. 8. (Im Auszuge in dessen Geschichte 
der Medicin, I. 359 ff.) — K. F. H. Marx, Zur Würdigung des Theophrastus 
von Hohenheim. Gott. 1842. 4. (Hauptwerk.) — Es eher, in Ersch und 
Gruber's Encyklopädie. Art. Paracelsus. (Gründlich.) — Rade m acher, 
in der Einleitung seiner Erfahrungsheillehre. Berl. 1845. 8. u öfter. (Eine 
der brauchbarsten Arbeiten.) — H. Locher, TJieophrastus Paracelsus Bom- 
bastus von Hohenheim, der Luther der Medicin und unser grösster Schiveizer- 
arzt. Zürich, 1851. 8. (SS. 68.) — Moll, Würtemb. med. Correspondenzblatt. 
1851. No. 32 ff. — R. Wolf, Bioqraphieen zur Kulturgeschichte der 
Schweiz. Zürich, 1861. 111. 1 — 50. (Eine der besten Darstellungen.) — 
E. Schmeisser, Die Medicin des Paracelsus in ihrem Zusammenhange 
mit seiner Philosophie dargestellt. Berlin, 1869. 8. 

349. Theophrastus Bombastus von Hohenheim wurde 
um das Jahr 1490 (wahrscheinlich 1491) in einem Hause nahe 
an der über die Sihl führenden Teufelsbrücke, eine Stunde von 
dem berühmten Wallfahrtsorte Einsiedeln im Kanton Schwyz, 
geboren. Sein Vater, Wilhelm Bombastus von Hohenheim, welcher 
in Tübingen studirt hatte, war Arzt des Klosters, seine Mutter 
vor ihrer Verheirathung Aufseherin des mit dem letzteren ver- 
bundenen Hospitals. 

Andere Nachrichten bezeichnen ein «am hohen Nest» gelegenes Haus 
als Geburtsstätte, und leiten von jenem Namen «Paracelsus» ab. — Das 
Schloss Hohenheim bei Stuttgart (in neuerer Zeit berühmt als Aufenthalt 
des Herzogs Karl von Würtemberg, gegenwärtig als Sitz einer landwirth- 
schaftlichen Akademie), dessen Geschichte bis zum Jahre 1100 hinauf- 
reicht, ist die Stammburg der «Bombaste von Hohenheim.» Einer von 
ihnen, Georg Bombast von Hohenheim, wurde im Jahre 1553 Grossmeister 
des Johanniter -Ordens. Helmont (Tartari historia [Opp. Francof. 
1682. 4. p. 222]) nennt Wilhelm, den Vater des Paracelsus, unehelichen 
Sohn eines Deutschmeisters («equitum Teutonicorum magistri nothus»). 



Die praktische Modicin. Paracelsus. Lobeasgeschichte. 73 

— Den Namen «Bombastus» führt sowohl der Vater (iu einer Urkunde 
von Villach) als der Sohn (in dem Programm seiner Vorlesungen zu Basel). 
Eine Familie «Bombast» findet sich zu Stuttgart vom Jahre 1350 — 1530 
(Bacmeister, Germanistische Kleinigkeiten. Stuttg. 1870. 8. S. 18.) 
Noch jetzt wohnen Abkömmlinge der Bombaste in mehreren ehemals dem 
Schlosse zugehörigen Dörfern. Schon im Jahre 1409 indess ging Hohen- 
heim in fremden Besitz übei\ 

Andere bis jetzt noch nicht widerlegte Berichte, namentlich der von 
Joh. Kessler in seiner ungedruckten Reformations-Geschichte von St. Gallen, 
behaupten, die Familie heisse ursprünglich Höchener, und stamme aus 
Gais in Appenzell. Es wird hinzugefügt, dass unter Mehreren, die aus 
Appenzell in den Cank>n Schwyz auswanderten, auch Angehörige der 
Familie Höchener sich befanden. Noch in neuerer Zeit ging zu Huntwil 
und Urnäsch in Appenzell die Sage, Paracelsus habe um 1581 — 1535 
einige Jahre in der letzteren Gemeinde gelebt. Es ist selbst von Hand- 
schriften desselben die Rede, welche noch in neuerer Zeit zu Urnäsch 
sich vorfanden [Escher.] — Vielleicht lassen sich die abweichenden An- 
gaben über den Ursprung der Familie durch die Vermuthung vereinigen, 
dass der letzte Besitzer von Hohenheim nach Appenzell auswanderte, dort 
den bürgerlichen Namen Höchener annahm, welchen dann Paracelsus oder 
schon sein Vater wieder mit dem urspi'ünglichen vertauschte. 

Den Namen Paracelsus (entweder als Uebersetzung von «Hohenheim,» 
oder um seinen Vorrang vor Celsus anzudeuten [analog den von Paracelsus 
gebrauchten Büchertiteln : Paramirum, Paragranum]), welcher alle übrigen 
verdrängt hat, legt sich unser Arzt nur in einigen seiner früheren Schriften 
bei. Auch in Briefen seiner Freunde wird Paracelsus mit diesem Namen 
angeredel. Er selbst nennt sich in der Regel «Arts und Taufi halber» 
«Theophrastus,» «Theophrastus ex Hohenheim Eremita» (d. i. von Ein- 
siedeln). — Der dem Paracelsus häufig beigelegte Vorname «Philippus» 
findet sich nur in einer wahrscheinlich unächten Schrift und auf dem 
Leichensteine in Salzburg. 

Im Jahre 1502, also im Alter von 11 — 12 Jahren, zog Para- 
celsus mit seinen Aeltern (vielleiclit auch mit einer Schwester) 
nach Villach in Kärnthen, wo sein Vater als angesehener Arzt 
im Jahre 1534, 71 Jahre alt, starb. Die ersten Lehrer des 
Knaben waren sein Vater, welcher ihn schon sehr früh auch in 
der Medicin unterrichtete, und von dessen treuer Liebe Para- 
celsus mit der innigsten Dankbarkeit spricht, ferner der gelehrte 
Bischof von Lavant, Eberhard Paumgartner, im Kloster St. 
Andreae im Laron-Thale in Kärnthen , Matthaeus von Scheidt 
von Seckau, und Bischof Matthias Schlach, Suffragan von Frei- 
singen. — Im sechszehnten Lebensjahre, also um 1506, bezog 
Paracelsus die Universität Basel; hiernach benutzte er den 
chemischen Unterricht des berühmten Trithemius ^) ; am förder- 

1) S. oben S. 71. 



74 Die neuere Zeit. Das sechszohnte Jahrhundert. 

liebsten aber war ihm ein längerer Aufenibalt in dem Labora- 
torium des reichen Sigmund Fugger zu Schwatz in Tyrol. Seine 
Wissbegierde trieb ihn sehr früh durch einen grossen Theil von 
Europa ; er besuchte die berühmtesten Universitäten ; hauptsäch- 
lich aber verschaifte er sich, namentlich auch durch Umgang 
mit dem Volke, naturhistorische, chemische und metallurgische 
Kenntnisse. 

«Hab die hohen Schulen erfahren lange Jahr bey den Teutschen, bey 
den Italischen , bei den Franckreichischen , und den Grund der Artzney 
gesucht; mich nicht allein derselben Lehren und Geschrifften, Büchern, 
ergeben wollen, sondern weiter gewandert, gen Granaten, gen Lizabon, 
durch Hispanien, durch Engelland, durch die Mark, durch Preussen, durch 
Littaw, durch Polandt, Ungern, Walachy, Siebenbürgen, Crabaten, Win- 
disch Mark, auch sonst andere Lender, nicht noth zu erzehleu, und in allen 
den Enden und Orten fleissig und embsig nachgefragt, Erforschung gehabt 
gewisser und erfahrener warhafften Künsten der Artzney. Nicht allein 
bei den Doctoren , sondern auch bei den Scherern , Badern , gelehrten 
Arztten , Weibern , Schwarzkünstlern , so sich des pflegen , bei den Alchi- 
misten, bey den Klöstern, bei Edlen und Unedlen, bei den Gescheidten und 
Einfeltigen.» — Eine Reise nach Stockholm fällt wahrscheinlich in die 
Zeit , in welcher Paracelsus nach neueren aber glaubwürdigen Angaben 
unter König Christian IL im Dienste der dänischen Armee stand. {Skrifter 
som udi det Kjobenhavaske Selskab. Deel IV. Kjobenh. 1747. 4.) 

Nach zehnjähriger Abwesenheit erschien Paracelsus wieder 
in Deutschland ; durch die Empfehlung seines berühmten Lands- 
mannes Oekolampadius (Hausschein) aus Weinsberg erhielt er 
im Jahre 1526 die durch Copus'^) Abgang erledigte, mit ansehn- 
lichem Gehalt verbundene, Stelle als Stadtarzt in Basel. Im 
folgenden Jahre trat er auch als Lehrer an der dortigen Uni- 
versität auf, indem er seine, gegen alles Herkommen in deutscher 
Sprache gehaltenen, Vorlesungen (wie es scheint am Johannis- 
tage) mit der Verbrennung des Avicenna und andrer Schriften 
eröffnete. 

«Ego amplo dominorum Basileensium stipendio invitatus duabus quo- 
tidie horis tum active tum inspective medicinae et physicae et chirurgiae 
libros, quorum et ipse auctor, summa diligentia magnoque auditorum 
fructu publice interpretor.» — «Ich hab die Summa der Bücher in Sanct 
Johannis Feuer geworfen, auf dass alles Unglück mit dem Rauch in Lufft 
gang.» — Die ersten Vorlesungen des Paracelsus sind angeblich enthalten 
in : De urinarum ac ptilsuum judiciis TheophrasU Paracelsi Heremitae 
utriusque medicinae doctoris celeberrimi lihellus, suis discipulis Basileae, 
cum ibidem publico stipendio maxima omniuni admiratione medicinmn do- 



'') S. oben S. 16. 



Die praktische Medicin. Paracelsus. LebensgeschicMe. 75 

ceret^ anno 1527 in diebiis canicularibiis privatim praelectus etc. Colon. 
1568. — Wahrscheinlich war in Basel, wie an andern Universitäten 
(z. B. in Greifswalcl noch im gef^enwärtigen Jahrhundert), mit dem Amte 
des Stadtarztes das Recht verbunden , an der Universität Vorlesungen zu 
halten. Hieraus erklärt sich, dass sein Name sich weder in der Matrikel der 
Universität, noch in dem der medicinischen Fakultät findet. (Mi es eher, 
a. a. 0. [S. ob. S. 57] S. 12.) — Der Aufenthalt in Basel scheint vom 
Herbst 1526 bis zum Frühling 1528 gedauert zu haben. In der Zwischen- 
zeit besuchte Paracelsus Zürich; die dortigen Studenten nennt er «combi- 
bones optimi.» 

In Basel fand Paracelsus als Lehrer und Arzt grossen Bei- 
fall ; seine Praxis erstreckte sich bis in das Elsass. 1 )urch die 
Herstellung des gelehrten Buchdruckers Frobenius, welcher in 
Folge eines Sturzes gelähmt war, allerdings aber später in Folge 
eigner Unvorsichtigkeit starb, kam Paracelsus sogar in Brief- 
wechsel mit Erasmus. 

Ein (schlecht stylisirter und verworrener) Brief des Paracelsus nebst der 
Antwort des Erasmus, welche letztere wenigstens den Eindruck der Aecht- 
heit macht, sind abgedruckt in Huser's Ausgabe der Werke des Paracelsus 
m. 340. 

Gar bald indess erweckten seine Erfolge, seine Derbheit, 
besonders seine Angriffe auf die Gewinnsucht der Apotheker, 
nach vielen Seiten Hass und Missgunst, so dass er nach kaum 
zwei Jahren seine Stellung aufgab. Die unmittelbare Veran- 
lassung hierzu gab ein Streit mit dem Domherrn Cornelius von 
Lichtenfels, welcher von Paracelsus durch drei Opium-Pillen von 
einem schmerzhaften Magenübel befreit worden war, sich aber 
weigerte, das vorher bedungene Honorar von 100 Gulden zu 
bezahlen, und gegen welchen Paracelsus beim Rathe vergebens 
Klage erhob. Er begab sich, wie es scheint, zunächst nach 
Esslingen bei Stuttgart, wo die Hohenheim's ein Haus besassen. 
Aber auch von hier vertrieb ihn die Noth. Man drohte ihm 
mit Landesverweisung und Gefängniss ; er lebte in Kummer und 
Armuth. Von nun an finden wir ihn fast fortwährend auf Reisen, 
besonders in Baiern, der Schweiz, in Mähren, Tyrol, Oesterreich 
und Kärnthen; zuletzt in Salzburg, wo er nach kurzer Krank- 
heit am 24. Sept. 1541 im fünfzigsten oder einundfünfzigsten 
Lebensjahre im Gasthause zum weissen Ross starb. 

Nach einer gütigen Mittheilung des Dr. Spaeth zu Esslingen ist das er- 
wähnte Haus noch jetzt vorhanden. Es liegt an der Ecke der oberen Metz- 
gerbach- und Plienhaus-Strasse, und besitzt einen für die Verhältnisse der 
kleinen Stadt beträchtlichen Umfang, weist aber äusserlich, mit Ausnahme 
einer aus Holz geschnitzten Eitter-Figur, kein Merkmal seines hohen Alters 



76 Dio nuuere Zeit. Das sechszehnte Jahrhundert. 

auf. Das Innere bietet nichts Bemerkenswerthes. Indess leben noch jetzt 
Personen aus der Familie späterer Besitzer, welche sich aus ihrer Jugend- 
zeit erinnern, dass bei einer Reparatur in einem Gewölbe Retorten, Tiegel, 
Ampeln und anderes Geräth gefunden wurden. — Job. Ja c. Keller, 
Geschichte der Stadt Esslingen. 1814. S. 197. sagt ferner, dass Paracelsus 
in Esslingen seinen Aufenthalt hatte, und dass ein grosses Eckhaus am 
Metzgerbach in der Bläsau , welches , wie ein Hof in Hohenheim , den 
Namen Garbenhof führte, sein Eigenthum war, und dass man in dem- 
selben noch damals (1814) sein Laboratorium zeigte. Keller fügt hinzu, 
dass laut noch vorhandenen Urkunden Paracelsus um dieselbe Zeit gegen 
einen geringen Mann zu Esslingen Klage führte, welcher ihm auf be- 
schimpfende Weise seine Zahlungs-Unfähigkeit vorgeworfen hatte. 

Die Orte, an denen P., nachdem er Esslingen verlassen hatte, längere 
Zeit verweilte, sind hauptsächlich dadurch bekannt, dass er einzelne seiner 
Schriften von ihnen aus veröffentlichte. Am 11. Juni 1528 war er in 
Colmar, 1529 und 1530 in Beritzhausen und, wie es scheint, in Nürnberg, 
1531 in der Schweiz, wo er glaubwürdigen Nachrichten zufolge längere 
Zeit in Appenzell und St. Gallen sich aufhielt (S. oben S. 73); 1534 in 
und bei Zürich. Im Jahre 1535 besuchte P. das Bad Pfäfers, 1536 lebte 
er zu Münchroth und Augsburg, in demselben Jahre wurde er zvi dem er- 
krankten Marschall von Böhmen, Johaim von Leipa, nach Krumnau in 
Mähren berufen; 1537 finden wir ihn in Villach \ind St. Veit in Kärnthen, 
1538 in Villach, Augsburg, Sterzing und Meran, 1540 in Mildelheim, 
1541 in Kärnthen, dann in Salzburg, wohin ihn vielleicht der seit 1540 
daselbst residirende Erzbischof Ernst , Pfalzgraf bei Rhein und Herzog in 
Baiern, berufen hatte. 

Die Umstände, unter denen eein Tod erfolgte, sind dunkel. Nach 
einer unverbürgten Nachricht wurde Paracelsus auf Anstiften seiner Feinde 
von einer Höhe hinabgestürzt. An dem in seiner Grab-Pyramide zu Salz- 
burg aufbewahrten Schädel (von welchem fast nur das Gewölbe übrig ist) 
fand schon Sömmering eine Fissvir des linken Schläfenbeins. Nach Werneck's 
genauer Beschreibung zeigt der Schädel des dem Paracelsus zugeschriebenen 
Skelets am Schuppentheile des linken Schläfenbeins eine vier Linien breite, 
klaffende, bis in den Felsentheil sich erstreckende Spalte; Folge einer bei Leb- 
zeiten entstandenen Verletzung. — Seligmaun dagegen (Canstatt's Jahres- 
bericht, 1869. S. 420), weicherden Schädel neuerdings untersuchte, findet, 
dass kaum zu entscheiden sey, ob die Fissur an der Schläfe bei Lebzeiten 
entstand; «die dunklere Färbung und geringere Glätte der Knochen im 
Umkreise ist kaum etwas Pathologisches. Das Becken hat entschieden 
weibliche Form und könnte, wenn es acht ist; wohl auf das [angeblich in 
der Kindheit durch den Biss eines Schweins bewirkte] Eunuchenthum hin- 
weisen.» — In P.'s Nachlass fanden sich au Büchern: die Bibel, das neue 
Testament, der Commentar des heil. Hieronymus zu den Evangelien, ein 
gedrucktes und sechs geschriebene Arzneibücher. — Paracelsus ward auf 
dem Friedhofe des Brüderhauses zu Salzburg begraben. Im Jahre 1752 
wurden seine Gebeine in der Vorhalle der Kirche beigesetzt. Auf dem 
Grabmale finden sich folgende Inschriften: 

«Philippi I Theophrasti | Paracelsi | qui | tantam Orbis Famam | ex 
Auro Chimico | Adeptus | est | Effigies et Ossa | donec rursus circum- 



Die praktische Medicin. Paracelsus. Lebensgeschichte. 77 

dabitiir pelle sua I Job c. 19.» — Hierauf folgt in Form eines Medaillons 
ein Portrait mit einer Rose in der Hand, dem Wappen von Uri, und der 
am Schlüsse durch Staub unleserlichen Legende: «anno aetatis L.... 
Oben steht die Jahrzahl 1491 (Paracelsus' Geburtsjahr). — Darunter: 
«sab renovatione Ecclesiae | MDCOLIl Ex sepulchrali tabe ei'uta | hac 
locata sunt. 

Auf der unteren, offenbar ursprünglichen, Platte des Grabsteins findet 
sich folgende Inschrift: «Conditur hie Philippus | Theophrastus insignis | 
medicine doctor qui | dira illa vulnera, lepram | podagram, hydroposim 
[sie], aliaqiie insanabilia cor | poris contagia | mirifica arte sustulit ac 
bona I sua in pauperes distribuenda eollocandaque [sie] | honeravit [sie] 
anno MD j XXXXI die XXIIII Septe j mbris vitam cum morte j mutavit. » 
— Darunter ein Wappen und zum Schluss die Worte: «Fax vivis requies | 
aeterna sepultis.» [Nach wiederholter eigener Besichtigung. H. H.] — 
Die obere Inschrift ist entschieden späteren Ursprungs, wahrscheinlich 
vom Jahre 1752. Das Portrait ist alt, aber nicht das des Paracelsus, 
vielleicht das seines Vaters. [Seligmann.] 

Die vorhandenen Bildnisse des Paracelsus sind einander sehr ungleich. 
Den meisten Anspruch auf Treue hat wohl das sehr roh in Holz geschnit- 
tene Portrait in der Huser'schen Ausgabe, mit welchem das eines Schau- 
pfennigs aus dem fünfuiidvierzigsten Lebensjahre (abgebildet in Wöchent- 
liche historische Münzbelustigung ^ 25. Nov. 1739 [Wolf]) übereinstimmt. 



250. Der sittliche Charakter des Reformators von Eiusiedeln 
ist von seinen Gegnern eben so oft mit Unrecht verunglimpft, 
als von seinen Anhängern über Gebühr gepriesen worden. Pa- 
racelsus ist eine in ihrem innersten Grunde deutsche, w^ahre und 
biedere Natur; aber er trägt zugleich nicht selten die Derbheit, 
ja das cynische Behagen zur Schau, welche zu allen Zeiten das io^J-U^-.; 
Wahrzeichen verkannter und verbitterter Kraft-Geuie's bilden. Er 
hat seines rauhen Wesens kein Hehl, er rühmt sich fast seines ' r^^^^-t^^. 
unfeinen Aeusseren, ja seiner Ungeschlachtheit; aber er sucht 
sie durch seine Schweizerische Herkunft, sein Wanderleben, 
seine Armuth, die Verachtung, welche ihm widerfährt, zu recht- 
fertigen. Nicht wenige seiner derbsten und übermüthigsten Er- 
güsse haben ihren Grund darin, dass er zeigen wollte, wessen 
man ihn für fähig halte. 

«Mir gefällt meine Art nun fast wohl. Damit ich mich aber verant- 
wort, wie meine wunderliehe Weiss zu verstehen sey, merkent also : Von 
der Natur bin ich nicht subtil gesponnen, ist auch nicht meines Landes 
arth, dass man was mit Seidenspinnen erlange. Wir werden auch nicht 
mit Feigen erzogen, noch- mit Medt, noch mit Weizenbrodt, — aber mit 
Käs, Milch und Haberbrodt : Es kann nicht subtil gesellen machen. » — 
«Ihr werdet finden, dass Theophrastus noch der grösst Physieus ist, der in 
der Physic euch all noch mit Kutten streichen wird. Aber ihr mögen wol 



78 Die neuere Zeit. Das sechszehnte Jahrhundert. 

sprechen mit den Juden, dieweil ihr jüdisch in der Artzney handien, ich 
sey ein verfürer des Volks, ich hab den Teuflfel, ich sey besessen, ich sey 
ans der Nigromancy gelert worden ; ich sey ein Magus ; diese Ding all 
sprachen die Juden auch zu Christo. Ich bin so viel, dass ihr mir nit 
mögen die Rinken vom Schuch auflösen.» {Paragranum, II. 120.)^). 

«Die hinder dem Ofen sitzen, essen Rebhüner, und die den Künsten 
nachziehen, essen ein Milchsuppen: Die Winkelplaser tragen Ketten und 
Seiden an ; die da wandern, vermögen kaum einen Zwilch zu bezahlen : 
Die in der Rinkmauer haben Kaltes und Warmes, wie sie wollen; die in 
den Künsten, wan der Baum nicht wer, sie hetten nicht ein Schatten.» 
(Die vierte Defension. II. 177.) 

Schon aus diesen Stellen leuchtet der stolze Uebermuth eines 
Mannes hervor, welchem die eigne hohe Meinung von seinem 
Werthe den Mangel der äusseren Anerkennung ersetzen muss. 
Wie alle Propheten des Umsturzes ist auch Paracelsus erfüllt 
von souverainer Verachtung der Gelehrsamkeit. Er rühmt sich, 
in zehn Jahren kein Buch gelesen zu haben; er lässt kaum 
etwas gelten, als seine eigenen Schriften, denen er unvergäng- 
liche Dauer verheisst. 

«Mir nach, und ich nit euch nach, ihr von Paris, ihr von Montpellier, 
ihr von Schwaben, Euer wird keiner im hintersten Winkel bleiben, an den 

nicht die Hunde s werden. Ich werd Monarcha, und Mein wird 

die Monarchey sein. — Ich sage euch, mein Gauchhaar im Gnick weiss 
mehr, dann ihr und all eure Scribenten, und meine Schuhrincken seindt 
gelehrter, dann Euer Galenus und Avicenna.» 

Mit Unrecht hat man aus solchen Aeusserungen den Schluss 
gezogen, Paracelsus habe keine akademische Bildung genossen, 
er sey nicht im Besitz der Doctor-Würde gewesen. Dass Para- 
celsus mehrere Universitäten besuchte, geht aus seinen eigenen 
Angaben hervor; dass er die zu seiner Zeit gewöhnliche gelehrte 
Bildung besass, bezeugt schon der gute lateinische Ausdruck 
des Programms, durch welches er zu Basel seine Vorlesungen 
ankündigte, seine aus vielen Stellen seiner Schriften hervor- 
gehende Bekanntschaft mit den Aerzten des Alterthums, den 
Arabern und den Scholastikern. Dass er die Doctor-Würde, 
welche er sich in den Ueberschriften seiner Werke beilegt, wirk- 
lich besass, ist bei der Wahrhaftigkeit seines Charakters nicht 
zu bezweifeln. 

«Ich bin in dem Garten erzogen, da man die Bäume verstümmelt, und 
ward der hohen Schule nicht eine kleine Zierde.» 



*) Die Citate nach der Huser'schen Ausgabe von 1598. 



Die praktische Medicin. Paracelsus. Sittlicher Charakter. 79 

Die heftigsten Angriffe gegen die Lehren des Paracelsus 
wurden auf den Inhalt unzweifelhaft unächter oder doch ver- 
dächtiger Schriften gegründet. Seit langer Zeit ist nachgewiesen, 
dass in Wahrheit die gegen ihn erhobenen Anklagen des Aber- 
glaubens, der Vertheidigung der Alchemie, der Astrologie, un- 
gerechtfertigt sind. 

So verspottet Paracelsus das Nativität - Stellen : «Ihr solt euch der 
Meinung entschlahen, das ihr so lang geacht habt, und Judicia gesetzt 
dem menschen auff die Natur der Sterne : Welches wir wohl belachen 
mögen. — Das Kind bedarff keines Gestirns noch Planeten. Seine Mutter 
ist sein Planet und sein Stern.» (Paramirum. IL 334 ff.) — Die astro- 
logischen Deutungen der Schrift über den Kometen des Jahres 1531 (S. 
§ 251) sind, wie es scheint, gleichfalls nur eine Satire auf die herkömm- 
lichen Prognosticationen. 

Der dem Paracelsiis gemachte Vorwurf der Trunksucht lässt sich mit 
der klaren Schreibart und dem in so mancher Hinsicht gediegenen und 
genialen Inhalt seiner Werke schwer vereinigen. Er verliert noch mehr 
dadurch an Gewicht, dass die Aechtheit der Schrift, in welcher ein früherer 
Schüler des Paracelsus, der nachmalige Buchdrucker Oporinus (S. ob. S. 37), 
welcher ihn auf seinen ßeisen begleitete, in der Hoffnung, die Bereitung 
des Steins der Weisen u. dergl. von ihm zu erlernen, später aber, als er 
seine Hoffnungen getäuscht sah, dessen erbittertster Feind wurde, keines- 
wegs feststeht. Noch verdächtiger ist ein zweiter Zeuge, der fanatische 
Erastus. 

Unbestritten sind auf der andern Seite die Herzensgüte, die 
Uneigenuützigkeit , die Begeisterung für Menschenwohl, die 
Frömmigkeit, welche in unzähligen Stellen der Schriften des 
Paracelsus hervortreten, und welche selbst erbitterte Gegner seiner 
Lehren nicht anzutasten wagen. Den schönsten Schmuck erhält 
der Charakter des Reformators von Einsiedeln durch seine hohe 
Meinung von der Würde des ärztlichen Berufs. Auf ihr vor- 
nämlich beruht sein bittrer Hass gegen die Habsucht, die Char- 
latanerie und Kriecherei des grossen Haufens der Aerzte. 

«Ein Arzt soll wohl gekleidet gehn, soll seinen Talar antragen mit 
Knöpfen, seinen rothen Jugel und eitel Roth (warum roth? gefällt den 
Bauern wohl), und das Haar fein gestrelet und ein rothes Barett darauf, 
Ringe an den Fingei-n» u. s. w. ««0 du mein Lieber! o du mein Herr 
Doctor!»» — Ist das Physica? Ist das Jusjurandum Hippocratis? Ist das 
Chirurgik? Ist das die Kunst? Ist das der Grund? du Katzensilber!» 
— «Nuhn merken, das Gott den Artzt unter allen Künsten und Fakul- 
täten der Menschen am liebsten hatt, befihlet vnnd gebeut. So nuhn der 
Arzt vonn Gott dermassen fürgenommen vnnd gesetzt ist, so muss er endt- 
lich kein Larvenmann seyn , kein altes Weib, kein Henker, kein Lügner, 
kein Leichtfertiger, sondern ein wahrhaftiger Mann muss er seyn. — — 
Darum so folget daraus, dass dem Theile, der da wandelt in dem Wege 



80 Die ueuore Zeit Das sechszelinte Jahrhundert. 

Gottes, vollkommene Werke und Früchte entspriessen ; die aber anders 
handeln, als die Geschrift ausweiset, dieselben sind mit viel Jammer und 
Elend umgeben, mit sammt denjenigen, bei denen sie den eigenen Nutzen 
suchen.» {Faragranum. Von des Artztes Tugent. IL 83 ff.) 

Nicht minder zahlreich sind die Stellen in den Schriften des 
Paracelsus, welche Zeugniss für seine tiefe Religiosität ablegen. 
Aeusserlich bekannte er sich zur herrschenden Kirche; aber 
seine wahre Gesinnung tritt in den heftigen Ausfällen gegen den 
Klerus, in der hohen Achtung, mit welcher er von Luther spricht, 
in dem Umgange, den er mit Protestanten unterhielt, deutlich 
hervor. 

Wie maasslos die Angriffe der Gegner waren , mag eine Probe zeigen : 
Dessenius nennt den Paracelsus: «Magus monstrosus, superstitiosus, impius 
et in Deum blasphemus, mendacissimus, infandus impostor, ebriosus, erro, 
monstrum horrendum.» B. Dessenius, Medicinae veteris et rationalis 
defensio. Colon. Agripp. 1573. 4. p. 202. 



Paracelsus' Schriften. 

351. Nur wenige von den überaus zahlreichen Schriften, 
welche den Namen des Paracelsus führen, können als von ihm 
selbst herrührend betrachtet werden. Schon das fast unausge- 
setzte Wanderleben des Arztes von Einsiedeln war schriftstelle- 
rischer Thätigkeit wenig günstig. Es kommt hinzu, dass Para- 
celsus der Vielschreiberei abhold ist. Er bekräftigt es mit dem 
schönen Spruche: «Sollt' in der Länge die Wahrheit liegen, so 
hätte Christus zu wenig geredet.» — Am verdächtigsten sind die 
zahlreichen erst nach Paracelsus' Tode unter seinem Namen er- 
schienenen Schriften ; aber auch die unzweifelhaft von ihm selbst 
hrerührenden wurden, abgesehen von den Fehlern, welche auf 
Rechnung seiner sehr undeutlichen Handschrift und der grossen 
Nachlässigkeit der Drucker, besonders derer zu Strassburg, ge- 
setzt werden müssen, von späteren Herausgebern mit allerhand 
Zuthaten ausgeschmückt. 

Die Unächtheit vieler für Paracelsisch ausgegebener, namentlich theo- 
sophischer, Schriften wurde schon zu Anfang des 17ten Jahrhunderts er- 
kannt. Vergl. Nie. Hunnius, Christliche Betrachtung der Newen 
Paracelsischen tmd Weigelianischen Theology. Wittenberg, 1622. 8. S. 37. 
Am sorglosesten verfuhren die späteren Sammler. So finden sich in der 
Huser'schen Gesammt- Ausgabe sogar gegen Paracelsus gerichtete Schmäh- 
Schriften, z. B. (IV. 10.) Prologus der Bächer Theophrasti Bomhasti durch 
Valentium Antiprassum Siloranum. 



Die praktiscbü Mediciii. Paracelsus. Scliriften dessellimi. 81 

Als unzweifelhaft acht können nur diejenigen Schriften gelten, 
in denen sich, ausser dem Namen des Verfassers (in der Regel 
«Theophrastus von Hohenheim») und der Dedication an einen 
hohen Gönner, Angaben über Ort und Zeit der Abfassung finden. 
In erster Linie unter diesen Schriften stehen natürlich diejenigen, 
welche von Paracelsus selbst oder auf seine Veranlassung durch 
den Druck verüfifeutlicht wurden. Die meisten derselben zeichnen 
sich durch eine einfache ,*^lare und kräftige Schreibart aus, 
welche zugleich so charakteristisch ist, dass sie in vielen Fällen 
für sich allein dazu dienen könnte, die Aechtheit einer Schrift 
zu erkennen. Freilich fehlt es nicht an zahlreichen neuen, oft 
seltsamen, Wortbildungen und Wendungen, deren Gebrauch Para- 
celsus selbst zu rechtfertigen für nöthig hält, 

«Ich hab hierinn bissher ein ländtlichon sprach gefürt, das mich kayner 
Rlietorick noch subtilitäten berümen kan, sonder nach der zungen meiner 
geburt vnd landssprachen, der ich bin von Ainsidlen, des lands ein 
Schweytzer ; soll mir mein lendtlich sprach niemandts verargen. Ich schreib 
nicht von der sprach wegen, sondern wegen der Kunst meiner Erfarenheit.» 
Beschlnssrede der grossen Wtmdarznei. [Chir. Sehr. 56.] — «Nun ist hie 
mein Fürnemnien, zu erklereu, was ein Arzt seyn soll, und das aufiFTeutsch, 
damit das in die gemein gebracht werde.» — «Dass sie mir verargen, 
dass ich anders schreib, dann ihre Schriflften innhalteu, geschieht nicht 
auss Meinem, sondern aus ihrem unverstandt.» Paragranuni, Vorrede. — 
«Darimib das ich Allein bin, das ich New bin, das ich Deutsch bin, ver- 
achtet darumb meine schriffteu nit.» Faragramcin, Tr. 3. p. 79. — «Ich 
setz seltzam Vocabula, ursachet die seltzarne art der Medicin. Dann wer 
will das für unrecht schetzeu, so ein new Ding entspringt, nit soU ein 
newen nammen haben.» Gruss allen Äerzten. Vor der kleinen Chirurgie. 
{Chir. Sehr. S. 250.] 

Allerdings findet sich auch in den ächten Schriften neben 
dem Gediegensten und Geistvollsten oft Leeres und Aberwitziges. 
Aber auch dann ist nicht zu entscheiden, was übermüthiger 
Laune oder späterer Fälschung seinen Ursprung verdankt. In 
den unächten Schriften dagegen hat der «bombastische» Styl 
die Oberhand. Sie sind erfüllt von Fremdwörtern, unverständ- 
lichen Ausdrücken und Wortbildungen, so dass man für nöthig 
hielt, besondere Lexika über die Werke des Paracelsus zu ver- 
fassen. 

Hierher gehören z. B.: Mich. Toxites, Onomasticum mediewn et ex- 
plicatio verhör um Paracelsi. Argent. 1574. — RochleBaillif, Dictio- 
nariolum vocuni quibus in suis scri^Ms usus est Paracelsus. Abgedruckt 
in der Ausgabe von Bitiskius III. app. p. 13. 

Der Herausgeber der relativ vollständigsten Sammlungen von den 
Werken des Paracelsus, Huser, Arzt zu Gross-Glogau in Schlesien, macht 

Haeser, Gresch. d. Med. H. a 



32 Die neuere Zeit. Das sechszehnte Jahrhundert. 

allerdings mit grosser Sorgfalt bei allen von ihm aufgenommenen Schriften 
die für den Abdruck benutzten Vorlagen namhaft, und fügt bei vielen 
hinzu, dass derselbe auf den Original-Handschriften des P. beruhe. Indess 
ist damit die sehr nahe liegende Möglichkeit nicht ausgeschlossen, dass 
er selbst in manchen, vielleicht in vielen, Fällen sich täuschte oder ge- 
täuscht wurde. — Deshalb erscheint es gerathen, bis auf Weiteres an 
den oben genannten, bereits von Marx aufgestellten Kiiterien festzu- 
halten. — Paracelsus selbst deutet in einer, allerdings nicht völlig beglau- 
bigten, Schrift darauf hin, dass seine Schüler sich häufig willkürliche Ab- 
änderungen seiner Lehren erlaubten. «Was ich von Aerzten geboren habe, 
aus den hunderten von Pannonia seyn zween wohl gerathen, aus der Confin 
Poloniae drei, aus der Region der Saxen zween, aus den Sclavonien einer, 
aus Bohemien einer, aus dem Niederland einer, aus Schwaben keiner. 
Wiewohl in einem jeglichen Geschlecht grosse Zahlen gewesen sind. Ein 
jeglicher aber hat meine Lehre nach seinem Kopf gesattelt; einer führt 
mirs in einen missbrauch zu seinem Seckel, ein anderer zeuchts ihm in 
seine hoffart, aber ein anderer glossirts und emendirts, und im Fürlegen 
für mich warens erstunkene Lügen.» Vorrede zu den lihris Berthoneae. 
[Chir. Schriften. 335.] 

I. Schriften, Vielehe von Paracelsus selbst oder auf seine 
Veranlassung herausgegeben wurden: 

1526. 1. De gradibus et compositionibns receptoruni. 
Auf P.'s Veranlassung von Oporinus in's Lateinische übersetzt. Paracelsus 
widmete die Schrift am 10. Nov. 1526 seinem Freunde Christoph Clauser 
in Zürich, und bat ihn um die Veröffentlichung. [VIL 1.] 

1528, 2. Die kleine Chirurgie. Von Französischen Blatern, 
Lähme, Beulen, Löchern und Zitter achten, der Frantzosen und jhrs gleichen. 
Inhaltendt Zehn schöne Bächer, darinn die Meine Chirurgie begriffen. 
— Bildet den vierten Theil der Grossen Wundarznei. Gewidmet am 
11. Juni dem «obersten Meister» der Stadt Colmar, Hieron. Boner. 
{_Chir. Sehr. 249.] 

d. Sieben Bücher von allen off enen Schäden, so aus der 
Natur geboren werden. Dritter Theil der Grossen Wundarznei. 
Gewidmet «am 20sten des Heymonats» dem «Stettmeister» von Colmar, 
Conrad Wickram [Chir. Sehr. 376.] 

1529. 4. Practica D. Tlieophrasti Paracelsi, gemacht auff Europen, 
anzufahen in dem nechstkunfftigen dreyssigsten Jar Biss auf das Vier und 
dretjssigst nachuolgend. Gedruckt zu Nürnberg durch Friederich Peypus 
1529. (12 Blätter, davon 10^2 bedruckt.) [Üniv.-Bibl. Breslau.] 

5. Vom Holtz Guajaco. Durch den hochgelerten her reu TJieo- 
phrastum von Hochenheym beyder Ärtzeney Doctorem. Vom Holtz Guajaco 
gründlicher Heylung, darinn essen vnnd trinken, Saltz vnd anders erlaubt 
vnd zu gehört. \ Auch von den verfürigen vh Irrigen büchern artzeten 
brauch vnnd Ordnung ivider des holtz arth vnd natur auffgericht vnd auss- 
gangen. I Vom erkantnüs was dem holtz zugehört vnd ivas nicht, aus 
ivelchem erstanden dis verderben der kranckheyten. \ Dergleichen ivie ein 
almuss aus dem Holtz erstanden, dem armen zu gut, Solchs in ein verderben 



Die praktische Medicin. Paracelsus. Schriften desselben. 83 

gedijhen, iveijter corrigirt, vnd in einen rechten tveg gebracht, mehr er- 
spriesslich. \ Auch wie etlich höJtzer mehr seind denn allein Guajacum, 
die gleich so tvol als Guajacitm diese krafft haben. 

Hierauf folgt ein die untere Hälfte des Titelblattes ausfüllender Holz- 
schnitt , in zwei Abtheilungen getheilt : zur Rechten eine an einem Feuer 
mit einem grossen Topfe beschäftigte Person, der Arzt mit einer Schüssel, 
welche er einem Kranken darbietet; dieser aber wendet das Gesicht zur 
linken Abtheilung des Bildes: ein wohlbesetzter Tisch und ein Mann, 
welcher dem Kranken einen Becher entgegenbringt. — Hierauf die Vor- 
rede (3 Seiten): Doctor Theophrasfus von Hochenheym^ dem Leser sein 
gruss. Darauf 8 Seiten Text. Auf der Rückseite des letzten Blattes : Ge- 
druckt zu Nurmberg durch Priderichen Peypus MDXXIX. und das Drucker- 
zeichen desselben. [*Bibl. Wolfenbüttel.] — Marx erwähnt die auch in 
den Chir. Schriften abgedruckte Abhandlung (S. 14), ohne auf den Inhalt 
näher einzugehen. 

6. Drei Bücher von den Franzosen. Durch den Hochgelerten 
Herrn Theophrastum von Hochenheim, beyder artzneij Doctorem, von der 
Frantzösischen Kranckheit Drey Bücher. Para. [celsus.] | Das Erst von 
der impostur der Artzney, deren zwentzig sindt do durch die krancken 
verderbt sind worden. \ Das Ander vom corrigiren der selbigen, ynn was 
tceyss sie an verderbung zu brauchen sindt. \ Das Drit von den verderbten 
kranckheiten, wie den selbigen widerumb zu helfen sey. \ Auch wie andere 
neiv vnerhört kranckheiten , aus jrriger vnnd falscher Artzney entspringen. 
Gedruckt zu Nurmberg durch Priderich Peypus. 1530. 4. 54 ungezählte 
Blätter. — Dem Rathschreiber Lazarus Spengler, einem eifrigen Beför- 
derer der Lutherischen Lehre, gewidmet (23. Nov. 1529). [*Bibl. Wolfen- 
büttel.] iChir. Sehr. 149.] 

1530. 7. Von den Impostur en der Aerzte. Der Druck dieser 
Schrift wurde auf den Antrag der Leipziger Fakultät durch die kaiserliche 
Censur-Behörde in Nürnberg verboten. Paracelsus beschwerte sich darüber 
in einem Sendbriefe an den Rath von Nürnberg, in welchem er sich er- 
bietet, den Inhalt der Schrift in öffentlicher Disputation zu vertheidigen. 
\Chir. Sehr. 679.] 

1531. 8. Opus Paramirum (I) ad medicam industriam. 
Seinem alten Freunde Joachim von Wadt (Watt, Vadianus), dem treuen 
Anhänger der Reformation, Physikus und Bürgermeister zu St. Gallen, ge- 
widmet (,15. Mai). Herausgegeben von Adam von Bodenstein. Mühlhausen, 
1562. 4. [I. 1.] — Das Paramirum I. behandelt in fünf Traktaten 
eine Grundlehre des Paracelsischen Systems: die Lehre von den fünf 
«Entia», d. h. von der immateriellen Natur der Krankheiten und ihrer 
Entstehung durch die gleichfalls auf immaterielle Weise wirkenden fünf 
Hauptklassen der Krankheits-Ursachen. — Ein bei Huser [I. 67] abge- 
drucktes zweites Paramirum enthält gleichfalls fünf Theile: 1. und 2. Von 
zerbrechung Mercurii, Salis et Sulphuris microcosmici. 3, Von Krank- 
heiten ex Tartaro. 4. De causis et originibus morborum matricis. 5. De 
caus. et orig. morb. invisibilium. 

9. üsslegung des Commeten er schynen im hochbirg zu 
mitten Ängsten Anno 1531. An Meister Leo Jud, Prediger in 
Zürich. Samstag nach Bartholomäi 1531. [Stadt -Bibliothek Zürich. — 



Q^ Die neuere Zeit. Das sochszehute Jahrhundert. 

II. 637.] Der Komet war der Halley'sche. — Die Zuschrift an Jucl und 
dessen Antwort (beide mit starken Anklängen an den Schweizer Dialekt) 
sind auch abgedruckt bei Wolf, Biograßiieen, III. 21. 

1532. 10. Aussieg ung des Cometen und Vlrgultae, in 
hohen Teutschen Landen erschienen. Anno 1532. Vergl. Wolf, 
a. a. 0. 24. 

1536. 11. Von des Bads Pfeffers, in Oberen Schtveiz 
gelegen, fügenden, Kräfften und Wirkung, Ursprung und 
herkommen, Regiment und Ordnung. Dem Abt des «Gottes- 
hauses» zuPfäfers, Johann Jacob Russinger, gewidmet (31. Aug.) Heraus- 
gegeben von Michael Toxites, Strassb. 1571. 8. [VII. 327.] 

1536 u. 1537. 12. Die beiden ersten Bücher der Grossen IVund- 
Ärznei. Das erste Buch ist datirt aus der Prämonstratenser- Abtei 
Müncheroth vom 7. Mai 1536; das zweite: Augsburg, 11. Aug. 1536 und 
Kromau in Mähren 4. Juni 1537. Beide Bücher sind dem Kaiser Fer- 
dinand I. gewidmet. — Das erste Buch erschien gedruckt: Ulm, 1536. f. 
— verbessert, mit einer Vorrede von Paracelsus (Augsb., 23. Juli 1536), 
bei Heinrich Steyner, Augsb. 1536. f. Beide Bücher: Augsburg (Steyner), 
1536, f. Mit zum Theil interessanten Holzschnitten. [Univers.-Bibl. 
Breslau.] {Chir. Sehr. 1. ff.). 

1537. 13. De natura rerum, neun Bücher, datirt: Villach in 
Kärnthen, gerichtet an Joh. Winkelsteiner in Preiburg im Uechtland, mit 
der ausdrücklichen Bedingung, die Schrift Niemandem mitzutheilen. Para- 
celsus scheint mit derselben, zum Theil wenigstens, eine Mystification be- 
absichtigt zu haben. Dafür spricht unter Anderm die berüchtigte Stelle 
von der Erzeugung des «Homunculus,» — «das grösst Mirakel und Ge- 
heimniss biss zu den allerletzten Zeiten, da alles wirt offenbar werden.» 
Gedruckt: Strassburg, 1584. 8. [VI. 255.] 

1538. 14. a) Verantwortung über etzlich verunglifnjyfnng. 
h) Irrgang undLabgrinth der Äerzten. c) Vom Ursprünge 
des Sandts und Steins, — Paracelsus widmete diese drei Schriften, 
begleitet von einer kurzen Chronik des Landes Kärnthen, unter dem 
24. Aug. den Ständen der Landschaft Kärnthen, — Gedruckt : *Cölln, 
1564. 8. [IL 150 ff., wo auch das Dankschreiben der Stände sich findet.] 

15. Von der Pestilenz, an die Stadt Sterzingen. [III. 109.]^). 

Zu den unzweifelhaft ächten Schi'iftstücken des P, gehören ferner: 
(1527) die Bekanntmachung seiner Vorlesungen in Basel, datirt: «Nonis 
Junii 1527.» [VH. zu Anfang] — ; mehrere Consllioi, z, B. (1535) für 
den Stadtschreiber Adam Eeyssner in Mündelheim. [V. 105.] — (1541) 
für Franz Boner in Krakau (5. Aug.) und für dessen Sohn, (V. 106.) 

Den üebergang von diesen ächten zu den zweifelhaften Schriften 
bildet das 

Paragranum, welchem bei aller sonstigen Uebereinstimmung mit 
den Lehren des Paracelsus die äusseren Kennzeichen der Aechtheit (Datum, 



') Marx (S. 21) zählt nur zehn ächte Schriften auf, weil er die unter 
No. 4. 5. und 9, nicht kannte, und No. 10, und 15. zu den zweifelhaften 
Schriften rechnet. 



Die praktische Medicin. Paracelsus. Schriften desselben. 85 

Dedication u. s. w.) abgehen. Es handelt von einer Hauptlehre des Para- 
celsus, den vier Grundsäuleu der Medicin: «Philosophie, Astronomie, 
Alchemie und Tugend (virtus)». [IL 1.] — Ein zweites Paragrannm 
[IL 99.] stimmt mit dem ersten im Wesentlichen überein und ist wahr- 
scheinlich eine von P. selbst herrührende Ueberarbeitung. — Ferner trägt 
ein fragmentarisches Liber cohinmarum das Datum «Beritzhausen, 1530.» 
[V. 161.] 

IL Schriften von zweifelhafter Aechtheit: 

(1522?). De tinctura physicorum. [VI. 363.] Mit einigen Bemerkun- 
gen über P.'s persönliche Verhältnisse. — (1527?). De morbis ex Tartaro 
oriiindis. Angeblich von Oporinus in Basel lateinisch nachgeschriebene 
Vorlesungen. [IIL 207.] — Herharius s. de virtutibus herbarum Ale- 
mamiiae, j^aMae et imperii. (Dentsch.) [VII. 61.] — Erklärungen zu Macer, 
de viribus herbarum. Latein, von Oporinus. [VII. 237.] — Theophrasti 
Bombasti ab Hohenheim Eremitae de urinaruin ac pulsimm judiciis libellns. 
Vielleicht von einem Schüler des Paracelsus. [V. App. 99.] Daselbst [V. 
129] auch eine deutsche Schrift über den Harn. — Scholia et observationes, 
desgl. — (1536?). Von der Pestilenz und ihren Zufällen, zwei Bücher, 
angeblich 1536 in Nordlingen verfasst; herausgegeben von Adam von 
Bodenstein. 1564. 8. [III. 150.] — Drei andre dui'ch derbe Schreibart 
ausgezeichnete Bücher von der Pestilenz bei Huser, III. 150. — Er- 
klärung magischer Figuren, welche im Karthäuser- Kloster zu Nürnberg 
gefunden wurden. Eine Satire auf den Papst. Angeblich gedruckt : Mühl- 
hauseu, 1536. [X. 193.] — (1537 und 1538.) Phihsophia sagax der 
grossen und Meinen Welt, oder Astronomia magna. Erstes Buch: 22. Juni 
1537. Kromau in Mähren. Viertes Buch : 1538, St. Veit in Kärnthen. 
[X. 1.] — Von einem von Paracelsus angeblich beabsichtigten, auf 46 
oder 53 Theile berechneten Werke: Artzney, finden sich vor: Das siebente 
Buch in der Artzney: de morbis amentitmi (d. i. von Krankheiten, die den 
Menschen der Vernunft berauben: Epilepsie, Manie, Chorea, Suffocatio 
intellectus, Lunatici, Melancholici etc.) [IV. 38.] — Verwandten Inhalts 
sind: De caducis, d. i. von den hinfallenden Siechtagen. [IV. 317.] — De 
caduco matrkis. (Hysterie u. s. w.) [IV. 365.] — In der Vorrede zu 
einer wibeJiannten Schrift [V. 133], deren Aechtheit freilich nicht fest- 
steht, werden ferner als von P. herrührend genannt: Archidoxa, Über 
meteororum und de generatione mineralium. Diese Schriften sind (zum 
Theil unvollständig) gedruckt: VI. 1. 402. VIII. 177. — Ferner finden 
sich drei Bücher Voti den Bergkrankheiten: 1. Gemeine Lungsucht, Berg- 
Lungensucht; 2. Geberung der Krankheiten, so den Schmeltzern, Ab- 
treibern, Silberbrennern entstehen; 3. Von Krankheiten, so allein aus dem 
Quecksilber entstehen. [V. 1.] — (Sj:)?Ya?&i<cA ; handelt hauptsächlich über 
das Vei'halten in chirurgischen Krankheiten, den Ersatz chirurgischer 
Operationen durch Arzneien. Herausgegeben von Bodenstein. Mülhausen 
im Elsass, 1562. [Univers. -Bibl. Breslau.] — Berthoneae [?] libri IIL 
Ebenfalls chirurgischen Inhalts. {Chir. Sehr. 331.) — Eine Schrift über 
Thermen. [VII. 296.] — Buch ohne Titel. (Von verschiedenen Krankheiten.) 
[IV. 118.] — Vom Podagra, drei Bücher (das dritte unvollständig). [IV. 



gß Dio neuere Zeit. Das sechszelinte Jahrhundert. 

246.] — Zwei andere Bücher vom Podagra. [IV. 286.] — Auslegung 
primae sectionis aphorismorum Hippocratis [Appendix zu V. 3.] — Vom 
Aderlass. Gegen das handwerksmässige Treiben bei dieser Operation. 
[Das. 45]. 

Am verdächtigsten sind einige, zum Theil sehr umfangreiche, Bücher 
«philosophischen,» astrologischen und alchemistischen Inhalts, obschon 
Huser für mehrere derselben gleichfalls die Original-Handschriften benutzt 
haben will. Hierher gehören : Von den natürlichen Dingen, das erste Buch. 
[VII. 109.] — Das Buch von der Gebefung der Empfindlichen Dingen in 
der Vernunfft. [I. 323.] — De generatione hominis, und Ursprung und 
Herkom,men der menschlichen Eigenschaften. [I. 360]; — De renovatione 
et restauratione, — de longa vita. Dasselbe lat. von Oporinus. — Philo- 
sophia ad Äthenienses. — Bestand theile einer «Anatomie.» — Philosophia 
de generationihus et fructibus quatuor elementorum. — Philosophiae de 
generatione hominis lihellus. — Bestandtheile einer Philosophia de divinis 
operibus et secretis naturae. — Philosophia occulta. — Practica divina- 
tionis. [Sämmtlich Bd. VI, IX. u. X.] 

Gesammt-Ausgaben. — Zuerst gab Gerh. Dorn um das Jahr 
1570 einige Schriften des P. lateinisch und deutsch heraus. S. 1. et a. 
Selten. — Mehr oder weniger vollständige Ausgaben sind: Basil. 1575. 8. 

2 Bde. Mit Vorrede von Adam von Bodenstein. — Basel, 1589 — 90. 4. 
10 Theile. Herausgegeben von Huser. Bis jetzt die bequemste Ausgabe. 

— Francof. 1603. f. in einem Bande. Gleichfalls von Huser. Die Aus- 
gabe «Strassburg 1616» ist bis auf den Namen des Verlegers und die 
Jahrzahl mit der vorigen identisch. — Chirurgische Bücher und Schriften. 
Herausgegeben von Huser's Erben: Strassb. 1605. f. 1618. f. Gleich- 
falls mit der vorigen identisch, — Lateinische Ausgaben: Francof, 
1603 — 5. 4. 4 voll, (Von einem Ungenannten.) Basil. 1603 — 5. f, 

3 voll, ed, Huser, — Argent, 1616. f. 3 voll. Desgl. — Genev. 1658, f. 
3 voll. — Eine verstümmelte latein. Uebersetzung von Fr. B i t i s k i u s. 
Genev. 1658, — Das Verzeichniss aller Schriften und ihrer Ausgaben s. 
bei Haller, Bibl. med. pir. IL p. 2 seq. — Auf der Bibliothek zu Gotha 
finden sich handschriftliche Uebersetzungen mehrerer Schriften des P. in's 

— Arabische! — Eine im Interesse der Geschichte der Medicin wie der 
deutschen Sprache gleich unabweisbare neue Ausgabe des Paracelsus ist 
in der Vorbereitung begriffen. 



Die Lehren des Paracelsus. 
Grandanschannngen. 

S53. Der Keformator von Einsiedeln ist durchaus ein Kind 
seines Zeitalters, in welchem in der Kirche und im Staate, auf 
allen Gebieten des Wissens, die vs^iderstrebendsten Kräfte sich 
bekämpften. Er ist die Verkörperung dieses Kampfes auf dem 
Gebiete der Heilkunde, der vollste Ausdruck der Nichtbefrie- 
digung durch das Bestehende, des ungestümen Verlangens nach 



Praktische Medicin. Paracelsus. Grundanschauungen. 87 

einem besseren Zustande. Aber bei allem Zusammenhange mit 
seinen Vorgängern und mit ähnlichen Bestrebungen seiner Zeit- 
genossen ist Paracelsus doch zugleich eine, wo nicht geniale, 
doch in hohem Grade originelle Erscheinung. Vor Allem offen- 
bart er den vollen und urwüchsigen Freiheitsdrang des deutschen 
und schweizerischen Volksstammes. «Nemo sit alterius qui suus 
esse potest!» so lautet sein Wahlspruch. Dieses naturwüchsige 
Selbstbewusstseyn wurde bei Paracelsus, wie bei Luther, mit 
dem er viel Gutes, und wie bei John Brown, mit dem er manches 
Schlimme gemein hat, dadurch genährt, dass er in Armuth und 
Niedrigkeit geboren war und lebte, dass eine rauhe Erziehung 
ihn von der feineren Sitte der gebildeten Stände trennte. Die 
Zurücksetzung, welche er erfuhr, beleidigte seinen Stolz und be- 
schränkte ihn auf sich selbst; durch verschuldetes und unver- 
schuldetes Missgeschick gelangte er zu dem hoffärtigen Trotze, 
welcher kräftigen, aber ungefügen Naturen so eigen ist, durch 
vorsätzliche Missachtung alles dessen, was ausser seinem Kreise 
vorging, zu dem Unverständniss der grossen Leistungen seiner 
Zeitgenossen, zu der Ueberschätzung der eigenen Kraft und der 
eigenen Thaten. 

Schon oben ist darauf hingedeutet worden, dass die refor- 
matorischen Bestrebungen des Paracelsus mit keinem der beiden 
Wege, auf denen die Heilkunde während der ersten Hälfte des 
sechszehnten Jahrhunderts vornämlich ihrer Vervollkommnung 
entgegen geführt wurde, etwas gemein haben ^). Von den me- 
dicinischen Philologen scheidet den Arzt von Einsiedeln, ganz 
abgesehen von seiner Verachtung der Galenischen Medicin, schon 
sein in jeder Hinsicht deutsches Empfinden und Denken. Noch 
grösser ist die Kluft, die ihn von den Anatomen trennt. Denn 
für ihn hat nur das ganze volle Leben der Natur und des Men- 
schen Bedeutung; sein Ziel besteht darin, die Heilkunde auf die 
Erkenntniss des Lebens zu gründen. 

Welchen Einfluss die frühesten Jugend-Eindrücke, die Majestät 
der Alpenwelt, die Erziehung seines Vaters auf ihn hatten, ist 
unbekannt. Die Unterweisung, welche dem Jüngling zu Theil 
wurde, bewegte sich in den hergebrachten Geleisen ; aber schon 
früh schlug er die Bahn ein, welche von der herrschenden Schule 
durch eine unübersteigliche Kluft getrennt war. Unleugbar war 
es sein Umgang mit dem Volke, was ihn dazu führte, auf die 

') S. oben S. 69. 



38 l*i6 neuere Zeit. Das sechszehnto Jahrhundert. 

wundersamen Kräfte der Pflanzen zu achten, sein Verkehr mit 
Bergleuten und in den Werkstätten der Alchemisten, was ihn 
derjenigen Lehre in die Arme führte, welche damals gerade in 
Deutschland ihr Hauptlager aufgeschlagen hatte ^). 

«Ich bin wohl so stark und so hefftig uff ihr Leyren gelegen als sie. 
Da ich aber sah, dass die Lehre Nichts Anders als Tödten, Sterben, 
Würgen, Erkrümmen, Erlahmen, Verderben macht und zuricht, und dass 
kein Grund nicht da war, so ward ich bezwungen, der Wahrheit in andere 
Wege nachzugehen. Darnach sagten sie, ich verstände den Avicenna nicht, 
Galen nicht, und ich wüsste nicht, was diese schrieben. Paragranum I. 
[IL 78.] — «Ich hab ihre Process, Canones, und dergleichen Ordnung und 
schrifft lang in grossen würden und ehren gehalten. Da ich aber selbst 
nichts nützlichs damit ausrichten möcht, und andere meine Mitgesellen als 
ich : ward ich gezwungen, einen andern Grund zu suchen, welchen ich mit 
schwer Arbeit erlangt habe.» — «Ihr höchstes ist wider mich, dass ich 
nicht aus ihren Schulen komme oder aus ihnen schreibe.» 

Sein Bruch mit der Vergangenheit ist vollständig. Seiner 
Verachtung der Alten gibt er dadurch Ausdruck, dass er öffent- 
lich ihre Schriften verbrennt. Nur Einen nimmt er aus: Hippo- 
krates, zu dessen Aphorismen er einen Commentar schrieb. Seine 
Angriffe sind eben so sehr gegen die Form, wie gegen den In- 
halt der bisherigen Lehre gerichtet. Gleich dem grossen Refor- 
mator von Wittenberg lehrt und schreibt er in seiner Mutter- 
sprache, deren Kraft und Fülle ihm, gleich Jenem, durchaus zu 
eigen ist. 

Das Lehrgebäude des Paracelsus beruht ganz und gar auf 
den Anschauungen der Neu-Platoniker. Es beruht auf dem Satze 
von der All-Einheit der aus dem Geiste Gottes hervorgegangenen, 
von ihm durchdrungenen Natur. In jedem Geschöpfe waltet 
das «himmlische Feuer» und der «astralische Balsam» des Geistes 
Gottes. 

Der Mensch vereinigt in sich alle einzelnen Formen des 
äusseren Naturlebens, und stellt deshalb dem «Makrokosmus» 
gegenüber den «Mikrokosmus» dar. Diese Anschauung beherrscht 
die Lehre des Paracelsus so ganz und gar, dass er sehr häufig 
mit Umkehrung des Bildes die äussere Natur als den «äusseren 
Menschen» bezeichnet, 

«Darauf so folgt nun, dass Himmel und Erden, Luft und Wasser ein 
Mensch ist, in der scientia: imd der Mensch ist eine Welt, mit Himmel 
und Erden, mit Luft und Wasser, desgleichen in der scientia. Also nimpt 



') S. oben S. 69. 



Praktische Medicin. Paraeelsas. Gnindansoliauungon. 89 

der Saturnns microcosmi au Saturnum caeli; also nimpt Jupiter caeli an 
den Jupiter microcosmi etc. — Also in solcher Vereinigung sindt sie all. 
Also ist Himmel und Erden, und Luft und Wasser nur ein Ding, nicht 
vier, nicht zwei, nicht drei, sondern ein Ding.» Paramir. alt. IL [1. 117.] 
— «Wie der Himmel ist an jhm selbst mit allen seinem Firmament, Con- 
stellationen, nichts ausgeschlossen : Also ist auch der Mensch constellirt in 
jhm, für sich selbst gewaltigklich. Als das Firmament im Himmel für sich 
selbst ist, imd von keim geschöpff geregirt wirdt: Also wenig wirdt das 
Firmament im Menschen, das in jhm ist, von andern geschöpffen gewaltiget, 
sondern es ist allein ein gewaltiges frey Firmament, ohn alle bindung.» 
Paramir. [L 36.] — «So der Philosophus Majorem Mundum wol erkennt 
in Himmel vnnd Erden, vnnd in allen ihren Generationibus , so hat er die 
Erkanutnuss, zu verstehen Minorem Mundum.» Lahyr. medicor. c. 4. [IL 
211.] — «Darumb auss dem volgt, das der Artzt das wissen soll, das im 
Menschen sind Sonn, Mond, Saturnus, Mars, Mercurius, Venus vnd all 
Zeichen, der Polus Arcticus vnd Antarcticus» u. s. w. Paragran. IL Tr. 2. 
[H. 127.] 

In demselben Sinne heisst die Natur sichtbare «Philosophie,» die 
«Philsophie» unsichtbare Natur. Paragranum. [IL 23.] 

Das einzige Mittel, das Wesen des Menschen zu erkennen, 
besteht in der Erforschung- der äusseren Natur, des «äusseren 
Menschen». Die ärztliche Einsicht und Wirksamkeit insbesondere 
beruht auf der «Philosophie,» der «Astronomie,» der «Alchemie» 
und der «Tugend,» d. h. der Erkenntniss der irdischen und 
himmlischen Naturerscheinungen, der Erforschung ihrer näheren 
Bestandtheile, Eigenschaften und Wirkungen'^). Diese grosse 
Aufgabe, zufolge welcher die Gebiete der Medicin und der 
Natur-Erkenntniss zu einem einzigen verschmelzen, soll auf dem 
Wege der Erfahrung gelöst werden; in kernigen Worten wird 
diese unvergängliche Wahrheit den Aerzten an das Herz gelegt. 

«Der erst Schulmeister der Artzney ist der Corpus und die Materia 
der Natur : — Und also dieselbigen lehrnend und anzeigend : im selbigen 
studiere und lerne, und aus dir selbs nichts, dann dein eigene Fantasey 
ist nichts dann eine Verführung der Warheit.» Grosse Wundarznei, I. 
Tr. 2. cap. 2. [Chir. Sehr. 79.] — «Nicht aus. der Speculativa Theorica 
sol Practica fliessen, sondern aus der Practica Theorica.» Labtjr. medic. 
c. 4. [n. 208.] — «Lesen hat kein Arzt nie gemacht, aber die Praktik, 
die gibt em Arzt. Dann ein jegiich Lesen ist ein Schemel der Praktik und 
ein Federwüsch.» — «Die Augeu, die in der Erfarenheit ihren Lust haben, 
dieselbigen seindt deine Professores.» Von den tartar. Krankheiten, c. 2. 
[IL 256.] 

Leider aber verlieren diese trefflichen Worte sehr viel von 
ihrem Werthe durch die ungemessene Ausdehnung, welche P. 



*) Paragranum, Vorrede. [II. 9.] 



QO Die neuere Zeit. Das sechszehnte Jahrhundert. 

der «Erfahrung» beimisst. Denn es fehlt wenig, dass nicht alle 
und jede Kenntniss, welche nicht aus Büchern, sondern aus der 
Beobachtung geschöpft wird, «Erfahrung» heisst, so weit sie mit 
den allgemeinen Vordersätzen der ganzen Lehre in Einklang 
gebracht werden kann. 

In Betreff der Thätigkeiten der lebenden Wesen und des 
Menschen insbesondere geht Paracelsus von dem Begriffe des 
Organismus aus, von der innigen Verbindung des Seyns und 
Wirkens; und zwar betrachtet er diesen Organismus nicht als 
ein Fertiges, sondern als ein Werdendes, als ein aus belebtem 
Keime («Sperma») durch den Einfluss und unter der Herrschaft 
des «Archeus» («Adech,» «Vulcanus» u. s. w.) des inwendigen, 
«heimlichen» Menschen, sich Entwickelndes. 

«AujBf solches zu merken, dass derselbige Archeus im menschen alle 
die Vulcanischen kunst vollbringt, ordnet, schickt und fügt alle Ding in 
krafft der gebnen kunst von Grott in sein Wesen, ein jeglichs in sein letzte 
Materia.» Grosse Wundarznei, IL Tr. 2. c. 11. und an vielen andern 
Stellen. 

Der Mensch ist aus Erde («limus terrae») geschaffen; seine 
körperlichen Organe bestehen aus vollständig und unvollständig 
verbrennlichen und aus feuerbeständigen Theilen: «Sulphur, Mer- 
curius, Sal». So lange das Leben besteht, unterliegen diese 
Grund-Substanzen und die aus ihnen sich aufbauenden Körper- 
Organe einer fortwährenden Abnutzung und Erneuerung durch 
den Archeus, den «Schmelzer»; im Tode zerfallen sie, und die 
Elemente des Körpers werden zur Quelle neuer Verbindungen. 

«Drei sind der Substantz, die da einem jedlichen sein Corpus geben: 
Das ist, Ein jedlich Corpus steht in dreyen Dingen. Die Namen dieser 
dreyen Dingen sind also Sulphur, Mercurius, Sal. Diese drey werden zu- 
sammengesetzt, als dan heists ein Corpus, vnd ihnen wirt nichts 
hinzugethan, als allein das leben, vnd sein anhangendes.» 
— «Nun dir die drei ding zu erfahren^ so nempt ein anfang vom holtz: 
Dasselbig ist ein Leib : Nun lass brinnen, so ist, das da brindt, der Sulphur, 
das da raucht, der Mercurius, das zu Eschen wirdt, Sal.» Paramir. alt. 
lib. I. cap. 2. [L 73 ff.] 

«Was die Narung ist, das meistert der Archevis im Magen, und macht 
daraus, was ihm zusteht. Als ein Schmidt, der auss seinem Eisen machen 
mag, was er will.» Paramir. alt. [L 216.] 

Auch diese Abschnitte der Paracelsischen Lehre sind reich 
an glücklichen Gedanken und Vorahnungen. Hierher gehört z. B. 
was an verschiedenen Orten über die assimilirende Kraft des 
Blutes und der jedem einzelnen Organ inwohnenden selbständigen 
Wärme-Quelle gesagt wird. 



Praktische Medicin. Paracelsns. Grundanschauungen. 91 

«Nun so wissend am aller ersten, dass das blut, mark und fleisch auch 
an sich zeucht seine narung, und in ihm selbst dawet, und scheidet von 
ihm, das nit sein ist.» Paramir. alt. lib. III. Tr. 4. [L 176.] — «Die 
Küle so die Lunge macht, dient dem ganzen Leib und nit dem Hertzen 
allein. Dann ein andere hitz ist es die Leber, ein ander do, ein ander do. 
Darum ist es nit, dass alle Hitz vom Hertzen komme, sondern ein jedlich 
glid hat seine hitz von ihm selbst : darumb ein gemeine Külung da be- 
schicht.» Das. [L 171.] 

Unausbleiblich führte eine Lehre, welche damit anbebt, dass 
der lebendige «Mikrokosmus» nur durch die Ergründung des 
all-belebten «Makrokosmus» zu begreifen ist, dass die leben- 
digen Vorgänge von der körperlichen Bescbaflfenheit der Organe 
unabhängig sind, zu der vollständigsten Geringschätzung der 
Anatomie. Diese Verachtung der Grundlage der wissenschaft- 
lichen Medicin ist zu allen Zeiten das Wahrzeichen aller tran- 
scendentalen und mystischen, nicht minder aller empirischen 
Systeme. Die Geschichte aber lehrt, dass mit dem Mysticismus 
die rohe Empirie fast unausbleiblich Hand in Hand geht. Bei 
Paracelsus geht jene Geringschätzung so weit, dass er sogar das 
"Wort «Anatomie» nur gebraucht, um Das zu bezeichnen, was 
seiner Meinung nach die Grundlage der Medicin bilden soll, 
die Erkenntniss des Wesens des Lebens. Für eine Lehre frei- 
lich, welche an der Krankheit nur das einzige Interesse hat, 
dass sie durch die ihr entsprechenden «Arcana» heilbar ist, ja 
dass sie nach diesen ihren Namen führen soll , war es völlig 
gleichgültig, zu wissen, wo Gehirn, Milz und Leber liegen, im 
Grunde sogar gleichgültig, ob diese Organe überhaupt vorhan- 
den sind. 

«Das ist das recht Buch, auss dem die Anatomia volgen soll: Dass der 
Mensch wisse der Elementen vnnd Microcosmi Substantz, Proportiones- etc. 
zu vergleichen. Nicht das genugsam sey, so der Cörper gesehen wirdt der 
Menschen: Item aufFgeschnitten, vnnd aber besehen: Item versotten, vnnd 
aber gesehen: Das sehen ist allein ein sehen: wie ein Bawr, der ein Psalter 
sieht, sieht allein die Buchstaben ; da ist weiter nichts mehr von jhm zu 
sagen.» Ldbyr. medic. c. 4. [II. 209.] — «Was nutzet den Artzt in Caduco, 
dass er weiss, wo das Hirn ligt?» — «Ob ich schon Anatomiam localem 
weiss, was geht's Icteritiam an? was Hydropisin? was andere Krankheiten? 
Es nutzt auch diese Anatomey allein die eusserlichen Wundkrankheiten 
und Ursprung, und inwendig gar nichts , das ist , in der Hauptursach. — 
Als mich auch verwundert, der ihr den todten Cörper für ein Grund für- 
legen, etwas darauss zu nemmen dem Lebendigen nutz zu sein.» Kleine 
Chir. n. c. 1. \Chir. Sehr. 259.] — «Bedencken, wie gross vnd wie so 
edel der Mensch geschaffen sey, vnnd wie so gross sein Anatomey begriffen 
wirdt: vnnd dass nicht möglich ist sein Anatomey des Leibs vnnd der 



92 1*16 neuere Zeit. Das aechszehnte Jahrhundert. 

Tilgenden zu Speculiren, in keinem Kopff noch VernunfFt : Sondern von dem 
eussern muss der grund gehn, alsdann so ist sichtbar vnnd offenbar was in 
jhm ist. Dann wie es aussen ist, so ist es in jhm auch, vnnd was aussen 
nit ist, das ist in jhm auch nit u. s. w.» Parmjran. alt. Tr. II. [IL 140.] 
— «So der Arzt den äusseren Menschen wohl weiss und ihn wohl erfaren 
hat, alsdann soll er sich geben in die Facultüt der Artzney und den eussern 
in den inneren wenden, und den inneren in dem eussern erkennen: sich 
hüten in alle wege, das er keineswegs in dem Innern Menschen lerne, denn 
da ist nichts als Verfürung und der Todt ; denn bis sie ohne solch eusser- 
lichen Menschen des Menschen Anliegen erkennen, wie viel Felder und 
Acker müssen an dieser Prob zum Kirchhof werden ! » 



Allg-emeine Pathologie. 

353. Die Pathologie des Paracelsus beruht auf dem Satze, 
dass die krankhaften Vorgänge nicht in abnormer Beschaffenheit 
der Cardinal-Flüssigkeiten, am wenigsten in der «Fäulniss» ihren 
Grund haben, welche bei Galen, noch mehr bei den Späteren, 
eine so grosse Rolle spielt, sondern in Abänderungen der or- 
ganischen Idee besteben. Die Veränderungen der Form und 
Mischung sind nur Wirkungen der krankhaften Vorgänge. Es 
liegt am Tage, dass die alte «Qualitas occulta,» welche schon 
im System Galen's eine geheimnissvolle Rolle spielt, in der neuen 
Lehre zur grössten Bedeutung gelangte. 

Die Krankheit ist ein dem Akt der Zeugung analoger organi- 
scher Entwickelungs -Vorgang. Demgemäss legt Paracelsus auf 
das Wachsen und Vergehen desselben: die «Zeit,» er legt nament- 
lich auf die von den Alten vernachlässigte Erblichkeit der Krank- 
heiten besonderes Gewicht. 

.«Der ist ein Artzt, der das unsichtbare weiss, das kein nammen hat, 
das kein Matery hat, und hat doch sein wirckung. Wer will dann sagen, 
dass solch kranckheiten kommen auss den humoribus, die dann sichtig 
sind, und nit unsichtig?» — «So dann die kranckheiten nichts greiffiiches 
sind, sondern dem Wind gleich, wie kan maus dann purgiren , oder mit 
demselbigen hinweg thun? — Die Kranckheiten sind nit Corpora; — drumb 
Geist gegen Geist gebraucht soll werden.» Paragran. alt. Tr. IL [IL 139.] 
— «Also seind die Elementen nit ürsach der Kranckheiten, sondern der 
sahm, der in sie geseet wirdt, und also in ihnen wechst, in sein letzt wesen 
und Materiam : Auss welchem wir wachsen und aus welchem erwachsen 
die Kranckheit kompt, und dasselbig, das erwachsen ist, ist die Krauck- 
heit. — Und also sollen die Kranckheiten erkennt werden, aus dem sahmen 
zu seyn, nicht aus den humoribus : vom Vater und nicht von der Mutter. 
Wiewol von der Mutter das Kindt geboren wird, so ists doch vom Vater: 
Wer wollte hierauff sagen und zugeben, das man sollte die Kranckheiten 



Die praktische Modicin. Taracelsus. Allgemeine Pathologie. 93 

suchen, als einen hmnorem, und den humorem für die Kranckheit nv- 
theilen?» Lahijr. medicor. c. 11. [II. 237.] 

Die Lehre von den Ursachen der Krankheiten bildet den 
Haupt-Inhalt einer der frühesten Schriften des Paracelsus, des 
Paramirtim. Als die nächsten Ursachen des Erkrankens werden 
die «Entia» geschildert, d. h. alle auf den Menschen wirkenden 
Kräfte und Einflüsse: das «Ens astrorum» (die kosmischen Agen- 
tien), das «Ens veneni» (die in den nicht assimilirbaren Theilen 
der Nahrungsmittel enthaltenen schädlichen Stoffe), das «Ens 
naturale» und «spirituale» (die Unvollkommenheit der körper- 
lichen und geistigen Organisation), das «Ens deale» (die gött- 
liche Schickung). Durchaus eigenthümlich ist die Folgerung 
dieses Satzes, dass jedes dieser «Entia» jede einzelne Krank- 
heit zu erzeugen vermag, dass mithin anscheinend übereinstim- 
mende Krankheiten in ihrer wesentlichen Natur die grösste Ver- 
schiedenheit zeigen können. 

«Ens ist ein Ursprung oder ein ding, welchs gewalt hatt den leib zu 
regiren. — — AufF das schreiben wir euch, dass fünff stück seind, die 
den leib verderben, unnd ihn Ursachen zu krankheiten. — ünnd ein jeg- 
lichs Ens ist also, dass jhm unnderworffen seind die krankheiten : nichts 
aussgenommen» u. s. w. Paramirum. Pro!. 3. [I. 8.] 

Grosse Bedeutung wird besonders den durch das «Ens veneni» 
entstehenden Krankheiten beigemessen. Allen Stoffen der Aussen- 
welt kommt nämlich ein günstig Wirkendes und ein nachtheilig 
Wirkendes zu («Essentia» und «Venenum»). Aus den Nahrungs- 
mitteln beide zu trennen, ist die Aufgabe des «inwendigen 
Alchemisten»; — die Isolirung der heilwirkenden «Essenzen» 
von den «Venenis» der Arzneimittel ist die wichtigste Aufgabe 
der Alchemie, welche Paracelsus deshalb, in seiner Vorliebe für 
phantastische Vergleiche und Antithesen, nicht selten den «äus- 
seren Magen» nennt. Die wichtigsten durch das «Ens veneni» 
erzeugten Krankheiten sind diejenigen, welche auf der Einwir- 
kung thierischer Gifte und Contagien beruhen. 

«Der leib ist uns on gifft geben, und in jhm ist kein gifft : Aber das, 
das wir dem leib müssen geben zu seiner narung, im selbigen ist gifft.» — 
«Dieweil also ein jedlichs Ding ihm selbst vollkommen ist, und eim andern 
ein Gifft und ein Gütti : ist unser Process also, dass Gott dem, der das 
Ander muss gebrauchen, welches ihm zu gifft und guten infart und geben 
wird, ein Alchiiuisten gesetzt hat : der ein so grosser Künstler ist, dass er 
die zwei Stuck von einander scheydet : das Gifft in sein Sack, das Gutte 
dem Leib.» Paramir. I. Tr. 2. [I. 25.] — «In eim jedlichen ding ist ein 



9^ Die neuere Zeit. Das sechszelinte Jahrliundert. 

Essentia vnd ein Venenum: Essentia ist das, dass den Menschen auffent- 
halt [d. h. erhält, gesund erhält], Venenum das, dass jhm krankheit zu- 
fügt.» Das. c. 8. [I. 29.] 

Durch seine Aufifassung der ätiologischen Verhältnisse wurde 
Paraeelsus, unterstützt von einer ausgebreiteten Länder-Kennt- 
niss, auf die grosse Wichtigkeit der geographischen Verschieden- 
heiten, ja sogar auf den Gedanken einer Krankheits-Karte ge- 
führt. Auch aus diesem Grunde preist er das Wanderleben. 
Für die gesündeste aller ihm bekannten Gegenden erklärt er 
das Veltlin, namentlich wegen der dort gänzlich fehlenden «tar- 
tarischen» Krankheiten^). 

«Es gedeucht mich gutt sein, dass ein jedlicher Artzt seines Vatter- 
landtes Tartarea Corpora und alsdann die Tartareas Species Tartarorum 
beschriebe und erfüre. Und so solchs von allen Aertzten geschehen, als- 
dann so möcht das Buch medicorum, das Tei'ra und Aqua ist, mit war- 
hafftem Grund in ein papier wol gesetzt werden. Zu gleicher weiss wie 
die Welt in ein Mappam gebracht wird.» Von den tartar. Krankheiten. 
[U. 254.] 

Die Kunst gehet keinem nach, aber ihr muss nachgegangen werden. 
Darum hab ich fug und verstand, dass ich sie suchen muss, und sie mich 
nit. Ich hab etwan gehört, dass ein Arzt sol ein laudfaver seyn. Dieses 
gefeit mir zum besten wohl, dann ursach, die Krankheiten wandern hin 
und her, so weit die Welt ist, und bleiben nicht an einem ort. Will einer 
viel Krankheiten erkennen , so wander er auch. Wandert er weit, so er- 
fert er viel und lehrnet viel erkennen. Gibt wandern nicht mehr verstand, 
dann hinderm Ofen sitzen ? Also acht ich , dass ich mein wandern billich 
verbracht hab, mir ein lob und kein schand zu seyn. Dann das will ich 
bezeugen mit der Natur : der sie durchforschen will , der muss mit den 
Füssen ihre Bücher trotten. Die geschrifft wird erforschet durch ihre 
Buchstaben, die Natur aber durch landt zu landt; als oft ein landt, als oft 
ein Blat. Also ist Codex naturae; also muss man ihre Bletter umbkeren.» 
Die vierte Defension. [II. 174.] 

«Für mein person hab solcher länder nie keins erfaren, da ich Tarta- 
reas aegritudiues so wenig gefunden hett, als allein im Veldlin. Im selben 
land ist in jhren geborenen Ein wonern kein Podagra, noch Calculus nie 
erfunden noch erhört worden.» Von den tartarischen Krankheiten, c. 15. 
[IL 317.] 

Eine ganz eigenthümliche Wendung nimmt in der Lehre des 
Paraeelsus die Diagnostik ein. Allerdings legt er auf die Unter- 
suchung des Pulses und des Harnes grosses Gewicht; er weist 
darauf hin, dass auch in der Krankheiten «Zahl, Maass und 
Gewicht» sich geltend machen; aber die wichtigste Quelle und 



') S. unten S. 101. 



Praktische Medicin. Paracelsus. Therapie. 95 

Handhabe der Diagnose sind für ihn die Erfolge der angewen- 
deten Heilmittel). 



Therapie. 

354. Den Anfang, das Mittel und Ende der Lehre des Re- 
formators von Einsiedeln bildet die Therapie; vor der Aufgabe, 
die Krankheiten zu heilen, tritt jede andre Rücksicht in den 
Hintergrund. — Die Heilung einer jeden Krankheit wird ent- 
weder durch die Natur herbeigeführt, oder sie erfordert die Hülfe 
der Kunst. Auf diese Anerkennung der Natur-Heilkraft ist die 
Verehrung gegründet, von welcher Paracelsus gegen Hippokrates 
erfüllt ist; er wurde in ihr vor Allem befestigt durch seine Be- 
obachtungen über die oft bei der grössten Vernachlässigung ein- 
tretende Heilung von Wunden. Deshalb nehmen diätetische Heil- 
mittel eine wichtige Stelle ein : frische Luft, Gemüthsruhe, alter 
Wein, Fasten, Gebet. In Betreff der Kunstheilung dagegen steht 
er durchaus auf dem Boden seiner eignen Lehre. 

«Wo nun Kranckheiten seindt, da seindt auch Artzney und der Artzt. 
Also ist die Kranckheit von Natur angeboren. Von Natur hat er auch 
wider ein jedliche Kranckheit Artzney, und wie er hat den destructorem 
sanitatis von Natur, also hat er auch Conservatorem sanitatis von Natur.» 
Labyrinthus medicorum. cap. 7. [II. 22L] 

«Auss Ursachen, so ein Ki'anckheit im Leib ist, so müssen alle ge- 
sunden glieder wider sie fechten: Nicht eins allein, sondern alle. Dann 
ein kranckheit ist ihr aller Todt. Das merkt die Natur, darumb so fallt 
sie wider die kranckheit mit all ihrer Macht, so sie vermag.» Paramir. 
alt. [I. 118.] «Aber der Artzt der eusserlich ist, gehet erst an, waim der 
angeboren erligt, verzählet [verzagt], ermüdt ist, so befilcht er sein ampt 
dem eussern.» Labyr. medicor. [IL 223.] 

Ist die «Natur» zur Herbeiführung der Genesung nicht aus- 
reichend, so muss, wenn überhaupt die Herstellung möglich er- 
scheint, die Kunsthülfe eintreten. 

«Unterstand dich nicht unmögliche ding, dann es ist spöttlich.» 
Grosse Wundarznei, I. 1. 

Da aber die Krankheiten ihrem Wesen («ultima materia») 
nach nicht etwas Materielles, sondern Geistiges, Lebendiges sind, 
so können auch die Heilmittel nur solche seyn, welche diesem 
geistigen, organischen Wesen, dem «Samen» der Krankheit, 
feindlich sind. Solche Heilmittel sind die «Arcana.» Dieses 



2) Vergl. unten S. 100. 



QQ Die neuere Zeit. Das sochszohnto Jabrliundert. 

Wort hat bei Paracelsus eine doppelte Bedeutung. Im weiteren 
Sinne bezeichnet es Alles, was die wesentlichen Bedingungen der 
Krankheit beseitigt: die Heilkraft der Natur, Blutentziehungen, 
der Steinschnitt. Vornänilich aber heissen «Arcana» solche Sub- 
stanzen, welche durch die ihnen in wohnenden «geheimen Tugen- 
den» (die alten «qualitates occultae») entweder die schlummernde 
Heilkraft der Natur erwecken, oder die wesentlichen Bedingun- 
gen der Krankheit, ihren «Samen» auslöschen und vernichten. 

In allen Perioden der Heilkunde regt sich das Verlangen 
nach «specifischen» Arzneien. Ihm entspringen die Alexiphar- 
maka als Heilmittel der verheerendsten Krankheit des Mittel- 
alters, der Pest; die Alchemisten wurden nicht müde, nach der 
Universal- Arznei, dem «Stein der Weisen» und der «Goldtinctur» 
zu suchen. Zur Zeit des Paracelsus hatte die Syphilis die Ohn- 
macht der Galenischen Therapie von Neuem an den Tag ge- 
bracht; aus dem Schatze der Volks-Medicin erwuchs ihr ein den 
Aerzten unbekanntes Specificum: das Quecksilber. Was war natür- 
licher, als dass ein neues System, welches jede Brücke mit der 
Vergangenheit abbrach, die wichtigste Aufgabe der Therapie 
darein setzte, specifische Heilmittel, «Arcana,» aufzufinden? 

Die Lehre von den Arkanen ist der Angelpunkt des ganzen 
Paracelsischen Systems. So bezeugt es der Urheber desselben 
mit seinen eigenen Worten. Ihre Wirkung ist eine immaterielle, 
geistige, dem Feuer oder dem Samen zu vergleichende. Diese 
magischen Kräfte der Arzneikörper zu erschliessen, ist die wich- 
tigste Aufgabe der Alchemie. 

«Eine jegliche Cur soll aus der ultima materia entspringen, und nicht 
aus den subtiligkeiten , das weder der Philosophey, Medicin, den Kranck- 
heiten, noch keiner warheit gleich noch massig ist.» — «Contraria a con- 
trariis curantur, das ist , heiss vertreibt Kaltes : das ist falsch , in der 
Artzney nie war gewesen, sondern also : Arcanum und Kranckheit das sind 
Contravia. Arcanum ist die gesundtheit, und die kranckheit ist der ge- 
sundtheit widerwertig, diese zwei vertreiben einander.» — «Zu gleicher 
weiss, wie ein Ding ist, dass das Leben nimpt, also ist auch ein Ding und 
ursach, das die kranckheit nimpt. Du brichst die Byren ab vom Baum: 
nun ist der Baum ledig : Mit solchen nominihus, causis must du abbrechen 
die Kranckheiten : und nit in der Substantz und corpus der Bieren liegen, 
sondern im stiel, darauff sie steht.» — «Alle Recepten, so nicht wider 
den Sahmen gestellt, seindt falsch und untüchtig.» — «Darauff zu wissen 
ist, dass solche Ding, so nach complexionibus und gradibus fürgenommen 
werden, im Leib nix zu schaffen haben, dann im Leib sind weder kalt noch 
warm Kranckheiten in der wurtzeu : wider wen sollte dann kalt oder warm 
artzney fechten?» Paramir. alt. lib. IL [I. 109. 111.] 



Praktische Medicia. Paracelsus. Therapie. 97 

«Die Artzuey in deiner Handt ist nuhr ein Samen; disen Samen must 
du machen wachsen, auflf das du denselbigen bringest, dahin er gehört.» Vom 
Ursprung der Frantzosen, IV. c. 3. [Chir. Sehr, 215.] — «Die Artzney 
soll im Leib als ein Fewer wirken, und soll dermassen so gewaltig in den 
kranckheiten handeln, als ein Fewer handelt in einem Sclieitter Holtz- 
hauiFen. Nuhn wissen, dass in solcher Gestalt das Dosis erfunden wird, 
wie jhrs heissen. Mag man ein Fewer Gewicht finden, wie viel auff ein 
Holtzhauffen gehöre, denselbigen zu verbrennen, oder wie viel Fewers zu 
einem Hauss? Nein. Ein Fünklcin ist schwer genug, ein Wald zu ver- 
brennen.» Das. V. c. 10. [CJür. Sehr. 227.] 

«Alles fürnemmen hie ist, das der grundt der Artzney am 
letzten in den Arcanis stände, vnnd die Arcanen den grund 
des Artztes beschliessen. Darumb so inn den Arcanis der Be- 
schlussgrundt ligt, so muss hie d'Grundt Alchimia seyn, durch welche die 
Arcana bereitt vnnd gemacht werden. Darumb so wisset allein Das, das 
die Arcana seindt, die da tugent vnnd krafft seind : Darumb so sein sie 
Volatilia, vnd haben keine Corpora» u. s. w. Paragran. alt. Tr. 3. 
[II. 66.] — «Es sind alle Arcanen dermassen beschaffen, dass sie ohn 
Materia vnd Coi'pora jhr werck vollbringen. Dann vrsach , die kranck- 
heiten sind nit Corpora , drumb geist gegen geist gebraucht sol werden ; 
wie d'Schnee von d'Sonnen hingeht, vom Sommer: wer greifft desselbigen 
Corpus? Niemandts.» Paragr. alt. Tr. 2. [II. 139.] 

Der theosophische Standpunkt unsres Reformators gibt sich 
ferner auch dadurch zu erkennen, dass seiner Lehre nach die 
heilsamen Arzneien nur um der Krankheiten willen geschaffen 
wurden. In diesem Sinne nennt er «die ganze Welt eine Apo- 
theke», und Gott den «obersten Apotheker.» Eben damit hängt 
zusammen, dass da, wo gewisse Krankheiten sich vorfinden, 
auch die ihnen entsprechenden Arzneien wachsen. 

«Nun aber in der Natur ist die gantze Welt ein Apotecken, und nit 
mehr dann mit einem Tach bedeckt. Nur Einer fürt den Mörsel , so weit 
die gantze Welt geht.» — «Alle Artzney seindt beschaffen von wegen der 
Kranken.» — «Wo die Kranckheiten sind, da sind auch die Artzneyen, 
und wo die Kranckbeit und die Artzney ist , da ist auch der Artzt. Wie 
kann dann der Reinlandische Artzt am Nilo wachsen, oder der Nilische 
Artzt an der Thonaw?» Impost. c. 16. [Chir. Sehr. 171.] 

Die Angabe der Mittel und Wege, durch welche es gelingen 
soll, die Kenntniss der Arkana zu erwerben, bildet gleichfalls 
einen Kernpunkt der Paracelsischen Lehre. — Da nämlich das 
Geheimniss des Lebens und des Erkrankens nur durch die Er- 
forschung des «äusseren Menschen» gelöst werden kann, so be- 
steht die Aufgabe des Arztes darin, denjenigen Erscheinungen in 
der äusseren Natur nachzugehen, welche den besonderen Krank- 
heitsformen entsprechen, und umgekehrt. Eine beträchtliche 
Anzahl von Krankheiten wird deshalb in den Paracelsischen 

llaosor, Gesch. d. Med. II. 7 



QQ Die neuere Zeit. Das socliszelinte Jahrhundert. 

Schriften mit Naturereignissen verglichen oder geradezu identi- 
ficirt, und die ungezügeltste Phantasie kommt hierbei zu ihrer 
vollen Geltung. Die Wassersucht wird als eine mikrokosmische 
Ueberschwemmung, die Atrophie als mikrokosmische Austrock- 
nung geschildert, die verschiedenen Arten der Kolik den vier 
Hauptrichtungen des Windes, der Schlagfluss dem Blitze gleich- 
gestellt. In vielen Fällen ist hiernach ohne Weiteres die The- 
rapie der betreffenden Krankheiten an die Hand gegeben. Die 
Wassersucht z. B. soll, der Ueberschwemmung gleich, durch 
Mittel geheilt werden, welche den Ueberfluss nach aussen ent- 
leeren und das Zurückbleibende austrocknen; — Quecksilber- 
mittel — Crocus martis und den (dem Feuer entsprechenden) 
Schwefel. — Die Winde entstehen durch Kälte und Nässe; so 
werden auch die Koliken durch erwärmende und trocknende 
Mittel (Opium) gedämpft u. s. w. Wobei zugleich offenbar wird, 
dass auch Paracelsus dem doch so sehr von ihm getadelten 
Galenischen Grundsatze «Contraria contrariis» bedeutende Zu- 
geständnisse macht. 

Um zu der Kenntniss der eigentlichen «Arcana» zu gelangen, 
gibt es mehrere Wege. Zunächst sollen die sinnlichen Eigen- 
schaften der Naturkörper zu ihr hinleiten, insofern sie mit der 
Form der kranken Organe oder einzelnen Krankheitserscheinun- 
gen übereinstimmen. So entstand die berüchtigte Lehre von den 
«Signaturen»; eine Phantasie, welche schon im Alterthum hier 
und da auftaucht. Bei Paracelsus, noch mehr bei seinen Nach- 
folgern, wird sie bis zum Aberwitz ausgebeutet. 

«Ihr sehend, dass alle Corpora Formas haben, in denen sie stehend: 
Also haben auch Formas alle jhre Artzney, so in jhnen sind. Die ein ist 
visibilis, die ander invisibilis : Das ist, die eine Corporalisch, Elementisch, 
die ander Spiritalisch, Syderisch, Auff das volgt nun das ein jetlicher 
Artzt sein Herbarium spiritualem sydereum haben soll, auff dass er wisse, 
wie dieselbig Artzney in der Form stehe: Als die Exempel aussweisen. 
Ein Artzney die da ingenommen wirt spiritualiter in jhrer essentia, so 
bald sie in Leib kompt, so steht sie in jhrer form. Zu gleicher weiss wie 
ein Kegenbogen im Himmel, ein bild oder form im Spiegel. Also, hatt 
sie ein Form derFüsse, stehet sie in die füss, hat sie ein 
form der Henden, so stehet sie in die Hende. Also mit dem 
Kopff, Rücken, Bauch, Hertz, Miltz, Leber u. s. w. Lahyr. 
medicor. c. 10. [H. 233.] 

Als Beispiele werden angeführt die rothen Flecken auf den Blättern 
des « Wasser blutes» (Polygonum Persicaria), des wichtigsten aller Wund- 
kräuter ; die durchbohrten Blätter des Johanniskrauts (Hypericum perfo- 
ratum), womit man Stichwunden heilt; die Knollen der Orchis mascula, 



Praktische Medicin. Paracelsus. Therapie. 99 

deren Gestalt der Pflanze ihren Namen gab , das stärkste Aphrodisiacum ; 
die Stacheln der Distel , das beste Mittel gegen inneres Stechen ; Saxifraga 
als Lithothrypticum. — Ueber die Lehre von den Signaturen bei den 
späteren Paracelsisten, z. B. bei Groll, vergl. Frank el, Zur Geschichte 
der Medicin in den Anhalt' sehen Herzogthibnern. (S. unt. S. 106.) S. 99 if. 
— Eine gründliche Darstellung dieser Lehre gibt von Gohren, Medi- 
corum priscorum de signatura, impriinis plantar um, doctrina, Jen. 1840. 
8. — J. Ghapiel, Des rapports de J'homoeopathie avec la doctrine des 
signatures. p. 12. 

Auf anmuthige Art vergleicht Paracelsus die Erforschung der Arkana 
mit der des weiblichen Herzens: «Ist gleich als ein Frawen, jhr seht dass 
sie als ein Frau gericht [gestaltet] ist, jhr wissen aber jhr Hertz nicht, 
wen sie trewlichen im Hei'tzen meint. » Vo7i podagrischen Krankheiten. H. 
[V. 310.] 

In der Regel soll indess die Erfahrung, der Versuch, zur 
Kenntniss der Arkana führen. Die Chemie soll dazu dienen, 
aus Pflanzen und Mineralien die wirksamen Bestandtheile, die 
«Essenzen» auszuscheiden. Ueber die so gewonnenen Arkana 
finden sich in den ächten Schriften des Paracelsus nur wenige 
Mittheilungen; entweder, weil ihre Zahl kleiner war, als man 
sich den Anschein gab, oder aus Geheimnisskrämerei u. s. w. 
Zu den wichtigsten Arkanen scheinen mehrere Präparate des 
Quecksilbers, des Spiessglanzes, des Bleies, des Eisens («Crocus 
Martis»), des Kupfers, Arseniks, Schwefels, Borax, Tincturen, 
Essenzen und Extrakte von Pflanzen, Persicaria, Terpenthin, 
Helleborus u. s. w. gehört zu haben. Zu den heilkräftigsten 
Mitteln zählte Paracelsus die Opiate, besonders ein von ihm er- 
fundenes «Laudanum.» 

«Ich hab ein Arcanum, heiss ich Laudanum, ist über das alles, wo es 
zum Tod reichen will.» Grosse Wundarznei, I. Tr. 3. \^Chir. Sehr. 44.] 

Chr. A. Becker, Der geheime Weingeist der Adepten. [Aceton?] 
Mühlhausen in Thür. 1862. 8. — Ders., Der Boracit, das Geheimmittel 
des Paracelsus gegen den Stein. 2. Aufl. Das. 1868. 8. 

Besondern Werth legt Paracelsus aus dem früher angege- 
benen Grunde auf einheimische Arzneikörper, besonders auf die 
natürlichen Heilquellen. Um die Kenntniss derselben, nament- 
lich derer der Schweiz, der rheinischen Säuerlinge, erwarb er sich 
unleugbare Verdienste. Die Chemie verdankt ihm in dieser Hin- 
sicht z. B. die Anwendung der Galläpfel-Tinctur zur Prüfung 
des Eisengehalts der Mineralwässer. Eben so versuchte er die 
künstliche Nachbildung derselben. Am höchsten schätzte Para- 
celsus die Thermen von Pfäfers, ihnen zunächst die von Teplitz, 
Wildbad und Baden. Unter den heilkräftigen Trink-Wässern 



\()Q Die netiere Zeit. Das sochszelinte Jalii hundert. 

preist er am meisten St. Moritz im Engadin, wo noch jetzt eine 
der Quellen mit Recht seinen Namen führt. 

Nun ist es aber nichts als die schnurgeradeste Consequenz, 
wenn Paracelsus schliesslich dazu gelangt, die Krankheiten nicht 
nach den leidenden Organen, ihren Ursachen, oder den durch 
sie bewirkten Veränderungen, sondern nach Dem zu benennen, 
was allein dem Arzte nöthig und erspriesslich ist, nach ihren 
«Arkaneu.» 

«Du sollt wissen, dass alle kranckheiten in fünfferley weg geheilt 
werden: vnnd heben also an unser Artzney bei der heylung, 
vnnd nicht bei den vrsachen, darum dass uns die heylung 
die vrsach anzeigt.» Paramir. Prolog. [I. 1.] — «Ein natürlicher 
warhaftiger Artzt spricht: Das ist Morbus terebinthinus , das ist Morbus 
Sileris montani, das ist Morbus helleborinus u. s. w., und nicht, das ist 
Branchus, das ist Rheuma, das ist Coriza, das ist Catarrhus. Diese Namen 
kommen nicht aus dem gründe der Artzney; denn Gleiches soll seinem 
Gleichen mit dem Namen verglichen werden: aus dieser vergleichung 
kommen die Werke; das ist, die Arcana eröffnen sie in jhren Ki-anck- 
heiten.» Paragran. I. Vergl. Paragran. alter. Tr. I. [II. 102.] 

Die Aechtheit mehrerer hierher gehöriger Abschnitte, z. B. in : Eilff 
Tractat oder Bücher von Vr Sprung vnd vrsachen der Wassersucht, der 
Farhsuchten u. s. w. [V. 117 ff.] ist zwar zweifelhaft, aber der Inhalt der- 
selben , um dessen Erläuterung sich Rade m acher, der jüngste Apostel 
des Reformators von Einsiedeln, unleugbare Verdienste erworben hat, steht 
in völliger Uebereinstimmung mit den Grundlagen der Paracelsischen 
Krankheitslehre. 

Nicht weniger ist die Consequenz anzuerkennen , mit welcher irgend 
ein späterer Paracelsist als die höchste Arznei den Menschen selbst schil- 
dert. Ein Gedanke, der schon in dem alten Glauben an die Wunderkraft 
der Mumie, des Cranium humanum, des auf Todten-Schädeln gewachsenen 
Mooses, des Menschenblutes, angedeutet ist, und dessen Sublimität viel- 
leicht nur von dem der «Isopathie» erreicht wird. 

Mit löblichem Eifer dringt Paracelsus auf einfache Recepte. 
Statt der hergebrachten Dekokte, Extrakte und Syrupe empfiehlt 
er Essenzen und Tinctnren. 

«Der Arzt sey verstendig, erfaren, und nicht allein ein Scribent der 
Recepten. Es muss ein ander und mehi-er grund gesucht werden, als 
solch Fiat , und solch Recipe , und solchs Decoquatur secuudum usum. » 
Von den tartar. Krankheiten, c. 21. [II. 336.] — «Je länger geschrifft, 
je kleiner der verstand; je länger Recepten, je weniger tugendt.» Be- 
schlussrede der 7 Bücher von offenen Schäden. [Chir. Sehr. 401.] 



Praktischü Medicin. Paracelsus. Speciollo Pathologie. 101 



Specielle Pathologie. Chirurgie. 

S55. In den unzweifelhaft ächten Schriften des Paracelsus 
finden sich, mit Ausnahme der gleich zu nennenden, nur wenige, 
welche einzelne Krankheitsformen ausführlicher abhandeln. — 
Mit Vorliebe beschäftigt sich Paracelsus in besonderen Traktaten 
und an vielen andern Stellen seiner Werke mit zwei Krankheits- 
Gruppen, den «tartarischen Krankheiten» und den «Frantzosen.» 

Die «tartarischen Krankheiten,» welche wieder in mehrere 
Unterarten zerfallen, sind durch Ablagerung von festen Krank- 
heitsstoffen ausgezeichnet. Sie beruhen auf unzureichender Thä- 
tigkeit des Archeus, auf unvollständiger Verdauung und Ablage- 
rung der nicht assimilirten Stoffe. Es geschieht eine Umwand- 
lung von «Viscosität in Lapillität.» Ein wesentliches Hülfsmittel 
der Diagnose bei diesen Krankheiten ist die Untersuchung des 
Harns, die Abscheidung des «Sal urinae» von der «Humidität.» 
Die wichtigsten Heilmittel sind die Alkalien. Als Haupt-Reprä- 
sentanten der «tartarischen» Krankheiten gelten die Gicht und 
die Steinkrankheit; aber auch manche Darm- und Lungen-Krank- 
heiten, besonders manche Formen der Phthisis, werden durch 
Tartarus verursacht. 

«Ein jegliche ultima materia der wachsenden Dingen, so sie im Leibe 
gescheiden werden, heisst Tartarus.» Paramir. HI. [T. 147.] — «Vnd 
darumb Tartarus, dass er ein Oel, ein Wasser, ein Tinctur, ein Salem gibt, 
welches den krancken gleich wie ein hellisch fewr anzündt vnd brennt.» 
Tart. Krankheiten. [II. 248.] De morb. ex Tart. ormndis. [V. 19 ff.] 

«Das Ampt der Lungen ist, frey auf und nider gehn, den luft zu ent- 
pfangen. Werden die Strassen des lufts verhindert mit dem tartai-o, kom- 
men vilerley Kranckheiten, die von den Aerzten etwan Asthma, Tussis, ge- 
heissen werden, da es doch allein Tartarus ist, daraus dann folget Phthisis.» 

«Der aber will in urina ein zeichen nemmen, und durch dasselbige er- 
kennen ein warhafften tartarum mit genügsamen verstandt seiner materie, 
der separir Salem urinae von der Humiditet.» — «Und welcher Artzt den 
Tartarum dermassen nicht scheiden kan, der sieht in den S— gleichwie 
ein Kalb zum Thor auss.» Tartar. Krankheiten, c. 13. [II. 306.] 

Von noch grösserem Interesse sind die Bemerkungen über 
die «Frantzosen.» — Paracelsus erklärt die Lustseuche für eine 
zu seiner Zeit neu entstandene, in Folge der, wie nie zuvor, 
im Schwange gehenden Unzucht allgemein verbreitete Krank- 
heit, deren Behandlung deshalb auch neue Arzneimittel erfordert. 



102 Die neuere Zeit. Das sechszehnte Jahrhundert. 

«Sehet an die Kranckheit der Frantzosen, wie sie so seltzam ent- 
sprungen ist , als nemlich von einem aussetzigen Frantzosen , vnnd von 
einer Schlierigen Mätzen, welche durch ihr Unkeuschheit vergifit hat 
andere, die dann in die Frantzosen gefallen seind.» Grosse Wuudarznei, 
I. c. 7. iCUr. Sehr. 67.] 

«Biss auff den Ursprung der Frantzosen ist auch beschehen, das zu 
beiden Seiten vil Frawen und Mann einander Kranckheiten zugefüget 
haben, und doch nicht Blaterische art. Das mag nit widerredt werden, 
anders, dann das die Frantzosen ein vermischte Kranckheit .ist von allen 
zusammengesetzt. » 

Mit kurzen aber treffenden Worten schildert Paracelsus die 
bei dem ersten Auftreten der Syphilis unter den Aerzten herr- 
schende Verwirrung. 

«Hierauff so wiss, Leser, Erstlich das die Frantzosen ein newe kranck- 
heit seind, darumb kein gewisse artzney beschriben weiss. Dieweil nu 
aber aller artzney brauch yetz auff diss mal ist, dass sie nichts, dann was 
sie hören konnende, oder lesendt, volget daraus mechtiger yrrsal, in 
welchem schmirben, reuchen, weschen, schwitzen, höltzen, etzen etc. ein- 
gefürt werden. Eyner fürt herein die recepten Morphee, der ander Ele- 
phantie, vnd also für vnd für, allein in versuchen gehandelt, nichts grund- 
lichs beschlossen noch erfunden, sunder yren mut willen zugelassen» u. s. w. 
Vom HoUz Guajaco. 

Paracelsus hält die Lustseuche für eine dem Aussatze ver- 
wandte, aber doch, namentlich schon durch ihre Heilbarkeit, 
von ihm verschiedene Krankheit. Die Uebertragung derselben 
erfolgt lediglich auf zwei Wegen: durch die Ansteckung und 
die Zeugung. 

«Ein Samen gebieret einen Samen für und für ohne Ende, der letzte 
wie der Erste. Nie kein Mensch ist wider von Frantzosen vergifit worden, 
als allein der, der von dem ersten tingirt ist worden.» Grosse Wund- 
arznei, III. c. 8. [^CJiir. Sehr. 143.] 

Mit besonderem Nachdruck hebt Paracelsus die grosse Wahr- 
heit hervor, dass die «französische Tinctur» sich mit den ver- 
schiedensten Krankheiten vermischen kann, und denselben ein 
eigenthümliches Gepräge aufdrückt. Mit der grössten Entschie- 
denheit erklärt er sich gegen die rohen Kurmethoden unwissender 
Aerzte und Quacksalber, namentlich gegen die Quecksilber- 
Schmier- und Räucherkuren. Er schildert hierbei, offenbar nach 
eigenen Beobachtungen, die Wirkungen des Quecksilbers auf die 
Arbeiter in Idria. Eben so eifert er gegen den unverständigen 
Gebrauch des neuen Mode-Mittels, des Guajak-Holzes^), welches 

'} S. oben S. 82, 



Praktische Medicin. Paracelsus. Specielle Pathologie. 103 

als Panacee gegen die verschiedensten Krankheiten: Wasser- 
sucht, Manie, selbst gegen Hernien, gepriesen, und in der Regel 
mit einer energischen Schwitz- und Hungerkur verbunden wurde. 
Nicht wenige Schriften jener Zeit waren sogar dazu bestimmt, 
die Laien in der Anwendung des Mittels zu unterrichten. Die erst 
jetzt näher bekannt gewordene kleine Guajak- Schrift, welche 
der für die Aerzte bestimmten über die «Frantzosen» voraus- 
ging, ist dazu bestimmt, diesen Unsinn zu bekämpfen. Mit un- 
vergänglich wahren Worten geisselt Paracelsus in derselben die 
Leichtgläubigkeit und Urtheilslosigkeit der Aerzte. Er zeigt, 
dass die durch Guajak bewirkten Heilungen oft nicht von Dauer 
sind; er will die gleichzeitig übliche Entziehung der Nahrung 
bedeutend massigen, und auf vier Wochen beschränken. Es sey 
Verschwendung, armen Kranken ein so zweifelhaftes Mittel auf 
öffentliche Kosten als «Almosen» zu gewähren. Zuletzt meint er, 
dass deutsche Arzneien, «Pinus, Fraxinus, Viscus etc.» dasselbe 
leisten würden. 

«Wie wol solchs zu ermessen, obs der warheit gleich wer gewesen oder 
nit, dem artzeten wol angestanden were, vnd nit vnzeitige ursach, eynem 
yeglichen newen geschrey glauben. Es stehet einem artzt übel an, der 
sein kuust von den newen mehren [Mähren] lernet. Dann wenn die letzt 
post kumbt mit der rechten vnterrichtung, so ist dein kirchhoff schon vol.» 
— «Das erst geschrey des holtzes, hat ein vnerfarner vnd gar ein welt- 
rhümig man in deutsch land bracht, der kein andern Ascendenten in yhm, 
dann sein maul vol news geschrey zutragen. Diser ist der Doctorn vnd 
Meystern Schuelmeyster vnd Leermeyster gewesen. Was guts er sie ge- 
lernet hat, hört man teglich von den krancken wol.» Vom Holtz Guajaco. 

An die Stelle jener Proceduren setzt er, neben sonstigem 
zweckmässigen Verhalten, den inneren Gebrauch von Quecksilber- 
Präparaten, besonders des rothen Präcipitats^). 

Nicht ohne Interesse sind auch hier nnd da zerstreute Be- 
merkungen über die Krankheiten der Frauen, besonders über 
die in Schriften zweifelhafter Aechtheit als «Caducus matricis» 
bezeichnete Hysterie. Denn der Uterus gilt, ähnlich wie schon 
bei den Alten, als ein zweiter im weiblichen Körper waltender 
Mikrokosmus. 

Der hohe Werth der chirurgischen Schriften des Arztes von 
Einsiedeln ist zu aller Zeit selbst von seinen Gegnern anerkannt 
worden. Von eigentlich operativer Chirurgie freilich, welche da- 



2) Das Nähere S. in Bd. III. 



\04: Dio neuere Zeit. Das sochszehntc .Talirhundert. 

mals in Deutschland noch sehr im Argen lag, findet sich nichts. 
Leicht ist zu erkennen, dass Paracelsus auf den Namen eines 
«Wundarztes» nur in dem ursprünglichen Sinne dieses Wortes 
Anspruch haben würde, wenn er sich nicht bei jeder Gelegen- 
heit gegen die Trennung der Medicin in zwei gesonderte Zweige 
erklärte. 

— — «Von den unwissenden genannt chirurgicalisch Kranckheiten. 
So wissen aber hiebey auch, das diser Nammen nit billich steht, dann kein 
Sect soll in der Artzney aufgeworfen werden, dann einerley ist die artzney. » 
Vom Ursprung der Frantzosen. IChir. Sehr. 231.] 

Demzufolge steht in den chirurgischen Schriften des Para- 
celsus die Lehre von den Wunden, namentlich von ihrer Be- 
handlung, im Vordergrunde. Er selbst gebot offenbar bei diesem 
Gegenstande über eine reiche, nach seiner eignen Andeutung 
hauptsächlich in Kriegsläuften erworbene, Erfahrung. 

In Uebereinstimraung mit den hergebrachten Lehren^) sollen 
Blutungen aus Wunden nicht gestillt werden; dennoch findet 
sich eine Menge styp tischer Mittel angeführt. «Wundtränke,» 
besonders aus Artemisia, spielen gleichfalls eine grosse Rolle. 
Nicht minder glaubt Paracelsus an den Einfluss der Constellation 
auf den Heilungs-Vorgang. Diesen selbst aber betrachtet er 
durchaus als das Werk der Natur, oder, wie er in seiner bilder- 
reichen Sprache sagt, des natürlichen «Balsams.» Als die wich- 
tigste Aufgabe des Arztes bezeichnet er deshalb diejenige, welche 
noch in unsern Tagen eine ungeahnte Wichtigkeit erlangt hat: 
feindliche Einflüsse abzuhalten. 

«Du solt wissen, das die Natur des Fleisches in jhr hat ein angebornen 
Balsam , dieselbig heylet Wunden. Ein jegliches Glid trägt sein eigene 
Heylung in ihm selbs. Die Natur hatt ihren eigenen Artzt in ihrem eige- 
nen Glid. Also soll ein jeglicher Wundartzet wissen, dass er nicht der ist, 
der da heylet, sonder der Balsam ist der da heylet. — Die Artzney der 
Wunden ist allein ein Defensiff, das die Natur von aussen an kein zufäll 
hab, und ungehindert bleibe in ihrer wirckung.» Grosse Wundarznei, I. 
c. 2. 

Sonach ist leicht zu ermessen, dass Paracelsus allen opera- 
tiven Eingriffen wenig gewogen ist, dass er das überflüssige 
Nähen der Wunden, noch mehr den Gebrauch des Glüheisens, 
der Aetzmittel, verwirft, oder doch sehr beschränkt. Dennoch 
will auch er dem Messer sein gebührendes Recht nicht versagen. 



ä) S. Bd. I. S. 790. 



Praktische Modicin. Paracelsus. Chirurgie. Ergebniss. 105 

«Die kunst des Schneidens sol allein gebrauclit werden, wo die kvanck- 
heit all am selbigen ort bey einander ligt. Wo aber solchs nit ist, in kein 
weg beschehen sol. Dann divertieren geht schwerlich zu. Auch so du 
Schneiden wilt , wiewol es gar unmenschlich ist, und das gröbst , so in der 
Artzney erfunden mag werden, so schneid das ganz Dominium hinweg, 
sonst ist es alles vergebens.» Kleine Chir. X. [Chir. Sehr. 308.] 

356. Kaum jemals hat ein Arzt mit reinerer Begeisterung 
die Aufgabe seines Lebens erfasst, mit treuerem Herzen ihr ge- 
dient, mit grösserem Ernste die sittliche Würde seines Berufs 
im Auge behalten, als der Reformator von Einsiedeln. Aber 
das Ziel seiner wissenschaftlichen Bestrebungen war ein ver- 
fehltes; nicht minder der Weg, auf dem er es zu erreichen be- 
müht war. Paracelsus steht noch auf demjenigen Standpunkte, 
welchen gerade zu seiner Zeit hervorragende und klar denkende 
Aerzte für immer zu beseitigen sich anschickten: dem künst- 
lerischen. Zu diesem Standpunkte war die Heilkunde schon 
zweitausend Jahre früher durch die Hippokratiker gelangt. 
Es galt nunmehr, sie zu dem Range einer Wissenschaft zu 
erbeben. Während Paracelsus auf Arkana sann, bereitete sich 
Vesalius, sein unsterbliches Werk über den Bau des Menschen 
zu veröffentlichen. Aber selbst die Art und Weise, wie Para- 
celsus seine verspätete Aufgabe zu lösen trachtete, ist von der 
einfachen Klarheit des grossen Koers und der ihm gleich-Ge- 
sinnten völlig verschieden. Während für jene Griechen die Auf- 
fassung der Medicin als Kunst die einzig mögliche war, so 
gelaugte Paracelsus durch seine Verachtung des Galenismus 
dazu, auf die demselben inwohnenden Keime einer physiolo- 
gischen Begründung der Medicin zu verzichten, um zu dem rein 
technischen Standpunkte des Hippokrates, ja über diesen hinaus 
zu dem nackten Empirismus zurückzukehren. Die systematische 
Form, welche dieser Empirismus durch Umhüllung mit neu-Pla- 
toüischer Philosophie erhielt, kann über dessen wahre Natur 
nicht täuschen. Freilich hat gerade diese blendende Hülle es 
bewirkt, dass seit dreihundert Jahren alle unklaren Köpfe den 
Arzt von Hobenheim zu ihrem Hort erkoren haben. 

Dennoch haben auch die Bestrebungen des Paracelsus, die 
in der neuesten Zeit, inmitten der allgemeinen Ueberzeugung 
von der Nothwendigkeit einer physiologischen Medicin, eine un- 
erwartete Wiederbelebung erfahren sollten, ihren Nutzen gehabt. 
Sie trugen wesentlich dazu bei, die Schwächen des Galenismus 
an den Tag zu bringen; vor Allem erwarb sich Paracelsus das 



106 Dio nouero Zeit. Das secbszehnte Jahrhundert. 

Verdienst, die Krankheit als einen lebendigen, den Gesetzen des 
Organismus unterworfenen Vorgang darzulegen. Gross sind die 
Verdienste, die er sich um die Einführung neuer und kräftiger 
Arzneimittel, besonders aus der Reihe der Metalle: des Eisens, 
des Bleies, des Kupfers, des Spiessglanzes und des Quecksilbers, 
um die Verbesserung der Pharmacie, die Belebung der Natur- 
wissenschaften, besonders der Chemie, erworben hat^). 

Am unbestrittensten sind die Verdienste des Reformators von 
Einsiedeln um die deutsche Sprache. Seit früher Jugend war er 
mit ihr durch den Gebrauch einer vor vielen andern unvermischt 
gebliebenen Mundart, der Schweizerischen, vertraut; auf ausge- 
dehnten Reisen, in ununterbrochenem Verkehr mit dem Volke 
hatte er ihre Kraft und Fülle kennen gelernt und sich zu eigen 
gemacht. Nicht wenige von seinen Schriften zeigen, dass er sie 
mit Meisterschaft zu gebrauchen verstand. — «Seine Erinnerung 
bleibe geehrt, und Deutschland dulde nicht ferner, dass sein 
Name lächerlich gemacht und geschmäht werde.» 



DieParacelsisteu. 
Der Paracelsismus in der Schule der Wittenberger Theologen. 

F. Hier. Fränkel, Zur Geschichte der Medicin in den Anhalt' sehen 
Herzogthümern. Dessau, 1858. 8. (SS. 104.) 

257. Die Anhänger des Reformators von Einsiedeln, aus 
nahe liegenden Ursachen hauptsächlich Deutsche, zerfallen in 
zwei Klassen. Die Einen sind Leute ohne allgemeine und ohne 
ärztliche Bildung, welche sich die praktischen Lehren ihres 
Meisters aneignen, und, bald mit dem Eifer ehrlicher Phantasten 
als ein Evangelium verkündigen, bald als schlaue Betrüger aus- 
beuten. Die Andern sind gebildete Männer, grösstentheils Aerzte, 
welche eben so sehr die Paracelsischen Theorieen als die prakti- 
schen Folgerungen derselben im Auge haben. Sie bringen jene 
mit den im sechszehnten, noch mehr im siebzehnten Jahrhundert 
hervortretenden mystischen und theosophischen Doctrinen in Ver- 
bindung, und suchen dieselben, namentlich die Lehre von den 
Arkanen, mit den Fortschritten der Chemie in Einklang zu setzen. 



^) Ueber die chemischen Leistungen des Paracelsus und der Pai'acel- 
sisten vergl. Kopp, Geschichte der Chemie, I. 92 IF. 



Praktische Medicin. Die Paracelsisten vou Wittenberg. 107 

Eine ansehnliche Zahl dieser achtungswerthen Anhänger des 
Paracelsus steht in mehr oder weniger enger Verbindung mit 
der Schule der Reformatoren von Wittenberg. Es ist nicht 
schwer, diesen auf den ersten Anblick überraschenden Zusammen- 
hang nachzuweisen. Luther selbst war durchdrungen von der 
Würde des ärztlichen Standes; insbesondere verehrte er die 
Alchemie; nicht blos wegen ihres Nutzens für die Heilkunde, 
sondern auch «von wegen der schönen herrlichen Gleichnisse, 
die sie hat mit der Auferstehung der Todten am jüngsten Tage.» 
Auch in diesen Dingen war Melanchthon anderer Meinung. Dieser, 
als Aristoteliker, verwarf die Alchemie, dagegen hielt er viel auf 
die Astrologie. Denn diese galt vielen der hellsten Köpfe wegen 
ihrer Verbindung mit der Mathematik fast für eine exakte Wissen- 
schaft. 

Auch Luthers Gattin, Frau Katharina, übte, gleich vielen Fraiien jener 
Zeit, in ihi-er Weise die Heilkunde. Einer von Luthers Söhnen, Paul 
(1533 — 1593), widmete sich nach eigner Neigung und nach dem ßathe 
des Vaters der Heilkunde. Er studirte in Jena, wurde Leibarzt in Gotha, 
dann, unter den Kurfürsten Joachim und August, in Berlin und Dresden. 
Dem Letzteren sollte er nach Kunkel's Bericht durch seine alchemistische 
Kunst zu 17 Millionen Gulden verhelfen haben. J. Beer, Deutsche Klinik, 
1868. No. 2. 

Es kann nicht Wunder nehmen, dass sich der freie Sinn der 
Schule von Wittenberg dem Paracelsismus zuneigte, dass die aus 
ihr hervorgehenden, dem Lutherthum ergebenen, Aerzte das ein- 
fache Wesen, die lautere Frömmigkeit des Reformators von Ein- 
siedeln verehrten, dass seine urkräftige Art, seine mannhafte 
Sprache sie anzogen. Am förderlichsten war dem Paracelsismus 
bei den Wittenbergern, dass die Lehre von dem Mikrokosmus 
aufs leichteste in die Astrologie einzufügen war, dass die von 
den Arkanen dem frommen Glauben an die unendliche Güte des 
Schöpfers reiche Nahrung bot. 

Die erste Stelle unter diesen Wittenberger Paracelsisten nimmt 
der Zeit und seiner Bedeutung nach Caspar Peucer ein 
(1525 — 1602), Professor der Medicin in Wittenberg, der Eidam 
Melanchthon's. Sein Hauptwerk: de praecipuis divinationum 
yeneribus, ist der erste Versuch jener Zeit, die abergläubische 
Auffassung der Natur vom Standpunkte des Evangeliums aus zu 
bekämpfen. Gleich Melanchthon ist Peucer ein entschiedener 
Gegner der Alchemie; dagegen glaubt er an die Chiromantie. 
Er gehört ferner zu den Wiederherstellern der Semiotik, während 



\()S Die neuere Zeit. Das sechszehnte Jahrhundert. 

bei andern Paracelsisten die Diagnostik in ein Spiel mit ober- 
flächlichen Analogieen ausgeartet war. 

C a s p. P e u c e r, Commentarius de 2}raecipuis divinationum generibus, 
Viteberg. 1563. 8. und noch acht Auflagen. Französisch : Lyon , 1584. 
Anvers, 1584. Das Buch war vergessen, bis Wedel im Jahre 1680 in 
demselben den kleinen Kreislauf zu finden glaubte. — Von Dem, was 
Peucer über die Irritabilität der Muskeln bemerkt , wird später die Rede 
seyn. 

Weit unbedeutender ist einer der treuesten Schüler des Para- 
celsus, Adam von Bodenstein (gest. 1576), Arzt in Basel, 
der Sohn des bekannten Wittenberger Theologen Karlstadt. In 
einem Wörterbuche erklärte er die dunkeln Ausdrücke seines 
Meisters. 

Der angesehenste und einflussreichste von diesen Wittenberger 
Paracelsisten ist Oswald Groll aus Wetter an der Lahn 
(geb. um 1560, gest. 1609), Leibarzt des Statthalters von Am- 
berg in der Ober -Pfalz, Fürst Christian von Anhalt. CroU's 
Hauptbemühen war darauf gerichtet, die neue Lehre auf der 
einen Seite mit den Calvinistischen Dogmen von der Gnade, 
von der unmittelbaren göttlichen Eingebung, auf der andern mit 
dem Hippokratismus zu verbinden. Auf diese Weise finden sich 
bei ihm, neben dem Glauben an die Signaturen, an das «Similia 
similibus» und eine rein geistige Therapie, die verständigsten 
praktischen Rathschläge. Entschiedene Verdienste erwarb sich 
Croll um die Belebung der Naturstudien, besonders um die Be- 
gründung der Pharmacie, durch sein Haupt- Werk, die kurz nach 
seinem Tode erschienene, prachtvoll ausgestattete, Basilica 
cliymica, von welcher Conring^) sagte, dass die Angaben der- 
selben über die Wirkungen der Arzneien eben so phantastisch 
seyen, als den Vorschriften ihrer Bereitung das Lob der Zuver- 
lässigkeit gebühre. Auch dadurch , dass sie zu Anfang des 
siebzehnten Jahrhunderts viele neue oder vergessene Arzneimittel 
in Gebrauch brachte, hat CroU's Basilica für die Geschichte der 
Pharmakologie nicht geringe Bedeutung. 

Oswald Croll, Basilica chi/mica continens philosophicani propria 
laborum experientia confirmatam descriptionem et 7(sum remediorum chy- 
micormn selectissimorum, a lumine gratiae et naturae desiiniptorum. Mit 
Anhang : De signaturis internis rerum, seil de vera et viva anatomia ma- 
jori s et minoris mundi. Francof. 1608. 4. und noch gegen 20 spätere 



^) S. unten § 259. 



Praktische Modicin. Die Paracelsisten von Wittenberg. Peiicer. 109 

Bodenstoin. CroU. Severin. Carrichter. 

Ausgaben, so wie deutsche (z. B. Fraukf. 1622. 4.), französische und 
englische Uebersetzungen. 

Zu den durch Croll in allgemeinen Gebrauch gekommenen Arznei- 
mitteln gehörten z. B. der Tartarus vitriolatus, die Bernsteinsäure, der 
Schwefcläther, die Salzsäure, ein Liebliugsmittel des Paracelsus, Crocus 
Martis, Zinkvitriol (lange Zeit das beliebteste Brechmittel), das Antimo- 
nium diaphoreticum, «Flores Antimonii correcti,» eine dem um 1630 von 
Mynsicht entdeckten Brechweinstein ähnliche Verbindung von Antimon- 
Oxyd und essigsaurem Kali, welcher Croll die höchsten Lobsprüche ertheilt, 
das Panchymagogum CroUii, ein Gemenge starker Drastika, der Mercurius 
praecipitatus flavus und sublimatus rubeus non corrosivus. Dagegen ver- 
schweigt Croll die Bereitung eines alle andern übertreffenden Präparats, 
den gegebenen Andeutungen nach Calomel. Er nennt das Quecksilber 
«Balsamum naturae, in quo est virtus incarnativa et regenerativa, mira- 
biliter renovans et clarificans ab omnibus impuritatibus.» Allerdings hält 
auch er das Gold für das vorzüglichste aller Arzneimittel; es sey aber noch 
nicht gelungen, ein wirksames Präparat herzustellen, und das trinkbare 
Gold sey weit mehr ein Aurum putabile als potabile. 

Neben diesen mit den Theologen von Wittenberg verbundenen 
Männern ist einer der berühmtesten Paracelsisten zu nennen, 
Peter Severin (1540 — 28 Juli 1602) aus Ribe in Jütland, däni- 
scher Leibarzt und Kanonikus zu Roeskilde, ein frommer, durch 
klassische Bildung und geistvolle Eloquenz ausgezeichneter Arzt. 
Sein Verdienst besteht vornämlich darin, dass er die neue Lehre 
in eine verhältnissmässig klare Form brachte. Im Uebrigen 
herrschen auch bei ihm die Anschauungen vom Mikro- und Ma- 
krokosmus; die Krankheiten werden aus lebendigen Keimen ab- 
geleitet, und diese auf den SUndenfall zurückgeführt, die Signa- 
turen unbedingt vertheidigt, und der Spiessglanz, weil er alle 
Metalle [= Krankheitsstoffe], das Gold [= Herz] ausgenommen, 
verzehrt, als Universalmittel ausgegeben. 

Petrus Severin US, Idea medicinae philosojohiae fundamenta con- 
tinens tothis tnedicinae Paracelsicae, Hij)pocraticae et Galenicae. Hag. 
Com. 1560. 4. Basil. 1571. 4. Erfurt, 1616. 8.— Methodus curan- 
doruni morborum mathematica. Francof. 1613. 4. Noch hundert Jahre 
später erschien dazu: W. Davissen, Commenfariorum in P. Severini me- 
dicinam jJf'odrotnus. Hag. Com. 1660. br. 4. (pp. 700.) 

Durchaus Paracelsisch sind auch mit Ausnahme seiner Speiss- 
Jiammer der Teut sehen die Schriften von Bartholomäus Car- 
richter aus Reckingen, Leibarzt der Kaiser Maximilian IL und 
Ferdinand L 

Barth. Carrichter, Kreuterhuch: darin begriffen, in ivelchem 
Zeichen Zodiaci, auch in ivelchem Grad ein jedes Kraut stehe, wie sie in 
Leib- und allen Schäden zu bereitete Strassb. 1573. 1575. 8. und noch 



wo Die iiüuere Zeit. Das secliszehnto Jabrliumlert. 

acht Ausgaben. — Der Teutschen Speisskammer, oder Beschreibung des- 
jenigen, was hei den Teutschen, die gesunden und kranken betreffend, im 
gemeinen Gebrauch ist Amberg, 1610. 8. Nürnb. 1631. 8. (Eine Samm- 
lung von Volksmitteln und diätetischen Vorschriften.) Vergl. Meyer, 
Geschichte der Botanik, IV. 432. 

Erwälinenswerth ist ferner Martin Ruland der Aeltere, 
Arzt zu Lauingen und pfälzischer Leibarzt, Erfinder der «Aqua 
benedicta,» eines Breebweinstein enthaltenden, lange Zeit all- 
gemein gebräuchlichen Emeticum's, und Verfasser schätzbarer 
Berichte über die «ungarische Krankheit»^). 

Von den Uebrigen ist es genug , G e r h a r d D o r n , Arzt zu 
Frankfurt, zu nennen, welcher alle Naturkunde aus den ersten 
Versen der Genesis ableitet, — Andreas Ellinge r, Professor 
zu Leipzig und Jena, — Rudolph Goclenius, Professor zu 
Marburg (1572 — 2. März 1621), Verfasser eines Traktats über 
die magnetische Behandlung der Wunden, der zu Streitigkeiten 
führte, in welche auch Helmont verwickelt wurde. 

Gerhard Dorn, Clavis totius philosophiae chymisticae etc. Lugd. 
1567. 12. Francof. 1683. 12. etc. Deutsch: Strassb. 1602. 8. — 
Fascicul'us Paracelsicae medicinae veteris et novae in cotnjmidiosum proni- 
tuarium contr actus. Francof. 1581. 4. — Bictionarium Theophrasticum. 
Francof. 1583. 4. — In Paracelsi auroram chtjmicam philosophorum, 
thesaurum, et oeconomiam miner alem commentarius. Ibid. 1583. 8. u. m. a. 



Die Abenteurer und Empiriker. 

258. Neben diesen ehrenwerthen Männern, welche dem 
System des Reformators von Einsiedeln mit ehrlicher Ueber- 
zeugung anhängen, bewegt sich ein zahlreicher Haufe von Aben- 
teurern, denen die neue Lehre zu einer willkommenen Quelle 
des Gewinnes dienen muss. Es ist genug, eines derselben etwas 
ausführlicher zu gedenken, und die Mehrzahl der übrigen der 
Vergessenheit zu übergeben. 

Als Muster eines Charlatans im grossen Style erscheint Leon- 
hard Thurneysser zum Thurn (1530—1595), Sohn eines 
Goldschmidts aus Basel. Als Knabe half er einem Professor 
Kräuter sammeln , später betrieb er das Gewerbe seines Vaters, 
verkehrte mit Juden, verheirathete sich im siebzehnten Jahre, 
musste aber schon ein Jahr darauf wegen grober Betrügereien 
nach England und Frankreich entweichen. Später wurde er Soldat, 

2) S. ßd. III. 



Praktische Mediciu. Die Paracelsisten. Tliurneysser. 111 

dann unternahm er bergmännische Arbeiten in Tyrol, machte auf 
Kosten des Erzherzogs Ferdinand von Oesterreich neun Jahre 
lang Reisen, und übte die Heilkunde. Um mehrere seiner mit 
Abbildungen versehenen Werke und seine Kalender drucken zu 
lassen, zog er nach Münster, dann nach Frankfurt a. d. Oder. 
Hier erregte er die Aufmerksamkeit des Kurfürsten Johann Georg 
von Brandenburg, unter Anderm dadurch, dass er in seinem 
Pison fast jedem Flüsschen und Hügel der Mark Gold, Rubine 
und Sapphire zuschrieb. Die glückliche Behandlung der Kur- 
fürstin verschaffte ihm die Ernennung zum Leibarzte mit einem 
sehr bedeutenden Jahrgehalte. Thurneysser verstand es, sich 
in dieser Stellung durch sprachliche, astronomische, chemische 
und botanische Kenntnisse, durch ein gewandtes und weltkluges 
Benehmen unentbehrlich zu machen, und zugleich durch den 
Handel mit Juwelen, Talismanen, Arkanen u. s. w., Errichtung 
einer Buchdruckerei, eines Laboratoriums und einer Apotheke, 
Goldmacherei und Harnschau ein bedeutendes Vermögen zu ge- 
winnen. In dem für diese Geschäfte ihm angewiesenen grauen 
Kloster unterhielt er über zweihundert Personen. Sein Stern schien 
im glänzendsten Lichte zu strahlen, als Caspar Hofmann, 
Prof. der Medicin in Frankfurt a. d. Oder, durch eine vortreff- 
liche Rede de harharie imminente zuerst es wagte, das scham- 
lose Treiben des einflussreichen Günstlings zu enthüllen. Gleich- 
zeitig erschien eine Schrift von Franz Joel, Prof. der Medicin 
zu Greifswald (gest. 20. Oct. 1579), de morhis hypcrphysich, 
welche ihn geradezu der Zauberei und des Bündnisses mit dem 
Teufel beschuldigte. Der Erfolg dieser Angriffe war so gross, 
dass Thurneysser seine Buchdruckerei verkaufte und nach Basel 
reiste, wo er in einem Ehescheidungsprocesse sein Vermögen 
verlor. Er kehrte zwar nach Berlin zurück, aber nur, um nach 
Kurzem für immer zu verschwinden. Thurneysser lebte noch 
einige Zeit in Italien, und starb in tiefer Dunkelheit in einem 
Kloster zu Köln. 

Die Rede Hofmann's ist mehrmals gedruckt, zuletzt in J. Negeleiii, 
Ulysses literarius. Norimb. 1726. 8. Caspar Hofmann ist nicht mit dem 
späteren gleichnamigen Professor der Medicin zu Altorf zu verwechseln. 
— Die zu Rostock erschienene Schrift von Joel, einem der wenigen tüch- 
tigen Professoren aus der älteren Periode Greifswald's, ausfindig zu machen, 
hat nicht gelingen wollen. Thurneysser vertheidigte sich in einer im 
gröbsten Tone gehaltenen Replik (1580). 

Die Schriften Thurneyssers sind nichts als Nachahmungen 



"[12 Die neuere Zeit. Das sechszehnto Jahrhundert. 

derer des Paracelsus; sie besitzen alle Fehler derselben, aber 
keinen ihrer Vorzüge. Sein einziges Verdienst besteht vielleicht 
darin, dass er bei der Untersuchung der Mineralquellen zuerst 
den durch die Abdampfung sich bildenden Rückstand beachtete. 

L e n h. T h ii r n e y s s e r zum T h u r n , Quinta Easentia, Das ist 
die höchste Subtiliiet, Krafft, vnd Wirkung Beider der FurtrefeUchisten 
(vnd menschUcheiii gschlecht den mäzUchisten) Könsten der Medicina, vnd 
Alchemia u. s. w. u. s. w. Münster, 1569. 4. Leipz. 1574. f. — Pison. 
Das erst Theil. Von Kalteti, Warmen, Minerischen vnd Metallischen 
Wassern, sanipt der vergleicJmnge der Plantarum vnd Erdgewechsen. 
10 Bücher. Frankf. a. d. Oder, 1572. f. Strassb. 1612. f. — Bs- 
ß a 1 10 a i ? <z Y lo v i a [x o u. Das ist Confirmatio conc er talionis oder ein Be- 

stettigiing • der aller Nützlichesten vnd Menschlichem, geschlechl der 

Notturfigesten Kunst dess Harnnprobirens u. s. w. Berlin, 1576. f. — 
Historia und Beschreibung Influentischer, Elementischer und Natürlicher 
Wirkungen aller frembden und heimischen Erdgewechsen auch ihrer Sub- 
tilitäten u. s. w. *Berliii, o. J. f. 1578. f. — Gleichzeitig auch latei- 
nisch. (Auf zehn Bücher berechnet, von denen nur eins erschien.) — 
Magna Alchjmia. Berol. 1583. f. und viele andre. — Bei seinen Harn- 
proben ging Thurneysser nach dem Vorgange viel früherer Uroskopiker 
davon aus, dass der menschliche Körper von oben bis unten aus 24 gleichen 
Theilen bestehe. Diesen entsprechend theilte er eine zum «Destilliren» 
des Harns bestimmte Röhre ein. Aus den Stellen dieser Röhre, wo sich 
die «öligen, schwefligen» Theile u. s. w. des Harns ansetzten, schloss er 
auf Krankheit der jenen Abtheilungen entsprechenden Organe. {Confirmatio 
concertationis, § 12. No. 9.) — Vergl. die ausführliche Biographie Thurn- 
eysser's von Möhsen, Beiträge zur Geschichte der Wissenschaften in der 
Mark Brandenburg. Berlin und Leipz. 1783. 4. S. 1 — 198. (Nach den 
auf der Köuigl. Bibliothek zu Berlin verwahrten Original-Correspondenzen.) 
— Wolf, Biogr. III. 32. Meyer, Geschichte der Botanik, IV. 434. — 
Mit geringem Glück versucht Fr. Ode brecht {Märkische Forschungen. 
Berl. 1861. 8. VII. 192 — 209) die schlimmsten Vorwürfe von Thurn- 
eysser abzuwälzen. 

Mehr oder weniger hierher gehört auch Georg von und zum Wald 
(Amwald), ein Jurist, Erfinder einer Panacee, welche er in marktschreie- 
rischen Schriften anpries, und zu hohen Preisen verkaufte u. a. m. 

Unter den Wenigen, welche in Italien als Parteigänger des 
Paracelsus auftraten, ist Leonardo Fioravanti aus Bologna 
zu nennen, der sich durch Empfehlung von Arkanen und zahl- 
reiche verworrene Schriften bekannt machte. — Ein andrer 
Italiener, der Veronesische Edelmann ZefirieleTomaso Bovio, 
dessen Schriften sehr selten sind, übte die Heilkunde aus Lieb- 
haberei. Er ist ein grosser Verehrer des Antimons ; das Haupt- 
gewicht legt er auf zweckmässiges diätetisches Verhalten. Im 
Uebrigen findet sich von Paracelsischen Lehren wenig oder nichts. 



Praktische Modicin Die Paracelsisten. Thurneysser. Fioravanti. Bovio. HS 

Gegner des Paracelsus. Erastus. Dossenius. Smetius. Lihavius. 

L. Fioravanti, Dello specchio della scienza universale lihri III. 
*Venez.,^564. 8. Deutsch *Frankf. 1618. 8. u. öfter. — Compendio 
dei segreti rationaU. Venez. 1581. *1597. 8. ii. öfter. Deutsch: *Frankf. 
•1618. 8. — Tesoro della rita hwnana. Ven. 1582. 8. — La cirurgia 
— con una giunta di secreti nuori ecc. *Ven. 1582. 8. (Die mit * be- 
zeichueten und noch andere Schriften und Ausgaben in der Ünivers.-Bibl. 
Breslau.) 

Zefiriele Tomaso Bovio, Fuhnine contro de' medici putatitii 
rationaU. * Verona, 1592. 4. *1602. 4. — MeJampigo overo confusione 
de' medici sofisti che s'intitolano rationaU. *Verona, 1595. 4. — Flagello 
contro de medici communi detti rationaU. ^Verona, 1601. 4. (Die mit 
* bezeichneten Schriften in der Univ.-Bibl. Breslau.) 



Die Gegner des Paracelsus. Die Vermittler. 

359. Es konnte nicht fehlen, dass die von Paracelsus und 
seinen Jüngern verkündigten Lehren auf zahlreiche, grossentheils 
fanatische und urtheilslose, Gegner stiessen. Die Geschichte hat 
nicht die Aufgabe, alle die Namen und Schriften zu verewigen, 
welche in diesem Streite an das Licht traten ; es ist genug, 
einige der wichtigeren zu erwähnen. 

Zu den frühesten und heftigsten Gegnern der neuen Lehre 
gehörte der durch seine Streitsucht, als fanatischer Aristoteliker 
und Vertheidiger der Hexen-Processe bekannte Thomas Liebler, 
genannt Erastus (7. Sept. 1527—31. Dec. 1583), aus Baden 
in der Schweiz, kurfürstlicher Leibarzt und Professor zu Heidel- 
berg, später zu Basel. — Nur wenig massiger zeigte sich 
Bernhard Dessenius aus Kroonenburg, Arzt und Lehrer zu 
Groningen und Köln. 

Thom. Erastus, Disputationum de medicina nova PhiUppi Paracehi. 
Part. IV. Basil. 1571. 4. 1572. 1573.4. — Hiergegen erschien: 
G. D r n a e u s , Admonitio ad Erastnm de revocandis cahimniis in Para- 
celsum immerito dictis. Francof. 1583. 8. — Vergl. Wolf, a. a. 0. HL 29. 

Bernh. Dessenius, Medicinae veteris et rationalis adver sus Geor- 
gium Phaedronem et sectam Paracehi defensio. Colon. 1573. 4. Vergl. 
oben S. 80. 

Am besonnensten und gründlichsten wurde der Paracelsismus 
von Hendrik Smet aus Alost in Holland (1537 — 1614), Prof. 
zu Heidelberg, besonders aber von Andreas Libavius aus 
Halle (1540 — 1616), Prof. der Geschichte zu Jena, dann Lehrer 
am Gymnasium zu Rotenburg an der Tauber, zuletzt Director 
des Gymnasiums zu Coburg, beurtheilt. Das grösste Verdienst 
dieses ausgezeichneten Mannes besteht darin, dass er zuerst die 

Haeser, Gesch. d. Med. II. Q 



114 Diö neuere Zeit. Das sechszehnte Jahrhundert. 

Chemie den Händen der Adepten entriss, und die Grundzüge 
dieser Wissenschaft in einfach klarer Weise entwickelte. 

Henr. Smetius, im fünften Buche seiner werthvollen Miscellanea 
medica (Francof. 1611. 8.), der Frucht 50jähriger praktischer Thätigkeit. 
Smet verliess seine Heimath in Folge der gegen ihn als Calvinist gerich- 
teten Anfeindungen. 

Unter den zahlreichen Schriften des Andr. Libavius sind hervorzu- 
heben: Neoparacelsica, in quibus vetus medicina defenditur adversus xe- 
pexi'ajxaxa Georgii Amivald etc. — servata vera verae chemiae laude. 
Francof. 1596. 8. — (Auf Amwald und seine Panacee [S. ob. S. 112] be- 
ziehen sich noch mehrere Schriften von Libavius.) — Alchyniia e dispersis 
passim optimorum auctorum , veterum et recentiorum exemplis potissinium, 
tum etiam praeceptis quibusdam operose collecta etc. Francof. 1595. f. 
1597. 4. 1606. f. 1615. f. Das erste eigentliche Lehrbuch der Chemie. 
— Variarum controversiarum inter nostri saeculi medicos peripateticos, 
Rameos, Hippocraticos, Paracelsicos agitatarum libri duo. Francof. 1600. 
4. — Praxis alchymiae, hoc est, de arteficiosa praeparatione praecipuorum 
medicamentorum chymicorum. Francof. 1604. 8. 1607. 8. — Commen- 
tarii alchemiae. Francof. 1606. f. — Vergl. Kopp, Geschichte der Chemie, 
L 112 ff. 

Zu den Widersachern des Paracelsus gesellte sich auch einer 
der angesehensten Gelehrten jener Zeit, Hermann Conring, 
der Begründer der deutschen Rechtsgeschichte, gegen den als- 
dann der Däne Olaus Borrich in die Schranken trat. 

H. Conring, De Hermetica Äegyptiorum vetere et Paracelsiorum 
nova medicina libri IL Helmstad. 1648. 4. — Hermann Conring aus 
Noorden in Ost-Friesland (9. Nov. 1606 — 18. Sept. 1681), studirte in 
Helmstädt und Leyden, v^rurde im Jahre 1632 Professor der «Natur- 
philosophie», im Jahre 1636, nach Erwerbung der medicinischen Doctor- 
würde, Prof. der Heilkunde, und lebte als vielbeschäftigter Arzt in Helm- 
städt, eine Zeit auch als schwedischer Leibarzt in Stockholm. Bekannt 
ist Conring's unglaubliche literarische und politische Thätigkeit, neben 
welcher er seinen Beruf als Arzt und als Professor keineswegs vernach- 
lässigte. — Vergl. K. F. H. Marx, Zur Erinnerung an die Wirksamkeit 
Hermann Conring's. Abhandll. der Gesellschaft der Wissenschaften zu 
Göttingen. Bd. 17. Separat-Abdruck : Gott. 1872. 4. (SS. 51.) — Sybel's 
Histor. Zeltschrift, 1870. L 

Olaus Borrichius, Hermetis Äegyptiorum sapientia. Hafn. 1674. 
4. cap. 8. — Olaus Borrichius, Sohn des Pfarrers der Diöcese Ripe in 
Dänemark, lebte im Jahre 1666 als Professor der Philologie und Botanik 
in Kopenhagen. 

Nach allen diesen mehr oder weniger entschiedenen An- 
hängern und Gegnern der neuen Lehre ist nunmehr noch Einiger 
von Denen zu gedenken, welche sich, so sehr sie die Theorieen 
des Paracelsus verwarfen, von seinen Arzneien eine Bereicherung 



Praktische Medicin. Gegner des Paracelsus : Couriug. Vermittler. Wiuthor von 1 1 fi 
Andernach. Döring. Die heidon Zwinger. Gcsner. Anhänger und Gegner in Frankreich. 

der Heilkunde versprachen. — Die Reihe dieser Vermittler er- 
öffnet Winther von Andernach; noch in hohem Alter wurde 
er ein eifriger Lobredner der kräftigen chemischen Arzneien. 
Eben so urtheilte Michael Döring aus Breslau, Professor in 
Giessen. Noch mehr trugen Theodor und Jacob Zvt^iuger, 
Vater und Sohn (1533—1588; 1569—1610), Professoren zu 
Basel, so wie Conrad Gesner^) durch seine von den Para- 
celsischen Heilmitteln handelnae Schrift Euonynms zu der Ver- 
breitung der therapeutischen Ansichten des Schweizerischen Re- 
formators bei. 

Guintherus Ander nacens., De medicina veteri et nova. Basil. 
1571. f. comm. 2. dial. 2. p. 28. - S. oben S. 16. 

Mich. Doering, De medicina et medicis adversiis iatromastigas et 
pseudomedicos lihri 11^ in qidbus medicinae origo, dignitas, medici officium 
asseritur, Hipjjocraticae tum Galenicae liraestantia prae empirica, magica, 
methodica et Paracelsica discutitur. Giess. 1611. 8. 

Theod. Zwinger, Theatrum vitae hiimanae. Basil. 1565. f. 1571. 
f. vol. I. p. 1176. — Physiologia tnedica eleganti carmine conscripta, 
rehtisque scitu dignissimis, Theojyhrasti item Paracelsi, totius fere medi- 
cinae dogmatibiis illiistrata ed. Jac. Zwinger. Basil. 1610. 8. In 
dieser Schrift findet sich (p. 56. 81) eine sehr gute und gedrängte Dar- 
stellung der Lehi'en des Pai-acelsus. — Jacob. Zwinger, Princip)iorum 
chtjmirorum examen etc. Basil. 1606. 8. — [«Chemiae apologia, ut 
artem tueatur, non ut Paracelsum.» Haller.] — S. oben S. 17. 



Anhänger nnd Gregner des Paracelsismns in Frankreicli. 
Der Antimon-Streit. 

260. So erbitterte Feinde das System des Arztes von Ein- 
siedeln auch in Deutschland und den Niederlanden finden mochte, 
so wurden deren Angriffe doch bei weitem überboten durch den 
Fanatismus, mit welchem die abgesagte Gegnerin jedes Fort- 
schritts, die medicinische Fakultät zu Paris, gegen die Paracel- 
sischen Lehren zu Felde zog. Sie hatte nicht vermocht, den 
Sturz des Arabismus aufzuhalten; ohnmächtig erwies sich der 
Widerstand, welchen sie der Neubegründung der Anatomie ent- 
gegen setzte^). Noch fast hundert Jahre später erwuchs aus 
ihrem Schoosse der Entdeckung des Blutkreislaufes ihr hart- 
näckigster Widersacher. — Gegenwärtig galt es, die Lehre 
Galen's auf demjenigen Gebiete zu vertheidigen, auf dem sie bis 

1) S. oben S. 10. ') S. oben S. 34. 



WQ Die neuere Zeit. Das sechszelinte Jahrhundert. 

dahin in unbestrittenem Ansehn stand, auf dem der praktischen 
Medicin. Je ungestümer die Angriffe der Radikalen sich er- 
wiesen, um so weniger war man gesonnen, leichten Kaufes einen 
Besitz aufzuopfern, dessen Werth man, wie es zu geschehen 
pflegt, nach der Mühe schätzte, die es gekostet hatte, ihn zu 
erringen. 

Seit alter Zeit bestand zwischen den medicinischen Schulen 
von Paris und Montpellier ein tiefer, durch Eifer und literari- 
schen Hader genährter, Zwiespalt. Er ist noch bis zu dieser 
Stunde nicht ganz geschlossen. Montpellier hatte von jeher 
einer freieren Richtung gehuldigt; Paris, in Dogmen erstarrt, 
machte Anspruch auf Unfehlbarkeit. Den Verlauf dieser Streitig- 
keiten des Näheren zu verfolgen, hat für die Geschichte keine 
Bedeutung^). Es genügt, zu sagen, dass sie im sechszehnten 
Jahrhundert aufs heftigste entbrannten, bis zuletzt die Flamme 
der Zwietracht im eigenen Lager der Fakultät aufloderte. 

Zu den französischen Aerzten, welche weniger den, für sie 
unverständlichen, Theorieen der Paracelsisten, als der Lehre von 
den Arkanen Beifall schenkten, gehören Jacques Gohory 
(Pseudonym: Leo Suavius), Prof. der Mathematik zu Paris, 
Roch le Baillif de la Riviere (Riverius), Claude Dariot 
aus Pomar bei Beaune, welcher die grosse Wundarznei ins Fran- 
zösische übersetzte; Claude Aubery aus Trecourt, zu Paris, 
welcher auch durch theologische Schriften und die von den 
Protestanten gegen ihn gerichteten Verfolgungen bekannt ist, 
Israel Harvet u. A. m. Den meisten Einfluss auf die Ver- 
breitung des Paracelsismus in Frankreich hatte Joseph du 
Chesne (Quercetanus) aus Armagnac in der Gascogne (1521 
— 1609), «medecin de quartier» bei Heinrich IV., zugleich Dichter, 
welcher die neue Lehre durch einen längeren Aufenthalt in Basel, 
wo er die Doctorwürde erwarb, kennen gelernt hatte. 

Leo Suavius, Theophrasti Paracelsi philosophiae et medicinae 
utriusque compendimn. Francof. 1568. 8. 

Du Chesne's medicinische Schriften erschienen gesammelt unter dem 
Titel: Quercetmzus redivivus. Francof. 1648. 4. 3 voll. — Vergl. Union 
med. 1866. p. 229. 

An der Spitze der französischen Galenisten standen Rabe- 
lais, der berühmte Satiriker, hauptsächlich aber der gelehrte 



^) Vergl. Astruc, Mmioires pour servir ä Vhistoire de la faculte de 
medecine de Montpellier. Par. 1760. 4. 



Praktische Medicin. Anhänger des Paracelsus in Frankreich : Suavius. 117 

Quercetanus. Gegner: Rabelais. Riolan. Ciui Patin. 

und sprachkundige Jean Riolan, der Vater, aus Amiens (1538 
— 18. Oet. 1606), der erklärte Feind Mazarin's, der Jesuiten, 
Chirurgen und Apotheker. Er verfasste den an die Fakultät 
gerichteten Bericht über die Schriften von du Chesne, Harvet 
und andern Paracelsisteu, gegen welche er ausserdem unter dem 
Namen Antarveüis mehrere Angriffe richtete. 

Franyois Rabelais (geb. um 1500, gest. um 1553) aus Chinon 
in der Touraine, Sohn eines Schankwirthes , trat in den Orden der Fran- 
ziskaner, später der Benediktiner, entfloh aber, um Medicin zu studiren, 
nach Montpellier, wo er sofort (im Jahre 1530) zum Baccalaureus creirt 
wurde und über die Aphorismen des Hippokrates und die Ars parva 
Galen's Vorlesungen hielt, aber auch Komödien für die Studirenden ver- 
fasste. Im Jahre 1532 begab er sich nach Lyon, wo er einige von ihm 
verfasste Uebersetzungen Hippokratischer und Galenischer Schriften und 
die ersten Bücher seines berühmten Komans Gargantua und Pantagruel 
herausgab. Hierauf begab sich Rabelais nach Paris, wo er an dem Erz- 
bischof Cardinal Jean de Bellay einen Gönner fand. Er wurde Arzt und 
Bibliothekar desselben, und begleitete ihn im Jahre 1506 nach Rom, wo 
er sich zugleich Vergebung wegen seiner Flucht aus dem Kloster erwirkte. 
Im Jahre 1537 kehrte R. nach Montpellier zurück, um von Neuem als 
Lehrer der Medicin aufzutreten. Bald darauf erhielt er eine einträgliche 
Pfarrei in der Nähe von Paris, auf welcher er sein Leben beschloss. — 
Oeuvres. Paris, 1823 — 25. 9 voll. 1858 ff. — Astruc, ilfmo/res etc. 
(S. ob. S. 116) 316 ff. — Die Geschichte Garganhm's und Pantagruel' s, 
so wie andere Schriften Rabelais' liegen bekanntlich ähnlichen Werken 
Johann Fischart's zu Grunde, welcher aber an Reichthum und Fülle 
des Witzes den französischen Satiriker weit hinter sich lässt. A. F. C. 
Vilmar, Geschichte der deutschen National-Literatur. Marb. 1851. 8. 
1.442. — AI fr. Mayrargues, Babelais. Etüde sur le seizieme siede. 
Par. 1868. 8. (pp. 270.) 

Joh. Riolan US (L), Commentaria in physiologiam Fernelii. Paris, 
1577. 8. — Generalis methodus niedendi. Par. 1578. 8. — Universae 
medicinae compendium. Par. 1598. 8. — Opera. Par. 1610. f. — Auf 
den Streit mit den Wundärzten bezieht sich: Ad impudentiam quorundam 
chirurgorum, qui medicis aequari et chirurgiam publice profiter i volunt 
pro veteri medicinae dignitate apologia philosophica. Par. 1577. 12.; — 
auf die Paracelsisten : Ad maniam Lihavii responsio pro censura scholae 
Parisiensis contra alchymiam lata. Par. 1600. 8. — Auf die Angriffe 
Riolan's beziehen sich: Israel Harvet, Animadversiones in Joh. Antar- 
veti apologiam pro judieio scholae Parisiensis. *Francof. 1604. 8. — De- 
monstratio veritatis doctrinae chymicae adversus Joh. Riolanum. *Hanov. 
1605. 8. 

Später gehörte zu den erbittersten Gegnern der neuen Lehren 
Gui Patin aus Hodenc en Bray (Oise) [31. Aug. 1602—1672], 
Anfangs Buchdrucker, ein geistreicher Sonderling ohne tiefere 
Gelehrsamkeit, ein unversöhnlicher Feind der Araber, aber auch 



H3 Die neuere Zeit. Das sochszehnto Jahrhundert. 

der China und des Thee's, dieser «impertinente nouveaute de 
siecle.» Gui Patin's Heilmittel waren der Aderlass und die Senna 
(«saigner» und «senner»). Er machte einem Kranken 32 Ader- 
lässe, sich selbst bei einem Rheumatismus sieben; ja er Hess 
drei Tage alten Säuglingen zur Ader! Unter seinen Schriften 
befindet sich ein Ilartyrologe de VÄntimoine, d. h. ein Verzeich- 
niss der Opfer dieses Heilmittels. 

Der schriftstellerische Ruhm, dessen Gui Patin noch jetzt bei den 
Franzosen geniesst^ gründet sich hauptsächlich auf die nach seinem Tode, 
gegen den Willen ihres Verfassers, veröffentlichten Briefe, welche zu ihrer 
Zeit durch den Spott, mit welchem sie die Anhänger Mazarin's und die 
medicinischen Neuerer übergössen, so wie durch ihre pikanten Anekdoten 
grosses Aufsehn erregten. — Gui Patin, Lettres. Neueste Ausgabe von 
Reveille-Parise. Paris, 1846. 8. 3 voll. Vergl. Moehsen, Medaillen- 
Sammlung, öll. 

Der Streit währte bis tief in das siebzehnte Jahrhundert 
hinein, betraf aber fortwährend weniger die Paracelsische Theorie, 
als die Anwendung der neuen chemischen Medikamente, beson- 
ders der Antimon-Präparate. Es kam so weit, dass die Fakultät 
mehrere Aerzte von Paris, welche sich des Gebrauchs derselben 
schuldig gemacht hatten, aus ihrer Mitte stiess. 

Die Spiessglanz- Präparate waren schon im fünfzehnten Jahrhundert 
durch alchemistische Schriften bekannt geworden, als deren Verfasser ein 
Benediktiner-Mönch zu Erfurt: «BasiliusValentinus», betrachtet zu werden 
pflegte. Die berühmteste der unter diesem Namen erschienenen, grossen- 
theils dem sechszehnten Jahrhundert angehörigen, Schriften, ist der Currus 
Äntimonii trimnphalis. (Kopp, Geschichte der Chemie, I. 80.) Noch in der 
Mitte des achtzehnten Jahrhunderts erschienen die chijmischen Schriften 
des «BasiliusValentinus» in deutscher Uebersetzung. (Hambiu-g, 1740. 8.) 
— Das Schicksal, des Gebrauchs des Antimons wegen aus der Pariser 
Pakultät ausgestossen zu werden, betraf im Jahre 1603 einen tüchtigen 
Arzt, Theodor Turquet de Mayerne aus Genf (28. Sept. 1573 — 
15. März 1655), welcher in Montpellier studirt, dann zu Paris chemische 
Vorlesungen gehalten, in diesen und in einer seiner Schriften die Antimon- 
Präparate empfohlen hatte. In einem berühmt gewordenen Dekrete wurde 
ihm die Praxis untersagt, obschon selbst Mitglieder der Fakultät, z. B. 
Seguin und Akakia, sich seiner annahmen. Turquet begab sich in Folge 
dessen nach England, wo er Leibarzt Jacob's I. und Karl's I. wurde, grossen 
Ruhm erlangte, und sich namentlich auch um die Verbesserung der Email- 
Malerei verdient machte. 

Th. Turquet de Mayerne, Apologia, in qua videre est, inviolatis 
Hippocratis et Galeni legibus, remedia chymice praeparata tuto observari 
posse. Lai-ochelle (Paris), 1603. 8. — Unter den Schriften von Turquet 
(zusammen: Opera omnia. Lond. 1700. f.) sind ausserdem seine Pharma- 
copoettf — De gonorrhoeae inveteratae et carunculae ac ulceris in meatii 



Praktische Medicin. Gegner des Paracelsus in Frankreich. Der Antimon-Streit. 1 IQ 
Turquet de Mayerne. Renaudot. 

urinario curatione. Oppenhem. 1619. 4. Francof. 1627. 4. Praxis 
medica. Aug. Vindel. 1651. 8. hervorzuheben. Nach M.'s Tode er- 
schien: Trad. de arthritide. Genev. 1674. 12. Praxeos Mayernianae in 
niorbis internis praecrpue gravioribus et chronicis syntagma etc. Londini, 
1690. — Ein von Rubens gemaltes Portrait Turquet's befindet sich in 
der Bibliothek zu Genf. 

Das Dekret der Fakultät lautet so: «Collegium medicorum in academia 
Parisiensi legitime congregatum, audita renuntiatione censorum, quibus 
demandata erat provincia examinandi apologiam sub nomine Mayerni Tur- 
queti editam, ipsam unanimi consensu damnat, tanquam famosum libellum, 
mendacibus, convitiis imprudentibus , calumniis refertum, quae nonnisi ab 
homine imperito, impudenti, temulento et furioso profiteri potuerunt. 
Ipsum Turquetum indignum judicat, qui usquam medicinam faciat, propter 
temeritatem, impudentiam et verae medicinae ignorationem. Omnes vero 
medicos, qui ubique gentium et locorum medicinam exercent, hortatur, ut 
ipsum Turquetum similiaque hominum et opinionum portenta a se suis- 
que finibus arceant, et in Hippocratis Galenique doctrina constantes per- 
maneant : et prohibuit, ne quis ex hoc medicorum Parisiensium ordine cum 
Turqueto eique similibus medica consilia ineat. Qui secus fecerit, scholae 
ornamentis et academiae privilegiis privabitur, et de Regentium numero 
expungetur. Datum Lutetiae in scholis superioribus , die 5. Decembris, 
anno salutis 1603.» 

Dasselbe Schicksal der Ausstossung erfuhr aus demselben Grunde im 
Jahre 1609 Pierre de la Poterie (Poterius), welcher in Folge dessen 
nach Bologna ausw^anderte. — Moehsen, Medaillen-Sammlung, 145. 

Sehr grossen Antheil an dem Siege, welchen schliesslich die 
chemischen Arzneien davon trugen, hatte Theophraste Re- 
naudot aus Laudon (geb. 1584), welcher um das Jahr 1612 
von Montpellier nach Paris kam, wo er vom reformirten zum 
katholischen Bekenntniss überging. Durch Richelieu's Vermit- 
telung wurde er zum General-Commissär des Armen-Kranken- 
Wesens ernannt, eine Stelle, welche ihm grossen Einfluss auf 
die Aerzte verschaffte. Renaudot vereinigte die in grosser Zahl 
zu Paris lebenden Aerzte aus der Schule von Montpellier zu einer 
Gesellschaft, welche später als Chambre royale de medecine 
privilegirt wurde, deren Mitglieder Consultationen für Arme ver- 
anstalteten, durch welche der Gebrauch der neuen Heilmittel 
immer mehr Eingang fand*). Aber noch im Jahre 1643 bewirkte 
Coussinot, Leibarzt des Königs, ein Dekret, welches den An- 
hängern der chemischen Arzneien die Ausübung der Heilkunde 
in Paris verbot. Nach Coussinot's Tode (1646) indess gewannen 
dieselben einen Gönner an dem Nachfolger desselben, Vaultier, 



*) Guardia, Gaz. med. de Paris, 1871. No. 13. 



120 I)io neuere Zeit. Das sechszehnte Jahrhundert. 

emem Zögling Montpelliers. Im Jahre 1666 endlich dekretirte 
die Fakultät den freien Gebrauch der Antimon-Präparate. 



Gegner des Galenismus in Italien und Frankreich. 

361. Der ungestüme Angriff, durch welchen Paracelsus und 
seine Jünger den Sturz des herrschenden Systems herbeizuführen 
suchten, beschränkte sich im wesentlichen auf Deutschland und 
die durch Sprache und Bildung ihm verwandten Länder. In 
Italien und Frankreich, damals die Hauptsitze philologischer und 
ärztlicher Gelehrsamkeit, vermochten die Paracelsischen Theorieen 
nur an sehr vereinzelten Stellen Wurzel zu fassen. Die allge- 
meinen Ursachen indess, welche in Deutschland einen so heftigen 
Sturm gegen das bisherige System erregten, waren in jenen 
Ländern nicht weniger vorhanden; nur waren ihre Wirkungen 
bei weitem massiger und beschränkter. Sie gingen sogar zum 
Theil dem Unternehmen des Arztes von Hohenheim der Zeit nach 
voraus. 

Alle diese Bewegungen bildeten gleich der durch Paracelsus 
ins Leben gerufenen, einen Theil des Kampfes, welcher seit 
langer Zeit in allen Ländern von den Piatonikern gegen die 
Aristotelische Scholastik, von den Männern des Fortschritts gegen 
die Knechtschaft auf dem Gebiete der Philosophie, der Religion 
und der Politik geführt wurde. Ein näheres Eingehen auf diese 
das Gebiet der Heilkunde nur wenig berührenden Bewegungen 
und ihre philosophischen Grundlagen liegt unsrer Aufgabe fern^). 
Es ist genug, etwas ausführlicher eines von den Häuptern dieser 
Bewegung zu gedenken, welcher dem ärztlichen Stande angehörte, 
des berühmten Geronimo Cardano aus Mailand (24. Sept. 1501 
— 21. Sept. 1576). Lebensverhältnisse der unglücklichsten Art, 
namentlich aber eine nach seinem eignen Geständnisse höchst 
sinnliche Natur machten aus diesem hochbegabten, unermesslich 
fleissigen und vielseitig gebildeten, besonders als Mathematiker 
und Physiker hervorragenden. Manne zugleich einen der be- 
rufensten Schwärmer. 

Cardano, welcher als Knabe von seinem Vater, einem ßechtsge- 
lehrten, die härteste Behandlung zu erdulden hatte, lebte seit 1524 zu 



^) Vergl. die ausführliche Daratelluug in Erdmann's Geschichte der j 
Philosoph ie, I. 526 fF. ^ 



Pralitisohe Meäicin. Gegiior des Galenismus in Italien. Caidanus. 121 

Sacco bei Mailand, dann knrze Zeit, an letzterem Orte, hierauf zu Gallarate 
als Arzt in bitterer Armuth, bis er in Mailand eine Stelle als Lehrer der 
Mathematik fand. In das Collegium der Aerzte daselbst wurde er erst 
nach üeberwindung vieler Schwierigkeiten (in Betreff seiner illegitimen 
Abkunft, seines eigenen sittlichen Rufes) aufgenommen. Im Jahre 1552 
wurde er nach Schottland zu dem erkrankten Erzbischof Hamilton berufen. 
Bald darauf erhielt er eine Professur in Pavia, dann (im Jahre 1562) in 
Bologna; im Jahre 1570 sah er sich durch seine Gläubiger genöthigt, nach 
Eom zu gehen, wo er auf das ehrenvollste aufgenommen wurde. In Folge 
der Hinrichtung seines Sohnes, welcher seine ehebrecherische Gattin zu 
vergiften gesucht hatte, während er ihn für unschuldig hielt, versank er 
in die tiefste Melancholie, so dass er sich genöthigt sah, seine Professur 
aufzugeben. Kurze Zeit darauf traf ihn ein neuer Kummer über seinen 
zweiten, wie es scheint, unsiimiger Verschwendung verfallenen, Sohn. 
Cardano beschloss sein bewegtes Leben als hochbetagter Greis in Rom. 

Seine medicinischen Werke sind folgende : De malo recentiorum medi- 
corum medendi usu. Ven. 1545. 8. De simplicium medicamentorum noxa. 
Venet. 1536. 8. — Contradicentium medicormn libriX. Paris, 1546. Lugd. 
1548. 4. — De lihris propriis — ac de mirahilihus operihus in arte medica 
f actis. Lugd. 1557. 8.— Opuscida artem medicam exercentibus utilissima. 
Basil. 1559. f. — In Septem aphonsmormn Hippocratis particiüas coni- 
■mentaria etc. Basil. 1564. f. — Disputatianum medicin. liloTci II. Par. 
1565. — Ars curandi parva. Basil. 1566. 8. — De causis, signis ac 
Jocis morborum. Basil. 1583. 8. — De sanitate tiienda libri IV. Romae, 
1580 (?). 4. Bas. 1582. f. — Opuscida medica semUa. L. B. 1638. — 
Ferner Abhandlungen de usu cibormn, de urinis, de saJsaparilla, de venenis, 
de epilepsia, de apoplexia etc. — Philosophische und mathematische 
Werke: Ars magna. De subtilitate rerum libri XXI. Norimb. 1550. f. 
Basil. 1554. f. 1560. f. u. öfter. — De rerum varietate libri XVII. Basil. 
1557. f. Diebeiden letzteren Werke, namentlich de subtilitate rerum, 
beschäftigen sich, nach Art der grossen Encyklopädieen des Mittelalters, 
mit dem ganzen Umfange des menschlichen Wissens und der Schöpfung, 
den Principien der Dinge : Materie , Form , Raum , Bewegung ; den 
Elementen, den Thieren, dem Menschen, den Sinnen, der Seele, — der 
Mathematik , den Künsten und Erfindungen , — den Wundern , Gott, 
den Engeln und Dämonen. — Gesammt-Ausgaben : Opuscida medica 
et philosophica. Basil. 1566. 4. — Opera omnia, ed. Spon., Lugd. 1663. 
f. 10 voll. — In Betreff der mathematischen und physikalischen Leistungen 
Cardano's vergl. Libri, Histoire des sciences mathematiques en Italic. 
Par. 1838. 1841. 8. IIL 167. — H. Morley, TJie life of Girolamo 
Cardano, of Milan, physician. 2 voll. London, 1854. 8. [«Vir mirifici 
ingenii, — sed instabilis et irrequietus. » Haller.] 

In den philosophischen Grund-Anschauungen Cardano's lässt 
sich der Einfluss Pythagoreischer und neu- Platonischer Lehren 
leicht erkennen. Dagegen hat Cardano von denen des Para- 
celsus und seiner Jünger offenbar keine Kenntniss. — In der 
ganzen Schöpfung waltet die Alles belebende Weltseele. Grund- 



122 Uie neuere Zeit. Das sechszehnte Jahrhundert. 

kräfte sind die Wärme und das Lieht; ihnen gegenüber steht 
die ihrem Wesen nach feuchte Materie. Denn Elemente sind 
nur zwei: Wärme und Feuchtigkeit; Kälte und Trockenheit 
sind lediglich Negationen. Das Wasser erklärt Cardano mit 
einer glücklichen Ahnung für einen zusammengesetzten Körper. 
Die Veränderungen in der Natur erfolgen nach dem Gesetze der 
Zahl, welcher Gott selbst seine Werke unterworfen hat. Alle 
Wesen sind beseelt; selbst in den Pflanzen walten Liebe und 
Hass. Der Mensch ist kein Thier, sondern «alle Thiere» ; er 
wiederholt auf höherer Stufe den Inbegriff des gesammten thie- 
rischen Lebens. Er besteht aus Leib, Seele (Ingenium) und 
Geist (mens). — Cardano wendet diese Lehren und deren Folge- 
rungen auf die Religion, den Staat, die Ehe u. s. w. an. Aber 
neben diesen und vielen andern trefflichen und geistvollen Ge- 
danken findet sich nicht selten das Ungereimteste und Aber- 
witzigste. 

Von der Heilkunde hat Cardano die höchste Meinung. Er 
nimmt in seinen medicinischen Schriften häufig Gelegenheit, die 
Lehren Galen's zu bekämpfen. Am meisten bestreitet er die 
Galenische Localisation der Geisteskräfte, die Lehre von der 
Entstehung der Katarrhe im Gehirn, und die allgemeine Gültig- 
keit des «Contraria contrariis.» 

Zu den italienischen Piatonikern des sechszehnten Jahrhun- 
derts gehört ferner Bernardino Telesio aus Piacenza (1508 
— 1588), dessen Lehren denen Cardano's (welchen er nirgends 
erwähnt) durchaus verwandt sind, dieselben aber durch Klarheit 
und Nüchternheit bei weitem übertreffen. Auch Telesio sucht 
die Quelle aller Erkenntniss in der Natur, wobei er sich (in 
seinen späteren Schriften) gegen jede Bestreitung der kirch- 
lichen Lehre ausdrücklich verwahrt. Als Grundkräfte gelten ihm 
Wärme und Kälte; die Seele besteht in einer der Wärme ver- 
wandten Substanz. 

B. Telesius, De natura rerum juxta propria principia. Rom. 1565. 
Neap. 1570. 4. 1586. f. Vollständig: Rom. 1596. — Varii de rebus 
naturalihus libelli. Venet. 1590. f. — Fr. Fiorentino, Bernardino 
Telesio, ossta studi storici su l'idea della natura nel risorgijuento italiano. 
Firenze, 1874. (pp. 472.) 2 voll. 

Der Heilkunde verwandter sind die Arbeiten von Giov. 
Baptista Porta, einem vornehmen und reichen Neapolitaner 
(geb. um 1540, gest. 1615). Porta ist einer der hervorragend- 
sten Physiker seiner Zeit, und muss als Begründer der neueren 



Praktische Medicin. Gegner des Galenismns in Italien. Cardanus. Telesiiis. 1 OQ 

Porta. Bruno. Argenterius. 

Optik gelten. Unter Anderm wendete er bereits zum Zwecke 
der optischen Vergrösserung eine Verbindung von Convex- und 
Concav- Linsen an. In seltsamem Widerspruche hiermit stehen 
die zahlreichen Beweise seines Glaubens an verborgene Kräfte 
der Natur, und die durch ihn hauptsächlich ausgebildete Lehre 
von den «Signaturen.^)» 

Porta machte ausgedehnte Reisen, legte in seinem Hause physikalische 
und natuvhistorische Sammlungen an, und gründete eine Academia de' Se- 
greti, welche aber durch Paul V. unterdrückt wurde, während Porta gleich- 
zeitig iu die römische Academia de' Lincei Aufnahme fand. Unter seinen 
Schriften sind hervorzuheben : Magiae naturalis lihri XX. Vollständig 
zuerst: Neap. 1589. f. u. öfter. Die ersten vier Bücher schrieb P. in 
seinem löten Jahre. Das Werk erregte das grösste Aufsehn, und wurde 
ins Italienische, Französische, Spanische und Arabische übei'setzt. — De 
destillaüone. Rom. 1608, — De humana 2)hj/siognotnia. Vico Aequensi 
[Vico Equense im Neapolitanischen]. 1586. f. Neap. 1602. f. und öfter. 
— Phi/toguoniica. Neap. 1588. u. öfter. Vergl. Meyer, Geschichte der 
Botanik, IV. 438 ff. 

Der Richtung Porta's durchaus verwandt ist die des durch sein un- 
glückliches Schicksal bekannten Dominikaners Giordano Bruno aus 
Nola in Calabrien (geb. 1550, gest. 17. Febr. 1600), welcher in Folge 
seiner Parteinahme für den Protestantismus den Flammentod erlitt. Von 
seinen Schriften, welche mit der Heilkunde nur in geringer Beziehung 
stehen, sind zu nennen: Della causa, princijno ed uno. Venet. 1584. 8. 
Deutsch von Lasson, in Kirch man n's Philosophischer Bibliothek. Berlin, 
1872. 8. Heft 151 und 152. — Opere italiane raccolte da A. Wagner. 
Lips. 1829. 30. 8. 2 voll. — Opera latina, ed. Gfrörer. Stuttg. 1834. 
36. 8. 2 voll. — Eine fast vollständige Sammlung der Schriften Bruno's 
besitzt die Königl. Bibliothek Dresden. — D. Berti, Vita di Giordano 
Bruno da Nola. Pireiize, 1868. 8. (pp. 415.) — F. Falkson, Giordano 
Bruno. Detroit [Philadelphia, Schäfer & Koradi], 1871. 8. (pp. 160.) 



2&2. An diese aus dem Lager des Piatonismus hervorge- 
gangenen Gegner der herrschenden Lehre schliessen sich die 
ungleich gemässigteren , aber weit nachhaltigeren Angriffe von 
Aerzten, in welchen jene philosophische Grundlage nur wenig 
in Betracht kommt. Der Führer dieser Reihe ist Giov. Ar- 
genterio aus Castelnuovo bei Chieri in Piemont (1513 — 
13. Mai 1572). Er lebte zuerst fünf Jahre als Arzt in Lyon, 
dann in Antwerpen und an den Universitäten Bologna, Pisa, 
Neapel, Rom, Mondovi (an deren Wiederherstellung im Jahre 1560 
er grossen Antheil hatte) und Turin. Argenterio's Angriffe gelten 

^) S. oben S. 98. 



X24 I^ie neuere Zeit. Das sechszelmte Jahrhundert. 

vorzugsweise deo theoretischen Lehren Galen's, dessen prak- 
tischen Leistungen er die grösste Anerkennung zollt. Allerdings 
war es ein Schlag gegen die Grundfesten des alten Systems, 
dass er die Abhängigkeit der «zweiten Qualitäten» von den 
ersten leugnete, dass er an die Stelle der zahlreichen Grund- 
kräfte Galen's eine einzige, die eingepflanzte Wärme, setzte, dass 
er der Leber eine untergeordnete Rolle für die Ernährung zu- 
wies, und diese lediglich dem Blute, nicht auch zugleich dem 
Samen beimass. 

Job. Argenterius, De eonsultatlonihus medicis, sive, ut vulgus 
vocaty de collegiandi ratione. Florent. 1549. 8. u. öfter. — De error ibiis 
veterum medicorum. Flor. 1553. f. — Commentarii tres in artem medi- 
cinalem Galeni. Par. 1553. 8. 1578. 8. 1618. 8. Mon^.eregali, 1566. f. 

— De somno et vigilia etc. Flor. 1566. 4. Par. 1568. 4. — De morhis. 
Florent. 1556. f. — Opera. Venet. 1592. f. 1606. f. (Juntina.) Hauov. 
1610. f. Francof. 1615. f. — Vergl. Bonino, Biografia med. Pie- 
montese. 1. 222, wo auch der herkömmliche Vorwurf, Argenterio sey als 
Praktiker unbedeutend und unbeliebt gewesen, entkräftet wird. — «Non 
tarn servili simus animo,» sagt Argenterio, «ut omnia veterum placita, 
oraculorum instar, indiscriminatim veneremur, vel tarn abjecto, ut posteris 
omnem meliora excogitandi occasionem praereptam vel praecisam esse ar- 
bitremur. Quasi vere nou idem nunc sit, quod olim, coelum, eadem terra, 
idem generandi modus, eadem denique, et facilior etiam quam aliis fuerit, 
dicendi inveniendique ratio.» 

Der heftigste Gegner Argenterio's war Julius Alexander von Neu- 
stain, kaiserlicher Leibarzt in Wien (1506 — 1590), {Anti-Argenterica 
pro Galeno. Venet. 1552. 4.) Eben derselbe trat später auch als Gegner 
Fernel's in die Schranken. (Controversiae medicae centum. Mediol. 1601. 
f. Francof. 1601. f.) — Gegen Ncustain hinwiederum trat Argenterio's 
Schüler, Rainerus Solen and er, Leibarzt des Herzogs von Cleve (1521 

— 1596) auf. {Ap)ologia — pro Argenterio. Florent. 1556. 8.) 

Eine Reihe entschiedener Gegner sodann erwuchs dem Gale- 
üismus aus der Schule von Montpellier. An ihrer Spitze stand ein 
Schüler Argenterio's, der hochangeseheue Kanzler der Universität, 
Laurent Joubert, Leibarzt der Catharina von Medicis. In 
seiner bedeutendsten Schrift, Paradoxa, bekämpft er unter 
Anderm eine fundamentale Lehre Galen's, die Fäulniss-Theorie. 
Sie und die von ihr hervorgerufenen Streitschriften trugen wesent- 
lich bei, die Verbesserung der Fieberlehre vorzubereiten. 

Laurent Joubert aus Valence in der Dauphinee (16. Dec. 1529 

— 21. Oct, 1583), ein auch wegen seines Charakters geachteter Arzt, war 
im Lehramte der Nachfolger von Rondelet, der sich vorzüglich als 
Ichthyolog, als Gründer des anatomischen Theaters zu Montpellier, und als 
eifriger Protestant bekannt machte. Planchon, Rondelet et ses disci- 
ples. Montpellier niedical, 1866. Avril. 



Praktische Medicin. Gegner des Galeuismiis. Argenterius. Joubert. Fernel. 125 

Die bemerkenswerthesten Schi'iften Joubert's sind folgende : Paradoxa 
medica^ seu de febribus. Lyon, 1566. 12. — Traue du ris etc. Lyon, 
1567. 8. und öfter. [«Dictio Boccaciana et jocularis». Haller.] — De 
affectibus piJorum et cutis etc. — De affectibus internanan partium tho- 
racis. Genev. 1572. Lugd. 1577. 12. 1578. 16. — Medicinae practicae 
lihri III. Lugd. 1577. 12. — Opera latina. Lugd. 1582. f. Francof. 
1599. f. 1645. f. — Am berühmtesten wurde Joubert durch eine popu- 
läre Schrift, in welcher er unter Anderm die Ehe verwarf: Erreurs popu- 
laires au fait de la medecine et regime de sante. Bordeaux, 1570. 8. 
14 — 15 Ausgaben, davon die zehn ersten in sechs Monaten. Zuletzt: 
Lyon, 1608. 12. Auch lateinische und italienische Ueber Setzungen. — 
Vergl. Astruc, Memoires etc. p. 236. — J. P. Amoreux, Notice 
historique et bibliographique sur la vie et les ouvrages de Laurent Joubert. 
Montp. 1814. 8. — Broussonnet in Ephem. med. de Montpellier. 1828. 
— Benoit, Bulletin du protestantisme frangais. 1862. 

Am behutsamsten gingen bei ihren Angriffen auf die Lehren 
Galen's einige Mitglieder der Pariser Fakultät, namentlich mehrere 
Zöglinge von Houllier und Duret^) zu Werke. Der wichtigste 
derselben ist Fernel. 

Jean Fernel (1485 — 26. April 1558) aus Clermont in der Picardie, 
ging gegen seine Neigung vom Studium der Mathematik zu dem der Me- 
dicin über. Die erstere verdankt ihm mehrere wichtige Werke, und unter 
den Neueren die erste genauere Messung eines Grades des Meridians. 
Fernel gehörte zu den beschäftigsten Aerzten von Paris und zu den be- 
rühmtesten Lehrern seiner Zeit. In den zwei letzten Jahren seines Lebens 
übernahm er nach längerem Widerstreben die Stelle eines Leibarztes bei 
Heinrich IL Einstimmig preisen die Zeitgenossen seine Thätigkeit, seine 
Menschenliebe und seine Reichthümer. — J. Fernelius, Universa me- 
dicina. Par. 1554. f. und dann noch 14 Ausgaben. Unter diesen die 
von Plancy, Par. 1567. f. Francof. 1581. Traject. 1656. 4. Genev. 
1679. f. — Therapeutices universalis seu medendi rationis libri VII. 
Par. 1554. 8. Sehr viele Ausgaben. Zuletzt Lugd. 1644. 8, — Französ. 
von Dutil. Par. 1655. 8. — Febrium curandarum methodus generalis. 
Par. 1554. f. u. s. w. Französisch von St. Germain. Par. 1655. 8. — 
Consiliorum medicinalium über. Par. 1582. 8. — De abditis rerum 
causis. Paris, 1548. f. u. s. w. Zuletzt Lugd. 1645. 8. — Fernel's 
Leben ist nicht weniger als 2 7mal beschrieben worden, am zuverlässigsten 
von seinem vieljährigen Freunde Plancy in der von diesem besorgten Aus- 
gabe der Universa medicina. — Vergl. Chereau, Union med. 1864. 
No. 32. (Fernel's Testament.) 

Die Absicht Fernel's ist im Wesentlichen darauf gerichtet, 
das erschütterte Gebäude der alten Heilkunde durch ein regel- 
rechtes System vor dem Verfalle zu schützen. Dieses System 

') S. oben S. 20. 



X26 Die neuere Zeit. Das secliszehute Jahrhuudort. 

ist aber im Grunde Nichts, als ein Gemisch Galenischer und 
solidar-pathologischer Sätze, welche ein dynamistisches Princip, 
das Hippokratische ösi'ov, verbinden soll. Fernel entwickelte 
seine Lehren, deren Erfolg hauptsächlich auf seiner vortreff- 
lichen Schreibart beruhte, hauptsächlich in dem Werke de ah- 
ditis onorborum causis. Am bemerkenswerthesten ist die 
Abhandlung de ^elemsntis , in welcher die Thätigkeit der Organe 
von dem Bau ihrer Elementartheile (Fasern, «villi») abgeleitet 
wird. Die körperlichen Elementartheile werden durch ein geisti- 
ges Princip, die Wärme, belebt, dessen Träger die feinste Materie, 
der Spiritus, ist. Dem geistigen Leben dagegen steht die «Anima» 
vor, deren Fähigkeiten aber nicht Theile, sondern Aeusserungen 
ihres einfachen Wesens sind. — In der Pathologie legt Fernel 
grossen Werth auf die Trennung der Ursache der Krankheit 
(«causa continens») von dieser selbst (dem Process) und den 
Symptomen. Die ersteren verlegt er in die Säfte, die zweiten 
in die festen Theile, die dritten in die Functionen. — Wie 
mehrere andere Aerzte seiner Zeit, beschäftigt sich auch Fernel 
mit dem Gedanken, die Fieber-Formen zu lokalisireu. Als Sitz 
der intermittirenden Fieber gilt ihm der Magen, das Duodenum 
und das Pankreas; die anhaltenden Fieber haben ihre Quelle 
in der Gegend des Herzens. — Die Therapeutica methodica 
zeigt denselben eklektischen Charakter. In der Arzneimittellehre 
führt Galen die Herrschaft; daneben zeigen die Bemerkungen 
über den Makro- und Mikrokosmus und die umständliche Wider- 
legung des «Similia similibus» den Einfluss Paracelsischer Ideen. 
Es braucht nicht der Bemerkung, dass die Meinungen Fernel's 
gleich denen der ihm gleich Gesinnten von Seiten der starren 
Anhänger Galen's mehr oder weniger Widerspruch erfuhren. Aber 
die Geschichte hat keine Veranlassung, des Näheren Streitig- 
keiten zu erörtern, welche, so lebhaft auch die Bewegungen 
waren, die sie zu ihrer Zeit erregten, für die Entwickelung unsrer 
Wissenschaft nur geringe Bedeutung haben. 



Praktische Medicin. Gegner des Galenismus. 127 

Die Hippokratischen Praktiker. Collegia medicorum. 



Die Hippokratischen Praktiker des sechszehnten 
Jahrhunderts. 

Literarischer Verkehr. Collegia medicorum. Einführung des klinischen 

Unterrichts. 

H. F. Thyssen, Redevoering over de geschiedenis en strekking der kli- 
nische Geneeskunde. Amsterdam, 1828. 4. (pp. 52.) — Neubert, Die ersten 
Sparen des klinischen Unterrichts auf Universitäten. (Clarus und Radi vis, 
Beiträge zur praktischen Heilkunde, IL 143.) — Heck er, Geschichte der 
neueren Heilkunde, S. 367 ff. 

36S. Ein weit erfreulicheres Schauspiel als der erbitterte 
Hader um unversöhnliche Gegensätze und die spitzfindigen 
Streitigkeiten um unfruchtbare Dogmen gewährt die besonnene 
und segensreiche Thätigkeit derjenigen Aerzte des sechszehnten 
Jahrhunderts, welche die praktische Heilkunde nicht mit halt- 
losen Theorieen und künstlich ersonnenen Systemen, sondern 
mit Beobachtungen bereicherten. 

In dieser Beziehung muss zunächst auf die immer zahlreicher 
hervortretenden gelehrten Vereine und auf die höchst bedeutende 
Steigerung des literarischen Verkehrs durch den umfangreichen, 
grossentheils auch durch den Druck veröffentlichten, Briefwechsel 
hingewiesen werden, durch welchen die angesehensten Aerzte 
jener Zeit ihre Erfahrungen austauschten. In vieler Hinsicht 
vertrat derselbe die Stelle der späteren medicinischen Zeit- 
schriften. 

Den Haupt-Antrieb zur Bildung der ärztlichen Vereinigungen, 
denen wir am frühesten in Italien begegnen, gaben da, wo keine 
medicinischen Fakultäten bestanden, die Verbrüderungen der 
Chirurgen, deren drohender Uebermacht in jeder Weise begegnet 
werden musste. In zweiter Linie dienten die Collegia medi- 
corum zur Beurtheilung von Kunstfehlern, zur Entscheidung fo- 
rensischer Fragen, zur Beaufsichtigung der Apotheker, und zur 
Handhabung der Medicinal-Polizei. 

Eine der ältesten dieser Corporationen war das von Thomas Linacre 
(S. oben S. 16) im Jahre 1518 gegründete Collegium der Aerzte zu London. 
W. Monk, The Roll of the Royal College of Physicians of London, com- 
piled from the annals of the College and other authentic sources. vol. 1. 
1518—1700. London, 1861. (Vergl. Athenaeum. 1861. p. 825.) — In 
die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts fällt die Stiftung einer solchen 
Verbindung in Brüssel, welche bis zum Jahre 1794 bestanden hat. C. 



]^28 Die nuuere Zeit. Das sechszclinte JalirhunJcrt. 

Broeckx, Histoire du colleglum medicum Bruxellense. Auvers [Busch- 
mann], 1862. 8. (pp. IV. 482.) 

Am segensreichsten aber wirkte die Einführung des klini- 
schen Unterrichts. — Von den Anfängen der klinischen 
Unterweisung bei den Alten und im Mittelalter ist früher ge- 
sprochen worden^). Im sechszehnten Jahrhundert erwachte auch 
auf diesem Felde ein neues Leben. Am frühesten in Italien. 
Der von da Monte (Montanus^) im Hospitale San Francesco 
zu Padua ertheilte praktische Unterricht zog aus ganz Europa 
junge Aerzte herbei. Wie gross ihre Zahl war, geht schon daraus 
hervor, dass Männer wie Thomas Bartholinus nicht unter 
ihrer Würde hielten, besondere Reisehandbücher für Aerzte zu 
verfassen^). 

Montanas, Sohn eines höheren Militärs, aus einer angesehenen 
Familie zu Verona, welcher auch Papst Julius III. angehörte, lebte zuerst 
einige Zeit als Arzt zu Brescia, bereiste dann das südliche Italien und 
Sicilien, und begab sich hierauf nach Ferrara, wo er die Freundschaft Ma- 
nardo's gewann, und eine Professur erhielt, welche er bald darauf mit einer 
Lehrstelle zu Padua vertauschte. Die schon seit langer Zeit berühmte 
medicinische Fakultät dieser Hochschule gelangte durch ihn, den gleich- 
zeitig ihr augehörigen Vesalius (welcher da Monte's in seinem grossen 
anatomischen Werke, Bas. 1543. p. 309 gedenkt) und andere ausgezeich- 
nete Männer zu der Höhe ihres Glanzes. Montanus starb, hochgeehrt und 
im Besitze eines grossen Vermögens, in Folge eines Blasenleidens am 
6. Mai 1551. 

Seine Schriften sind wenig zahlreich; mehrere von ihnen beziehen sich 
auf die Methode des ärztlichen Unterrichts: MetJiodus docendi. — Methodus 
medicinae tmiversalis. — Commentarius in Ävicennae Fen 1 — IV. Vcnet. 
1558 — 56. f. — De excrementis, de morho gallico. Venet. 1568. — Seine 
ConsUien wurden mehrfach herausgegeben, z. B. von einem Polen, Lublin: 
Bologna, 1556. 8.; von Donzellini: Basil. 1557. f.; von Crato: 
Norimb. 1559. f. und öfter. — Medicina universa ex hctionihus ceteris- 
que scriptis colJeda a. Mart. Weidrich. Francof. 1587. f. (pp. 1000.) 
— Vergl. C e r V e 1 1 , Di Giamhattista da Monte e della medicina italiana 
nel 16. secoJo. Verona [Antonelli], 1839. 8. (pp. 123.) 

Nach da Monte's Tode (1551) hörte der klinische Unterricht 
längere Zeit hindurch auf; er wurde aber im Jahre 1578 durch 
Albertino Bottoni und Marco degli Oddi, hauptsächlich 
auf Antrieb der deutschen Studenten, wieder aufgenommen. Die 
mit dem Unterricht verbundenen Leichenöffnungen iudess mussten 



') Bd. I. S. 394. 665. ^) S. oben S. 15. 

^) Th. Bartholinus, De peregrinatione medica. Hafn. 1674. 4. 



Pral{fiseho Modioin. Einffihrung des klinischen Unterrichts, da Afonte. 1 pQ 

Bottoni. Oddi. Henrnius. Schrevelius. 

in Folge vorgekommener Rücksichtslosigkeiten wieder eingestellt 
werden. 

«Hoc anno (1578) ad Germanorum utilitatem lectio in xenodochio S. 
Francisci instituta fuit, et Albertinus Bottonus viros infirmos, Marcus 
Oddus feminas visitabat, et super eorundem morbos dissevebat. Sed cum 
in fine Octobi-is coeli constitntio frigidior esset, ac mulieres infirmae mo- 
rerentur, professores cadavera aperiunt, et loca affecta auditoribus demon- 
strant.» J. P, Tomasini, Gymnasium Patavinum, libris V comprehen- 
sum. Utini, 1654. 4. (p. 420.) bei Andr. Gomipa,retti, Saggio della 
scuola dinica neW spedale di Padova. Päd. 1793. 8. — «Dominicus 
Slatarichius Rector. Eo agente, Germanorum praecipue nomine, decretima 
est, ut professores duo ex practicorum classe xenodochium statis temporibus 
inviserent, ibique de morbis per occasionem oblatis ad juventutis utilitatem 
dissererent.» — «Aemilius Carapolongus autem, ipsorum [Bottonii et Oddi] 
aemulus, suas in aedes quum eadem die utei-os harum mulierum deportari 
curasset, factum est, ut querelis anicularura ad praefectos loci delatis 
interdictum sit professoribus, ne ullum cadaver in posterum aperiretur.» 
Facciolati, Fasti gymnasii Patavini. Pat . 1757. p. 215. 

Nach Bottoni's und Oddi's Tode ging die klinische Anstalt 
von neuem ein, um erst gegen das Jahr 1637 wieder aufzu- 
leben. — Nicht minder war man in Pavia und Genua schon früh 
auf die Einführung dieser segensreichen Veranstaltung bedacht, 
während dagegen zu Rom erst im Jahre 1715 eine klinische 
Schule eröffnet wurde. 

Von der grössten Wichtigkeit wurde die Verpflanzung des 
klinischen Unterrichts nach Holland, zunächst nach Leyden, durch 
zwei Schüler Bottoni's und Oddi's: Heurnius und Schrevelius. 
Allerdings hatten sie bereits mit der Abneigung der Studirenden 
zu kämpfen, am Krankenbette sich examiniren zu lassen*). — 
Dagegen blieb es in Frankreich noch lange bei dem früheren 
dürftigen Zustande. — Noch weniger geschah in Deutschland. 
Nur hier und da, z. B. in Wien, wurden die Studirenden von 
Zeit zu Zeit in ein Hospital geführt. Bei der Stiftung von Ingol- 
stadt (im Jahre 1562) wurde der Professor der praktischen 
Medicin verpflichtet, seine Zuhörer am Krankenbette zu unter- 
weisen. In Greifs wald war aus diesem Grunde der Stadtarzt, 
welcher das städtische Hospital zu besorgen hatte, zugleich 
Professor der Medicin; eine Einrichtung, welche zum höchsten 
Nachtheil der Fakultät bis weit in das neunzehnte Jahrhundert 
hinein aufrecht erhalten worden ist. — Aber ein geordneter kli- 



*) Alb. Kyper, Medicinam rite discendi et exercendi methodus. L. B. 
1643. 16. 
Haeser, Gesch. d. Med. II. 9 



J30 Die neuere Zeit. Das sechszehnte Jahrhundert. 

nischer Unterricht findet sich auf den englischen und deutschen 
Universitäten, in Folge der mächtigen von Boerhaave zu Leyden 
gegebenen Anregung, erst im achtzehnten Jahrhundert. 



HerTorrag'ende Praktiker des sechszehnten Jahrhunderts. 
Italien. 

364. Der segensreiche Einfluss, welchen das wieder er- 
weckte Studium der medicinischen Klassiker des Alterthums, 
die neubelebte freie Beobachtung zur Folge hatten, gibt sich in 
den überaus zahlreichen Schriften des sechszehnten Jahrhunderts, 
welche die praktischen Gebiete der Heilkunde betreffen, aufs 
deutlichste zu erkennen. Wenn freilich an die in ihnen nieder- 
gelegten Beobachtungen der Maassstab unsrer gegenwärtigen Zeit 
gelegt werden sollte, so könnten sie nicht bestehen. Schon eine 
flüchtige Beschäftigung selbst mit den besten der hierher ge- 
hörigen Werke lässt erkennen, dass jene trefflichen Männer, 
nachdem sie das Joch des Arabismus und der Scholastik von 
sich geworfen, dafür ein anderes, das des Hippokrates, auf sich 
genommen hatten. Und dennoch muss selbst Das als ein er- 
freulicher Fortschritt erscheinen. Denn es wurde durch die 
grosse Zahl der Aerzte, welche dem Vorbilde des grossen Koers 
nacheiferten, die Heilkunde zu dem naturgemässen künstlerischen 
Standpunkte zurückgeführt, auf welchem sie im Alterthum zu so 
hoher Blüthe gelangt war. Sie auf die Bahn der Wissenschaft 
zu lenken, war das unvergängliche Verdienst derjenigen Männer, 
welche der Neubegründung der Anatomie ihr Leben widmeten. 

Noch lange Zeit behauptete Italien auch in Bezug der prakti- 
schen Medicin den ersten Rang. Einer der Ersten von Denen, 
welche sie im Geiste ächter Erfahrung bearbeiteten, ist Antonio 
Benivieni aus Florenz (1440?— 11. Nov. 1502), der Freund 
Marsilio Ficino's und Angelo Poliziano's^), von dessen Lebens- 
geschichte nichts näheres bekannt ist. Von Benivieni's Schriften^ 
unter denen sich auch eine über Chirurgie befand, deren Ver- 
lust wohl am meisten zu beklagen ist, wurde nur eine einzige, 
und auch diese erst nach seinem Tode und unvollständig, durch 
seinen Bruder Girolamo veröffentlicht: De ahditis morhorum 



^) S. Bd. I. S. 820 und oben S. 6. 



Praktische Medicin. Hippokratiker iu Italien. Beiiivieni. Renedotti. 131 

et sanationum causis. Dieses auch durch reine Schreibart 
ausgezeichnete Werk steht in seiner Zeit fast einzig da, indem 
es Nichts enthält als eine Sammlung von 111 von Benivieni 
selbst herrührenden Beobachtungen, hauptsächlich aus dem Ge- 
biete der angeborenen Missbildungen, der Chirurgie und Syphilis. 
Fünfzig andere Beobachtungen, vrelche zu einer zweiten «Cen- 
turie» gehörten , sind neuerdings von Puccinotti entdeckt und 
veröffentlicht v^^orden. Besondere Bedeutung erhält Benivieni 
durch die in seiner Schrift enthaltenen, für jene Zeit muster- 
haften, Aufzeichnungen über die an Kranken und Leichen wahr- 
genommenen materiellen Veränderungen. Unbestritten gebührt 
ihm eine der ersten Stellen unter den Begründern der patholo- 
gischen Anatomie. 

Ant. Benivenius, De abditis nonnullis et mirandis morhorum et 
sanationum causis. Flor. 1506. 4. 1507. 4. Venet. 1516. f. Paris, 
1528. f. Basil. 1529. 8. L. B. 1585. 8. (ein von Dodoens gemachter 
und von Anmerkungen begleiteter Auszug.) Harderovic. 1621. 8. — 
Die von Puccinotti entdeckten 50 Beobachtungen sind abgedruckt in dessen 
Storia di med. II. App. p. CCXXXII. seq. (und in der bequemeren zweiten 
Ausgabe (Neap. 1860. 8. I. Docunienti, p. XCIX.) — Eine vollständige 
Ausgabe alles bis jetzt Bekannten ist neuerdings von Puccinotti ver- 
anstaltet worden. — Unter Benivieni's Beobachtungen sind hervorzuheben : 
ein Fall von Contrafractur des Schädels, Entfernung eines Blasensteins bei 
einer Frau durch die künstlich erweiterte Harnröhre , ein Fall von Somn- 
ambulismus u. s. w. , treffliche Bemerkungen über Gangraena senilis, 
(c. 71.) — Der gewöhnlich angeführte Fall einer von Benivieni ausge- 
fühi'ten Tracheotomie ist nicht aufzufinden. Vielleicht ist unter demselben 
die cap. 38 erzählte Beobachtung einer Erstickung drohenden Geschwulst 
am Halse (höchst wahrscheinlich ein Retropharyngeal-Abscess) zu ver- 
stehen. 

Eben so zeichnen sich die praktischen Schriften von Ales- 
sandro Benedetti, einem der Vorläufer Vesal's^), durch den 
Charakter unbefangener Beobachtung aus. In seinem Haupt- 
werke^), einem vollständigen Handbuche der Pathologie und 
Therapie, schickt Benedetti seinen Schilderungen stets die ana- 
tomische Beschreibung der betreffenden Theile voraus. Unter 
seinen Beobachtungen, welche auch auf chirurgische Gegenstände 
sich erstrecken, sind die von Gallensteinen, Apoplexie durch 
Compression der Jugular-Venen, hervorzuheben. 



') S. oben S. 26. 

^) S. oben S. 27. Die dort angeführte Ausgabe von Basel, 1539. 4. 
enthält auch die sehr beachtenswerthen Cöllectiones oder Aphorismi, die 
Schrift über die Pest und die Anatomie. 

9* 



132 Dio neuere Zeit. Das sechszehnte Jahrhundert. 

Der Fall einer tödtlichen Blutung nach einer geringen Verletzung der 
Nase findet sich lib. IV. c. 4. — Von Interesse ist, dass Benedetti auch 
der Lithothrypsie als eines zu seiner Zeit hin und wieder geübten Ver- 
fahrens gedenkt: «Aliqui intus sine plaga lapidem conterunt ferreis in- 
strumentis, quod equidem tutum non invenimus [sie]». (Lib. XXII. c. 48.) 

Ferner gehört hierher der gelehrte Giov. Manardo, ein ent- 
schiedener Gegner des Autoritäten-Glaubens und der Astrologie. 

S, oben S. 9. Ausser den a. a. 0. erwähnten Epistolae medieinales 
sind zu nennen : Adnotationes et censurae in medicamina simplicia et com- 
posita Mesue. (In der Baseler Ausgabe der Epistolae.) — Ueber die Auf- 
gabe seiner Zeit äussert Manardo u. A. Folgendes: «Rem, si ullo unquam 
tempore, inprimis nostro saeculo summe necessariam puto , hac in arte 
scribere ea ingenuitate et audacia, ut, veritate prae oculis habita, neque 
auctoritatis neque antiquitatis , propter mille etiam annos , ulla ratio 
habeatur. Ex ignavia enim et nimia in seniores observantia factum esse 
cognosco, cur hactenus non solum nihil arti a nostratibus sit adjectum, 
sed etiam priscorum commentaria sine delectu, velut oracula, suscepta 
sint: licet quandoque ita foeda et barbara, ut intelligi non possint etc.» 

— — «Recte igitur et sibi et aegrotis medici consulent, si quoties va- 
cuandum videtur, lotium magis quam astrum inspicient; et venarum pul- 
sationem potius, quam stellarum observabunt configurationem.» {Epist.Jl. 
ep. 1.) 

Besondere Erwähnung verdienen diejenigen Aerzte dieser 
Periode, welche den zu ihrer Zeit hervortretenden epidemischen 
Krankheiten, namentlich der Lustseuche, der Pest und den pest- 
artigen Seuchen, Beachtung schenkten. Zu den frühesten von 
ihnen gehört Antonio Brassavola aus Ferrara (16. Jan. 1500 
— 6. Juli 1555), der Arzt und Freund Hercules' IL von Este, 
einer der wichtigsten Syphilidographen des sechszehnten Jahr- 
hunderts, zugleich verdient um die Arzneimittellehre, welche er 
auch durch Versuche an Verbrechern zu bereichern suchte. 

Ant. Musa Brasavolus, Examen omnium simplicium, quorum 
usus est in puhlicis officinis. Rom. 1536. f. Lugd. 1537. 8. und öfter. 

— Dazu eine Reihe ähnlicher Schriften über Pillen, Syrupe («Loch et 
Sussuf»), Trochisken und Cathartica. — Den Beinamen Musa gab ihm 
Franz I. von Frankreich nach einer dreitägigen Disputation zu Paris. — 
A. F, Castellanus, De vita Ant. Musae BrasavoU. Commentarius 
Mstorico-medicus ex ipsius operihus erutus. Mantuae, 1768. (pp. 214.) 

— Schon im siebzehnten Jahrhundert wurde Brasavola's Leben sehr aus- 
führlich von Baruffaldi beschrieben. 

Die erste Stelle unter den Epidemiographen des sechszehnten 
Jahrhunderts gebührt dem Veroneser Girolamo Fracastori 
(1483 — 8. Aug. 1553), gleich berühmt als Dichter, Physiker, 
Astronom und Arzt. Seine Schrift de morhis contagiosis^ 



Praktische Medicin. Hippokratiker in Italien: Manardo. Brassavola. Fracastori. 1 QÖ 
Massa. Mondella. Duno. J.<JU 

in welcher sich z. B. die erste sorgfältige Beschreibung des 
exanthematiscben Typhus findet, bezeichnet eine neue Periode 
der Epidemiologie. Am berühmtesten wurde Fracastori durch 
sein Gedicht über die Syphilis. 

Fracastori erhielt schon im 19ten Jahre eine Professur der Logik in 
Padua. Als er dieselbe sieben Jahre später aufgeben musste, weil in Folge 
des Krieges die Hochschule geschlossen wurde, lebte er einige Zeit als 
Lehrer auf der neu gegründeten Universität zu Pordenoue in Friaul, dann 
als Arzt in Verona und auf seiner Villa Incafti. — Hier. Fracastorius, 
Syphilis s. Morbus gallicus. Veron. 1530. 4. und sehr viele spätere Aus- 
gaben. Lips. 1830. 16. ed. Choulant. Italienisch: Bol. 1538. 4. Veron. 
1539. 4. Neap. 1738. 8. Bol. 1765. 8. Verona, 1840. (von T. G. 
Fracastori.) Französisch: 1753. 8. Par. 1870 (?) — De sympatJiia et 
antipathia lih. I. Lugd. 1545. 12. 1550. 12. 1554. 12. — De conta- 
gione et contagiosis morhis eorumque curatione libri IIL Venet. 1546. 4. 
Lugd. 1550. 8. et 16. Ibid. 1554. 16. — Opera omnia philosophica et 
medica. Venet. 1555. 4. 1574. 4. 1584. 4. Lugd. 1591. 8. — Deutsche 
metrische Uebersetzung sämmtlicher poetischer Werke Fracastori's von A. 
Chenneville. Hamb. 1858. 8. (SS. 216.) — F. 0. Mencken, De vita, 
morihus, scriptis meritisque H. Fracastorii commentatio. Lips. 1731. 4. 

— Näheres über Fracastori's epidemiographische Arbeiten in Bd. III. 

Unter den praktischen Schriften von Nicolo Massa, dessen 
bereits unter den vor-Vesal'schen Anatomen gedacht worden ist^), 
genossen ebenfalls die über die Syphilis und über die Pest be- 
sonderes Ansehn. 

Nie. Massa, De tnorbo gallico, in quo onmes modi possibiles sanandi 
continentur. [Venet.] 1532. 8. 1536. 4. (Mit andern Schi-iften über 
dieselbe Krankheit.) — De febre pestilentiali, petechiis, morbillis, variolis 
et aposteniatibus pestilentibus etc. Venet. 1540. 4. 1556. 4. 1563. 4. 

— Epistolae medicinales et physiologicae. Venet. 1542. 4. 1558. 4. — 
De venae sectione et sanguinis missione in febribus ex humorum putredine 
ortis ac in aliis praeter naturam adfectibus. Venet. 1568. 4. 

Werthvolle Beiträge zur Geschichte der Epidemieen ihrer 
Zeit lieferten auch Aloisio Mondella aus Brescia (gest. 1553), 
Professor zu Padua, und Taddeo Duno aus Locarno (1523 — 
1613). Der Letztere studirte zu Basel und Padua, lebte hierauf 
als Arzt in seiner Heimath, dann, nachdem er diese im Jahre 
1555 seines Uebertrittes zur reformirten Kirche wegen verlassen 
musste, in Zürich. 

Aloys. Mundella, Epistolae medicinales. Basil. 1538. 8. 1543. 4. 

— Dialogi medicinales X. Basil. s. a. 4. Tiguri, 1551. 4. — Theatrmn 
Galeni. BasiL 1568. f. Colon. 1587. f. 



*) S. oben S. 26. 



X34 1*16 neuere Zeit. Das sechszehnte Jahrhundert. 

Thaddaeus Dunus, Nova constitutio artis revellendi per venae 

sectionetn lihri III. Tigiiri, s. a. 8. Paris, 1544. 8. Tig. 1570. 8. 
1579. 4. — MiiUebrium morborum omnis generis remedia. Argent. 1565. 
8. — Epistolae medicinales. Tig, 1555. 8. 1592. — De respiratione 
über. Tig. 1588. 8. 

Auch in der zweiten Hälfte des sechszehnten Jahrhunderts 
tritt eine nicht geringe Anzahl italienischer Aerzte durch werth- 
volle epidemiographische Arbeiten hervor. Zu ihnen gehören 
Francesco Valier iola, Arzt zu Valence in der Dauphinee, 
später Prof. zu Turin. — Marcello Donato (gest. um 1600), 
Arzt in Mantua und Geheimschreiber des Fürsten Vincenzo Gon- 
zaga, Verfasser einer Schrift über die Blattern, — Pietro Salio 
Diver so, Arzt zu Faenza, und Girolamo Donzellini aus 
Orzi-nuovi bei Brescia (gest. 1588 in hohem Alter), ein Schüler 
da Monte's und Cesalpini's, Arzt in Brescia, seit 1541 kurze Zeit 
Professor in Padua, dann Arzt in Venedig. Am bekanntesten 
wurde er durch seinen Streit mit Capivaccio und Mercuriali über 
die Entstehung der Pest-Epidemie der Jahre 1575 und 1576 zu 
Venedig. 

Franc. Valier iola, Enarrationum medicinaliwn libri VI, respon- 
sionum Über I. Lugd. 1554. f. Venet. 1558. 8. Lugd. 1589. 8. — 
Locorum communiuni libri III. Venet. 1553. Lugd. 1562. f. 1589. 8. 
1604. 8. und öfter. — . Observationum medicinalium libri VI. Lugd. 
1573. f. 1588. 8. 1609. 8. 

Marcellus Donatus, De variolis. Mant. 1569. 4. 1591. 8. 
1597. 8. — De medica historia mirabili libri VI. Maut. 1586. 4. 
Venet. 1588. 4. 1597. 4. Francof. 1613. 8. — Epistolae medicinales. 
Tig. 1592. 8. 

Petr. Sali US Diversus, De febri pestilenti tractatus etc. Francof. 
1583. 8. Harderovic. 1656. 8. — Opuscula medica. Bouon. 1584. 4. 
Amstel. 1681. 8. — Commentare zu Hippokrates und Avicenna. 

Hier. Donzellinus, Consilia medica und Epistolae medicde, in der 
Sammlung von Scholz, Francof. 1589. f. — Vergl. oben S. 12 u. Bd. III. 

Besonderes Ansehn genossen die praktischen Schriften von 
Ercole Sassonia aus Padua (1550 — 20. Aug. 1607), Prof. 
in Venedig, unter ihnen Abhandlungen über Schwangerschaft und 
Geburt, Syphilis und Weichselzopf. 

Herc. Saxonia, Pantheum medicinae selectum, seu medicinae practi- 
cae templum, cnnnibus fere morborum insultibus commune. Venet. 1603. f. 
— De febrium putridarum signis et symptomatibus , de pulsibus et de 
urinis. Acc. doctrina celeberrima de lue venerea s. morbo gallico. Francof. 
1600. 8. — De hiimani conceptus formationis, motus et partus tempore. 
Bonon. 1596. — De phoe?iigtnorum, quae vulgo vesicatoria appellantur, et 



Praktische Medicin. Hippokratiker in Italien: Yalloriola. Donato. Divsrso. 1S5 
Donzellini. Sassonia. Trincavella. Massari a. Alpini. Settala. Fonseca. 

de theriacae usu in febribus pestilentibus disputatio etc. Patav. 1591. 4. 
1593. 4. — De plica, quam Poloni Gwozdzier, Roxolani Coltunum vocant, 
über. Patav. 1600. 4. 1602. 4. 

Zu den entschiedenen Vertretern der freien Richtung gehört 
sodann Vettere Trincavella aus Venedig (1496 — 1568), ein 
berühmter Kenner des Griechischen, anfangs Professor der Philo- 
sophie in seiner Vaterstadt, dann, seit 1551, Nachfolger da 
Monte's im Lehramte zu Padua. Unter seinen Schriften, von 
denen die meisten erst nach seinem Tode erschienen, ist die 
Sammlung eigener und fremder Beobachtungen hervorzuheben. 

Vict. Trincavella, Consüia medica. Basil. 1586. f. 1587. f. — 
Controversiarum medicmalium practicarum libri V. Francof. 1617. 4. — 
Opera. Lugd. 1586 (?). 1592 (?). Venet. 1599. — TrincaveUa gehörte 
zu den angesehensten und reichsten Praktikern seiner Zeit. Besondere 
Verdienste erwarb er sich in einer Seuche zu Murano bei Venedig. Er war 
der Erste, welcher seinen Vorlesungen den griechischen Text des Hippo- 
krates zu Grunde legte. 

Alessandro Mass aria aus Vicenza (1510 — 1598), Lehrer 
der Anatomie an der «Academia Olympica» seiner Vaterstadt, am 
bekanntesten durch sein Werk über die Pest; — ferner Prospero 
Alp in i wegen seines vielgelesenen, noch im achtzehnten Jahr- 
hundert von Gaub herausgegebenen, Lehrbuches der Prognostik; 
— Ludovico Settala (Septalius) aus Mailand (1552 — 1632), 
Professor zu Pavia und Protomedikus der Lombardei, dessen 
Hauptschrift an eignen, besonders therapeutischen, Erfahrungen 
ungewöhnlich reich ist; — Roderigo a Fonseca aus Lissabon, 
Professor zu Pisa und Padua, hauptsächlich bekannt durch 
Commentare zu mehreren Hippokratischen Schriften, insbesondere 
zu den Apliorismen, und durch seine Consultaüonen. 

Alex. Massaria, Practica medica, seu praelectiones academicae, 
continentes methodum ac rationem cognoscendi et curandi totius humani 
corporis morbos etc. Venet. 1601. f. 1622. f. Francof. 1601. 4. — 
De peste libri II. Venet. 1579. 4. — Dispp. duae, altera de scopis mit- 
tendi sanguinem, altera de purgatione. Venet. 1588. 4. — De morbis 
mulierum praelectiones. Venet. 1600. 8. Lips. 1600. 8. 

Prosp. Alpinus, De mediana Aegyptiorum libri IV. Venet. 1591. 
4. Paris, 1646. 4. Lugd. 1719. 4. Nordling. 1829. 8. — De plantis 
Äegypti über. Venet. 1592. 4. Patav. 1611. 4. 1633. 4. 1640. 4. 
Lugd. 1735. 4. — De medicina methodica libri XIII. Patav. 1611. f. 
L. B. 1719. 4. 1729. 4. — De praesagienda vita et morte aegrotantimn 
libri VIIL Patav. 1601. 4. Venet. 1601. 4. 1705. 4. Francof. 1601. 4. 
1621. 8. L. B. 1710. 4. 1733. 4. (ed. Gaubius.) Hamb. 1734. 4. 

Lud. Septalius, Animadversionum et cautionum medicarum libri IX. 



Ido Die nenere Zeit. Das sechszehnte Jahrhundert. 

Mediol. 1614. 8. u. öfter. — De peste et pestiferis adfectibiis. MedioL 
1622. 4. Argent. 1625. 12. 1629. 12. 1630. 8. Patav. 1628. 8. 1652. 8. 
Dordrecht. 1650. 8. 

Eod. a Fonseca, In se^ytem lihros aphorismorum Hippocraiis com- 
mentaria. Florent. 1591. 4. Venet. 1594. 4. 1596. 4. 1608. 4. 1621. 
4. 1628. 4. Päd. 1678. 4. 1708. 4. — De tuenda valetudine et pro- 
ducenda vita. Flor. 1602. 4. Francof. 1603. 8. (BetriflFt hauptsächlich 
die Pest.) — Consultationes medicae. Venet, 1618. f. 1619. f. 1620. f. 
1622. f. 1628. f. Francof. 1625. 8. — Tractatus de fehrium acu- 
tarum et pestilentium remediis diaeteticis, chirurgicis et pharmaceuticis. 
Venet. 1621. 4. — De calculorum remediis lihri IL Rom. 1650. 8. — 
Morejon, IH. 335. 



Spanien. Portugal. 

365. Kaum^minder glänzend als in Italien erscheint der Zu- 
stand der praktischen Heilkunde in Spanien, damals, unter den 
mächtigsten Herrschern ihrer Zeit, Kaiser Karl Y. und König 
Philipp IL, ein Hauptmittelpunkt der Cultur. Allerdings zeigen 
viele Werke der spanischen Aerzte aus dieser Periode neben 
reicher Erfahrung auch einen, wie es scheint, aus der arabischen 
Zeit überkommenen. Hang zu theoretischen Grübeleien. Nicht 
wenige andere entschädigen dafür durch wichtige Beiträge zur 
Seuchen-Geschichte. 

In dieser Hinsicht ist schon einer der ältesten von diesen 
Aerzten bemerkenswerth : Francisco Lopez aus {Villalobos 
(geb. 1473 oder 1474), Leibarzt Kaiser Karl V. Sein Haupt- 
werk, das Sumario de medicina, ein in 74 zehnzeilige Stan- 
zen gebrachter Auszug von dem Kanon des Avicenna, welches 
Lopez in seinem 24sten Jahre, als Student, verfasste, enthält 
eine der frühesten Beschreibungen der Syphilis. Es ist, wie alle 
Schriften von Lopez, von höchster Seltenheit. 

Franc. Lopez, El sumario de la medicina, con un tratado sdbre las 
pestiferas huuas. Salamanca, 1498. f. (Ein Exemplar im Britischen 
Museum ; drei andre in Spanien.) Congressiones, sive duodecim principio- 
rum über. 1514. Eine Art Einleitung in die Medicin, welcher scherzhafte 
Briefe angehängt sind. (Ebenfalls sehr selten.) — - Giosa in Plinii historiae 
naturalis primum et secundum librutn. Alcala de Henares, 1524. f. (Wird 
selbst von den spanischen medicinischen Bibliographen nicht erwähnt.) 
— Problemas. Zamora, 1543. f. Saragossa, 1544. f. Sevilla, 1550. f. 
Das bekannteste Werk des Verfassers. Es enthält unter Verschiedenem 
auch eine spanische Uebersetzung von dem Ämphitruo des Plautus. — 
Gesammt- Ausgabe: The medical tvorks of Francisco Lopez de Villalobos, 
the celebrated court phijsician of Spain, now first translated by G. G a s- 



Praktische Medicin. Hippokratiker in Spanien: Lopez. Laguna. de Vega. 1 S7 

Valles. Mercado. 

koin. London, 1870. 8. [Churchill,] (pp. VIII. 312.) — Lopez, dessen 
Schriften einen heitern und witzigen Geist offenbaren , gilt noch jetzt in 
Spanien als einer der frühesten und besten Prosaiker. Mehrere seiner 
Schriften sind deshalb in Anthologieen aufgenommen, z. B. in Auribau, 
Bihlioteca de autores esßanoles. Madrid, 1855. 

Andreas a Laguna, Sohn eines Arztes in Segovia (1499 
— 1560), studirte in Salamanea, Paris (um griechisch zu lernen), 
Alcala de Henares und Toledo. Sehr bald hierauf wurde er 
Arzt Kaiser Karl's V., an dessen Hofe er fast sein ganzes Leben 
verbrachte. Laguna, «der spanische Galen», gleich berühmt 
als Arzt, Philosoph und einflussreicher Staatsmann, ist besonders 
bekannt durch seinen grossen Auszug aus Galen ^), seine auf- 
opfernde Thätigkeit bei einer im Jahre 1540 zu Metz herrschen- 
den mörderischen Seuche^) und eine Schrift über Harnröhren- 
Stricturen und deren Behandlung mit Bougies ; eine der ersten 
über diesen Gegenstand. 

Andr. de Laguna, MetJiodus cognoscendi exstirpandique excrescren- 
tes in vesicae collo carunculas. Rom. 1551. 8. Compluti, 1555. 8, Ulissi- 
ponae, 1560. 8. — De arüculari morho commentarins. Cum Luciani 
Tragopodagra. Rom. 1551. 8. 

Cristöbal de Vega aus Alcala und Professor daselbst 
(1510 — um 1580), Kämmerer des Infanten Don Carlos, ist be- 
sonders als einer der besten Uebersetzer Hippokratischer Schriften 
zu nennen. — Noch mehr gilt dies von dem berühmten Fran- 
cisco Valles, einem der angesehensten Hippokratiker seiner 
Zeit^), zugleich einer der frühesten Bearbeiter der pathologischen 
Anatomie. 

Christoph. aVega, Commentaria in librum aphorismorum Hippo- 
cratis. Madrit. 1563. (Höchst selten.) — De arte medendi. Lugd. 1564. 
f. Bemerken swerth ist in dieser Schrift die umständliche Anweisung zum 
Gebrauche der spanischen Weine. — Opera. Lugd. 1576. f. 1587. f. 
Leon. 1586. f. 1626. f. 

Franc. Valesius, Methodus medetidi in quatuor libros divisa. Veuet. 
1589. 8. Madrit. 1614. 8. Lovan. 1647. 8. Par. 1651. 12. — Opera. 
Colon. 1593. f. — In Verbindung mit dem Anatomen Pedro Ximenes 
unternahm Valles anatomische Arbeiten, um die Schrift Galen's de locis 
affectis zu erläutern. — Eine andere häufig gedruckte Schrift desselben: 
De iis quae scripta sunt phijsica in lihris sacris, handelt von den verschie- 
denen Schöpfungs-Theorieen. 

Unter den zahlreichen Schriften des berühmten Luis Mer- 
cado aus Valladolid (1520 — 1606), erster Leibarzt Philipp's IL 

^) S. Bd. I. S. 354. *) S. Bd. III. ^) S. oben S. 16. 



138 Die neuere Zeit. Das sochszehntc Jahrhundert. 

und III., sind die Consultationen hervorzuheben, in denen sich 
z. B. die bekannte Abhandlung über den Garotillo findet. Eine 
seiner wichtigsten Schriften betrifft den Petechialtyphus; andere 
die Gynäkologie, Geburtshülfe und die Kinderkrankheiten. 

Lud. Mercatus, Lihellus de essentia, causis, signis et curatione 
febris malignae, in qua maculae rubentes, pulicum morsihus similes, erum- 
punt per cutem. Pinciae [Valladolid], 1574. 8. Basil. 1594. 8. — De 
communi et pecuUari praesidiorum artis medicae indicatione. Colon. 
1588. 8. — Praxis medica. Venet. 1611. f. — Opera omnia. Pinciae, 
1605—1613. f. 3 voll. Francof. 1608. 1614. 1620. f. Venet. 1609. 
seq. f. 3 voll. — Vergl. Bd. III. 

Zu den hervorragenden spanischen Aerzten dieser Periode 
zählt Morejon ferner Juan Huarte aus San Juan, Verfasser 
einer viel gelesenen, vorzugsweise methodologischen, Schrift; — 
Francesco Diaz, Professor zu Alcala de Henares, Verfasser 
einer seltenen, nach Sprengel's Urtheil vortrefflichen, Schrift über 
die Krankheiten der Nieren, den Blasenstein, dessen Zusammen- 
hang mit der Gicht u. s. w. 

Juan Huarte, Examen de ingeniös para las ciencias etc. Baeza, 
1575. 8. und noch acht spätere Ausgaben. — Morejon, III. 230. 

Francesco Diaz, Tratado nuevamente impresso de todas las enfer- 
midades de los rinones, vexiga, y carnosidades de la verga y urina. 
(3 Bücher.) Madrit. 1588. 4. — Emen Auszug gibt Morejon, III. 223 ff. 

Unter den spanischen Epidemiographen dieses Zeitraums sind 
ferner Onofre Bruguera, Juan Tomas Porcell, Fran- 
cisco Bravo, Arzt in Mexiko, Luis de Toro, vor Allen 
Nicolas Boccangelino, einer der bedeutendsten Pestschrift- 
steller des sechszehnten Jahrhunderts, hervorzuheben^). 

Die bekanntesten portugiesischen Aerzte dieses Zeitraums 
sind zwei jüdische Aerzte, welche zum Christeuthum übertraten, 
später aber zum Glauben ihrer Väter zurückkehrten: Amatus 
und Zacutus Lusitanus. Der Erstere, aus Castel Branco 
bei Beira (als Convertit «Juan Roderigo de Castel Branco) [geb. 
um 1510], ein viel gereister Mann, lehrte auch einige Zeit zu 
Ferrara. Seine erfahrungsreichen Centurien, denen eine auf die 
Pythagoreische Zahlen-Mystik gegründete Darstellung der Krisen- 
lehre zur Einleitung dient, gehörten zu den gelesensten Schriften. 

Amatus Lusitanus, Curatlonum fnedicinalium centuriae VII. 
Plorent. 1551. 8. Basil. 1556. f. Venet. 1557. 8. Barcin. 1628. f. 
Francof. 1686. f. u. öfter. 

*) S. Bd. III. 



Praktische Medicin. Hippokratikor in Spanien u. Portugal : Huarte. Diaz. Bruguera. Porcell.l QO 
Bravo, de Toro. Boccangelino. Amatus und Zacntus Lusitanus. Frankreich: (iallonius. '' 

Weit unbedeutender ist Zacutus Lusitanus (Abraham Zacut) 
aus Lissabon (1575 — 1642), von wo er im Jahre 1625, nach dreissig- 
j ähriger praktischer Thätigkeit, ungeachtet seines Uebertritts zum Christen- 
thume, vertrieben wurde. Er begab sich nach Amsterdam, wo er zum 
Judenthum zurücktrat, aber seines Charakters wegen nicht eben grosses 
An sehn genossen zu haben scheint, so dass man sogar in die Glaubwürdig- 
keit vieler seiner Beobachtungen Zweifel setzte. — Zacutus Lusitanus, 
Praxis medica admiranda. Amstel. 1634. 8. — Ferner gehört Zacutus 
zu den historisch-medicinischen Schriftstellern: De medicorum principum 
historia. Amstel. 1629. f. 1637. f. 4 voll. Opera. Lugd. 1649. f. 
Näheres bei Banga, Geschiedenis van de Geneeskunde in Nederland. 
Leeuwarden, 1868. 8. S. 250 ff. 



Frankreich. Die Niederlande. 

366. Weit geringfügiger als in Italien und Spanien er- 
scheinen die Leistungen auf dem Gebiete der praktischen Medicin, 
welche im sechszehnten Jahrhundert die übrigen Länder von 
Europa aufzuweisen haben. Am wenigsten leisteten die Fran- 
zosen. Der mächtige Einfluss der in conservative Erstarrung 
versunkenen Fakultät von Paris lähmte jede freiere Regung^). 
Es kam hinzu, dass die besten Köpfe entweder der Chirurgie sich 
zuwendeten, welche gerade damals in Frankreich einen glän- 
zenden Aufschwung nahm^) oder ihre Kraft in dem Kampfe 
gegen die Paracelsisten und die Wundärzte vergeudeten. 

Der bedeutendste unter den französischen Bearbeitern der 
praktischen Medicin istGuillaume Baillou (Ballonius) aus 
Paris (1538 — 1616), Professor und königlicher Leibarzt, ein 
Schüler Houllier's, Fernel's und Duret's, Professor in seiner 
Vaterstadt Paris. Seine Beschreibung der Krankheiten der Jahre 
1570 — 1579 ist die erste zusammenhängende Arbeit dieser Art 
seit den Epidemieen des grossen Koers, und zeichnet sich zu- 
gleich, wie alle Schriften Baillou's, durch Klarheit der Dar- 
stellung und elegante Schreibart aus. Sie ist ein würdiger Vor- 
gänger der hundert Jahre später hervortretenden Leistungen des 
englischen Arztes Thomas Sydenham, hinter welchem freilich 
Baillou, in seiner sklavischen Unterwürfigkeit unter die Aucto- 
rität seines griechischen Vorbildes, weit zurücksteht. Weniger 
bekannt sind die hauptsächlich in den Paradigmen Baillou's 
niedergelegten pathologisch-anatomischen Beobachtungen. 



') S. oben S. 117. ^) S. unten § 272. 



140 1*16 neuere Zeit. Das sechszehnte Jahrhundert. 

B a i 1 1 u stand auch durch seine Rechtschafifenheit in hoher Achtung ; 
seine dialektische Gewandtheit verschaffte ihm den Beinamen «üeau des 
bacheliers». — Die von ihm verfassten Schriften wurden erst nach seinem 
Tode von seinen Neffen Le Letier und Thevart herausgegeben. Die 
wichtigsten sind: Consiliorum medicinalium lihri III. Par. 1635. 1636. 
1649. 4. — Definitionum medicinalium Über. Par. 1640. 4. (Erklärung 
der Hippokratischen Terminologie.) — Epidemiorum et ephemeridum 
lihri IL Par. 1640. 4. Französ. mit Einleitung und Anmerkungen von 
Prosper Yvaren. Par. 1858. (pp. 480.) — Commentarius in lihellum 
Theophrasti de vertigine. Par. 1640. 4. — De convulsionibus libelhis, 
Par. 1640. 4. — Liber de rheumatismo et pleuritide dorsali. Par. 1642. 
4. — De virginum et mulierum tnorbis liber. Par. 1643. 4. (Noch von 
Boerhaave sehr geschätzt.) — Opuscula medica de arthritide, de calculo et 
urinarmn hypostasi. Par. 1643. 4. — Paradigmata et historiae mor- 
borum. Par. 1648. 8. — Opera oninia. Paris, 1635. 4. 1640. 4. 
1643. 4. 1649. 4. Venet. 1734. 1735. 1736. 4. Genev. 1762. 4. 
4 voll. — Einen Auszug aus Baillou's Schriften gab Theoph. Bonet heraus : 
Pharos medicorum ; hoc est cautiones , animadversiones et observationes 
practicae ex operibus Guil. Ballonii. Genev. 1668. 12. 

Die lange Reihe trefflicher Praktiker in den Niederlanden 
wird in würdigster Weise durch Rembert Dodoens ofDoo- 
dezoon (Dodonaeus) eröffnet, Leibarzt der Kaiser Maximilian IL 
und Rudolph IL, seit 1582 Professor in Leyden. Dodoens, von 
dessen botanischen Verdiensten schon früher die Rede war^), 
ist einer der frühesten von denjenigen Aerzten, welche die 
Arzneimittellehre im freieren Sinne bearbeiteten; ferner gehört 
er zu den wichtigsten Epidemiographen des sechszehnten Jahr- 
hunderts und zu den Begründern der pathologischen Anatomie. 

ßemb. Dodonaeus, Purgantium aliarumque eo facientium, tum 
et radicum, convohulorum ac deleteriarutn herbarum historia. Antv. 
1574. 8. Mit vielen Holzschnitten. — Historia vitis vinique etc. Item 
medicinalium observationum exempla. Colon. 1581. 8. — Physiologices 
medicinae partes tabulae expeditae. 1581. — Observationum medicinalium 
exempla rara. Colon. 1581. 8. Harderovic. 1584. 4. 1621. 8. Antv. 
1585. 8. Ein Auszug aus Benivieni's Schrift de abditis tnorb. causis. 
(S. oben S. 131.) — Praxis medica. Amstelod. 1616. 8. Von einem Un- 
genannten nach Dodoens' Vorlesungen und hinterlassenen Manuscripten. 
Holländisch mit Anmerkungen von Egberts: Amsterd. 1624. 8. Die 
Scholien Egberts' lat. : Amstel. 1640. 8. — Vergl. Burggraeve, Hist. 
de Vanat. 213 ff. — Broeckx, Hist. de la med. beige, 33 ff. — van 
Meerbeeck, Recherches historiques et critiques sur la vie et les ouvrages 
de Rembert Dodoens. Malines, 1841. 8. (pp. 340.) 

Auch die Schriften von Josse van Lomm aus Buren in 



^) S. oben S. 12. 



Pralctische Medicin. HippokratiVor in Frankreich «nd Holland: Ballonius 141 

Dodonaeus, Loinniius. Forostiis. Lemnius. Heurnius. 

Geldern, Arzt in Tournay und Brüssel, zuletzt Leibarzt Phi- 
lipp's IL, wurden ihres durchaus Hippokratischen Charakters 
wegen noch bis in die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts ge- 
lesen, zumal sie sich, wie die Fernel's, Lomm's Lehrer, und 
viele andre aus dieser Periode des Aufschwunges der Philologie, 
auch durch ihre Schreibart empfahlen. 

Jodocus Lommius, MedicinaUum öbservationum Ubt'i III, qtn'buf! 
notae morhonim omnhmi et praesagia judicio proponnnfur. Antv. 1560. 
1563. 8. Francof. 1643. 8. Jen. 1687. 1709. 1719. 8. 1739. 8. 
Lond. 1718. 8. Amstel. 1715. 8. 1720. 8. 1738. 8. Französ.: TabJeau 
des maladies. Par. 1712. 8. — De euraudis febrihus Über, morbi singnia 
tempora et remedia romplectens. Antv. 1563. 8. Roterod. 1720. 8. Amstel. 
1733. 1745. 8. Engl.: Lond. 1732. 8. — Opera. 1745. 12. 2 Bde. 
Liigd. 1761. 12. 3 voll. — Commentaria de sanitate tuenda in Ubr. I. C 
Celsi. Lovan. 1558. 8. Lugd. Bat. 1724. 8. u. öfter. 

Zu den mit Recht angesehensten Werken gehörten noch 
lange Zeit die umfangreichen Beobachtungen von Peter 
Foreest (Forest us) aus einer ärztlichen Familie zu Alkmaar 
(1522 — 1597), nach Beendigung seiner Studien (zu Löwen, Bo- 
logna, Rom und Paris) Arzt zu Pluviers in Frankreich, Delft, 
Leyden und in seiner Vaterstadt. Foreest's Hauptverdienst be- 
steht darin, dass er nicht, wie die meisten seiner Vorgänger, 
darauf ausgeht, seltsame und unerhörte Fälle vorzubringen, 
sondern dass er auch den alltäglichsten Vorkommnissen eine 
sorgfältige Untersuchung widmet. Auch bei ihm finden sich 
zahlreiche und werthvolle epidemiographische Beiträge. 

Fat. Forest US, De incerto et faJJaci urinartim judicio. L. B. 1586. 
8. 1589. 8. 1593. 8. — ObservationHm et curationum. medicinalium 
lihri XXXIL Lngd. Bat. 1593-1606. 8. Rothomagi, 1614. 1653. f. 
Francof. 1623. 1660. 1661. f. — Vergl. die ausführliche Darstellung 
bei Banga, a. a. 0. (S. oben S. 139) 87 ff. 

Von geringerer Bedeutung ist Ludwig Lemmens (Lem- 
nius) aus Zirikzee (1505 — 1568), Arzt in seiner Vaterstadt, nach 
dem Tode seiner Frau Canonicus daselbst. Lemmens zeigt sich 
als ein klassisch gebildeter, aber auch in der Bibel und den 
Kirchenvätern wohl bewanderter Mann. In seiner Hauptschrift: 
de occultis naturae miraciilis, widmet er der Hygieine 
und Diätetik besondere Rücksicht; allerdings fehlt es auch bei 
ihm, wie bei vielen der freidenkendsten Männer seiner Zeit, 
nicht an Abergläubischem. — Als Verfasser epidemiographischer 
Arbeiten sind ferner zu nennen: Job. Heurn (Heurnius) aus 
Utrecht (25. Jan. 1543 — 1601), Professor zu Leyden, dessen 



\4:2i l'ie neuere Zeit. Das sechszehnte Jahrhundert. 

Schrift über die Pest zu den gelesensten gehörte-, — Job. van 
den Kasteele (Castricus), Stadtarzt zu Antwerpen, Ver- 
fasser einer der wichtigsten Schriften über den englischen 
Schweiss des Jahres 1529; — Cornelis Gemma aus Löwen 
(1534 — 1579), der Sohn des mit Vesalius befreundeten Philo- 
sophen Rein er US Gemma^), ein gleichfalls für die Epidemio- 
graphie seiner Zeit nicht unwichtiger Arzt. 

Lud. Lemnius, De occuUis naturae miraculis. Antverp. 1559. 12. 
Vollständiger: Antv. 1564. 12. und öfter. Französisch: Paris, 1567. 
Deutsch: Leipz. 1575. 4. 

Joh. Heurnius, Praxis medicinae nova ratio. L. B. 1587. 4. und 
öfter. — Institutiones medicinae. Hanov. 1593. 8. u. öfter. — De peste. 
L. B. 1600. 4. — Opera. L. B. 1608. 4. Antv. 1609. 4. etc. — Vergl. 
Burmann, Trajecümi eruditum. Traj. 1738. 4. — Siegenbeck, Ge- 
schiedenis der Leidsche hoogeschool. Leyd. 1829. 8. 11. 66. 

In Betreff der Schrift von Castricus über den englischen Schweiss 
vergl. Broeckx, Notice sur Jean van den Kasteele. Anvers, 1849. 8. 
und Bd. m. 

Corn. Gemma, Cosmocritice, s. de divinis naturae characterismis. 
Antverp. 1575. 8. 



Dentschland. 

367. Unter den deutschen Aerzten des sechszehnten Jahr- 
hunderts, welche sich durch Veröffentlichung ihrer Erfahrungen 
in Handbüchern , Briefen und Consilien hervorthaten , nimmt 
Crato von Krafftheim aus Breslau die erste Stelle ein. 
Seine Consilia enthalten viele interessante Beobachtungen, und 
seine zahlreichen, auch wegen ihres Styls («dictio Cratoniana») 
berühmten Briefe sind für die Geschichte der damaligen Zeit 
nicht unwichtig. — Ferner gehörte Crato, obschon er den Werth 
der spagyrischen Arzneien zu würdigen wusste, zu den ent- 
schiedenen Gegnern des Paracelsismus. 

Joh. Crato von Krafftheim (ursprünglich Krafft) [geb. 20. 
oder 22. November 1519, gest. 19. oder 24. October 1586], widmete sich 
Anfangs zu Wittenberg, wo er sechs Jahre lang der Schüler Luther's 
(dessen Tischreden er herausgab) und Melanchthon's war, der Theologie, 
dann auf den Rath Luther's der Medicin. Er beendigte seine Studien zu 
Leipzig und Padua, wo er da Monte's Freundschaft gewann, dessen Con- 
silia er später herausgab. Zu Augsburg sodann , auf der Heimreise , im 
Jahre 1550, kam der damals 31jährige, durch Schönheit ausgezeichnete 

*) S. oben S. 30. 



Praktische Medicin. Hippokiatiker in Hollaud: Castricus. Gemma. 143 

Deutschland : Crato. Schonck. 

Crato, jedenfalls auf da Monte's Empfehlung, in eine folgenreiche Verbin- 
dung mit dem Hofe Kaiser Karl's V. — Nach Breslau zurückgekehrt, er- 
hielt er die Stelle des zweiten Stadtarztes, und erwarb sich als solcher, 
unterstützt von der einflussreichen Familie Rhediger, um die Einrichtung 
der Apotheken, besonders aber durch seine aufopfernde Thätigkeit während 
der Pest des Jahres 1553, grosse Verdienste. Indess erweckten Zwistig- 
keiten mit den Aerzteu von Breslau, zum Theil hervorgerufen durch seine 
lebhafte Betheiligung an den kirchlichen Bewegungen, in Crato den 
Wunsch, Breslau zu verlassen. Nachdem er seit dem Jahre 1560 wieder- 
holt zu dem kranken Kaiser Ferdinand I. gerufen worden war, erfolgte im 
Jahre 1563 seine Anstellung als kaiserlicher Leibarzt. Nach dem durch 
Phthisis herbeigeführten Tode des Kaisers lebte Crato einige Zeit in 
Breslau , folgte aber dann von neuem dem Rufe an den Hof Kaiser Maxi- 
milian's (dem er sehr ähnlich war), hauptsächlich in der Absicht, das 
Interesse des Protestantismus zu vertreten. Er wurde zum Comes pala- 
tinus ernannt, und genoss in jeder Beziehung des grössten Ansehns, ohne 
sich auf die Dauer befriedigt zu fühlen. Er hatte mit den Intriguen des 
Hofes, mit der Eifersucht des zweiten Leibarztes, Dodoens (S. ob. S. 140), 
sogar mit der Concurrenz von Quacksalbern zu kämpfen; wiederholt be- 
klagt er den Freunden gegenüber sein «glänzendes Elend» («splendida 
miseria»). Nachdem der Kaiser (im Jahre 15 75) seinem Leiden, dem 
Blasenstein , erlegen war, zog sich Crato von neuem zurück, um im Jahre 
1578 bei Rudolph II., Maximilian's Nachfolger, seine frühere Stellung 
einzunehmen. Körperliche Leiden nöthigten ihn im Jahre 1582, dieselbe 
zu verlassen ; er begab sich auf sein Landgut Rückers bei Reinerz, im Jahre 
1583 nach Breslau. Hier verlor er im Jahre 1585 seine Gattin durch die 
Pest; er selbst starb im October desselben Jahres am Stickfluss. 

Joh. Crato a Krafftheim, Consiliorum et epistolarum medicinalmm 
libri VIL Francof. 1589. f. 1591—1611. 8. 1595. f. 1671. 8. — 
Methodus therapeutica ex sententüs Galeni et J. B. Montani. Francof. s.a. 8. 
1608. 8. — Isagoge medicinae. Hanov. 1595. 8. u. a. m. — Die Breslauer 
Stadt-Bibliothek besitzt die überaus umfängliche handschriftliche Sammlung 
der an Crato von seinen Zeitgenossen (unter Andern von Donzellini, Mercu- 
riali, Winther von Andernach, Guarinoni, de Oddi's, Mattioli, Clusius, 
Zwinger, Casp. Peucer, Sambucus, Aurifaber) gerichteten Briefe, von 
denen mehrere auch für die Geschichte der Pest von Interesse sind, z. B. 
die von Mercuriali (Pest zu Padua, 1577), von Guarinoni (Pest zu Prag, 
1585), von Clusius (Pest zu Paris). — Crato's Leben beschrieb Matt h. 
Dresser. Lips. 1587. 4. — Henschel. Bresl. 1853. 4. — J. F. A. 
G i 1 1 e t , Crato von Kraftheim und seine Freunde. Ein Beitrag zur 
Kirchengeschichte. Frankf. a. M. 1860. 8. 2 Bde. — H. Beer, Worte 
der Erinnerung an Crato von Kraftheini u. s. w. Wien, 1862. 4. (Bei- 
lage zur österr. Zeitschrift für praktische Heilkunde, 1862.) 

Nächst Crato ist Joh. Schenck von Grafenberg aus 
Freiburg im Breisgau (20. oder 21. Juni 1530—12. Nov. 1598), 
Stadtarzt in seinem Geburtsorte, einer der angesehensten Aerzte 
seiner Zeit, zu nennen. In seinen berühmten Ohservationes 
stellte er die wichtigsten seit Hippokrates veröffentlichten Be- 



\4t4: r*'6 neuere Zeit. Das sechszelmte Jahrlumrlert. 

obachtungen über die Krankbeiten der einzelnen Körpertbeile 
zusammen, und fügte ibnen die seiner Freunde und viele eigene 
binzu, wobei er bauptsäcblicb der patbologiseben Anatomie seine 
Aufmerksamkeit widmete. — Gleicben Ansebns genoss der ge- 
lebrte und erfahrene Job. Lange aus Löwenberg in Scblesien, 
Arzt der Pfälzischen Kurfürsten Ludwig V., Friedrieb IL (den er 
auf weiten Reisen durch ganz Europa begleitete), Otto-Heinrich 
und Friedrich IIL^). — Thomas Jordauus (1540— 12. Febr. 
1585) aus Klausenburg in Siebenbürgen, ein Günstling Crato's, 
machte sich besonders bekannt durch seine Beschreibung der in 
Ungarn im Feldzuge gegen die Türken herrschenden Lagerfieber 
des Jahres 1566, noch mehr später (als Physikus zu Iglau in 
Mähren) durch seine Schrift über eine bedeutende Ausbreitung 
der Syphilis, welche zu Brunn durch Schröpfköpfe herbeigeführt 
wurde. 

Job. Schenck a Grafenberg, Observationum medicarum ra- 
rarum, novarum, admirabiliuni et monstrosarum volumen. Basil. 1584. 
8. Friburg. 1594. 8. 1595. 8. 1604. 8. Francof. 1602. 8. 1608. 8. 
1609. f. 1665. f. Lugd. 1644. f. 

Job. Lange, Epistolarum medicinalium lihri III. Bas. 1554. 4. 
Hanov. 1605. 8. und Öfter. — Opera. Lips. 1704. f. 

Thom. Jordanus, Pestis phaenomena, seu de iis, quae circa fehreni 
pestilentem apparent, exercitatio. Francof. 1576. 8. — Brunno-Gallicus, 
s. Ulis novae in Moravia exortae descriptio. Francof. 1580. 8. 1583. 8. 

— Nach J.'s Tode erschien: De aquis medicatis Moraviae commentarius. 
Francof. 1586. 

Weniger bedeutend sind Reiner us Solenander aus Breslau 
(1521 — 1596), Leibarzt des Herzogs von Cleve, und Diomedes Cor- 
narus, zweiter Sohn des Janus Cornarus (S. oben S. 17), Professor zu 
Wien und Leibarzt Maximilian's IL Reiner us Solenander, Con- 
siliorum medicinalium sectiones V. Francof. 1596. f. Hanov. 1609. f. 

— Diomed. Cornarus, Consiliorum medicinalium hahitorum in con- 
sultationihus a clarissimis medicis tractatis Über. {Observationes medicae; 
historiae admirandae.) Lips. 1595. 4. 1599. 4. 

Unter den Schweizerischen Aerzten dieser Periode ist der 
schon oben unter den Anatomen angeführte Felix Platter 
zu Basel hervorzuheben 2). Er gehört zu den Aerzten, bei denen 
das Bestreben einer anatomischen Begründung der Pathologie 
hervortritt. Eben so bemerkenswerth ist er wegen des Ver- 
suchs einer nosologischen Classification, und wegen seiner Ver- 
dienste um die Psychiatrie. Unter seinen BeobacJitungen beziehen 

*) S. oben S. 17. ») S. oben S. 56. 



Praktische Medicin. Hippokratiker. Schenck. Lange. Jordanus. Platter. 14^ 
Die Chirurgie. "^ " 

sich gegen hundert auf Seelenstörungen. Er suchte ihnen durch 
eine den Ursachen entsprechende, vorzüglich psychische, Be- 
handlungs weise zu begegnen, und erklärte sich gegen die all- 
gemein üblichen Zwangsmassregeln, die Einsperrung der Irren 
u. s. w. 

Platter theilt die Krankheiten in Störungen der Functionen (der Sinne, 
der Bewegung), Schmerzen, Fieber (als allgemeine Störungen der Empfin- 
dung), Vitia (deformitates, discolorationes), Geschwülste (extuberantiae), 
Defoedationes (Elephantiasis, Syphilis etc.), Consumptiones , Vitia excre- 
torum. 

Fei. Pia t er US, De febribus. Francof. 1597. 8. — Praxeos medicae 
opus. Basil. 1602-1608.8. 3 voll. 1609. 8. 2 voll. 1625-1656.4. 
1666. 4. 1736. 4. — Observationes in hominis affectibus plerisqiie, cor- 
porl et animo etc. libri HI. Bas. 1614. 8. 1641. 8. 1680. 8. — Consilia 
medica. Francof. 1617. 4. 



Die Chirurgie im sechszehnten Jahrhundert. 

368. Die Umgestaltung, welche gleich allen übrigen Wissen- 
schaften im sechszehnten Jahrhundert auch die Heilkunde erfuhr, 
tritt besonders frühzeitig und deutlich auf dem Gebiete der 
Chirurgie hervor. Hier am wenigsten hatten der Galenismus und 
Arabismus Wurzel gefasst-, vor der blinden Unterwürfigkeit unter 
die Auctorität waren die Wundärzte schon durch ihre Ungelehrt- 
heit bewahrt geblieben. Es ist offenbar, dass gerade ihnen am 
meisten die freiere Bewegung zu Statten kam. 

Eine der wichtigsten Ursachen des Aufschwungs der Chirurgen 
war die ansehnliche Verbesserung ihrer socialen Stellung. Wir 
haben gesehen, wie gut sie von jeher verstanden, durch festes 
Zusammenhalten in geschlossenen Corporationen, durch prakti- 
sche Tüchtigkeit und Lebensklugheit auch in nicht ärztlichen 
Dingen Einfluss zu gewinnen^). In Paris, welches Jahrhunderte 
lang auch in dieser Beziehung den Ton angab, hatten die Mit- 
glieder des College de St. Come in den unaufhörlichen Fehden 
mit der Fakultät wenig Lorbeeren geerntet. Die Frucht des 
Haders fiel auch diesmal einem Dritten in den Schooss; tödt- 
licher Hass gegen ihre Nebenbuhler führte die Fakultät in die 
Arme der Barbiere. Nach kurzer Zeit war der «scholasticus 
facultatis», der «Barbier -Chirurg», im legitimen Besitze eines 
grossen Theils der wundärztlichen Praxis. 



') S. Bd. I. S. 763 ff. 

Haeser, Gesch. d. Med. II. in 



146 Die neuere Zeit. Das sechszehnte Jahrhundert, 

Die Vereinigung der Chirurgie mit dem Barbier-Gewerbe wurde voll- 
ständig unter Heinrich IV. im Jahre 1592. «L'estat de maitre barbier et 
Chirurgien s'estend non seulement sur le faict des barbes et cheveux, mais 
a la Chirurgie en theorie et pratique, en anatomie du corps humain, et ä 
panser et ä medicamenter apostumes et plaies, ulcöres, fractures, dislo- 
cations, cognoissance des simples, composition de medicaments et autres 
choses concernant la santö.» 

Unter Ludwig XIII., nach der Erfindung der — Perücken, 
kam es so weit, dass auch die Haarkräusler und demnächst 
die — Hutmacher auf die Privilegien der Barbiere Anspruch 
erhoben! Inzwischen blieben auch die Mitglieder des College 
de St. Come nicht unthätig. Im Jahre 1545 erhielten sie das 
Recht, Licentiaten der Chirurgie zu creiren; bald darauf traten 
sie in ein näheres Verhältniss zur Fakultät; im Jahre 1655 kam 
es sogar zu einer Vereinigung derselben mit den Barbieren, die 
aber nur bis 1699 Stand hielt. 

Aber auch da, wo eine scharfe Grenze zwischen Wundärzten 
und Bartscheerern nicht bestand, gelangten die «Chirurgen» zu 
immer höherer Geltung. Fest begründet zumal standen sie in 
dem Vertrauen des geringen Mannes. Höchlichst kam ihnen zu 
Statten, dass sie, gar nicht zu reden von ihrer Hülfe bei schweren 
Wunden und sonstigen Verletzungen, gerade in den bedrängte- 
sten Zeitläuften als treue und unerschrockne Helfer sich be- 
währten. Wenn in grossen Seuchen die Aerzte entflohen oder 
zaghaft jede Berührung des Kranken vermieden, da stand dem 
Armen als einziger Rettungs-Anker der «Pest-Barbier» zur Seite. 

Am wichtigsten wurde für das Heraufkommen der Wund- 
ärzte die Syphilis. Seit langer Zeit waren sie fast ausschliess- 
lich im Besitze der in jenen Zeiten sehr bedeutenden dermato- 
logischen Praxis, besonders der Behandlung des Aussatzes. Nicht 
minder bildeten die Erkrankungen der Genitalien von jeher ein 
Hauptfeld ihrer Thätigkeit. Es konnte nicht fehlen, dass die 
Mehrzahl der Syphilitischen sich den Chirurgen gleichfalls an- 
vertraute, um so mehr, als die neue Krankheit unter den nie- 
deren Volksklassen am häufigsten vorkam, dass damit das Ein- 
kommen der Wundärzte, ihr Ansehn, ihre Ansprüche sich mächtig 
steigerten. War es ein Wunder, dass zuletzt die vornehmen 
Chirurgen sich vorzugsweise mit der Behandlung der Lustseuche 
beschäftigten, und die Operationen den geringen Wundärzten 
überliessen? Nicht wenig kam ihnen ferner zu Statten, dass 
Herkunft und Bildungsgang ihnen leicht machten, Stellungen 
einzunehmen, welche für die vornehmen Mitglieder der Fakultät 



Die Chirurgie. Sociale Stellung der Wundärzte. 147 

unmöglich waren. Am Hofe zu Paris hatte kaum Jemand grös- 
seren Einfluss, als der erste Wundarzt des Königs, welcher zu- 
gleich als Barbier und Kammerdiener der Majestät fungirte, 
neben welchem ausserdem Chirurgen aller Grade in grosser Zahl 
angestellt waren: Oculisten, Zahnärzte, Einrenker luxirter Glieder 
(«renoueurs»), ja (noch im Jahre 1786) zwei Lithotomen, je 
für den kleinen und grossen Apparat, Fussärzte («Pedicures») 
u. s. w.^). 

Später noch als in Frankreich befreite sich die Chirurgie 
von ihren alten Genossen, den Barbieren, in England. In London 
waren die letzteren bis zum Jahre 1800 Mitglieder des College 
of surgeons; noch bis auf diesen Tag dauert in England die 
alte Scheidung der Aerzte in «Physicians» und «xSurgeons» fort^), 

Aehnlich in Deutschland. Mehr als irgendwo war hier die 
Chirurgie mit dem Bader-Gewerk verschmolzen. Noch unter den 
Brandenburgischen Kurfürsten durften in Berlin nur Mitglieder 
der Barbier-Gilde Operationen verrichten. Das Recht, den ersten 
Verband anzulegen, hatte nur der Kurfürstliche Leib-Chirurgus, 

J. Beer, Deutsche Klinik^ 1868. No. 2. — Genaue Bestimmungen 
über die Befugnisse der Wundärzte und Barbiere, die (sehr hohe) Honorar- 
Taxe u. s. w. enthält die Medicinal-Ordnung von Frankfurt a. M. aus dem 
Jahre 1549. Stricker, Die Geschichte der Heilkunde in der Stadt 
Frankfurt a. M. u. s. w. Frankf. 1847. 8. S. 32 ff. 

Auch in Holland lag die Chirurgie («heelkunde») noch lange 
Zeit fast ganz in den Händen der Barbiere. Dasselbe war in 
Dänemark der Fall. 

Vergl. das Statut für die Wundärzte zu Kopenhagen vom Jahre 1577 
bei Rigels {De fatis chirurgiae etc. p. 359), wo unter Anderm auch eine 
vierjährige Wanderzeit vorgeschrieben wird. 

Wissenschaftlich gebildete Wundärzte finden sich bis über 
die Mitte des sechszehnten Jahrhunderts hinaus fast nur in 
Italien, wo seit den Zeiten der Schulen von Salerno und Bologna*) 
ein bedeutender Schatz chirurgischer Erfahrung sich von Ge- 
schlecht zu Geschlecht forterbte, und wo neben Wundärzten 
niederer Ordnung, wandernden Specialisten und Empirikern, 
hervorragende, den ganzen Umfang der Heilkunde umfassende 
Aerzte auch die Chirurgie ausübten und lehrten. Hier bestanden 
schon früh an fast allen Universitäten besondere Lehrstühle für 



^) Tholozan, Gaz. med. de Paris, 1856. No. 31. 35. 42. 
*) Vergl. Bd. I. S. 766. *) S. Bd. I. S. 752 fF. 

10* 



148 iJie neuere Zeit. Das sechszehnte Jahrhundert. 

die Chirurgie, in der Regel vereinigt mit denen der Anatomie; 
eine Verbindung, welche bis auf die neueste Zeit jedem dieser 
Fächer die grösste Förderung gebracht hat. In Italien erschienen 
deshalb auch die frühesten Sammlungen der bedeutendsten 
chirurgischen Schriften der älteren Zeit. 

Hierher gehört die von einem Ungenannten zu Ende des löten Jahr- 
hunderts verfasste Sammlung chirurgischer Schriften des Mittelalters, 
später Collectio chirurgica Veneta genannt. Die späteren Ausgaben dieser 
Sammlung enthalten die chirurgischen Schriften von Guy von Chauliac, 
Brunus, Theodoricus, Lanfrancus, Rogerius, Bertapalia, Guilelmus de 
Saliceto und einigen Andern. Vergl. Choulant, Bücherkunde, 416. — 
Aehnliche Sammlungen veranstalteten später Vidus Vidius, Conrad Gesner 
und Uffenbach. — Vid. Vidius, Chirurgia e Graeco in latinum con- 
versa. Par. 1544. f. (Selten.) — Conr. Gesner, De chirurgia scriptores 
optimi. Tiguri, 1555. f. — P. Uffenbach, Thesaurus chirurgiae. 
Francof. 1610. f. 



Italien. 

269. Die Mehrzahl der angesehenen italienischen Wundärzte 
des sechszehnten Jahrhunderts ging aus Rom und Bologna hervor; 
aber es hat geringe Bedeutung, sie deshalb in eine Römische 
und eine Bologneser Schule zu trennen. 

Die erste Stelle unter denselben nimmt der schon unter den 
Anatomen dieser Periode erwähnte Alessandro Benedetti 
ein ^), namentlich wegen seiner Abhandlung über die Luxationen, 
und der zuerst wieder bei ihm sich findenden Erwähnung der 
schon den Byzantinern bekannten Lithothrypsie^). — Nicht 
wenige chirurgische Krankheitsfälle enthält auch die gleichfalls 
schon erwähnte Sammlung Antonio Beni vieni's^). 

Der älteste von denjenigen Italienern, welche die Chirurgie 
in besonderen Werken abhandelten, ist Giovanni Vigo (geb. 
um 1460, gest. um 1520), Sohn des namentlich als Lithotom 
berühmten Wundarztes Baptista, aus Rapallo im Genuesischen, 
welcher sich längere Zeit am Hofe Ludovico's I. und II. zu 
Saluzzo aufhielt. Vigo selbst lebte zuerst als Arzt zu Saluzzo und 
Savona, seit dem Jahre 1503 im Dienste des Cardinais Giuliano 
della Rovere in Rom (später Papst Julius IL). Seiner eignen 
Angabe zufolge beendigte er sein Hauptwerk im Jahre 1514. 
Binnen dreissig Jahren erschienen einundzwanzig Ausgaben und 



') S. oben S. 26. ^) S. Bd. I. S. 509. ») S. oben S. 130. 



- Die Chirurgie. Italien. Benedetti. Benivleni. Vigo. 149 

Uebersetzungen. Diesen Erfolg verdankte es seiner Vollstän- 
digkeit, der Ausführlichkeit und Klarheit seiner Darstellung, 
und der überall sich kund gebenden reichen Erfahrung des Ver- 
fassers. Grossen Antheil an der Verbreitung des Werkes hatte 
gewiss auch der Umstand, dass es, wie Vigo selbst zu rühmen 
nicht unterlässt, die erste Abhandlung über Schusswunden ent- 
hält, und dass er wahrscheinlich als Urheber der Lehre von der 
giftigen Natur, wenigstens mancher Schusswunden, zu gelten hat. 
Vigo unterscheidet nämlich je nach dem Vorwiegen der mecha- 
nischen Wirkung des Geschosses, der vermeintlichen Hitze der 
Kugel, und des Giftes des Pulvers, gequetschte, verbrannte und 
vergiftete Wunden. Die letzteren sind die wichtigsten. Die 
beiden erstgenannten Rücksichten erfordern den Gebrauch er- 
weichender, die letzte austrocknende Mittel: das Glüheisen, 
heisses Oel, ägyptische Salbe. 

Das betreffende Kapitel der Practica (III. c. 3.) ist überschrieben: De 
culnere facto ab instrumento , quod bombarda nuncupatur , et omnibus 
instrumentis currentibus, eorum cursu. 

Mit besonderer Sorgfalt und Umsicht handelt Vigo von den 
Verletzungen des Schädels, unter denen er auch der Fractur 
der inneren Lamelle in Folge von Schuss-Contusionen gedenkt. 
— Im Uebrigen erhebt er sich nur wenig über die Bildungsstufe 
der Wundärzte seiner Zeit. Die Hauptrolle in seiner Therapie 
spielen Salben und Pflaster, von denen das seinen Namen füh- 
rende Merkurial - Pflaster sich bis auf unsre Zeit erhalten hat. 
Blutige Operationen werden, abgesehen von der Amputation 
(HL c. 4.), Trepanation (H. c. 19.) und dem Steinschnitt, nur 
wenige erwähnt. Die Amputation kommt nur als letztes Zufluchts- 
mittel beim Brande zur Anwendung, wird im Todten ausgeführt, 
der Stumpf mit dem Glüheisen cauterisirt. Vor dem inneren 
Gebrauche der Opiate bei schmerzhaften Eingriffen wird gewarnt. 

Das neunte Buch enthält ein Kapitel über die Entfernung überzähliger 
Finger, welche im Gelenke abgeschnitten werden ; die Operations -Wunde 
wird mit heissem Oele cauterisirt. Ebendaselbst spricht Vigo von der 
Behandlung der durch Abhauen der Hand oder des Fusses bestraften Ver- 
brecher («de cura manus incisae in hominibus propter mala facinora»), 
bei welcher er das Glüheisen, «welches einige unerfahrene Wundärzte der 
römischen Curie anwenden», wegen der oft dadurch entstehenden gefähr- 
lichen Zufälle durchaus verwirft. 

Ein kürzeres Handbuch, die Chirurgia compendiosa, schrieb 
Vigo im Jahre 1517. 



150 I*io neuere Zeit. Das sechszehnte Jahrhundert. 

Job. de Vigo, Practica in chirurgia. Copiosa. *Rom. 1514. f. Lugd. 
1516. 4. 1516. 8. *1518. 4. 1519. 8. 1528. 4. 1532. 8. 1534. 8. 
1588. 8. *1561. 8. — Die von Haller {Bihl chir. II. 597) nach Trewius 
genannten Ausgaben: Rom. 1511. 4. 1512. f. 1513. 8. können, 
wenn sie existiren, nur unvollständig seyn. — Franz. : Lyon, 1525. 8. 
1587. 8. Par. 1530. f. — Italienisch häufig, z. B. 1540. *Venet. 1588. 

4. *1647. 4. — Catalonisch: Perpignan, 1627. — Deutsch: Nürnberg, 
1677. 4. — Chirurgia compendiosa. Venet. 1520. f. und mit mehreren, 
besonders Lyoner Ausgaben und Uebersetzungen des grösseren Werkes, z. B. 
Opera J. de Vigo in chirurgia. *Lugd.l525. 8. *1530. 8. *1540. 42. 8. 

— Nach Malgaigne schrieb Vigo die Chirurgia compendiosa aus Eifersucht 
über ein ähnliches Werk seines Schülers Mariano Santo. Malgaigne, 
Oeuvres de Pare, I. 175 ff. — Vigo's Biographie in: Mojon, Ritratti 
ed elogi di Liguri illustri. Genova, 1830. 8. — Den Namen Vigo erhielt 
unser Wundarzt angeblich deshalb, weil er als Kind seinen Vornamen 
Ludovico so aussprach. 

Eine Stelle der Practica hat man auf die Acupressur bezogen: «Modus 
ligationis aliquando efficitur intromittendo acum sub vena, desuper filum 
stringendo». Es scheint nicht, dass von etwas Anderm die Rede ist, als 
von der Ligatur in der Continuität des Gefässes. 

Aus den Schriften von Angiolo Bolognini (zuerst Vene- 
tianischer Schiffsarzt in Epidaurus, von 1508 — 1517 Professor 
in Bologna) ist hervorzuheben, dass er bei der Behandlung der 
Geschwüre auf ein geeignetes diätetisches Verhalten grosses 
Gewicht legte, und Fisteln in blutige Flächen zu verwandeln 
empfahl. 

Angelus Bologninus, De cura uicerum exteriorum. *Venet. 1506. 

— De unguentis, quae communis habet usus practicantium hodiernus in 
solutae continuitatis medela über. — Beide Schriften zusammen: Bonon. 
1514. f. 1516. f. Papiae, 1516. f. Bonon. 1525. 4. Venet. 1535. 8. 
Mit einigen andern Schriftstellern über die Syphilis: *Basil. 1536. 4. und 
in den Sammlungen von Gesner und üffenbach. — Malgaigne, a. a. 0. 
L 182 seq. 

Wichtiger ist Berengar von Carpi, welcher in seiner 
vortrefflichen Schrift über Schädelverletzungen auch von Schuss- 
wunden handelt. Ausserdem ist er durch zwei von ihm aus- 
geführte Exstirpationen des vorgefallenen Uterus sowie als 
Syphilidolog bekannt. 

Berengarius Carpensis, Tractatus de fractura calvariae s. 
cranii. Bonon. 1518. 4. Venet. 1535. 4. *L. B. 1629. 8. 1651. 8. 
1715. 8. [«Liber experimentis utique dives». Haller.] S. oben S. 25. — 
Die Leydener Ausgabe von 1629 besorgte H. Conring als Student (S. ob. 

5. 114), ohne sich zu nennen. 

Mariano Santo (1489 bis nach 1550) aus Barletta im 
Neapolitanischen, Vigo's Schüler, verbrachte den grössten Theil 



Die Chirurgie. Italien. Vigo. Bolognlni. Berengar von Carpi. 151 

Mariano Santo. Biondo. Maggi. 

seines Lebens auf Reisen. Das von ihm gleichzeitig mit der 
Practica seines Lehrers (im Jahre 1514) herausgegebene Com- 
pendhim enthält ausser der Beschreibung des bis dahin geheim 
gehaltenen Steinschnittes mit der grossen Geräthschaft^) wenig 
Eigenes. Mariano ist ein entschiedener Anhänger der Trepa- 
nation und der Ligatur. 

Marianus Sanctus de Barletta (s. Barolitanus), Compen- 
dium in chirurgia. (Rom.?) 1514. — Zusammen mit Vigo's Practica: 
Lugd. 1531. 8. 1538. 8. Venet. 1543. 4. 1610. 4. 1647. 4. — 
Italienisch: Venez. 1560. 8. und in Gessner's Coli. — Super textu Avi- 
cennne de calvariae curatione dilticida interpretatio. *Rom. 1526. 8. — 
De lapide renum liher, et de lapicle ex vesica per incisionem extrahendo. 
Venet. 1535. 8. Par. 1540. 4. — Libellus quidditativus de modo exami- 
nandi medicos et chirurgos. — De ardore urinae et difficiätate urinandi 
libellus. Venet. 1558. 8. — Malgaigne, Oeuvres de Pare. I. S. CLXXXIX. 
— IL 488. Buisson, Gaz. med. de Paris. 1855. p. 689. 

Mich. Ang. Biondo aus Venedig (1497—1565) ist bemer- 
kenswerth wegen seiner begeisterten Empfehlung des Wassers, 
besonders des warmen, bei der Behandlung frischer Wunden. 
Ausserdem ertheilt Biondo noch dem «Oleum abietinum» [Ter- 
penthin-Oel] als Wundmittel die grössten Lobsprüche. 

M i c h. A u g. B 1 n d u s , De partibus ictu sectis citissime sanandis et 
medicamento aquae nuper invento. Idem in plurimoriim. opinionem de ori- 
gine morbi gallici deque ligni indici ancipiti proprietate. Venet. 1542. 8. 
und bei Gesner und üflfenbach. — Ausserdem verfasste Biondo : De cani- 
bus et venatione libellus. *liom. 1544. 4. — De cognitione hominis per 
aspectum. *Rom. 1544. 4. 

«Aquam simplicem peritissimi medicorum, in quantum nonnulli medi- 
camen sectarum partium dicunt, odio habent, adeo, ut vix ea utantur in 
detergendis sordibus. Ego autem mirificum opus aquae perspiciens in 
sectis partibus non possum non mirari virtutem ejus supercelestem». 

Besondere Wichtigkeit haben mehrere italienische Wundärzte 
aus der Mitte des sechszehnten Jahrhunderts wegen der von 
ihnen verfassten Schriften über eine der wichtigsten der da- 
maligen Tagesfragen: die Schusswunden, vornämlich über die 
von den Einen behauptete, von den Andern geleugnete, giftige 
Beschaffenheit derselben. 

Die älteste dieser Schriften ist die von Bartolommeo 
Maggi aus Bologna (geb. im August 1516, gest. 7. April 1552), 
Professor in Bologna, vielleicht eine Zeit lang Arzt Papst Ju- 
lius' III. (1550 — 1555); eine Stelle, welche er wegen des ihm 



*) S. unten § 276. 



152 ßie neuere Zeit. Das sechszehnte Jahrhundert. 

unzuträglichen Klima's von Rom jedenfalls nur kurze Zeit be- 
kleidete. 

Barthol. Maggi, De vulnerum a bombardarum et sdopetorum glo- 
buUs iUatorum et de eoruni symptomatiim curatione tractatus, in quo num- 
quid hujusmodi vulnera cauterio aut veneno infecta sint disputatur etc. 
Bonon. 1552. 4. Venet. 1566. 8. (mit den betr. Schriften von Per ri, 
Rota und Botallo.) — Collect, chir. Tigur. Venet. et Uffenhach. — 
Die herkömmliche Annahme, Maggi sey im Jahre 1477 geboren, beruht 
darauf, dass man auf seinem Grabsteine statt vixit annos XXXV las: 
LXXV. Vergl. Medici, a. a. 0. S. 64 und die Anmerkung am Schlüsse 
seines Werks. 

Das Werk Maggi's erschien im Jahre 1552, bald nach dem 
frühzeitigen Tode des Verfassers. Den wesentlichen Inhalt des- 
selben gibt bereits der Titel zu erkennen. Es gründet sich 
hauptsächlich auf Beobachtungen, welche Maggi im Dienste der 
päpstlichen Armee unter dem Fürsten Job. Bapt. da Monte, dem 
Bruder des Papstes Julius III., bei der im Jahre 1551 Statt finden- 
den Belagerung von Parma und Mirandola machte^). — Maggi er- 
klärt mit der grössten Bestimmtheit, dass die Schussverletzungen 
weder als verbrannte noch als vergiftete gelten können, und 
dass die vermeintlich durch die Hitze der Kugel und das Gift 
des Pulvers bewirkten Eigenthümlichkeiten derselben lediglich 
auf mechanische Weise entstehen. 

Das Nähere S. unten § 275. — Es wird sich zeigen, dass der Ruhm, 
zuerst die Meinung von der giftigen Natur der Schusswunden widerlegt 
zu haben, Parö gebührt. Damit ist nicht ausgeschlossen, dass Maggi 
schon vor dem Jahre 1551 der von Pare vertheidigten Ansicht huldigte, 
dass er sehr möglicher Weise identisch ist mit dem Italiener «Bartolom- 
meo», von welchem der Spanier Daza Chaconim Jahre 1544 über die 
nicht-giftige Natur der Schusswunden belehrt wurde. S. unten S. 156. 

Die von Maggi vorgetragenen Lehren stiessen sehr bald auf 
lebhaften Widerspruch. In demselben Jahre, in welchem das 
Werk desselben erschien, veröffentlichte Alfonso Ferri aus 
Neapel oder Faenza (geb. um 1500), Leibarzt Papst Paul's III., 
ohne, wie es scheint, von der, vielleicht noch nicht erschienenen, 
Schrift Maggi's Kenntniss zu haben, eine im Uebrigen von reicher 
Erfahrung und praktischer Tüchtigkeit zeugende Abhandlung, 
in welcher er die Schusswunden aufs entschiedenste als ver- 
brannte und vergiftete schildert, und demgemäss behandelt. Das 
von ihm erfundene und nach ihm genannte «Alphonsinum», eine 
Art dreieckiger, runder, an den inneren Enden der Branchen 



^) Vorwort und S. 5* der Ausgabe Venet. 1566. 8. 



Die Chirurgie. Italien, Maggi. Ferri. Rota. Botallo. 153 

gezähnter Schieberpincette, erlangte grosse Verbreitung. Ferri 
ist zugleich der einzige von diesen Schriftstellern, welcher der 
(in der Regel sofort tödtlichen) Verletzungen durch grobes Ge- 
schütz («muscetae, colubrinae» etc.) Erwähnung thut («de majo- 
rum bellicorum fulminum contusionibus»). Er gedenkt ferner der 
Luft-Streifschtisse, deren tödtliche Wirkung er gleichfalls von der 
giftigen Beschaffenheit des den Verletzten treffenden «Spiritus» 
ableitet*^). 

Alph. Ferri US, De ligni sancti muUiplici medicina et vini exhi- 
hitione libri IV. Basil. 1538. 8. Paris, 1542. 8. Patav. 1558. f. Lugd. 
1728. f. [in Luisinus' Äphrodisiacus.'] — De sclopetorum sive arcJiibu- 
sorum vulnerihus libri tres ; coroUarlum de sclopeti ac similium tormen- 
torum pulvere; de caruncula sive callo, qiiae cervici vesicae innascitur^ 
opusculum. Rom. 1552. 4. Lugd. 1553. 4. In der Collectiv- Ausgabe : 
Venet. 1566. 8. Auch in Gesner's Collectio und Uffenbach's Thesaurus. 
- Vergl. Bd. III. 

Eben so entschieden trat im Jahre 1555 gegen die Lehren 
Maggi's (ohne denselben zu nennen) Giov. Francesco Rota 
in die Schranken. Rota hatte seine Beobachtungenj wie Maggi, 
als Arzt der päpstlichen Truppen bei der Belagerung von Parma 
und Mirandola angestellt, und es ist anzuerkennen, dass er seine 
Meinung mit Geschick, obschon mit überaus lästiger Weit- 
schweifigkeit, vertheidigt. 

Giov. Franc. Rota, De bellicorum tormentorum vulneribus eorum- 
que curatione. Abgedruckt in der erwähnten Collectiv- Ausgabe: Venet. 
1566. 8. Die an Octavio Farnese, Herzog von Parma und Piacenza, ge- 
richtete Widmung ist erfüllt von den unmässigsten Schmeicheleien. 

Die bedeutendste aller dieser Schriften ist die im Jahre 1560 
erschienene von Leonardo Botallo^). Sie ist vorzüglich 
gegen Vigo und Ferri, die hauptsächlichsten Vertheidiger der 
vergifteten Beschaffenheit der Schusswunden, gerichtet. Ausser- 
dem verwirft Botallo die bis dahin gebräuchlichen Kugelzieher, 
auch das Alphonsinum, die er durch zweckmässigere, mit sehr 
kurzen Handgriffen, ersetzen will. Im speciellen Theile des 
Werkes werden die Schuss -Verletzungen des Schädels, des 
Thorax, des Unterleibes und der Extremitäten in erschöpfender 
Vollständigkeit abgehandelt. 

Leon. Botallus, De cur andis vulneribus sclopetorum über. Lugd. 
1560. 8. und öfter. — Auch in der Collectio chir. Veneta von 1566, und 
in der mehrerwähnten Sammel- Ausgabe. Vergl. unten § 275. 



^) Ferri, 1. c. p. 245»- ') S. oben S. 65. 



154: Die neuere Zeit. Das sechszehnte Jahrhundert. 

Zu diesen Wundärzten gesellen sich ferner drei der hervor- 
ragendsten Zergliederer des sechszehnten Jahrhunderts : V e s a- 
lius, Falloppio und Ingrassia. Der Anatom von Brüssel 
freilich kann, ungeachtet seines grossen Werkes über die Chi- 
rurgie, bei dessen Abfassung er hauptsächlich die Absicht hatte, 
die letztere wieder mit den übrigen Zweigen der praktischen 
Heilkunde zu vereinigen, kaum als Wundarzt gelten; er selbst 
erzählt, dass er die im Felde vorkommenden Operationen seinem 
Freunde Castellanus überliess. 

S. oben S. 39. — Hervorzuheben sind in dem Werke Vesal's die Ab- 
schnitte von den Kopf -Verletzungen und von der Amputation, welche, 
ohne den Kranken zu narkotisiren, mit glühenden Messern vorgenommen 
werden soll, um dem Fortschreiten des Brandes u. s. w. und den Blutungen 
vorzubeugen, während im üebrigen der Gebrauch des Glüheisens sehr ein- 
geschränkt wird. 

Falloppio und Ingrassia behandelten vorzugsweise die Lehre 
von den Geschwülsten. Der Erstere nimmt auch durch seine 
Leistungen in der Chirurgie (in welcher Brassavola sein Lehrer 
war^), einen bedeutenden Rang ein. Es muss genügen, darauf 
hinzuweisen, dass auch er den Gebrauch des Glüheisens auf die 
seltensten Fälle beschränkte. 

«Si aliis praesidiis sanguinem reprimere non valemus, tunc ad ustio- 
nem solemus devenire, sed hoc raro, imo rarissime». Opera, IL 20. 

Gabr. Falloppius, Libelli duo, alter de ulceribus, alter de tumo- 
rihiis praeter naturam, Venet. 1563. 4. und öfter. — Auch indessen 
Opp. Francof. 1584. f. 

Job. Phil. Ingrassia, De tumorihus praeter naturam. Tom, I. 
Neap. 1553. ff. Zunächst Commentar zum Avicenna. Unvollendet. 

Zu den bedeutenderen italienischen Chirurgen des sechszehnten 
Jahrhunderts gehört Giov. Andrea della Croce (a Cruce, 
Cruceus), Wundarzt zu Venedig, dessen Werk ein gutes Bild 
von dem Zustande des Faches zu jener Zeit liefert, und be- 
sonders wegen der Abbildungen aller bis dahin gebräuchlichen 
Instrumente von Interesse ist. — Ferner behandelten mehrere 
italienische Chirurgen in der zweiten Hälfte des sechszehnten 
Jahrhunderts in selbständigen Schriften die Lehre von den Kopf- 
wunden. Hierher gehören Giov. Batt. Carcano Leone, 
dessen noch im achtzehnten Jahrhundert Ant. Scarpa mit der 
grössten Hochachtung gedenkt; Pietro Martire Trono, Fietro 
Passaro u. m. A. 

«) S. oben S. 132. 



Die Chirurgie. Italien. Vesalins. Falloppio. Ingrassia. della Croce. 155 

Spanien. Gutierrez. Fragoso. Alcazar. Arceo. 

Job. Andr. a Cruce, Chirurgiae lihri VII. Venet. 1573. f. 1596. f. 
— Deutsch von P. Ufienbach: Officina aurea u. s. w. Fraukf. 1607. — 
Gr. B. Carcano Leone, De vulneribus capitis Über absolutissimus. Mediol. 
capitis Wbri IV. 1584. — G. P. Passaro, i)e causis mortis in vulne- 
1583. 4. — S. oben S. 55. — P. M. Trono, De ulceribus et vulneribus 
ribus capitis etc. 1590. 

Eine Erwähnung verdient auch das vs^enig bekannte Werk des Wund- 
arztes Dur ante Scacchi aus Preci in Calabrieu: Subsidium medi- 
cinae etc. (S. Bd. I. S. 787.) Es handelt in vier Büchern von den Krank- 
heiten der Augen, der Blase und den betreffenden Operationen, von «schweren 
Krankheiten», von Geschwülsten, Geschwüren, Wunden, Fracturen und 
Luxationen. — Endlich gehört zu den namhaften italienischen Chirurgen 
des sechszehnten Jahrhunderts der gleichfalls bereits (Bd. I. S. 838) er- 
wähnte zu Florenz lebende Jude Abraham aus Mantua. 



Spanien. 

270. Eine hohe aber bisher wenig beachtete Blüthe zeigt 
während des sechszehnten Jahrhunderts auch die spanische Chi- 
rurgie. Viele für Wundärzte bestimmte Werke erschienen dort 
gleichfalls in der Landessprache, z. B. die selbst in Spanien 
sehr seltene, durch Klarheit ausgezeichnete Schrift über den 
Steinschnitt von Juan Gutierrez, und das umfassende Werk 
von Juan Fragoso aus Lissabon (um 1560), Wundarzt Phi- 
lipp's IL — Wichtiger ist Andreas Alcazar aus Guadalajara, 
Professor zu Salamanca (um 1570), in dessen chirurgischem 
Werke besonders die Kopfwunden und die Trepanation sehr 
sorgfältig abgehandelt sind. 

Die Schrift von Gutierrez erschien in Sevilla, 1545. 4. — Juan 
Fragoso, Cirujia universal ahora nuevaniente anadida, con todas las 
dificuUades y cuestiones pertenecientes ä las materias de que trata etc. 
Madrit. 1601. f. und öfter. — Einen Auszug gibt Morejon, a. a. 0. III. 
152 ff. Das. auch die übrigen Schriften. Unter diesen ist hervorzuheben die 
lateinische Uebersetzung eines Werkes von Fragoso über exotische Pflanzen : 
Äromatum, fructuum et simplicium medicamentorum ex India utraque 
Mstoria. Lat. ed. Isr. Spachius. Argent. 1600. 8. 

Andreas Alcazar, Libri sex, in quibus multa antiquorum et re- 
centiorum suböbscura loca hactenus non declarata interpretantur. Salman- 
ticae, 1575. f. — De vulneribus capitis. Ibid. 1582. f. — Morejon, III. 
213 ff. 

Die berühmtesten spanischen Chirurgen dieses Zeitraums sind 
Arceo und Da9a Chacon. — Francisco Arceo (de Arce, 
Arcaeus) aus Fregenal (geb. 1493, gest. um 1574), erhielt 
seine praktische Bildung in der mit dem Kloster Guadalupe 



156 Die neuere Zeit. Das aochszelinto Jahrhundert. 

verbundenen Lehranstalt, und genoss bis in sein hohes Alter als 
Operateur des grössten Ansehns. Seine Verdienste bestanden 
hauptsächlich in einer einfacheren Behandlungsweise der Wunden, 
und in Beschränkung des Instrumenten - Apparats ; am bekann- 
testen wurde sein Name durch den von ihm herrührenden Balsam. 

Fr. A r c a e u s , De recta vulnerum curandorum ratione et aliis ejus 
artis praeceptis lihri IL Ejusdem De fehrium curandarum ratione. Antv. 
1574. 8. *Amstelod. 1658. 12. Englisch: 1588. 4. Deutsch: Nürnb. 
1614. 8. *1674. 8. 1717. 8. HoUändisch: Eoremonde, 1667. 8. — 
Morejon, III. 174 ff. 

Dionisio Da^a Chacon aus Valladolid (wahrscheinlich 
1510 — 1596), erwarb seine Ausbildung durch die Kriegszüge in 
Spanien, Afrika, den Niederlanden und Deutschland, als Arzt 
von Karl V., Philipp IL, Don Carlos und Don Juan d'Austria. 
Sein grosses Werk erschien erst dreizehn Jahre nach seinem Tode, 
lateinisch und spanisch. Er tritt in demselben unter Anderm 
für die nicht giftige Natur der Schusswunden in die Schranken, 
indem er hinzufügt, dass er diese Ansicht einem italienischen 
Wundarzte «Bartolommeo» verdanke, den er im Jahre 1544 
kennen gelernt habe^). 

Dionisio Da^a Chacon, Tratado de practica tj teorica de cirujia 
en romance y en latin. Valladolid, 1600. f. 1605. f. [Wilson.] 1609. f. 
Madrit. 1618. Valencia, 1650. f. (pp. 900.) [Wilson.] Madrit. 1678. f. 
Näheres bei Morejon, III. 276. — Ch. Wilson, Dionisio Daga Chacon. 
Edinh. med. Journal. 1857. April. S. 865 — 894. (Auszug in Cannstatt's 
Jahresbericht, 1857. II. 8.) — Da^a erwähnt unter Anderm die Kopfver- 
letzung, welche sich der Infant Don Carlos durch einen Sturz zuzog. Er 
war unter den Aerzten, welche vergeblich zu verhindern suchten, dass ein 
Neger zu Hülfe gerufen wurde, dessen Salben die Sache verschlimmerten. 
Ausführlich schildert Daya die täglich von der ganzen Fakultät gehaltenen 
Consilien, denen der König selbst häufig präsidirte. Als endlich der Prinz 
genas, schrieben die Priester dies dem heiligen Diego zu, dessen Leichnam 
neben das Bett des Kranken gelegt worden war. — Von Interesse ist auch 
die Erzählung Da9a's von der letzten Krankheit des Prinzen Don Juan 
d'Austria. Derselbe starb an Verblutung, vier Stunden nach der Operation 
grosser Hämorrhoidalknoten. — Ferner lesen wir bei Da^a, dass die Aerzte 
des Königs und der Königin den Puls der Majestäten nur in knieender 
Stellung untersuchen durften! 

In die letzte Periode des sechszehnten Jahrhunderts fällt Bartolomö 
de Aguero (1531 — 1597), Professor zu Sevilla, ein entschiedener Ver- 
theidiger der unmittelbaren Vereinigung der Wunden, welchen deshalb 
Fragoso (S. oben S. 155) in einer besondern Schrift angriff. Aguero 



^) S. oben S. 152. 



Die Chirurgie. Spanien. Dafa Chacon. Aguero. — Deutschland. 157 

erreichte bei frischen Wunden durch Abhaltung der Luft, austrocknende 
und conghitinirende Mittel, die besten Erfolge. — Avisos de cirurgia. 
Sevilla, 1584. — Tesoro de verdadera cirtcßa y via particular contra la 
comun. Hispal. 1604, f. Später, im Jahre 1616, nahm Magati die 
Priorität dieser Verbesserung in Anspruch, und erregte dadurch einen 
Federkrieg mit Daniel Sennert. 



Deutschland. 

371. Diesem rühmlichen Aufschwünge gegenüber offenbart 
die Chirurgie in unserm Vaterlande noch lange den alten hand- 
werksmässigen Zustand. Gewiss galt für die Mehrzahl der 
deutschen Wundärzte, was Job. Lange^) in der Mitte des sechs- 
zehnten Jahrhunderts berichtet: 

«At nostri saeculi chirurgici, quum semel vitulum aut porcellum 
lanium exenterare viderint, totius anatomiae imperiti, non verentur in- 
eflfabili quadam tyrannide in corpora hominum urendo et secando grassari; 
quod cum in aliis morbis, tum maxime in curanda vulnerum phlegmone 
eorum imperitiam videre licet.» U. a. m. a. St. Lange, Epist. med. 
lib. L epist. 3. 4. 6. 8. 36. 82. 

Unzweifelhaft erhoben sich nur wenige deutsche Wundärzte 
über die Bildungsstufe des wackern Heinrich von Pfolspeundt, 
welcher uns als Vertreter der deutschen Chirurgie während des 
fünfzehnten Jahrhunderts bekannt geworden ist^). 

Noch deutlicher als aus den Klagen gebildeter und wohl- 
denkender Aerzte geht der traurige Zustand, welchen die deutsche 
Chirurgie zu Anfang des sechszehnten Jahrhunderts darbot, aus 
einer Anzahl von Lehrbüchern hervor, deren Form und Inhalt 
einen sichern, aber beschämenden Maassstab für den Bildungs- 
grad und die Fassungskraft der grossen Mehrzahl der deutschen 
Wundärzte jener Zeit darbieten. 

Als Beispiele dieser zahlreichen und anscheinend sehr verbreiteten 
Schriften dienen zwei Erzeugnisse der Strassburger Presse : G-regoriiis 
Flügauss (auch Fleugaus), Von chirurgischen Experimenten und 
Salben. Die Schrift findet sich als Anhang der zuerst im Jahre 1518 ge- 
druckten deutschen Uebersetzung des Lanfranchi von Otto Brunfels. 
(S. ob. S. 9 u. Bd. L S. 768.) — Ganz desselben Schlages ist Joh. C ba- 
re tanus, Wundartzney. *Strassburg, 1530. 4. [Bibl. Wolfenbüttel.] 
1536. 4. — Das Gleiche gilt von der sehr verbreiteten Grossen und 
Kleinen Chirurgie, welche Walther Hermann Eyff(Rei ff), Wund- 



*) S. oben S. 17 u. 144. '') S. Bd. I. S. 788 ff. 



158 I*'6 neuere Zeit. Das sechszehnte Jahrhundert. 

arzfc ZU Strassburg, ein unsteter Plagiator, verfasste (die Kleine Chirurgie 
z. B. Strassb. 1542. 4., die Grosse Chirurgie das. 1545. f.); nicht minder 
von einer bisher unbekannten Schrift , welche durch den Namen ihres an- 
geblichen Urhebers Interesse erregen könnte, wenn derselbe offenbar nicht 
blos als Aushängeschild für das übrigens höchst unbedeutende Machwerk 
diente: '"Ein New Wundartzney M. Johanns von Parisiis. Wie 

man alle Wunden, sie seyn gestochen heylen soll u. s. w. Franck- 

furt am Mayn, 1552. 4. (23 Blätter.) Zwei andere Ausgaben besitzt die 
Univ.-Bibl. Breslau. Die eine, welcher in dem vorliegenden Exemplare 
das Titelblatt fehlt, ist vom Jahre 1549. 4. und enthält einige kleine 
anatomische Holzschnitte ; die andere führt den Titel : Eyn netv Wund- 
artznei M. Johans von Parisiis. Strassburg [Cammerlander], s. a. 4. und 
enthält einen Lassmann, einen Wundenmann und dergl. — Vergl. Bd. I. 
S. 788 und die Nachträge zu Ende des gegenwärtigen Bandes. 

Dennoch sind auch in Deutschland seit dem Ende des fünf- 
zehnten Jahrhunderts die Anfänge eines besseren Zustandes un- 
verkennbar. Eine ruhmvolle Stelle gebührt in dieser Hinsicht 
mehreren Wundärzten aus Strassburg. Hier erzeugte die Nähe 
von Frankreich und Italien auch auf geistigem Gebiete einen 
überaus lebhaften Verkehr, welcher sich namentlich in einer 
grossen, freilich, wie die eben besprochenen Beispiele zeigen, 
nicht immer wählerischen, Rührigkeit der Presse kund gab. 

Zu den Strassburger Wundärzten gehört wahrscheinlich auch Hans 
von Dockenburg, von dessen glücklicher Kur des Königs Matthias 
Corvinus von Ungarn Brunschwig erzählt. Der König war in den Arm 
durch einen Pfeil verwundet worden, dessen eiserne Spitze nicht aufzufinden 
war. Er verhiess öffentlich Dem, der ihn heilen würde, grosse Belohnung. 
Hans von Dockenburg unternahm es, den König herzustellen. Er bedeckte 
die Wunde mit einer Salbe aus Bolus, Essig und Kampher, durch welche 
Eiterung entstand, und entfernte dann den Pfeil durch einen geringfügigen 
Hautschnitt ohne Zange. Zur Belohnung erhob ihn der König in den 
Eittcr- und Grafen - Stand. Brunschwig, Chirurgie, Tract. H. (S. 
XXXIVA der Ausgabe von 1508.) 

Als der Führer dieser Strassburger Wundärzte erscheint der 
ehrenfeste Hieronymus Brunschwig, ein vielgereister, in 
Bologna, Padua und Paris gebildeter Mann. Seine in vorge- 
rücktem Alter verfasste, zuerst im Jahre 1497 erschienene, 
Chirurgie war bis vor Kurzem, vor der Entdeckung des um 
37 Jahre früher verfassten Werkes Heinrich's von Pfolspeundt, 
die älteste bekannte Schrift eines deutschen Wundarztes. 

Die Chirurgie Brunschwig's ist in neun Ausgaben vorhanden. Fünf 
derselben erschienen im Jahre 1497, von denen aber nur die erste mit 
Sicherheit als von Brunschwig selbst veranstaltet zu betrachten ist. Die 
zweite wenigstens bezeichnet Bnmschwig selbst in der ersten Ausgabe des 



Die Chirurgie. Deutschland. Brunschwig. 159 

unten unter b) genannten DesUllirbuches als Nachdruck. — 1. Erste Ori- 
ginal-Ausgabe: Dis ist das hticJi der Ci \ rurgia Hantwirck \ der wund- 
artzny von Hyeronimo brunschwig. Strassb. [Job, Grüninger], 1497. f. 
(Dinstag nach St. Peter und Paul.) — 2. (Nachdruck) Strassb. 1497. f. Auf 
dem Titel steht statt Cirurgia «cirrurgia» , statt wundartzny «nmndartz- 
neij». — 3. Strassb. 1497. f. Titel: Hantwirckung n. s. w., sonst wie No. 1. 
Im üebrigen scheint diese Edition mehrfach mit No. 2 identisch, während 
sie in Betreff der Holzschnitte Vieles mit der vierten gemein hat, welche 
wahrscheinlich ebenfalls als Nachdruck gelten muss. — 4. Augsburg [Hans 
Schönsperger] 1497. f. (December.) [Bibl. der med.-chir. Akad. zu Dresden ; 
Üniv.-Bibl. Leipzig.] — 5. Augsburg [Alexander Weyssenhorn], 1497. 4. 
[Senckenberg'sches Museum in Frankf. a. M.] — Im 16ten Jahrhundert 
erschienen noch vier Ausgaben, von denen die beiden Strassburger (No. 6. 
und 7.) Original-Ausgaben sind. — 6. *s. 1. [Job. Grüninger], 1508. f. 
[Bibl. des Dr. Davidson in Breslau.] Titel: Das buch der tvund \ Ärtzemj. 
HandwircTcung der Cirurgia von Hieronymo brunschwick. Nüiv getruckt 
mit or endlicher zusatzung. Der Titel-Holzschnitt zeigt einen jugendlichen 
Professor mit zwei Schülern vor einem Manne, dessen Unterleib geöffnet 
ist, und an dessen Körper Keulen, Pfeile und Schwerter (an der Hand 
auch ein Messer, zur Andeutung der betreffenden Strafe) die verschiedenen 
Arten der Verwundungen versinnlichen. — 7. *Strassb. 1513. f. [Univ.- 
Bibl. Breslau.] — 8. *Augsburg, 1534. 4. [Bibl. Jena.] Erschien nach 
Brunschwig's Tode. — 9. *Augsburg, 1539. 4. [Üniv.-Bibl. Breslau.] 

In den Text aller Ausgaben sind zahlreiche, meist Blatt -grosse, Holz- 
schnitte mit Abbildungen von Kranken, Instrumenten und Operationen 
eingeschaltet, welche oft, häufig ohne Bezug auf die abgehandelten Gegen- 
stände, wiederkehren. In den meisten Ausgaben findet sich auch die Ab- 
bildung eines Skelets. — Von der Chirurgie werden auch zwei englische 
Uebersetzungen angeführt , eine: London, 1525. f., die zweite: South- 
wark, 1525. f. Letztere enthält angeblich auch das DestiUirluch. (S. 
unten.) — Eine bisher unbekannte böhmische Uebersetzung der Chirurgie 
(ohne Abbildungen) erschien: *Holomücy [Olmütz], 1559. 16. [Univ.- 
Bibliothek Breslau.] 

Aussei'dem verfasste Brunschwig noch folgende Schriften: a) Liber 
pestilentialis de venenis ejndemie. Das Buch der vergiß der pestilenz, das 
da genannt ist der gemein sterbent der Trüsen Blatren von Hieronimo 
Brunsivig. *Strassb. 1500. f. (36 Blätter in gothischer Schrift.) Eine, 
ausser der Erwähnung der Syphilis , von der sich in der Chirurgie nichts 
findet, kein besonderes Interesse darbietende Volksschrift. — Vergl. Fuchs, 
Die ältesten Schriftsteller über die Lustseuche in Deutschland. Gott. 1843. 
8. S. 313 ff. 

b. und 0. Zwei «Destillirbüchery>, ein kleineres und ein grösseres. 
b) Liber de arte destillandi de simplicibus. Das buch der rechten kunst zu, 
distiliren die eintzigen ding [Simplicia]. Strassb. 1500. f. — c) Liber de 
arte Distillandi de Compositis. Das buch der waren kunst zu distilliren 
die Composita und simplicia^ vnd das buch thesaurus pauperum, Ein schätz 
der armen genant Micarium u. s. w. Strassb. 1512. f. Mit zahlreichen 
Abbildungen von chemischen Geräthen und von Pflanzen. — Die unter b) 
und c) genannten Destillirbücher, besonders das erstere, finden sich in sehr 



160 Die neuere Zeit. Das sechszehnte Jahrhundert. 

vielen Auflagen. Mehreren ist eine theilweise deutsche Uebersetzung von 
der Schrift des Marsilius Ficinus, de trvplici vita, nämlich der Ab- 
schnitte de vita sana et longa, beigefügt. (Vei'gl. Bd. I. 820.) In späteren 
Ausgaben wurden beide Destillirbücher verschmolzen, einzelne Abschnitte 
(z. B. die Haus- Apotheke) erschienen gesondert u. s. w. — Für die Ge- 
schichte der Holzschneide-Kunst und für die Kenntniss der Tracht und der 
Sitten im Anfange des 16ten Jahrhunderts sind die Abbildungen in den 
Schriften Brunschwig's nicht unwichtig. — Vergl. das Nähere bei Chou- 
lant, Graphische Incunabeln. Leipz. 1858. 8. S. 75 fi". 

Die ungefähre Lebenszeit Brunschwig's (der sich selbst auch Brun- 
schwick, Brunsvig u. s.w., «des Geschlechts von Saulern [Salern]» nennt) 
ergibt sich daraus, dass er selbst von seinen im Jahre 1468 gemachten 
Beobachtungen spricht, und in der Ausgabe der Chirurgie vom Jahre 1534 
«weiland Wundarzt» genannt wird. Hiernach würde er um das Jahr 1450 
geboren und gegen 1534 gestorben seyn. Die irgendwo vorkommende 
Angabe, Brunschwig sey 110 Jahre alt geworden, scheint darauf zu be- 
ruhen, dass er in dem Vorwort zu Marsilius Ficinus vom langen Leben 
diesem jene lauge Lebensdauer beilegt. — Eine Familie Brunschwig fand 
sich in Strassburg noch vor mehreren Jahren. — Vergl. Möhsen, Bei- 
träge zur Geschichte der Wissenschaften in der Mark Brandenburg. Berl. 
und Leipz. 1783. 4. S. 204 ff. 

Die Chirurgie Brunschwig's ist das Werk eines schlichten 
und ungelehrten, aber mit den wichtigsten Schriften der Griechen 
und Araber bekannten, an eigener Erfahrung reichen Wundarztes. 
Als die am meisten von ihm benutzten Aerzte bezeichnet Brun- 
schwig «Rasis» und «meinen lieben Vatter Ypocras». 

Auf das Vorwort , in welchem der wackere Brunschwig das Unheil 
beklagt, welches «von jungen angehenden Meistern der Scherer und Wund- 
ärzte , die sich unterstehen dessen , das sie nicht gelernt haben, — in 
Städten , Märkten und Dörfern , die fern von den grossen Städten liegen, 
und sich beheifen mit deuselbigen , die diese Kunst nie gesehen noch 
getrieben haben», angerichtet wird, folgt die Anatomie (14 Seiten in der 
Ausgabe von 1508), die Schilderung der Eigenschaften des Wundarztes, 
die Lehre von den Wunden im Allgemeinen (Prognostik, Behandlung, In- 
strumente, Blutstillung), die Lehre vom «Gliedwasser», Pfeil- und Schuss- 
wunden, vergiftete Wunden, Diätetik der Verwundeten, Hierauf folgen 
die einzelnen Verwundungen a capite ad calcem (bei denen des Gesichts 
auch die Operation der Hasenscharte), — Contusionen, Hülfsleistung bei 
Ertrunkenen, Erhängten, «Geräderten» und «Gedumelten» [durch die 
Daumenschraube Gefolterten], — Einbalsamiren, Amputation; — «so ein 
Mensch Schlangen und Wurm im Leib hat, die von ihm zu bringen», 
(Beschreibung und Abbildung der ungeheuerlichen Procedur müssen im 
Originale nachgesehen werden). Hierauf folgt die Lehr# von den Knochen- 
brüchen. Bei krumm geheilten Fracturen wird das Glied quer auf zwei 
Holzstücke gelegt, und die betreffende Stelle durch einen Fusstritt des 
Arztes wieder gebrochen; Knickungen («Faltungen») des Knochens ohne 
Bruch, an den Kinnbacken, den Rippen, bei Kindern auch an den Armen 



I 



Die Chirurgie. Peutschlaud. Brunschwig. 161 

und Schenkeln, — Luxationen. Den Schluss bildet die Anweisung zur Be- 
reitung der Salben, Oele, Tränke u. s. w. 

Das Werk Brunschwig's beschränkt sich hiernach, wie auch 
schon sein Titel andeutet, im Wesentlichen auf die dem Be- 
reiche des Wundarztes im engeren Sinne zufallenden Gegen- 
stände: Wunden, Blutungen, Fracturen und Luxationen, Von 
eigentlich operativer Chirurgie, z. B. Steinschnitt, Herniotomie, Ex- 
stirpation von Geschwülsten, Aneurysmen und dergleichen, kommt 
nichts vor, weil diese Gegenstände entweder dem Wirkungskreise 
der Specialisten, oder dem der später so genannten «Schneid- 
ärzte» anheim fielen. Dass Brunschwig auch die Trepanation 
und die Amputation abhandelt, steht damit nicht im Wider- 
spruch, denn diese Operationen fallen eben deshalb, dass sie in 
Folge vorausgegangener Verletzungen nöthig werden, dem Be- 
reiche des Wundarztes im engeren Sinne anheim. 

Den interessantesten Abschnitt der Schrift bildet die Lehre 
von den Schusswunden. Brunschwig ist der erste Arzt, 
welcher derselben ausführlich gedenkt^). 

Dieselben gelten in Folge des mit dem Geschoss vermeintlich einge- 
drungenen Pulvers als vergiftete Wunden, und werden demgemäss behan- 
delt. Ist das Geschoss (der «Klotz») nicht mehr in der Wunde, diese aber 
von dem Pulver «vergiftet», so wird das letztere durch Hin- und Herziehen 
eines durch den «Schuss» gezogenen Haarseils entfernt. Will die Wunde 
nicht eitern, so wird ein Meissel von Speck, vorn mit Rindertalg bestrichen, 
in die Wunde eingeführt, um das noch vorhandene Gift zu beseitigen und 
Eiterung zu bewirken. Zu demselben Zwecke werden später «gute Pflaster» 
aufgelegt, oder eine Salbe von Rosenöl, Terpenthin und Kampher einge- 
führt. Innerlich erhält der Kranke Theriak mit Castoreum. — Festsitzende 
Kugeln sollen, wie eingedrungene Pfeile, nach vorheriger Erweiterung des 
Schusskanals durch Meissel, das Messer, den «Storchschnabel» oder den 
«Laucher» (Instrumente, welche nach Art eines Speculum construirt sind) 
mit der Kugelzange entfernt wei'den. Sind diese Proceduren erfolglos, so 
vertraut der wackere Brunschwig der Kraft eines Quellmeissels und der 
ausziehenden Kraft der Kräuter Ehrenpreis und Maasslieb. 

Die Amputation (Tract. IV. cap. 5) betrifft entweder über- 
zählige oder «todte», vom heissen oder kalten Brande (An- 
tonius-Feuer, Ignis persicus, — Esthiomenus») befallene Glieder. 
Ueberzählige Finger werden mit dem Scheermesser «an der 



^) Verletzungen durch Feuerwaffen werden bereits von Pfolspeundt 
gelegentlich eiwäh&t. Die entgegengesetzte Angabe in Bd. 1. S. 791 be- 
ruht auf einem Versehen. Vergl. die «Nachträge» am Schlüsse des gegen- 
wärtigen Bandes, 4 

Haoser, Gesch. d. Med. II, 11 



162 Eio neuere Zeit. Das sechszehnte Jahrhundert. 

Wurzel des Gliedes» [im Gelenk] abgeschnitten, und die Wunde 
mit einer goldenen «Zeine» [Stäbchen"^)] oder heissem Oel caute- 
risirt. «Todte» Glieder werden, wenn der Brand bis zu einem 
Gelenk («Gleich») oder bis zu dessen Nähe fortgeschritten ist, 
im Gelenke selbst, andern Falls in der Continuität, mit Durch- 
sägung der Knochen, amputirt. In beiden Fällen wird die Haut 
nach oben gezogen, das Glied über und unter der Operations- 
stelle mit Binden eingeschnürt, der Stumpf mit dem Glüheisen 
oder siedendem Oele cauterisirt, und einfach verbunden. — 
Erscheint es zweckmässig, den Kranken zu betäuben, so soll 
dies durch die von Theodoricus empfohlenen narkotischen Inha- 
lationen^), und nicht durch innerlich gereichtes Opium geschehen. 

«Etliche geben ihnen Opium alleine on zusatz ; da hüt dich vor, denn 
sie werden gern schöllig und unsinnig.» 

Das zwanzig Jahre nach dem von Brunschwig erschienene, 
für Feldärzte bestimmte. Feldbuch der Wundarsney eines 
zweiten Strassburger Chirurgen, Hans von Gersdorff, «genannt 
Schyl-Hans» , rührt von einem ungleich gebildeteren Arzte her, 
welcher sich in häufigen Feldzügen reiche und selbständige Er- 
fahrung erworben hatte. Gersdorff verfasste sein Werk gleichfalls 
in bereits vorgeschrittenem Lebensalter, indem er sich auf eine 
vierzigjährige Praxis, namentlich auf seine in den Feldzügen von 
1476 und 1477 in der Schweiz , dem Elsass und in Lothringen 
gesammelten Beobachtungen bezieht. Dasselbe umfasst das 
ganze Gebiet der Chirurgie, mit Einschluss der in den Bereich 
des Wundarztes fallenden Hautübel, ist aber, da das Theore- 
tische ausgeschlossen ist, nur von geringem Umfange. 

Hans von Gersdorff, genannt Schyl-Hans, Feldtbuch der Wund- 
artzney. *Strassb. 1517. f. [Schott.] Mit zahlreichen, grösstentheils sehr 
guten, Holzschnitten, unter denen zwei anatomische Tafeln von geschicht- 
lichem und artistischem Werth hervorragen, die Schott in demselben Jahre 
auch als fliegende Blätter herausgegeben hatte. Spätere Strassburger Aus- 
gaben sind: *1524. 4. 1526. 4. *1528. 4. *1530. 4. (Mit grossen Holz- 
schnitten «aus dem Abulcasi contrafayt», welche chirurgische Of)erationen, 
Instrumente u. s. w. darstellen, und zwei Tafeln zur Versinnlichung der 
wichtigsten Verwundungen und der Aderlass-Venen.) *1535. 4. [Bibl. 



*) Vergl. Schmeller, Bayerisches Wörterbuch. Stuttgart, 1837. 8. 
IV. 264. 

^) S. Bd. I. S. 801. 



Die Chirurgie. Deutschland. Brunschwig. Gersdorff. 163 

Jena.] Strassb. 1540. 4. 1542. f. *Frankf. 1551. f. [Bibl. Jena.] In 
dieser Ausgabe finden sich ausser den Abbildungen der Ausgabe von 1535 
zahlreiche kleine anatomische Holzschnitte, fei-ner sind die Abbildungen 
der Operationen zahlreicher, und durch darüber gesetzte Verse verziert. 
Die Abbildungen sind von auffallend richtiger Zeichnung. Seite 31 bezieht 
sich Grersdorff auf drei von ihm selbst nach der Natur verfertigte ana- 
tomische Zeichnungen, welche zwei Muskelkörper, die Gefässe und ein 
Skelet darstellen. In der Ausgabe Strassburg 1535. 4. fehlen dieselben. 
Dagegen hat auch sie einen «Lassmann» mit geöffneter Bauch- und Brust- 
höhle. — Latein.: Argent. 1542. f. Francof. 1551. 8. Holländisch: 
Amsterd. 1593. 4.; von Jan Pauwelszoon Phrisius: Amsterdam, 1622. 4. 
1651. 4. (Banga, a. a. 0. 30). — Choulant, Graphische Incunabeln, 
S. 85. 

Auf eine kurze Einleitung von den «Complexionen» folgt auf 
den ersten 34 Seiten*') eine ganz nach Guy von Chauliac ent- 
v7orfene Anatomie; dann die Lehre vom Aderlass, von den 
Schädel- Verletzungen, der Trepanation, vom Gliedwasser, der 
«Blutstellung» mit Einschluss der Ligatur, «Weidwunden» [pene- 
trirende Wunden], von «harten» [d. h. verkrümmten und ankylo- 
sirten] Gliedern, vom «Schwinden» der Glieder. 

Das 13te Kapitel handelt «Von den geschossenen wunden 
von büchssen Klötzen, schafften oder yssen, die in den wunden 
bleiben etc.» Es zeigt sich, dass Pfeil- und Speer-Wunden noch 
im Jahre 1535 eine grosse Rolle spielten. 

Die dem Kapitel beigefügte Abbildung zeigt im Vordei'grunde einen 
Verwundeten, welchem der Arzt das Geschoss auszieht. Im Hintergrunde 
wird vorwiegend mit Streitäxten, Speeren und dergl., aber auch mit trag- 
barem und mit auf Rädern liegendem groben Geschütz gekämpft. Gers- 
dorff selbst sagt (p. 45), dass «Büchsen-Klötze» nicht blos mit Büchsen 
[sondern auch mit Armbrustartigen Waffen] geschossen wurden. — Die 
Landsknechte im Heere Maximilian's I. (gest. 1519) waren mit Feuer- 
gewehren, seine Söldner-Truppen nur mit Bogen und Pfeilen bewafihet. 
Frölich, Deutsche niilitär-ärztUche Zeitschrift, 1874. S. 594. 

Verletzungen durch «Büchsenklötze» sollen ganz wie Pfeil- 
Wunden behandelt werden («davon nit not ist zu schreiben ein 
eygen capitel» [p. 46.]). Von einer eigentlich giftigen Beschaffen- 
heit der Verletzungen durch Feuerwaffen ist bei Gersdorff nicht 
mehr die Rede-, das vermeintlich in die Wunde eingedrungene 
Pulver wird nur als erhitzende Substanz betrachtet. Demgemäss 
ist auch die Behandlung weit einfacher, als bei Brunschwig. 
Der Schusskanal wird durch Meissel erweitert, und häufig warmes 



®) Ausgabe von 1535. 

11^ 



164 Dio neuere Zeit. Das sochszehnte Jahrhundert. 

Oel in denselben eingegossen. Diese Mittel haben den Zweck, 
das Pulver und den Brand zu «löschen» ; das Oel ist zugleich das 
beste Mittel, um den Schmerz zu stillen; über die Wunde wird 
Baumwolle, mit warmem Oel getränkt, gelegt. 

«Du solt auch ein meyssel in das loch stossen, das es nit zufall, so 
leschts das pulver vnd den brannt on zwyfel. Dan ich kein bessers oder 
senflfters weiss dann disses, das ich erkundt vnd gesehen hab von meister 
Niclaus, den nan nennt den Mulartzt, hertzog Sigsmunds von Osterreych 
loblicher gedächtnuss wundarzt , nammlich in dreyen feldschlachten, 
Gransse [Granson], Murten, vnd Nansse [Nancy]», (p. 46.) Diese 
Schlachten fallen bekanntlich in die Jahre 1476 und 1477. 

Kugeln, welche im Innern des Körpers zurückgeblieben sind 
und der Oberfläche sich genähert haben, werden kühnlich aus- 
geschnitten. 

In dem Abschnitte von den Fracturen und Luxationen finden 
sich ganz gute praktische Rath schlage. Zur Einrichtung der 
Verrenkungen kommen ausser der Hippokratischen Leiter, dem 
Stabe'), auch ein «die Wage» genannter Doppelhebel, und der 
«Narr», ein Winden-artiger Apparat, zur Anwendung. Vorrich- 
tungen der letzteren Art dienen besonders für die schwierigeren 
Fälle, so wie als Streck-Apparate für «verkrümmte» [ankylosirte] 
Kniee und Ellenbogen. Für gewöhnliche Fälle indess vertraut 
Gersdorff am meisten den Händen des Wundarztes. Bei der 
Luxation des Oberschenkels z. B. lässt er beide Schenkel strecken, 
und führt hernach das Knie der kranken Seite bis an den Kopf. — 
In dem Kapitel von den Krankheiten des Mastdarms, z. B. von 
«Feigwarzen» [Hämorrhoidal-Knoten], beschreibt und zeichnet 
Gersdorff auch Specula ani et vaginae, mit drei rechtwinklig 
zum Griffe gestellten Branchen. — «Schwere» Krankheiten sind 
Fisteln, Karbunkeln, Anthrax und Krebs, deren Darstellung 
durch die Aufzählung der erforderlichen Salben u. s. w. einge- 
leitet wird. Die Thränen- Fistel wird beseitigt durch die Er- 
öffnung des Thränenkanals mit einer kleinen Fliete («flietlin») 
und Einlegen eines Quell-Meissels von Enzian-Wurzel. Allerdings 
werden alsdann auch Arsenik, Aetzkalk u. s, w. eingeführt. 

Die einzige Indicatiou der Amputation ist der Brand (das 
«Antonius-Feuer»). Der operative Theil des Verfahrens ist ganz 
wie bei Brunschwig ; dagegen wird der Stumpf nicht cauterisirt, 
sondern mit dem aus den Weichtheilen gebildeten Lappen be- 

') S. Bd. I. S. 184. 



Die Chirurgie. Duutschlaud. Gorsdorff. Würtz. 1(55 

deckt, über diese die «Bliitstellung» gelegt, und das Ganze mit 
einer feuchten Thierblase tiberzogen. 

Die Beschreibung bezieht sich zunächst auf die Amputation des Ober- 
arms ; die Abbildung zeigt eine solche des Unterschenkels. — Gersdorflf 
versichert , hundert bis zweihundert Amputationen im Antonien-Hof zu 
Strassburg [in der jetzigen Regenbogen- Gasse, wo sich ein Hospital der 
Antonius - Brüder befand] imd ausserhalb desselben verrichtet zu haben. 
Ueber den Erfolg der Operationen freilich wird nichts mitgetheilt. 

Sehr ausführlich v^ird die Lepra in allen ihren Formen, 
deren strenge Trennung Gersdorff übrigens für unnöthig hält, 
abgehandelt, der Syphilis aber nicht besonders gedacht. 

Eine nicht minder ehrenvolle Stelle in der Geschichte der 
deutschen Chirurgie gebührt der fast fünfzig .Jahre nach der von 
Gersdorff erschienenen Schrift von Felix Würtz (1518 — 1574 
oder 1575) zu Basel, Sohn eines Wundarztes daselbst. Würtz 
hatte die Chirurgie zu Nürnberg erlernt, und gehörte später zu 
den Freunden von Paracelsus und Conrad Gesner. Der Einfluss 
des Ersteren auf die von Würtz vorgetragenen chirurgischen 
Lehren ist nicht zu verkennen ; auf den Rath des Letzteren 
unterzog er sich einer heftigen Migräne wegen mit Erfolg der 
Arteriotomie. 

Felix Würtz, Practica der Wundartznei. Die erste von den 14 — 16 
binnen hundert Jahren erschienenen Ausgaben ist wahrscheinlich: Basel, 
1563. 8. Dann: Bas. 1576. 8. (Herausgegeben von Würtz' jüngstem 
Sohne, Rudolph.) 1596. 8. [Billroth.] *1612. 4. 1616. 4. 1620. 4. 
*Leipzig, 1624. 8. [Wahrscheinlich ein Nachdruck. Bibl. Gotha.] Basel, 
1670. 8. u. öfter. Die Ausgabe von 1612 hat folgenden Titel: Practica 
der Wundartzney Felix Würtzen weyland, des berühmten vmid wol- 
erfahrenen Wundartztes zu Basel. Darinnen allerley schädliche Miss- 
bräuchj welche bisher von vnerfahrnen, vngeschickten Wundartzten in ge- 
meinem schwanck gangen seind, aussführlichen angedeutet, vnd vmb viler 
erheblichen vrsachen willen abgeschafft werden u. s. w. durch Rudoljyh 
Würtzen, Wundarzt in Strassburg. — Dieser und mehreren späteren AuS' 
gaben ist noch ein Kinderbüehlein mit einer kurzen Diätetik und Bemer- 
kungen über die häufigsten Kinder - Krankheiten angehängt. — Holland. 
1647. 8. Französisch (von Sauvin auf Veranlassung des jüngeren Riolan) 
Paris, um 1646. Eine andere Uebersetzung: 1672. 12.(?) 1689. 12.— 
Rudolph W. war, wie aus der Vorrede sich ergibt, ein Bruder des Ver- 
fassers. In der Ausgabe von 1596 wird, wie Billroth (S. 13 [S. unten 
S. 168]) sagt, ein gleichfalls Felix geheissener Sohn des Verfassers erwähnt. 
Anderwärts findet sich, dass ein zweiter Sohn, Hans, Maler war. — Vergl. 
die ausgezeichnete Darstellung von Trölat in Conferences historiques. 
Par. 1866. 8. p. 237 flf. , in welcher unser deutscher Würtz als ein 
durchaus ebenbürtiger Nebenbuhler Pare's anerkannt wird. 



\QQ Die neuere Zeit. Das sechszehnte Jahrhundert. 

Würtz schrieb sein Werk auf Gesner's Rath nach 37j ähriger 
chirurgischer Thätigkeit, wurde aber nach Herausgabe des ersten 
Theils an der Vollendung dieses, wie anderer Werke, durch den 
Tod gehindert. Lediglich dieser Umstand wahrscheinlich, und 
nicht etwa der geringe Bildungsgrad des Verfassers, ist die Ur- 
sache, dass die Schrift nur die niedere Chirurgie, d. h. haupt- 
sächlich die Lehre von den Verletzungen, umfasst. 

Würtz selbst weist an mehreren Stellen auf von ihm beabsichtigte 
Abhandlungen über Operationen, Geschwüre, Geschwülste, und unheilbare 
Krankheiten hin. 

Der entschieden kritische Charakter des Werkes tritt sofort 
in dem ersten Abschnitte desselben hervor, in welchem der Ver- 
fasser sich über die bei den Wundärzten herrschenden «Miss- 
bräuche» ergeht. Als solche bezeichnet er besonders den über- 
triebenen Gebrauch der blutigen Naht, welcher in der Gewinn- 
sucht der Wundärzte seine Quelle hatte, indem dieselben ihr 
Honorar nach der Zahl der angelegten «Hefte» berechneten. 
Eben so sehr tadelt Würtz die herkömmlichen Blutstillungs- 
Mittel : das Uebermaass der Styptica, die Aetzmittel, am meisten 
das Glüheisen und das Anzünden der in die Wunde eingeführten 
Baumwolle, — den Missbrauch des Aderlasses, des Sondirens 
und «Meisseins», der Kataplasmen, Pflaster und Salben. Erst 
hierauf folgt die Lehre von den Wunden im Allgemeinen und 
Einzelnen, die von den Fracturen, von den Zufällen und der Be- 
handlung der Wunden. Alle eigentlichen Operationen (mit Aus- 
nahme der Amputation) sind ausgeschlossen, selbst die Lehre 
von den Luxationen fehlt. An veralteten Irrthümern ist kein 
Mangel; namentlich das «Gliedwasser» spielt noch eine grosse 
Rolle. Den Heilkräften der menschlichen Schädelknochen, der 
«Mumie» ^), schenkt der ehrliche Würtz grosses Vertrauen, ob- 
schon er den Gebrauch abergläubischer Mittel entschieden ver- 
wirft. Der hohe Werth seiner Schrift, ihre geschichtliche Bedeu- 
tung, besteht in der Entschiedenheit, mit welcher der eigenen 
Erfahrung das grösste, der Auctorität nicht das mindeste Ge- 
wicht beigelegt wird ; die reife Erfahrung, das gediegene Urtheil, 
welche auf jeder Seite hervortreten, sichern derselben einen 
unvergänglichen Werth. 

«Es werden mir alle verstendige Wundärtzte diss mein schreiben zu 
gut halten, vnd leichtlich abnehmen vnd erkennen, dass auch bei den 



«) S. unten S. 173. 



Die Chirurgie. Deutschland. Würtz. 167 

Alten grosse Vnwissenheit vnd grosser Vnverstand gewest seye: eben so 
wol (wo nicht mehr) als bey vns zu dieser zeit». (S. 35.) — «Vnd was 
gehets mich an, ob diss oder ein anders Galeni, Avicennae, Guidonis 
u. s. w. meynung sey. Ist es doch zu jhrer zeit auch new gewesen , was 
sie herfür gebracht haben». (S. 85.) — «In der Wundartzney ist viel 
mehr gelegen an den Handgriffen vnnd Erfahrung, als an langem Ge- 
schwätze». (S. 299.) 

Alle Wunden sollen, wo nur immer möglich, durch die un- 
mittelbare Vereinigung geheilt werden. In den übrigen Fällen 
gilt der Eiter, aus welchem das die Vereinigung bildende 
«Fleisch» entsteht, als bester Wundbalsam. Die Anwendung 
der blutigen Naht beschränkt Würtz auf die Wunden des Ge- 
sichts, des Bauches, und sonstige lange und klaffende Wunden. 
Aber auch in solchen Fällen gestattet er die blutige Naht nur, 
wenn sie den Austritt des Eiters nicht hindert, und nicht eine 
vorzeitige, auf die oberen Theile der Wunde beschränkte, Ver- 
einigung bewirkt. Das Glüheisen soll nur bei arteriellen Blu- 
tungen und Amputationen gebraucht werden. In allen andern 
Fällen kommt nur die Compression, unterstützt durch Adstrin- 
gentien, Absorbentien , Schwämme und geeignete Verbände zur 
Anwendung. Der Ligatur geschieht keine Erwähnung. — Die 
Amputation gilt auch bei Würtz noch als das letzte Hülfsmittel; 
sie soll nie vor dem zwölften Tage nach der Verletzung vor- 
genommen werden; Würtz selbst hatte sie niemals früher als 
sechs Monate nach der Verletzung ausgeführt! Unter den von 
Würtz ausgeführten Absetzungen findet sich das erste bekannte 
Beispiel einer Amputation des Oberschenkels. 

Ein Kapitel von den Pfeil-Wunden ist bei Würtz (wenigstens 
in der Ausgabe von 1596 und den späteren) nicht mehr zu finden. 
Dagegen hält er die Schusswunden zuweilen, wenn heftige Ent- 
zündung eintritt, für vergiftet. 

«Dann was ist ein solche Wunden, die also von der Kugeln zermürset 
[zerquetscht] und vom Pulver verbrennt worden, anders, als eine vergiffte 
Wunde ?» 

Auf die Behandlung hat indess diese Ansicht keinen wesent- 
lichen Einfluss. Die Ausziehung der Kugeln bewirkt Würtz mit 
den einfachsten Werkzeugen; Schrauben und dergl., das Durch- 
ziehen eines Haarseils, werden gänzlich verworfen. Im Uebrigen 
besteht die Hauptaufgabe darin, die Entzündung zu massigen, 
und die Abstossung des Schorfes zu unterstützen. — In dem 
Abschnitte von den Fracturen ist von besonderem Interesse das 



\QQ Die neuere Zeit. Das sechszehnte Jahrhundert. 

Kapitel von den verborgenen Fracturen («Kleckbrüche»). Ferner 
ist Würtz der Erste, bei welchem sich Längsbrüche finden, 
welche noch J. L. Petit, Ant. Louis, Boyer und Kicherand für 
unmöglich erklärten. — Statt der Trepanation bedient sich 
Würtz der einfachen Anbohrung des Schädels, oder der Aus- 
schälung der schadhaften SteUe mit dem Messer. 

Vortrefflich ist die Vorschrift, jeden Verwundeten im Allge- 
meinen wie eine Wöchnerin zu behandeln. (S. 102.) — Einen 
der bemerkenswerthesten Abschnitte bildet die Lehre von den 
verschiedenen «Bräunen» der Wunden, unter denen ausser dem 
Hospitalbrand entschieden auch die Diphtherie zu verstehen ist. 
Würtz bemerkt, dass diese «Bräune» bei Verwundeten oft in 
den Muskeln, im Kehlkopfe vorkomme, oder erst im letzteren, 
und dann in der Wunde sich zeige. 

Die Bemerkungen bei Würtz sind geeignet, die Bedeutung des Wortes 
«Bräune» aufzuklären. Ursprünglich hängt der Ausdruck vielleicht mit 
cPruna» zusammen. Mit diesem Ausdruck bezeichnete mau eine durch 
dunkelblaue, Pflaumen-artige, Fäi-bung charakterisirte Form des Brandes ; 
gerade so wie «Ignis persicus» nicht etwa «persisches Feuer», sondern 
Pfirsichrothe Hautentzündungen bedeutete. Vielleicht auch ist «Bräune» 
die durchaus selbständige Benennung für die schmutzig-braune Färbung 
diphtheritischer Wunden, welche man dann auch auf die Afiectionen des 
Schlundes u. s.w. («Halsbräune») übertrug, deren Beziehungen zurWund- 
Diphtherie den Chirurgen jener Zeit offenbar nicht entging. 

Ferner beschreibt Würtz, wie Billroth gezeigt hat^), unver- 
kennbar auch das pyämische Wundfieber. 

Würtz beschreibt als Arten der «Wundsucht» drei, wie er sagt, von 
den Wundärzten bis dahin nicht gewürdigte, gefährliche Krankheitsformen, 
die sich durch verschiedene Grade eines fieberhaften Frost -Anfalles mit 
eben so verschiedenen Abstufungen von erhöhter Temperatur charakteri- 
siren: 1. den «Wundfrost» («Wundfeuer, Wundfieber») mit heftigem Frost 
und eben so starker Hitze ; ein Zustand, welcher an Gefahr der Pest gleich 
steht, — 2. den «Schauder» oder die «Wundgalle» ; ein Frostanfall ohne 
nachfolgende Hitze, aber mit grossen Schmerzen in der Wunde, in welcher 
oder in deren Nähe sich oft ein Karbunkel-artiges Bläschen zeigt, — 
3. die «Unruhe» oder das «Zocken» [Zucken], mit gelindem Frösteln, 
aber grosser Unruhe, beständigem Umherwerfen u. s. w. 



^) Th. Billroth, Historische Studien über die Beurtheilung und Be- 
handlung der Schusswunden vom fünfzehnten Jahrhundert bis auf die neueste 
Zeit. Berlin, 1859. 8. (SS. IV. 92.) 



Die Chirurgie. Deutschland: Würtz. Frankreich: Pare. 169 



Fr ankr eich. 

Ambroise Pare. 

Lebensgeschichte und Schriften. 

272, In Frankreich war die Chirurgie zwar schon im An- 
fange des vierzehnten Jahrhunderts zu hoher Blüthe erwacht, 
aber nur kurze Zeit hindurch hatten die Wundärzte dieses Landes, 
unter der Führung Lanfranchi's, vermocht, die italienische Chi- 
rurgie in den Schatten zu stellen. Seit Guy von Chauliac hatte 
Frankreich keinen Wundarzt ersten Ranges mehr hervorgebracht^). 
Das Werk des Letzteren, namentlich die Bearbeitung desselben 
von Jean Tagault aus Vimeu in der Picardie, Professor zu 
Paris und Padua, welche bis über die Mitte des sechszehnten 
Jahrhunderts hinaus allgemein verbreitet war, und die von 
Joj_eß.h Dalechamps aus Caen (1513 — 1588), Arzt zu Lyon, 
einem auch um die Botanik sehr verdienten Gelehrten, ange- 
fertigte französische Uebersetzung der Chirurgie des Paulus von 
Aegina^), sind fast die einzigen in der Periode vor Pare in 
Frankreich veröffentlichten chirurgischen Schriften. 

Joh. Tagaultius, De chirurgica institutione libri quinque. Paris, 
1543. f. Venet. 1544. 8. Lugd. 1547. 8. 1549. 8. 1560. 8. 1567. 8. 
Venet. 1549. 8. und bei Gesner und üffenbach. Franz.: Lyon, 1549. 8. 
Par. 1576. 16. 1579. 16. 1610. 8. 1618. 8. 1629. 8. Italienisch: 
Venez. 1550. 8. Deutsch: Frankf. 1574. f. 1584.8. 1618.8. Hollän- 
disch: Dortrecht, 1621. f. 

Um so glänzender war der Aufschwung der französischen 
Chirurgie, welcher durch Pare herbeigeführt wurde. Allerdings 
haben an demselben noch viele andere Männer jener Zeit ge- 
meinsamen Antheil; aber bei Keinem tritt der reforraatorische 
Charakter so entschieden hervor, als bei dem berühmten Wund- 
arzte von Laval. 

Ambroise Pare ward im Jahre 1517 zu Bourg-Hersent, 
einem Dorfe bei Laval im Departement Maine, geboren. Sein 
Vater und einer seiner Brüder waren Kistenmacher (nach andern 
Nachrichten Barbiere), ein anderer Bruder vielleicht Chirurg zu 
Vitre in der Bretagne. Pare kam schon früh zu einem Barbier 
zu Paris in die Lehre ; später finden wir ihn drei Jahre hindurch 




') S. Bd. I. S. 763 ff. ^) S. Bd. I. S. 465. 



J70 Dio neuere Zeit. Das sechszehnte Jahrhundert. 

unter den Barbiers -chirurgiens des Hotel -Dieu, wo er, wie es 
scheint, mit seinen Genossen frei schalten und walten konnte. 
Pare gedenkt dieses Aufenthalts im Hotel-Dieu häufig mit grosser 
Befriedigung, Im Jahre 1536, im Feldzuge Franz I. gegen 
Karl V., trat Pare, im Alter von neunzehn Jahren, als Wundarzt 
in den Dienst des Marschalls Monte-Jean. Im Jahre 1539 reiste 
er nach Mailand, um seinen erkrankten Herrn zu behandeln; 
auf dieser Reise oder kurz nachher wurde er von der Pest be- 
fallen. Im Jahre 1541 verheirathete er sich. Nach kurzer Zeit 
wurde er seinem häuslichen Glücke und dem bescheidenen Be- 
rufe des Barbier -Chirurgen durch den Wieder -Ausbruch des 
Krieges, während dessen er an den Campagnen von Perpignan 
und Landrecy Theil nahm, entrissen. Im Jahre 1545, nach be- 
endigtem Feldzuge, finden wir Pare mit seinem Freunde Thierry 
de Hery (welcher später durch seine Kuren Syphilitischer grosse 
Reichthümer erwarb) als eifrigen Schüler des Anatomen Jacques 
Dubois (Sylvius)^). Kurze Zeit darauf trat Pare als Feldarzt 
in die Dienste des Marschall Rohan; eine Stellung, in welcher 
er sich durch seine Menschenfreundlichkeit die Liebe und be- 
geisterte Verehrung der Soldaten erwarb. Im Jahre 1552 wurde 
er zum Chirurgen des Königs ernannt; in diese Zeit fällt die 
Thätigkeit Pare's bei der Belagerung von Metz. Da es in der 
von Guise vertheidigten und von Seuchen schwer bedrängten 
Stadt an Aerzten und Arzneien fehlte, so wagte Pare, sich in 
die Festung einzuschleichen, wo er mit Jubel empfangen wurde. 
Bald darauf wurde er bei einer ähnlichen Gelegenheit nach 
Hesdin geschickt, wobei er aber in die Hände des Herzogs von 
Savoyen fiel. Da er, um nicht zu hohes Lösegeld zahlen zu 
müssen, sich nicht zu erkennen gab, sollte er hingerichtet oder 
auf die Galeeren geschickt werden. Da retteten ihm einige 
glückliche Kuren das Leben und die Freiheit. Bald nach seiner 
Rückkehr nach Paris, am 15. Dec. 1554, wurde Pare ehrenvoll 
und unentgeltlich in das College de St. Come aufgenommen, 
obschon die Fakultät sich dagegen auflehnte, weil er der Ver- 
pflichtung, eine lateinische Thesis zu vertheidigen, nicht nach- 
kommen konnte. Auch hier begegnen wir dem alten Riolan^), 
der es nicht unterliess , seine Entrüstung in den stärksten Aus- 
drücken zu offenbaren. — Nach der Belagerung von Ronen, im 
Jahre 1563, wurde Pare mit einem Jahrgehalt von 300 Livres 



^) S. oben S. 29 und 30. *) S. oben S. 117. 



Die Chirurgie. Frankreich. Pare. Lebensgeschichte und Schriften. 171 

zum ersten Chirurgen und Kammerdiener Karl's IX. ernannt. 
In dieser Eigenschaft begleitete er den König auf einer zwei- 
jährigen Reise durch die Provinzen. Später unternahm er eine 
Reise nach Holland, die einem Triumphznge glich. — Der Tod 
Pare's erfolgte am 20. Dec. 1590. Sein Charakter war durchaus 
würdig, von ächter Frömmigkeit und wahrer Menschenliebe be- 
seelt. Sein Wahlspruch war : «Je le pansay et Dieu le guarist». 
Dieselben Worte standen über seinem Katheder. Der Wissen- 
schaft war er mit Begeisterung ergeben ; er wendete auf ihre 
Förderung einen bedeutenden Theil seines reichen Einkommens. 

Pare war zweimal vermählt ; seine erste Gattin schenkte ihm zwei 
Söhne und eine Tochter, die zweite zwei Söhne und vier Töchter. Nach- 
kommen derselben fanden sich noch vor Kurzem in Laval und Amsterdam. 
Am ersteren Orte prangt die von David ausgeführte Statue Pare's. — 
Sidly {Memoires, T. I.) und Brantome {Discours sur Charles IX.) erzählen, 
dass Pare allein unter allen Hugenotten in der Bartholomäus -Nacht auf 
Befehl des Königs vom Tode verschont geblieben sey. Schon Malgaigne 
zweifelte an der Wahrheit dieser Erzählung. Neuerdings hat Jal urkund- 
lich nachgewiesen , dass Pare nie einer andern Confession als der katholi- 
schen angehörte. 

Vergl. A. Villaume, Recherches biographiques, Mstoriques et medi- 
cales sur A. Pare. Epernay, 1837. 8. — Malgaigne, Oeuvres de Pare. 
I. 222. 278. — III. p. XIV. — III. 662. — Jal, im Dictionaire de cri- 
tique et d'histoire (Ärchives fjmerales de med. 1866. Oct.). Ferner er- 
schienen biographische Schriften über Pare von Percy {Bihlioth. univer- 
selle), — Pariset, Histoire des tnenibres de Vacadeniie royale de medec'me. 
Paris, 1845. 8. 2 voll. (II. 506.) 

Die Schriften Pare's sind folgende: 

1. La methode de traicter les playes faictes par hacqne- 
hutes et aultres hastons ä feu: et de Celles qui sont faictes 
parfleches, dardz , et semblables: aussi des comhustions 
specialement faictes par la pouldre ä canon. *Par. 1545. 8. 
(Selbst in Frankreich sehr selten.) — Paris, 1552. 8. (Die zweite Aus- 
gabe ist König Heinrich II. gewidmet.) Diese erste Schrift Pare's ist die 
Frucht seiner Beobachtungen während des ersten von ihm durchlebten 
Feldzuges. — Englisch von Walt. Hammond. Lond. 1617. 4. [Haller.] 

2. Briefve collection de Vadministr ation anatomiqiie: 
Äuec la maniere de coniondr e les os: Et d'extr aire les 
enfans tant morts que viuans du venire de la mere, lorsque 
nature de soy ne peult venir a son effect. Paris, 1550. 8. 
(Selbst in Frankreich höchst selten.) *1561. 8. [Bibl. des Dr. Davidson 
in Breslau.] — Diese Schrift fällt in die Periode, während welcher Pare 
die Stelle eines Prosectors bei Dubois bekleidete. In der Vorrede zur 
ersten Auflage bekennt Pare, dass er bei ihrer Ausarbeitung vorzüglich 
Galen (nach der französischen Uebersetzung von Canape) gefolgt sey. Die 



172 Die neuere Zeit. Das socli.szohnte Jahrhuudert. 

zweite sehr vermehrte Ausgabe (Anatomie universelle) gab Pare mit J. 
Rostaing du Bignosc heraus. — Die Anatomie Pare's staud bis in den An- 
fang des achtzehnten Jahrhunderts hinein bei den Chirurgen in Ansehn, 

3. La Methode Curatiue des Play es, et Fractures de la 
Teste humaine. Atiec les portraits des Instruments necessaires pour la 
curation d'icelles. Par M. Ambroise Pari Chirurgien ordinaire du Roy, 
et Jure ä Paris. (Buchdruckerzeichen mit dem Spruch: «Stante et cur- 
rente rota». Auf der Rückseite das Bildniss des Verfassers in Holzschnitt.) 
*Paris, 1561. 8. 

4. Dix livres de la Chirurgie, avec le magasin des in- 
strumens necessaires ä icelle. Par Anibroise Pare premier Chi- 
rurgien du Roy, et Jure. (Titelblatt in Holzschnitteiufassung. Auf der 
Rückseite das Bildniss des Verfassers mit der Unterschrift: «Labor Im- 
probus Omnia Vincit. A. P. An. ^t. 48. R.») *Paris, 1564. 8. 

5. Traite de la peste, de la petite Verolle et Rougeoll e: 
auec vne br efue description de la Lepr e. *Par. 1568. 8. [Bibl. 
des Dr. Davidson in Breslau.] In der ersten Ausgabe hatte Pare dem 
Antimon grosse Lobsprüche ertheilt , seit 1597 dagegen fügte er sich dem 
Verbote der Fakultät. (S. ob. S. 115 S.) — Malgaigne, 1. c. IIL 465. 

6. Cinq livres de Chirurgie. 1. Des bandages. 2. Des fractures. 
3. Des luxations, auec vne Apologie touchant les harquebousades. 4. Des 
morsures et piqueures venimeuses. 5. Des gouttes. Par Ambroise Pare, 
premier Chirurgien die Roy, et iure ä Paris. A Paris, chez Andre Wechel. 
Auec priuilege du Roy, *1 57 2. 8. (Titelblatt in Holzschnitteinfassung. Auf 
der Rückseite das Bildniss des Verfassers mit der Umschrift: «Labor Im- 
probus Omnia Vincit. A. P. An. JEt. 55».) 22 unpaginirte und 470 ge- 
zählte Seiten. Seltenheit ersten Ranges. Malgaigne hat diese Ausgabe 
nie gesehen. Das vorstehend beschriebene Exemplar ist im Besitze des 
Professor Fischer in Breslau. — Die Cinq livres de Chirurgie sind das 
Hauptwerk Pare's. Er hatte wegen desselben vielfache Anfeindungen zu 
bestehen, theils weil Gourmelen, Mitglied der Fakultät, gleichzeitig ein 
ähnliches Werk herausgab, welches durch das Pare's sehr in Schatten ge- 
stellt wurde, theils weil man es dem ehemaligen Barbier nicht verzeihen 
konnte, in seinem Werke Gegenstände zu berühren, welche die Aerzte 
ausschliesslich für sich in Anspruch nahmen. Aehnliche Angriffe, denen 
Pare im Vertrauen auf sein Ansehn nichts als Stillschweigen entgegen- 
setzte, kehrten später, namentlich nach dem Tode seines Beschützers, 
Heinrich's IL, noch öfter wieder. — Die Schriften No. 1. (Ausgabe von 
1545), 3. 4. und 6. befanden sich in der Bibliothek Middeldorpf's in 
Breslau, und sind nach dessen Tode in den Besitz des Buchhändlers T. 0. 
Weigel in Leipzig übergegangen. 

7 . Deux livres de Chirurgie. 1 . De la gener ation de l'homme, 
et maniere d'extraire les enfans hors du venire de la mere, ensemble ce 
qu il faut faire pour la faire niieux et plustost accoucher, auec la eure de 
plusieurs maladies qui luy peuiient suruenir. 2. Des monstres tant ter- 
restres que marins auec leurs portraits. Plus un petit traite des plaies 
faites aux parties nerueuses. Par. 1573. 8. 

8. Discours d' Anibroise Pare, de la mumie, des 

uenins, de la licorne et de la peste. Par. 1582. 4. Auf dem 



Die Chirurgie. Frankreich. Pare. Schriften desselben. 173 

Titel heisst Pare «Conseiller et premier Chirurgien du roy». — Als 
«Mumie» wurde theils diese Substanz selbst bezeichnet und verwendet, 
theils ein aus den Leichen Gehenkter, oder aus Menschenblut, den verdich- 
teten Stoffen des Athems junger Personen u. s. w. bestehendes Arkanum. 
Das «Ceratum humanuni» Berengar's von Carpi war Mumie in Frauenmilch 
aufgelöst. — Das Einhorn hatte einen höheren Werth als Gold; es stand 
als allgemeines Gegengift in so hohem Ansehn, dass selbst die aufgeklär- 
teren Aerzte dessen Wirksamkeit nicht in Zweifel zu ziehen wagten. Man 
pflegte z. B. in den Trinkbecher des Königs ein Stück Einhorn zu legen. 
Von allen Schriften Pare's wurden die beiden genannten , in denen er jene 
vermeintlichen Wundermittel der Lächerlichkeit preis gab, am meisten 
angegriffen. Der heftigste Gegner war Grangier, Dekan der Fakultät. 
Pare vertheidigte sich gegen diesen und gegen die erneuten Schmähungen 
von Gourmelen und Comperat in einer besondern Replik (No. 10,), der 
letzten von den während seines Lebens erschienenen Schriften. 

9. Les Oeuvres de M. Ämbroise Pare, auec les ßgures 

et portraids tant de l'anatomie que des instruments de Chirurgie et de 
plusieurs monstres. Paris, 1575. 1579. 1585. 1598. (Die beste der 
älteren Ausgaben.) 1607. 1614. 1628. Lyon, 1633. 1641. 1652. 
1664. 1685. Sämmtlich in folio. Die Ausgabe von 1585 wird auf dem 
Titel als vierte bezeichnet; von einer dritten ist aber nichts bekannt. 
Malgaigne vermuthet , dass Parö die lateinische Uebersetzung der zweiten 
Ausgabe von Guillemeau für die dritte gerechnet habe. Deshalb heisst 
die Ausgabe von 1664 statt der eilften die zwölfte. — Lateinische 
Uebersetzung herausgegeben von Jac. Guillemeau. Paris, 1582. f. (Der 
Uebersetzer wird nicht genannt, wahrscheinlich Hautin.) Francof. 1594. f. 
1610. f. (in üfi"enbach's Thesaurus. 1612. 1641. 1652.) — Das Buch 
De la generation lateinisch in Spach's Gynaecia. Argent. 1597. — Engl.: 
1578. f. Lond. 1634. f. 1665. f. 1678. f. — Holland.: Leyden? 
1604. f. 1627. f. Amsterd. 1614. f. Harlera, 1627. f. Rotterdam, 
1636. f. 1649. — Deutsch von Uffenbaeh 1601 oder 1610. f. 

10. Replique d^Ämbroise Pare, ä la response 

faicte contre son discours de la licorne. Par. 1584. 4. (Sehr 
selten.) 

Vollständige Ausgabe sämmtlicher Werke Parö's von Malgaigne, mit 
einer werthvollen Einleitung über die Geschichte der Chirurgie bis auf 
Pare: Paris, 1840. 1841. 8. 3 voll. 

Bei der Herausgabe seiner Schriften beabsichtigte Pare, den 
französischen Chirurgen alle für ihren Beruf erforderlichen Kennt- 
nisse in ihrer Muttersprache mitzutheilen. Hieraus erklärt sich, 
dass er häufig ganze Abschnitte aus den besten gleichzeitigen 
Werken einschaltet, die er indess in der Regel nennt. Die 
gegen ihn erhobene Beschuldigung des Plagiats ist deshalb un- 
gerecht, um so mehr, als das sechszehnte Jahrhundert in dieser 
Hinsicht nachsichtiger war, als spätere Zeiten. — Die Schreib- 
art Pare's ist in den einzelnen Schriften äusserst verschieden; 



174 Die neuere Zeit. Das sechszehnte Jahrhundert. 

in den frühesten schlecht und unbeholfen, in den letzten erhebt 
sich der Styl des nunmehr durch eifrige Studien und den täg- 
lichen Umgang mit den vornehmsten Personen hochgebildeten 
Arztes nicht selten zur Classicität. 



Pare's Verdienste. 

373. Pare ist unzweifelhaft in der Geschichte der Chirurgie 
eine der hervorragendsten Erscheinungen. Er ist es durch die 
Bereicherungen, welche fast alle und gerade die wichtigsten 
Theile dieses Faches durch ihn erfuhren; er ist es am meisten 
durch den Geist der Freiheit und Selbständigkeit, welcher seine 
Schriften durchdringt und belebt. — In allen diesen Beziehungen 
fehlt es dem Wundarzte von Laval keineswegs an gewichtigen 
Nebenbuhlern. Die Italiener vor Allen können mit gerechtem 
Stolze auf ihre Berengar von Carpi, Beuedetti, Maggi, Botallo, 
Carcano Leone und so viele Andere hinweisen; gleichermaassen 
dürfen sich die Deutschen ihres Brunschwig, Gersdorff, Würtz 
berühmen; — in Frankreich selbst erscheint Pierre Franco in 
vieler Hinsicht als ein Pare ebenbürtiger, in mancher demselben 
sogar überlegener Wundarzt^). — Aber bei Keinem von ihnen 
Allen tritt das Reformatorische, das Bahnbrechende, hervor, was 
die Erscheinung Pare's, des ungelehrten Zöglings der Barbiere, 
zu einem der wichtigsten Wendepunkte in der Geschichte der 
Chirurgie erhebt. 

Pare ist sich der reformatorischen Bedeutung seiner Thätig- 
keit auf das klarste bewusst. So hoch er die Verdienste der 
Alten verehrt, so sehr durchdringt ihn die Ueberzeugung, dass 
die Chirurgie einer weit vollkommneren Gestaltung eben so be- 
dürftig als fähig sey, dass sie dieselbe aber erst in ferner Zu- 
kunft werde erreichen können. 

«II raste plus de choses , ä chercher, qu'il n'y en a de trouuees ; il ue 
faut pas nous reposer ou endormir sur le labeur des anciens, comme s'ils 
auoient tout su ou tout dit ; ies anciens nous seruent seulement des eschau- 
guettes pour voir de plus loin». — Hierher gehört auch die Ermahnung, 
welche er an die jungen Wundärzte bei Gelegenheit der Behandlung des 
Brandes richtet: «Partant ie conseille au ieune Chirurgien de laisser cette 
miserable maniere de brusler et carnacer (si quelque reliqua de gangrene 
ne le contraignoit de ce faire), l'admonnestant de ne plus dire, ««Ie Tay 



') S. unten S. 179. 



Die Chirurgie. Frankreich. Pare'. Dessen Verdienste. 175 

leu au liure des anciens Praticiens, le Tay veu faire ä mes vieux peres et 
maistres, suiuant la pratique desquels ie ne puis aucunement faillir»». Ce 
que ie t'accorde , si tu veux eutendre ton bon maistre Galien au liure cy 
dessus allegue, et ses semblables : mais si tu veux arrester ä ton pere et ä 
tes maistres, pour auoir prescription de temps et licence de mal -faire, y 
voulant tousiours perseuerer, ainsi mesmes que l'on fait quasi ordinaire- 
ment en toutes choses , tu en rendras compte deuant Dieu , et non deuant 
ton pere ou tes bons maistres praticiens , qui traitent les hommes de si 
cruelle fa^on». (II. 230.) 2) 

Die grossen Verdienste Pare's v^erden dadurch, dass er in 
jedem Sinne der Sohn seines Jahrhunderts ist, dass er vielfach 
Gegenstände, über v\^elche es ihm an eigener Erfahrung fehlt, 
falsch beurtheilt, nicht geschmälert; sie werden es selbst nicht 
dadurch, dass er vielfach dem Aberglauben seiner Zeit huldigt, 
so sehr er denselben bei andern Gelegenheiten, z. B. in den 
Schriften über die «Mumie» und das Einhorn bekämpft^). — In 
den theoretischen Abschnitten seiner Schriften folgt Pare fast 
durchaus den Lehren Galens; in den praktischen sind da, w^o 
eigne Erfahrung ihm nicht zu Gebote steht, vorzüglich Hippo- 
krates, Guy von Chauliac und Tagault seine Führer. Indess 
finden sich nur wenige Kapitel, welche nicht durch ihn wichtige 
Bereicherungen erfahren hätten; selbst für die Anatomie und 
die Naturgeschichte sind seine Schriften nicht ohne Bedeutung. 

Den vollständigsten Ueberblick über die Leistungen Pare's 
gewähren die Werke desselben. — In den Abschnitten von den 
Wunden treten besonders die Kapitel von den Kopfverletzungen, 
von den Brustwunden, vor allen das von den Schusswunden, 
hervor. Die Bücher über Geschwüre, Fisteln, Hämorrhoiden, 
Verbände (welchem Malgaigne eine ausführliche Geschichte der 
Schienen beigefügt hat [IL 288]), Fracturen und Luxationen, 
bieten nur wenig Bemerkenswerthes dar. Unter den Beobach- 
tungen über Fracturen findet sich der erste Fall eines richtig 
erkannten Schenkelhals-Bruches. (IL 325.) — Das sehr umfang- 
reiche 15te Buch, welches eine Menge der in den übrigen Ab- 
schnitten nicht unterzubringenden Krankheiten, besonders Haut- 
und Nerven-Afi'ectionen, behandelt, beruht fast ganz auf früheren 
Darstellungen. Auch den Augenkrankheiten, welchen das fünfte 
Kapitel dieses Buches gewidmet ist, schenkt Pare ziemlich ge- 
ringe Beachtung, wahrscheinlich deshalb, weil sein Schüler 



*) Die Citate nach der Ausgabe von Malgaigne. 
^) S. oben S. 172. 



176 Die neuere Zeit. Das sechszehnte Jahrhundert. 

Guillemeau*) gleichzeitig mit der dritten Ausgabe der Chirurgie 
seine eigne Abhandlung über die Augenkrankheiten herausgab, 
welche wesentlich die Ansichten Pare's enthält. — Der Betrachtung 
der fremden Körper in Höhlen (IL 442 ff.), der Zahnübel und 
der überzähligen Finger (welche mit dem Messer oder mit einer 
scharfen Zange entfernt werden), folgt eine ausführliche Ab- 
handlung über den von Pare niemals ausgeführten Steinschnitt, 
welche ihrem wesentlichen Inhalte nach der Schrift Franco's 
entlehnt ist^). In der gegen die seitherige Gewohnheit sehr 
kurzen Abhandlung über den Aderlass zeigt sich Pare als An- 
hänger Brissot's*^). — Das 16te Buch (II. 526 ff.) ist der Syphilis 
gewidmet; der grösste, namentlich der medicinische , Theil ist 
nach einer Schrift von Thierry d'Hery, Pare's Jugendfreund, 
gearbeitet, sehr oft mit fast wörtlicher Aufnahme ganzer KapiteF). 
Die chirurgischen Abschnitte dieses Buches dagegen sind das 
Eigenthum Pare's. 

Das 17te Buch (II. 603), einer der interessantesten Ab- 
schnitte des Werks, handelt von der Ergänzung fehlender Theile, 
und bezeugt die wesentlichsten Fortschritte in diesem wichtigen 
Gebiete. Namentlich werden künstliche Augen (von emaillirtem 
Golde), Schielbrillen , künstliche Nasen (Pare gedenkt auch der 
italienischen Rhinoplastik^), hält sie aber für zu beschwerlich), 
künstliche Zähne, Obturatoren für den Gaumen, ein Instrument, 
um bei verkürzter Zunge das Sprechen zu erleichtern, künstliche 
Ohren, Corsets, Urinhalter, Stiefeln gegen Klumpfuss u. s. w., 
und besonders sorgfältig gearbeitete künstliche Arme und Beine 
erwähnt. 

Die übrigen Bücher Pare's sind im engeren Sinne medicini- 
schen, pharmakologischen Inhalts u. s. w. 

Das 19te Buch (III. 1 ff.) handelt von den Missgeburten u. s. w., be- 
sonders nach Conr. Lycosthenes {Prodigiorum ac ostentormn chronicon. 
Basil. 1557. f.); das 20ste Buch von den Fiebern; das 21ste von der 
Gicht; das 22ste von den Blattern, Röthein, Würmern und der Lepra; 
das 23ste von den Giften, der Hundswuth u. s. w.; das 24ste von der Pest 
(angehängt sind die Schriften über die Mumie und das Einhorn); das 
25ste Buch von den einfachen Arzneien; das 26ste von den Destillationen; 
das 27ste von dem Einbalsamiren. Dann folgen die Apologie, die Reisen 



^) S. unten S. 178. ^) S. unten S. 180. ^) S. oben S. 62 ff. 

') Thierry d'Hery, La methode curatiue de la maladie venerienne, 
vulgairement appellee grosse veröle, et de la diuersite de ses symptomes. Paria, 
1552. 8. und öfter. 

«) S. unten § 277. 



Die Chirurgie. Frankreich. Pare. Dessen Verdienste. 177 

und endlich Le livre des animaux et de l'excellence de Viiomme so wie ein 
Anhang über die Missgebiirten bei Thieren. — Dem 26sten Buche sind 
bei Malgaigne die auf die Chirurgie bezüglichen Aphorismen des Hippo- 
krates in gereimten Versen, so wie die interessanten Canons und Regeln 
Pare's, ebenfalls in Eeimen, angehängt. Die folgenden schmücken die 
Statue Pare's zu Laval 

Vn i-emede experimente 

Vaut mieux qu'vn nouveau inuente. 

Le naure doit faire abstinence, 
S'il veut auoir prompte allegeance. 

Celui qui pour auoir, et non pas pour s^auoir, 
Se fait Chirurgien, manquera de pouuoir. 

La gangrene qui est ja grande, 
Rien que le cousteau ne demande. 

Le Chirurgien ä la face piteuse 

Rend ä son malade la playe venimeuse. 

In einem seiner Sonette prophezeit Pare seinen Werken ewigen Ruhm: 

«Mais arriere, enuieux: car eternellement 

On verra maugre vous ce mien ouurage viure.» 

Das grösste von den Verdiensten Pare's besteht unstreitig in 
der Umgestaltung, welche durch ihn die Lehre von den Schuss- 
wunden erfuhr. Er erwarb es sich durch den Nachweis, dass 
die Schusswunden nicht, wie man zu seiner Zeit annahm, ver- 
giftete Wunden, sondern nur eine besondere Art der Contusions- 
wunden darstellen. Der Zufall leitete auf diese durch Pare 
alsbald in ihrer ganzen Wichtigkeit erkannte Entdeckung. Nach 
einem Treffen, welches zahlreiche Schuss-Verletzungen zur Folge 
hatte, gebrach es zuletzt an heissem Oele, um die Verwundeten 
nach der hergebrachten Kegel zu cauterisiren. Pare sah sich 
deshalb auf einen einfachen Verband beschränkt. Furcht vor 
dem schlechten Erfolge raubte ihm die nächtliche Ruhe; wie 
gross aber war sein Erstaunen, als sich am nächsten Morgen 
die vernachlässigten Verwundeten weit besser, als die «nach den 
Regeln der Kunst» behandelten befanden. 

«En fin mon huile me manqua, et fus contraint d'appliquer en son 
lieu un digestif de jaune d'oeuf , huil rosat, et terebinthe. La nuict je ne 
peus bien dormir ä mon aise, pensant, que par faute d'avoir cauterise, je 
trouvasse les blessez, ou j'avois failly ä mettre de ladite huile, morts em- 
poisonez, qui me fit lever de grand matin pour les visiter. Oü outre mon 
esperance trouvaz ceus ausquels j'avois mis le medicament digestif sentir 
peu de douleur ä leurs playes sans inflammation et tumeur, ayans assez 
reposö la nuict : les autres oü l'on avoit applique ladite huile, les trouvaz 
febricitans , avec grande douleur, tumeur et inflammation aux environ de 
leurs playes». 

Haeser, Gesch. d. Med. II, 10 



178 Die neuere Zeit. Das sechszehnte Jahrhundert. 

An Gelegenheit zu ferneren Beobachtungen fehlte es nicht. 
Pare veröffentlichte dieselben in seiner Schrift über die Schuss- 
wunden ^), der ersten von denjenigen, welche sich gegen die 
vergiftete Natur derselben erklärten. 

In unmittelbarer Verbindung mit diesem Fortschritt steht das 
zweite grosse Verdienst Pare's: die Verbesserung der Ampu- 
tation durch die Anwendung der Ligatur der grossen Ge- 
fässe, anstatt der bis dahin gebräuchlichen blutstillenden Medi- 
kamente und des Glüheisens. 

Dieser grosse Fortschritt fällt in das Jahr 1552, nach dem Erscheinen 
der zweiten Auflage der Schrift über die Schusswundeu. In dieser ist bei 
der Amputation nur vom Glüheisen, in den zehn Büchern der Chirurgie 
vom Jahre 1564 (S. oben S. 172 No. 4) zum ersten Male von der Ligatur 
die Rede. Pare erwähnt, dass er durch Stellen Galen's auf den Gedanken 
der Unterbindung geführt worden sey; er empfiehlt, um das Abgleiten und 
Durchschneiden der Fäden zu verhindern, die Umstechung des Gefässes. 
— Der erste Fall, in welchem Par6 die Ligatur bei einer Amputation 
benutzte , betraf einen Begleiter des Herrn de Rohan , welchem bei der 
Belagerung von Damvilliers im Jahre 1552 durch eine coulevrine der 
Unterschenkel zerschmettert worden war. Der Ausgangr war günstig. — 



Pare's Schüler und Zeitgenossen. 

S74. Die erste Stelle unter den Schülern Pare's gebührt 
dem Herausgeber seiner Werke, Jacques Guillemeau aus 
Orleans (1550—1630), Arzt am Hotel-Dieu, Wundarzt Karl's IX. 
und Heinrich's IV. Durch ihn hauptsächlich fanden die Lehren 
Pare's allgemeine Verbreitung. Guillemeau's eigne Arbeiten sind 
durch die gründliche gelehrte Bildung und die ausgedehnte Er- 
fahrung ihres Verfassers von hohem Werthe; sie betreffen haupt- 
sächlich die Schusswunden, die Trepanation und die Aneurysmen. 
Noch wichtigere Bereicherungen wurden durch ihn der Geburts- 
bülfe zu Theil ^). Dagegen ist Guillemeau's Handbuch der Augen- 
heilkunde unbedeutend. 

Jac. Guillemeau, Traue des maladies de l'oeil. Par. 1585. 8. — 
Holländisch: Amsterd, 1678. 8. — Deutsch: Der aufrichtige Augen- und 
Za/tnar^^; von Mart. Schurig. Dresden, 1710. 8. — Tahles anatomiques 
avecles pourtraicts. Par. 1571—1586. f. (Biogr. med.) — Chirurgie 
francoise, recueillie des anciens medecins et chirurgiens avec plusieurs in- 



«) S. oben S. 171 No. 1. ') S. unten § 270 ff. 



Pare's Schüler und Zeitgenossen. Guillemean. de Marquo. Pineau. Pigray. "I 7Q 
Haticot. Franco. ^ ' ^ 

strumens necessaires. Paris, 1594. f. Holländisch: 1652. f. — Les 
Operations de Chirurgie. Par. 1602. — Oeuvres. Par. 1598. f. 1612. f. 
Rouen, 1649. f. 

Weniger erlieblich sind Jacques de Marque aus Paris 
(1569—22. Mai 1622), dessen Handbuch der Verbandlehre lange 
Zeit das geschätzteste war; — Severin Pineau aus Chartres 
(gest. 29. Nov. 1619), ein berühmter Lithotom und Geburts- 
helfer; — Pierre Pigray aus Paris (geb. 1532 oder 1533, 
gest. 15. Oct. 1613), durch Pare's Vermittelung Arzt bei Karl IX., 
Heinrich IV. und V. ; Verfasser eines sehr guten Auszugs der 
Werke Pare's, welchen er zuerst französisch, dann, in erweiterter 
Gestalt, auch lateinisch herausgab; — Nicolas Habicot 
(gest. 17. Juni 1624), ein geschätzter Lehrer der Anatomie und 
Chirurgie, unter dessen Schriften die über die Tracheotomie 
hervorgehoben zu werden verdient. 

Jacques de Marque, Introduction methodique ä la Chirurgie. Par. 
1652 (?). 8. und öfter. — Traite des bandages. Par. 1618. 8. 1631. 8. 

Sever. Pinaeus, Opusculum physiologicum et anatomicum de notis 
virginitatis et corrujMonis virginum et de partu ndturali. Paris, 1597. 8. 
und öfter. — Deutsch: Frankf. 1717. 8. Erfurt, 1727. 8. 17" 0. 8. 

— Discours touchant l'invention et Vextraction de calcul de la uessie. v. 
1610. 8. 

Pierre Pigray, Chirurgia cum aliis medicinae partihus conjuncta. 
Par. 1609. 8. — Chirurgie mise en theorie et en pratique. Par. 1610. 8. 

— Epitome praeceptoruin medicinae chirurgicae, cum ampla singuJis 
morhis convenientium remediorum expositione. Par. 1612. 8. und öfter. 
Auch holländisch und italienisch. 

N. Habicot, Question chirurgicale, dans Jaquelle est demontre, que 
le Chirurgien doit absohiment pr atiquer V Operation de la tracheotomie, 
autrement la Perforation de la flute ou tutjau du poumon. Par. 1620. 8. 

— Am bekanntesten wurde Habicot durch eine Schrift : Gigantosteologie 
(Paris, 1613. 8.), in welcher er ein in der Dauphinee gefundenes 25 Fuss 
langes Skelet für das des Teutobochus, Königs der Cimbern, erklärte, 
während Riolan d. J. in einer anonymen Broschüre (Gigantomachie) es 
einem Walfische zuschrieb. 

Aber auch ausser der Schule Pare's fehlte es in Frankreich 
keineswegs an Wundärzten, welche in seinem Sinne der Wissen- 
schaft ihre Thätigkeit widmeten. Unter diesen erscheint Pierre 
Franco aus Turriers in der Provence, Wundarzt zu Orenge, 
Lausanne und Genf, als ein in vielen Beziehungen dem be- 
rühmten Chirurgen von Laval ebenbürtiger, in manchen vielleicht 
ihn überragender Nebenbuhler. In seiner grösseren Schrift über 

12* 



180 Diö neuere Zeit. Das sechszehnte Jahrhundert. 

die Hernien behandelt Franco in einfacher Form ausser seinem 
Hauptthema fast alle wichtigeren, zu jener Zeit in den Bereich 
der Chirurgie gezogenen, Gegenstände: Steinschnitt, Geschwüre 
der Genitalien, Bubonen, die wichtigsten Augenkrankheiten, die 
Depression des Staares, Geburtshiüfe , Frauenkrankheiten, — 
die Amputation, die Entzündungen u. s. w., den chirurgischen 
Arzneiapparat, Fracturen und Luxationen. Die Mehrzahl dieser 
Gegenstände wurde von Franco mit mehr oder weniger bedeu- 
tenden Verbesserungen bereichert. Die wichtigsten von diesen 
betreffen die Radikal-Operation der Hernien und die Einführung 
des hohen Steinschnitts-). 

Pierre Franco, TraiU c&ntenant une des parties principales de la 
Chirurgie, iaquelle Jes chirurgiens herniaires exercent. Lyon, 1556. 8. 
Diese erste, übrigens unbekannte, Schiift Franco's, welche auch von 
Portal (Histoire de la Chirurgie, I. 526.) erwähnt wird, befindet sich im 
Besitz des Prof. Baum in Göttingen. — Traite des hernies contenant une 
ample declaration de toutes Jeurs especes et autres excellentes parties de la 
Chirurgie, assavoir de la pierre, des cataractes des yeiix et autres mala- 
dies etc. *Lyon, 1561. 8. (Selten. Bibl. Göttingen,) [«Candidus homo, 
perinde pai'atus malos suos eventus narrare bonosque». Haller.] 

Untergeordnet sind mehrere die Schusswimden betreffende Werke des 
berühmten Laurent Joubert (S. Bd. L 773 und oben S. 124) und des 
gleichfalls (S. 116) schon erwähnten Joseph du Chesne (Quercetanus). 
Die betreffenden Schriften von Joubert, in welchen die Meinimg Pare's 
vertheidigt wird, scheinen sehr selten zu seyn; — das weitschweifige und 
inhaltsleere Werk von du Chesne sucht, wenigstens für manche Fälle, die 
Lehre von der verbrannten und vergifteten Natur jener Verletzungen auf- 
recht zu erhalten. — Laur. Joubert, Traite contre la hlessure ou coups 
d'arqt<ehuse et la maniere d'en guerir. Paris, 1570. Lyon, 1581. — 
Question des huiles, traitee problematiquement. Montp. 15 78. 8. — La 
censure ou sentence de quelques opinions toucluint la decoction pour les 
arquebusades. Lyon, 1578. Später erschienen die beiden letzteren 
Schi-iften zusammen. 3te Ausg. Lyon, 1581. 8. — Jos. Quercetanus, 
Sclopetarius, s. de curaiidis rulnerihus, quae sclopetorum et similium tor- 
mentorum ictihus accidunt. Lugd. 1576. 8. 1600. 8. Französ. : Lyon, 
1576. 8. 1625. 8. 



*) S. unten S. 190. 



Bereicberungeu dor Chirurgie. Einfache Wunden. Verletzungen des Schädels. 181 
Schusswundeu, 



B-ereicherungen der Chirurgie im sechszehnten 
Jahrhundert. 

Einfache Wunden. Schusswunden. Amputation. Ligatur. 

375. Mit Ausnahme des neunzehnten Jahrhunderts weist 
keine andre Periode der Chirurgie so durchgreifende und so 
glänzende Bereicherungen auf, als das sechszehnte Jahrhundert. 
Die Ursachen dieser Erscheinung sind offenbar. Sie bestehen 
in dem allgemeinen Aufschwünge des geistigen Lebens, auf dem 
Gebiete der Medicin hauptsächlich in dem der Anatomie, in 
der Verbesserung der socialen Stellung der Wundärzte, in den 
häufigen Kriegen des sechszehnten Jahrhunderts, am meisten in 
der gänzlichen Veränderung der Kriegführung. 

In Betreff des alten Streites über die Heilung der ein- 
fachen Wunden durch unmittelbare Vereinigung oder durch 
Eiterung^) verging noch eine lange Zeit, ehe man sich über die 
Grundsätze verständigte, welche die Wahl des einen oder des 
andern Verfahrens zu leiten haben. 

Unter den Verletzungen der einzelnen Körpertheile hatten 
seit ältester Zeit die des Schädels die Aufmerksamkeit der 
Aerzte in besonderem Grade auf sich gezogen^). Die schon im 
frühen Alterthum gebräuchliche Trepanation galt für eine der 
wichtigsten Operationen^). Der schon den Hippokratikern be- 
kannte, später in Vergessenheit gerathene, Kronen-Trepan kam 
durch Vigo, besonders durch Pare, zu allgemeinerer Anwendung. 
Im Uebrigen sind unter den hierher gehörigen Schriften die von 
Botallo und von Carcano Leone die werth vollsten*). 

Den Angelpunkt der Geschichte der Chirurgie im sechszehnten 
Jahrhundert bildet die Lehre von den Schusswunden. Es 
handelte sich bei denselben nicht blos um eine ganz neue Art 
von Verletzungen, welche in theoretischer wie in praktischer 
Hinsicht zu den umfassendsten Verhandlungen führte, sondern 
um einen Gegenstand, durch welchen noch viele andere, und 
gerade die wichtigsten, Kapitel der Chirurgie eine tiefgreifende 
Umgestaltung erfuhren. 



') S. Bd. I. S. 776. ^) S. Bd. I. S. 189. 

^) S. Bd. I. 189. 502. — Vergl. die Geschichte der Indicationen zur 
Trepanation bei Malgaigne, Oeuvres de Pari, IL 50 ff. 
*) S. oben S. 153 und 154. 



182 iJ'e neuere Zeit. Das sechszohnte Jahrhundert. 

Die frühesten Nachrichten über den Gebrauch der Feuerwaffen im 
Kriege verlieren sich in undurchdringliches Dunkel. Angeblich verdankten 
die Mongolen, welche die Kenntniss derselben von den Chinesen erhielten, 
ihrer Anwendung den Sieg in der Schlacht bei Liegnitz (9. April 1241). 
Villani verlegt die ersten Nachrichten über die Anwendung der Feuer- 
waffen im Kriege in das Jahr 1338. Unzweifelhaft kamen sowohl grobes 
Geschütz als Hand-Feuergewehre in der Schlacht bei Crecy, im Kriege 
Eduard's III. von England gegen Philipp VI. von Frankreich (im August 
1346), zur Verwendung. — Im offenen Felde fanden die Feuerwaffen, 
schon wegen der Schwerfälligkeit der ältesten Apparate dieser Art, nur 
sehr langsam Eingang. Noch in den letzten Jahren des fünfzehnten Jahr- 
hunderts zitterte ganz Italien vor den achtzehn Kanonen, welche Karl VIII. 
von Frankreich mit sich führte. Hand-Feuergewehre kamen erst gegen die 
Mitte des sechszehnten Jahrhunderts, in Folge der Einführung stehender 
Heere, zur allgemeinen Anwendung. 

Der erste Arzt, welcher der durch Feuerwaffen bewirkten Ver- 
letzungen gedenkt, ist Heinrich von Pfolspeundt^). Derselbe 
spricht in seiner im Jahre 1460 verfassten Bündth- Ertzney an 
mehreren Stellen von Schusswunden und von den zur Entfernung 
der Kugel und des vermeintlich in die Wunde eingedrungenen 
«Büchsen -Pulvers» erforderlichen Massregeln. Die Kugel soll 
mit dem «Sucher» (der Sonde) ausgehoben, das Pulver durch 
Einspritzung eines Gemenges von Frauen- oder Ziegenmilch, 
Oel und dem Safte verschiedener Kräuter, oder durch Einführung 
von Charpie -Wieken in den Schusskanal beseitigt werden. — 
Ausserdem wurde schon zur Zeit Pfolspeundt's Schiesspulver 
auch als Bestandtheil von Salben benutzt. 

Heinrich von Pfolspeundt, J5MW(Z^Ä-^r<s/?e?/. Berlin, 1868. 8. 
S. 10. 60. 135. Vergl. Fr ö lieh, Deutsche militär ärztliche Zeitschrift, 
1874. S. 583 ff. — Pfolspeundt's Beobachtungen beziehen sich, wie er 
selbst sagt , vorzüglich auf den von ihm als Wundarzt durchlebten Krieg 
zwischen den Polen und Preussen, namentlich wohl auf die Belagerung von 
Marieuburg im Jahre 1457. 

Auf die Mittheilungen Pfolspeundt's folgen der chronologi- 
schen Ordnung nach die von Hans von Gersdorff, welcher 
sich ausdrücklich auf die von ihm selbst und seinem Lehrer, 
Meister Niclaus den «Mularzt», in den Jahren 1476 und 1477 
gemachten Beobachtungen bezieht^). 

Die Einführung der Feuerwaffen hatte zunächst die Wirkung, 
dass eins der wichtigsten Kapitel der bisherigen Chirurgie, die 
Lehre von den durch Pfeile verursachten Wunden, alle Bedeutung 



=*) S. Bd. I. 783. — Vergl. oben S. 161. «) S. oben S. 164. 



Beroicharungen der Chirurgie. Schnsswunden. 183 

verlor. Dagegen waren bei den durch Hand-Feuerwaffen verur- 
sachten Verletzungen der oft so eigenthümliche Verlauf des 
Schuss-Kanals, die in den weichen und harten Gebilden angerich- 
teten Zerstörungen, welche die bis dahin selten unternommene 
Amputation zu einer der häufigsten Operationen machten, die 
oft so gefahrdrohende Rückwirkung der Schusswunden auf das 
Allgemeinbefinden, gewiss geeignet, die höchste Beachtung zu 
erregen. Am segensreichsten wirkten die durch die Schuss- 
wunden ins Leben gerufenen Verhandlungen dadurch, dass sie 
die Wundärzte nöthigten, bei einem Gegenstande, über welchen 
die Schriften der Alten keine Belehrung ertheilten, der eigenen 
Einsicht zu vertrauen , und somit auch in Betreff der übrigen 
Disciplinen das Joch der Auctorität von sich zu werfen. 

Die frühesten Schriftsteller über die durch Feuerwaffen ver- 
ursachten Verletzungen sind vor Allem bemüht, diese Lehre mit 
den Grundsätzen des Galenismus in Einklang zu bringen. Die 
schlimmsten Zufälle der Schusswunden werden nicht den mecha- 
nischen Wirkungen der Geschosse, sondern der vermeintlichen 
Verbrennung der Wunde, der giftigen Natur des Bleies, haupt- 
sächlich des Pulvers, beigemessen, von welchem man, verleitet 
durch das Aussehn der Wundöffnung, glaubte, dass es zum Theil 
mit dem Geschoss in den Körper eindringe. 

Der Calcul war einfach folgender : Schiesspulver besteht aus je einem 
Theile Salpeter und Kohle und zehn Theilen Schwefel. Addirte man die 
Grade der «Calidität» dieser Substanzen, so ergab sich, dass das Ganze 
im vierten Grade heiss seyn musste! Ferri (S. oben S. 152) I. c. 4. 

Aus diesem Grunde finden die Schusswunden ihren Platz 
unter den Vergiftungen. Die Wunde wird zunächst mechanisch 
gereinigt, siedendes Oel, heisser Speck in sie eingeführt, um 
das Gift zu zerstören ; giftwidrige Tränke kommen diesen Mitteln 
zu Hülfe. 

In dieser Gestalt erscheint die Lehre von den Schusswunden 
mehr oder weniger bei allen Schriftstellern bis zum Anfange des 
sechszehnten Jahrhunderts, hauptsächlich bei Vigo. — Darüber, 
dass der Ruhm, diese Irrlehre zuerst öffentlich bekämpft zu 
haben, Pare gebührt, kann nicht der geringste Zweifel bestehen. 
Das Verdienst Maggi's, dessen Schrift sieben Jahre nach der 
des Wundarztes von Laval erschien, wird dadurch nicht ver- 
ringert, um so weniger, als Maggi höchstwahrscheinlich von dem 
Werke Pare's keine Kenntniss hatte. 

Die Meinung, dass Pare bei seiner Anwesenheit in Italien (im Jahre 



\Q4: I*'" neuere Zeit. Das sechszehnte Jahrhundert. 

1539) durch dortige Wundärzte auf seine Ansicht geführt worden sey, 
scheitert schon an der Chronologie, noch mehr an Pare's unantastbarer 
Wahrhaftigkeit. 

Es ist überflüssig, den zum grossen Theil mit allen Künsten 
der Dialektik geführten Streitigkeiten der Parteien zu folgen. 
Am wichtigsten waren die Experimente, welche schon von Pare, 
später besonders von Maggi, unternommen wurden, um die 
Vigo'sche Lehre zu entkräften. In Betreff der Meinung, dass 
die Scbuss -Verletzungen zunächst eine Verbrennung bewirken, 
zeigt Maggi, dass die Kugel höchstens durch die Schnelligkeit 
ihrer Bewegung eine sehr geringe Erhöhung ihrer Temperatur 
erfahren könne, dass die bei der Verwundung durchbohrten 
Kleidungsstücke u. s. w. keine Spur einer Verbrennung zeigen, 
dass, wie schon Pare angeführt hatte''), Flintenkugeln auf mit 
Schiesspulver gefüllte Säcke abgefeuert werden können, ohne 
dieselben in Brand zu setzen. Eben so wenig könne von einer 
Vergiftung der Wunde durch das vermeintlich der Kugel an- 
hängende Pulver die Rede seyn, da keiner von den Bestand- 
theilen des letzteren giftige Eigenschaften besitze. Maggi redet 
demgemäss einer einfachen Behandlung der Schusswunden das 
Wort; er verwirft das Durchziehen von Haarseilen, das Ein- 
bringen reizender Wieken u. s. w., und gestattet die Einführung 
von Dingen der letzteren Art nur in so weit, als durch dieselben 
der Ausfluss der Wund-Secrete nicht gehindert wird. Als das 
beste Linderungsmittel der Schmerzen rühmt er den Aderlass, 
ausserdem Ruhe, Diät u. s. w. 

Die Grundsätze Pare's und Maggi's, denen später auch Bo- 
tallo beitrat, fanden nach kurzer Zeit, ungeachtet der von Ferri 
und Rota erhobenen Einwendungen, die Anerkennung aller ver- 
ständigen Wundärzte. In Deutschland, wo das Dogma von der 
giftigen Natur der Schusswunden weniger Wurzel gefasst hatte, 
als in Italien und Frankreich^), trug das Ansehn Lange's^), 
welcher im Jahre 1554 in einem an Conrad Gesner, mit welchem 
Wtirtz befreundet war, gerichteten Briefe sich für die von Pare 
vertheidigte Meinung erklärte, sehr viel dazu bei, derselben Ein- 
gang zu verschaffen. Aber auch diesmal zeigte sich, wie langsam 
es gelingt, veraltete Irrthümer auszurotten. Noch hundert Jahre 
nach dem Erscheinen der Schrift Pare's fand die von ihm nieder- 
geworfene Lehre einen Vertheidiger an Francesco Plazzoni. 



^) Malgaigne, Oeuvres de Pare, II. 134. 
8) S. oben S. 163. «) S. oben S. 144. 



Boreicherungon der Chirurgie. Schusswuuden. Amputation. 185 

Franc. Plazzoni, De vulneribus sclopetorum tradatus. Patav. 1643. 
— Reiche Erfahrungen über Schusswunden scheinen auch die spanischen 
Wundärzte in den langwierigen Vernichtungskämpfen gegen die Mauren 
und gegen die Eingeborenen von Süd-Amerika gemacht zu haben. Vergl. 
Antonio Poblacion y Fernandez, Memoria sohre el origen y vi- 
cissitudes de la terapeutica que hau usado los cirujanos espanoles en las 
heridas de arma de fiiego etc. Madrit, 1862. 4. Mit Nachrichten über 
alte spanische chirurgische Handschriften. (Gekrönte Preisschrift.) — 
Hiernach Ullersperger, Deutsches Archiv für klinische Chirurgie. Leipz. 
1873. IL 354 flF. 

Der Einfluss der neu begründeten Lehre von den Schuss- 
wunden gibt sich am frühesten und deutlichsten in der Ver- 
besserung der Amputation zu erkennen. Zerschmetterungen 
der Extremitäten und ihre Folgen gehörten zu den häufigsten 
Wirkungen der Schusswaffen. Die von den Hippokratikern ge- 
übte Absetzung brandiger Extremitäten durch Trennung derselben 
in den Gelenken bat auf die Bezeichnung «Amputation» kaum 
einen Anspruch ^*^). Die zuerst bei Celsus^^), dann bei Paulus 
von Aegina^^), Abulkasem^^), später bei Guy von Chauliac^^) 
beschriebene Amputation in der Continuität der Glieder und in 
den gesunden Theilen , deren Einführung allem Anscheine nach 
den Alexandrinern zu verdanken ist, wurde gewiss von den 
Wundärzten des Mittelalters nur höchst selten unternommen^^). 
Wir sahen, dass selbst noch Würtz sie niemals früher als sechs 
Monate nach der Verletzung ausführte^*'). Um so grösser er- 
scheint das Verdienst Botallo's, welcher vorschreibt, die Ampu- 
tation vorzunehmen, sobald sich die ersten Zeichen des drohenden 
Absterbens, beginnende Unempfindlichkeit der Theile u. s. w. zu 
erkennen geben. 

Auf das ihm zugeschriebene Verdienst, die «primären» Amputationen 
eingeführt zu haben, hat Botallo deshalb nur in sehr bedingtem Grade 
Anspruch. Gleich allen üebrigen handelt er von der Amputation in dem 
K£„pitel von der Gangrän, welche auch für ihn die einzige Indication 
jener Operation bildet. 

Die Wundärzte des sechszehnten Jahrhunderts befolgten bei 
der Amputation im Wesentlichen die von Celsus angegebene 
Methode. Die Bedeckung des Stumpfs durch Weichtheile wurde 
gewiss in der Mehrzahl der Fälle durch die umfangreiche An- 
wendung des Glüheisens und blutstillender Medikamente un- 



») S. Bd. I, S. 191. ") Bd. I. S. 289. ^'') Das. S. 472. 

^) Das. S. 583. i*) Das. S. 778. '^) Das. 

*) S. oben S. 167. 



186 Die neuere Zeit. Das sechszohnte Jahrhundort. 

möglich gemacht. Der erste Schritt zur Verbesserung des ge- 
bräuchlichen Verfahrens geschah durch Gersdorff, indem er auf 
die angemessene Ersparung von Weichtheilen Bedacht nahm, 
und die Stillung der Blutung, mit Ausschliessung des Glüheisens, 
nur durch blutstillende Arzneien und feste Vereinigung der 
Operationswunde bewirkte ^^). 

Als die dringendste Gefahr bei der Amputation erschien die 
Blutung. Zur Verhütung und Verminderung derselben gebrauchten 
die Wundärzte des sechszehnten Jahrhunderts dasselbe Mittel, 
dessen Vervollkommnung in unsern Tagen einen der segens- 
reichsten Fortschritte der operativen Chirurgie herbeigeführt hat: 
die feste, Venen, Arterien und Nerven comprimirende Ein- 
schnürung des Gliedes ober- und unterhalb der Operations-Stelle. 
Am bestimmtesten hebt diesen Zweck der Einschnürung, durch 
welchen zugleich die Schmerzhaftigkeit des Eingriffs vermindert 
werden sollte, Pare hervor. 

Er bezeichnet als ersten Zweck der Einschnürung die für die Be- 
deckung des Stumpfes erforderliche Fixirung der nach oben gezogenen 
Weichtheile: «La seconde est, qu'elle prohibe i'hemorrhagie ou flux de 
sang, ä cause qu'elle presse les veines et arteres. La troisieme est, qu'elle 
rend obtus et oste grandement le sentiment de la partie , pource qu'elle 
empesche pär sa grande compression Tesi^rit animal, qui donne sentiment 
par les nerfs ä la partie.» Oeuvres, IL 222. 

Freilich war dieses Verfahren, ohne die direkte Compression 
des arteriellen Hauptstammes, nur in sehr beschränktem Maasse 
im Stande, seinen Zweck zu erfüllen. 

Eine auch einigermassen annähernde Angabe über die Sterb- 
lichkeit der nach diesen Methoden Amputirten findet sich nir- 
gends; aber mit Bestimmtheit ist anzunehmen, dass dieselbe 
sehr beträchtlich war. Die meisten Todesfälle wurden unzweifel- 
haft durch Hämorrhagieen bei der Operation selbst, oder durch 
Nachblutungen herbeigeführt. 

Da erhielt die Lehre von den Amputationen eine völlig neue 
Gestalt durch das zweite, vielleicht grösste, Verdienst Pare's: 
die Einführung der Unterbindung der grossen Ge fasse. 
— Dass die Ligatur den Aerzten des Alterthums wohl be- 
kannt war, dass kleinere Gefässe bei blutigen Operationen 
von ihnen wahrscheinlich in gleicher Weise und ziemlich in 
demselben Umfange unterbunden wurden, wie gegenwärtig, ist 
früher gezeigt worden ^^). Eben so unzweifelhaft steht fest, dass 

^0 S. oben S. 164. i») S. Bd. L S. 499. 



Bereicherungen der Chirurgie. Amputation. Ligatur. 187 

die Wundärzte des Alterthums bei der Operation der Aneurysmen 
die prophylaktische Unterbindung der betreffenden Gefässstämme 
anwendeten ^'^). Dagegen ist ungewiss, ob sie sich der Ligatur 
der grossen Gefässe bei der Amputation bedienten. — Höchst- 
wahrscheinlich wurde die Gefäss- Unterbindung auch von den 
Wundärzten des Mittelalters sehr häufig geübt "'^). Dass Vigo 
bei Blutungen die Ligatur häufig anwendete, ist unzweifelhaft; 
bei Ferri, dem Zeitgenossen Pare's, gehört sie zu den gewöhn- 
lichsten Operationen. 

Pare wurde, wie bereits erwälint, durch mehrere Stellen Galen's 
auf den Gedanken geführt, die grossen Gefässe bei Amputationen 
zu unterbinden-^). Er bezeichnet die Erfindung als eine durch 
die göttliche Gnade ihm zu Theil gewordene Inspiration. Später 
vertauschte er die einfache Unterbindung, weil die Fäden häufig 
durchschnitten, mit der Ligatur «en masse». 

«II te ne faut estre trop cvirieux de ne pinser seulement que lesdits 
vaisseaux: pource qu'il n'y a danger de prendre avec eiix quelque portion 
de la chair des muscles, ou autres parties: car de ce ne peut aduenir aucun 
accident : ains auec ce Tynion des vaisseaux se fera mieux et plus seure- 
ment, que s'il n'y auoit seulement que le corps desdits vaisseaux compris 
en la ligature. Ainsi tires, on les doit bien Her auec bon fil qui soit en 
double.» Oeuvres, IL 224. Vergl. IL 286. III. 678. 680 seq. 

Tritt eine Nachblutung ein, so wird der Verband gelöst; ein 
Assistent umfasst das Glied mit beiden Händen, und comprimirt 
die grossen Gefässe in der Richtung ihres Verlaufs. Die Be- 
schreibung der hierauf folgenden Umstechung des Gefässes nennt 
Pare selbst dunkel und schwer verständlich^^). Uebrigens be- 
schreibt er nur die Amputation des Unterschenkels, als Beispiel 
für die übrigen, genauer; die des Oberschenkels (welche zuerst 
von Fabriz von Hilden ausgeführt wurde), hielt er für zu gewagt. 

Die Mangelhaftigkeit des technischen Verfahrens, die Häufig- 
keit der Nachblutungen, vor Allem die Macht des Herkommens, 
bewirkten es, dass die Ligatur keineswegs so rasch Eingang 
fand, als erwartet werden sollte. Schon Guillemeau, Pare's 
Schüler ^^), beschränkte sie auf die primären Amputationen, 
während er bei Gangrän das Glüheisen vorzog. Auch Franco^*) 
und Fabrizio von Acquapendente gebrauchten am liebsten 



») Bd. L S. 513. 2») Bd. I. S. 793. 

') S. oben S. 178. ^'') Oeuvres, II. 226. 

') S. oben S. 178. ^*) S. oben S. 179. 



183 Die neuere Zeit. Das sechszelinte Jahrhundert. 

glühende Messer. Noch in der ersten Hälfte des achtzehnten 
Jahrhunderts spielten die Cauterien bei der Amputation eine 
grosse Rolle; ja es kam dahin, dass Petit im Jahre 1733 die 
Ligatur ausdrücklich verwarf. 

Eine sehr gute Beschreibung der Ligatur grosser Gefässe gibt F a 1- 
loppio {Opera- Francof. 1660. IL 210). Nerven und Arterien sollen 
mittelst der Fingernägel sorgfältig isolirt werden; dagegen hält F. die Er- 
öffnung der Gefässscheide für überflüssig , weil der mit der Unterbindung 
derselben verbundene Schmerz nur gering und von kurzer Dauer sey. Zu- 
gleich warnt er vor einer zu festen Zusammenschnürung der Arterien. 
Falloppio wusste bereits, dass die Circulation im Unterschenkel nach 
Unterbindung der Arteria poplitea nach Ablauf eines Jahres hergestellt ist ; 
er leitet sie aber von einer Wiederherstellung der Wegsamkeit des durch- 
schnittenen Gefässes ab. 

Vergl. A. Adamkiewicz, Die mechanischen Blutstillungsmittel hei 
verletzten Arterien von Parc bis auf die neueste Zeit. Gekrönte Preis- 
schrift. Würzburg, 1872. 8. (SS. 213.) 



Steinschnitt. Hernien. Harnröhren-Stricturen. 

L. S. Saucerotte, Histoire abregee de la lithotomie, Paris, 1791. 8. 
— F. J. L. Deschamps, Tratte Mstorique et dogmatiqiie de V Operation de 
la taille. Paris, 1796. 8. 4 voll. — 2ino eclit. : Avec un Supplement dans 
leguel l'histoire de la taüle est continuee depuis la fin du siede dernier jus- 
qu'ä ce joiir; par L. J. Begin. Paris, 1826. 8. 4 voll. 

B. Stilling, Die rationelle Behandlung der Harnröhren-Stricturen. 
Auf der Basis einer pragmatischen Geschichte der inneren Urethrotomie nach 
eigenen Erfahrungen dargestellt. Cassel [Kay], 1870. 8. (SS. Vlll. 408.) 

276. Eins der wichtigsten Kapitel der operativen Chirurgie 
bildete seit den ältesten Zeiten der Steinschnitt^). Es wurde 
gezeigt, dass die Ausübung desselben wahrscheinlich erst in der 
Alexandrinischen Zeit aus den Händen umherziehender Specia- 
listen in die der Aerzte übergingt), dass die von Celsus^) und 
von Paulus von Aegina^) beschriebene Methode des «kleinen 
Apparats» das ganze Alterthum und Mittelalter hindurch die 
herrschende blieb, dass sie wahrscheinlich fortwährend vorzugs- 
weise von Specialisten ausgeführt wurde, als deren Repräsen- 
tanten seit der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts die Calabri- 
schen Wundärzte hervortreten'^). 

Die ersten wesentlichen Bereicherungen der Lithotomie, die 



») Bd. I. 31. 88. 100. •') Bd. I. S. 252. ^) Bd. 1. S. 289. 

♦) Bd. I. S. 508. *) Bd. I. S. 786. 



Bereicherungen der Chirurgie. Der Stoinschnitt. 189 

Erfindung des «grossen Apparats», des Steinschnitts über der 
Schamfuge, und des Seiten-Steinschnitts, fallen in das sechszehnte 
Jahrhundert. — Der Ursprung des «Apparatus magnus» ist in 
Dunkel gehüllt. Wahrscheinlich ist als Erfinder desselben Ber- 
nardo di ßapallo, der Vater Vigo's, zu betrachten*^), nicht 
aber der gewöhnlich angegebene Schüler Bernardo's, Giovanni 
Romani, aus Casal Maggiore, Wundarzt zu Cremona und Rom. 
Es scheint, dass Romani die Methode seinem Zögling, Mariano 
Santo, mittheilte'), welcher das zweifelhafte Verdienst erstrebte, 
dieselbe durch eine ansehnliche Vermehrung des instrumentalen 
Apparates zu vervollkommnen. 

Die herkömmliche Angabe, es sey der «grosse Apparat» zuerst im 
Jahre 1474 von einem gewissen Germain Colot auf Veranlassung König 
Ludwig's XI. von Frankreich bei einem zum Tode verurtheilten Verbrecher 
in Anwendung gekommen, ist durch Malgaigne (Oeuvres de Pare, I. 
p. CLIIL), welcher sogar glaubt , dass es nie einen Wundarzt jenes 
Namens gegeben habe, sehr unwahrscheinlich geworden. 

Das Wesentliche des «grossen Apparats» besteht darin, dass 
der erste vom Perinaeum aus in die Pars membranacea der 
Harnröhre geführte Einschnitt nicht mit freier Hand, sondern in 
der Rinne des «Itinerarium», einer starken Katheter- artig ge- 
krümmten, in die Blase eingeführten und mit der convexen 
Seite gegen das Perinäum gedrängten Hohlsonde, ausgeführt 
wird. Eine Reihe anderer Instrumente hat nur den Zweck, die 
Wunde der Harnröhre zu vergrössern, und diesen späteren Ein- 
griff vorzubereiten und zu sichern. 

Mariano Santo beschreibt das Verfahren in seinem Compendium in 
chirurgia, welches er im 25sten Lebensjahre in der sonderbaren Form eines 
weitschweifigen und geschmacklosen Dialogs herausgab. Das Kapitel vom 
Steinschnitt findet sich p. 184» der Gesner'schen Ausgabe (S. ob. S. 151). 
Die von Santo gebrauchten Instrumente sind: 1. der Katheter zur Unter- 
suchung der Blase; 2. das oben beschriebene «Itinerarium»; 3. das den 
ersten Einschnitt bewirkende ziemlich spitze Messer; 4. das «Explorato- 
rium», eine Sonde, welche auf der Einne des Itinerarium in die Blase ge- 
schoben wird, um den «ductores» (No. 5) den Weg zu zeigen; 5. zwei dem 
Exploratorium ähnliche silberne «Ductores», welche durch die Perinäal- 
Wunde in die Pars membranacea gebracht werden. Sie sind an ihrem äus- 
seren etwas gekrümmten Ende quer durchbohrt , um je ein Stäbchen auf- 
zunehmen , durch welches verhütet wird , dass sie in die Blase schlüpfen ; 
6. der «Aperiens», zwei nach Art eines Storchschnabels verbundene 



") S. oben S. 148. ') S. oben S. 150. 



190 Die neuere Zeit. Das sochszehnto Jahrhundert. 

Messer, deren gekrümmte Schneiden von einander abgewendet sind. Der 
Aperiens wird geschlossen auf den Ductores in die Perineal -Wunde einge- 
bracht, die ersteren entfernt, seine Griffe einander entgegen geführt, und 
auf diese Art die Wunde erweitert; 7. die Steinzange; (ein von Andern 
angewendetes Instrument zum Zerbrechen der Steine, der «Frangens» 
wird von Mariano als gefährlich verworfen) ; 8. das «Verrieulum», eine 
mit einem Kugel-Knopfe versehene Sonde, und der «Abstergens», ein 
Löffel-artiges Instrument, um nach Entfernung des Steins die Blase von 
Blut-Gerinnseln u. s. w. zu reinigen. 

Durch einen Schüler Mariano's, Octavianus de Villa, ge- 
langte der «grosse Apparat» zur Kenntniss eines französischen 
Lithotomen, Laurent Colot aus Tresnel, welchem Pare das 
Lob grosser Geschicklichkeit ertheilt, in dessen Familie sich die 
Methode, mehrfach verbessert, als Geheimniss forterbte. 

Pare, Oeuvres, 11. 469. Laurent Colot wurde im Jahre 1556 von 
Heinrich IL zum königlichen Lithotomen ernannt, eine Stelle, welche noch 
sein Enkel, Philipp (gest. 1656), bekleidete. Vergl. die Genealogie der 
Familie Colot in der Gaz. med. de Paris, 1855. No. 45. 

In späterer Zeit scheint das Verfahren Mariano's wenigstens 
in sofern in Vergessenheit gerathen zu seyn, als man die Er- 
weiterung des Einschnitts in die Harnröhre und die Prostata 
nicht mehr durch das Lithotome cache, sondern durch stumpfe 
Instrumente bewirkte, welche häufig genug die Schnittwunde in 
eine gequetschte und zerrissene verwandelten. 

Eine fernere Bereicherung erfuhr dieses wichtige Kapitel der 
Chirurgie durch Pierre Franco, den Erfinder des «Apparatus 
altus», des Steinschnitts über der Schossfuge^). Franco 
führte diese Operation zum ersten und letzten Male im Jahre 
1560 aus, als sich bei einem zweijährigen Kinde nach bereits 
ausgeführtem Celsus'schem Steinschnitt die Unmöglichkeit ergab, 
den Stein durch die Dammwunde zu entfernen. Der Kranke 
wurde hergestellt. Aber die Furcht vor den Verletzungen des 
Körpers der Harnblase war so eingewurzelt, dass Franco selbst 
vor der Operation warnte; ein Rath, welcher glücklicher Weise 
nicht befolgt wurde. — Eine wesentliche Verbesserung der 
Franco'schen Methode: die vorherige Füllung der Harnblase, 
wurde noch im sechszehnten Jahrhundert von Rousset^) (welcher 
übrigens den hohen Steinschnitt niemals ausführte), vorgeschlagen. 



«) Vergl. oben S. 179. 
») S. unten § 280, 



Bereicherungen der Chirurgie. Der Steinschnitt. 191 

ist aber erst in der neuesten Zeit ihrer Wichtigkeit gemäss ge- 
würdigt worden. 

[n Betreff der ferneren Geschichte des hohen Steinschnitts vergl. J. 
C. Carpne, Ä Mstory of the high operatmi for the stone. London, 1819, 
8. — G. B. Günther, Der hohe Steinschnitt seit seinem Ursj)runge bis 
zu seiner jetzigen Aushildwng. Leipzig, 1851. 8. (82 SS.) — A. Barde- 
leben, Lehrbuch der Chirurgie und Operationslehre, 6te Ausg. Berlin, 
1872. 8. IV. 181 ff. 

Um die von dem «hohen Apparate» erwarteten Vortheile auf 
einem andern Wege zu erreichen, ersann Franco ferner um das 
Jahr 1560 eine später mehrfach verbesserte Methode: die «Sectio 
lateralis» auf der Furchensonde zur Seite der Raphe, mit Er- 
weiterung der auf diese Weise bewirkten Prostata-Wunde durch 
das «Lithotome cache»^^). 

Mehrere von den sehr zweckmässigen Instrumenten Franco's sind 
copirt in Dalechamps' Uebersetzung des Pauhis von Aegina. 

Erhebliche Verbesserungen erfuhr ferner im sechszehnten 
Jahrhundert die Therapie der Hernien^^). Die Schwierigkeit 
der Radikal-Operation, ihre Gefahren, der in der Regel mit der- 
selben verbundene Verlust wenigstens eines Testikels, hatten 
schon seit langer Zeit zu Versuchen geführt, den Zweck der- 
selben auf unblutigem Wege zu erreichen. Als ein solcher er- 
schien das sehr ausführlich von Heinrich von Pfolspeundt^-), 
später auch von Pare^^) geschilderte Verfahren: anhaltende 
Rückenlage, verbunden mit der örtlichen Anwendung adstringi- 
render Medikamente, Druckverbänden u. dergl. 

Ein Drachenblut und ähnliche Stoffe enthaltendes «Emplastrum contra 
rupturas» stand noch lange in Ansehn. — Dass derartige Proceduren bei 
Kindern und jüngeren Personen oft von Erfolg waren, ist sehr glaublich. 
Aber Pare erzählt uns auch mit aller Ernsthaftigkeit von den guten Wir- 
kungen des in Pulverform iunei'lich gereichten Magnet-Steines. Wenn die 
Hernie äusserlich mit Eisenfeile bedeckt wurde, so sollte der von innen 
her wirkende Magnet mit dem Eisen auch den Leibesschaden nach ein- 
wärts ziehen ! 

Die Erfolge dieser Methoden waren nicht geeignet, die Ra- 
dikal-Operation zu verdrängen, welche deshalb fortwährend geübt 
und vervollkommnet wurde. Die besten Wundärzte verschlossen 
den Leisten-Kanal, mit Erhaltung des Hodens und Samenstranges, 



'""i Vergl. die Geschichte der Chirurgie im siebzehnten Jahrhundert. 
") Vergl. Bd. I. S. 505. 794. ^^) S. Bd. I. S. 791. 

") Pare', Oeuvres. I. 402 ff. 



192 Die neuere Zeit. Das sechszehnte Jahrhundert. 

durch feine goldene oder bleierne Drähte, oder durch gewöhn- 
liche Fäden. Pare nennt alle diese Methoden den «goldenen 
Stich» (Point dore). Die umherziehenden Herniotomen freilich 
verbanden ihr Verfahren noch lange Zeit mit der Castration. 

Welche Gefahren die Radikal- Operation mit sich führte, erhellt auch 
daraus, dass noch im Jahre 1693 der Eath von Zürich für nötbig hielt, 
den Wundärzten einzuschärfen, die Herniotomie nicht bei Lebens -Ueber- 
drüssigen vorzunehmen. Deshalb wurde wiederholt angeordnet, dieselbe 
nur im Nothfalle und ohne gleichzeitige Castration auszuführen. 

Am meisten wurde die Radikal - Operation der Hernien be- 
schränkt durch die allmälige Vervollkommnung der Bruch- 
bänder, welche zwar schon den Alten bekannt waren ^*), aber 
gewiss zufolge ihrer Plumpheit und Unbequemlichkeit häufig 
mehr schadeten als nützten, und deshalb im Ganzen wenig Ein- 
gang fanden ^^). Eiserne Bruchbänder kennt schon Lanfranchi; 
aber noch im Jahre 1480 spricht Marco Gatenaria, Prof. 
in Pavia, von denselben wie von einer neuen Erfindung. 

«Est unus ferrarius in Sancto Joanne in Burgo, qui facit bragerios 
ferreos, et sunt optimi et multum juvantes». Gatenaria, De caiisis 
aegritudinum. Lugd. 1532. f. p. 56*. 

Zu den am lebhaftesten verhandelten Gegenständen gehörte 
die seit dem Ende des fünfzehnten Jahrhunderts allgemein ver- 
breitete Syphilis ^'^). Für unsern gegenwärtigen Zweck kommen 
nur die mindestens schon den Aerzten der römischen Kaiserzeit 
sehr wohl bekannten^^) Stricturen der Harnröhre in Betracht. 
Am bekanntesten unter den Schriften über diesen Gegenstand 
ist die von Ferri^^). Nach seiner Meinung können «Auswüchse» 
(«carunculae») der Harnröhre aus allen möglichen allgemeinen 
und örtlichen Krankheitszuständen entstehen: Fehlern der Car- 
dinalsäfte, der Nieren, der Harnblase, Hernien u. s. w., zuweilen 
auch durch Tripper und Syphilis. Das sicherste Mittel, sie zu 
erkennen, sind Sonden aus Pflanzen-Stengeln (Malven, Petersilie, 
Fenchel), aus Wachs und Blei. Mit geeigneten Medikamenten im- 
prägnirt oder bestrichen dienen sie zugleich, wie schon Alexander 
von Tralles anführt, zur Beseitigung der Stricturen. Ferri 
nennt als solche Medikamente Grünspan, Quecksilber-Präcipitat 
und dergl. In hartnäckigen Fällen kommen Bougies aus einer 



>*) Bd. I. S. 506. '') Bd. I. S. 794. 

'«) S. Bd. III. '^) S. Bd. I. S. 511. '«) S. oben S. 153. 



Bereicherungon der Chirurgie. Hornlen. Stricturen der Harnröhre. 193 

Plastische Operationen. 

Mischung von Realgar, Aetzkalk, Essig und Wachs zur Anwen- 
dung. Von welchen Folgen freilich dieses Verfahren oft begleitet 
war, zeigt das Kapitel «von den phlegmonösen Abscessen und 
dem Erysipelas des Scrotum». Aber es fehlte auch bereits nicht 
an Versuchen, die, schon von den Aerzten des Alterthums geübte, 
wahrscheinlich nie ganz verloren gegangene, innere Durchschnei- 
dung der Stricturen wieder ins Leben zu rufen. Pare z. B. ge- 
denkt einer Canüle, welche an ihrem vorderen Ende zwei ovale, 
mit schneidenden Rändern versehene, Oeffnungen hat. — Bei 
syphilitischer Caries interna wendet derselbe bereits die Anbohrung 
des Knochens mit dem Exfoliativtrepan an. (II. 582 ff.) 

Die der Ferri'schen um ein Jahr vorausgehende (ob. S. 137 erwähnte) 
Schrift von Laguna konnte nicht benutzt werden. Haller {Bihl. med. 
pract. II. 61.) theilt aus dem Inhalte derselben mit, dass Laguna die 
Stricturen der Harnröhre von dem Tripper ableitet, welchen er für eine 
neue Krankheit erklärt, und dass er als Heilmittel Bougies empfiehlt , mit 
denen er durch «Philippus», Wundarzt Kaiser Karl's V., bekannt wurde. 
Anderswo wird gesagt, dass die von Laguna emi^fohlenen Einspritzungen 
von Bleiwasser von andern Aerzten verworfen wurden. 



Die plastischen Operationen. 

Die wichtigsten Werke über die Geschichte der plastischen Operationen 
sind Bd. I. S. 795 verzeichnet. Von älteren Schriften sind ferner zu er- 
wähnen: G. C. Carpue, An account of two succesful Operations for restoring 
a lost nose — — : to lohich are prefixed historical and physiological remarks 
on the nasal Operation, including descriptions of the indian and italian methods. 
London, 1816. 8. — Deutsch (mit Vorrede von Graefe): Berlin, 1817. 4. — 
C. F. Graefe, Ehinoplastik, oder die Kunst, den Verlust der Nase organisch 
zu ersetzen. Berlin, 1818. 8. — Pietro Sabattini, Cenno storico delV 
origine e progressi della rinoplastica e chleiloplastica. Bologna, 1838. 8. — 
A. Burggraeve, Memoire sur nne restauration de la face, precede d'un 
apergu historique sur l'autoplastie depuis son origine. Gand, 1839. 8. — 
I n s e g n a , Cenni sulla cliirurgia plastica e sopra Branca di Branca da Ga- 
tania. Cat. 1841. 8. [Rosenbaum.] — Verneuil, Recherches critiques sur 
l'histoire de Tautoplastie, in Gazette hehdomadaire de med. et de chir. Paris, 
1858. 8. No. 28. — Von besonderer Wichtigkeit ist eine in jüngster Zeit 
erschienene Abhandlung: A. Corradi, Dell' antica autoplastica italiana. 
Aus den Abhandlungen der Akademie zu Bologna, 1875. 4. p. 225 — 273. 

277. Die bei den indischen Aerzten, bei Celsus und Paulus 
von Aegina, sich findenden Nachrichten über plastische Opera- 
tionen sind bei früherer Gelegenheit besprochen worden^). Nicht 
minder die durch ihre hohe Ausbildung doppelt überraschende 
Kenntniss und Uebung der Rhinoplastik von Seiten Calabrischer 



') Bd. L S. 31. 287. 518. 
Haeaer, Gesch. d. Med. U, *n 



194 Die neuere Zeit. Das sechszehnte Jahrhundert. 

Chirurgen des fünfzelinten Jahrhunderts und unsres deutschen 
Heinrich von Pfolspeundt-). Aber auf dieses plötzliche, einem 
glänzenden Meteor gleiche, Aufleuchten folgt sofort wieder die 
alte geheimnissvolle Dunkelheit; mehr als hundert Jahre hindurch 
beweisen nur vereinzelte Nachrichten, dass die Kenntniss der 
plastischen Operationen nicht ganz erloschen war. Erst zu Ende 
des sechszehnten Jahrhunderts werden sie von neuem ans Licht 
gezogen, um bald darauf wiederum für mehr als zwei Jahr- 
hunderte der früheren Vergessenheit anheim zu fallen. 

Die früheste ärztliche Nachricht über die Rhinoplastik nächst 
der von Pfolspeundt findet sich bei Alessandro Benedetti^), 
welcher die Operation, obschon er selbst sie nicht ausführte und 
wahrscheinlich auch nicht ausführen sah, im Jahre 1502 im 
Ganzen richtig beschreibt, und als eine häufig geübte bezeichnet. 

«Aetate nostra narium deformitatem cohonestari docuere ingenia; 
carunculam e brachio suo concisam ad narium formam conseri addique 
trunco naso saepe visum est. Summam enim cutem brachii novacula 
excidunt, facto viünere, abrasis, si opus est, naribus vel noviter abscissis, 
capiti brachium deligant, ut vulnus vulneri cohaereat. Conglutinatis 
vulneribus e brachio tantum cultello demuiit, quantum instaurari conve- 
niat. Nasi enim venulae cognatae carunculae alimentum praebent, cutis- 
que demum superinducitur, pilis quandoque pro brachii naturae innascen- 
tibus. Eoque modo nares novas miro studio componunt, foraminaque 
faciunt audaci ingenio naturae imperantes. Id additamentum hiemis vehe- 
mentiam vix sustinet, et curationis initio nasum ne prehendant moneo, ne 
sequatur». Alex. Benedictus, Singulis corporis morhis remedia etc. 
Venet. 1533. f. p, 492. Die vorstehende Stelle findet sich auch in der 
zweiten Ausgabe der genannten Schrift vom Jahre 1502, weniger correct 
auch in der ersten von 1494. (Corradi, a. a. 0. S. 267.) 

Wenn hiernach das Verfahren im Wesentlichen auch kein Ge- 
heimniss mehr war, so blieb die Ausführung doch wahrschein- 
lich auf die Calabrischen Wundärzte, namentlich die Familie 
Vianeo, beschränkt. 

Die Angaben in Bd. I. S. 797 über die Mitglieder der Familie Vianeo 
sind nach den inzwischen veröfi"entlichten Forschungen Corradi's dahin zu 
berichtigen, dass die erstere, so viel bis jetzt bekannt , vier Wundärzte 
zählte: Vicenzo, dessen «nipote», Bernardino, und die Söhne des 
Letzteren, Paolo und Pietro, welche von Maida, dem früheren Wohn- 
sitze der Familie, nach Tropea übersiedelten. Beide Orte liegen in der 
jetzigen Provinz Calabria ulteriore IL, in den Bezirken von Poli Castro und 
Monteleone. 

Ein fernerer ärztlicher Bericht über das von der Familie 



^) Bd. L S. 795 ff. •■') S. oben S. 2G. 131. 148. 



Bereicherungen der Chirurgie. Die plastischen Operationen. Die Calabresen. 195 

Vianeo geübte Verfahren ist der eines Augenzeugen, Lionardo 
Fioravanti aus Bologna^). Derselbe begab sich zu Ende des 
Jahres 1549 nach Tropea, um das Verfahren kennen zu lernen. 
Er fand daselbst fünf Kranke, welche bereit waren, sich der 
Operation zu unterziehen. Fioravanti selbst gab sich für einen 
Cavalier aus, welcher im Interesse eines Verwandten, welcher 
der Operation bedürfe, dieselbe kennen zu lernen wünsche; ein 
Vorhaben, welchem die beiden Calabresen nicht die geringste 
Schwierigkeit entgegen stellten. 

Das Wesentliche des Verfahrens bestand nach Fioravanti's Beschrei- 
bung darin, dass, nach vorherigem Gebrauche eines Abführmittels, die 
Haut des linken Oberarms über dem Biceps in eine Falte von angemes- 
sener Grösse empor gehoben und durch einen unterhalb des zu bildenden 
Lappens geführten Schnitt so gelöst wurde , dass sie nach oben und unten 
mit der übrigen Haut in Verbindung blieb. Es wurde dann ein Stück 
Seide in die Wunde eingeführt und diese mit [wahrscheinlich reizenden] 
Medikamenten so lange behandelt, bis das betreffende Hautstück bedeutend 
anschwoll [um eine lebhafte Gefäss-Entwickelung zu erzeugen]. Hierauf 
wurde das Hautstück an dem dem Vorderarm zugekehrten Ende gelöst, 
und mit den vorher angefrischten Rändern der Reste der Nase durch die 
blutige Naht vereinigt, so dass die Epidermis des transplantirten Haut- 
stücks nach der Nasenhöhle zu gerichtet wurde. Nach erfolgter Ver- 
einigung wurde die Verbindung mit dem Oberarme gelöst, das betreffende 
Hautstück zur Bildung der Nasenlöcher benutzt, und mit der Oberlippe 
vereinigt. Zuletzt erhielt die Nase durch Auflegen metallener Modelle die 
entsprechende Form. 

«Et ogni giorno andava alla casa di costoro che ne haveano cinque da 
farli i nasi ; et quando volean fare quelle Operation! mi chiamavano a ve- 
dere. Et io fingendo di non potev veder tal cosa, mi voltava con la faccia 
a dietro, ma gli occhi vedevano benissimo, et cosi viddi tutto il secreto, 
da capo a piedi, et lo imparai. Et l'ordine e questo : Cioe la i^rima cosa 
che costoro facevano ad uno, quando li volevano fare tale operatione, lo 
facevano purgare, et poi nel braccio sinistro, tra la spalla ed il gombito, 
nel mezo pigliavano quella pelle con una tanaglia, et con una lancetta 
grande passavano tra la tanaglia et la carne del muscolo, et vi passavano 
una lenzetta o stricca [striscia] di tela, et la medicavano fintanto, che 
quella pelle diventava grossissima. Et come pareva a loro, che fosse 
grossa a bastanza, tagliavano quella pella ad una banda, et la cusivano al 
naso, et la ligavano con tanto artificio et destrezza, che non si poteva mo- 
vere in modo alcuno, fin tanto che la detta pelle non era saldata insieme 
col naso. Et saldata che era, la tagliavano al altra banda, et scorticavano 
il labro della bocca, e vi cusivano la detta pelle del braccio, et la medica- 
vano fin tanto, che fosse saldata insieme col labro. Et poi vi mettevauo 
una forma fatta di metallo, nella quäle il naso cresceva a proportione, et 
restava formato, ma alquanto piu biaiico della faccia. Et questo h l'ordine 



*) S. oben S. 112. 

13* 



19ß Die neuere Zeit. Das sechszehnte Jahrhundert. 

che questi tali tenevano nel fare i nasi. Et io lo imparai tanto bene 
quanto loro istessi, et cosi volendo lo saprei fare. Et h una bellissima 
pratica, et grande esperienza» . Leon. Fioravanti, 11 tesoro della vita 
humana. Venet. 1570. 4. IL c. 27. p. 47. 

Zwölf Jahre später berichtet der berühmte Historiker Ca- 
millo Porzio, welcher sich zu Tropea der Operation mit vor- 
züglichem Erfolge unterzogen hatte, in einem vom 9ten Juli 1561 
datirten Briefe an den auf dem Concilium zu Trient verweilenden 
Cardinal Seripando. Den Operateur nennt Porzio nicht; de Luca's 
Vermuthung geht mit Recht auf Pietro Vianeo. Die ganze Kur 
dauerte über einen Monat, die Verbindung des Arms mit dem 
Gesichte fünfzehn Tage. 

Der Brief ist abgedruckt in: Camillo Porzio, L'Istoria d'Ifalia 
nell' anno MDXLVIl e la Descrizione del regno di Napoli. Napoli, 1839. 
p. 14., und bei Corradi, a. a. 0. S. 270. 

Der letzte Sprössling des Geschlechtes der Vianeo, Pietro, 
lebte noch im Jahre 1571; im Jahre 1599 war die Familie nach 
den von Cortesi bei einem Besuche Tropea's eingezogenen Er- 
kundigungen erloschen. 

Wahrscheinlich bezieht sich auf Pietro Vianeo auch die Bemerkung 
von Da^a Chacon (S. oben S. 156), dass er, als er im Jahi-e 1571 mit 
dem Prinzen Don Juan d'Austria auf dem Wege nach Lepanto zu Neapel 
verweilte, von den Operationen der Calabresen gehört habe. (Da9a 
Chacon, Practica y teorica di Cirujia etc. 11. 2.) — Vielleicht war es 
gleichfalls Pietro, welcher den von Pare zwischen 1561 imd 1575 er- 
wähnten italienischen Edelmann operirte. (Pare, Oeuvres, IL 606.) — 
Noch andre Zeugnisse aus dieser Zwischenzeit S. bei Corradi, a. a. 0. 
239 ff. 

Die Wieder -Erweckung der plastischen Chirurgie zu einem 
neuen, aber auch diesmal rasch vorüber gehenden Daseyn ist das 
Verdienst von Gaspare Tagliacozzi^) (1546 — 7. Nov. 1599), 
Sohn eines Atlas -Webers zu Bologna, Professor der Anatomie 
und Chirurgie in seiner Vaterstadt, ein angesehener und weit- 
gesuchter Praktiker. Aus welcher Quelle Tagliacozzi seine Kennt- 
niss von dem Verfahren der Calabresen schöpfte, ist ungewiss. 
Am nächsten liegt es, an seinen Landsmann Fioravanti*^) zu 
denken. Indess wurde bereits gezeigt, dass die Rhinoplastik 



^) In der italienischen, dem Werke vorgedruckten, obrigkeitlichen 
Druck-Erlaubniss heisst der Verfasser «Tagliacozza». Corradi hat indess 
gezeigt, dass darauf wenig Werth zu legen, und dass es am sichersten ist, 
«Tagliacozzi» (lat. Taliacotius) zu schreiben. 

«) S. oben S. 195. 



Hereicheruugeii der Chirurgio. Platitibche Uperiitionou. Die Calaliroseu. Tagliacoüzi. 197 

schon längst kein Gelieimniss mehr war, dass es überall Personen 
gab, welche sich derselben unterworfen hatten. Tagliacozzi 
machte seine Methode, nach welcher er schon seit längerer Zeit 
öffentlich operirte, zuerst in einem an seinen CoUegeu Geronimo 
Mercuriale, welchem er zwei seiner Kranken vorgestellt hatte, 
gerichteten Briefe, dann in einem besondern Werke bekannt. 

Der Brief (vom 22. Februar 1586) erschien zuerst gedruckt in der 
zweiten Ausgabe von Hier. M e r c u r i a 1 i s , De decoratione. *Francof. 
1587. 8. p. 116. (Erste Ausgabe: *Venet. 1585.) Dann besonders: 
Prancof. 1587. 8. Er findet sich auch in den späteren Ausgaben von 
Schenck von Gräfe nberg's Ohservatmies , z. B. Francof. 1609. f. 
p. 202. 

Casp. Taliacotius, De chirurgia curtorum per insitionem, additis 
instrumentorum omnium et deligationem iconibns. Libri IL *Venet. apud 
Gasparem Bindonum juniorem. 1597. f. Mit 22 Tafeln roher Abbildun- 
gen. — Viel seltener ist der in demselben Jahre zu Venedig erschienene 
Nachdruck: Venet. 1597. f. (apud Robert. Meiettum.), von welchem 
wenigstens das *zweite Buch später nochmals gedruckt wurde. [Üniv.-Bibl. 
Breslau.]. Vergl. Zeis in v. Ammon's und v. Walther's Journal für 
Chirurgie und Äugenheiihmde. Bd. 34. 1845. S. 476 ff. — Ein viel 
schlechterer Nachdruck *Francof. 1598. 8. enthält sehr mittelmässige, 
bedeutend verkleinerte, Holzschnitte. — Neueste Ausgabe: ed. Troschel. 
Berol. 1831. 8. 

Dem Klerus von Bologna erschien Tagliacozzi's Unterfangen als ein 
freventlicher Eingriff in die Vorrechte des Schöpfers. Nach seiner Be- 
stattung im Kloster des heil. Johannes des Täufers hörten die Nonnen 
mehrere Wochen lang eine Stimme, welche verkündete, dass er der ewigen 
Verdammniss verfallen sey. Hiernach wurde seine Leiche aus ihrer Gruft 
entfernt, und in unge weihte Erde verscharrt! Corradi, a. a. 0. 273. 

Das Werk Tagliacozzi's ist ein Muster des weitschweifigen, 
von geschmackloser Gelehrsamkeit strotzenden Styles, welcher 
so häufig selbst die werthvoUsten Schriften des siebzehnten Jahr- 
hunderts verunziert. — Das erste Buch handelt in der bis auf 
die Bibel, Homer u. s. w. zurückgreifenden Einleitung mit er- 
müdendster Breite von der Wichtigkeit der Nase u. s. w., von 
den organischen Transplantationen überhaupt (Pfropfen, Inoculiren 
vegetabilischer und thierischer Gebilde) 5 das zweite Buch ist 
vorzugsweise der praktischen Ausführung der plastischen Ope- 
rationen gewidmet. Die Beschreibung des Verfahrens ist überaus 
genau und sorgfältig. Im Uebrigen unterscheidet sich die Methode 
Tagliacozzi's von der der Vianei fast nur durch den überreichen 
Apparat von Instrumenten, von welchen wohl nur dasjenige, 
welches für das Fassen und Ablösen des Armhaut-Lappens be- 
stimmt ist: eine sehr breite Pincette, deren beide Branchen an ihrem 



198 Die neuere Zeit. Das sechszehnto Jahrhundert. 

untern Ende eine lange querverlaufende linienförmige Oeffnung 
besitzen, in welcher das Messer geführt wird, als eine Ver- 
besserung gelten kann. Um so tadelnswerther ist die Gering- 
schätzung, mit welcher der vornehme und gelehrte Professor von 
Bologna da, wo er in flüchtiger Weise seiner Vorgänger gedenkt 
[I. c. 13. 19.], über die Leistungen jener Calabresen urtheilt. 
Von der grossen Verbesserung ihres Verfahrens durch unsern 
deutschen Heinrich von Pfolspeundt, welcher die Verbindung 
des Oberarms und der Nase nicht, wie die Branca, Vianei und 
Tagliacozzi selbst, erst am 15ten bis 20sten, sondern schon am 
8ten bis lOten Tage trennte^), hat der Letztere keine Ahnung, 
— Grosses Lob verdienen die Versuche Tagliacozzi's , durch 
welche er feststellte, dass die Sensibilität der neugebildeten 
Nase anfangs höchst gering ist, allmälig aber sich so steigert, 
dass sie die der normalen Nase übertrifft. — Die Benutzung 
der Stirnhaut für die Rhinoplastik hält Tagliacozzi für unzweck- 
mässig. 

Das Verfahren Tagliacozzi's zerfällt in sechs Akte («termini»): 1. Ab- 
lösung eines Lappens aus der Haut des Oberarms, mit Zurücklassung einer 
Brücke an jedem Ende, Vernarbung der untern Fläche; 2. Ablösung einer 
der beiden Brücken ; bei der Cheiloplastik der obern, bei der Ehinoplastik 
der unteren; 3. Anfrischung der Ränder der Nase [resp. der Lippen] und 
des Armhautlappens, Vereinigung mit der Stelle des Defektes , Fixirung 
des Armes ; 4. Beschneidung des Lappens resp. Bildung des Septums und 
der Nasenlöcher; 5. Anheftung des Septum an die Oberlippe; 6, schliess- 
liche Modellirung der Nase. 

Die häufigste Veranlassung zur Rhinoplastik bildet nach 
Tagliacozzi der durch Hiebwunden herbeigeführte Verlust der 
Nase. Indessen schliesst derselbe die durch Syphilis verursachten 
Zerstörungen keineswegs aus, sobald durch den Gebrauch von 
Guajak und Sarsaparilla die Dyskrasie getilgt ist. 

In Indien gehörte , wie noch jetzt im ganzen Orient , das Abschneiden 
der Nasen und Ohren zu den gewöhnlichsten Strafen. Bei den Byzantinern 
wurden selbst fürstliche Personen, die sich desVerraths schuldig machten, 
auf diese Weise gebrandmarkt. Zu den so Verstümmelten (pivoxfxritoi, 
Rhinotmeti) gehörten z. B. Herakleon, Justinian 11. und Leontius. Dass 
diese (häufig nur auf die knorpligen Theile beschränkten) Verluste auf 
plastischem Wege ersetzt wurden, geht aus Paulus von Aegina hervor. 
(S. Bd. I. S. 518.) — Es liegt nahe, zu vermuthen, dass mit den Strafen 
dieser Art auch die plastischen Operationen schon früh nach Sicilien ver- 
pflanzt wurden, um so mehr, als die ersteren von den germanischen Macht- 



') S. Bd. I. S. 800. 



Bereicherungen dor Chirurgie. Plastische Operationen. Tagliacozzi. ürilfon. Cortesi. 199 

habern beibehalten, und z. B. auf Ehebrecherinnen, Mütter, welche ihre 
Töchter der Prostitution preisgaben, angewendet wurden. Vergl. die Ver- 
ordnungen Kaiser Friedrich's und König ßoger's bei Lindenbrog, Codex 
le(jum antiquarum. Francof. 1613. f. (Constit. Sicul. III. tit. 43. 48, 53.) 

— Zachias, Quaestiones medico-1 egales. Norimb. 1726. f. V. tit. 3. 
quaest. 4. — und Bd. I. S. 796. 

Schon im Jahre 1592, fünf Jahre vor dem Erscheinen des 
Werkes von Tagliacozzi, und wahrscheinlich auch ohne Kennt- 
niss des von demselben im Jahre 1586 an Mercuriale gerichteten 
Briefes, führte Griffen, Wundarzt in Lausanne, nach der Be- 
schreibung eines von Tagliacozzi Operirten an einem von Soldaten 
verstümmelten Mädchen die Rhinoplastik mit Erfolg aus. 

Fabricius Hildanus, Opera. Francof. 1682. f. Observ. chir, 
Cent. III. obs. 31. p. 214. 

Demnächst beschrieb Cortesi, ein Schüler Tagliacozzi's, im 
Jahre 1625 mehrere von ihm ausgeführte rhinoplastische Opera- 
tionen. 

Cortesi, Miscellaneorum medicinalium decades denae. Messin. 1625. 
f. Die dritte Dekade dieses selbst in Italien seltnen Werkes enthält einen 
Abriss der Schrift Tagliacozzi's, mit Weglassung der gelehrten Zugaben. — 
Haller (Boerhaave, Methodus sfudii niedici. I. p. 514. 322.) gibt eine 
Uebersicht des Werkes nach dem ihm von Morgagni geschenkten Exemplare. 

Giambattista Cortesi aus Bologna (geb. 1553 oder 1554, gest. 
1634 oder 1636), Professor der Anatomie und Chirurgie in seiner Vater- 
stadt und in Messina, war ursprünglich Barbier, und promovirte erst im 
3 Osten Lebensjahre. Ausser dem oben genannten Werke verfasste er 
einen Tractatus de vuhierihns capitis. Messa,nae, 1632. 4. 2 voll, mit 
Abhandlungen über die Hippokratische Schrift von den Kopf- Verletzungen 
und über den Hydrocephalus der Kinder, — eine Practica medicinae 
(Mess. f. 2 voll.) und gab die Anatomie Varolio's (Francof. 1591. 8.) 
heraus. — Vergl. Medici, Compendio storico (S. oben S. 21) p. 114 fif. 

— Ferner findet sich bei Haller {Bihl. chir. 1. 272) die Angabe, dass ein 
Zeitgenosse Tagliacozzi's, Jacopo Zanarozu Montechiaro (bei Brescia), 
eben so gut operirte als Jener. 

Aber ungeachtet der von Tagliacozzi und seinen Schülern 
erreichten glänzenden Erfolge fand die Rhinoplastik auch diesmal 
keinen Eingang. Die vs'ichtigsten Ursachen dieser auffallenden 
Thatsache waren zunächst die schwerfällige und abstossende Form 
des Tagliacozzi'schen Werkes, ferner, wie Corradi mit Recht 
hervorhebt, ein Umstand, welcher noch lange nachher dem Fort- 
schreiten der Chirurgie im Wege gestanden hat: die geringe 
Beachtung, welche die meisten Wundärzte den literarischen Er- 
scheinungen ihres Faches zuwendeten. Am meisten indess wurde 



200 Dio neuere Zeit. Das sechszehnte Jahrhundert. 

die Einbürgerung der plastischen Operationen dadurch verhindert, 
dass man die, allerdings nicht geringen, Beschwerden derselben 
ins Ungemessene übertrieb, dass man z. B. die für dieselbe er- 
forderliche Zeit auf drei bis sechs Monate, ja auf ein Jahr aus- 
dehnte, dass man die schon im fünfzehnten Jahrhundert ver- 
breitete Fabel wiederholte, es werde der Verlust der Nase ver- 
mittelst der Haut dritter Personen ersetzt, bei deren Tode als- 
dann die neu gebildete Nase absterbe und verfaule. So kam 
es dahin, dass selbst Männer wie Pare und Falloppio, obschon 
ihnen mit glücklichem Erfolge operirte Personen bekannt waren, 
die Rhiuoplastik als abenteuerlich verwarfen, ja dass man die 
Beobachtungen Tagliacozzi's für erdichtet, und, wie es noch im 
Jahre 1742 von Seiten der Pariser Fakultät geschah, das ganze 
Verfahren für ein Unding erklärte. 

Nichtsdestoweniger geht aus ärztlichen und nichtärztlichen 
Zeugnissen des siebzehnten Jahrhunderts unzweifelhaft hervor, 
dass die plastischen Operationen in den engen Grenzen ihrer 
ursprünglichen Heimath, in Calabrien und Apulien, ununter- 
brochen fortlebten. 

Die wichtigsten Angaben sind folgende: Franc. Peccettius, Opera 
chirurgica. Flor. 1616. *Francof. 1619. 8. Lib. IL c. 77. «Et in hac 
arte periti in Apulia multi reperiuntur, sicut Nursiae [in Umbrien] multi 
castratores. » — Der berühmte Wundarzt Marc' Aurelio Severino zu 
Neapel {De novissime ohservatis abscessibus. cap. 18. L. B. 1724. p. 261. 
[Corradi, a. a. 0. 251] nennt im Jahre 1643 einen Calabresen Flami- 
nius Crassus aus Tropea, «curtorum instaurandorum peritum». — 
Campanella (Medicinalia jiixta propria j^rincipia. lib. VI. c. 8. art. 5) 
sagt, dass er viele von den Calabrischen Wundärzten Geheilte gesehen 
habe. 

So geschah es denn, dass eine der glänzendsten Bereiche- 
rungen der Chirurgie nach kurzer Zeit noch einmal in Vergessen- 
heit versank, um erst im neunzehnten Jahrhundert zu neuem 
Leben zu erwachen. 



Die Aagenheilknnde. 

278. Von allen Zweigen der praktischen Medicin war nächst 
der Geburtshülfe während des Mittelalters keiner so tief gesun- 
ken, als die im Alterthume so hoch ausgebildete und noch von 
den Arabern mit so grosser Vorliebe gepflegte Augenheilkunde. 
Allerdings handeln auch die scholastischen Aerzte von den Krank- 



Bereicherungen der Chirurgie, Die plastischen Oporationou. 201 

Die Augenheilkunde. Bartisch. 

heiten des Seh-Organs, es fehlt selbst nicht an Mouographieen 
über dieselben. 

S. Bd. I. S. 802. Aus dem Beginn des sechszehnten Jahrhunderts 
gehören hierher z. B. Lud. Bonaciolus, De natura oculorum. 1529. 
8. — (Anonymus), Ein tieues Büchlein von Kenntniss der Krankheiten der 
Augen. Strassb. 1538. 8. Mit Abbildungen. 

Von einer selbständigen Bearbeitung der Augenheilkunde, 
von einem Fortschritt, ist in keiner dieser Schriften etwas zu 
bemerken. Selbst die besseren Chirurgen vernachlässigten dieses 
Fach fast gänzlich. So gelangte dasselbe immer mehr in die 
Hände unwissender Barbiere und landfahrender Staarstecher, 
von denen die der geringsten Klasse, in Deutschland wenigstens, 
auf offener Strasse jeden «Blinden» um geringen Lohn (für 3, 
6, höchstens 12 Groschen!) und mit Instrumenten operirten, 
welche selbst Bartisch plump nennt, um alsdann den Kranken 
seinem Schicksale zu überlassen. Nicht besser als in Deutschland 
stand es in den Niederlanden, wo noch Foreest^) die überaus 
grosse Zahl der Blinden beklagt; ja selbst in Italien erhielten 
sich noch lange ähnliche Zustände. 

Ein grosser Theil des Verdienstes, die Augenheilkunde diesem 
traurigen Zustande entrissen zu haben, gebührt dem wackern 
Georg Bar tisch (ursprünglich wahrscheinlich Bartsch) aus 
Königsbrück bei Dresden (1535 bis gegen 1606), «Schnitt- Wund- 
arzt und Hof-Oculist» daselbst. Bartisch hatte die Chirurgie 
zunftmässig bei «Meister Abraham Meyscheider» erlernt, und, wie 
seine Genossen, auf Messen und Jahrmärkten geübt, durch Talent 
und Fleiss aber eine in seinem Stande ungewöhnliche allgemeine 
Bildung, und als Augenarzt (nicht weniger als Bruchschneider) 
einen über die Grenzen von Deutschland hinaus gehenden Ruf 
erworben. Das von ihm herausgegebene Werk ist das erste, in 
welchem die Augenheilkunde ihrer Bedeutung gemäss als eine 
selbständige Disciplin behandelt wird, und es bezeichnet eben 
so deutlich den Zustand, in welchem Bartisch die Augenheil- 
kunde antraf, als die Fortschritte, welche dieselbe ihm zu ver- 
danken hat, wenn auch Vieles von dem, was er lehrt, sich schon 
bei Celsus, Paulus und Abulcasem findet. Demgemäss erhielt 
es sich über hundert Jahre lang bei den deutschen Augenärzten 
in ungeschwächtem Ansehn. 



') S. oben S. 141. 



202 Die neuere Zeit. Das sechszehnte Jahrhundert. 

George Bartisch, OcpöaXixooouXsia, das ist Augendienst. 
Newer vnd wolc/egründter Bericht Von orsachen vnd erkentnüs aller Ge- 
hrechen, Schäden vnd Mängel der Augen vnd des Gesichtes, ivie man solchen 
anfenglich mit gebürlichen Mitteln hegegenen, vorkommen vnd wehren, Auch 
tvie man alle solche Gehresten künstlich durch Artzney, Instrument und 
Handgrieffe curiren, ivircken vnd vertreiben sol. — — Durch George 
Bartisch von Königsbrück, Bürger, Oculist, Schnit vnd Wundartzt in der 
Churfürstlichen Alten Stadt Dressden. Dergleichen zuuor noch nie an Tag 
noch in Augenschein kommen als jetzund erst geschehen im 1583 Jare. 
[Dresden.] f. Mit zahlreichen, wahrscheinlich von Bartisch selbst ge- 
zeichneten, sehr gut in Holzschnitt ausgeführten Abbildungen der abge- 
handelten Augenkrankheiten und Instrumente. Das Werk erschien, wie 
es scheint, auf Bartisch' Kosten. Es ist dem Kurfürsten August ge- 
widmet, welcher dem Verfasser dafür ein Gnadengeschenk von 25 Gulden 
gewährte. In dem in der Königlichen Bibliothek zu Dresden befindlichen 
*Dedications-Exemplar sind die Abbildungen sauber illuminirt. Vergl. die 
Beschreibung desselben in A m m o n , Geschichte der Augenheilkunde in 
Sachsen. Leipz. 1824. 8. S. 17 ff. — Zweite Auflage: *Sulzbach, 1686. 4. 
[Univ.-Bibl. Breslau,] Mit Abkürzungen und Abänderungen, wenigeren, 
aber besseren Holzschnitten. — Auch noch der ehrliche Bartisch verschmähte 
es nicht, sich und seine Medikamente durch gedruckte «Testimonien, wie 
er mit innerlichen und äusserlichen Curen vielen Menschen gerathen,» 
dem Publikum zu empfehlen. Hierher gehört: *Georg Bartischen, Ocu- 
listen, Steinschneiders vnd Artztes, Bürgers zu Dresden, Warhafftige, 

eigentliche vnd ausführliche Beschreibung der viel feit igen Kr äfft des 

grossen TJieriacks Andromachi. S. 1. 1602. 4. (22 ungezählte Blätter.) 
Mit Bartisch' Bildniss, anno aet. 66. [Univ.-Bibl. Breslau.] — Ein Sohn 
desselben, Tobias, von welchem sonst wenig bekannt ist, stand in Dresden 
als Wund- und Augenarzt gleichfalls in Ansehn. Zeis, Deutsche Klinik, 
1866. No. 29 u. 30. 

Bartisch beginnt seine Schrift, nach dem Abdruck von aller- 
hand Zeugnissen, Gebeten u. s. w. , mit einer kurzen, durch 
rohe, zum Theil über einander zu legende, Abbildungen erläuterte 
Anatomie des Auges, und der Aufzählung der dem Oculisten noth- 
vrendigen Eigenschaften. 

Der Oculist soll unter Anderm «mit der Leibartzney guten Bescheid 
wissen, das Barbierer- oder zum wenigsten das Bader-Handwerk gelernt 
haben. Derwegen dienen und gehören die durchaus gar nicht darzu, die 
da vom Pfluge, Flegel vnd Mistwagen, oder andern Handwercken im Alter 
darzu kommen vnd sich begeben, wie denn jetziger zeit derselben am 
meisten sein». (Bl. Ha.) — Zur Erreichung der Ambidexterität empfiehlt 
Bartisch das Spielen musikalischer Instrumente (Harfe, Laute). 

Gegen das Schielen dient eine Art Schielbrille: eine Kapuze 
mit zwei Löchern. Dazu Scammonium- Pastillen, versehen mit 
einem Stempel, welcher Bartisch' Namen und Wappen trägt; ein 



Die Augenheilkuude. Bartisch. 20o 

Ueberbleibsel von den Stempeln der Oculisten des Alterthuras'*). 
— Gegen «blödes Gesicht» dienen Brillen (von deren Wirkungsart 
Bartisch keine Ahnung hat), und Amulete (stets abgebildet). — 
Der Staar zerfällt in die graue, blaue, grüne und gelbe Abart. 
Die grüne Cataracta traumatica wird sehr gut beschrieben; eben 
so kennt Bartisch die Cataracta lactea, und die Synechia poste- 
rior. Die Cataracta hält Bartisch wie alle seine Vorgänger und 
Zeitgenossen für eine im Humor aqueus erzeugte dünnere oder 
dickere, namentlich vor der Pupille sich findende Haut. (S. 64 ff.) 
Unter den Ursachen werden auch Keuschheit und Ehelosigkeit 
genannt. Eine Unzahl von äusseren Mitteln, Wässern, Salben, 
Umschlägen u. s. w. , deren Aufzählung den grössten Theil der 
Schrift füllt, wird, wie gegen alle folgenden Augenübel, so auch 
gegen den Staar empfohlen. — Die Operation (S. 86 ff.) wird 
durch allerhand, zum Theil sonderbare, Vorbereitungen einge- 
leitet. Die einzige beschriebene Methode ist die Sklerotikonyxis, 
mit einem pfriemenartigen, aus Silber mit vergoldeter Spitze 
gefertigten, Instrument, durch welches die Linse von hinten her 
deprimirt wird. 

Die Nadeln der gewöhnlichen Oculisten waren von Eisen oder Messing, 
«daran sind Spitzen, das ein schuster ein bar schuhe darmit abnehen 
könte, oder ein Fleischer ein Kalb mit abstechen möchte». Viele steckten 
Nähnadeln auf hölzerne Griffe. Bartisch erzählt (S. 74) von den durch 
«grobe und unerfahrene Kerle» angerichteten Schäden, die «zu einem Ort 
einstechen und zum andern wieder heraus, streichen innwendig wol offt 
oben und unten, und auf allen selten an, zerreissen auch wol inwendig das 
Fellichen Retinam und Araneam, dass das Blut inwendig über den Stern 
herunter fliesst.» Blatt 62a ist eine Staaroperation abgebildet, der Ope- 
rateur im schwarzen Habit, der Assistent junkerhaft aufgeputzt. 

Der schwarze Staar (S. 136) besteht in Verzehrung der Spi- 
ritus oder Verstopfung der Sehnerven. Im ätiologischen Ab- 
schnitte finden sich recht gute Bemerkungen, namentlich über 
die symptomatische Amaurose bei Unterleibskranken und bei 
Schwangeren. — Das Hauptmittel gegen den schwarzen Staar 
ist das Haarseil. Bei langwierigen Augenentzündungen und 
Blennorrhoen (S. 151 ff.) bedient sich Bartisch ebenfalls eines 
Haarseils, welches durch eine mit einer glühenden Nadel durch- 
stossene Hautfalte im Nacken gezogen wird. — Naturgemäss ist 
die Beschreibung der auf rheumatische Ophthalmieen folgenden 
Phlyktänen. — Geringere Grade des Iris-Staphyloms beschreibt 

2) Bd. I. S. 402. 



204 UJe neuere Zeit. Das sechszeliute Jahrhundert. 

Bartisch als «Muox£(paXov, Ruptura formicalis, muscalis, vespalis, 
granalis». (S. 200.) Zur Behandlung Nichts als einige Augen- 
wässer. — Die Photophobie wird unter dem Namen «Sonnenschuss» 
beschrieben, auch der «Phthisis pupillae» [Myosis] gedacht^). — 
Gegen den Pannus ebenfalls fast nur Bähungen, Waschungen, 
Salben u. s. w. Im schlimmsten Falle Abtragung mit dem Messer, 
nach vorheriger Anziehung des Pannus mittelst mehrerer durch 
ihn hindurch gezogener Fäden. Hierbei wird der Kranke mit 
allen Gliedern auf einen Stuhl festgebunden. — Bei der Thränen- 
fistel wird nach Eröffnung des Sackes ein (als Pressschwamm 
wirkendes) Stück Enzianwurzel oder Rübe eingelegt, und nach 
einiger Zeit eine ätzende Flüssigkeit oder das Glüheisen ange- 
wendet, um den vermeintlichen Balg zu zerstören. — Die Kapitel 
über die Krankheitszustände der Augenlider wiederholen im 
Wesentlichen die schon im Alterthum, namentlich bei Paulus 
von Aegina, sich findenden Angaben. — S. 337 ff. handeln von 
den Verwundungen des Auges. — Die Exstirpation des Aug- 
apfels, eine Operation, welche bei Bartisch zum erstenmale er- 
wähnt wird, soll bei Krebs und Prolapsus des Bulbus mit löffel- 
artig geformten Messern ausgeführt werden. 

Die zwei Jahre nach der von Bartisch erschienene Schrift von G ui He- 
rne an; Traue des nialadies de Voeil. Paris, 1555. ist wenig mehr als 
eine Znsammenstellung der bei den alten Aerzten sich findenden Bemei'- 
kungen über Augenkrankheiten. Eine holländische Uebersetzung derselben 
von Joh. Verbrugge wurde noch im Jahre 1710 wiederum deutsch bear- 
beitet : Martin Schurig, Der aufrichtige Äugen- und ZaJm-Ärtzt, 
oder 118 Angen-Beschiverungen mit ihren Ursachen, Signis und Curen. 
Dresden, 1710. 8. 



Die Geburtshülfe im sechszehnten Jahrhundert. 
Hebammenbücher. Sammelschriften. 

279. Weit langsamer äusserten die neu gewonnenen An- 
schauungen ihren befruchtenden Einfluss auf die Geburtshülfe. 
Dieselbe befand sich fortwährend fast ausschliesslich in den 
Händen der Hebammen, von denen allerdings wohl einzelne, 
z. B. die an den Höfen angestellten, eine bessere, aber doch 
immerhin nur empirische, Bildung besitzen mochten. Für die 

^) S. Bd. I. S. 523. w, 



Die Augenheilkunde. Bartisch. Die Geburtshülfe. Hebammenbücher. Uöslin. 205 

Aerzte kam die Geburtshülfe fortwährend fast nur als ein Kapitel 
der operativen Chirurgie in Betracht; die grossen Leistungen 
des Alterthums waren vergessen. 

Die Neubegründung der Geburtshülfe im sechszehnten Jahr- 
hundert entspringt in erster Linie aus der Wiederbelebung der 
anatomischen Studien. Die hergebrachten, zum Theil ganz 
irrigen, Vorstellungen über den Bau und die noch fabelhafteren 
über die Functionen der weiblichen Geschlechtstheile werden 
berichtigt. Demnächst entwickeln sich die schüchternen Keime 
einer geburtshülflichen Literatur, welche sich darauf beschränkt, 
das früher Geleistete, so roh und mangelhaft es sich erweisen 
mag, zusammen zu stellen. Es erscheinen Lehrschriften für den 
Unterricht der Hebammen und Wundärzte. — Der erste grosse 
praktische Fortschritt knüpft sich auch auf diesem Gebiete an 
den Namen Pare's: die Wiedereinführung der Wendung; — 
den Schluss dieser Periode bezeichnet die Bereicherung der Ent- 
bindungskunst durch den Kaiserschnitt. 

Die Reihe der compilatorischen Schriften des sechszehnten 
Jahrhunderts über die Geburtshülfe wird eröffnet durch den be- 
rühmten Rosengarten von Eucharius Röslin (Rhodion) 
dem Aelteren (gest. 1526), Arzt zu Worms und Stadtarzt zu 
Frankfurt am Main. Eigene Erfahrung geht dem Verfasser fast 
gänzlich ab; dagegen spielen unzählige zur Beförderung der 
Geburt empfohlene Arzneimittel die wichtigste Rolle. Die An- 
gaben Röslin's über die abnormen Kindeslagen, welche durch 
sehr rohe Abbildungen versinnlicht werden, sind im höchsten 
Grade irrig; dennoch ist es als bedeutender Fortschritt zu be- 
zeichnen, dass die Wendung auf die Füsse bereits wieder in 
ihre Rechte eingesetzt zu werden anfängt. 

Euchariiis Röslin, Der Sivangern Fraiüen und Hebammen Eosen- 
garten, s. 1. et a. 4. Mit Holzschnitten. (Vorrede: Worms, 1513.) 
[Göttingen.] Eine andere gleich alte Ausgabe gleichfalls s. 1. et a. 4. 
Strassburg, 1522. 4. Augsburg, 1528. 4. u. öfter. Zuletzt: Hehammen- 
büchlein u. s. w., herausg. von Adam Lonicerus. Frankf. a. M. 1608. 
8. — Lateinisch: Francof. 1532. 8. und öfter. Venet. 1536. 8. Paris, 
1538. 8. Auch französisch , holländisch und englisch. — Eucharius 
Röslin der Sohn (gest. 1553 oder 1554), gleichfalls Stadtarzt zu Frank- 
furt, ist Verfasser eines Kräuterhuchs. Frankf. a. M. 1533. f. 1546. f. 
und mehrerer anderer Schriften, so wie Herausgeber mehrerer Auflagen 
des Ortus sanüatis. (S. Bd. I. S. 818.) Vergl. Stricker, Janus, II. 
394., hauptsächlich Choulant, Graphische Incimdbeln, S. 88. — Der 
Rosengarten des Strassburger Wundarztes Walther Hermann ßeiff 
(S. oben S. 157) ist nichts als eine neue Ausgabe der Schrift Röslin's, 



206 iJie neuere Zeit. Das sechszelinte Jahrhundert. 

dessen Name in derselben nirgends genannt wird. — Walther ßeiff, 
Frawen Rosengarten u. s. w. Frankf. a. M. 1545. f. 1569. 8. 1603. 8. 

Noch geringeres Interesse haben einige andere, zum Theil 
der von Röslin nachgebildete, Schriften aus dem Anfange des 
sechszehnten Jahrhunderts. Die älteste von ihnen ist die von 
Ludovico Buonaccioli, Professor zu Ferrara, welcher fast 
nur das Physiologische der Schwangerschaft und Geburt ab- 
handelt, — demnächst mehrere Schriften des Jason van der 
Velde (de Pratis, Pratensis, auch van de Meersche) 
aus Zirikzee (1486 oder 1487 — 1558), eines angesehenen und 
verständigen Praktikers, — und die etwas späteren von Nico- 
laus Rochen s. 

Lud. Bonaciolus, Enneas muliebris. Der Lucrezia Borgia, der 
Beschützerin der Wissenschaften und Künste gewidmet. Die erste Aus- 
gabe erschien schon vor 1521. Später in W o 1 f 's und S p a c h's Collect, 
gynaeciorum. 

Jason a Pratis, De uteriSj de pariente et partu. Antverp. 1524. 8. 
*Amstelod. 1657. 12. — De pariente et partu liher, ohstetricihus^ jmer- 
peris nutricibusque utilissimus etc. Antverp. 1527. *Amstelod. 1657. 12. 
— De arcenda sterilitate et progignendis liheris. Antverp. 1531. * Am steh 
1657. 12. — De tuenda sanitate lihri IV. Antverp. 1538. 4. — De 
cerebri morbis. Antv. 1545. Basil. 1549. 8. — Die vier ersten Schriften 
beurtheilt Haller {Methodus stitdii med. 288. Bibl. anat. 1. 170. Bibl. chir. 
I. 186. Bibl. med. pract. I. 511.), vielleicht nicht ganz mit Recht, sehr un- 
günstig. Ueber die zuletzt genannte Schrift vergl. Banga, GescMedenis 
van de Geneeskunde in Nederla}id. Leeuwarden, 1868. 8. S. 32ff. 

Nicol. Kocheus, De morbis mulieriim curandis. Paris, 1542. 12. 
und in allen gynäkologischen Sammlungen des sechszehnten Jahi'hunderts. 

Unter den in der zweiten Hälfte des sechszehnten Jahrhun- 
derts erschienenen, zunächst für die Hebammen bestimmten, 
Lehrschriften, in denen sich bereits der Einfluss besserer Grund- 
sätze geltend macht, sind die von Jacob Rueff (Ruff, Ruoff), 
«Bürger und Steinschneider» zu Zürich (gest. 1558), einem viel- 
seitig gebildeten, auch als Verfasser geistlicher Komödien be- 
kannten Manne, und von Adam Lonicerus, Stadtarzt zu 
Frankfurt am Main, hervorzuheben. Indessen stehen dieselben, 
gleich denen von Ambrosius Papen und den Vielschreibern 
Joh. Wittich und David Herlicius (Herlitz), noch auf 
einer weit tieferen Stufe, als mehrere fast gleichzeitig in Frank- 
reich erschienene Schriften^). 



^) Vergl. unten die Geschichte der Geburtshülfe während des sieb- 
zehnten Jahrhunderts. 



Die Geburtsliülfe. Hebammen bücter. llöslin. Kneff. Geburtshülfliche Sammelschriften. 207 

Jacob Rueff, Ein schön lustig Trosthüdile von den empfangknussen 
und geburten der menschen, unnd jren vilf altigen zufälen und verhinder- 
nussen u. s. w. Zürich, 1554. 4. 1549.'? 4. *Prankf. a. M. 1600. 4. 
{Hebammenhuclt.) — Lateinisch : De concejjtione et generatione hominis etc. 
*Tigur. 1554. 4. Fraucof. 1580. 4. *1587. 4. — Holland.: 1670. 4. 
— Vergl. Choulant, Graphische Incunobeln, S. 91. — Weil Rueff zur 
Entfernung todter Kinder gezähnte Zangen empfiehlt, so ist er hin und 
wieder für den Erfinder der Geburtszange ausgegeben worden. — Vergl. 
H. J. Broßrs, Onse oude vroedfrouwenboeken. Het boek van de vroed- 
wijfs van J. Rueff. Nederl. Tijdschr. for Geneeskunde. 1872. No. 26. 

Ad. Lonicerus, Reformation oder Ordnung für die Hebammen, 
allen guten Polizeijen dienlich. Gestellt an einen Erbaren Rath des Heyligen 
Reichs Statt Frankfurt, am Meyn. Frankf. a. M. 1573. 4. 1703. 4. — 
Adam L. (1528 — 1586) war der Nachfolger seines Vaters Johann L. 
Er verfasste auch ein Kräuterbuch. — Die Hebammenordnmig findet sich 
im Auszuge: Jantis, II. 619 ff. 

Ambr, Papen. Nöthiger Bericht von schwangeren und gebärenden 
Frauen. Magdeb. 1580. 8. — Joh. Witt ich, Tröstlicher Unterricht 
für schwangere und gebärende Weiber. Leipzig, 1591. 4. 1598. 4. — 
Dav. Herlicius von Zeitz, bestalter Physikus zu Stai'gardt in Pommern, 
De cura gravidarum, p>u£rperarum et infantum. Gründliche Unterrich- 
tung unnd fast neive Erklärung, den schwangeren Frauen und Kindbette- 
rinnen gethan u. s. w. 3te Aufi. Alt-Stettin, 1602. 4. 1610. 4. 1628. 8. 

In Bezug auf England vergl. J. H. Aveling, English midunfes, their 
history and prospects. Lancet, 1872. p. 501. 533. 608. 799. 822. 

Die wachsende Theilnabme, vrelche sich, hauptsächlich in 
der zw^eiten Hälfte des sechszebnten Jahrhunderts, der Geburts- 
hülfe zuwendete, ergibt sich auch aus der Veranstaltung mehrerer 
gynäkologischer Sammelwerke. Die erste derartige Sammlung 
wurde von Conrad Gesner in Zürich^) vorbereitet, und von 
Caspar Wolf herausgegeben. Als eine Erweiterung derselben 
ist die von Caspar Bauhin ^), dann in einer neuen Redaction 
von Israel Spach, Professor in Strassburg, veröffentlichte 
Sammlung anzusehen. 

Casp. Wolf, Gynaeciorum, hoc est de mulier um tum aliis, tum gra- 
vidarum, parientium et xmerperarum affectihus et morbis libri etc. Basil. 
1566. 4. Diese Sammlung enthält mehrere Bruchstücke aus den Werken 
des Moschion, Theodorus Priscianus und der Cleopatra, von neuereu 
Schriften die des Rocheus , des Buonaccioli, eine Abhandlung von Jacques 
Dubois (Sylvius) über die Menstruation, und endlich Wolfs Ausgabe des 
Moschion. — Isr. Spach, Gynaeciorum libri etc. Argent. 1597. f. — Die 
Bauhin-Spac h'sche Sammlung enthält ausser den Schriften der Wolf - 
sehen Collection noch anatomische Tabellen und Abbildungen (nach Felix 



') S. oben S. 10. ^) S. oben S. 57. 



208 Di© neuere Zeit. Das sechszehnte Jahrhundert. 

Platter), die Schrift von Rueff, und mehrere gynäkologische Abhandlungen 
von Montanus, Trincavella, Bottoni, le Bon, Pare, Mercatus u. m. A. 

Ausser den in diesen Sammlungen enthaltenen Schriften wurden 
während des sechszehnten Jahrhunderts noch eine Reihe gynäkologischer 
Schriften von Massaria, Bald. Ronsseus, Schenck von Grafenberg, Winther 
von Andernach, Joh. Varandaeus zu Montpellier, Herm. Corbejus zu Dort- 
mund, Severin Pineau*) und dem Engländer Jac. Primrose veröffentlicht, 
(v. Siebold, II. 119.) 

Das, wenigstens seinem Umfange nach, bedeutendste Buch 
dieser Art wurde im Anfange des siebzehnten Jahrhunderts von 
Rodericus a Castro, einem portugiesischen, zu Hamburg 
lebenden, Arzte, herausgegeben. 

Rodericus a Castro, De universa midier um medicina opus 

absolutissimum. Col. 1603. f. Hamburg. 1604. f. 1617. 4. 1628. 4. 
1662. 4. 



Die Wendung. Der Kaiserschnitt. 

W. Franke, Die Wendung auf die Füsse bei engem Becken. Ein 
historisch -liriUsclier Versuch. Halle, 1862. 8. (SS. 118.) — Franz Hard- 
m e y e r, Geschichtliche Entwickelung des Kaiserschnitts aus den Quellen dar- 
gestellt. Wädenschweil, 1847. 8. (Auf die Benutzung der im Buchhandel 
verschollenen Schrift von Hardmeyer musste verzichtet werden.) 

280. Der erste positive Fortschritt wurde der Geburtshülfe 
in der uns beschäftigenden Periode durch die Wiedereinführung 
der bereits von den indischen Aerzten und Geburtshelfern des 
Alterthums geübten Wendung auf die Füsse zu TheiP), von 
welcher sich wahrscheinlich schwache Erinnerungen bei Heb- 
ammen und Wundärzten erhalten hatten. Schon im Jahre 1513 
wird sie, wie bereits gesagt wurde, von Röslin erwähnt^) und 
Pare selbst berichtet, dass sie vor ihm von zwei Pariser Wund- 
ärzten, Thierry de Hery und Nicole Lambert, ausgeführt 
worden sey. Dennoch hat Pare das Verdienst, diese Operation 
im Jahre 1550 zuerst wieder ausführlich gelehrt und zum Ge- 
meingut der Geburtshelfer gemacht zu haben. 

Die betreffende Abhandlung befindet sich in Parö's Briefve collection 
de l' administration anatomique etc. (S. ob. S. 171 No. 2.) [Malgaigne, 
Oeuvres de Pare, IL 623.] — Eine ausführliche Darstellung der wich- 
tigsten geburtshülflichen Gegenstände gab Pare in seiner Schrift: Deux 
livres de cJiirurgie etc. (S. oben S. 172 No. 7.), von denen das erste die 



") S. oben S. 179. 

') S. Bd. I. 33. 204. 293. 318. '') S. oben S. 205. 



Die Geburtshülfo. Die Wendung. Der Kaiserschnitt. 209 

Gynäkologie und Entbindungsknnst, das zweite die mit allem Aberglauben 
des Mittelalters reichlichst ausgestattete Lehre von den Missbildungen ab- 
handelt. Oeuvres de Pare, IL 633 flF. 

Nach einer Stelle in der Ausgabe von 1607 hat man Pare auch die 
Erfindung des Accouchement force zugeschrieben; Malgaigne (a. a. 0. IL 
699) zeigt indess, dass diese Stelle erst nach Pare's Tode hinzugefügt 
wi;rde. Nachdem Pare's eigene Tochter durch das Accouchement force 
hatte entbunden werden müssen, so wünschten die Verwandten, dass auch 
dieser Operation in seineu Werken gedacht werden möge. Da aber Parö 
das Accouchement force durchaus verwirft, so entsteht durch den er- 
wähnten Zusatz an jener Stelle vollkommener Unsinn, 

Pare's Vorschriften wurden von Pierre Franco fast wört- 
lich wiederholt, weshalb diesem lange Zeit mit Unrecht die 
Wiedereinführung der Wendung zugeschrieben wurde. 

Eine durchaus auf eigenen Erfahrungen beruhende, die Lehre 
Pare's bestätigende Darstellung fand die Wendung durch Guil- 
lemeau, Pare's Schüler. 

Jacq. Guillemeau, De l'heureiix accouchement des femmes etc. 
Zuerst in dessen Chirurgie frangaise. Par. 1594. f. Dann besonders ge- 
druckt: Par. 1609. 8. (1619. 4.?) 1620. 8. 1642. 8. 1809. 8. [Begin.] 
— Englisch: Lond. 1612. 4. (?) 

Auch den Anfängen der Bearbeitung der Lehre vom Kaiser- 
schnitt, einer der ältesten Operationen^), begegnen wir zuerst 
im sechszehnten Jahrhundert. 

Fälle von Eröffnung der Bauchhöhle bei Extra-Uterin-Schwangerschaft 
finden sich schon in früher Zeit. Hierher gehört höchst wahrscheinlich die 
vom Bischof Paulus von Merida ausgeführte Operation (Bd. I. S. 803), 
ferner unzweifelhaft der von Matthias Cornax, Prof. zu Wien, in der 
Mitte des sechszehnten Jahrhunderts beobachtete Fall. Matth. Cornax, 
Historia quinquennis fere gestationis in utero, et quomodo infans semipu- 
tridus resecto utero exemptus sit et niater curata absque sutura evaserit. 
Vienn. 1550. 4. Basil. 1564. 8. — Der häufig angeführte, von Nico- 
laus Florentinus (S. Bd. I. S. 713) erzählte Fall einer Frau, «cujus 
fetus fuit in ventre ejus», bei welcher einige Monate nach Abgang der 
Wässer durch die Scheide eine Oeffnung am Unterleibe entstand («facta 
est apertiO in ventre ejus»), durch welche die Knochen des Kindes ent- 
fernt wurden, kann nur als eine spontane Abscedirung gedeutet werden. 
Nicolaus Florentinus, Sermones medicinales VII. 4 voll. *Venet. 
1491. f. [Bibl. Jena.] Sermo VH. tract. 3. cap. 46. fol. 71a. — Eine 
zweite Ausgabe Venet. 1533. f. [Bibl. Göttingen.] — Vergl. Siebold, 
Geschichte der Geburtshülfe, II. 94. — Einen unzweifelhaften Fall von 



^) S. Bd. I. S. 36. Gl. 539. 

Ha es er, Gesch. d. Med. II. ^a 



210 iJie neuere Zeit. Das sechszehnte Jahrhundert. 

Kaiserschnitt au einer Lebenden, ans dem Jahre 1350, hatLammert 
{VoJksmedicin und medicinischer Aberglaube in Bayern. Würzb. 1868. 8. 
S. 12) ans Licht gezogen. Er findet sich in der handschriftlichen Ge- 
schichte der Krankheiten und Visionen der Margaretha Ebnerin, Nonne 
zu Medingen in Schwaben, vom Jahre 1350. Eine Frau von Medingen, 
welche drei ungeweihte Hostien gestohlen hatte und diese den Juden ver- 
kaufen wollte, wurde zum Tode verurtheilt, und «da sie vervrdeult ward 
zu dem tod, da schnaid man ain kind vor [zuvor] von ir, daz ward ge- 
daufi"t, vnd man verprant sie». Aehnliche Fälle mögen sich öfter ereignet 
haben. 

Als der Erste, welcher (um das Jahr 1500) einen eigentlichen 
Kaiserschnitt mit glücklichem Ausgange für Mutter und Kind an 
einer Lebenden, und zwar an seiner eigenen Frau, unternahm, 
pflegte bisher Jacob Nufer, ein rj^-/rjxrj^oz, zu Siegershausen im 
schweizerischen Canton Thurgau, genannt zu werden. Freilich 
kannte der Berichterstatter, Caspar Bauhin^), den Nufer'schen 
Fall nur vom Hörensagen; derselbe enthält indess an sich nichts 
Unwahrscheinliches. Vermuthlich handelte es sich auch hier, da 
nur von einem Schnitt und von einer Wunde die Rede ist, um 
eine Extrauterin-Schwangerschaft. 

Bauhin erzählt den Hergang in seiner Uebersetzung der gleich zu 
nennenden Schrift von Rousset folgendermassen : Nufer erbat sich, nach- 
dem der Beistand von 13 Hebammen und mehreren Lithotomen sich 
fruchtlos erwiesen, vom Landvogt die Erlaubniss, den Kaiserschnitt aus- 
zuführen, und vollbrachte ihn sodann unter Beihülfe zweier der Hebammen 
und der Lithotomen. «Maritus implorato primum divino auxilio, et jauua 
diligenter clausa, uxorem mensae imponit, abdomini vulnus (non secus 
quam porco) infligit. Verum primo ictu ita foeliciter abdomen aperuit, 
ut subito infans absque ulla laesione extractus fuerit. Cum jam undecim 
obstetrices, quae prae foribus stabant, infantis vagitum audirent, intrare 
(sed frustra) expetebant : non enim intromissae fuere, antequam foetus 
mundatus, vulnusque veterinario more consutum foret, quod postmodum 
absque alio superveniente symptomate foeliciter coaluit. » (B a u h i n bei 
Rousset 1. c. p. 177.) — Das auf diese Weise geborene Kind wurde 
angeblich 7 7 Jahre alt. Später gebar die Frau noch mehrmals auf dem 
natürlichen Wege (einmal sogar Zwillinge) ; mehrere dieser Kinder lebten 
noch zu Bauhin's Zeit. — VergL Wachs in der S. 211 angeführten Schrift 
S. 14. 

Der erste ganz unzweifelhafte Fall eines wirklichen, von 
einem Arzte ausgeführten Kaiserschnitts, bei welchem durch 
einen Längsschnitt die Bauchmuskeln, das Bauchfell und der 
Uterus gespalten wurden, um einen abgestorbenen Knaben zu 



*) S. oben S. 57. 



Die Geburtshülfe. Per Kaiserschnitt. Eousset. 211 

extrahiren, ist der von dem Wundarzte Christoph Bain im 
Jahre 1540 in Italien verrichtete und von Marcellus Donatus 
erzählte^). 

Marc. Donatus, De medica historia mirabili lihri VI. Mant. 1586. 
4. Venet. 1588. 4. p. 240. — Vergl. 0. Wachs, Der Wittenberger 
Kaiserschnitt von 1610, die erste vollständige Sectio caesarea in Deutsch- 
land. Ein Beitrag zur Geschichte der operativen Geburtshülfe. Leipzig, 
1868. 4. (SS. VIL 30.) S. 16. 

Seit dem Jahre 1540 ungefähr scheint der Kaiserschnitt an 
Lebenden nicht selten ausgeführt worden zu seyn, indem man 
zu demselben in solchen Fällen überhaupt die Zuflucht nahm, 
in welchen die Geburt bei der Anwendung der herkömmlichen 
Mittel nicht erfolgte. 

Die erste selbständige Schrift über den Kaiserschnitt rührt 
von FranQois Rousset, Wundarzt zu Paris, her. 

FraiKjois Rousset, Traue nouveau de Vhysterotomotokie ou en- 
fantement Cesarien, qui est extraction de Venfant par incision lateral du 
venire et matrice de la femtne grosse, ne ponvant autrement accoucher, sans 
prejudicier ni ä l'un ni ä l'autre. Par. 1581. 8. (Nach Malgaigne selbst 
in Frankreich selten.) Deutsch von Melchior Sebiz: De partu cae- 
sareo, das ist Von der im fall äusserster not tvunderbarlicher und vor nie 
erhörter noch bewuster künstlicher lösung, cedierung, vnd scheydung eynes 
Kinds aiiss vnd von Mutterleib u. s. w. *Strassb. 1583. 8. (Der Pfalz- 
gräfin Elisabeth von Hessen gewidmet!) [Bibl. Jena.] — Latein, von Casp. 
Bauhin in dessen Gynaecia: Basil. 1586. 4. 1588. 8. *1591. 8. 
Francof. 1601. 8. Par. 1590. 8. — «Egregius labor, cordate et mascule 
scriptus, cujus eo saeculo nihil prodiit simile». [Haller.] — Gegen ver- 
schiedene Angriffe auf seine Schrift antwortete Rousset in zwei Abhand- 
lungen : Assertio historica et dialogus apologeticus pro caesareo partu. 
Paris. 1590. 8. — Brevis apologia pro partu caesareo etc. Paris. 1598. 
8. (Die letztere anonyme Schrift ist gegen das Gedicht eines gewissen 
Marchand gerichtet.) 

Rousset theilt zuerst vier von Andern erzählte, dann sechs 
neue ihm bekannt gewordene Fälle des Kaiserschnitts an Leben- 
den mit, welche sämmtlich von Barbieren ausgeführt wurden. 
Die Indication für die Operation fand man lediglich in der Un- 
möglichkeit, die Geburt auf dem natürlichen Wege zu bewirken, 
am häufigsten in Verengerung («Phimosis») des Muttermundes. 
Die meisten der Operirten gebaren später ein und mehrere Male 
auf natürlichem Wege. 

Die erste Kranke wurde angeblich sechsmal durch den Kaiserschnitt 



^) S. oben S. 134. 

14 = 



212 Die neuere Zeit. Das sechszehnte Jahrhundert. 

entbunden, das siebente Mal starb sie, weil der Operateur nicht mehr 
lebte. — In einem Falle (p. 15) wurde die Operation auf den Rath 
Rousset's unternommen, obgleich dieser die Kranke gar nicht gesehen 
hatte! In einem zweiten Falle (p. 20), wo die Frau bei der zweiten Ent- 
bindung (ohne Kaiserschnitt) starb, war wahrscheinlich Beckenenge vor- 
handen. Im fünften (p, 188) waren zwei normale Geburten vorausge- 
gangen, und derselbe war vielleicht , wie der sechste, ein Fall von Bauch- 
schwangerschaft. 

Charakteristisch für den freieren Geist der Zeit ist, dass Rousset mit 
den Beobachtungen beginnt , dann die theoretischen Gründe , Analogieen 
ähnlicher Operationen (Steinschnitt, Exstirpation des Uterus) folgen lässt, 
lind ausdrücklich bedauert, seinen ganz neuen Gegenstand nicht durch 
Auctoritäten stützen zu können. 

Rousset selbst hatte keinen der Fälle, von denen er berichtet, 
gesehen. Die Glaubv^^ürdigkeit derselben wurde deshalb bereits 
von Bauhin, in unsern Tagen von Sprengel und Siebold, be- 
zvs^eifelt. Obschon ein solches Bedenken dadurch, dass Rousset 
stets die Kranken, die Operateure und die Zeugen namentlich 
anführt, nicht ausgeschlossen wird, so scheint es doch gewagt, 
zu glauben, dass derselbe in allen sechs Fällen das Opfer einer 
Mystification geworden sey. — Uebrigens hegte Rousset von 
dem Nutzen des Kaiserschnitts die übertriebensten Erwartungen. 
Er empfiehlt ihn z. B. auch bei Zwillingen, falschen Lagen, Tod 
des Kindes u. s. w. 

Nächst Rousset waren Boudewijn Ronss (Balduin Rons- 
seus) aus Gent und Roderich a Castro^) die ersten Aerzte, 
welche sich für den Kaiserschnitt erklärten. 

Bald. Ronsse US, Miscellanea, seu epistolae medicinales. *L. B. 
1590. 8. *1614. 8. 1618. 8. Mit der Abbildung einer Schwangeren, 
an deren Unterleib die Operationsstelle durch eine Linie bezeichnet ist. 
Rousset wird nicht erwähnt. — Davidson, Monatsschrift für Geburts- 
kunde, 1864. S. 344. 

Die allgemeine Anerkennung der Vortheile des Kaiserschnitts 
wurde durch den zum Theil sehr grossen Leichtsinn, mit welchem 
derselbe von kühnen Abenteurern unternommen wurde, und die 
schlechten Erfolge der meisten derartigen Operationen sehr ver- 
zögert. Sehr viel trug hierzu auch das Ansehn Pare's bei, 
welcher sich, gestützt auf fünf von seinem Schüler Guillemeau 
ausgeführte Operationen (zwei davon in Pare's Gegenwart), von 



^) S. oben S. 208. 



Die Geturtshülfo, Der Kaiserschnitt. Kousset. Trautmauu. Kinderkrankheiten. 213 

denen nur einer glücklich endigte, auf das entschiedenste gegen 
den Kaiserschnitt erklärte'). 

Der erste Schritt zur Feststellung der wahren Indicationen 
des Kaiserschnitts geschah durch Aranzio^); in seiner Schrift 
de Jmmano foetu finden sich die Anfänge der Lehre von der 
Verengerung des Beckens durch Verbildung der Knochen. Aber 
er beschränkte die letztere auf die Schambeine, und die her- 
gebrachte Meinung, dass die Beckenenge auf dem Nichteintritt 
der Lockerung der Becken-Knorpel während der Schwangerschaft 
beruhe, behielt fortwährend die Oberhand. 

Von Einfluss auf die ferneren Schicksale des Kaiserschnitts 
waren besonders die Verhandlungen, welche ein zu Wittenberg 
von dem Wundarzte Jeremias Trautmann im Jahre 1610 
ausgeführter, von Dan. Sennert beschriebener, Operationsfall 
hervorrief. 

Vergl. die S. 211 angeführte Schrift von 0. Wachs, und Siebold, 
a. a. 0. IL 109. 

Neben diesem beginnenden Aufschwünge der Geburtshülfe 
gibt sich das wachsende Interesse der Aerzte für die Krank- 
heiten der Kinder in mehreren, zum Theil sehr verbreiteten, 
Schriften zu erkennen, welche allerdings fast nur die dürftigen 
Bemerkungen früherer Aerzte wiederholen, und der Hauptsache 
nach als geistlose Recept-Sammlungen sich darstellen. Die älteste 
dieser Schriften, von Bagellardo, ist zugleich die beste. Sehr 
verbreitet war ein nach den Vorträgen von Mercuriale ge- 
arbeitetes ganz unbedeutendes Buch, 

Paulus Bagellardus a Flumine, Lihellus de infantium aegri- 
tudinibus ac remediis. Patav. 1472. 4. 1487. 4. [Brunet.] — Neue 
Ausgabe : Opusculum recens natuni de morbis puerorum cum appendicihus 
Mag. Petri Toleti ex professo medici, *Lugd. 1538. 8. 1540. 8. — 
LeonellusFaventinus de Victoriis, De aegrüudinibus infantium 
tractatuSy cura G. Khufneri. Mit einem umfangreichen von dem Letz- 
teren hinzugefügten Appendix. Ingolstad. 1544. 8. *Lugd. 1546. 8. 
1561. 8. Venet. 1557. 8, — Hier. Mercurialis, De morhis pue- 
rorum. *Venet. 1583. 4. u. Basil. 1584. 8. — Dav. Herlicius, in 
mehreren Ausgaben der oben S. 207 genannten Schrift, 



') Malgaigne, Oeuvres de Fare, IL 719, ^) S. oben S. 52, 



214 Die neuere Zeit. Das sechszelinte Jahrhundert, 



Diätetik. Heilmittellehre. Heilquellen. Psychiatrie. 

381. Eine der unmittelbarsten Wirkungen des in allen 
Klassen der Bevölkerung erwachenden Bedürfnisses nach höherer 
Bildung war das bedeutende Anwachsen der populären medi- 
cinischen Literatur^). Schon damals freilich waren die meisten 
Bücher dieser Art das Werk unberufener Scribenten, denen die 
Belehrung, welche sie ihren Nebenmenschen über die Einrichtung 
des Lebens ertheilten, vor Allem dazu dienen musste, das eigene 
Daseyn zu fristen. Zu einer näheren Beschäftigung mit den 
überaus zahlreichen Produkten dieses Zweiges der Literatur ist 
keine Veranlassung. Nur eins von den Werken dieser Gattung 
verdient eine Ausnahme : das berühmte, noch jetzt lesenswerthe, 
Buch des Luigi Cornaro, eines Venetianischen Edelmannes, 
(1467 — 26. April 1566) über die massige Lebensweise. 

L. Cornaro, Discorsi intorno alla vita söbria, ne' quali, con l'esempio 
di se stesso, dimostra, con quali mezzi possa l'uomo conservarsi sano fino 
all' ultima veccMezza. Padova, 1558. 8. Venez. 1590. 8. und öfter, 
ital. zuletzt: Venez, [Alvisopoli], 1816. 8. Nebst zahlreichen, besonders 
französischen, Uebersetzungen ; neuerdings: Paris, 1861. 8. Deutsch 
mehrfach, zuletzt: Augsburg, 1842. 8. — Cornaro hatte bis in seine 
mittleren Mannes -Jahre die Freuden der Welt in voUem Umfange ge- 
nossen, und schien einem baldigen Tode entgegen zu gehen. Eine voll- 
ständige Abänderung seiner Lebensweise bewirkte die Herstellung seiner 
früheren Gesundheit. Er erreichte das Alter von 99 Jahren. Die ge- 
nannte Schrift verfasste er im 85sten Jahre. Ihre jugendliche Frische 
bürgt für die Aussage des Verfassers, dass er an Kraft des Körpers und 
Heiterkeit des Gemüthes mit den Jünglingen wetteifere. — Eine Fort- 
setzung der Discorsi gab Cornaro noch im 95sten Jahre heraus. Angeb- 
lich verfasste er auch einen Trattato di Äcque. Padova, 1560. 4, 

Auch an kosmetischen Schriften, denen wir schon im Alterthum be- 
gegneten (S. Bd. I, S. 251), scheint es nicht gefehlt zu haben. Als Bei- 
spiel mag die folgende, angeblich sehr seltene, dienen: Isabella Cortese, 

/ Secreti ne' quali si contengono cose minerali, medicinali, arteficiose, 

ed alchimiche, e malte de l'arte profumatoria^ appartenenti a ogni gran 
Signora. Venet. 1565. 8. 

Die wichtigste von den vielen Bereicherungen, welche der 
Arzneischatz im sechszehnten Jahrhundert erfuhr, war die Ein- 
führung des Quecksilbers, eines den Aerzten unbekannten, 



1) Vergl. Bd. I. S. 816. 



Diätetik. Coruaro. Heilmittullohro. Quecksilbor. Anlimou. Guajak. Pharmacio. Cordus. 215 

bei ('.em Volke seit alter Zeit gegen hartnäckige Hautkrank- 
heiten gebräuchlichen Mittels. Es ist bekannt, wie grosse Er- 
folge Quacksalber und Aerzte der äusserlichen Anwendung 
desselben bei der Syphilis verdankten 2). Sehr bald wurden 
einzelne Präparate, besonders das Oxyd, Calomel und Sublimat, 
auch innerlich angewendet. 

Die zweite Stelle gebührt den von den Paracelsisten einge- 
führten Spiessglanz-Prä paraten; wir haben gesehen, dass 
ihr Gebrauch gewissermassen das Wahrzeichen der Fortschritts- 
Partei bildete^). 

Das wichtigste unter den im sechszehnten Jahrhundert aus 
Amerika eingeführten Arzneien ist das Guajak-Holz, welches 
eine Zeit lang den Gebrauch des Quecksilbers fast völlig ver- 
drängte. 

S. oben S. 102 und Bd. III. — Untergeordnet ist die Einführung der 
China- Wurzel (Smilax Chinae), welche ihren Ruf als Gichtmittel nur dem 
Ansehn Vesal's verdankte, der sie fast als Universalmittel anpries. (S. ob. 
S. 39.) 

Mit einigen Worten ist ferner des Aufschwungs der Phar- 
macie zu gedenken. Sie verdankte denselben hauptsächlich 
der grossen Bereicherung der Arzneimittellehre, welche durch 
die erleichterte Verbindung Europa's mit Ostindien und durch 
die Entdeckung Amerika's herbeigeführt wurde. 

Ausser mehreren bereits oben (S. 8 ff.) angeführten Werken gehört 
hierher eine allerdings etwas spätere Schrift : Chr. Acosta, Trattato 
della historia, natura, et virtu delle droghe tnedicinali, che vengono portati 
dalle Indie orientali in Europa. Con molto figure inlegno. Venet. 1635. 4. 

Ausserdem hatten sich viele von den höchst complicirten 
Arzneimischungen des Alterthums fortgeerbt; viele andere waren 
durch die Araber hinzugekommen. Die Mahnung des Paracelsus, 
nur einfache Arzneien und Arznei - Präparate zu gebrauchen, 
hatte wenig gefruchtet; einfache Extrakte und Essenzen waren, 
wie Crato beklagt, in den Apotheken selten anzutreffen. 

Die im sechszehnten Jahrhundert bemerkbare Verbesserung 
der Pharmacie ist zum grössten Theile das Verdienst des Arztes 
von Einsiedeln und seiner Anhänger, besonders Oswald CroH's*) 
und des Marburger Professors Valerius Cordus. 

Val. Cordus, Dispensatorium pharmacorum omnium. Norimb. 
1535. 8. und noch sehr viele Ausgaben und Uebersetzungen. — Nach 

*) Vergl. Bd. III. ^) S. oben S. 115, *) S. oben S. 108. 



216 Die neuere Zeit. Das sechszelinte Jahrhundert. _ 

dem Tode des Verfassers erschienen: Annotationes in Dioscoridem. Zuerst 
in der lateinischen Uebersetzung des Dioscorides von Ruellius (Trancof. 
1549. f.), dann herausgegeben von C. Gesner: Argent. 1561. f. 

Valerius Cordus, geboren zn Erfurt, Sohn des Euriclus Cordus 
(S. oben S. 18), war der Freund und Mitschüler Crato's (S. oben S. 142) 
unter Melanchthon zu Wittenberg, wo er gleichfalls als Lehrer auftrat. 
Er starb, erst 29 Jahre alt, zu Rom im Jahre 1544, auf einer wissen- 
schaftlichen Reise, in Folge eines Wechselfiebers. Verg). Marx, Beiträge 
zur Beurtheihmg von Personell u. s. w. Göttingen, 1868. 8. S. 70 ff. 

Unter den italienischen Werken dieser Art ist anzuführen : G i r o 1. 
Calestani, Ohservationi nel comporre gli antidoti, e medicamenti, che 
piu si costumano in Italia all' uso della medicina. Ricorette da B. Bor- 
garucci. Venet. 1570, 4. 

In sehr bedeutendem Grade vermehrte sich ferner der Ge- 
brauch der natürlichen Heilquellen und die Literatur über 
dieselben. Unter den deutschen Bädern wurden, abgesehen von 
den schon im Mittelalter, ja schon im Alterthum, bekannten, 
z. B. Aachen, Baden bei Wien, Baden-Baden, Pyrmont, Schwal- 
bach, Spaa (welches so berühmt wurde, dass das Wort «Spa's» 
als Bezeichnung von Heilquellen überhaupt in die englische 
Sprache überging), Karlsbad, Teplitz, Wildbad und viele andere 
zweiten Ranges, beschrieben und untersucht^). — In der Schweiz 
waren fast alle jetzt bekannten und viele gegenwärtig verlassenen 
Bäder in Gebrauch; an ihrer Spitze Baden im Thurgau, Pfäfers, 
St. Moritz. — Unter den französischen Heilquellen nahmen Vichy 
und Plombieres die erste Stelle ein. — In England war während 
des sechszehnten Jahrhunderts Buxton vorzugsweise beliebt. Bath 
hatte noch im Jahre 1557 sehr mangelhafte Einrichtungen. 

Das erste Dokument in Betreff Karlsbad's ist eine lateinische Ode von 
Bohuslav Hassenstein von Lobkowitz aus der Mitte des fünf- 
zehnten Jahrhunderts. Zuletzt herausgegeben von Jean de Carro: Ode 

latine sur Carlsbad avec une traduction polyglotte etc. *Prague, 

1829. 8. — Die älteste ärztliche Beschreibung der Karlsbader Thermen 
scheint zu seyn: Fabian Sommer, i)e inventione, descriptione^ temperte, 
viribus, et imprimis usu, thermarum D. Caroli IUI. impieratoris libellus 
etc. *Lips. 1571. 12. u. öfter. Deutsch: Nürnberg, 1580. 8. *Leipz. 
1592. 8. — Die erste Analyse gab im Jahre 1760 der berühmte Karls- 
bader Arzt Becher. Auch hier war bis zum Jahre 1520 das Baden die 
Hauptsache. Man betrieb dasselbe, wie später das Trinken, mit solcher 
Energie, dass die Bezeichnungen «Hautfresser-Kur» und «Sauf-Kur» ge- 
bräuchlich wurden. — C. Low, Chronik von Karlsbad. Karlsbad, 1874. 
8. — Jul. Walter, Neue Sprudelsteine. Wien, 1876. 8. 



*) Vergl. Bd. I. S. 493. 748. 



Pharmacie. Hoilqnellou. Psychiatrie. Bekämpfung dos Aterglaubens. 217 

Auf Vichy bezieht sich Nie. de Nicolay (dauphinois, geographe, 
diplomate et valet de chambre des rois Henri ü. et Charles IX.): Vichrj et 
les hains chauds du Bourhonnais au XVI. siede, d' apres un manuscrit 
imdit, redige en 1567 pour Catherine de Medicis. Par. 1864. 8. (pp. 24.) 
— auf Buxton: Jod es, Briefe disconrse etc. Lond. 1572 — 74. — Vergl. 
die gediegene historische Darstellung von Vetter, Handbuch der Heil- 
quellenlehre. 2teAufl. Berlin, 1845. 8. Bd. I. S. 1—192. 

Zu den erfreulichsten Erscheinungen des sechszehnten Jahr- 
hunderts gehört das bei einzelnen Aerzten erwachende Interesse 
für die Psychiatrie. Früher ist gezeigt worden, wie glän- 
zende Leistungen auch auf diesem Gebiete das Alterthum auf- 
zuweisen hat, wie es an vereinzelten Spuren einer verständigen 
Beurtheilung der Seelenstörungen selbst im Mittelalter nicht 
fehlt ^). Gewiss erklärten sich im sechszehnten Jahrhundert viele 
einsichtsvolle Aerzte mit Felix Platter^) für die psychische 
Behandlung der Irren und gegen die Zwangsmassregeln, die 
Einsperrung der Geisteskranken, der niederen Stände wenigstens, 
in Gefängnisse u. s. w. 

Vergl, oben S. 85 die hierher gehörige, dem Paracelsus beigelegte 
Abhandlung de morhis anientium ; ferner die ärztlichen Gutachten über 
einen an Blödsinn leidenden Kranken in Spengler, Die Geisteskrankheit 
des Herzogs Philipp von Mecklenburg. Ein Beitrag zur Geschichte der 
Psychiatrie im sechszehnten Jahrhundert. 2te Aufl. Neuwied, 1863. 8. 
(SS. 24.) 



Znnahiue der Anfklärang. Bekämpfang des Aberglaubens. 

282. In innigem Zusammenhange mit dem mächtigen Fort- 
schreiten der Bildung, der in alle Kreise dringenden Natur- 
kenntniss, steht das, freilich nur sehr allmälige. Verschwinden 
des Aberglaubens. Es ist bekannt, wie grosses Aufsehn in der 
Mitte des sechszehnten Jahrhunderts die Prophezeiungen {Cen- 
times) des Michael Nostradamus erregten, welche selbst 
helldenkende Männer mit der Furcht vor dem Untergange der 
Welt erfüllten. Wie schwere Anfechtungen hatte nicht unser 
grosser Reformator durch den Teufel zu erdulden ! Und glaubte 
nicht sogar Melanchthon an die Besessenheit einer Magd, welche 
in griechischen und lateinischen Versen den unglücklichen Aus- 
gang des Krieges in Sachsen prophezeite? Die Astrologie zumal 
galt Unzähligen, wie dem grossen Genossen Luther's, als eine 



«) Vergl. Bd. I. S. 528. 805. ') S. oben S. 144. 



218 Die neuere Zeit. Das sechszelinte Jabrliundert. 

auf dem sichern Grunde der Mathematik ruhende Wissenschaft, 
der Einfluss der Sonne und des Mondes auf den Wechsel der 
Jahreszeiten, der Fluth und Ebbe, als unumstössliche Beweise 
auch für noch andere Einwirkungen der Gestirne. Verbot ja 
doch der Rath von Brügge den Barbieren, an Unglückstagen 
sich des Rasirens zu unterfangen! 

Eine Hauptnahrung zog der Aberglaube aus den Kalendern, 
in vielen Gegenden bis auf die neueste Zeit fast die einzige 
Bildungsquelle der unteren Klassen. Die Herausgabe von Ka- 
lendern, in denen der gemeine Mann Auskunft fand über die 
Zeiten, in denen es gut oder schädlich sey, gewisse Speisen zu 
geniessen, Abführmittel und Aderlässe zu gebrauchen u. s. w., 
wurde vielen Aerzten zu einer Quelle reichen Gewinnes; aber nur 
wenige benutzten dieses Mittel der Belehrung, wie der wackere 
Dodoens^), um in schonender Weise die Vorurtheile des Volkes 
zu bekämpfen. 

Vergl. C. Broeckx, Lettre ä — van Meerbeek — sur ime ^^ublication 
de R. Dodoens inconnue aux bibliophiles. Anvers, 1862. 8. — Die Heraus- 
gabe von Kalendern (von denen die Berliner Bibliothek eine umfangreiche 
Sammlung besitzt) bildete z. B. eine Hauptquelle der Einnahmen Thurn- 
eyssers. S. ob. S. 110. — In Würzburg wurden erst seit dem Jahre 1769 
auf Antrag der medicinischen Fakultät die «Aderlass- Tafeln» aus den 
Kalendern weggelassen. (Lammert, a. a. 0. [S. oben S. 210] S. 199.) 

Es kann nicht unsre Absicht seyn, die Greuel -Scenen zu 
schildern, zu denen seit dem Jahre 1484 die gegen die Ketzer, 
Zauberer und Hexen gerichtete Bulle Innocenz VIII. Veranlassung 
gab. Schon zu Anfang des sechszehnten Jahrhunderts waren 
Männer wie Pico von Mirandola^), Job. Gerson, Kanzler 
der Universität Paris (gest. 1429), dem Aberglauben, insonder- 
heit dem Zauber- und Hexen-Wahn, entgegen getreten; aber die 
muthigsten Streiter in diesem Kampfe gingen aus den Reihen 
der Aerzte hervor. Mit besonderem Ruhme gedenkt die Ge- 
schichte in dieser Hinsicht des hochherzigen Job. Wyer (Weier, 
Weiher, Wierus) aus Grave an 'der Maas (1515 — 1588), Leib- 
arzt des aufgeklärten Herzogs Wilhelm IV. von Jülich - Cleve. 
Wyer trat im Jahre 1660 mit einem Werke hervor, in welchem 
er jede Art des Aberglaubens, vorzüglich den Hexenwahn, be- 
kämpfte. Allerdings ist der wackre Mann noch weit davon ent- 
fernt, die Existenz der Zauberei zu leugnen, wie er denn selbst 



») S. oben S. 140. 



Bekämpfung des Aberglautons. Wyer. 219 

mit seinen Augen sah, dass ein Magus durch die Luft davon flog; 
aber er hält die Mehrzahl der Hexen nicht für Verbrecherinnen, 
sondern für bemitleidenswerthe Opfer des Teufels. Da Wyer 
ausserdem den Fehler beging, die Sache der Hexen weniger vom 
ärztlichen als vom juristischen Standpunkte zu führen, so erklärt 
sich um so leichter, dass seine Bemühungen den Angriffen seiner 
zahlreichen und fanatischen Widersacher gegenüber, unter ihnen 
der Dominikaner Jacob Sprenger, einer der Verfasser des 
berüchtigten Hexenhammers {Malleus maleßcarum), nur geringen 
Erfolg hatten. 

Job. Wierus, De lamiis. De ira morho. De praestigiis daemonum. 
Amstelod. 1660. 4. — De daemonum praestigiis et incantationihus libriVI. 
Basil. 1566. 8. 1577. 4. Amstel. 1664. 8. — Oi^era omnia. Amstel. 1660. 

4. — Wyer hatte zu Paris und Orleans (unter Agrippa von Nettesheim [S. 
ob. S. 71]) studirt, und alsdann Asien und Afrika bereist. Seine Stelle bei 
Wilhelm IV. gab er auf, nachdem dieser Fürst, gleich den Meisten seines 
Hauses, in Blödsinn verfiel. Er ist ausserdem wegen seiner Abhandlungen 
über die epidemischen Ereignisse der Jahre 1564 und 1565 bemerkens- 
wertb. (S. Bd. IH.) Vergl. Axenfeld in Conferences historiques (S. oben 

5. 165). 383 ff. — Banga, Geschiedenis etc. 60 ff. — Um anzudeuten, 
mit welchen Waffen mau gegen Wyer kämpfte, ist es genug, zu sagen, 
dass einer seiner Gegner, Joh. Bodinus, nicht blos daran erinnerte, dass 
Wyer ein Schüler Agrippa's war, sondern auch daran, dass er einen 
schwarzen Hund besass, der noch dazu Monsieur hiess! — Es ist bekannt, 
wie grosse Verdienste sich im siebzehnten Jahrhundert der Jesuit S p e e 
um die Bekämpfung des Hexenglaubens erwai'b ; nicht minder freilich, 
dass noch im Jahre 1749 die medicinische Fakultät von Wüi'zburg dem von 
der theologischen über eine Hexe ausgesprochenen Todesurtheile beitrat! 

Vergl. Jac. Scheltemja, Geschiedenis der Hehsenprocessen. Haarlem, 
1828. — Ders., Joh. Wier, heschouwd als den ijshreker tegen de leer der 
voorordeelen wegens den duivel, in seiner Schrift : Geschiedenis — en Letterk. 
Mengelwerk. IV. Utrecht, 1825. 1. S. 177 — 268. [Israels.] — K. F. 
H. Marx, lieber die Verdienste der Aerzte um das Verschwinden der 
dämonischen Krankheiten. Gott. 1859. 4. (Aus den Abhandlungen der 
Göttinger Societät der Wissenschaften.) — R. Reuss, La sorcellerie au 
16. et IVme siede, particuUeretnent en Alsace. Paris [Cherbuliez (Fisch- 
bacher)], 1871. 8. (pp. VII. 202.) Vergl. Revue critique, 1872. No. 27. 
— Alex. Baldi, Die Hexen-Processe in Deutschland und ihre hervor- 
ragendsten Bekämpfer. Würzburg, 1874. 8. (SS. 42.) 



') S. oben S. 70, 



220 Die neuere Zeit. Das siebzehnte Jahrhundert. 



Das siebzehnte Jahrhundert. 

Einleitang. Politische and sociale Verhältnisse. Gelehrte Vereine. 
Naturwissenschaften. 

383. Der Einfluss der allgemeinen Verhältnisse des öffent- 
lichen Lebens auf die Schicksale der Wissenschaften gibt sich 
kaum jemals deutlicher zu erkennen, als während des siebzehnten 
Jahrhunderts. Italien bildete zwar fortwährend die wichtigste 
Pflegestätte der höheren geistigen Interessen, aber unverkennbar 
sind doch bereits die Zeichen der beginnenden Ermattung. Immer 
deutlicher dagegen offenbarte sich das Wachsen, Blühen und 
Reifen des germanischen Geistes. Die Erfindung der Buch- 
druckerkunst und die Reformation, die mächtigsten Hebel des 
Aufschwungs seit der Gründung des Christenthums, sie sind das 
Werk deutscher Männer. Gar bald traten die durch den Pro- 
testantismus zu einem neuen und freien Leben erwachten ger- 
manischen Stämme auch auf dem Gebiete der Kunst und der 
Wissenschaft, nicht zum geringsten zumal auf dem der Natur- 
und Heilkunde, den Romanen als ebenbürtige Nebenbuhler gegen- 
über. Neben Michel Angelo, Raphael und Tizian stehen Hans 
Holbein, Albrecht Dürer, van Dyck und Rembrandt, neben 
Galilei Kepler und Newton. England zumal erhob sich nach 
blutigen Bürgerkriegen zum festesten Hort des Protestantismus, 
zum mächtigsten Staate von Europa. Unter der Regierung der 
Königin Elisabeth vollführte Francis Drake die erste Umsegelung 
der Erde-, durch Walter Raleigh, den Entdecker von Virginien, 
wurden grosse und reiche Länderstriche jenseit des Oceans der 
britischen Herrschaft unterworfen, — In derselben Periode ist 



Einleitung. Politische und sociale Verhältnisse. 221 

die grösste physiologische Entdeckung aller Zeiten das Werk 
eines Landsgenossen Bacon's von Verulam und Shakspeare's^). 
Nicht minder zeigten die Niederlande, in welchem Maasse 
die politische Erhebung eines Volkes die edelsten Kräfte des 
Geistes zu wecken vermag. In einem glorreichen Kampfe hatten 
sie das Joch der spanischen Tyrannei zerbrochen. Während des 
siebzehnten Jahrhunderts erhoben sie sich durch die Pflege eines 
kräftigen Bürgersinnes zu der höchsten Blüthe des Handels, des 
Gewerbes, der Kunst und Wissenschaft. Die schönsten Früchte 
derselben waren zahlreiche Universitäten. Als im Jahre 1636 
nach der durch den Heldenmuth seiner Bürger vereitelten Be- 
lagerung von Utrecht durch die Spanier der General-Statthalter 
der Stadt Abgaben-Freiheit anbot, da verlangten sie statt dessen 
eine Universität. 

S. oben S. 4. — Im siebzehnten Jahrhundert wurden in den Nieder- 
landen fünf neue Hochschulen gegründet ; am wichtigsten wurden Gro- 
ningen (1614) und Harderwyk (1648). Andere freilich, wie z. B. Breda 
(1646), vermochten nur kurze Zeit ihr Daseyn zu fristen. 

Wie traurig dagegen war in derselben Zeit der Zustand 
unsres Vaterlandes! Ein blutiger Religionskrieg verzehrte ein 
Menschenalter hindurch das Mark der Länder; die fruchtbarsten 
Gegenden waren zu Einöden geworden; eine allgemeine Ver- 
armung lähmte die besten Kräfte unsres Volkes, Alle äusser- 
lichen Friedensschlüsse vermochten nicht, den unter der Asche 
fortglimmenden Funken der Zwietracht zu ersticken. Durch einen 
neuen geistlichen Orden, welcher sich die Ausrottung des Pro- 
testantismus zur Aufgabe machte, erwuchs dem Papstthum ein 
ungehoffter und gewaltiger Bundesgenosse. Aber auch die Pro- 
testanten vergeudeten in dogmatischen Streitigkeiten ihre besten 
Kräfte; an die Stelle des freien Geistes der Reformation trat 
der gehässigste Zelotismus. Die starre Orthodoxie, der dumpfe 
Mysticismus, welche in der protestantischen Kirche die Oberhand 
gewannen, öffneten dem Aberglauben Thor und Riegel. 

Am schwersten lasteten die Wirkungen des dreissigj ährigen 
Krieges auf den deutschen Universitäten, deren Zahl in Folge 
des Eifers für die Reformation sich über alles Maass vermehrt 



^) Es hat bekanntlich weder in England noch in Deutschland an Ver- 
ehrern des grossen Dramatikers gefehlt, welche geglaubt haben, denselben 
auch wegen der in seinen Werken offenbaren und verborgenen medicini- 
schen Kenntnisse verherrlichen zu müssen. 



222 Die neuere Zeit. Das siebzehnte Jahrhundert. 

hatte. Die kleinsten Fürsten hielten es für unerlässlich, ihren 
Ländchen eine Universität zu schenken, mochte die Ausstattung 
derselben auch noch so ärmlich seyn. Die deutschen Professoren 
waren von jeher gewohnt, mit dem Mangel zu kämpfen; nun 
aber reichte auch die Pflicht-Treue der Ehrlichsten nicht mehr aus. 

Zu diesen neu gegründeten Universitäten gehören Helmstädt (1575), 
Altdorf (1576), Bamberg (1585), Giessen (1607), Paderborn (1616), 
Rinteln (1621), Salzburg (1622), Herborn (1654), Kiel (1665), Innsbruck 
(1673), Halle (1694). Duisburg wurde im Jahre 1655 vom grossen Kur- 
fürsten mitten in den Vorbereitungen zu dem schwedisch-polnischen Kriege 
gestiftet. Die höchste Besoldung betrug 370 Thaler, die meisten Lehrer 
mussten sich mit 50 — 100 Thalern begnügen. Die Zahl der Studirenden 
erhob sich niemals bis auf hundert; Professoren der Medicin existirten 
zwei, eben so gross war der Regel nach die Zahl der medicinischen Stu- 
denten. V. Mörner, Zeitschrift für preuss. Geschidite, 1868. S. 542 ff. 

In allen Klassen der Bevölkerung hatte der Krieg eine Ver- 
wilderung erzeugt, deren Wirkungen sich bis in das achtzehnte 
Jahrhundert hinein erstreckten. Wenig erfreulich zumal war das 
Leben der deutschen Studenten. Die allgemeine Verarmung 
verstattete nur Wenigen, die italienischen Universitäten aufzu- 
suchen, auf denen früher Viele die feinere Sitte des Südens 
kennen gelernt und in ihre Heimath verpflanzt hatten. So ge- 
schah es denn, dass Raufsucht, Völlerei und gemeine Laster fast 
nirgends so häufig angetrofi'en wurden, als auf den deutschen 
Universitäten. 

Hiernach ist leicht erklärlich, dass während des siebzehnten 
Jahrhunderts vorzugsweise die von den Schrecken des Krieges 
verschonten oder nur wenig betroffenen Länder den Mittelpunkt 
des wissenschaftlichen Lebens bildeten: Italien, Frankreich, 
England, die Niederlande. 

Zunächst richtet sich unser Blick auf die Naturwissen- 
schaften. — Der mächtige Aufschwung, welchen dieselben 
während des sechszehnten Jahrhunderts genommen hatten-), 
steigerte sich in der uns beschäftigenden Periode zu einer früher 
ungeahnten Höhe. Den grössten Einfluss hierauf hatten die 
Gründung zahlreicher naturforschender Gesellschaften und Aka- 
demieen und die von denselben veröffentlichten Verhandlungen, 
welche den im sechszehnten Jahrhundert so lebhaften brieflichen 
Verkehr der Gelehrten grossentheils verdrängten. — Die frühesten 
von diesen Vereinigungen entstanden in Italien; z. B. die im 

2) S. oben S. 8 ff. 



Einleitung. Politische und sociale Verhältnisse. Nene Universitäten. 223 

Die Naturwissenschaften. Gelehrte Vereine. 

Jahre 1603 vom Fürsten Cesi gestiftete Academia de' Lincei (weil 
die Mitglieder sich häufig des Mikroskops bedienten und den 
Luchs im Siegel führten), die Fratelli giurati, später (seit 1657) 
Academia del cimento (Akademie der Experimente) und viele 
andere mit dem Namen von «Akademieen» sich schmückende Ver- 
einigungen, welche grossentheils bald wieder vom Klerus unter- 
drückt wurden, neuerdings aber zum Theil wieder aufgelebt sind, 

Fabri-Scarpellini, Ricordo a Frederigo Cesi, duca d' Acquasparta, 
fondatore dell' academia de Lincei. ed, 3. Roma, 1846. 8. 

Nach dem Muster dieser italienischen Gesellschaften bildeten 
sich ähnliche Vereine auch in andern Ländern ; in England z. B. 
das «unsichtbare oder philosophische Collegium», dessen Anfänge 
bis auf das Jahr 1645 zurückgehen, bis es am 15. Juli 1662 
zur Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften erhoben wurde. 
Besonderes Verdienst um das Zustandekommen dieser Vereinigung, 
welche durchaus im Sinne Bacon's wirkte, hatte der berühmte 
Chemiker Robert Boyle^). In den Verhandlungen dieser Ge- 
sellschaft, welche (mit Ausnahme der Jahre 1671 — 1690) seit 
1666 bis auf diesen Tag ununterbrochen erschienen sind, ist ein 
grosser Theil der exakten Forschungen des siebzehnten und 
achtzehnten Jahrhunderts niedergelegt. 

Das wichtigste von den die Geschichte der Londoner Societät der 
Wissenschaften behandelnden Werken ist Ch. R. Weld, History of the 
royal society. Lond. 1848. 8. 2 voll. — Vergl. Janus, N. F. II. 662. 

In Deutschland trat zuerst im Jahre 1652 zu Schweinfurt 
eine Gesellschaft von Aerzten zusammen, welche seit 1670 Ephe- 
merides herausgaben, 1672 von Kaiser Leopold I. privilegirt 
wurden, und sich nun zu der noch bestehenden Academia Cae- 
sareo-Leopoldina constituirten. 

J. D. F. Neigebaur, Geschichte der Kaiserlichen Leopoldino-Caro- . 
linischen deutschen Akademie der Naturforscher während des ztveiten 
Jahrhunderts ihres Bestehens. Jena, 1860. 4. (pp. 333.) 

Aehnliche Vereine entstanden während der glänzenden Regie- 
rung Ludwig's XIV. in Frankreich, namentlich die von Richelieu 
am 23. Dec. 1666 gegründete, noch jetzt bestehende Academie 
des Sciences, deren Anfänge bis auf das Jahr 1629 zurückführen. 

Vergl. Maury, Vancienne academie des sciences. Paris, 1864. 8. — 



') S. unten S. 224. 



224 Die neuere Zeit. Das siebzehnto Jahrhundert. 

J. Bertrand, L'acadhnie des sciences et les academiciens de 1666 — 1793. 
Paris, 1869. 8. 

In den von den älteren gelehrten Gesellschaften veröffentlichten 
Schriften halten sich das siebzehnte Jahrhundert hindurch das Lateinische 
und die Landessprachen das Gleichgewicht; in den angesehensten der- 
selben, den Akademieen von London und Paris, haben von Anfang an das 
Englische und Französische die Oberhand. — Aus dem Kreise der Aerzte 
haben von jeher fast nur Anatomen und Physiologen in jenen gelehrten 
Gesellschaften Aufnahme gefunden. — Die Universitäten, namentlich die 
deutschen , haben in ihren officiellen Schriften das Lateinische bis auf die 
neueste Zeit fest gehalten. In Upsala rührt das erste schwedische üniver- 
sitäts-Programm (vom 1. Mai 1677) von einem berühmten Arzte, Olaus 
Rudbeck, her. (Abgedruckt in Nordiskt medicinskt Arkiv. Stockholm, 
1874. 4.) 

Die Früchte des neuen Lebens, welches die Naturwissen- 
schaften erfüllte, waren am frühesten in der Astronomie hervor- 
getreten. Copernicus hatte die Auctorität der Ueberlieferung 
auf diesem Gebiete für immer beseitigt; aber erst durch Kepler, 
der die Gesetze der Bewegungen der Himmelskörper erschloss, 
wurde die Astronomie zu einer Wissenschaft. Dieselbe Be- 
deutung gewann Galilei, der Entdecker der Jupiters-Trabanten, 
durch die Begründung der theoretischen Mechanik für die Physik; 
Newton und Leibnitz entwickelten die erstere zur analyti- 
schen Mechanik, und brachten so die unendliche Mannigfaltigkeit 
der Natur- Vorgänge unter die Gesetze der Bewegung. 

Weit geringer erscheinen die Fortschritte der Chemie. Noch 
lange Zeit hindurch lasteten auf ihr die Nachwirkungen ihres 
unheilvollen Bundes mit der Goldmacherkunst. An neuen That- 
sachen und Entdeckungen fehlte es nicht, am wenigsten an ihrer 
voreiligen Verwendung für die Physiologie und die praktische 
Medicin, wohl aber an der Einsicht in die Bedingungen der be- 
obachteten Vorgänge. Zu dieser wurden die Chemiker zuerst 
durch Robert Boyle hingeleitet, den Begründer der Verwandt- 
schaftslehre. In demselben Sinne wirkten Joh. Kunkel aus 
Rendsburg (1630 — 1702), der Entdecker des Phosphors, Joh. 
Joach. Becher aus Speier (1635 — 1682), der Vorgänger 
Stahl's in der Lehre vom «Phlogiston», insofern, als er die Ver- 
brennung durch die Austreibung einer brennbaren Erde erklärte ; 
— Wilh. Homberg (1652—1715), Leibarzt des Herzogs von 
Orleans, Nie. Lemery aus Ronen (1645 — 1715), Helmont, 
Glauber u. A. m. — Nunmehr fand auch die Chemie Auf- 
nahme in den Kreis der akademischen Unterweisung; an allen 
bedeutenderen ÜDiversitäten wurden Lehrstühle derselben er- 



Einleitung. Dio Naturwissenschaften. Die Chemie. Die Kosenkrouzer. 225 

richtet. In Deutschland war Joh. Hartmann (seit 1609 — 1631 
zu Marburg) der erste Professor der Chemie. 

Die Fortschritte der beschreibenden Naturwissenschaften im 
siebzehnten Jahrhundert zu verfolgen, liegt unsrer Aufgabe fern ; 
es ist genug , zu sagen , dass die frühere Verbindung derselben 
mit der Medicin sich immer mehr lockerte, je mehr der Umfang 
jener Disciplinen sich erweiterte. Erst in unsern Tagen ist die 
Physiologie durch die Gewebelehre und durch die Entwickelungs- 
geschichte mit der Botanik und Zoologie wieder enger verknüpft 
worden. 

Sorgfältigere Beachtung erheischen die während des sieb- 
zehnten Jahrhunderts hervortretenden Bewegungen auf dem Ge- 
biete der Philosophie. Kaum jemals in irgend einer Periode 
haben dieselben auf die Gestaltung der Naturwissenschaft und 
der Heilkunde einen gleich mächtigen und nachhaltigen Einfluss 
ausgeübt. In keiner Zeit aber auch treten in gleicher Schärfe 
die entgegengesetztesten und widersprechendsten Richtungen 
hervor. Am wichtigsten erweisen sich zwischen den Extremen 
mystischer Theosophie und eines unverhüllten Materialismus die 
vielfachen Abstufungen sensualistischer und idealistischer Lehren, 
deren Wirkungen sich in ununterbrochener Folge bis auf die 
philosophischen Bewegungen der Gegenwart erstrecken. 

Bevor wir es versuchen, die Beziehungen jener Philosopheme 
des siebzehnten Jahrhunderts zu unserm Gegenstande anzudeuten, 
werfen wir einen Blick auf die mystische Verbrüderung der 
Rosenkreuzer, welche zu Ende des sechszehnten Jahrhun- 
derts hervortrat, und in der schweren Bedrängniss des dreissig- 
j ährigen Krieges, wie in den Bewegungen in der protestantischen 
Kirche, reiche Nahrung fand. — Wahrscheinlich gab zu der Ent- 
stehung dieser Gemeinschaft die satyrische Schrift eines wackeru 
Geistlichen zu Calw in Würtemberg, Valentin Andreae (1586 
— 1654), Veranlassung: Chymische Hochzeit Christians Bosen- 
kreu^, eines mythischen Wundermannes, welcher schon im vier- 
zehnten Jahrhundert den nach ihm benannten Orden gestiftet 
haben sollte. Sie war darauf berechnet, die Thorheiten der Alche- 
misten und Theosophen lächerlich zu machen, hatte aber gerade 
den entgegengesetzten Erfolg, um so mehr, als Andreae wirk- 
lich im Jahre 1620 eine «Fraternitas christiana» stiftete, deren 
Tendenz indess von der der Rosenkreuzer sehr verschieden war. 
Die letzteren erstrebten zuletzt nichts Geringeres, als eine Um- 
gestaltung des ganzen deutschen Lebens in staatlicher und reli- 

Haeser, Gesch. d. Med. IL 15 



226 Die neuere Zeit. Das siebzehnte Jahrhundert. 

giöser Hinsicht, eine im reinsten Sinne gedachte demokratisch- 
theokratische Verjüngung, — Den meisten Anklang fanden diese 
Lehren unter den Protestanten, namentlich unter den Schülern 
Melanchthon's ; durch eine nicht geringe Anzahl von Aerzten 
trat die Rosenkreuzerische Theosophie in enge Verbindung mit 
dem Paracelsismus. Inbrünstiges Gebet, gläubiges Versenken in 
das Anschauen Gottes, erschienen den Rosenkreuzern als die 
wichtigsten Mittel, um in die Geheimnisse der Natur zu dringen, 
und mit Hülfe derselben unvergängliche Jugendkraft und unge- 
störte Gesundheit zu erlangen. 

Die namhaftesten von Denen, welche dem Orden der Rosen- 
kreuzer angehörten, oder doch sich zu den Grundsätzen des- 
selben bekannten, sind Valentin Weigel aus Hayna bei 
Dresden (1533, gest. nach 1594), Pfarrer in Zschopau bei Chem- 
nitz, Job. Arndt, Prediger zu Ballenstedt, Verfasser der be- 
rühmten Schrift vom wahren Christenthiwie, Aegidius Gutmann 
aus Schwaben, Julius Sperber, Oswald Groll*), die beiden 
letzteren Anhaltische Leibärzte, Henning Scheunemann, Arzt 
zu Bamberg und Aschersleben, Heinrich Kunrath, Arzt zu 
Leipzig, Job. Gramann, Arzt zu Erfurt, u. A. m. Zu einer 
näheren Besprechung ihrer Schriften ist keine Veranlassung; 
eben so muss es genügen, auf die verwandten Bestrebungen des 
berühmten Theosophen Jacob Böhme zu Görlitz hinzuweisen. 

W. Hossbach, Johann Valentin Ändreae und sein Zeitalter. Berlin, 
1819. 8. — J. 0. Opel, Valentin Weigel. Ein Beitrag zur Literatur- 
und CuUurgeschichte Deutschlands im siebzehnten Jahrhundert. Leipzig, 
1864. 8. — G. C. A. von Harless, Jakob Böhme und die Alchxjmisten. 
Berlin [Schlawitz], 1870. 8. 

Auch in Frankreich entstand, unabhängig von den deutschen 
Rosenkreuzern, ein mystisches «Collegium Rosianum». Selbst in 
England durfte ein Zeitgenosse Bacon's und Harvey's, Robert 
Fludd (de Fluctibus), Arzt zu London, es wagen, ein neu- 
Platonisches System zu verkündigen. Er betrachtet als die Grund- 
kräfte der Natur die Wärme und die Kälte, er bringt die wich- 
tigsten Krankheiten mit den Hauptrichtungen des Windes in 
Verbindung, er spricht, ähnlich wie die Naturphilosophen des 
neunzehnten Jahrhunderts, von Tages- und Nachtkrankheiten, 
von einer östlichen und westlichen Seite des Lebens u. s. w. Als 
eigentliche Ursache der Krankheit gelten ihm der Sündenfall 



*) Vergl. oben S. 179. 



Einleitung. Die Rosonkreuzer. Fludd. Die Philosophie. 227 

und eine Menge von ausführlich geschilderten Dämonen, als die 
eigentlichen Heilmittel somit das Gebet und die Gnade Gottes. 
Aber eben derselbe Mann ersinnt ein Thermometer, um die Wärme 
des Blutes zu bestimmen. 

Rob. Fludd, Utriusque cosmi, majoris scilicet et minoris, metaphy- 
sica, phi/sica et technica historia. Oppenh. [de Bry], 1617 — 18. f. Mit 
schönen Kupfern von J. Th, de Bry. — Tractatus de naturae simia s. 
technica macrocosmi historia. *Oppenhem. 1618. f. Mit mehreren in Oppen- 
heim und Frankfurt erschienenen Fortsetzungen. — Veritatis proscenium. 
*Francof. 1621. f. — Anatomiae amphitheatrum. *Francof. 1623. f. — 
Philosophia Sacra et vera christiana, s. meteorologia cosmica. *Francof. 
1626. f. — Pulsus s. nova et arcana piilsuum historia sacro fönte 
extracta. Francof. 1629. f. — Integrum morhorum tnysterium, s. medi- 
cina catholica. Francof. 1629 seq. f. — Philosophia Moysaica. Goudae, 
1638. f. u. a. m. 

Mich. M a i e r, The laivs of the fraternity of the Rosie Crosse. Lond. 
1656. 8. — Buhle, Urspru7ig der Orden der Rosenkreuzer und Frey- 
maurer. Göttingen, 1804. 8. 



Die Philosophie im siebzehnten Jahrhundert. 

384. Mit der Erneuerung der klassischen Studien waren 
auch die Philosopheme der Griechen zu neuem Leben erweckt 
worden. Wir sahen, wie gross der Antheil war, den der Pla- 
tonismus während des fünfzehnten und sechszehnten Jahrhunderts 
auf die Umgestaltung des geistigen Lebens äusserte^). Aber 
nicht minder war auch durch das Studium der Original -Werke 
des Stagiriten der Aristotelismus zu einem verjüngten Daseyn 
wach gerufen worden. Die letzten Reste der mittelalterlichen 
Scholastik allerdings wurden für immer beseitigt; aber um so 
lebhafter entbrannte der alte Kampf des Idealismus mit dem 
Realismus, dessen auf- und absteigende Wogen eben so wenig 
als die des ewigen Meeres jemals zur Ruhe gelangen werden. 

So gross der Einfluss war, den diese auf dem eigenen Boden 
der Philosophie entsprungenen Bewegungen auf die Umgestaltung 
aller Gebiete des geistigen Lebens äusserten, so war doch noch 
ungleich grösser die Einwirkung, welche hinwiederum die Philo- 
sophie durch die mächtig fortschreitende Naturkunde erfuhr. 
Die Entdeckung von Amerika, die Neubegründung der Astro- 
nomie durch Copernicus, Galilei, Kepler und Newton, — wie 

1) S. oben S. 1 flF. 

15* 



228 Dia neuere Zeit. Das siebzehnte Jahrhundert. 

wäre es möglich gewesen, den neuen Wein in alte Schläuche zu 
füllen! 

Die erste und unmittelbarste Wirkung dieser Zustände war 
die Erneuerung einer in allen Zeiträumen des philosophischen 
Aufschwungs hervortretenden Erscheinung: des Skepticismus. 
Aber die Skeptiker des sechszehnten Jahrhunderts sind von 
denen der früheren Perioden wesentlich dadurch verschieden, 
dass sie im Grunde nicht die Fähigkeit des Menschen zur Er- 
kenntniss der Wahrheit, sondern nur die Zuverlässigkeit des bis * 
dahin Geltenden in Frage stellen. Die wichtigsten Vertreter 
dieser Richtung sind Michel Eyquem de Montaigne (1533 — 
1592), Parlamentsrath, später Maire von Bordeaux, der Sohn 
eines Engländers, von vollendeter klassischer und weltmännischer 
Bildung, dessen berühmte Essais, im Wesentlichen eine Anleitung 
zu heitrer Lebensweisheit, auch durch ihre Form zu den her- 
vorragenden Produkten der französischen Literatur gehören. — 
In wissenschaftlicherer Form erscheint der Skepticismus bei 
Francesco Sanchez (1562 — 1623) aus Bracara in PortugaL 

Mich, de Montaigne's Essais erschienen zuerst im Jahre 1580. 
Neueste Ausgabe: Paris, 1865. 8. 2 voll. 

Franc, S a n c t i vi s , De multum nohili et prima universali scientia, 
quod nihil scitur. Lugd. 1581. Fraiicof. 1618. 8. — Opera medica. 
His juncti tractatus quidam philosophici. Tolos. 1636. 4. — L. Gerk- ! 
rath, Franz Sanchez. Ein Beitrag zur Geschichte der philosophischen 
Bewegungen im Anfange der neueren Zeit. Wien, 1860. 8. (20 SS.) 

Einer ausführlicheren Besprechung bedürfen die Bestrebungen, 
welche dazu bestimmt waren, die Philosophie den Anforderungen 
der neuen Zeit gemäss umzugestalten. Den Ausgangspunkt der- 
selben bildet die Naturphilosophie von Francis Bacon. 



Francis Bacon. 

Jos. de Maistre, Examen de la philosophie de Bacon. Par. et Lyon, 
1836—1852. 8. — T. B. Macaulay, Critical and historical essays. vol. III. 
Lord Bacon. Leipz. 1850. 8. — Kuno Fischer, Franz Bacon von Verulam. 
Leipz. 1856. 8. Engliscli: Lond. 1857. — Zweite Auflage: Francis Bacon 
und seine Nachfolger. Entioickelungsgeschichte der Erfahnmgs-Philosophie. 
Leipz. 1875. 8. (SS. VIIL 788.) — Ellis, Einleitung zu der Ausgabe der 
Werke Bacon's von Spedding u. s. w. (S. unten.) (Das Beste über Bacon's 
Methode.) — Spedding, das. vol. I. p. 369. — C. L. Craik, Lord Bacon, 
his ivritings and his philosophie. Lond. 1860. — A. Lassen, lieber Bacon's 
ivissenschaftliche Principien. Berlin, 1860. 8. (Heftig gegen Bacon.) — W. 
Hepworth Dixon, The story of Lord Bacons life. Lond. [Murray ] 1860. 8. 
(Eine Apotheose.) — AUgem. Augsburger Zeitung. 1860. No. 205. Beil. — 
Just. V. Liebig, lieber Francis Bacon von Verulam und die Methode der 



Eiiiloituug. Die Philosophie. Die Skoptiker. liacoii. 229 

Naturforscimng. München, 1863. 8. (SS. VIII. 64.) - Devs., Allg. Zeit. 1863. 
Nov. 2—7. — Gegen die Schriften und Aufsätze von Fischer und Liebig 
sind gerichtet zwei Abhandlungen von Sigwart: Preuss. Jahrlib. 1863. 
S. 93—129. — 1864. S. 79—89. — ; Th. Merz, Frotestantisclic MonatsUätter, 
1864. S. 166 — 196; — gegen Liebig die Schrift von Heinr. Böhmer: 
Ueher Franzis Bacon von Veridam und die Verbindung der Philosophie mit 
der Natunvissenschaß. Erlangen, 1864. 8. (SS. 34.) — C h. de Remusat, 
Bacon, sa vie, son temps et sa philosophie. Paris [Didier]. 8. — H. v. Bam- 
b erger, lieber Bacon von Verulajn, besonders vom medicinischen Standpunkte. 
Würzb. 1865. 4. (SS. 30.) 

285. Francis Bacou von Verulam, der Sprössling eines der 
edelsten Geschlechter von England (22. Januar 1560 — 9. April 1626), 
war zur diplomatischen Laufbahn bestimmt, virurde aber dui'ch den früh- 
zeitigen Tod seines Vaters genöthigt, den Beruf eines Rechtsanwalts zu 
ergreifen. Nach kurzer Zeit schwang er sich, namentlich auch durch seine 
glänzende Rednergabe, zu einem der angesehensten Mitglieder des Parla- 
ments, zuletzt zum Lord-Siegelbewahrer und Viscount von St. Albans auf. 
Aber mitten in dieser Laufbahn wurde er der Bestechung angeklagt ; er 
wurde sogar zwei Tage lang im Tower eingekerkert, und seines Vermögens 
verlustig erklärt. Den Rest seiner Tage verlebte Bacon in unablässiger 
Beschäftigung mit der Wissenschaft auf seinem Landgute Gorhambury. 

Der Charakter Bacou's ist von früheren und neueren Gegnern nicht 
selten mit den schwärzesten Farben geschildert worden ; aber selbst seine 
entschiedensten Vertheidiger, vor Allen Spedding, geben zu, dass Bacon's 
glänzende Eigenschaften, seine persönliche Liebenswürdigkeit, durch un- 
begrenzte Ehrsucht, Verschwendung, Bestechlichkeit, ja durch Verrath 
an seinem Gönner und Wohlthäter, dem unglücklichen Grafen Essex, tief 
in den Schatten gestellt werden. 

Die Abfassung der wichtigsten Schriften Bacon's fällt in die Zeit nach 
dem Tode der Königin Elisabeth, besonders in die fünf letzten Jahre seines 
Lebens. Es sind folgende: The advancement of learning (1605); Silva 
silvarum; Novuni organoi (1620); De dignitate et augmentis scientiariim 
(1623). Dazu drei naturgeschichtliche Abhandlungen: Historia ventorum; 
Hist. vitae et mortis ; Hist. densi et rari ; die dritte sehr vermehrte Aus- 
gabe der zuerst 1597 veröffentlichten, später sehr erweiterten Essays, und 
die vortreffliche Geschichte Heinrich's VIL — Von den zahlreichen Ueber- 
setzungen des Novum organon ist die neueste englische von A. Johnson. 
Lond. 1859. 8.; die neueste deutsche von v. Kirchmann. BerL 1870. 8. 
— Neueste Gesammtausgabe der Werke Bacon's von Spedding, Ellis 
und Heath: Lond. 1857—1874. 14 Bde. Die letzten Bände enthalten 
die Briefe und Biographie Bacon's. 

Bacon fasste den Plan zu einer völligen Umgestaltung der 
Wissenschaften schon während seiner Studienzeit in Cambridge. 
Der bisherige Zustand erscheint ihm durchaus ungenügend; das 
Alte hat sich überlebt, es muss vergessen und eine durchaus 
neue Welt gegründet werden. 

Sein eignes Werk beginnt Bacon damit, das ganze Gebiet 
des geistigen Lebens den Grundvermögen der Seele gemäss ein- 



230 Die neuere Zeit. Das siebzehnte Jahrhundert. 

zutheilen. Als solche betrachtet er das Gedächtniss, die Phan- 
tasie und die Vernunft. Ihnen entsprechen die Geschichte, Poesie 
und Philosophie. Die lyrische Poesie lässt Bacon ohne weiteres 
fallen-, aber auch die Geschichte gilt ihm weit mehr als ein 
Hülfsmittel des Wissens, denn als eine Wissenschaft. So bleibt 
nur das der Vernunft zufallende Gebiet der Geistesthätigkeit 
zurück: die Philosophie im weitesten Sinne, welche die Lehre 
von Gott, der Natur und dem Menschen umfasst. Da sich aber 
das Gebiet des Wissens im engeren Sinne nur auf die beiden 
letzteren beschränkt, so scheidet auch die Theologie zunächst 
aus dem Umfange der Philosophie aus, und die letztere wird im 
engeren Sinne zur «Naturphilosophie», zur Naturwissenschafts- 
Lehre. 

Die Naturwissenschaft umfasst den ganzen Bereich der sinn- 
lich erkennbaren Gegenstände. Es gibt aber nichts, was des 
Wissens unwerth wäre. So wird die Wissenschaft zum Abbilde 
der Natur. «Quidquid essentia dignum, id etiam scientia dignum, 
quae est essentiae imago». 

Bacon's Aufgabe ist nun zunächst darauf gerichtet (und dieser 
Theil seiner Leistungen gehört zu den gelungensten), zu zeigen, 
dass die bisherige, von den Alten überkommene Art der Be- 
handlung der Wissenschaft, besonders der Philosophie, durchaus 
verwerflich, dass es vor Allem erforderlich sey, dieselbe durch 
eine ganz neue Methode zu ersetzen. Zur Lösung dieser Auf- 
gabe ist hauptsächlich das Novum organon bestimmt. In diesem 
Werke weist Bacon zuvörderst nach, dass die hergebrachte 
Logik, so sehr sie sich eigne, den Verstand zu üben, nicht im 
Stande sey, zu der Erkenntniss des bisher Unbekannten zu 
führen, sondern nur das schon Bekannte und Gewusste zum 
Bewusstseyn zu bringen. Anstatt, wie die bisherige Logik, das 
Einzelne aus allgemeinen Voraussetzungen abzuleiten und zu er- 
klären (Deduction), könne die Wahrheit nur auf dem inductiven 
Wege gefunden werden, durch das Fortschreiten von dem Be- 
kannten auf das Unbekannte, und von dem Besonderen auf das 
Allgemeine. 

Hier zeigt sich nun aber sofort, was schon von Ritter be- 
merkt wurde, dass doch auch Bacon von gewissen Grundbegriffen 
ausgeht, zu denen er nicht auf dem von ihm allein für zulässig 
erklärten Wege der Induction, sondern durch willkürliche Voraus- 
setzung gelangt: Eine Trennung von Materie und Geist ist un- 
zulässig. Der Materie als solcher ist ein geistiges Princip in- 



Einleitung. Die Philosophie. Bacon. 231 

härent, welches sich zunächst in den Erscheinungen der An- 
ziehung und Abstossung äussert. Dieselben beweisen, dass der 
Materie ein gewisses Begehrungsvermögen inne wohnt, welches 
wiederum eine Art von Empfindung voraussetzt. Da aber dies 
Alles der Materie als solcher zukommt, so wird die hergebrachte 
Unterscheidung von materiellen, formellen und bewegenden Ur- 
sachen in der Physik von Bacon verworfen, in der Metaphysik 
dagegen zum Theil zugelassen. 

Die erste Stufe zu dem Gebäude der letzteren ist die Natur- 
kunde, die Kenntniss der natürlichen Thatsachen, die «Er- 
fahrung». Was unter dieser Erfahrung zu verstehen sey, wird 
nicht weiter angegeben; aber unzweifelhaft wird mit derselben 
die durch die Sinne gewonnene Kenntniss der Naturerscheinungen 
bezeichnet. Sofort offenbart sich ein zweiter, nicht oft bemerkter 
oder doch selten gerügter, Grundfehler des ganzen Systems. 
Von einer Beunruhigung über die Zuverlässigkeit der sinnlichen 
Wahrnehmung zeigt sich bei Bacon keine Spur; noch weniger 
darüber, ob denn, diese Zuverlässigkeit der Sinne vorausgesetzt, 
der Geist des Menschen die Fähigkeit besitze, aus den ihm über- 
lieferten Eindrücken auch richtige Vorstellungen zu bilden. 

Zur «Erfahrung» gelangen wir, fährt Bacon fort, durch die 
Beobachtung, hauptsächlich durch den Versuch. Da aber jede 
an die Natur gerichtete Frage von der Voraussetzung ausgeht, 
dass eine gewisse, für wahrscheinlich oder doch für möglich ge- 
haltene, Antwort erfolgen werde, so besteht, wie Bacon vortreff- 
lich auseinandersetzt, die grösste Kunst des Forschers darin, die 
richtigen Fragen an die Natur zu stellen. «Prudens interrogatio 
est quasi dimidium scientiae». Wie diese Kunst zu erlangen sey, 
darüber freilich ertheilt Bacon eben so wenig Belehrung, als 
über die Art, auf zweckmässige Weise die Beobachtung und den 
Versuch zu gebrauchen. 

Beobachtung und Versuch und die durch sie gewonnene 
«Erfahrung» liefern nur das empirische Material, die Thatsachen 
der Naturkunde. Zur Wissenschaft von der Natur erhebt sich 
die letztere erst durch die Kenntniss von den Bedingungen der 
Erscheinungen. «Vere scire est per causas scire». 

Der einzige Weg, um zu der Kenntniss von den Bedingungen 
der Natur-Erscheinungen zu gelangen, besteht in der Methode 
der Induction. Dieselbe erfordert zunächst die Kenntniss aller 
in den Natur -Vorgängen sich kund gebenden Erscheinungen. 
Diejenigen Erscheinungen, in denen eine bestimmte Art («Form») 



232 Dio neuere Zeit. Das siebzehnte Jahrhundert. 

der Bewegung- thätig ist, heissen «positive Instanzen», diejenigen, 
in denen dies, bei übrigens anscheinender Uebereinstimmung, 
nicht der Fall ist, «negative Instanzen». Der Mond z. B. strahlt 
gleich der Sonne Licht aus, aber es fehlen ihm die Wärme- 
ßtrahlen; diese sind für den Mond «negative Instanzen». Die 
letzteren müssen ausgeschlossen werden, um zur Kenntniss der 
wahren Bedingungen zu gelangen. Das Mittel hierzu ist der 
Zweifel. Die Feststellung der wesentlichen Bedingungen (welche 
in der Regel physikalische sind) führt zu der Kenntniss der 
Gesetze. Diese letztere nennt Bacon, ein eingebürgertes Wort 
sprachlich und sachlich missbrauchend, «Metaphysik». Die Physik, 
sagt er, führt zur praktischen Mechanik, die Metaphysik zur Herr- 
schaft über die Natur, zur «Magie». Allerdings reicht dieser in- 
ductive Weg häufig nicht aus, zum Zwecke zu gelangen; als- 
dann muss es genügen, die «Analogieen» aufzusuchen, um zur 
Ahnung des Zusammenhanges der Erscheinungen zu gelangen. 

Bacon selbst betritt diesen verlockenden Weg oft mit grossem Glücke. 
Er bemerkt die Aehnlichkeit des Baues in den verschiedenen Theilen der 
Pflanze; er erkennt die Analogie der zum Himmel strebenden Zweige und 
der der Erde zugekehrten Wurzeln ; aber er lässt sich auch dazu fortreissen, 
den Menschen eine umgekehrte Pflanze («planta inversa») zu nennen, 
indem er die aus dem Gehirn entspringenden Nerven mit den Wurzeln, 
die am entgegengesetzten Pole sich bildenden Geschlechts-Organe mit der 
Blüthe der Pflanze zusammenstellt. 

Mit besonderer Sorgfalt schildert Bacon die der Erkenntniss 
der Wahrheit sich entgegen stellenden Gefahren. Die wichtigsten 
von diesen sind die «Idole», die «Irrlichter» der Erkenntniss, die 
«anticipatio mentis», zu denen der Verstand so sehr hinneigt, 
dass es nöthig ist, denselben niemals sich selbst zu tiberlassen, 
sondern fortwährend zu «leiten». Wie diese Leitung des Ver- 
standes gehandhabt werden, vor Allem, von wem sie ausgehen 
soll, darüber lässt Bacon im Dunkeln. 

Bacon unterscheidet, je nachdem die Idole in der Natur des Menschen 
überhaupt oder in individuellen Eigenthümlichkeiten und Verhältnissen 
ihre Quelle haben, vier Arten derselben: 1. die Idole der Gattung (I. tribus); 
2. die des Individuiuns (sie heissen, da sie in der Tiefe der Persönlichkeit, 
wie in einer Höhle, verborgen sind, «Idola specus»); 3. Idole der öffent- 
lichen Meinung (I. fori) ; 4. Idole der Schule. Die letzteren , die gefähr- 
lichsten von allen, nennt Bacon wegen ihres äusseren Prunkes und ihrer 
inneren Leere «idola theatri». 

Von entscheidender Wichtigkeit für die Beurtheilung der 
Bacon'schen Lehre ist die praktische Bedeutung, welche der 



Einleitung. Die Philosophie. Bacou. 233 

Urheber derselben ilir zuschreibt. Allerdings räumt er dem auf 
dem Wege der Induction gewonnenen, an sich zwecklosen, 
Wissen einen sehr hohen Werth ein; aber sofort tritt dieser 
Anerkennung zufolge der Eigenart des englischen Charakters, 
des praktischen Staatsmannes, das Utilitäts-Princip an die Seite: 
«Wissen ist Macht»! Die Philosophie muss der durch zahl- 
reiche Entdeckungen erweiterten Naturkenntniss nachfolgen. So 
hat die letztere für Bacon im Grunde nur deshalb einen Werth, 
weil sie nützlich ist, weil sie zu Erfindungen führen kann, welche 
dem Menschen die Herrschaft über die Natur verschaffen. Die 
«Interpretatio naturae» hat zum letzten Zwecke das «Regnum 
hominis». Der glückliche Entdeckungstrieb soll durch die Philo- 
sophie zur Erfindungskunst erhoben werden; die Wissenschafts- 
lehre ist in ihrem letzten Ziele Erfindungskunst. 

Zu denjenigen Wissenschaften, welche der Strenge der in- 
ductiven Methode am meisten bedürfen, rechnet Bacon die 
Medicin. Besondere Wichtigkeit legt er auf das Studium der Ana- 
tomie, besonders auf deren Erweiterung durch die vergleichende 
und pathologische Anatomie. Eben so einsichtsvoll äussert er 
sich über den Nutzen der Vivisectionen , über die Einseitigkeit 
der Humoralpathologie , gegen die von der Bequemlichkeit der 
Aerzte zu häufig vorausgesetzte Unheilbarkeit vieler Krankheiten, 
und gegen die Unvollkoramenheit der Arzneipräparate. Er spricht 
bei dieser Gelegenheit eine Hoffnung aus, welche die neueste 
Zeit glänzend erfüllt hat, dass es nämlich der Chemie dereinst 
gelingen werde, die Mineralquellen künstlich nachzubilden. Als 
eine besonders wichtige Aufgabe der Medicin schildert Bacon 
ferner die Makrobiotik. Diese werde zunächst durch Alles das 
erreicht, was die Spiritus verdichte und ihren zu raschen Ver- 
brauch verhindere. Dahin rechnet er massige körperliche und 
geistige Thätigkeit, besonders den massigen Genuss des Opiums, 
des Nitrums, vor Allem das noch nicht entdeckte Aurum potabile. 

386. Die Lehren Bacon's sind, gleich seinem sittlichen 
Charakter, bald über Gebühr gepriesen, bald ungerechter Weise 
herabgesetzt worden^). Am glimpflichsten verfuhren Diejenigen, 
welche mit Recht darauf hinwiesen, dass der Kern seines Systems 
schon bei früheren Schriftstellern sich finde, dass die inductive 



^) Eine sehr vollständige Darstellung der gegen Bacon gerichteten 
Angriffe findet sich bei K. Fischer, a. a. 0. S. 427 ff. 



234: Die neuere Zeit. Das siebzehnte Jahrhundert. 

Methode schon von Sokrates erfunden, von Piaton und Aristoteles 
augewendet worden sey, dass Kepler, Galilei, Gilbert u. A. durch 
dieselbe zu ihren glänzenden Entdeckungen gelangt seyen. — 
Sehr heftige Angriffe sodann sind gegen Bacon gerichtet worden 
von Denen, welche sein System als ein der Religion feindliches 
betrachteten. So geschah es schon vor mehr als hundert Jahren 
von dem Calvinisten Pierre Bayle^); ein Angriff, welchen bereits 
Leibnitz in seiner Theodicee zurückwies, der aber im Jahre 1836 
von ultramontaner Seite her erneuert wurde. Die Schrift von 
Le Maistre hat nichts Geringeres zum Zweck, als Bacon, den 
Protestanten, den Atheisten, zu vernichten. — Gewichtiger sind 
die von dem berühmten Historiker Macaulay^) gegen einzelne 
Punkte der inductiven Methode erhobenen Bedenken. 

Bis dahin waren die gegen Bacon gerichteten Einwürfe vor- 
wiegend negativer Art. Man leugnete, dass er ein gläubiger 
Christ, ein Philosoph, ein Naturforscher gewesen sey. — Der 
neueste und gewichtigste Gegner Bacon's, Liebig, erhob posi- 
tive Beschuldigungen. Ihm erschien nicht blos die Methode 
Bacon's fehlerhaft, sondern er schilderte ihn auch als einen der 
schlimmsten Uebelthäter an der Naturwissenschaft. Ein grosser 
Theil der Vorwürfe Liebig's ist bereits von Sigwart*) berichtigt 
worden. 

Unzweifelhaft geschieht Bacon der Ehre zu viel, wenn man 
ihn für einen grossen Philosophen erklärt. Aber entschiedenes 
Unrecht widerfährt ihm, wenn man an diejenigen Abschnitte 
seiner Schriften, in welchen er naturwissenschaftliche Dinge 
zur Sprache bringt, denselben Massstab legt, welchem sich die 
Leistungen des fachmässigen Naturforschers zu unterwerfen haben ; 
wenn man ihm zum Vorwurfe macht, dass er auch nicht durch 
den kleinsten Fortschritt irgend ein Gebiet der Naturkunde be- 
reicherte, wenn man ihn verklagt, dass seine Kenntniss der Natur 
nicht einmal auf der Höhe seiner Zeit stand, dass er in vielen 
Dingen offenbare Unkenntniss zeigt. In der That kann Bacon 
kaum auf den Namen eines Dilettanten der Naturwissenschaft 
Anspruch erheben; seine Kenntnisse beschränken sich im Grunde 
auf eine encyklopädische Uebersicht der Naturkunde. Selbst 
diese ist lückenhaft genug; ja es fehlt nicht an zahlreichen 
Irrthümern. So zeigt er sich z. B. als Gegner des Copernicus; 



^) In mehreren Artikeln des Dictionnaire liistorique et critique. 
3) S. oben S. 229. *) Das. 



Einleitting. Die Philosophie. Bacon. 235 

seine mathematischen Kenntnisse sind viel zu dürftig, um Männer 
wie Kepler und Galilei würdigen zu können. 

Mit Recht hebt Bamberger in seiner gediegenen Beurtheilung Bacon's 
als einen Hauptfehlei- desselben hervor, dass er der Natur keineswegs mit 
der von ihm selbst so streng geforderten Unbefangenheit gegenüber tritt, 
sondern mit einer bereits vollständig ausgebildeten Theorie, der pneumati- 
schen. «Wenn Bacon eine Frage an die Natur stellt, so weiss er schon 
von vornherein, wie die Antwort ausfallen muss. Jedenfalls muss sie sich 
auf die Spiritus beziehen. Da aber diese sehr einfache, nur weniger Ver- 
änderungen fähige Dinge sind, so muss die Antwort eben so einfach als 
befriedigend seyn. z. B. «Warum ist der Flug der Vögel schneller, als 
der Lauf der vierfüssigen Thiere? Weil die Proportion der Geister zur 
Masse des Körpers grösser ist als bei diesen». — Aber neben vielen solchen 
Beispielen, die wohl geeignet sind, den an den ernsten Weg der Natur- 
forschung Gewöhnten mit Widerwillen zu erfüllen, finden sich wieder Be- 
obachtungen und Bemerkungen von merkwürdiger Feinheit und Schärfe, 
ja mitunter solche, wo Bacon's Genie fast instinctiv Entdeckungen streift, 
deren Realisirung einer viel späteren Zeit vorbehalten blieb. Hierher 
gehört seine Vermuthung, dass die Luft zu einem festen Körper und zu 
einem Nahrungsmittel (für die Pflanzen) werden könne, — dass die Farbe 
nur eine Modification des Lichtes, die Wärme eine Form der Bewegung 
sey u. s. w.» 

Am begründetsten sind die Einwürfe, welche man gegen Das 
erhoben hat, was Bacon als sein unbestrittenes Eigenthum in 
Anspruch nehmen kann: die von ihm aufgestellte inductive 
Methode der Naturforschung. Der Cardin alfehler dieser Methode 
besteht in einer verbängnissvollen Lücke ihrer philosophischen 
Grundlage. Bacon baut sein System auf die sinnliche Wahr- 
nehmung, ohne sich über die Zuverlässigkeit derselben im ge- 
ringsten zu beunruhigen. Die Untrüglichkeit der Sinne gilt ihm 
als Axiom. Allerdings sollen der Zweifel und der Versuch dazu 
dienen, die wesentlichen und zufälligen Ursachen der Erschei- 
nungen zu sondern. Aber diese Skepsis ist objectiver Art; sie 
richtet sich auf den Zusammenhang der beobachteten Vorgänge, 
nicht auf die Garantieen der Zuverlässigkeit der sinnlichen Wahr- 
nehmungen und der durch dieselben in der Seele erzeugten Vor- 
stellungen. 

Aber selbst davon abgesehen besitzt die Methode Bacon's 
nicht den hohen Werth, welchen er selbst und Andere ihr bei- 
massen. Mit vollem Rechte nannte schon Goethe, dessen ganze 
Eigenthümlichkeit ihn dazu führen musste, dem «Apercu» die 
höchste Bedeutung beizulegen, die Methode Bacon's «umständlich 
und peinlich». Sehr treffend sagt Bamberger, dass es eine be- 
sondere Logik für die Naturwissenschaft nicht gibt. «Die Methode 



236 DJ9 neuere Zeit. Das siobzehuto Jahrhundert. 

der Induction, deren sie bedarf, ist die des einfachen gesunden 
Menschenverstandes, die alte eTza^oi-fri des Aristoteles, welche 
aus der Summe einzelner Erfahrungen allgemeine Sätze ableitet». 

Am meisten irrte Bacon, wenn er seiner Methode die Fähig- 
keit zuschrieb, zu grossen Entdeckungen hinzuleiten. Denn zu 
Entdeckungen führt nicht irgend welche Methode, sondern das 
Genie. Vor Allem ahnt der Urheber der Induction nicht die 
neue Bahnen der Erkenntniss eröffnende Macht der genialen 
Hypothese. Mit der Methode Bacon's wäre Columbus nicht 
der Entdecker von Amerika, Kepler nicht der Entdecker der 
Gesetze von der Bewegung der Gestirne, Harvey nicht der Ent- 
decker des Kreislaufs geworden ; es wären durch sie weder der 
Wasserdampf noch die Elektricität der Herrschaft des Menschen, 
die Bacon doch als das letzte Ziel der Naturwissenschaft be- 
trachtet, unterthan geworden. 

Das Verdienst Bacon's besteht darin, dass er gleich so 
vielen seiner Vorgänger und seiner Zeitgenossen bemüht war, 
die Macht der Auctorität in der Naturwissenschaft für immer zu 
beseitigen, dass er die Nothwendigkeit einer durchgreifenden Um- 
gestaltung der letzteren zum allgemeinen Bewusstseyn brachte. 
Es besteht darin, dass er die Forderung aufstellte, auf dem 
Wege der Beobachtung, des Versuchs, des Vergleichs und der 
Analyse zu den Bedingungen der Erscheinungen vorzudringen, 
dass er sehr wesentlich dazu beitrug, die Naturforschung zu 
einem selbständigen und integrirenden Theile der allgemeinen 
Wissenschaft zu erheben, und ihre Bedeutung für die Philosophie 
und für das praktische Leben festzustellen. 



Die Nachfolger Bacon's. 

J. Schaller, Geschichte der Naturphilosophie von Baco von Verulam 
bis auf unsere Zeit. Leipz. 1841. 8. — Charles de Remusat, Histoire 
de la Philosophie en Angleterre depuis Bacon jusqu'ä Looke. Paris [Didier], 
1875. 8. 2 voll. (pp. VII. 420. 416.) 

287. Eine ausführliche Darstellung der Gestaltungen, zu 
welchen sich die Lehren Bacon's bei seinen Nachfolgern ent- 
wickelten, liegt nicht in unsrer Aufgabe. Wohl aber muss an- 
gedeutet werden, wie früh schon die Einseitigkeiten jener Lehren 
erkannt und verbessert wurden. Bereits Thomas Hobbes 
(5. April 1588 — 4. Dec. 1679), hält die Induction nur für einen 
von den beiden Wegen, welche zur Erkenntniss führen. Denn 



Einleitung. Die Philosophie. Die Nachfolger Bacon's. Hobhes. Locke. 237 

die Philosophie gilt ihm als die Wissenschaft, welche lehrt, 
durch blosse Vernunft aus den Ursachen der Dinge vorwärts, aus 
ihren Wirkungen rückwärts zu schliessen. Deshalb führt nur 
die Verbindung der analytischen mit der synthetischen Methode 
zum Ziele. Auf das Schärfste sodann trennt Hobbes das Gebiet 
des Glaubens, der Religion, von dem der Vernunft, der Wissen- 
schaft. Gegenstand der letzteren ist nur die Körperwelt. Zu 
Vorstellungen von dieser gelangen wir einzig und allein durch 
die Bewegungen der letzteren, welche auf unsre Sinne und durch 
diese auf die Seele wirken. Den Gegenstand der Philosophie 
bildet die Erforschung der Bewegungen der natürlichen und 
künstlichen Körper und ihrer Gesetze : der Natur, des Menschen, 
— des Staates. Gerade in der Anwendung der Naturlehre auf 
die Politik erkennt Hobbes den wichtigsten Zweck und Nutzen 
der Philosophie. 

Hobbes' Werke erschienen gesammelt: Lond. 1750. f. — ed. Moles- 
worth, Lond. 1839— 1845. 8. 16 voU. 

Der Hauptbegründer des aus der Schule Bacon's sich ent- 
wickelnden Empirismus ist John Locke, ein durch Freiheit und 
Schärfe des Denkens, wie durch sittliche Würde des Charakters 
gleich hervorragender Philosoph. Ihm und seinen zahlreichen 
Nachfolgern, unter denen es genügt, den grossen Isaak Newton 
(1642 — 1727) anzuführen, gelten die sinnliche Wahrnehmung und 
die durch dieselbe angeregte Thätigkeit der Seele, die Reflexion, 
als die einzigen Quellen der Erkenntniss. 

John Locke (29. Aug. 1632— 28. Oct. 1704) widmete sich 
schon während seiner Studienzeit zu Oxford physikalischen, besonders 
meteorologischen und chemischen Untersuchungen. Im Jahre 1664 ging 
er als Gesandtschafts-Secretär auf Reisen, kehrte dann nach Oxford zurück, 
um seine medicinischen Studien, denen er sich zunächst im Interesse seiner 
eigenen Gesundheit widmete, zu beendigen. Im Jahre 1674 (42 Jahr alt) 
erwarb er die Würde eines Baccalaureus der Medicin, beschäftigte sich 
aber während seines ferneren Aufenthalts zu London, wo er zu dem durch 
Boyle, Huyghens, Newton, Sydenham und Andern gebildeten Freundes- 
Kreise gehörte, vorzugsweise mit Staatsgeschäften und Philosophie. — 
Die wichtigste Schrift Locke's ist der im Jahre 1670 begonnene, aber 
erst im Jahre 1690 erschienene Essay concerning human understanding. 
Sehr werthvoU sind auch die drei Jahre später erschienenen Some tJioughts 
concerning education. — Locke's Werke erschienen: London, 1801. 8. 
10 Bde. (lote Ausgabe.) — Lord King, The life of John Locke. Lond. 
1880. — Handschrifthche Abhandlungen über medicinische Gegenstände, 
z. B. über den Gesichtsschmerz, über Krankheiten der Nägel, werden mit 
grossem Lobe erwähnt. Mehrere derselben besitzt das Britische Museum. 



238 ßio neuere Zeit. Das sietzehnte Jahrhundert. 

— Vergl. Moehsen, Beschreibung einer Berlinischen Medaillensammlung. 
Berl. 1773. 4. S. 347. 356. 380. 

Von den Werken Newton's (ed. Horsley Lond. 1779. 4. 5 voll.) ge- 
hören hierher vorzüglich die Naturalis philosophiae principia mathematica. 
Lond. 1687. 4. 1713. 4. Genev. 1760. 4. — Vergl. Brewster, 
Memoirs of the life, opinions and discoveries of Isaac Netvton. 2 voll. 
Edinb. 1855. 8. 

Einer der wichtigsten Vertreter des Sensualismus ist ein 
Deutscher, der gelehrte Joachim Jung aus Lübeck (22. Oct. 
1587—23. Sept. 1657), im Jahre 1624 Prof. der Mathematik zu 
Rostock, dann der Medicin zu Helmstädt, hierauf Arzt zu Braun- 
schweig, seit 1629 bis zu seinem Tode Rector des Gymnasiums 
zu Hamburg, um welches er sich, namentlich durch Einführung 
des Deutschen als der Sprache des Unterrichts, die grössten Ver- 
dienste erwarb. 

Vergl. besonders seine Doxoscopiae physicae minores. Hamb. 1662. 4. 

— G. E. Guhrauer, De Joachimo Jungio commentatio historico-literaria. 
Vratislav. 1846. 4. (pp. 40.) Im Auszuge in Henschel's Janus^ I. 
817 ff. — ß. C. B. Ave-Lallemant, Des Joachim Jungius aus Lübeck 
Briefwechsel mit seinen Schülern und Freunden. Lübeck, 1863. 8. (SS. 
XXVIII. 456.) 

Als eine unmittelbare Frucht der sensualistischen Lehren er- 
scheint die Erneuerung des Epikureischen Atomismus. Der wich- 
tigste Vertreter desselben im siebzehnten Jahrhundert, Pierre 
Gassend, aus der Provence (1592 — 1655), einer der bedeutend- 
sten Physiker seiner Zeit, richtet sich besonders gegen die 
Wirbel- Theorie von Descartes. — Im achtzehnten Jahrhundert, 
in der Schule der französischen «Encyklopädisten», steigert sich 
diese Richtung zu dem unverhüllten Cynismus, welcher die Natur 
nicht blos theoretisch zu erkennen, sondern vor Allem auch 
praktisch zu gemessen verlangt. 

P. Gassendi Opera. Lugd. 1658. f. 6 volL Florent. 1728. 6 voll. 



Descartes. Spinoza. 

288. Die Absicht Bacon's, zum grossen Theil auch die 
seiner Nachfolger, war der Hauptsache nach darauf gerichtet, 
die Methode der wissenschaftlichen Naturforschung festzustellen. 
Ihnen gegenüber trat Descartes mit einem vollständig abge- 
schlossenen philosophischen Systeme hervor, welches dazu be- 
stimmt war, die Gesetze der Natur und des Denkens selbst 



Einleitung. Die Philosophie. Die Nachfolger Bacon's. Newton. Jung. 23Q 

Gassend. Descartes. 

darzulegen. Es konnte nicht fehlen, dass ein solches System, 
zu einer Zeit, in welcher noch auf jedem Gebiete der wissen- 
schaftlichen Thätigkeit das Bedürfniss einer philosophischen 
Grundlage für eins der dringendsten gehalten wurde, gerade auf 
die fernere Gestaltung der Natur- und Heilkunde sehr grossen 
Einfluss äusserte. 

Rene des Cartes, am 31. März 1596 zu Haye en Touraine von 
reichen Aeltern geboren, widmete sich schon früh mit grossem Eifer der 
Mathematik. In früheren Jahren war er fast stets auf Reisen ; eine Zeit 
lang nahm er Kriegsdienste, von 1629 — 1649 lebte er in Holland, nament- 
lich zu Egmont bei Alkmaar. Im Jahre 1649 begab er sich nach Stock- 
holm an den Hof der Königin Christine, woselbst er aber schon am 1 1. Febr. 
des folgenden Jahres starb. 

Das Hauptwerk des Cartesius sind seine Principia philosophiae. Amstel. 
1644. 4. Französisch: Paris, 1647. 4.; die Meditationes de p>rima pJiilo- 
sophia, und der Discours sur la methode. — Unter den nach seinem Tode 
erschienenen Werken sind hervorzuheben : De Vhomme und Traue de la 
formation du foetus. Latein. : Amstelod. 1677. — Die übrigen anatomi- 
schen Schriften bei Haller, Bibl. anat. I. 386. — Opera omnia. 9 voll. 
— Gesammt-Ausgaben, von Cousin: Par. 1824 — 1826. 8. 11 voll. — von 
Garnier: Par. 1835. 8. 4 voll. — von Jules Simon: Par. 1857, 16. — 
Oeuvres ineditSj ed. Foucher de Careil. Par. 1859 — 1860. 8. 2 voll. — 
Baillet, La vie de Mr. des Cartes. Par. 1691. 4. Hieraus ein Auszug: 
Par. 1693. 12. — Sprengel, Opuscula. Lips. 1844. 8. — C. Mohr- 
mann (praes. Reil), Diss. de Cartesianae philosophiae efficacia in mu- 
tanda artis medicae indole. Hai. 1797. 8. — C. F. Hock, Cartesius und 
seine Gegner; ein Beitrag zur Charakteristik der philosophischen Be- 
strebungen unsrer Zeit. Wien, 1835. 8. — Schaar Schmidt, Cartesius 
und Spinoza. Bonn, 1851. 8. — Fr. Bouillier, Histoire de la philo- 
sophie Cartesienne. Par. 1854. — E. Saisset, Precurseurs et disciples 
de Descartes. 2. öd. Paris, 1862. 8. — Bertrand de Saint-Ger- 
main, Descartes considire comme physiologiste et comme medecin. Paris 
[Masson], 1869. 8. — Fr. Volkmer, Das Verhältniss von Geist und 
Körper im Menschen nach Cartesius. Bresl. 1869. 8. 

Der einzige Punkt beinahe, in welchem Descartes mit Bacon 
und dessen Anhängern übereinstimmt, ist seine Verachtung des 
Aristo telismus 5 in jeder andern Beziehung erscheint seine Lehre 
als eine Reaction gegen die von seinen englischen Vorgängern 
eingeschlagene Richtung. 

Zunächst ist Descartes jenen Vorgängern schon dadurch 
überlegen, dass er den ganzen Bereich des Geisteslebens um- 
fasst, dass ihm ausser allen übrigen Erfordernissen eine auf der 
Höhe seines Zeitalters stehende Kenntniss der Mathematik und 
der Naturwissenschaften zu eigen ist. Seine Absicht geht 
dahin, die Philosophie durch die Verbindung der logischen mit 



240 Die neuere Zeit. Das siebzehnte Jalirliundert. 

der mathematischen Methode zur Sicherheit der Mathematik, zur 
«mathesis universalis» zu erheben, hierbei aber dem analytischen 
und synthetischen Verfahren gleiche Rechte zu gewähren. 

Hier kommt es nun vor Allem darauf an, einen festen Aus- 
gangspunkt für unsre Erkenntniss zu gewinnen. Dieser Punkt 
ist in der Thatsache gegeben, dass wir uns als ein Denkendes 
wahrnehmen. «Cogito, ergo sum.» Wobei unter Denken das 
«Sich-Bewusstseyn» im weitesten Sinne, Empfinden, Wollen u. s.w. 
zusammen gefasst wird. Diesem Bewusstseyn des Ich als eines 
Beschränkten steht gegenüber die Idee des unendlichen Seyns, 
welches aber nicht als eine Negation zu fassen ist. Diese Idee 
des unendlichen Seyns ist umfassender als das Endliche, sie 
muss also von einem Unendlichen herstammen. Aus diesem 
Vorhandenseyn der Idee Gottes in uns folgt mit Nothwendigkeit 
das Daseyn Gottes. Es folgt zugleich aus der Wahrhaftigkeit 
Gottes die Wahrheit Alles dessen, was klar und deutlich erkannt 
worden ist. 

Der Wahrnehmung der denkenden Substanz gegenüber steht 
die gleichfalls von Gott uns eingepflanzte Idee der ausgedehnten 
Substanz. So sind «Denken» und «Ausdehnung» die allge- 
meinsten Attribute des Seyenden». Denken ist die reine Inner- 
lichkeit, Bewusstseyn, blosse Ichheit; Ausdehnung dagegen das 
reine Aussersichseyn, das jede Analogie mit der Ichheit aus- 
schliesst. 

Der Inbegriff der denkenden Substanzen, der Geister, um- 
fasst die intellectuelle Welt ; die Summe der nach Länge, Breite 
und Tiefe ausgedehnten Substanzen, die Körperwelt. Da Länge, 
Breite und Tiefe auch dem Räume zukommt, da er eben nur 
Ausdehnung besitzt, so ist auch er ein Körper, und es gibt 
sonach weder einen leeren Raum, noch untheilbare Körper 
(«Atome»), — Die Vereinigung der denkenden und der ausge- 
dehnten Substanz bildet die Welt der denkenden Wesen, der 
Menschen. Die Thiere denken nicht, und sind deshalb nur Körper. 

Alle Eigenschaften der körperlichen Materie gehen daraus 
hervor, dass sie unendlich theilbar und beweglich ist. Der Ur- 
heber der Bewegung ist Gott; da dieser unveränderlich ist, so 
ist es auch die Summe der Bewegung. Die Bewegungen selbst 
erfolgen nach Gesetzen, welche sogar der Urheber derselben nicht 
abzuändern vermöchte. Die ursprüngliche geradlinige Richtung 
eines bewegten Moleküls verwandelt sich dadurch, dass, sobald 
es seinen Ort verlässt, die benachbarten von allen Seiten her 



Einleitnng. Die Philosophie. Descartes. 241 

sich in seine Stelle drängen, in die tangentiale, kreisförmige, 
den «Wirbeb. In solchen Wirbeln kreisen die Gestirne; auf 
ihnen beruhen die Erscheinungen der Schwerkraft und des Fallens 
der Körper. 

«Ein bewegter Körper verliert an einen andern, auf den er trifft, so 
viel an eigner Bewegung, als er demselben mittheilt». Descartes ist 
der Entdecker von dem Gesetze der Gleichheit des Einfalls- imd des 
Reflex -Winkels , der Refraction des Lichtes. Er berechnete zuerst den 
Einfluss des Mondes auf Fluth und Ebbe ; er ist der Vorläufer derjenigen 
Lehre, durch welche zweihundert Jahre nach ihm die Physik auf unge- 
ahnte Bahnen geleitet worden ist: der Lehre von der Constanz der Kraft. 
«Die Summe der Bewegung in der Natur ist eine unabänderliche Grösse; 
Wärme ist Bewegung, und Bewegung verwandelt sich in Wärme». — Die 
Wissenschaft von der Materie ist die Mathematik. Diese zerfällt in die 
Lehre von der Ausdehnung, die Geometrie, welche, wie zuerst Descartes 
nachwies, wiederum in der Algebra aufgeht, und in die Bewegungslehre, 
Mechanik. Durch diese mathematische Auffassung der Natur wird der 
Begriff des Zweckes, die Teleologie, vollständig ausgeschlossen. Descartes 
leugnet nicht, dass Gott Zwecke in der körperlichen Natur verfolge, er- 
klärt es aber für Vermessenheit, dieselben kennen lei'nen zu wollen. Am 
verwerflichsten sey der Hochmuth, den Menschen als Zweck der Natur zu 
betrachten. 

Für die Geschichte unsrer Wissenschaft erhält Descartes 
dadurch Bedeutung, dass er auch die Physiologie und Pathologie 
in den Kreis seiner Betrachtungen zieht. In seinem Satze, dass 
Bev^egungen der festen und [molekulare] der flüssigen Gebilde 
die Grundlage der körperlichen Verrichtungen bilden, liegt die 
Wurzel der beiden medicinischen Systeme, vs^elche das siebzehnte 
und einen Theil des achtzehnten Jahrhunderts beherrschen: der 
latrophysik und der latrochemie. 

Descartes beschäftigte sich eilf Jahre hindurch mit anatomischen 
Studien. «Ich habe so viel Experimente gemacht», sagt er, «als Zeilen 
in meinen Schriften stehen» . Er verfasste sogar ein Werk über Anatomie, 
welches trotz seiner ünbrauchbarkeit vier Auflagen erlebte. 

Der Geist des Menschen, lehrt Descartes, ist substantiell 
zwar von dem Körper, einer überaus kunstreichen Maschine, 
völlig verschieden, aber aufs innigste mit demselben verbunden ; 
nicht weil eine solche Verbindung in der Natur von beiden be- 
gründet wäre, sondern weil Gott es so gewollt hat. Descartes 
vergleicht die Seele in dieser Hinsicht mit der Schwerkraft, 
welche er ebenfalls für etwas von der Materie Verschiedenes 
hält. — Vor Allem ist er einer der frühesten Anhänger Harvey's. 
Als Central-Organ des menschlichen Körpers gilt ihm das Herz; 

Haeser, Gesch. d. Med. II. jg 



242 Die neuere Zeit. Das siebzehnte Jahrhundert. 

den Antrieb zu seiner Bewegung erhält dieses durch das ihm 
eingepflanzte Feuer, und durch die im Gehirn vermittelst der 
«Rarefaction» des Blutes erzeugten «Lebensgeister». — Die 
Verdauung erfolgt durch die Bewegungen des Magens und durch 
die Vermischung der Speisen mit gewissen Secreten, welche 
den Chymus in ähnlicher Weise erhitzen, wie das Wasser den 
Kalk. Die Ernährung ist ein rein physikalischer Vorgang, 
welcher darauf beruht, dass die Gefässe, nach Art feiner Siebe, 
nur die subtilsten Theile des Nahrungsstoifes austreten lassen. 
Eben so sind die Secretionen abhängig von der Lage und Grösse 
der betreffenden Gefässe, und von dem Umfange ihrer Poren. 
Das Athmen dient dazu, das Blut abzukühlen und zu verdichten. 
Die Fähigkeit der Muskeln, sich zu bewegen, beruht auf den in 
ihnen eingeschlossenen wirbeiförmig bewegten Lebensgeistern ; die 
Bewegung selbst wird erregt durch die vom Gehirn her in die- 
selben einströmenden Lebensgeister. — Die Sinnes-Empfindungen 
entstehen durch Schwingungen der Nerven, die sich bis zum 
Gehirne fortpflanzen, und dort wirbeiförmige Bewegungen hervor- 
rufen, welche Descartes sogar durch Abbildungen erläutert. — 
Den grössten Anfechtungen war die von ihm aufgestellte Lehre 
unterworfen, dass die Seele zwar überall im Körper zugegen 
sey, dass aber ihre unmittelbarsten Wirkungen von der Zirbel- 
drüse, dem «Conarium», welches, wie Descartes lehrt, alle Lebens- 
geister passiren müssen, ausgehen sollte. — Auch in den die 
Pathologie betreffenden Sätzen, namentlich in der Fieberlehre, 
spielen die Störungen der physikalischen und chemischen («Fer- 
ment»-) Bewegungen die Hauptrolle. — Die Psychologie, nament- 
lich das ethische Gebiet, hat Descartes, abgesehen von einer vor- 
trefflichen Schrift über die Leidenschaften, weniger berücksichtigt. 
Es konnte nicht fehlen, dass dem System des Cartesius in 
der Periode der grossen physikalischen Entdeckungen, nament- 
lich der Fallgesetze durch Galilei, der Lehre Toricelli's vom 
Luftdrucke u. s. w., durch welche die wesentliche Identität aller 
Materie dargethan wurde, die allgemeine Zustimmung der Natur- 
forscher zu Theil wurde, dass es die Anerkennung der exakten 
Methode immer mehr befestigte. Um so heftiger wurde es von 
den orthodoxen Theologen als eine den Materialismus und 
Atheismus predigende Irrlehre bekämpft. Die grösste Verbreitung 
gewann der Cartesianismus in Holland, Frankreich und Deutsch- 
land-, in England führten neben dem Aristotelismus die Lehren 
Bacon's, Locke's und Newton's die Herrschaft. Aber auch in 



Einleitung. Die Philosophie. Descartes. Spinoza. 243 

den zuerst genannten Ländern gewann später der Sensualismus 
immer allgemeineren Eingang. 

Einen gewichtigen wissenschaftlichen Gegner fanden sowohl 
der Sensualismus als der Cartesianismus an dem edeln, einer 
portugiesischen, zu Amsterdam lebenden, Juden -Familie ent- 
sprossenen Baruch Spinoza (24. Nov. 1632 — 21. Febr. 1677), 
einem der tiefsten Denker aller Zeiten. Gegen den Dualismus 
von Descartes (mit welchem er in der Verwerfung der Teleologie 
und der hohen Meinung von dem Werthe der mathematischen 
Methode übereinstimmt) ist zunächst der Grundsatz seiner Lehre 
gerichtet, aus welchem Alles Andere von selbst folgt, dass es 
nur eine die Attribute des unendlichen Seyns und Denkens in 
sich vereinigende Substanz gibt : Gott. Er ist die Ursache aller 
endlichen Dinge, die eben nur Aeusserungen («modi») seines 
unendlichen Seyns und Denkens sind. Materie, Bewegung, Kraft 
und Geist sind nur Aeusserungen eines und desselben Realen. 
Seele und Körper sind ein und dasselbe Individuum, welches 
bald unter dem Attribute des Denkens, bald unter dem der 
Ausdehnung aufgefasst wird. 

Die wesentliche Uebereinstimmung dieser Sätze mit der Identitätslelire 
Schelling's bedarf keiner Nachweisung. — Bezeichnend füi' den ethischen 
Standpunkt des holländischen Philosophen gegenüber dem praktischen 
Bacon's ist es, dass zwar auch Spinoza dem Satze beistimmt : «Wissen ist 
Macht», aber nicht, weil es dazu dient, nützliche Erfindungen zu macheu, 
sondern weil es den Menschen von der Gewalt der Leidenschaften befreit, 
und ihn dadurch zur Tugend und zur Frömmigkeit führt. 

Spinoza, Opera omma^ ed. Paulus. Jen. 1802. 1803. 3 Bde. 8. 
— Neueste Ausgabe von Herm. Bruder. Lips. 1843. 16. Dazu ein 
Supplement von van Vlothen. Amsterd. 1862. — S. E. Löwen- 
hardt, Benedict von Spinoza in seinem Verhältniss zur Philosophie und 
Naturforschimg der neueren Zeit. Berlin, 1872. 8. (SS. XXV. 420.) 



Die Anatomie und Physiologie im siebzehnten Jahrhundert. 

Die Entdeckung des Blnt-Ereislaufs. 

Harvey's Vorläufer. 

J. F. C. Heck er, Die Lehre vom Kreislauf vor Harvey. Berl. 1831. 8. 
(SS. 32.) — M. P. Berard, JEListorique de la decouverte de la circidation du 
sang. Paris, 1844. 8. (Aus Gas. med. de Paris.) — P. Pleuren s, Histoire 
de la decouverte de la circulation du sang. Paris, 1854. 8. 1857. 8. (pp. 279.) 
Ohne Berücksichtigung der deutschen Arbeiten. Ein Auszug im Journal 
des savans, 1853. Oct. 1854 Mars. 

16* 



244: Dio neuere Zeit. Das siebzehnte Jahrhundert. 

289. Durch die grossen Anatomen des sechszehnten Jahr- 
hunderts war die Kenntniss von dem Bau des menschlichen 
Körpers in hohem Grade erweitert und vervollkommnet worden ; 
aber der Physiologie kamen diese Fortschritte zunächst nur 
wenig zu Statten. Hier herrschte das Ansehn Galens fortwährend 
so unumschränkt, dass selbst die grössten Zergliederer kaum 
etwas Anderes im Auge hatten, als durch ihre Untersuchungen 
die Lehrsätze des Pergameners zu erläutern und zu bekräftigen. 
Die Anatomie war und blieb die Dienerin, ja die Sklavin, eines 
seit mehr als tausend Jahren herrschenden, mit bewunders- 
würdigem Scharfsinn aufgeführten und, wie es schien, uner- 
schütterlichen Systems. Da rief die Entdeckung des Blut-Kreis- 
laufes eine Umwälzung hervor, welcher sich in der Geschichte 
unsrer Kunst keine andere auch nur entfernt vergleichen lässt. 
Sie bildet den Markstein der wissenschaftlichen Periode 
der Medicin. 

Der Grundirrthum der Galenischen Lehre bestand darin, dass 
als die Stätte der Blutbereitung die Leber galt, dass man von 
ihr und dem rechten Herzen aus das Blut in die Venen ein- 
strömen liess ^). Da man nicht umhin konnte, auch den Arterien 
neben dem Pneuma etwas Blut zuzuerkennen, so entstand die 
Annahme, dass ein Theil des Blutes aus dem rechten Ventrikel 
durch das Septum in den linken hinübertrete, und dass das 
letztere zu diesem Behufe mit Löchern versehen, oder doch porös 
sey. Wie festgewurzelt dieser Irrthum war, geht am schlagend- 
sten daraus hervor, dass sogar Vesalius, obschon er zeigte, dass 
das Septum keine Oeffnungen hat, an dem Durchschwitzen des 
Blutes festhielt. 

Der erste Schritt, durch welchen die grosse Entdeckung 
Harvey's vorbereitet wurde, war die Umgestaltung der bisherigen 
Lehre vom k 1 e i n e n Kreislaufe. Sie ist das Verdienst mehrerer 
in der Mitte des sechszehnten Jahrhunderts lebender Aerzte. 

Am frühesten erklärte sich gegen die Galenische Schilderung 
des kleinen Kreislaufs der berühmte und unglückliche Miguel 
Serveto, welchen wir bereits als entschiedenen Bekämpfer des 
Arabismus kennen lernten^). Die hierher gehörige Stelle blieb 
aber sehr lange unbeachtet, da sie sich in einem theologischen 
Werke findet, welches seines ketzerischen Inhalts wegen aufs 



') S. Bd. I. S. 360. ^) S. oben S. 66. 



Die Anatomie und Physiologie. Entdeckung des Blutkreislaufs. Vorläufer. Sorveto. 245 

strengste verfolgt wurde, und deshalb zu den grössten literari- 
schen Seltenheiten gehört. 

Mich. Servetus, Christianismi restitutio. Viennae AUobrogum, 
1553. p. 170 und 171. {de trinitate divina.) — Ein dem Scheiterhaufen 
entrissenes Exemplar besitzt die Pariser, ein zweites die Wiener Bibliothek. 
— Neuer Abdruck: *Nürnberg, 1790. 8. 

Serveto kommt zu der Besprechung des Blutlaufs bei der Lehre vom 
heiligen Geiste, wobei er auf die vom Spiritus überhaupt geführt wird. — 
Die Stelle lautet folgendermassen : 

«Vitalis est spiritus, qui per anastomosin ab arteriis communicatur, 
in quibus dicitur naturalis. Primus ergo est saugiiis, cujus sedes est in 
hepate et in corporis venis. Secundus est spiritus vitalis, cujus sedes est 
in corde et corporis arteriis. Tertius est spiritus animalis, cujus sedes est 
in cerebro et coi^^oris nervis. üt autem intelligatur, quomodo sanguis sit 
ipsissima vita, prius coguoscenda est substantialis generatio ipsius spiritus, 
qui ex aere inspirato et subtilissimo sanguine componitur et nutritur. 

Vitalis spiritus in sinistro cordis ventriculo suam originem habet, ju- 
vantibus maxime pulmonibus ad ipsius generationem. Est spiritus tenuis, 
caloris vi elaboratus , üavo colore , ignea potentia , ut sit quasi ex puriori 
sanguine lucidus vapor, substantiam in se continens aquae, aßris et ignis. 
Generatur ex facta in pulmonibus mixtione inspirati aSris cum elaborato 
subtili sanguine, quem dexter ventriculus cordis sinistro communicat. Fit 
autem communicatio haec non per parietem cordis medium, ut vulgo cre- 
ditur, sed magno artificio a dextro cordis ventriculo, longo per pulmones 
ductu, agitatur sanguis subtilis. A pulmonibus praeparatur, flavus effici- 
tur, et a vena arteriosa in arteriam venosam transfunditur. Deinde in 
ipsa arteria venosa inspirato a6ri miscetur, exsph*atione fuligine repur- 
gatur. Atque ita tandem a sinistro cordis ventriculo totum mixtum per 
diastolen attrahitur, apta suppellex, ut fiat spiritus vitalis. Quod ita per 
pulmones fiat communicatio et praeparatio, docet conjunctio varia et com- 
municatio venae arteriosae cum arteria venosa in pulmonibus. Confirmat 
hoc magnitudo insignis venae arteriosae, quae nee talis, nee tanta facta 
esset, nee tantam a corde ipso vim purissimi sanguinis in pulmones emit- 
teret, ob solum eorum nutrimentum, nee cor pulmonibus hac ratione ser- 
viret , ciun praesertim antea in embryone solerent pulmones ipsi aliunde 
nutriri, ob membranulas illas seu valvulas cordis usque ad horam nativi- 
tatis nondum apertas. Ergo ad alium usum effunditur sanguis a corde in 
pulmones hora ipsa nativitatis, et tam copiosus. — Item a pulmonibus 
ad cor non simplex aer sed mixtus sanguine mittitur ad arteriam venosam. 
Ergo in pulmonibus fit mixtio. Flavus iUe color a pulmonibus datur san- 
guini spirituoso, non a corde». 

Aus diesen Worten geht zunächst hervor, dass die Angaben 
Serveto's über den kleinen Kreislauf für seine Zeitgenossen neu 
waren. Er betont, dass das Blut des rechten Ventrikels nicht, 
«wie gemeiniglich angenommen wird», durch das Septum über- 
trete, sondern auf einem ganz andern Wege, welchen er der 



246 I'io neuere Zeit. Das siebzehnte Jahrhnndert. 

Wahrheit gemäss beschreibt. — Am bemerkenswerthesten er- 
scheint die von der herkömmlichen Lehre so ganz abweichende 
Angabe, dass das Blut bereits in den Lungen eine Veränderung 
seiner Farbe erfahre, und zu der in der Lungen-Vene^) und dem 
linken Herzen sich fortsetzenden Bildung des Spiritus vitalis 
vorbereitet werde. Sehr glücklich verweist hierbei Serveto (wie 
später auch Harvey) auf den Umfang der Arteria pulmonalis, 
welcher viel zu gross sey, um die gangbare Meinung wahrschein- 
lich zu machen , dass das Blut derselben zur Ernährung der 
Lungen diene. Dem widerstreite schon der Umstand, dass die 
Arteria pulmonalis bei dem Fötus (dessen Herz der herkömm- 
lichen Lehre zufolge sich nicht bewegen, und dessen Klappen 
bis zur Geburt geschlossen seyn sollten) diese Function nicht 
habe. 

Aber eben so klar geht aus der angeführten Stelle hervor, 
dass Serveto auf die Entdeckung des grossen Kreislaufs nicht 
den mindesten Anspruch hat. Denn auch er hält daran fest, 
dass der grösste Theil des in der Leber bereiteten Blutes sich 
in das rechte Herz und von da in die Venen ergiesse, er hält 
nach wie vor Das, was die Arterien erfüllt, für «Spiritus vitalis», 
den er für eine Art von Dunst erklärt («quasi ex puriori san- 
guine lucidus vapor»). Und von dem Kernpunkte der ganzen 
Frage, dem Uebergange des Blutes aus den Arterien in die 
Venen, von der Rückkehr desselben zum rechten Herzen, hat 
Serveto nicht die geringste Ahnung. 

Ein überaus wichtiger Fortschritt in dieser Angelegenheit 
wurde, neun Jahre später, durch Realdo Colombo^) herbei- 
geführt. Ohne von der Ansicht Serveto's zu wissen, schilderte 
er den kleinen Kreislauf nicht nach, wenn auch noch so wahr- 
scheinlichen, Vermuthungen, sondern nach Beobachtungen an den 
biosgelegten Herzen lebender Thiere. 

Realdus Columbus, De re anatomica. Francof. 1593. 8. — Colombo 
selbst bezeiigt , wie grossen Werth er dieser Art der Beweisführung bei- 
mass: «Illud insuper adnotare debes, omnem pulsus diflFerentiam detecto 
corde conspici posse: ita ut ex hac vivi canis sectione plus una diecula 
discas , quam multis mensibus ex pulsu arteriarum : neque tantum tribus 
integris mensibus voluptatis atque pulsuum cognitionis capies ex libro 



^) Statt der in den Belegstellen vorkommenden anatomischen Be- 
nennungen finden sich hier und im Folgenden stets die der jetzigen Ter- 
minologie. 

*) S. oben S. 51. 



Anatomie und Physiologie. Entdeckung des Blutkreislaufs. Die Vorläufer. 247 

Serveto. Colombo. 

Galeni de pulsibus , quantum uua horula ex inspectione cordis moventis 
canis». (lib. XIV. p. 474.) 

Durch seine Vivisectionen wurde Colombo zunächst auch auf 
die richtige Erklärung der Systole und Diastole des Herzens 
und deren Verhältniss zu dem Pulse (bei gleichzeitig geöffneter 
Bauchhöhle), sowie der Lageveränderungen des Herzens geführt. 
Sein grösstes Verdienst aber besteht darin, dass er zuerst, und 
zwar indem er die hohe Wichtigkeit dieser seiner Entdeckung 
auf das nachdrücklichste betont, den Beweis liefert, dass in 
dem Complexe der Lungenvenen («Arteria venalis») Blut ent- 
halten ist. 

«Comperies enim, dum cor dilatatur, constringi arterias et rursus in 
cordis constrictione dilatari. Verum enim animadvertas : dum cor sursum 
trahitur et tumefieri videtur, tunc constringitur ; cum vero se exserit, quasi 
relaxatum deorsum vergit ; atque eo tempore dicitur cor quiescere. » (XIV. 
474.) — «Inter hos ventriculos septum adest, per quod fere omnes existi- 
mant sanguini a dextro ventriculo ad sinistrum aditum patefieri. Id ut fiat 
facilius, in transitu ob vitalium spirituum generationem tenuem reddi, Sed 
longa errant via; nam sanguis per arteriosam venam ad pulmonem fertur, 
ibique attenuatur. Deinde cum aere una per arteriam venalem ad si- 
nistrum cordis ventriculum defertur, quod nemo hactenus aut animadvertit 
aut scriptum reliquit. Licet maxime sit ab omnibus animadvertendum. 
— Vena arteriosa [i. e. Art. pulmonalis] ad pulmonem incedit, ut ad iUum 
sanguinem ferat, quo nutriatur, quemque pro corde alteret. Vena arteriosa 
haec magna est satis ; imo vero multo major, quam uecesse fuerit, si san- 
guis ad pulmones supra cor exiguo intervallo deferendus duntaxat erat. — 
Arteria venosa [i. e. Venarum pulmonalium complexus] vas est satis in- 
signe, quod per pulmones instar venae arteriosae dissecatur. Scribunt 
anatomici in hoc (pace eorum dixerim) parum prudentes, harum usum esse, 
ut aerem alteratum ad pulmones ferant, qui flabelli instar ventulum cordi 
faciunt, idque refrigerant. Ego vero oppositum prorsus sentio : hanc sci- 
licet arteriam venalem factam esse, ut sanguinem cum aere a pulmonibus 
mixtum afferant ad sinistrum cordis ventriculum. Quod tarn verum est 
quam quod verissimum; nam non modo si cadavera inspicis, sed si viva 
etiam animalia, hanc arteriam in omnibus sanguine i'efertam invenies, 
quod nuUo pacto eveniret, si ob aerem duntaxat et vapores constructa 
foret». (VIL 325.) 

Nichts würde nun näher gelegen haben, als den Inhalt des 
linken Vorhofs und Ventrikels gleichfalls für Blut zu erklären. 
Hier aber scheitert Colombo an der Uebermacht der auch ihn 
beherrschenden Theorie von der Ernährung des Körpers durch 
Blut und der Belebung desselben durch «Spiritus vitalis». Fast 
widerstrebend schreibt er schon den Lungen eine Vorbereitung, 
ja fast die «Erzeugung» der Lebensgeister zu. «Aus der Lungen- 
vene gelangt die Luft, mit dem Blute innig gemischt, in den 



248 Die neuere Zeit. Das siebzehnte Jahrhundert. 

linken Ventrikel, in einem so vortrefflich («belle») gemischten 
Qnd verdünnten Zustande, dass der erstere nur noch die letzte 
Hand anzulegen braucht, um die Bereitung der «Spiritus vitales» 
zu vollenden. 

«Pulmonis usus est — praeparatio et paene generatio vitalium spiri- 
tuum, qui postmodum in corde magis perficiuntur. — — Sanguis hujus- 
modi ob assiduum pulmonum motum agitatur, tenuis redditur et una cum 
aere miscetur , qui et ipse in hac coUisione refractioneque praeparatur, 
ut simul mixtus sanguis et aer per arteriae venalis ramos suscipiantur, 
tandemque per ipsius truncum ad sinistrum cordis ventriculum deferantur ; 
deferantur vero tarn belle mixti atque attenuati, ut, quasi extrema im- 
posita manu vitalibus hisce spiritibus, reliquum est, ut illos ope arteriae 
adorti per omnes corporis partes distribuat». 

Wenn deshalb auch das Verdienst Colombo's, den Blut-Gehalt 
der Lungen- Venen nachgewiesen zu haben, gerechte Anerkennung 
fand, wie es z. B. von Guido Guidi geschah^), so machte doch 
das Dogma von der Bereitung des Blutes in der Leber unmög- 
lich, zu dem Zusammenhange der Venen mit den Arterien, also 
zudem grossen Kreislaufe zu gelangen, ohne dessen Kenntniss 
an eine klare Einsicht auch in den kleinen Kreislauf nicht zu 
denken war. 

Ungleich mehr als diese durch theoretische Irrthümer ver- 
eitelten Versuche näherten sich die Untersuchungen des genialen 
Cesalpini *'), eines Schülers Colombo's, der Wahrheit. Dies 
erklärt sich zum Theil dadurch, dass Cesalpini, einer der be- 
deutendsten Aristoteliker seiner Zeit, welcher, wie Haller sagt, 
gewohnt war, die Dinge aus einem andern Sehwinkel zu be- 
trachten, als die übrigen Menschen, dem grössten Hemmniss 
seiner Vorgänger, welche die Leber, und nicht das Herz, als das 
Central-Organ des Blutes betrachteten, nicht unterworfen war. 

Vergl. die ausführliche Darlegung der philosophischen, physiologischen 
und psychologischen Systems Cesalpini's in dessen Quaestiones peripate- 
ticae. Venet. 157L f. *1593. 4, hauptsächlich V. c. 3 et 4. ; — bei ■ 

Renzi, Storia della medicina in Italia, III. 326 ff. 

Auch Cesalpini weist zuerst darauf hin, wie unwahrscheinlich 
es sey, der Arteria pulmonalis nur die Bestimmung zuzuschreiben, 
den Lungen das zu ihrer Ernährung nöthige Blut zuzuführen. 
Aber geradezu unmöglich sey es, anzunehmen, dass die Venae 
pulmonales dazu dienen sollen, dem Herzen Luft zuzuführen und 
wiederum den «Russ» [die für die Bereitung des «Spiritus» nicht 



s) S. oben S. 28. ^) S. oben S. 12. 



Anatomie und Physiologie. Entdeckung des Blutkreislaufs. Die Vorläufer. 249 

Colombo. Cesalpini. 

verwendbaren Theile der Luft] durch die Lungen nach aussen 
treten zu lassen. Dagegen streite schon der Umstand, dass das 
Herz sich vs^eit häufiger bewegt, als die Lungen. Auch die That- 
sache, dass die Fische leben ohne Luft zu athmen, spreche gegen 
die hergebrachte Meinung. 

«Pulmo — — totum eum sanguinem absumere, quem recipit, egre- 
ditur fines rationis : non enim rara esset substantia et levis, ut videtur, si 
tantam alimenti vim in sui naturam converteret. — Si daretur aeris in- 
gressus in cordis ventriculos , esset etiam ejus egressus : et hoc existente, 
quomodo non efflaret animal cum aere spiritum et animam? Facilius 
enim est, spiritum ex loco angusto in apertum egredi, quam ex aperto in 
angustum et plenum compiugi. Nee obstarent membranae ostio appositae, 
quae opponuntur egressui. — Accedit motuum repugnantia. Cum enim 
Spiritus intromissio fiat per inspirationem , dilatato pulmone ac thorace, 
egressus autem fuliginosi excrementi per exspirationem eodem contracto; 
vult [Galenus] intromissionem fieri dilatato corde, expulsionem autem 
eodem constricto. Nam membranae cordi sie appositae sunt, vit corde di- 
latato aperiantur, contracto autem claudantur. Oportet igitur aut simul 
dilatari pulmonem et cor, simulque constringi , aut intromissionem fieri 
Spiritus dum exspiramus. Si enim contingat dilatari cor quaudo pulmo 
constringitur, et constringi dum dilatatur, exspirantibus ingredietur aer in 
cor, et inspirantibus egredietur. Quae fieri nequeunt, contrarü enim sunt 
motus. Dicere autem, simul dilatari cor et pulmonem, ac simul contrahi 
utraque, repugnat üs quae apparent. In nobis enim est modulari respi- 
rationem, cordis autem pulsatio non est in nostra potestate» . (V. 4. p. 121^.) 

Dennoch ist Cesalpini von der genauen Kenntniss selbst des 
kleinen Kreislaufs eben so weit entfernt, als seine Vorgänger. 
Denn er hält fest an der Lehre des Aristoteles, dass das Herz 
der Sitz der eingepflanzten Wärme, als der Quelle aller leben- 
digen Thätigkeit, sey; er hält Das, was den linken Ventrikel 
erfüllt und in die Arterien strömt, keineswegs für Blut, sondern 
für etwas zwar zum Theil aus dem Blute Gebildetes, aber doch 
von ihm Verschiedenes, und bezeichnet es deshalb in der Regel 
ganz allgemein als «substantia, alimentum», oder selbst als 
«ignis, faculus aethereus», und dessen Bewegung als «efflare». 
Deshalb sind auch die Arterien nicht mit Blut, sondern mit eben 
dieser zweifelhaften Substanz erfüllt. 

«Contingit corde contrahente se arterias dilatari, et dilatante con- 
stringi, non simul, ut apparet. Dum enim dilatatur cor, claudi vult ori- 
ficia educentium, ut ex corde tunc non influat substantia in arterias, con- 
trahente autem se influere dehiscentibus membranis. Si igitur simul 
dilatentur et contrahantur cum corde arteriae, continget dilatari, cum ne- 
gabitur materia replens ex corde, et contrahi, cum atfluet ex eodem sub- 
stantia. Sed haec impossibilia esse manifestum est». — «Oportuit enim 



250 Die neuere Zeit. Das siebzehute Jahrhundert. 

ignem animalium effluere per arterias, ut opera naturae expleret, scilicet 
nutritionem universi corporis , augmentationem , sensum et motum. Con- 
clusit igitur optime natura aethereum faculum in corclis ventriculis, denso 
circumposito corpore, cui ad effluxum paravit canales duplici tunica optime 
munitos, ne prius efflaret, quam naturae opera, quorum gratia data est, 
perfecisset». (V. 4. p. 122. 125.) — Gerade diese Stellen werden von 
italienischen Schriftstellern angeführt, um zu beweisen, dass nicht Harvey, 
sondern Cesalpini den Kreislauf entdeckt habe! — Allerdings braucht 
Cesalpini das Wort «circulatio», aber nur vom kleinen Kreislaufe. «Huic 
sanguinis circulationi ex dextro cordis ventriculo per pulmones in sinistrum 
ejusdem ventriculum optime respondent ea, quae ex dissectione apparent». 
(ibid. 125b.) 

Von der Ernährung und von der Verbindung der Arterien- 
Enden mit den Venen macht sich Cesalpini folgende Vorstellung : 
«Die Arterien führen den Körpertheilen «Spiritus» und «Ali- 
mentum nutritivum» zu. Da aber das «Alimentum» der Arterien 
nicht hinreicht, den Stoffwechsel zu bestreiten, so muss dasselbe 
durch das in den Venen enthaltene Blut ergänzt werden. Dies 
geschieht dadurch, dass der «Spiritus» der Arterien aus den 
Venen vermittelst der zwischen diesen und den Arterien be- 
stehenden «Anastomosen» vermehrende Substanz («auctivum») 
an sich lockt». 

«Motus continuus a corde in omnes corporis partes agitur, quia con- 
tinua est spiritus generatio, qui sua amplificatione diffundi celerrime in 
omnes partes opus est, simul autem alimentum nutritivum fert, et auctivum 
e venis allicit per osculorum communionem, quam Graeci anastomosin 
vocant». (V. 4. p. 123.) 

Eben dieselben Anastomosen müssen es erklären, dass beim Aderlass 
zuei'st dunkles, später häufig hellrothes Blut ausfliesst. «Venas cum arte- 
riis adeo copulari osculis, ut vena secta primum exeat sanguis venalis 
nigrior, deinde succedat arterialis flavior, ut plerumque contingit». (L. c. 
IL 5.) 

Sehr grosse Schwierigkeit hatte es von jeher gemacht, eine andere 
beim Aderlass zu beobachtende Thatsache zu erklären, welche für sich 
allein schon hätte hinreichen können, den Irrthum der Galenischen Lehre 
darzuthun : das Anschwellen der Venen nicht über , sondern unter der 
Aderlass-Binde. Auch Cesalpini vermag das Räthsel nur durch eine sehr 
spitzfindige Vermuthung zu lösen: «Vielleicht wird das Venenblut rück- 
läufig, um nicht vom Herzen abgeschnitten zu werden und abzusterben?» 
«Sed illud speculatione dignum videtur, propter quid ex vinculo intu- 
mescunt venae ultra locum apprehensum, non citra , quod experimento 
sciunt, qui venam secant» etc. — «Forte recurrit eo tempore sanguis ad 
principium, ne intercisus exstinguatur?» {Quaest. medic. IL c.l7. p. 234.) 

Hiernach ist klar, dass auch Cesalpini weder den kleinen 
Kreislauf, noch den Inhalt des linken Herzens und der Arterien 



Anatomie und Physiologie. Entdeckung des Blutkreislaufs. Die Vorläufer. Cesalpini. 251 

der Wahrheit gemäss darstellt, dass er im Gegentheil Das, was 
die Arterien führen, für etwas Anderes als Blut hält, und dass 
er endlich von dem eigentlichen Schwerpunkte der Harvey'schen 
Entdeckung, dem Uebertritt des Blutes aus den Arterien-Enden 
in die Venen -Anfänge und von der centripetalen Richtung des 
venösen Blutstroms keine Ahnung haf). 

Eben so wenig ist es dem eifersüchtigen Bemühen neuerer italieni- 
scher Schriftsteller gelungen, den Beweis zu führen, dass ein Thierarzt, 
Carlo Ruini, oder ein dem Serviten- Orden angehöriger Geistlicher, 
Paolo Sarpi («Fra Paolo»), welcher bei Fabrizio Harvey's Mitschüler 
war, den grossen Ki'eislauf kannten. — Carlo Ruini, DeJV anatomia 
e deU' infinnitä del cavallo. Bologna, (1590?) 1598. Venez. 1599. f. 
Lib. II. c. 12. — Abgedruckt bei G. B. Ercolani, Eicerche storiche 
anaUtiche sugli scrittori di veterlnaria. Torino, 1854. 8. II. 466; bei 
Medici, Compendio storico p. 123. und bei Flourens, 1. c. Die 
Stelle zeigt, dass Ruini's Vorstellungen mit denen seiner Zeitgenossen im 
wesentlichen übereinstimmen. Entscheidend ist, dass auch bei ihm von 
einer Rückkehr des Blutes durch die Venen, also vom grossen Kreislaufe, 
nichts gefunden wird. (Eine deutsche Uebersetzung vom Buche Ruini's 
gab Uffenbach heraus: Newes Bossbuch. *Frankf. a. M. 1603. f. Mit 
guten anatomischen Holzschnitten.) — Die Ansprüche Sarpi's gründen 
sich nur darauf, dass er nach der Angabe seines Freundes und Ordens- 
bruders Fulgentius die Venen - Klappen kannte. — Eben so wenig hat 
Eustacchio Rudio aus Belluno (gest. 1611), Professor zu Padua, 
welchen de Renzi ausserdem als Plagiator bezeichnet, Anspruch auf die Ent- 
deckung des grossen Ki-eislaufs. E u s t. R u d i u s , De virtutibus et vitiis 
cordis (1587) und De naturali atque morbosa cordis constitutione. Venet. 
1600. 4. Vergl. Renzi, Storia, III. 176. — Selbst die Angabe Zecchi- 
nelli's, dass Harvey durch Rudio den kleinen Kreislauf kennen gelernt 
habe, hat wenig Gewicht, da die von Colombo und Cesalpini gegebenen 
Beschreibungen desselben in Aller Händen waren. G. M. Zecchinelli, 
Dolle dottrine suUa struttura e sulle funzioni del cuore e delle arterie che 
imparö per la prima volta in Padova Guglielmo Harvey da Eustacchio 
Rudio. Päd. 1838. — Vergl. das Verzeichniss der auf die Prätendenten 
der Harvey'schen Entdeckung bezüglichen Schriften bei Daremberg, 
Hist. des sciences med. II. 584. — Noch im Jahre 1834 ist mit grossem 
Aufwand von Belesenheit, aber ohne jeden Erfolg, versucht worden, Harvey 
seiner Lorbeeren zu berauben : John Redmann Coxe, An inquiry into 
the Claims of W. Harvey to the circulatioii of the blood, with a more equi- 
table retro>>pect to that event. Philadelphia, 1834. 8. 



') Vergl, Steinheim, in Henschel's Janus, II. 547. 



<i02 Die neuere Zeit. Das tsiebzohute Jahrhundert. 



William Harvey. 

«Ex ea ipsa Anglia, in qua hactenus anatoinia fere nulla fuurat, ex- 
stitit novum artis lumen, cujus nomen ab ipso retro Hippocrate secundum 
est». Hai 1er. 

390. William H a r v e y wurde am 1. April 1578 zu Folk- 
stone an der Südküste von England von angesehenen, aus der 
Familie der Grafen von Bristol stammenden, Aeltern geboren. Er 
war der Aelteste von neun Geschwistern, zwei Schwestern und 
sieben Brüdern. Die letzteren betrieben später gemeinschaftliche 
Handelsgeschäfte, und gelangten zu grossem Reichthum. William 
Harvey bezog im Jahre 1588 die Schule von Canterbury, im 
Jahre 1593 das Collegium von . Cambridge ; fünf Jahre lang 
^lA^^t\,i s^^ ' studirte er hierauf in Italien, namentlich von 1599 — 1602 zu 
Padua. Hier waren Fabricius von Aquapendente in der Ana- 
tomie, Casserius in der Chirurgie, Job. Thomas Minadous, ein 
sehr berühmter Arzt, welcher aber nur wenige Schriften veröffent- 
lichte, in der praktischen Medicin seine Lehrer. Nach Erwerbung 
der Doctorwürde (welche später von der Universität Cambridge 
bestätigt wurde) kehrte Harvey in seine Heimath zurück, und 
verheirathete sich, 26 Jahre alt, mit der Tochter eines Londoner 
Arztes, Lancelot Brown. Die Ehe blieb kinderlos. Fast gleich- 
zeitig wurde er am Bartholomäus-Hospitale angestellt. Harvey's 
Praxis erstreckte sich über die vornehmsten Kreise; Thomas Ho- 
ward Graf von Arundel , Lord Bacon waren seine Gönner. Dem 
Letzteren hatte er es wahrscheinlich zu danken, dass Jacob L 
(dessen Liebling er wurde), ihn zu seinem Arzte wählte. Die- 
selbe Stelle bekleidete Harvey bei Karl L, welcher an seinen 
Beobachtungen und Untersuchungen persönlichen Antheil nahm, 
und sie überhaupt in jeder Weise förderte. — Im Jahre 1615 
wurde Harvey in das Collegium der Aerzte aufgenommen und 
zum Lumleyian und Caldwellian Lecturer ernannt mit der Ver- 
plichtung, zootomische Vorlesungen zu halten. Während des 
Bürgerkriegs begleitete er den König auf seiner Flucht, und 
verweilte eine Zeit lang zu Oxford. Nach der Uebergabe von 
Oxford an die Parlamentstruppen lebte Harvey in grosser Zurück- 
gezogenheit, bald zu London, bald zu Lambeth oder Richmond 
bei einem seiner Brüder. Der Krieg hatte ihm sein Vermögen ge- 
raubt ; sein Haus, seine Bibliothek waren ein Raub der Flammen 



1 



Anatomie und Physiologi«. Entdeckung des Blutkreislaufs. Harvey. 253 

geworden; aber er ertrug diese Verluste mit Gelassenheit. Aller- 
dings unterstützten ihn seine Brüder so freigebig, dass er im 
Stande war, in der Nähe der Paulskirche für das Collegium 
der Aerzte ein Gesellschaftshaus mit einem für die Bibliothek 
und die Sammlungen desselben bestimmten Museum zu errichten, 
welches aber in der grossen Feuersbrunst des Jahres 1666 schon 
wieder zerstört wurde. Diese Corporation widmete ihm auf den 
Antrag Mead's im Jahre 1652 eine Büste, nachdem er acht Jahre 
früher das Präsidium derselben abgelehnt hatte. 

Harvey beschloss am 3. Juni IQ^ im SOsten Lebensjahre fT , 
zu Hampstead in der Grafschaft Essex (wo sich auch sein Grab ' — 
befindet) eine Laufbahn, nicht weniger ruhmvoll durch unsterb- 
liche Verdienste um die Wissenschaft, als durch die trefflichsten 
persönlichen Eigenschaften. 

Die von ihm verfassten Schriften sind folgende: 

1. Exercitatio anatomica de motu cordis et sanguinis 
in animalibus. *Francof. 1628. 4. *Lugd. 1639. 4. (mit Parisanus 
Gegenschrift. S. unten § 292.) 1647. 4. Päd. 1643. 4. mit den Briefen 
des Walaeus. (S. unt. § 292.) *Amstel. 1654. 12. *Roterod. 1661. 12. 
*1671. 12. Neueste (sehr elegante) Ausgabe: cur. Th. Kingston. *Edinb. 
1824. 8. Enthält auch die beiden an Riolan gerichteten Schriften und 
eine kurze Biographie. 

2. Exercitatio anatomica se Clinda et tertia de circu- 
latione sanguinis ad Joannem Riolanum filiuni. Roterod. 
1649. 12. Cantabr. 1649. 12. Par. 1650. 12. u. s. w. 

3. Exercitationes de gener atione animalium, quibus 
accedunt quaedam de partu, de memhranis ac Jmmoribtis^ de conceptione etc. 
Lond. 1651. 4. Amstelod. 1651. 12. Zwei Ausgaben: a) Eine mit 
doppeltem Titel : einem gestochenen (Jupiter ein geöffnetes Ei in der Hand, 
aus dem allerlei Thiere hervorkommen, mit der Unterschrift: Londini 
apud Octavianum Pulleyn, 1651) und einem gedruckten. Am Schlüsse: 
Amstel. apud Ludov. Elzevirium, 1651. b) Die zweite: apud Joann. 
Janssonium. — Amstel. 1662. 12. Patav. 1666. 12. Hag. 1680. 12. 
Auch in Manget's 5«W. 1766. 4. — Englisch: Lond. 1653. 8. — Der 
ursprüngliche Plan dieses Werkes (in welchem auch viele den Kreislauf 
des Blutes betreffende Fragen von neuem erörtert wurden), umfasste die 
ganze Thierwelt. Harvey hatte dasselbe schon im Jahre 1633 zu einem 
grossen Theile abgeschlossen. Da er aber fürchtete, durch dasselbe in 
ähnliche Streitigkeiten verwickelt zu werden, wie durch die Schrift über 
den Kreislauf, so zögerte er mit der Veröffentlichung , bis es seinem 
Freunde Georg Ent gelang, ihm die Erlaubniss zu derselben abzudringen. 
Zufolge dieses Umstandes fehlt es in derselben nicht an Weitschweifig- 
keiten und Wiederholungen. Der noch nicht zum Abschluss gekommene 
Theil des Werkes, welcher von der Entstehung der Insekten handelte, 
ging, wie mehrere andere Schriften Harvey 's, in den Kriegsunruhen ver- 



254 Die neuere Zeit. Das siebzehnte Jahrhundert. 

loren. — Einen sehr brauchbaren Auszug dieser Schrift bildet : Ohser- 
vationes et historiae omnes e lihello de generatione animalium excerptae et 
in accuratissimwn ordinem redactae studio Justi Schraderi. *Amstelod. 
1674, 12. — Vergl. Arth, Farre, Oration on Harvey's «-Exercises on 
gener ation» , delivered at the royal College of physicians. Brit. med. 
Journ. 1872. Juli. 6. 13. 

Ausser den genannten auf uns gekommenen Werken hatte Harvey, 
wie er an mehreren Stellen selbst angibt, noch verfasst: a) Observationes 
medicinales, b) De respiratione. c) Änatomia medica, d. h. ein Werk über 
pathologische Anatomie, d) eine Patiiologia. 

Harvey's säramtliche Werke erschienen: Lugd. Bat. ed. B. S. Albinus. 
1737. 4. 2 voll. Lond. 1766. 4. Lond. 1846. 8. (pp. XCVI. 624.) — 
Englisch: von R. Willis. Mit H. 's Biographie. Lond. 1847. 8. (Sydenham- 
Society.) 

Ein Manuscript der unter 1. genannten Schrift vom Jahre 1616, 
welches bereits alle wesentlichen Sätze enthält ; ein anderes : De muscidis 
et motu animalium locali ; ferner De änatomia universali ; ein Bericht über 
die Section eines 153 Jahre alten Mannes, Thomas Parr ; sodann neun Briefe 
an Zeitgenossen, werden im Britischen Miiseum aufbewahrt. {The Lancet, 
1850. p. 628.) — J. Paget, Records of Harvey. In extracts from a 
Journal of the R. hospital of Bartholomew. Lond. 1846. 8. — Harvey 
war von kleiner Gestalt , schwarzem Haar und dunkler Gesichtsfarbe ; ein 
grosser Verehrer des Kaffee's. Dem Collegium der Aerzte vermachte er 
56 Pfund, lun sich allmonatlich bei diesem Getränk zu versammeln und 
jährlich (am 25. Juli), wie noch jetzt geschieht, einen Rede-Akt zu ver- 
anstalten. — Vergl. Janus, N. P. H. 662. 



Die Schrift über den Ereislanf. 

291. Es scheint zvs^eifellos, dass Harvey die erste Anregung 
zu seiner Entdeckung durch die Verhandlungen über die Venen- 
Klappen erhielt, welche von Cannani schon im Jahre 1546 
aufgefunden, später, im Jahre 1574, von Fabrizio von Acquapen- 
dente genauer beschrieben und im Sinne der damaligen Meinung 
von der Richtung des Blutstroms in den Venen gedeutet worden 
waren ^), 

Unzweifelhaft war Harvey, als Zuhörer Fabrizio's, mit den Venen- 
Klappen bekannt geworden. Indess spricht er nirgends davon, dass er 
durch sie auf den Gedanken seiner Entdeckung geführt worden sey, wäh- 
rend allerdings Boyle bezeugt, eine derartige Aeusserung aus Harvey's 
Munde vernommen zu haben. — Der Thatsache, dass es nicht gelingt, 
von den Stämmen her in die mit Klappen versehenen Venen Luft einzu- 



') S. oben S. 26. 53, besonders S. 59. 



Anatomie und Physiologie. Entdeckung dos Blutkreislaufs. Harvey. 255 

blasen , gedenkt Harvey erst in der zweiten Schrift an Riolan. War sie 
ihm früher bekannt, so reichte sie für sich allein hin, den grossen Kreis- 
lauf unwiderlegbar zu beweisen. 

Unablässiges Nachdenken, unermüdliche, Jahre lang fortge- 
setzte Beobachtungen und Versuche an höheren und niederen 
Thieren, zahlreiche Beobachtungen an Kranken und an Leichen, 
führten Harvey zu der Gewissheit, dass die herkömmlichen An- 
sichten über die Verrichtungen des Herzens und der Lungen 
und über die Beveegung des Blutes unhaltbar seyen; sie führten 
ihn zu der Ueberzeugung, dass in den Arterien gleich v^ie in 
den Venen Blut enthalten sey, dass dasselbe aus den letzten 
Verzveeigungen der Arterien in die Anfänge der Venen übertrete, 
und von diesen durch die Zw^eige und Stämme zum Herzen 
zurückkehre. 

Im wesentlichen standen diese Ergebnisse seiner Unter- 
suchungen schon im Jahre 1616 fest^); seit dem Jahre 1619 
trug Harvey dieselben bereits in seinen Vorlesungen vor. Aber 
erst im Jahre 1628 entschloss er sich, sie zu veröffentlichen, 
nachdem er durch immer erneute Untersuchungen sich und 
seine Freunde von der unumstösslichen Richtigkeit seiner An- 
sichten vollständigst überzeugt, und sich auf alle Einwürfe 
vorbereitet hatte. — Harvey liess seine Schrift, jedenfalls um das 
Publikum um so mehr mit derselben zu überraschen, nicht in 
England, sondern in Frankfurt am Main drucken. Sie ist dem 
König Karl L gewidmet; eine zweite Zueignung ist an das 
CoUegium der Aerzte gerichtet, welches neun Jahre lang Zeuge 
der Untersuchungen des grossen Physiologen gewesen war. 

Die Schrift Harvey's ist die früheste und glänzendste Frucht 
der durch Bacon begründeten exakten Methode der Natur- 
forschung. Sie ist zugleich der Zeit nach eine der ersten, ihrem 
Werthe nach die grösste Leistung der englischen medicinischen 
Literatur. Sie ist durchdrungen von dem Geiste der ächten 
Wissenschaft, von der grössten Hochachtung vor den Verdiensten 
der Vorgänger, besonders Galen's und Colombo's^). Die Kürze 
der Schrift (72 Quart-Seiten), welche zu den bis dahin gebräuch- 
lichen Folianten in so bezeichnendem Gegensatze steht, recht- 
fertigt Harvey damit, dass er darauf verzichte, dieselbe mit den 



^) S, oben S. 254. 

^) Serveto's gedenkt Harvey aus der oben (S. 245) mitgetheilten Ur- 
sache eben so wenig, als irgend ein Schriftsteller jener Zeit. 



256 Dio neuere Zeit. Das siebzehnte Jahrhundert. 

Namen, Werken und Meinungen früherer Anatomen anzufüllen, 
dass er es für unziemlich halte, seine Vorgänger zu verkleinern 
oder zu bekämpfen. Denn die Anatomie lerne man nicht aus 
Büchern, sondern aus Zergliederungen, nicht aus philosophischen 
Dogmen, sondern aus der Untersuchung des Körperbaues. 

«Verum isto tractatu, collegae amantissimi, in auctorum et scriptorum 
anatomicorum nominibus, operibus et sententiis recensendis, exagitandis, 
memoriam meam et kicubrationes, multamque lectionem et magnum Vo- 
lumen ostentare nolebam ; tum quod non ex libris, sed ex dissectionibus, 
non ex placitis philosopborum, sed fabrica naturae discere et docere ana- 
tomen profitear: tum quod neque e veteribus quemquam debito honore 
defraudare, neque e posterioribus quemquam irritari aequum censeam, 
aut moliar : neque cum iis, qui in anatomicis antecelluerunt et me docue- 
runt, manus conserere aut dimicare honestum putem». 

Das «Prooemium» (p. 10 — 19)*) ist dazu bestimmt, die Un- 
haltbarkeit der bisherigen Ansichten darzuthun. — Zunächst 
wendet sich Harvey zu dem leichtesten Theile seiner Aufgabe, 
der Widerlegung der hergebrachten Pulslehre. Dem Pulse und 
der Respiration habe man bisher gleiche Function zugeschrieben, 
indem man glaubte, dass die peripherischen Arterien gleich den 
Lungen bei der Diastole von aussen Luft aufnehmen, und bei 
der Systole die verbrauchten Stoffe («Fuligo») nach aussen ent- 
weichen lassen. Diese Lehre sey falsch, indem 1. z. B. im Bade 
der Puls nicht kleiner werde, wie es doch nach jener Hypothese 
der Fall seyn müsste. 2. Es würde hiernach unerklärlich seyn, 
wie der Fötus und die Wasserthiere leben können. 3. Es sey 
ungereimt, anzunehmen, dass bei der Systole blos «Fuligo» und 
nicht auch der unendlich feinere Spiritus durch die Haut ent- 
weiche. 4. Es sey nach dieser Ansicht unerklärlich, dass die 
Arterien bei ihrer Verletzung nicht, wie die geöffnete Luftröhre, 
Luft aufnehmen und abgeben, sondern Blut entströmen lassen. 
5. Galen lehrte, die in den Arterien enthaltene Luft sey zur 
Abkühlung der Organe bestimmt. Dagegen zeige die Erfahrung, 
dass nach Unterbindung der Arterien die Temperatur der Theile 
sich vermindere. Zudem widerspreche sich Galen, da er recht 
wohl wisse, dass die Arterien Blut enthalten. Andere seyen der 
an sich unwahrscheinlichen Meinung, dass die Arterien zugleich 
Spiritus und Blut enthalten, welches sie vom Herzen anziehen. 
Eine solche Anziehung sey aber unmöglich, da die active Be- 



*) Ausgabe von 1628. 



Anatomie und Physiologie. Entdeckung des Blutkreislaufs. Harvey. 257 

wegung des Herzens nicht, wie Galen gelehrt hatte, die Diastole, 
sondern die Systole sey, und die Arterien sich mit Blut füllen, 
nicht weil sie sich activ erweitern, wie Blasebälge, sondern weil 
sie passiv, vom Herzen aus, ausgedehnt werden, wie Säcke und 
Schläuche. 

«Arterias distendi, quia replentur ut sacculi et utres, atque non repleri, 
quia distenduntur ut feiles», (p. 9.) 

Sodann widerlegt Harvey die Lehre von der den Arterien- 
häuten eigenthümlichen «Vis pulsifica». Galen hatte dieselbe 
durch einen berühmten Versuch zu beweisen geglaubt, welchen 
Harvey der Wahrheit gemäss erklärt''). Am meisten hebt er der 
Galenischen Lehre gegenüber hervor, dass das Blut aus durch- 
schnittenen Arterien nicht während ihrer Systole, sondern in der 
Diastole hervorspringt. Er beruft sich hierbei auf einen Fall 
von Aneurysma spurium, welches pulsirte, ohne Häute zu be- 
sitzen. 

Hierauf geht Harvey zu der Widerlegung der bisherigen An- 
sichten über das Herz über. Die alte Lehre zeigte sich auch 
hier durchaus nicht einstimmig. Ein Theil der Aerzte nahm 
eine gänzlich verschiedene Function beider Ventrikel an, indem 
der linke aus den Lungen Luft aufnehme, zu Spiritus umwandle, 
und in die Arterien sende, der rechte Blut enthalte, und dieses 
zur Ernährung der Lungen verwende. — Harvey widerlegt zu- 
vörderst diese Hypothese. 

1. Eine verschiedene Function der Ventrikel sey bei ihrem 
durchaus ähnlichen, namentlich in Bezug der Klappen völlig 
übereinstimmenden, Baue ganz unwahrscheinlich. — 2. Beide ent- 
halten nach dem Tode Blut. — 3. Die grossen Gefässe beider 
Herzhälften haben ebenfalls gleichen Bau. — 4. Zur Ernährung 
der Lungen ist die Arteria pulmonalis (wie schon Colombo 
hervorhebt) viel zu gross. — 5. Wenn das rechte Herz nur dazu 
dient, das Blut in die Lungen zu führen, um diese zu ernähren, 
so brauchte es bei der Nähe derselben, und da sie durch ihre 
Bewegung ohnehin anziehend wirken, nicht zu pulsiren. 

Andere Aerzte, welche zugaben, dass auch in den Arterien 
Blut enthalten sey, lehrten eine Durchschwitzung desselben aus 
dem rechten in den linken Ventrikel vermöge des porösen Septum, 
sonach eine Vermischung des Blutes mit dem Spiritus im linken 
Ventrikel, sahen sich aber hierdurch genöthigt, durch die Vena 



') S. Bd. I. S. 364. 
Haeser, Gesch. d. Med. II. i^ 



258 Die neuere Zeit. Das siebzehnte Jahrhundert. 

pulmonalis, abgesehen von ihrer Bedeutung für die Ernährung 
der Lungen, Luft ein- und «Russ» austreten zu lassen. 

Gegen diese Lehre wendet Harvey Folgendes ein: 1. Wie 
geht es zu, dass sich im linken Herzen Spiritus und Fuligo nicht 
stets vermengen? — 2. Wenn die Atrio-Venticular- Klappe der 
linken Seite («Tricuspides mitrales») im Stande ist, das Zurück- 
weichen des Spiritus in die Lungen aufzuhalten, warum stellt 
die der rechten Seite dem Fuligo nicht dasselbe Hinderniss ent- 
gegen? Wie sind die Aorten-Klappen, zumal bei der Diastole, 
im Stande, den Rücktritt des Spiritus aus der Aorta zu hindern, 
wozu sie doch dienen sollen? Und warum hindert die Mitralis 
den Rücktritt des Spirituosen Blutes aus dem Herzen in die 
Lungen, da behauptet wird, die Luft gelange umgekehrt, trotz 
dieser Klappe, aus den Lungen in das linke Herz? «Dens hone», 
ruft Harvey aus, «quomodo tricuspides impediunt regressum 
aeris, et non sanguinis?» — 3. Warum ist die Vena pulmonalis 
viel schwächer gebaut, als die Arteria pulmonalis, da sie doch 
angeblich weit mehr Functionen hat? — 4. Warum enthält die 
Vena pulmonalis nach dem Tode nie Luft oder Russ, sondern 
stets Blut? — 5. Warum gelingt es nie, in dieses Gefäss von den 
Lungen aus Luft einzublasen ? — 6. Warum ist die Vena pulmo- 
nalis, da sie doch Luft führen soll, nicht wie ein Bronchus, 
sondern wie eine Vene gebaut? 

Gegen das Durchschwitzen des Blutes aus dem rechten in 
den linken Ventrikel äussert sich Harvey mit folgenden Gründen : 
1. Das Septum ist keineswegs porös. Und wenn es dies wäre, 
so würde eher Spiritus in den rechten, als Blut in den linken 
Ventrikel übertreten. — 2. Es ist wunderbar, dass die Luft durch 
so weite [die Venae pulmonales], das Blut durch so enge Kanäle 
[die Poren des Septum] in den linken Ventrikel gelangen soll. 
— 3. Wenn das Septum Blut aufnehmen kann, wozu bedurfte es 
zur Ernährung des Herzens der Kranzgefässe ? — 4. Wozu bedarf 
es im Fötus, nicht aber im Erwachsenen, des Foramen ovale? 

Nachdem er so die Unhaltbarkeit der bisherigen Ansichten 
nachgewiesen, wendet sich Harvey zu dem Ergebniss seiner 
eigenen Untersuchungen. Zunächst berichtet er, dass es ihm 
Anfangs ergangen sey, wie seinem Lehrer Fabrizio, welcher 
daran verzweifelte, jemals ein klares Bild von den Bewegungen 
des Herzens zu gewinnen, die Gott allein kenne. Deshalb sey 
Fabrizio denn auch in seinen Vorlesungen über diesen Gegen- 
stand stets mit Stillschweigen hinweg gegangen. Ihm selbst, 



Anatomie und Physiologie. Entdeckung des Blutkreislaufs. Harvey. 259 

fährt Harvey fort, sey es zu seiner Freude allmälig gelungen, 
durch vielfältige Uebung, besonders durch Beobachtungen an 
Kaltblutern und sterbenden Warmblutern, zum Ziele zu gelangen. 

In der Schrift De generatione animalium erzählt Harvey den Fall von 
dem Sohne des Lord Montgomery, bei welchem in Folge von Caries des 
Brustbeins das Herz blos lag, und benutzt denselben zur Bestätigung seiner 
früheren Angaben. 

Das Ergebniss dieser Untersuchungen war folgendes: 
1. Der active Theil der Herzbewegung ist nicht, wie man bis 
dahin glaubte, die Diastole, sondern die Systole. — 2. Während 
derselben zieht sich das Herz nach allen Richtungen zusammen; 
es wird hart und blass, wie ein sich contrahirender Muskel, 
während es sich zugleich mit seiner Spitze nach vorn bewegt 
und an die Brustwand anschlägt. — 3. Die Systole beginnt an 
den Vorhöfen, und geht von ihnen ohne Zwischenpause auf die 
Ventrikel über. 

Bei dieser Gelegenheit schaltet Harvey einige Bemerkungen über die 
Entwickelungsgeschichte des Gefässsystems ein. Das Mikroskop zeige 
auch bei sehr kleinen Thieren ein Herz. Dasselbe entwickelt sich aus dem 
Punctum saliens , welches bei den höheren Thieren dem rechten Vorhofe 
entspricht. In ihm beginnt die lebendige Bewegung des Keims; seine 
Bewegung ist es auch, welche bei sterbenden Thieren sich am längsten er- 
hält. Ganz irrthümlich sey deshalb die hergebrachte Meinung, dass das 
fötale Herz sich nicht bewege. Unbeweglich seyen bis zur Geburt nur die 
Lungen; die fötalen Communicationen zwischen den Vorhöfen und den 
grossen Gefässen seyen eben dazu bestimmt, das Blut bis zur Geburt von 
den Lungen abzuleiten. Harvey ermahnt bei dieser und andern Gelegen- 
heiten zum Studium des fötalen Kreislaufs und der vergleichenden 
Anatomie. 

4. Während der Systole wird das in den Vorhöfen und Ven- 
trikeln befindliche Blut nach allen Richtungen hin gepresst, und 
es tritt dadurch in diejenigen Räume, welche der Anordnung 
der Klappen - Apparate gemäss, eine derartige Bewegung ver- 
statten : aus den Atrien in die Ventrikel, aus den Ventrikeln in 
die Arteria pulmonalis und die Aorta. — 5. Während der Diastole 
gehen die einzelnen Abschnitte des Herzens in derselben Reihen- 
folge in den Zustand der Erschlaffung über. Hierbei ergiesst sich 
das in den grossen Venenstämmen enthaltene Blut in durchaus 
passiver Weise in die Vorhöfe, und aus diesen in die Ventrikel. 

Zu wenig ist bisher darauf geachtet worden, dass Harvey (cap. 5) er- 
wähnt, man könne während der Systole den Herzpuls sowohl durch die ^ ■-.., 
Hand als das Ohr wahrnehmen ; gerade wie man am Halse eines trinkenden CMJK\ 
Pferdes die stossweise Abwärts-Bewegung des Getränkes wie eine Art von 

17* 



260 Die neuere Zeit. Das siebzehnte Jahrhundert. 

Puls fühlen und hören könne. — «Et quemadmodum cernere licet, cum 
equus potat et aquam deglutit , singulis gulae tractibus absorberi aquam 
et in ventriculum demitti, qui motus sonitum facit, et pulsum quendana et 
auscultantibus et tangentibus exhibet ; ita dum istis cordis motibus 
fit portionis sanguinis e venis in arterias traductio , pulsum fieri et e x- 
audiri in pectore contingit». — Wie wenig die Tragweite dieser Be- 
obachtung gewürdigt wurde, zeigt der Einwurf des Parisanus, (S. unten 
S. 263.) 

Hierauf wendet sich Harvey zu den Bewegungen der Arterien. 
Er zeigt, dass die Diastole derselben mit der Systole der Ven- 
trikel zusammenfällt, und dass der Arterien-Puls lediglich durch 
den Stoss entsteht, welchen die Blutwelle während der Systole 
des Herzens erfährt. 

Die grösste Sorgfalt wendet Harvey (im achten Kapitel) auf 
die Begründung des Kernpunktes seiner Lehre : dass alles Blut in 
einer gewissen Zeit durch das Herz fliesse, und aus den periphe- 
rischen Arterien in die Venen, in diesen also von den Zweigen 
in die Stämme, übertrete. Dies ist die Stelle, an welcher er sich 
darüber äussert, wie sich der Gedanke des grossen Kreislaufs in 
ihm entwickelte. Er kam zu demselben, indem er erwog, wie an- 
sehnlich die Menge des Blutes ist, welche aus durchschnittenen 
Arterien hervorströmt, er wurde auf ihn geführt durch die Grösse 
und die Uebereinstimmung im Bau der Ventrikel und der in 
dieselben eintretenden und aus ihnen entspringenden Gefässe, 
durch die Betrachtung der Structur des Herzens, seiner Fasern 
und Klappen, durch die Schnelligkeit der Blutströmung. Haupt- 
sächlich vergegenwärtigte er sich, dass die hergebrachte Lehre, 
bei der grossen Menge der täglich aufgenommenen Nahrung, 
dazu nöthige, entweder einen fortwährenden vollständigen Ver- 
brauch des Venenblutes, oder eine strotzende Ueberfüllung der 
Arterien anzunehmen , während die Annahme seiner Meinung 
diese Schwierigkeit sofort beseitige. Dass das Blut durch die 
Venen zum Herzen zurückkehre, werde schon dadurch wahr- 
scheinlich, dass die Arterien nach dem Tode kein Blut enthalten ; 
am augenscheinlichsten werde es durch die (ausführlich be- 
schriebenen) Wirkungen der Compression und Unterbindung von 
Arterien und Venen dargethan. Hierbei wird namentlich auch 
auf die Anordnung der Venenklappen hingewiesen, welche nicht, 
wie bis dahin gelehrt wurde, dazu bestimmt seyn können, den zu 
jähen Sturz des Blutes nach unten zu massigen, da sie auch in 
den Halsvenen und in den horizontal gelegenen Venen der Vier- 
füsser vorhanden sind, sondern, ganz wie die Klappen-Apparate 



Anatomie und Physiologiu. Entdeckung dos Blutkreislaufs. Ilarvey. 26 1 

des Herzens, den Rückfluss des Blutes aus den grösseren Aesten 
in die kleineren zu verhindern, und dadurch, in Verbindung mit 
dem durch die Muskeln ausgeübten Druck, die Bewegung des 
Venenblutes zu unterstützen. Besonderes Gewicht legt Harvey 
hierbei auf die selbst dem Laien einleuchtenden Erscheinungen, 
welche durch Compression der oberflächlichen Venen des Hand- 
rückens und des Vorderarmes erzeugt werden, und welche zu- 
gleich dazu dienen, die Geschwindigkeit des Venen-Stroms un- 
mittelbar vor Augen zu führen. Sie werden deshalb auch auf 
beigegebenen Kupfertafeln bildlich dargestellt. 

Von Interesse ist eine, seither, wie es scheint, übersehene, Stelle 
(cap. 11.), in welcher Harvey davon spricht, dass bei Amputationen, um 
der Blutung vorzubeugen, das betreffende Glied so fest eingeschnürt werde, 
dass der Arterien-Puls völlig verschwinde. «Ligatura alia stricta est, alia 
mediocris. Strictam ligaturam dico, cum ita arcte undique constrictum 
membrum sit fascia vel laqueo, ut ultra ipsam ligaturam nullibi arterias 
pulsare percipiatur. Tali iitimur in membrorum excisione, fluxui sanguinis 
prospicientes» etc. — Vergl. oben S. 186. 

Ausserdem fügt Harvey noch eine Reihe von Wahrschein- 
lichkeitsgründen, so wie solche hinzu, welche der ärztlichen Er- 
fahrung, z. B. der Lehre von der Ohnmacht, den Blutungen, 
der Resorption äusserlich angewendeter Arzneien, entnommen 
sind. 

Eine der wichtigsten Fragen, die nach der Art und Weise, 
wie das Blut aus den letzten Endigungen der Arterien in die 
Anfänge der Venen übertritt, vermag Harvey nur mit Ver- 
muthungen zu beantworten. Er bemerkt ganz richtig, dass die 
kleinsten Arterien von den kleinsten Venen im Bau sich nicht 
unterscheiden, und erklärt dies Verhalten aus der mit der zu- 
nehmenden Entfernung vom Herzen immer mehr abnehmenden 
Stärke der arteriellen Strömung. 

Er gebraucht hierbei bereits das Wort «Capillaren», allerdings nur 
für die feinsten Verzweigungen der Arterien: «Adeo, ut ultima divisiones 
capillares arteriosae videantur venae». (c. 17.) 

Das Vorhandenseyn der bis dahin zwischen den Arterien und 
Venen angenommenen «Anastomosen» stellt Harvey auf den 
Grund seines eifrigen aber vergeblichen Bemühens, dieselben 
aufzufinden, in Abrede. Am nächsten kommen solchen Anasto- 
mosen, wie er meint, die Plexus chorioidei des Gehirns, die 
Plexus pampiniformes der Hoden, und die Verbindungen zwischen 
den arteriellen und venösen Gefässen des Nabels. Am meisten 



262 Die neuere Zeit. Das siebzehnte Jahrhundert. 

neigt Harvey zu der Annahme, dass das Arterienblut vermittelst 
der in den Geweben vorhandenen Porositäten («carnis porosi- 
tates») in die Anfänge der Venen übergehe*'). 

In einem Briefe an Siegel vom Jahre 1651 äussert Harvey die Ver- 
muthung, dass die letzten Endigungen der Arterien in ähnlicher Weise in 
die Venen- Anfänge einmünden, wie die Ureteren in die Harnblase, und 
der Ductus choledochus in das Duodenum. 

Das Ergebniss seiner Untersuchungen fasst Harvey (c. 14) 
in folgende Worte zusammen : 

«Cmn haec confirmata sint omnia, et rationibus et ocularibus experi- 
mentis, quod sanguis per pulmones et cor pulsu ventriculorum pertranseat, 
et in Universum corpus impellatur et immittatur, et ibi in venas et poro- 
sitates carnis obrepat, et per ipsas venas undique de circumferentia ad 
centrum ab exiguis venis in majores remeet, et illinc in venam cavam ad 
auriculam cordis tandem veniat, et tanta copia, tanto fluxu, refluxu, hinc 
per arterias illuc, et illinc per venas huc retro, ut ab assumptis suppedi- 
tari non possit, atque multo quidem majori quam sufficiens erat nutritioni 
proventu: necessarium est concludere, circulari quodam motu in circuitu 
agitari in animalibus sanguinem ; et esse in perpetuo motu, et hanc esse 
actionem sive functionem cordis , quam pulsu peragit , et omnino motus et 
pulsus cordis causam unam esse.» 

Die spätere Zeit hat zu den von Harvey aufgestellten Be- 
weisen neue hinzugefügt, aber keinen derselben erschüttert. — 
Dass Harvey die bahnbrechende Bedeutung seiner Entdeckung 
mit voller Klarheit erkannte, dass er die Umwälzung voraussah, 
welche dieselbe auf allen Gebieten der Heilkunde bewirken 
musste, geht aus folgenden Worten hervor: 

«Denique in omni parte medicinae, physiologica, pathologica, semiotica, 
therapeutica , cum quot problemata determinari possint ex hac data veri- 
tate et luce, quanta dubia solvi, quot obscura dilucidari, animo mecum 
reputo; campum invenio spatiosissimum, ubi longius percurrere, et latius 
exspatiari adeo possim, ut non solum in volumen excresceret, praeter in- 
stitutum meum , hoc opus ; sed mihi forsan vita ad finem faciendum defi- 
ceret.» (c. 16.) 



Die Gegner Harvey's. 

393. Einer Lehre, welche das gangbare System im eigent- 
lichen Sinne entwurzelte, konnte es nicht an Gegnern fehlen. 
Auffallender Weise indess erfolgten die frühesten Angriffe erst 
zwei Jahre nach der Veröffentlichung des Harvey'schen Werkes ; 
aber auch dann blieben sie noch lange Zeit vereinzelt und wurden 



Anatomie und Physiologie. Entdeckung des Blutkreislaufs. IIa,rvey's Gegner. 263 
Primirosius. Parisanus. 

wenig beachtet. Harvey selbst war von der Unerschütterlichkeit 
seiner Lehre so fest überzeugt, dass er die Entscheidung des 
Streites lediglich der Zeit überliess, ohne einem einzigen seiner 
Widersacher, Riolan ausgenommen, Rede zu stehen. Noch am 
Abend seines Lebens ward ihm die Genugthuung, seine Lehre 
allgemein anerkannt zu sehen. 

Wie der grosse Haufe über Harvey's Bestrebungen dachte, geht daraus 
hervor, dass sich seit der Veröffentlichung des Werkes seine Praxis ver- 
minderte, ja dass man nahe daran war, ihn für geisteskrank zu halten ! 

Die Gegner Harvey's zerfallen in zwei Klassen: in die un- 
bedingten Anhänger Galen's, welche die neue Lehre in allen 
ihren Theilen verwarfen, und in Diejenigen, welche dem Kern- 
punkte derselben, dem grossen Kreislaufe, beistimmten, aber an 
einzelnen Sätzen Harvey's mehr oder weniger begründeten An- 
stoss nahmen. 

Der früheste von den unbedingten Verfechtern der alten Lehre 
ist Jacques Primi rose, von schottischer Herkunft, geb. zu 
Saint-Jean d'Angely in Saintonge, Arzt zu Hüll. Er trat im 
Jahre 1630 nach dem Erscheinen des Harvey'schen Werkes mit 
einer umfangreichen, in vierzehn Tagen abgefassten, Schrift 
hervor, in deren Vorrede er bereits seine Geringschätzung der 
anatomischen Entdeckungen seiner Zeit zu erkennen gibt. Die 
meisten seiner durchaus auf den bisherigen Annahmen beruhen- 
den Einwürfe blieben indess eben so unbeachtet, als mehrere 
später von ihm gegen Harvey und dessen Anhänger gerichtete 
Angriffe. 

Jac. Primirosius, ExercUationes et animadversiones in librum de 
motu cordis et ciradatione sanguinis adversus Guilielmum Harvaeum. 
Lond. 1630. 4. Lugd. Bat. 1639. 4. 1644. 4. Amstel. 1640. 4. — 
Animadversiones in theses, quas pro circulatione sanguinis H. Le Roy 
disputandas proposuit. *L. B. 1640. (S. unten S. 270.) Primirosius ver- 
fasste ferner: I)e vulgi errorihus in medicina libri IV. Amstel. 1630.? 8. 
*1639. 8. *1644. 4. *Roterod. 1668. 12. (Gegen die Alchemisten.) — 
EncJdridion medicum practicum. *Amstelod. 1654. 12. — De^mulierum 
morbis et symptomatibus libri V. Roterod. 1655. 4. — De morbis pue- 
rorum. *Roterod. 1658. 8. *1659. 12. 

Ein zweiter fanatischer Anhänger der hergebrachten Lehre, 
Aemilius Parisanus, Arzt zu Rom, legte so grosse Unwissen- 
heit an den Tag, dass er sogar von Riolan mit Verachtung be- 
handelt wurde. Seine Angriffe wurden von Georg Ent, Harvey's 
Freund, gebührend zurück gewiesen. 



264 Dlo neuere Zeit. Das siebzehnte Jahrhundert. 

Die hierher gehörigen Schriften des Parisanus s. in dessen: Nobilium 
exercitatiomim Pars II. Venet. 1633. f. 1635. f. (Mit den hierher ge- 
hörigen Schriften von Primirose.) *L. B. 1639. 4. — In Betreff der An- 
gabe Harvey's, z. B. dass das an die Herzgegend gelegte Ohr «Geräusche» 
vernehme (S. oben S. 259) bemerkt Parisanus, Das möge in London sich 
so verhalten; in Italien sey man dazu nicht feinhörig genug. — Georg. 
Ent, Äpologia pro circulatione sanguinis, qua respondetur Aemilio Pari- 
sano. Lond. 1641. 8. 1685. 8. — Auch in dessen Opp. physico-medica. 
L. B. 1687. 8. 

Wie tiefe Wurzeln die herkömmliche Lehre geschlagen hatte, 
zeigt Caspar Hofmann aus Gotha (1572 — 1648), Professor 
zu Altdorf, einer der gelehrtesten und vorurtheilsfreiesten Aerzte 
seiner Zeit. Obschon er für die Unwegsamkeit der Ventrikel- 
Scheidewand und für den kleinen Kreislauf in die Schranken 
trat, so vermochte er sich doch sogar durch die von Harvey 
selbst bei dessen Anwesenheit in Altdorf (als er den an Kaiser 
Ferdinand II. abgesandten Grafen Arundel nach Wien begleitete) 
angestellten Versuche nicht zu überzeugen. Später indess zeigte 
sich Hofmann den Ansichten Harvey's günstiger. 

Casp. Hofmann, Comment. in Galen, de usu pari. Francof. 1625. f. 
lib. VI. cap. 11. — Äpologia pro Galeno, lib. 11. c. 55. 84. — Digressio 
ad circulationem sanguinis in Anglia natam. In Riolan's Opuscc. anat. 
Par. 1647. — Vergl. Marx, Abhandlungen der Göttinger Societät der 
Wissenschaften. Bd. 18. S. 141 ff. 

Die neue Lehre erfreute sich bereits der Zustimmung einer 
grossen Anzahl der tüchtigsten Aerzte, als Joh. Riolan der 
Jüngere (1577 — 1657), Professor der Botanik und Anatomie zu 
Paris, Leibarzt Heinrich's IV. und Ludwig's XIII., einer der an- 
gesehensten Anatomen seiner Zeit, aber zugleich ein, gleich 
seinem Vater ^), seiner Streitsucht wegen gefürchteter Gelehrter, 
einen sehr heftigen Angriff gegen dieselbe richtete. — Riolan 
tritt zwar der Ansicht Harvey's insofern bei, als er das in der 
Leber gebildete, in das rechte Herz geführte und von da zum 
Theil durch die Poren des Septum in den linken Ventrikel über- 
geführte Blut in die Aorta einströmen und durch grosse Anasto- 
mosen zur Hohlvene und zum rechten Herzen zurückkehren lässt. 
Aber er leugnet selbst den kleinen Kreislauf, insofern als er glaubt, 
dass nur eine geringe Menge von dem Blute des rechten Ventrikels 
durch die Arteria pulmonalis in die Lungen ströme, um die- 
selben zu ernähren. Denn den Andrang einer so grossen Menge 

1) S. oben S. 117. 



Anatomie und Physiologie. Entdeckung des Blutkreislaufs. Harvey's Gegner. 26*1 

Hofmann. Biolan. 

von Blut, sagt Riolan, als Harvey durch die Arteria pulmonalis 
in die Lungen treten lässt, würden diese nicht ertragen können. 
Die übrigen Gefässe des Körpers nehmen an der Circulation 
keinen Antheil. Das in sie eintretende Blut wird zur Ernährung, 
zur Bildung der Secrete u. s. w. verbraucht. Ein derartiges 
Verhalten schreibt Riolan namentlich den Gefässen des Gekröses 
(welche den Chylus zur Leber führen) und der Pfortader zu. 
Ein Rücktritt des Blutes aus den kleineren Venen in die Stämme 
findet nur dann Statt, wenn die letzteren sich entleeren, wie 
z. B. beim Fasten, oder ein ungewöhnlicher Reiz, z. B. bei 
geschlechtlicher Erregung, auf sie einwirkt. Auf ähnliche Art 
erklärt Riolan z. B. auch die «Rückläufigkeit» des Blutes beim 
Aderlass. 

Harvey selbst führt aus der Schrift Eiolan's folgende Stellen an: 
«Effusus sanguis in omnes partes secundae et tertiae regionis ibi remanet 
ad nutritionem , nee refluit ad majoi'a vasa ; nisi vi revulsus , in maxima 
inopia sanguinis vasorum majorum, vel impetu et Oestro percitus, affluat 
ad majora vasa circvüatoria. — Ita ut sanguis venarum perpetuo ascendat 
naturaliter sive remeet ad cor, sanguis arteriarum descendat sive discedat 
a corde. Attamen, si venae minores brachiorum et crurum fuerint de- 
pletae, potest, successione vacuati, venarum sanguis descendere, quod clare 
demonstravi contra Harveium et Walaeum. — Videtis, quomodo fiat circu- 
latio sanguinis, citra perturbationem et confusionem humorum et veteris 
medicinae destructionem». 

J oh. Rio\B,nviS, Gl. Opuscula anatomica nova. Par. 1649. f. Die 
übrigen sehr zahlreichen Schriften s. bei Haller, Bibl. anat. I. 301 seq. 
— Es wird erzählt, dass Eiolan schon einige Jahre vorher, als er die 
Königin Maria de Medicis an den Hof von England begleitete, mit Harvey 
eiue Unterredung über die Entdeckung des Letzteren gehabt habe. 

Harvey richtete gegen die von Riolan vorgebrachten und 
gegen einige andere Einwendungen zwei Abhandlungen, in denen 
er die Richtigkeit seiner Lehre mit alten und neuen Gründen 
siegreich vertheidigte^). In der ersten dieser Schriften behandelt 
er seinen Gegner, den er z. B. «anatomicorum princeps» nennt, 
mit der grössten Rücksicht; in der zweiten tritt er weit ener- 
gischer auf. Er führt an, wie man ihm einen Vorwurf daraus 
gemacht habe, dass er sich auch auf Beobachtungen an niederen 
Thieren, Amphibien, Fischen und Insekten stütze; wie man die 
Beweiskraft seiner Vivisectionen leugnete, weil so gewaltsame 
Eingriffe nothwendig ganz abnorme Vorgänge erzeugen müssten. 
Harvey behandelt solche Widersacher mit vornehmer Gering- 



^) S. oben S. 253. No. 2. 



266 Die neuere Zeit. Das siebzehnte Jahrhundert. 

Schätzung. Er sagt ihnen, dass sie ihn nicht verstehen können, 
oder nicht verstehen wollen. Und auf die Frage nach dem 
Nutzen des Kreislaufs gibt er die acht Baconische Antwort, dass 
es sich nicht darum handle, warum etwas geschehe, sondern 
was geschehe. 

«Ut, qui exinde argumenta contradicendi sumant, vel non intelligere, 
vel nolle rem visu explorare videantur». — «Vituperatores, momos, scripto- 
resque convitiorum labe sordidos, ut nunquam legendos mecum statui (ut 
a quibus nihil solidum, aut, praeter maledicta, egregium sperandum), ita 
multo minus responsione dignos judicavi. Utantur suo malo genio: vix 
unquam benevolos lectores habituros puto : neque (quod praestantissimum 
et maxime optandum) sapientiam donat Dens Optimus improbis. Pergant 
maledicendo, donec ipsos (si non pudet) pigeat, vel denique taedeat». — 
«Prius in confesso esse debet, quid sit, antequam propter quid inqui- 
rendum». Exercit. alt. ad Riolan. zu Anfang u. a. a. St. 

Unter den positiven Beweisen für seine Ansicht legt Harvey nament- 
lich auf folgenden Versuch bedeutendes Gewicht : Die Hohlvene wird dicht 
am Herzen unterbunden, die grossen Gefässe des Halses blos gelegt, die 
Carotiden geöffnet. Es zeigt sich, dass sie leer sind, während die Jugular- 
Venen von Blut strotzen. 

In seiner zweiten Entgegnungsschrift handelt Harvey haupt- 
sächlich von solchen durch Riolan und Andere erhobenen Ein- 
wendungen, welche durch die bisherigen Verhandlungen noch 
nicht beseitigt erschienen. Der anatomische und physikalische 
Theil der Kreislauf- Lehre konnte als feststehend gelten. Un- 
leugbar aber blieben noch gar manche bis dahin nicht erledigte 
Fragen zurück, zu deren Lösung das siebzehnte Jahrhundert un- 
fähig war. Es sind vorzugsweise diejenigen, über welche erst 
die Entdeckung des Sauerstoffs, die auf dieselbe sich stützende 
Physiologie der Respiration, die Entdeckung der Irritabilität der 
Muskeln, und die mikroskopische Anatomie der Gefässe Auf- 
schluss zu ertheilen vermochten. 

Die genannte Schrift bespricht zunächst die Galenische Vis 
pulsifica der Arterien, welche Harvey, der die Bewegungen der 
letzteren ganz mechanisch erklärt, leugnete. Schon Primirose 
schrieb den Arterien mit Recht die Fähigkeit der selbständigen 
Erweiterung und Verengerung zu; Riolan und Andere machten 
geltend, dass der Puls der Arterien keineswegs überall iso- 
chronisch ist. — Ein anderer Einwurf (welchen später auch 
Vesling^) und Worm wiederholten, von denen der Erstere 
indess nach kurzer Zeit auf Harvey's Seite trat) bezog sich auf 

3) S. oben S. 55. 



Anatomie und Physiologie. Entdeckung des Blutkreislaufs. Harvey's Gegner. 267 
Eiolan. Vesling. Hofmann. 

die Verschiedenheit des arteriellen und venösen Blutes. Hier- 
gegen behauptete Harvey, dass das Blut der Arterien keines- 
wegs «geistiger» sey, als das der Venen. Werde eine Arterie 
unter Wasser oder Oel durchschnitten, so steigen keine Luft- 
blasen auf. Eine derartige hellere Röthe zeige nur das aus 
kleineren Arterien ausfliessende Blut, und jene Färbung entstehe, 
wie namentlich das arterielle Blut der Lungen beweise, nur 
durch die grössere Zertheilung des in den Lungen gleichsam 
durchgeseihten Blutes («transcolatur»). Aus durchschnittenen 
grösseren Arterien ergiesse sich ein eben so dunkles Blut, als 
das der Venen. — Auch hier handelte es sich um Vorgänge, 
welche erst die Kenntniss von dem Einflüsse der akuten Anämie 
auf die respiratorischen und vasomotorischen Centra zu ent- 
räthseln vermochte. 

Joh. Vesling, Observatimies anatomicae. Hafn. 1664. 8., aus V.'s 
Nachlass vermehrt von Th. Bartholinus. *Hag. 1740. 8. [«Aureum un- 
dique opiisculum». Haller.] 

Ein andrer Streitpunkt betraf die spirituöse Natur des Arte- 
rienblutes. Mehrere Aerzte erklärten die Leerheit der Arterien 
nach dem Tode, ähnlich wie die Entstehung des Thaues, durch 
die Verdichtung der während des Lebens in denselben enthaltenen 
«Spiritus» zu einigen wenigen Tropfen von Flüssigkeit. Harvey 
erblickt in den «Spiritus» nur «deos ex machina» und ein Asyl 
der Unwissenheit. Deshalb schreibt er die Anregung zur Be- 
wegung des Herzens nicht ihnen, sondern dem «Calidum innatum» 
zu, welches Andere mit Recht nur als das Produkt ander- 
weitiger Kräfte betrachteten, die sie freilich zu bezeichnen ausser 
Stande waren. 

Aus dem eben Angeführten erklärt sich ferner auch das Still- 
schweigen, mit welchem Harvey über mehrere andere Einwen- 
dungen hinweggeht. Hierher gehört der Einwurf Hofmann's*), 
dass die Herzkraft allein nicht vermöge, die Bewegung des 
Blutes in den kleinsten Gefässen zu erklären, und dass es des- 
halb nöthig sey, noch andere anziehende und abstossende Kräfte 
anzunehmen; ferner das Bedenken Riolan's, es sey nicht ab- 
zusehen, wie das so rasch durch die Organe hindurch strömende 
Blut im Stande seyn solle, die Ernährung zu bewirken. 

Ganz untergeordnet waren die Ausstellungen mehrerer anderer Gegner. 
Cecilio Folio aus Udine (geb. 1615), Prof. der Anatomie zu Venedig, 



*) S. oben S. 264. 



268 Die neuere Zeit. Das siebzehnte Jahrhundert. 

trug kein Bedenken, das von ihm bei einem Erwachsenen beobachtete 
Offenstehen des Foramen ovale zwischen den Vorhöfen für den normalen 
Zustand zu erklären und als ein Argument gegen Harvey zu gebrauchen, 
welchem auch Gas send (S. oben S. 238) voreiliger Weise sich anschloss. 
— Caec. Folius, Sanguinis a dextro in sinistrum cordis ventriculum de- 
fluentis facilis reperta via etc. Venet. 1639. 4. *Francof. 1641. 12. L. B. 
1723. 8. — Petr. Gassendus, De septo cordis pervio. L. B. 1639. 
12. 1641. 12. 1650. 12. — De nutritione animaliiim, de venis lacteis, de 
pulsu, de respiiratione, de circulatione sanguinis. Im dritten Theile seiner 
Philosopihia Ejncurea. {Opp. omn. L. B. 1658. f.) — Eben so unbedeutend 
waren folgende gegen Harvey gerichtete Schriften: Franzosius, De 
motu cordis et sanguinis in animalibus pro Aristotele et Galeno adversus 
anatomicos neotericos. Veron. [1652.] 4. — Joh. Turrius, De sanguinis 
officina, motu ac usu libri tres etc. Mediol, 1666. 4. — Ja noch im 
achtzehnten Jahrhundert vermass sich ein verspäteter Galenist der Lehre 
Harvey's entgegen zu treten : Homo b onus Piso, Ultio antiquitatis in 
sanguinem ac circulationem. Cremonae, 1690. — Nova in sanguinis cir- 
culationem inquisitio. Patav. 1726. 



Die Anhänger Harvey's. 

Israels, De Verdiensten der Nederkmders in het verspreiden en uifbreiden 
der Harvei/ansche ontdecking. Nederl. Tijdschr. voor Geneeskunde. 1860. 
p. 361 ff. 

393. Es bedarf nicht vieler Worte, um die Erregung zu 
schildern, welche die Entdeckung Harvey's und die Ergänzungen 
derselben, welche ihr zum Theil vorausgingen, zum Theil nach- 
folgten^), in den Kreisen der Aerzte und der Gebildeten über- 
haupt hervorrief. Dazu genügt das Zeugniss von Primirose, dem 
alle diese neuen, für die Praxis werthlosen Dinge ein Greuel 
sind. * 

«Jam nihil resonabant academiarum vestrarum tyrones, quam circu- 
lationem sanguinis, venas lacteas, artem staticam aliaque ejusmodi, quae 
a communi opinione abhorrentia nimis placent, nimis delectant , nimis 
alliciunt, nihil prosunt tamen nee faciunt ad medendum». (Primirose's 
Brief an Harvey in der Ausgabe seiner oben S. 263 genannten Schrift 
vom Jahre 1630.) 

Um so auffallender ist es, dass bis zur ersten öffentlichen 
Anerkennung der grossen Entdeckung neun volle Jahre ver- 
strichen. Den Niederlanden gebührt der Ruhm, zuerst für Harvey 
in die Schranken getreten zu seyn; kein Geringerer als Des- 
cartes, welcher damals in Holland lebte, stellte sich im Jahre 1637 



1) S. unten S. 272 ff. 



Anatomie und Physiologie. Entdeckung des Blutkreislaufs. Harvey's Anhänger. 269 
Descartes. Beverwijck. Sylvius. de Wale. Brake. 

durch einen an Beverwijck gerichteten Brief an die Spitze der 
Vertheidiger der neuen Lehre. Sein Ansehn wurde ihr zu einer 
mächtigen Stütze. 

Descartes, Discours de la methode. (Oeuvres, ed. J. Simon. Par. 
1845. p. 32.) — Der Briefwechsel zwischen Descartes und Beverwijck 
findet sich in des Letzteren Epistolicae quaestiones. ßoterod. 1644. 
p. 118 seq. Vergl, ferner Beverwijck, Werken der geneeskonst. Amsterd. 
1664. Aanhangsel von Brieven, p. 232. Seiner Theorie von den «Wir- 
beln» zn Liebe verlegte Descartes den Antrieb zur Bewegung des Blutes 
in dieses selbst. Die Diastole erklärte er für die Wirkung der Aufblähung, 
welche das Herz durch die Wärme des einströmenden Blutes erfahre , die 
Systole für eine Reaction gegen dieses Aufblähen. 

Der erste Arzt, welcher sich öffentlich für die neue Lehre 
erklärte, war Joh. van Beverwijck (Beverovicius) aus Dord- 
recht (1594 — 1647), Arzt und Lehrer der Anatomie in seiner 
Vaterstadt. Es geschah in einem an Harvey gerichteten Briefe 
vom 19. Dec. 1637; bald darauf in einer Schrift über die Stein- 
krankheit. 

Joh. Beverovicius, De calculo renum et vesicae. *L. B. 1638. p. 20. 
Beverwijck, ein gelehrter, namentlich sprachkundiger, Mann und sehr ge- 
schätzter Praktiker, hatte zu Leyden und auf mehreren französischen und 
italienischen Universitäten studirt. Am bekanntesten wurde er durch 
seine noch jetzt werthvolle Idea medicinae vetermn (L. B. 1637. 8.) und 
durch mehrere populäre Schriften {Schat der gesontheyt en ongesontheyt. 
*Amsterd. 1671. f. Deutsch: Frankf. a. M. *1672. 8. 1674. f. *1676. f. 

— Loof der Geneeskonst. [Gegen Montaigne's Angriffe auf die Medicin.] 

— Inleiding tot de hoUandsche geneesmiddelen u. s. w.) — Seine Wercken 
erschienen Amsterd. 1652. 1656. u. 1664. — Vergl. Banga, Geschie- 
denis von de geneeskunde in Nederland, p. 286 ff. 

Demnächst trat im Jahre 1639 der später so berühmte Franz 
de le Boe Sylvius in seinen mit Vivisectionen an Hunden ver- 
bundenen Vorlesungen für Harvey in die Schranken. 

Fr. Sylvius, Disputationes medicae. *Amstelod. 1663. 12. (Disp. 
quinta, resp. J. Kerfbyl. L. B. 13. Mart. 1660.) — Schacht, Oratio 
funebris in obittim Sylvü, in Sylvii Opera. Amstel. 1695. p. 928. 

Unter Sylvius' Zuhörern befand sich auch Joh. de Wale 
(Walaeus) aus Koudekerke in Zeeland (1604 — 1649), gleich 
seinem Vater, dem bekannten Theologen Anton de Wale, Prof. 
zu Leyden. de Wale, einer der gediegensten Anatomen seiner 
Zeit, war bis dahin Gegner Harvey's; von nun an wurde er einer 
seiner entschiedensten und einflussreichsten Anhänger. Schon 
am 4. Febr. 1 640 veranlasste de Wale einen seiner Schüler, den 
Engländer Robert Drake, in sechszehn von diesem verfassten 



270 Die neuere Zeit. Das siebzehnte Jahrhundert. 

Thesen die Lehre Harvey's öffentlich zu vertheidigen. Diese 
Thesen wurden durch Riolan heftig bestritten, de Wale ver- 
öffentlichte nunmehr zwei berühmte Briefe über die Bewegung des 
Ghylus und des Blutes an Thom. Bartholinus (vom 1. Oct. und 
1. Dec. 1640), in denen die Lehre Harvey's durch eine Reihe 
von Versuchen, die noch jetzt als mustergültig gelten können, 
unwiderleglich bewahrheitet wurde. 

Rogerius Drake, Disp. medica de circulatione naturali, seu de 
cordis et sanguinis motu drculari pro Cl. Harveio etc. L. B. 1640. 
(4. Febr.) 4. — Auch in: Recentiorum disceptationes de motu cordis, san- 
guinis et chyli in animalihus. L. B. 1647. 4. 

Joh. Walaeus, Epistola de motu chyli et sanguinis ad Th. Bartho- 
linum I. et IL etc. L. B. 1641. 8. u. öfter. [«Eximii pretii. Ad naturam 
ubique». Haller.] Die Briefe de Wale's finden sich in mehreren Werken 
jener Zeit abgedruckt. Ausser in dessen Opera. Lond. 1660. 8. in Man- 
get's Bihliotheca. Genev. 1698. f., in Th. Bartholinus, Institutiones 
anatomicae. L, B. 1641.; ferner in Walaei Medica omnia ad chyli et san- 
guinis circulationem eleganter concinnata; ed. C. Irvinus. *Lond. 1660. 8. 
Methodus medendi novissima, cum notis G. H. Welschii. *Ulm. 1660. 
12. *Aug. Vindel. 1679. 12. Spigelius, Opera. Amstelod. 1645. — 
Th. Bartholinus hegte so grosse Achtung gegen de Wale, dass er seine 
besten Schüler, Steno, Borrich, Worm u. A. veranlasste, in Leyden ihre 
Studien fortzusetzen. 

Unbedeutend ist eine Dissertation von Joh. Haymann aus Zirikzee, 
welche Hendrik de Roy (Regius) aus Utrecht (1598 — 1679), Prof. in 
Utrecht, eine Zeit lang einer der angesehensten Parteigänger des Cartesia- 
nismus, ebenfalls im Jahre 1640 zu Gunsten Harvey's vertheidigen Hess. 
Joh. Haymann, Disputatio medico-physiologica pro sanguinis circulatione. 
Ultraj. 1640. 4. — Auf diese Dissertationen beziehen sich die späteren 
von Primirose gegen de Wale und de Roy gerichteten Streitschriften und 
deren Erwiderungen. 

Der erste deutsche Arzt, welcher für Harvey Partei nahm, 
war Hermann Conring^). Gleichzeitig mit den Briefen von 
de Wale veröffentlichte er acht Dissertationen, in denen er sich, 
gestützt auf Vivisectionen von Hunden (die Lieblingsbeschäftigung 
des gelehrten Polyhistors in seinen Mussestunden) der Lehre 
Harvey's anschloss. 

Die Dissertationen sind vereinigt in H. C o n r i n g , De sanguinis ge- 
neratione et motu naturali opus novum. Helmstad. 1643. 4. L. B. 1646. 4. 
Die erste ist vom 24. Oct. 1640. — Vergl. auch dessen De calido innato 
Über. Hehnstad. 1647. 4. und Introductio in universam artem medicam 
ex dissertationibus H. Conringii. Heimst. 1654. 4. 1687. 4. — Siegel, 

2) S. oben S. 114. 



Anatomie und Physiologie. Entdeckung des Blutkreislaufs. Harvey's Anhänger. 271 
Conrlng. Plemp. Siegel. Kolfink u. s. w. 

Vorrede zu Conring's Opera, vol. I. — H aller, Elementa phijsiologiae, 
Lausann. 1757. 4. I. p. 159. 250. 

Einen glänzenden Triumph feierten die Anhänger Harvey's, 
als im Jahre 1644 Vopiscus Fortuna tu s Plemp, Professor 
in Löwen, bis dahin einer der hartnäckigsten Gegner, auf ihre 
Seite trat, 

Plemp hatte sich vorher in Briefen an Descartes (J. Beverovicii Epist. 
p. 118 seq.) und Beverwijck {Wercken, Brief 41) höchst ungünstig über 
die neue Lehi'e geäussert, und diese Meinung noch in der ersten Ausgabe 
seiner Ftmdamenta medicinae vom Jahre 1638 festgehalten. Er bekämpfte 
hauptsächlich die Behauptung von Descartes, dass das Herz zu seinen Be- 
wegungen durch das Blut angeregt werde. Dem entgegen 'zeigte er, dass das 
Herz auch nach der Unterbindung der in dasselbe einmündenden Venen, 
ja getrennt vom Körper, sich fortbewege. Dagegen sagt er in der zweiten 
Ausgabe (1644) Folgendes: «Frimum mihi hoc inventum non placuit, 
quod et voce et scripto publice testatus sum. Sed dum postea ei refutando 
et explodendo vehementius incumbo, refutor ipse et explodor, adeo sunt 
rationes ejus non persuadentes sed cogentes». S. auch die dritte Ausgabe: 
Lovan. 1654. p. 128. 

Demnächst sind unter den Aerzten, welche der Lehre Harvey's 
beitraten, der Zeitfolge nach Joh. de Back, Arzt zu Rotter- 
dam, Joh. van Hörne, Prof. zu Leyden^), welcher in einer 
besondern Schrift die Angriffe Riolan's auf de Wale zurückwies, 
Anton Deusing, Professor zu Groningen, Thomas Bar- 
tholinus, Professor zu Kopenhagen*), Joh, Trullius, Arzt 
zu Rom, und Lazare Riviere zu Montpellier hervorzuheben. 
Auch Joh, Pecquet, der Entdecker des Milch-Brustganges ^), 
gesellte sich in einer seiner Schrift über den letzteren ange- 
hängten Dissertation über die Bewegung des Blutes und des 
Chylus, und über das Athmen, in welcher er die Lehre Harvey's 
durch Versuche prüfte, zu den Vertheidigern desselben. 

J a c. Back, Diss. de corde, in qua agitur de nullitate spirituum, de 
haematosi, de viventiuni calore. Roterod, 1648, 12. *1660, 12. 1671. 
12. und öfter, — Joh, Hornius, Exercitationes anatomicae de motu 
chyli et sanguinis pro cl. Walaeo etc, L. B. 1651, — Ant. Deusing, 
Dissertationes duae, prior de motu cordis et sanguinis, altera de lacte. 
Grroning. 1651. 4. 1655. 12, — Thom. Bartholinus, ^^s^. wet^i- 
cinal Cent, I, ep, 21. 26, 39. 

Unter den Anhängern Harvey's in Deutschland sind nächst 
Conring zwei Hamburger, Paul Marquard Siegel, Professor 
in Jena, später Physikus in seiner Vaterstadt, und Werner 



') S. unten § 298. ") S, unten § 302, ^) S. unten S. 272 ff. 



272 Die neuere Zeit. Das siebzehnte Jahrhundert. 

Rolfink, Fabrizio's Prosector, gleichfalls Professor zu Jena, 
hervorzuheben. 

P. M. Siegel, De sanguinis motu commentatio, in qua praecipue in 
Joh. Riolani sententiam inquiritur. Hamb. 1650. 4. Die Vorrede ist für 
die Geschichte des Streites wegen des Blutkreislaufes von Wichtigkeit. — 
Werner Roliink, Dissertationes anatomicae. Norimb. 1656. 4. Lib. V. 
p. 845. lib. VI. p, 1089. — Rolfink machte namentlich auf ein neues zu 
Gunsten Harvey's sprechendes Argument , den die Weite der Arterien 
übertreffenden Umfang der Venen, aufmerksam. 

Dagegen verfloss noch eine Reihe von Jahren, ehe sich die 
Fakultäten von Paris und Montpellier dazu entschliessen konnten, 
die Entdeckung Harvey's gleichfalls anzuerkennen. 



Ergänzungen der Harvey'schen Entdeckung. 

Entdecknug der Chylus-Gefässe, des Ductus thoracicus, der Lymph-Gefässe 
und der Capillaren. 

394. Das grösste Hinderniss, welches sich der allgemeinen 
Anerkennung der Harvey'schen Entdeckung entgegen stellte, war 
die Lehre, dass das Blut in der Leber bereitet werde. Wie tiefe 
Wurzeln dieser Grund-Irrthum der Galen'schen Physiologie ge- 
schlagen hatte, geht am deutlichsten daraus hervor, dass sogar 
Harvey, selbst nach den gleich zu besprechenden Entdeckungen, 
durch welche sein eignes Werk zum Abschluss gebracht wurde, 
nicht im Stande war, sich von demselben los zu reissen. 

Der letzte Schritt zum völligen Sturz der Irrlehre Galen's 
war die Auffindung des Ductus thoracicus und seiner Ein- 
mündung in die linke Schlüsselbein-Vene. Sie erfolgte erst neun- 
zehn Jahre nach der Veröfi"entlichung des Harvey'schen Werkes, 
aber sie wurde schon vorher durch mehrere andere wichtige 
Entdeckungen vorbereitet. Die erste von diesen, die Entdeckung 
der Chylus-Gefässe, ging sogar dem Erscheinen der Harvey'- 
schen Schrift um sechs Jahre voraus. 

Bei jungen noch saugenden Böckchen waren die Chylusgefasse schon 
von Erasistratus gesehen, aber für Arterien gehalten worden, «welche 
Milch, zuweilen Luft, führen» (S.Bd.LS. 239). Falloppiound Eustacchi 
(S. oben S. 48 u. 50) hatten sie ebenfalls beobachtet, aber für zm- Leber 
führende Venen gehalten. Beim Menschen hatte sie vielleicht schon Tulp 
(S. unten § 298) gesehen. 

Begründeten Anspruch auf die Entdeckung der Chylus-Gefässe 
hat nur Gaspare Aselli aus Cremona (1581 — 1626), Prof. zu 



Anatomie und Physiologie. Ergänzungen der Harvey 'sehen Entdeckung. 273 

Die Chylusgefässe. Aselli. 

Pavia. Am 22. Juli 1622 demonstrirte er in Gegenwart mehrerer 
Aerzte, an einem wohlgenährten lebenden Hunde den Verlauf 
der Nervi recurrentes und die Bewegungen des Zwerchfells. 
Hierbei zeigte sich das Gekröse von zahlreichen feinen weissen 
Fäden durchwebt, welche Aselli für Nerven hielt. Auf die 
Verletzung eines dieser Fäden erfolgte der Ausfluss einer be- 
trächtlichen Menge milchartiger Flüssigkeit, so dass Aselli, 
den ganzen Werth seines Fundes sogleich erkennend, den Um- 
stehenden ein freudiges « eZprf/.a » zurief. Wiedeiiiolte Unter- 
suchungen bestätigten die Richtigkeit der Entdeckung und die 
zur Demonstration der Chylusgefässe nöthigen Bediijgungen. 
Aber auch Aselli Hess dieselben, verleitet durch das Galenische 
Dogma von dem Sitze der Blutbereitung, in die Leber eiiitreten, 
weil er die aus der letzteren hervortretenden Lymphgefässe 
welche bei Fleischfressern in das an der Wurzel des Gekröses 
liegende Lymphdrüsen-Paket sich einsenken («Pancreas Asellii») 
für Fortsetzungen der Chylus-Gefässe hielt ^). 

Casparis Asellii, Cremonensis, anatomici Ticinensis, De lactihus 
s. lacteis venis quarto vasorum mesarairorum genere, novo invento, disser- 
tatio, qua sententiae anatomicae multae vel perperam receptae convelhmtur, 
vel parum perceptae illustrantur. Mediolan. 1627. 4. Mit vier bunt- 
gedruckten Holzschnitten in Folio ; dem ersten Beispiele des Buntdruckes 
für anatomische Abbildungen. Diese erste Ausgabe der überaus wort- 
reichen Schrift erschien erst ein Jahr nach Aselli's Tode (1627), also ein 
Jahr vor der Schrift Harvey's. Sie wurde besorgt von Tadini und Settala, 
und gehört zu den grössten literarischen Seltenheiten. Ein Exemplar be- 
sitzt die Univ.-Bibliothek Leipzig. Die Univ. -Bibliothek Breslau verwahrt 
ein defektes, ausser den Tafeln nur die Erklärung derselben enthaltendes 
Exemplar. — Zwei spätere Ausgaben: Basil. 1628. 4. (typis Henric- 
Petrinis) und L. B. 1640. 4, enthalten nur verkleinerte schwarze Copieen 
der Abbildungen in Kupferdruck. Eben so der Abdruck in Mang et 's 
Theatr. anatomicmn und Adr. Spigelius, Opera. Amstel. 1645. f. — 
Ungewiss ist die Ausgabe: Amstel. 1641. f. — Das Nähere bei Chou- 
lant, Geschichte der anatomischen Abbildung. S. 88. 

Die Hauptstelle der Schrift ist folgende : « Quod igitur ad historiam 
attinet, res hunc in modum acta est. Canem ad diem Jidii 23. ejusdem 
anni bene habitum beneque pastum incidendum vivum sumpseram, amico- 
rum quorundam rogatu, quibus recurrentes nervös videre forte placuerat. 
Ba nervorum demonstratione perfunctus cum essem , visum est eodem in 
cane, eadem opera diaphragmatis quoque motum observare. Hoc dum 



^) Vergl. W. His, in His und Braune, Zeitschrift für Anatomie und 
Entwichelungsgeschichte. 1875. I. 128. Das wahre Pankreas nennt Aselli 
(Pars quaedam carnosa, glandulosa, adiposa, canibus peculiaris». 
Ha es er, Gesch. d. Med. II. ^ ig 



274 Die neuere Zeit. Das siebzehnte Jahrhundert. 

conor, et eam in rem abdomen aperio, intestinaque cum ventriculo coUecta 
in unum deorsum manu impello, plurimos repente, eosque tenuissimos can- 
didissimosque ceu funiculos per omne mesenterium et per intestina in- 
finitis propemodum propaginibus dispersos conspicor. Eos primo aspectu 
nervös esse ratus, non magnopere moratus sum, Sed mox falsum me co- 
gnovi, dum nervös, qui ad intestina pertinent, distinctos a funiculis Ulis 
et longe diversos esse, ac seorsim praeterea ferri, animadverti. Quare rei 
novitate perculsus, haesi aliquandiu tacitus, cum menti varie occurrerent, 
quae inter anatomicos versantur, de venis mesaraicis, et eorum officio 
plenae non litium minus quam verborum controversiae. Et forte fortuna 
congruerat, ut paucis ante diebus quendam de hoc argumento proprio 
scriptum a loanne Costaeo libellum evolverem. Ut me coUegi, experiundi 
causa adacto acutissimo scalpello unum ex illis et majorem funiculum 
pertundo. Vix bene ferieram, et confestim liquorem in album lactis aut 
cremoris instar prosilire video. Quo viso, cum teuere laetitiam non possem, 
conversus ad eos, qui aderant, ad Alexandrum Tadinum, et senatorem 
Septalium inprimis, utrumque de amplissimo medicorum ordinis collegio, 
et cum haec scriberem tuendae publicae sanitati praefectum, supT^xa in- 
quam cum Archimede, et simul ad rei tam insolitae tam jucundum specta- 
culum invito, ejus novitate ipsos quoque commotos». (c. 9.) 

Aselli bemerkte auch bereits die Klappen der Chylusgefässe, ja sogar 
ihre den Klappen der Gekrös- Venen entgegengesetzte Richtung ; ein Ver- 
halten, welches, wie Daremberg mit Recht bemerkt, für sich allein auf 
den Kreislauf hätte hinführen können. 

Die Entdeckung Aselli's wurde sofort durch Riolan den Jün- 
geren an Thieren bestätigt; im Jahre 1628 zeigten mehrere Aerzte 
zu Aix, besonders auf Betrieb von Fabrice de Peiresc, einem 
Edelmanne in der Provence, das Vorhandenseyn der Chylus- 
gefässe auch beim Menschen. 

Nicolas Claude Fabrice de Peiresc (1580—1637), Hof- 
richter in Aix, nimmt unter den Beförderern der Wissenschaften eine der 
glänzendsten Stellen ein. Er verwandte sein grosses Vermögen dazu, 
wissenschaftliche Bestrebungen jeder Art mit unbegrenzter Freigebigkeit 
zu unterstützen, während er selbst, namentlich auf dem Gebiete der Physik, 
der Botanik und Zoologie, gründliche Arbeiten verfasste, ohne jemals 
etwas zu veröffentlichen. — Vergl. die Vita Peirescii von G Wissend in 
dessen Opera. Lugd. 1658. f. tom. V. 

Aber noch in der ersten Abbildung der Chylusgefässe des 
Menschen, w^elche Vesling^) im Jahre 1641 herausgab, treten 
dieselben in das wahre Pankreas. 

Zu ihrer vollen Wichtigkeit wurde die Entdeckung Aselli's 
erhoben durch die dieselbe ergänzende des Ductus thoracicus. 
Jean Pecquet aus Dieppe (1622 — 1674), ein Schüler Ves- 



^} Vesling, Syntagma anatomicum. Francof. 1641. 4. — S. oben S. 55. 



Anatomie lind Physiologie. Ergänzungen der Harvey 'sehen Entdeckung. 275 

Die Chylusgefässo. Aselli. Der Ductus thoracicus. Pecquet. van Hörne. 

ling's, fand denselben im Jahre 1647 als Student in Montpellier, 
gleichfalls zufällig, bei einem Hunde, dessen Herz er entfernt 
hatte, und bei welchem sich nun eine milchartige Flüssigkeit 
aus der oberen Hohlvene in das zurückgelassene Pericardium 
ergoss, welche Pecquet anfangs für Eiter hielt. Fernere Unter- 
suchungen führten sodann zum Ursprünge dieses Gefässes aus den 
Gekrös-Drüsen und zu seiner Einmündung in die linke Schlüssel- 
bein-Vene. 

Job. Pecquet, Experimenta nova anatomica, quibus incognUum 
chyli receptaculum et ah eo per thoracem in ramos usque subclavios vasa 
lactea deteguntur. Ejusd. Dissertatio anatomica de circulatione sanguinis 
et chyli motu. Par. 1651. 12. u. öfter. — Eine von Pecquet selbst her- 
rührende handschriftliche französische Uebersetzung besitzt die Bibliothek 
Paris ; einen Auszug derselben gibt Daremberg, Hist. des sciences med. 
p. 630 seq. — Pecquet hielt anfänglich die, zuweilen vorkommende, Ein- 
mündung in beide Schlüsselbein- Venen für die regelmässige. — Aus 
Pecquet's Leben ist bekannt, dass er für seinen Gönner, den Intendanten 
Fouquet, in die Bastille und ins Exil ging. In den berühmten Briefen 
der Frau von Sevigne erscheint er als «der kleine Pecquet». Sein Tod 
erfolgte im 52sten Lebensjahre in Folge des übermässigen Genusses von 
Branntwein, den er für eine Panacee hielt. 

Gleichzeitig fand Joh. van Hörne, ohne von Pecquet's 
Entdeckung zu wissen, den Milchbrustgang bei dem Menschen, 
und gab eine Abbildung und Beschreibung desselben heraus. 

Joh. Hornius, Novus ductus chyliferus, nunc primum delineatus, 
descriptus et eruditorum examini expositus. L. B. 1652. 4. — Bald 
nach van Hörne (im Jahre 1656) fand auch Claus Rudbeck (S. unt. 
S. 277), ohne von der Schrift des Ersteren Kenutniss zu haben, den Ductus 
thoracicus beim Menschen auf. — Auch diese Entdeckung war nicht unvor- 
bereitet. Eustacchi hatte bereits den Ductus thoracicus gesehen, aber für 
eine Vene gehalten. 

Alle diese Entdeckungen gelangten indess keineswegs sofort 
zu allgemeiner Anerkennung. Von Gassend z. B. wurden die 
Milchgefässe Aselli's für Blutgefässe, und die weisse Farbe ihres 
Inhalts durch die sehr grosse Zertheilung der Blutkügelchen er- 
klärt. Der Inhalt derselben sollte nach seiner Meinung durch 
den Ductus choledochus zur Leber, und auf demselben Wege die 
Galle in das Duodenum gelangen^). Auch de Bils, ein reicher 
Dilettant der Anatomie zu Rotterdam, welcher sich überhaupt 
an den Verhandlungen jener Zeit lebhaft betheiligte, bestritt die 
Pecquet'sche Entdeckung insofern, als er behauptete, der grösste 



^) Gassendus, De nutritione animalium. — S. oben S. 238. 

18* 



276 Die neuere Zeit. Das siebzehnte Jahrhundert. 

Theil des Chylus gehe zur Leber, und der Pecquetsche Gang 
enthalte nur eine «thauartige Lymphe.» 

Ludwig de Bils , Herr auf Koppendam , ein völlig ungelehrter und an- 
naassender Autodidakt, machte sich in den Jahren 1660 — 1668 besonders 
durch ein von ihm erfundenes, für 120 000 Gulden ausgebotenes, Ver- 
fahren zur Conservirung von Leichen bekannt. L. Bilsius, Inventa ana- 
tomica. Anistel. 1692. 4. — Vergl. Banga, a. a. 0, 440 ff. — Vergl. 
unten § 298. 

Gewichtiger waren die Einwürfe Harvey's, welcher, nicht 
eben zum Vortheil seines Ansehns, noch im Jahre 1655, im 
77sten seines Lebens, hartnäckig an der Resorption des Chylus 
durch die Venen des Gekröses, und somit an der Bereitung des 
Blutes in der Leber, festhielt. Dass er eine Zeit lang sogar die 
Entdeckung Pecquet's in Abrede stellte, erklärt sich daraus, 
dass Aselli selbst die zur Leber gehenden Lymphgefässe mit den 
Chylusgefässen zusammen warf, und dass man anfangs, nachdem 
Bartholinus ihre Verschiedenheit nachgewiesen hatte, zwar bei 
dem Menschen, nicht aber bei den Thieren, den Pecquet'schen 
Gang aufzufinden vermochte. Am hinderlichsten war der Ent- 
deckung Pecquet's, dass er eine Verbindung des Milchbrustganges 
mit den Nieren annahm, durch welche der rasche Abgang des 
Getränkes durch die letzteren erklärt werden sollte. 

Obschon hiernach der anatomische Theil der Lehre von der 
Blutbereitung keinen Zweifel mehr übrig zu lassen schien, so 
hielten doch noch lange einzelne Aerzte, z. B. Th. Bartholinus 
und van Home, an der Meinung fest, dass wenigstens ein 
Theil des Chylus zu der Leber gehe. Als der starrsinnigste 
Gegner zeigte sich auch hier Rio 1 an, und auch diesmal kämpfte 
er mit denselben unwürdigen Waffen, deren er sich gegen Harvey 
bedient hatte. Später indess trugen gerade Bartholinus und seine 
Schüler zu der ferneren Ausbildung dieser Lehre wesentlich bei. 

Joh. Riolanus (fil.), Enchiridium anatomicum. Paris. 1648. 4. 
Vergl. unt. § 300. — Es fehlte nicht an Schriften, in denen der Triumph 
des Herzens und die Niederlage der Leber gefeiert wurde. Hierher gehört 
Georg Seger, Triumphus nobilissimi corporis nostri visceri ac heni- 
gnissimo oeconomo cordi, post felicissime tandem captam diice Th. Bartho- 
lino ex totali hepatis clade victoriam. Hafn. 1654. 4. Bas. 1661. 4. 
Der Baseler Ausgabe ist angehängt G. Seger, Querimonia nobilissimi 
visceris cordis, querimoniae hepatis autore J. Riolano ad medicos Pari- 
sienses hahitae opposita. — Seger, aus Ost-Preussen gebürtig (gest. 
1678), lebte um 1654 — 1659 einige Jahre in Dänemark, und schrieb 
mehrere Dissertationen über die Ernährung des Fötus. Später war er 
Arzt in Thorn, zuletzt Professor der Physik und Medicin in Danzig. — 



Anatomie und Physiologie. Ergänzungen der Harvey 'sehen Entdeckung. 277 

Der Ductus thoracicus. Die Lymphgefässe. Rudheck. Th. Bartholinus. 

Auch Thomas Bartholinus veröffentlichte in seiner Dissertation: 
Vasa lymphatica nuper Hafniae in animantibus inventa. Hafn. 1652. 4. 
und in seiner Defensio lacteormn et lymphaticorwn contra Rlolanum. 
Hafn. 1655. 4. eine Grabschrift auf die Leber: «Siste, viator, clauditur 
hoc tumulo, qui tumulavit plurimos, hepar notum saeculis, sed ignotum 
naturae, quod uominis majestatem et dignitatem fama firmavit, opinione 
conservavit. Tamdiu coxit, donec cum cruento imperio seipsum decoxerit. 
Abi sine jecore, viator, bilemque hepati concede, ut sine bile bene tibi 
coquas, illi preceris». — Joh. a Torre [Turrius] (S. ob. S. 268) antwortete 
mit einer geschmacklosen Inschrift auf die wieder auferstandene Leber. 

Im eigentlichsten Sinne geschlossen wurde der Kreis dieser 
die Lehre Harvey's ergänzenden Entdeckungen durch die der 
Lymphgefässe. Den gegründetsten Anspruch auf dieses 
Verdienst hat der Schwede Olaus Rudbeck (1630 — 1702) aus 
Arosen in Westm^'nland, damals Student in Padua, später Pro- 
fessor in Upsala. Er entdeckte am 27. Jan. 1651 die Lymph- 
gefässe des Darmes und ihre Vertheilung in die Drüsen desselben, 
so wie ihre endliche Verbindung theils mit dem Ductus thoracicus, 
theils mit dem Venensystem. 

Ol. ßudbeck, Nova exercitatio anatomica exhibens ductus hepatis 
aquosos et vasa glandularum serosa etc. Arosiae, 1653. 4. Auch in Hem- 
sterhuy's Messis aurea. L. B. 1654. 8. (Sammlung der ersten Schriften 
über die lymphatischen Gefässe) und in Halle r's Disputt. select. — Rud- 
beck legte Ligaturen um vermeintliche zur Leber gehende Chylus-Gefässe, 
bemerkte aber sofort, dass der Inhalt derselben sich in einer der von ihm 
erwarteten entgegengesetzten Richtung bewegte. 

Allerdings veröffentlichte Rudbeck seine Entdeckung erst im 
Jahre 1653, nachdem Thomas Bartholinus, welcher etwas 
später die Lymphgefässe (denen er zuerst diesen Namen bei- 
legte) gleichfalls auffand, seine Beobachtungen durch Martin 
Bogdan aus Driesen in der Neumark, später Arzt zu Bern, 
bereits bekannt gemacht hatte. 

Th. Bartholinus, De lacteis thoracicis in homine brntisqite nu- 
perri^ne observatis historia anatomica. Hafn. 1652. Paris. 1653. 8. und 
öfter. — Bartholinus' Arbeiten über die Lymphgefässe sind vereinigt in 
dessen: Opuscula nova de lacteis thoracis et lymphaticis vasis. Hafn. 
1670. 8. — Unter den übrigen durch diesen von Rudbeck in würdiger 
Weise, von Bartholinus mit grosser Leidenschaftlichkeit geführten, Streit 
hervorgerufenen Schriften genügt es hervorzuheben: M. Bogdan, Insidiae 
structae Bartiwlini vasis hjmphaticis ab Ol. Rudbeckio. 1654. 4. — (Ol. 
Rudbeck) Insidiae structae Olai Rudbeckii Suevi ductibus hepaticis 
aquosis et vasis glandularum serosis, Arosiae editis, a Th. Bartholino. L. 
B. 1654. 8. — Bogdan, Äpologia pro vasis hjmphaticis Th. Bartholini. 
1654. 4. — Rudbeck behauptete unter Anderem, Bartholinus (welcher 
allerdings grosse Neigung hatte, die Priorität neuer Entdeckungen für 



278 Die nonere Zeit. Das siebzehnte Jahrhundert. 

sich in Anspruch zu nehmen) verdanke die Kenntniss der Lymphgefässe 
seinem früh verstorbenen Prosector Mich. Lyser. Der Letztere ist be- 
merkenswerth als Verfasser einer Anweisung zum anatomischen Präpariren, 
wahrscheinlich eine der frühesten Schriften dieser Art in der neueren 
Zeit: Culter anatomicus, s. methodus humana inddendi cadavera. LibriV. 
*Hafn. 1653. 8. *1665. 8. *1679. 8. *Francof. 1679. 8. — Die von 
Wharton {Adenographia [S. unt. S. 288] p. 97) zu Gunsten eines sonst 
unbekannten englischen Arztes, Georg Jolyff zu Cambridge, welcher 
angeblich bereits im Jahre 1650 die Lymphgefässe auffand, erhobenen 
Ansprüche entbehren jeder Berechtigung. 

Der unwiderleglichste Beweis endlich für die Richtigkeit der 
Harvey'schen Entdeckung wurde durch die mikroskopische 
Beobachtung des Kreislaufs geliefert. Diesen letzten 
Triumph seines Werkes zu erleben war dem grossen Physiologen 
nicht mehr vergönnt. — Zum ersten Male wurde das prachtvolle 
Schauspiel des capillaren Blutlaufes im Jahre 1661, vier Jahre 
nach Harvey's Tode, von Malpighi an der Lunge und der 
Harnblase des Frosches beobachtet. Im Jahre 1665 fügte Mal- 
pighi hierzu die Entdeckung der Blutkörperchen. Im Jahre 
1683 wurden seine Beobachtungen von Molyneux an Eidech- 
sen, 1688 von Leeu wenhoek an mehreren andern Amphibien 
und an Fischen, im Jahre 1697 von William Cowper an warm- 
blütigen Thieren wiederholt. 



Aufschwang^ der Anatomie nnd Physiologie in der zweiten 
Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts. 

Verbesserung des anatomischen Unterrichts. Erfindung des Mikroskops. 

P. Karting, Bijdrage tot de gescMedenis der Mikroskopen in ons Vader- 
land. Utrecht. 1846. 8. — Het Mikroskoop, desselfs gebruik, gescMedenis en 
tegenwoordigen toestand. Utrecht, 1850. 8. Deutsch: Das Mikroskop. Dritter 
Theil: Geschichte und gegenwärtiger Zustand des Mikroskopes. Deutsche 
Original- Ausgabe von T heile, ßraunschweig, 1866. 8. (SS. IX. 452.) 

395. Der segensreiche Einfluss der Harvey'schen Entdeckung 
offenbarte sich zunächst in einem Aufschwünge der Anatomie 
und Physiologie, dem sich nur derjenige zur Seite stellen lässt, 
welcher in unsern Tagen durch die Neubegründung der mikro- 
skopischen Anatomie herbeigeführt worden ist. Dieser Aufschwung 
äusserte sich zunächst in der wachsenden Sorgfalt für den 
anatomischen Unterricht, namentlich in denjenigen Ländern, 
welche in dieser Hinsicht noch zurückstanden : in Holland, Eng- 
land, Deutschland und Dänemark. — In Leyden wurde sofort 



Aufschwung dor Anatomie und Physiologie in der zweiton Hälfte des Jahrhunderts. 270 
Verbesserung des anatomischen Unterrichts, 

nach der Gründung der Universität (im Jahre 1575) die Anatomie 
in den Kreis der Lehrgegenstände aufgenommen. In Utrecht, 
Groningen und Franeker fand sogar schon ehe diese Städte 
Universitäten erhielten ein anatomischer Unterricht Statt. Selbst 
an Orten, wo keine Hochschulen bestanden, z. B. in Haarlem, 
Rotterdam, Delft und Dordrecht, fehlte es nicht an derartigen 
Veranstaltungen, welche allerdings zunächst nur die Unterweisung 
der «Wundärzte» im Auge hatten. Freilich wurde selbst in Leyden 
noch im Anfange des achtzehnten Jahrhunderts, zu Albinus' 
Zeit, jährlich nur einmal eine Leiche öffentlich zergliedert. — 
Wie dürftig selbst in England noch lauge Zeit der anatomi- 
sche Unterricht beschaffen war, zeigt Edinburg. Hier ordnete 
zwar das Collegium der Aerzte schon im Jahre 1505 die jähr- 
liche Zergliederung einer Leiche an, und prüfte die neu Ein- 
tretenden in der Anatomie ; aber erst im Jahre 1694 gründete 
Archibald Pitcairn nach dem Muster von Leyden eine ana- 
tomische Anstalt, an welcher Wundärzte die Eingeweidelehre in 
achtzehn Lectionen, den Rest in zehn Tagen demonstrirten. Erst 
seit dem Jahre 1705 wurde ein Professor der Anatomie ange- 
stellt; zuerst Elliot, dann Drummond und M'Gille; seit 
1720 Alex. Monro der Vater, mit welchem eine neue Periode 
der Edinburger Schule anhebt. 

Unter den deutschen Universitäten war vielleicht Basel, 
welchem die Ehre zugefallen war, das unsterbliche Werk Vesal's 
aus seinen Mauern hervorgehen zu sehen, die einzige, in welcher 
seit den Tagen von Felix Platter und Caspar Bauhin ^) 
ein ausreichender anatomischer Unterricht ertheilt wurde. Auch 
zu Wittenberg fand derselbe durch Conrad Victor Schneider^), 
später durch Abraham Vater, gebührende Beachtung. Um so 
dürftiger war es in dieser Hinsicht auf den übrigen deutschen Uni- 
versitäten bestellt. In Wien verfertigte Lorenz Wolfstriegel, 
«der erste von den dortigen Professoren, welcher den Namen eines 
Anatomen verdient», im Jahre 1658 das erste Skelet! Ein ana- 
tomisches Theater erhielt die Universität erst im Jahre 1718, 
einen Professor der Anatomie (Managetta) erst im Jahre 1738^)! 
— In Jena gründete Werner Rolfink^) gegen die Mitte des 
siebzehnten Jahrhunderts ein anatomisches Theater; — Frank- 



') S. oben S. 57. ') S. unten § 301. 

^) J. Hyrtl, Vergangenheit und GegemcaH des Museums für menschliche 
Anatomie an der Universität Wien. Wien, 1869. 
*) S. oben S. 272. 



280 Dio neuere Zeit. Das siebzehnte Jahrhundert. 

furt a. d. 0. erhielt ein solches im Jahre 1684 durch Albinus 
den Vater; — Kopenhagen im Jahre 1644. Dort wurde ein im 
Jahre 1628 von Worm gefertigtes Skelet wie ein Heiligthum 
bewahrt, und nur bei Promotionen vorgezeigt! — In Greifswald 
veranstaltete man die erste Leichenöffnung unter den landes- 
üblichen Schmausereien im Jahre 1624, fast zweihundert Jahre 
nach der Gründung der Universität. 

Als Andreas Christier n, Arzt zu Kopenhagen, zwischen 1584 und 
1606 die x^bsicht zu erkennen gab, eine Leiche öffentlich zu zergliedern, 
sah er sich genöthigt, die Sache aufzugeben, da er Gefahr lief, von dem Ver- 
kehr mit den vornehmeren Klassen ausgeschlossen zu werden. — In Jena 
wusste Rolfink, welchem die Universität auch einen botanischen Garten 
und ein chemisches Laboratorium verdankte , den Eifer für die Anatomie 
so sehr zu beleben , dass man ihn an den Weimarischen Hof beschied , um 
in Anwesenheit benachbarter Fürsten, Grafen und Herren unter mehr- 
tägigen Festlichkeiten eine Leiche zu zergliedern. Dagegen setzte dieser 
anatomische Eifer die Bauern in der Umgegend von Jena so in Schrecken, 
dass sie eine Bewachung ihrer Leichen anordneten, auf dass sie nicht 
«gerolfinkt» würden («ne rolfincarentur»)! Wedel, Vita W. Rolfinkii. 
Jen, 1673. 4, Grab au, Repert. für die ges. Mediän, IL 2, Jena, 1844. 
8. — In Würzburg musste noch im Jahre 1661 ein Arzt, Becher, flüchtig 
werden, weil er eine weibliche Leiche zergliedert hatte. Kölliker, Ge- 
schichte der medicin. Fakultät Würzburg. S. 11. 

Sogar die neu gegründeten deutschen Universitäten litten 
noch lange unter dem Mangel an anatomischem Material. In 
Halle war binnen fünf Jahren, von 1712 — 1717, eine einzige 
Leiche zergliedert worden, und selbst die von dem Magistrate 
eingeräumte «Anatomie-Kammer», für welche man zehn Thaler 
jährliche Miethe bezahlte, wurde der Fakultät entzogen^). Auch 
später noch war es auf den deutschen Universitäten hauptsäch- 
lich die Dürftigkeit des anatomischen Unterrichts, was die 
Studirenden nach Paris und Leyden trieb. Erst durch die Schüler 
von Win slow und Albinus, namentlich seit der Berufung 
Haller's nach Göttingen, fand die Anatomie auf den deutschen 
Universitäten die ihr gebührende Rücksicht. 

Die Früchte des neubelebten Eifers für die Anatomie offen- 
barten sich nach kurzer Zeit. Sie bestanden in der Vervoll- 
kommnung der anatomischen Technik, in der Veröffentlichung 
einer grossen Zahl gediegener Untersuchungen, in der innigen 
Verknüpfung der Anatomie mit der Physiologie, vor Allem in 



^) L. H. Friedländer, Historiae ordinis medicorwm Hälensis ante hos 
centum annos brevis expositio. Hai. 1840. 4. — Ders. in H. Haeser's Archiv 
für die gesamnite Medicin, III. 1. 



Aufschwung der Anatomie und Physiologie in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts. 281 
Verbesserung des anatomischen üntorrichts. Erfindung des Mikroskops. 

der Eröffnung eines bis dahin unbekannten Gebietes, der mikro- 
skopischen Anatomie. 

In diese Zeit fallen die frühesten Anweisungen zum anatomischen 
Präpariren, z. B. der Culter anatomicus von Lyser. (S. oben S. 278.) 

Unter den im siebzehnten Jahrhundert aufkommenden Hülfsmitteln 
des anatomischen Unterrichts ist ferner der grossen und kostspieligen, 
zum grossen Theil noch jetzt in Bologna, Wien und andern Orten vor- 
handenen, Sammlungen von Wachspräparaten zu gedenken. Erfinder des 
Verfahrens ist Zumbo aus Syrakus. In Bologna leisteten in dieser Hin- 
sicht Lelli, Marzolini (nicht Anatom) und dessen Gattin, besonders 
Bibiera (gest. 1774) Vorzügliches. — Medici, a. a. 0. 337. 344. 

Die Geschichte des Mikroskops ist in erschöpfender Weise in dem 
klassischen Werke von Karting (S. oben S. 278) dargestellt worden. 

Die Kunst, vergrössernde Linsen aus Bergkrystall und durchsichtigen 
Edelsteinen herzustellen, scheint eben so alt zu seyn, als die des Stein- 
schleifens überhaupt. Layard fand in den Ruinen von Niniveh eine plan- 
convexe Linse aus Bergkrystall! Auch in Pompeji ist ein convex ge- 
schliffenes Glas gefunden worden. Aristophanes erwähnt in den Wolken 
(IL sc. L) Brenngläser. Ferner ist Karting geneigt, die Angabe des Plinius 
{Hist. nat. XXX VII. 5.) : «Nero princeps gladiatorum pugnas spectabat in 
smaragdo» auf ein für den myopischen Kaiser verfertigtes Lorgnetten- 
artiges Glas zu beziehen. Weit näher liegt es, an einen verkleinernden 
Kohlspiegel zu denken. — Derselbe Plinius (c. 7. 8.) erwähnt auch 
prismatische, das Licht regenbogenartig brechende Glasstäbe. — Seneca 
{Natur, quaest. IL 3) kennt die vergrössernde Kraft der mit Wasser ge- 
füllten Glaskugeln, schreibt sie aber dem Wasser als solchem zu. Plinius 
(1. c. 2) bemerkt , dass die Aerzte solche Kugeln als Cauterien benutzten. 

— Ferner machen die mit vollendeter Kunst in edle Steine, Glas u. s. w. 
geschnittenen antiken Cameen und Gemmen es höchst wahrscheinlich, dass 
die Verfertiger derselben, von denen feststeht, dass sie feine Diamant- 
Spitzen bei ihrer Arbeit benutzten, sich vergrössernder Gläser bedienten. 

— Das nur an zwei Stellen des Plautus vorkommende räthselhafte Wort 
«conspicillo», wie es geschehen ist, auf ein optisches Külfsmittel zu deuten, 
entbehrt jeder Berechtigung. 

Auch den Arabern, namentlich dem berühmten Alhazen (Utes Jahr- 
hundert) war die vergrössernde Kraft plan-convexer Linsen wohlbekannt. 
Zur Zeit Roger Baco's, spätestens zu Ende des 13ten Jahrhunderts, waren 
Brillen in Europa (in China wahrscheinlich noch früher) im Gebrauche. 
Als Erfinder derselben wird auf einer Grabschrift vom Jahre 1317 Sal- 
vin o d A rmato degli Armati aus Florenz genannt. Nach Franc. 
Redi (S. unt. S. 286) wurden die ersten Instrumente dieser Art zwischen 
1280 und 1311 verfertigt. 

Die ersten mit Külfe vergrössernder optischer Külfsmittel veran- 
stalteten Untersuchungen soll Georg Hufnagel in «Frankfurt» in einem 
von 50 Tafeln Abbildungen begleiteten (Karting nicht bekannten) Werke 
über die Insekten veröffentlicht haben. — Die ersten einfachen Mikroskope 
bestanden aus zwei in einer kurzen Röhre eingeschlossenen Linsen, und 



282 Dio neuere Zeit. Das 8iel)zehnte Jahrhundert. 

hiessen nach ihrem häufigsten Zwecke «Vitra pulicaria». Die erste Ver- 
besserung bewirkte Leeuwenhoek dadurch, dass er seinem Objectträger 
eine horizontale und vertikale Verschiebbarkeit gab. (S. unten § 299.) 
— Schon Hooke versuchte um 1660 die sehr kleinen und schwer darstell- 
baren Leeuwenhoek'schen Linsen durch geschmolzene Glastropfen zu er- 
setzen, welche später (um 1776) Giov. Maria della Torre zu Neapel 
in hoher Vollkommenheit verfertigte. — Als Erfinder des zusammenge- 
setzten Mikroskops müssen nach den Untersuchungen von Harting Hans 
und Zacharias Janssen zu Middelburg angesehen werden. Wahr- 
scheinlich fällt diese Erfindung in das Jahr 1608. Ihr erstes zusammen- 
gesetztes Mikroskop hatte die Länge von 1^/2 Fuss («sesquipedem longo») 
[nicht «von 6 Fuss»] und war zwei Zoll dick. Hooke's Instrument war 
nur 7 Zoll lang, aber drei Zoll dick. — Der früher gewöhnlich als Er- 
finder angegebene Optiker Cornelis Drebbel zu Alkmaar, welcher mit 
den beiden Janssen befreundet war, hat das Verdienst, das neue Instrument 
zuerst verbreitet zu haben. — Auch die Ehre der Erfindung des Teleskops, 
welcher die des Mikroskops um mehrere Jahre vorausging, kommt nach 
Harting unbekannten Niederländern , nicht aber, wie gewöhnlich ange- 
nommen wird, Galilei zu. 

Dagegen haben die Italiener imbestritten das Verdienst, das Mikroskop 
früher als andere Nationen zu wissenschaftlichen Untersuchungen ver- 
wendet zu haben. Die ersten derartigen Arbeiten (betreffend die Honig- 
biene) wurden von Francisco Stelluti im Jahre 1625, ein Jahr nach 
dem Eintreffen des ersten Mikroskops in Rom, veröffentlicht. Um dieselbe 
Zeit entdeckte Galilei die Trabanten des Jupiter. — Aber zu ihrer vollen 
Bedeutung wurde die mikroskopische Forschung erst durch die Botaniker 
Robert Hooke, Grew, vor Allen durch Malpighi und Leeuwen- 
hoek erhoben. — Sehr bald kehrte man zu dem einfachen Mikroskop 
zurück, besonders nachdem Leeuwenhoek gezeigt hatte, wie vortreffliche 
Beobachtungen sogar mit einfachen, aber sehr scharfen Linsen angestellt 
werden können. 

Wegen der grossen Mängel des zusammengesetzten Mikroskops, be- 
sonders wegen der sphärischen und chromatischen Aberration desselben, 
bediente man sich zu wissenschaftlichen Arbeiten und zu Untersuchungen 
bei durchfallendem Lichte fast ausschliesslich des einfachen Mikroskops. 
Das zusammengesetzte Mikroskop wurde zur Benutzung des durchfallen- 
den Lichtes erst im Jahre 1685 von Tortona eingerichtet. Den Be- 
leuchtungsspiegel fügte im Jahre 1715 Hertel hinzu. Zur Zeit Boer- 
haave's (Anfang des 18ten Jahrhunderts) war der Holländer Samuel 
Muschenbroeck, der Erfinder des Stativs, der beste Verfertiger zu- 
sammengesetzter Mikroskope. Ueberhaupt erfuhr der mechanische Theil 
dieses Instruments das ganze achtzehnte Jahrhundert hindurch vielfache 
Verbesserungen, während dagegen wesentliche Fortschritte des optischen 
Apparats (abgesehen von der von einem Unbekannten herrührenden Ein- 
fügung der Collectiv-Linse) erst mit dem neunzehnten Jahrhundert hervor- 
treten. 

Die Epoche machende Erfindung achromatischer, aus einer Combination 
von Crown- und Flint-Glas bestehender, Objective verdankt die Wissen- 
schaft einem Dilettanten, dem englischen Edelmann Chester Moore Hall 



Aufschwung dor Anatomie und Physiologie in der zweiten Hälfte des Jahrhundorts. 283 
Erfindung des Mikroskops. — Italien, de Marchettis. 

(im Jahre 1732), noch mehr den Bemühungen Dollond's, welchem viel- 
leicht Hall's Erfindung bekannt war. Nach Dollond's Angaben wurde im 
Jahre 1762 von Jan und Hermann van Deyl ein aus Crown- und 
Flint-Glas bestehendes Teleskop verfertigt. In Folge dessen wurden zwar 
die Bedingungen des Achromatismus durch Eule r, welcher sich schon im 
Jahre 1747 erfolglos mit der Beseitigung desselben beschäftigt hatte, 
theoi'etisch entwickelt (in seiner 1771 erschienenen Dioptrice) ; aber die 
Optiker hielten es für unmöglich, auch den kleinen Objectiv- Linsen des 
Mikroskops den Achromatismus zu verschaffen, bis gegen Ende des acht- 
zehnten Jahrhunderts Jan und Hermann van Deyl auch diesem Werkzeuge 
jene unerlässliche Eigenschaft zu verleihen so glücklich waren. — Um das 
Jahr 1811 erwarb sich auch Fraunhofer in München um die technische 
Vervollkommnung des Achromatismus grosse Verdienste, welche indess 
vorzugsweise seinen berühmten Teleskopen zu Gute kamen. — Die Zu- 
sammensetzung des Objectivs aus mehreren Linsen ist das Verdienst von 
Charles Chevalier in Paris (im Jahre 1824), dessen Erfindung seit 
dem Jahre 1827 von Amici, Optiker und Professor in Modena, in hohem 
Grade vervollkommnet wurde. Eben derselbe ist auch der Erfinder der in 
der neuesten Zeit zu so grosser Bedeutung gelangten Lnmersion. 

In Betreff der in die neueste Zeit fallenden Leistungen auf diesem Ge- 
biete vergl. das angeführte Werk von Harting. 



Italien. 

396. Wiederum richtet sieh unser Blick zuerst auf Italien, 
wo das Beispiel der grossen Anatomen des sechszehnten Jahr- 
hunderts noch lange fortwirkte, und sich namentlich in der Thätig- 
keit mehrerer anatomischer «Akademieen», z. B. der zu Bologna 
von Bartolommeo Massari, einem Lehrer Malpighi's, ge- 
stifteten, dem «Coro anatomico» und der «Accademia dei gelati» 
zu erkennen gab^). Allerdings freilich fand gerade in Italien, 
der Heimath der mikroskopischen Anatomie, das Studium des 
gröberen menschlichen Baues im siebzehnten Jahrhundert ge- 
ringere Pflege als früher. In dieser Beziehung ist fast nur 
Domenico de Marchettis aus Padua (1626 — 1688), Sohn 
des Chirurgen Pietro de M., zu erwähnen, wegen seines Hand- 
buchs, und als einer der Ersten, welche sich der Injection der 
Gefässe bedienten. 

Domen, de Marchettis, -4watomia etc. Patav. 1652. 4. 1654. 
4. und öfter. — [«Solus fere suo aevo humanam anatomen pro dignitate 
exercuit». Haller.] 



') Medici, a. a. 0. p. 129. 174. 



284 Die neuere Zeit. Das siebzehnte Jahrhundert. 

Um so lebhafter war der Eifer, ja die Begeisterung, mit 
welcher sich die Italiener dem durch das Mikroskop neu er- 
schlossenen Gebiete der Forschung zuwendeten. Den grössten 
Einfluss äusserten in dieser Hinsicht die um diese Zeit gegrün- 
deten naturwissenschaftlichen Vereine, namentlich die im Jahre 
1657 zu Florenz von Schülern Galilei's gestiftete Accademia del 
cimento^). Zu ihren thätigsten Mitgliedern gehörte Alfonso 
Borelli aus Neapel (28. Jan. 1608 — 31. Dec. 1679), damals 
Professor in Pisa, einer der genialsten Männer seiner Zeit, gleich 
hervorragend als Mathematiker, Physiker, Astronom und Phy- 
siolog. Er ist der Verfasser des berühmten Werkes über die 
Bewegung der Thiere, welches nicht blos für eine der wich- 
tigsten Fragen der Physiologie die grösste Bedeutung erlangte, 
sondern auch als die Grundlage des sogenannten intromathema- 
tischen Systems betrachtet werden muss, welches bis weit in 
das achtzehnte Jahrhundert hinein auf die Gestaltung der Heil- 
kunde überhaupt den grössten Einfluss äusserte. 

Borelli lebte zuerst als Professor der Mathematik zu Messina, dann zu 
Pisa. Von da kehrte er nach Messina zurück, welches er aber in Folge 
seiner Theilnahme an den politischen Begebenheiten als Flüchtling wiederum 
verlassen musste. Er begab sich nach Rom an den Hof der Königin 
Christine von Schweden. Als diese nicht mehr im Stande war, ihn zu 
unterstützen , fand er eine Zufluchtsstätte in einem Kloster der römischen 
Schulbrüder, in welchem er mathematischen Unterricht ertheilte. Borelli's 
Charakter wird als schroff" und abstossend geschildert ; erst im Unglück 
wurde er milder und theilnehmender. 

Die wichtigsten von den Schriften Borelli's sind : Le cagioni delle 
febhri maligne di Sicilia. Napoli, 1647. 12. 1648. 12. Cosenza, 1649. 
12. Pisa, 1648. 4. — De vi percussionis Über. Bonon. 1667. 4. — 
De motionibus naturalibus a gravitate pendcntibiis. Reghini, 1670. 4. 
Bonon. 1670 et 1672. 4. — Die beiden letzten Schriften, welche in der 
physikalischen Literatur des siebzehnten Jahrhunderts eine bedeutende 
Stelle einnehmen, zusammen: L. B. 1686. 4. — De motu animalium. 
Rom. 1680. 1681. 4. L. B. 1685. 4. 1711. 4. und öfter. Auch in 
MoingeVs Biblioth. — Andere Schriften Borelli's beziehen sich auf die 
Kometen, Ausbrüche des Aetna, Optik u. s. w. 

Die erste Stelle unter den Begründern der mikroskopischen 
Anatomie gebührt dem hochverdienten Marcello Malpighi 
aus Crevalcore bei Bologna (10. März 1628 — 29. Nov. 1694). 

Malpighi eröffnete seine glänzende Laufbahn als Lehrer zu Bologna im 
Jahre 1656. Nach kurzer Zeit wurde er nach Pisa berufen, wo er mit 



2) S. oben S. 223. =*) S. unten § 303 ff. 



Aufschwung der Anatomie und Physiologie in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts. 9Q5 
Italien. Borelli. Malpighi. 

Borelli und der Academia de' cimento in Verbindung trat. Da ihm das 
Klima von Pisa nicht zusagte, so kehrte er im Jahre 1659 nach Bologna 
zurück, wo er an Fracassati und Buonfiglioli Gehülfen seiner Arbeiten 
fand. Im Jahre 1662 nahm er auf Borelli's Antrieb für vier Jahre und 
mit dem Jahrgehalt von 1000 Scudi eine Berufung nach Messina an. Im 
Jahre 1666 kehrte er für immer in seine Heimath zurück. 

Es giebt kein Gebiet der Naturforschung , welches Malpighi 
nicht durch wichtige Entdeckungen bereichert hätte. Für den 
uns beschäftigenden G-egenstand kommen hauptsächlich die Ent- 
deckung der Capillargefässe und der Blutkörperchen*), so wie 
seine Bahn-brechenden Arbeiten über den Bau der Drüsen, haupt- 
sächlich der Lungen, der Milz, der Nerven, und über die Ent- 
wickelungsgeschichte in Betracht. 

Malpighi ist ferner auch der Begründer der mikroskopischen Anatomie 
der Pflanzen: ein Gegenstand, welchem er sich schon im Jahre 1663 in 
der Absicht zuwendete, vermittelst desselben die Kenntniss des thierischen 
Baues um so sicherer zu begründen. Er verfasste seine Anatomie der 
Pflanzen im Jahre 1671; im nächsten Jahre wurde sie auf Kosten der 
Londoner Societät der Wissenschaften, welcher Malpighi seit 1669 als Mit- 
glied angehörte, gedruckt. Das denselben Gegenstand betreffende Werk von 
Nehemiah Grew ( The anatomij of plants) erschien 1671. Es gebührt 
demselben somit der Zeitfolge nach die Priorität. Den wichtigsten Streit- 
punkt, die Ehre der Entdeckung der Spiral-Gefässe (der «Tracheen») der 
Pflanzen, welche Malpighi schon im Jahre 1662 aufgefunden hatte, er- 
ledigte Grew selbst dadurch, dass er einräumte, dieselben seyen miki'o- 
skopisch zuerst von Malpighi untersucht worden. — Vergl. A. Pollen der, 
Wem gebührt die Priorität in der Anatomie der Pflanzen, dem Gretv oder 
dem Malpighi? Vortrag. Berlin [Dümmler], 1868. 4. 

Marc. Malpighi, De x)ulmonihus epistolae IL ad Borellium. Bonon. 
1661. f. Hafn. 1663. 8. Lugd. Bat. 1672. 12. Francof. 1678. 12. 
— De viscerum structura exercitatio anatomica. Lond. 1669. 12. Jen. 
1677. 12. — Epistolae anatomicae Marc. Malpighii et Car. Fracassati. 
Amstel. 1669. 12. — De structura glandularum conglohatarum epistola. 
Lond. 1697. f. — Anatome plantar um, cum appendice observationes de ovo 
incubato continente. Lond. 1672. 1675. 1679. — Consultationes medicae, 
1713, zusammen mit denen von Lancisi. Venet. 1747. 8. — Opera. Lond. 
1686. f. Amstel. 1687. 4. Lugd. Bat. 1687. 4. — Opera posthuma. 
Lond. 1697. Amstel. 1698. 4. — Ein grosser Theil der handschriftlichen 
Arbeiten Malpighi's ging im Jahre 1684 bei dem Brande seiner Villa zu 
Corticella verloren. Dagegen wurden viele andere im Jahre 1830 von 
Atti (S. unten) in Crevalcore aufgefunden , über welche der Letztere aus- 
führliche Nachricht ertheilt. Sie werden gegenwärtig in der Bibliotheca 
Felsinea zu Bologna aufbewahrt. — Der Styl Malpighi's ist sehr ver- 
worren, sein Latein oft kaum verständlich. — Von einer von Malpighi 

*) S. oben S. 278. 



286 Die neuere Zeit. Das siebzehnte Jahrhundert. 

schon in Messina begonnenen ausfülirlichen Geschichte der Anatomie, deren 
Ausarbeitung anf Veranlassung Borelli's leider unterblieb, ist nichts übrig, 
als eine das Herz, die Lungen und die Gefässe des kleinen Kreislaufs be- 
treffende Skizze. Abgedruckt bei Atti, Notizie della vita e delle opere di 
Malpighi e di Bellini. Bologna, 1847. 4. 

Unter den Schülern und Nacheiferern Malpighi's verdienen Silvestro 
Buonfiglioli, namentlich wegen seiner pathologisch - anatomischen 
Arbeiten, und Carlo Fracassati aus Bologna, Professor der Anatomie 
in Pisa und in seiner Vaterstadt, hervorgehoben zu werden. — Vergl. 
Medici, a. a. 0. 169. 171. 176. 178. 

Es kann nicht überraschen, dass Malpighi und die ihm gleich Ge- 
sinnten denselben Angriffen ausgesetzt waren , welche von Uebelwollenden 
und Urtheilslosen noch weit später gegen den Nutzen mikroskopischer 
Untersuchungen, namentlich in Beti-eff der ärztlichen Praxis, ausgegangen 
sind. Malpighi gegenüber thaten sich in dieser Hinsicht besonders Paolo 
Mini und Gian Girolamo Sbaraglia, beide Professoren zu Bologna, 
hervor. Es kam so weit, dass ein Verwandter des Letzteren, mit dessen 
Familie Malpighi in einen Grenzstreit-Process verwickelt war, bei einem 
Zusammentreffen mit Malpighi's Bruder Bartolommeo das Leben verlor. 
Medici, a. a. 0. 157. 163. 

In demselben Sinne wirkte Francesco Redi aus Arezzo 
(18. Febr. 1626—1. März 1694), Professor zu Pisa und Leibarzt 
der Grossherzöge Ferdinand II. und Cosmus III. von Toskana, 
ein durch vielseitige Gelehrsamkeit, praktische Tüchtigkeit und 
poetische Begabung hervorragender Naturforscher. Am bekann- 
testen wurde er durch seine gediegenen Untersuchungen über 
das Vipern-Gift, durch die über die Fortpflanzung der niederen 
Thiere, welche auf das bestimmteste die Generatio originaria 
widerlegten, und durch seine helminthologischen Arbeiten. 

Franc. Redi, Osservazioni intorno alle vipere. Firenze, 1664. 4. 

— Osservazioni intorno agli animali viventi, che si trovano negli animali 
viventi. Firenze, 1684. 4. — Esperienze intorno alla generazione degli 
insetti. Firenze, 1688. 4. 1688. 12. — Consulti medici. Fir. 1726. 4. 

— Die Mehrzahl dieser Schriften auch lateinisch. — Ferner erwarb sich 
Eedi als Mitarbeiter des grossen Wörterbuches der Accademia della Crusca, 
durch sein Gedicht Baeco in Toscana (Firenze, 1685. 4.), [eine Schil- 
derung der toskanischen Weine, unter denen dem Montepulciano der Preis 
zuerkannt wird], durch Sonnette u. s. w. Verdienste um die italienische 
Literatur. — Opere. Venez. e Fir. 1712—1726. 8. 6 voll. Milano, 
1809 — 1811. — Vergl. Moehsen, Beschreibung einer Berlinischen 
Medaillen-Sammlung. Berl. 1773. 4. S. 289 ff. — Derblich, Eedi als 
Praktiker. Wiener medicin. Wochenschrift, 1864. Nr. 1 — 13. 

Eine der ehrenvollsten Stellen unter den italienischen Ana- 
tomen und Physiologen des siebzehnten Jahrhunderts nimmt 



Aufschwung der Anatomie und Physiologie in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts. 987 
Italien. Malpighi. Redi. Bellini. — England. 

sodann Lorenzo Bellini aus Florenz (3. Sept. 1643 — 8. Jan. 
1704) ein. Bellini war zu Pisa der Schüler, nach Malpighi's Ab- 
gang der Mitarbeiter Borelli's und Redi's, später dreissig Jahre 
lang Professor der Anatomie daselbst. Schon im neunzehnten 
Lebensjahre veröffentlichte er seine Epoche -machende Schrift 
über den Bau und die Verrichtungen der Nieren, welcher später 
die über die Geschmacks-Empfindung und das grosse Werk über 
Harn, Puls, Aderlass und die wichtigsten Krankheiten des Kopfes 
und der Brust folgten. Auch als Praktiker gehörte Bellini, 
dessen Verdienste leider durch grosse Eitelkeit verdunkelt wur- 
den, zu den angesehensten Aerzten seiner Zeit. 

Lor. Bellini, Exercitatio anatomica de structura et usu renum. 
Florent. 1662. 4. Argent. 1664. 12. Amstelod. 1665. 12. und öfter. 
Zuletzt: Lugd. Bat. 1724. 4. — Giistus Organum novissime depreJiensum) 
praemissis ad faciliorem intelUgentiam quihusdam de saporibus. Bonon. 
1665. 12. Lugd. Bat. 1711. 4. 1714. 4. — De urinis et pulsibus, 
de missione sanguinis, de febribus, de morhis capitis et pectoris opus. 
Bon. 1683. 4. Francof. 1685. 4. Francof. et Lips. 1689. 4. Lips. 
1718. 4. 1731. 4. (mit Vorrede von Bohn.) Lugd. Bat. 1717. 4. (mit 
Vorrede von Boerhaave.) — Opuscula aliquot ad Ärchihaldum Pitcarnium 
de urinis, de motu cordis, de motu hilis, de motu sanguinis etc. Pistojae, 
1695. 4. Lugd. Bat. 1714. 4. 1737. 4. — Opera. Venet. 1708. 4, 
Florent. 1720. 4. 1747. 4. — Discorsi di anatomia, recitati all acca- 
demia della Crusca. Firenze, 1741. Neu herausgegeben mit Vorreden 
von Ant. Cocchi in Biblioteca scelta di opere italiane antiche e moderne, 
vol. 364. *Milano, 1837. 12. (pp. XL. 589.) (Vierzehn populäre Vor- 
lesungen über Ernährung, Athmen, Bewegung u. s. w.) — Auch als 
Dichter machte sich Bellini, namentlich durch seine Bucchereide (Firenze, 
1729. 8.), vortheilhaft bekannt. — Bellini starb in Folge einer heftigen 
durch Magenkrebs bewirkten Blutung. 



£ng:laiid. 

297. Eine der segensreichsten Wirkungen des von Harvey 
gegebenen Beispiels bestand darin, dass es in der Heimath 
desselben auserwählte Kräfte mit einem bis dahin unbekannten 
Eifer für anatomische und physiologische Untersuchungen er- 
füllte. So geschah es, dass die Leistungen der Engländer auf 
diesem, und gar bald auch auf den übrigen Gebieten der Heil- 
kunde denen der Italiener durchaus ebenbürtig zur Seite traten. 

Begreiflicher Weise richtete sich die Aufmerksamkeit der 
englischen Anatomen zunächst auf diejenigen Organe, deren 
Verrichtungen den Kernpunkt von den durch Harvey angeregten 



288 Die neuere Zeit. Das siebzehnte Jahrhundert.. 

Verhandlungen bildeten, auf die Organe der Bereitung und Be- 
wegung des Blutes: die Leber und das Herz. 

Der früheste und zugleich einer der bedeutendsten von diesen 
englischen Forschern ist Francis Glisson (1597 — 1677), Pro- 
fessor in Cambridge, später Arzt in London, dessen Name für 
alle Zeit mit der Anatomie der Leber, nicht minder mit der 
Lehre von der thierischen Bewegung, verbunden ist^). 

Fr. Glisson, Änatomia hepatis. Lond. 1654. 8. u. öfter. — Auch 
in M a n g e t's Bibl. — De ventriculo et intestiniSj cui praemittitur de par- 
tibus continentibus in genere et in specie de iis dbdominis tractatus. Lond. 
1677. 4. Amstel. 1677. 12. — Opera medico-physica. L. B. 1691. 12. 
1711. 12. 

Neben Glisson steht dessen Freund Thomas Wharton aus 
Yorkshire (1610—14. Nov. 1673), Arzt in London, der Ent- 
decker des nach ihm benannten Ausführungsganges der Unter- 
kiefer-Drüse, hochverdient durch seine Untersuchungen über den 
Bau und die Verrichtungen der Drüsen, welche lange Zeit die 
Herrschaft behaupteten. 

Thomas Wharton, Adenographia s. glandularum totius corporis 
descriptio. Lond. 1656. 8. Amstel. 1659, 12. Noviomag. 1664. 12. 
Vesal. 1671. 12. Dusseldorp. 1730. 12. — M&ngeVs Bibl. 

Eine rühmliche Erwähnung verdient sodann Nathanael High- 
more (1613 — 1684), Arzt zu Shaftesbury, der Entdecker der 
nach ihm benannten Höhle des Oberkiefers, Verfasser eines 
anatomischen Handbuchs und einer Schrift über Entwickelungs- 
geschichte. 

Nath. Highmore, Corporis huniani disquisitio anatomica etc. 
Hag. Com. 1651. f. — The Mstory of gener ation^ examining the opinions 
of divers authors etc. Lond. 1651. 8. 

Das bedeutendste Werk dieser Periode über die Anatomie 
des Herzens ist das von Richard Lower aus Tranmore in 
Cornwallis (1631-^17. Jan. 1691), Arzt zu London. 

Eichard Lower, Tractatus de cor de ^ item de motu et colore san- 
guinis et chyli in eum traüsitu. Lond. 1669. 8. ed. 3.: Amstel. 1671. 8. 
Lond. 1680. 8. Amstel. et Lugd. Bat. 1708. 8. 1722. 8. 1728. 8. 
1740. 8. 1749. 8. und in Manget's Bibl. — Französ.: Par. 1679. 8. 

Eine der hervorragendsten Erscheinungen in der Geschichte 
des siebzehnten Jahrhunderts ist Thomas Willis aus Bedwin 
in der Grafschaft Wilt (6. Febr. 1622—21. Nov. 1675), der Ver- 



^) S. unten § 303 ff. 



Aufschwung der Anatomie und Physiologie in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts. 289 
England. Glisson. Wharton. Highmore. Lower. Willis. Cowper. Needham. Mayow. 

fasser Bahn-brechender Schriften über die Anatomie und Physio- 
logie des Gehirns; nicht minder ausgezeichnet als Praktiker. 

Thomas Willis, aus einei' wohlhabenden Familie zu Great-Bedwin 
in Wiltshire, war anfänglich zum Studium der Theologie bestimmt, ver- 
tauschte dasselbe aber in Folge der Bedrängnisse , in welche die anglika- 
nische Kirche durch Cromwell versetzt wurde, mit dem der Heilkunde. 
Nach Beendigung seiner Studien wurde Willis zu Oxford als Professor der 
«Naturphilosophie» angestellt. Um das Jahr 1677 trat er zu London mit 
dem glänzendsten Erfolge als praktischer Arzt auf, Willis' Charakter 
war durch Sittenreinheit und Menschenliebe ausgezeichnet ; er gehörte zu 
den thätigsten Anhängern der verfolgten anglikanischen Kirche. 

Thom. Willis, Diatribae duae de fermenfatione et febrihus. Accedit 
dissertatio de urinis. Hag. Com. 1659. u. öfter. — Cerehri anatome^ cid 
accessit nervorum descriptio et usus. Amstelod. 1664. 8. 1666. 8. — 
Affectionum quae dicuntur hijstericae et hijpochondriacae patJiologia spa- 
smodica, vindicata contra responsionem epistolarem Nath. Higlmiori. Genev. 
1676. 4. Cui accesserunt: De sanguinis accensione. De motu niusctdari. 
— De anima hrutormn, quae hominis vitalis ac sensitiva est. — Pharnia- 
ceutice rationalis, s. Diatribe de medicamentorum operationibus in corpore 
humano. — Opera omnia. Genev. et Lugd. 1676. 4. Genev. 1680. 4. 
Colon. AUobrog. 1680. 4. Amstel. 1682. 4. Venet. 1720. f. — Vergl. 
Hutchinson, Biographica medica. Lond. 1799. T. II. 481. 

Demnächst gehört hierher William Cowper (geb. 1666 
bei Alresford in der Grafschaft Hampshire, gest. 8. März 1709), 
Wundarzt zu London, gleich vortrefflich als Anatom und Zeichner, 
Verfasser eines Pracht -Werkes über die Muskeln, welches erst 
durch das von Albinus übertroffen V7urde, und Entdecker der 
nach ihm genannten Drüsen der Harnröhre. 

W. Cowper, Myotomia reformata or a netv administration of all the 
muscles of the human bodij. Lond. 1694. 8. \12l4,. f. {with an intro- 
duction concerning muscidar motion, von Mead.) — Die von Cowper 
herausgegebene Anatomy of human bodies. Oxford, 1698. f. Latein.: von 
W. Dundass. L. B. 1730. f. Ultraj. 1750. f.) enthält die Tafeln des 
anatomischen Werkes von Bidloo (S. unten S. 293), von denen Cowper 
300 Exemplare ankaufte, und mit einem zahlreiche chirurgische Bemer- 
kungen darbietenden Texte versah. Ausserdem lieferte Cowper viele Bei- 
träge zu den Philosophical transactions (bes. T. IV.) 

Walter Needham (gest. 16. April 1691), Arzt am Sutton- 
Hospitale zu London, ist bemerkenswerth wegen seiner Unter- 
suchungen über die Entwickelungsgeschichte ; — John Mayow 
(1645 — 1679), Arzt zu London, welcher nur das Alter von 
34 Jahren erreichte, einer der grössten Physiologen des sieb- 
zehnten Jahrhunderts, hauptsächlich wegen seiner Untersuchungen 
über das Athmen. 

Haeser, Gesch. d. Med. II. J9 



290 Die neuere Zeit. Das sietzohnte Jahrhundert. 

Gualt. Needham, Disquisüio anatomica de formato foetu. Lond. 
1667. 8. Amstelod. 1668. 12. — Observationes anatomicae. ed. 2. L. B. 
1706. 12. 

J. Mayow, De respiratione et rhachitide. Oxon. 1668. 8. — Tradatus 
quinque iatrophysici. Oxon. 1669. 8. 1674. 8. — Opera medico-physica. 
Hag. Com. 1681. 8. Holländisch: 1687. 8. — S. unten § 304. 



Die Niederlande. 

A. A. Sebastian, Oratio de Batavorum saeculo decimo septimo de 
anatome meritis atque inventis in ea praestantissiviis. Groning. 1832. 4. — 
Groahans, Historisch verslag over de genceskundige school te Eotterdavi. 
Rotterd. 1853. 8. bes. p. 63 seq. — A. vandenBoon, Oeschiedenis der 
ontdekkingen in de, ontleedkunde van den mensch, gedaan in de noordelijke 
Nederlanden, tot aan hct hegin der 19. eeuw. Utrecht, 1851. 8. (pp. 266.) — 
G. C. B. S uringar, Bydragen [18 Abhandlungen] tot de geschiedenis van 
het geneeskondig onderivijs aan de hoogeschool te Leiden. Nederl. Tijdschrift 
voor Geneeskunde, 1860—1870. 

298. Ein glänzendes Schauspiel zeigen während des sieb- 
zehnten Jahrhunderts die Niederlande, die Geburtsstätte des 
Mikroskops. Auf allen Gebieten der Naturwissenschaft, zunächst 
auf dem der Anatomie, erzeugten sie eine lange Reihe hervor- 
ragender Leistungen. 

Einer der frühesten von den hierher gehörigen Aerzten ist 
Petrus Paaw (Paauw, Pavius) aus Amsterdam (1564 — 1617), 
ein ehrenwerther und angesehener Mann, welcher in seiner Vater- 
stadt, in Leyden, Paris, Orleans, Rostock und Padua studirt 
hatte. Paaw wurde im Jahre 1589 als Professor der Botanik 
(neben dem berühmten Clusius [de l'Ecluze]) und Anatomie nach 
Leyden berufen. Er ist der Begründer der dortigen anatomischen 
Schule; auf seinen Betrieb wurde im Jahre 1597 das anato- 
mische Theater, das älteste in den Niederlanden, errichtet. 
Nach 25jähriger Lehrthätigkeit, während welcher er über sechzig 
Leichen zergliedert zu haben sich rühmen konnte, veröffentlichte 
Paaw eine osteologische Schrift, interessant durch die frühesten 
Angaben über die Verschiedenheiten des Schädels bei Türken, 
Grönländern, Abyssiniern und Aethiopen. 

Petr. Pavius, Primitiae anatomicae de Tiumani corporis ossibus. 
L. B. 1615. 4. 1638. 4. Amstel. 1633. 4. — Succenturiatus anato- 
micus, continens commentaria in Hippocratem de capitis vidneribus, addita 
in aliquot capita libri VIII. Celsi de positu et structura ossium expli- 
catione. L. B. 1616. 4. — Observationes anatomicae selectiores, ed. Th. 
Bartholinus. Hafn. 1654. — Tractatus de peste. L. B. 1636. 12. — 



Aufschwang dor Anatomie und Physiologie in der zweiton Hälfte des Jahrhunderts. OQI 
Die Niederlande. Paaw. Tnlp. 

Ferner veranstaltete Paaw eine neue Ausgabe der Epitome Vesal's (S. ob. 
S. 38) mit Anmerkungen. Amstel. 1616. 4. 1633. 4. — Suringar, 1. c. 
1861. p. 385 — 394. 

Unter den holländischen Anatomen dieses Zeitraums ist ferner 
der auch als Praktiker sehr angesehene Nicolas Pieterz Tulp, 
Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns zu Amsterdam (11. Oct. 
1593 — Febr. 1678) hervorzuheben, ein Schüler Paaw's, von 1628 
— 1653 Lector der Anatomie, seit 1622 Schöff, seit 1654 Bürger- 
meister in seiner Vaterstadt, um welche er sich im Jahre 1672 
bei dem ihr drohenden Ueberfalle der Franzosen durch Auf- 
rechterhaltung des Muthes der Bürgerschaft grosse Verdienste 
erwarb. Seine medicinischen Beobachtungen, die Frucht einer 
25jährigen Erfahrung, gehören ungeachtet ihres geringen Um- 
fanges zu den werthvollsten Schriften ihrer Zeit, und enthalten 
namentlich auch werthvoUe Beiträge zur Chirurgie und patho- 
logischen Anatomie. 

Nie. Tulpius, Observationes medicae, libri IIl. Amstel. 1641. 8. 
1644. 8. Um ein Buch vermehrt: Amstel. 1652. 8. 1672. 8. 1716. 8. 
(Mit Tulp's Leben.) 1739. 8. [«Aureum opus». Haller.] — Vergl. die 
vortreffliche Biographie Tulp's von Wittwer. Nürnb. 1785. 4. und 
Baldinger's med. Journal. Gott. 1785 ff. St. 13. — H. F. Thijssen, 
invanKampen, Magazijn voor Nederlandsche Letterkunde. 1824. III. 
391. — Banga, a. a. 0. S. 233ff. — Ein berühmtes Gemälde Rem- 
brandt's: «Die anatomische Vorlesung» , gegenwärtig im Haag aufbewahrt, 
stellt Tulp und mehrere seiner Schüler dar. Es ist mehrfach gestochen, 
zuletzt von Unger [Leipzig, Seemann.] — Die Sitte, berühmte Anatomen 
inmitten ihrer Berufsthätigkeit zu portraitiren , war im siebzehnten Jahr- 
hundert, namentlich in den Niederlanden, sehr verbreitet. Ein Ver- 
zeichniss der hiei'her gehörigen Gemälde gibt Vosmaer, Zeitschrift für 
bildende Kunst. Leipz. 1873. Heft 1. S. 13 ff. Mit Unger's Stich der 
anatomischen Vorlesung und andern Zeichnungen. — Ueber ein von Kem- 
brandt gemaltes Gegenstück zu der «anatomischen Vorlesung» des Tulp 
S. Choulant, Graphische Incunabeln, S. 152. 

«Die Gilde der Chirurgen zu Amsterdam war im Besitz von siebzehn 
derartigen Gemälden, anfangend mit einer anatomischen Vorlesung von 
Sebastian Egbertz, gleich wie Tulp Bürgermeister von Amsterdam, 
gemalt im Jahre 1603 von Aert Pietersen. Fünfzehn dieser Gemälde, 
meist wahre Meisterwerke, sind im Jahre 1864, als ihre üeberführung 
nach Frankreich zu befürchten war, auf Veranlassung des Professor J. W. 
B. Tilanus durch mehrere Bürger von Amsterdam angekauft und der Stadt 
geschenkt worden. Sie bilden gegenwärtig eine Zierde des Universitäts- 
Gebäudes. Näheres S. in J. W. B. Tilanus, Beschryving der Schilderyen 
afkomstig van het Chirurgijnsgild te Amsterdam. Amsterd. 1865. 8.» 
[Briefliche Mittheilung von Dr. Israels zu Amsterdam.] 

Auch ein dritter Amsterdamer, Maarten Jansz Koster (gest. 1599), 

19* 



292 Die neuere Zeit. Das siebzehnte Jahrhundert, 

verband den Unterricht in der Anatomie mit dem Amte des Bürger- 
meisters. 

Job. van Home (1621 — 1670) aus Amsterdam, seit 1653 
Professor in Leyden, ein ehrbegieriger und etwas flüchtiger 
Mann, ist bekannt durch seine Beschreibung und Abbildung 
des Ductus thoracicus beim Menschen, und durch seine Unter- 
suchungen über den Drüsen - Apparat der Mundhöhle und die 
Geschlechts-Werkzeuge, besonders die Ovarien. 

Joh. van Hörne studirte in Leyden, später in Utrecht und Padua, 
begab sich hierauf zu dem berühmten Chirurgen Severino nach Neapel, 
dann nach Mailand, Basel, Montpellier und England, und kehrte nach 
sechsjähriger Abwesenheit, bereichert durch ungewöhnliche Sprachkennt- 
nisse, in seine Heimath zurück. 

Job. Hornius, Microcostmis s. brevis nianududio ad historiam cor- 
poris humani. Lugd. Bat, 1660. 1662. und holländische, französische 
und deutsche Uebersetzungen. — Microtechne s. hrevissima chirurgiae 
methodus. L. B. 1663. — 1668. — 1675. — ^xiaypacpi'a septemdecim 
Uhrorum Galeni de usu partium corporis humani. Majoris operis pro- 
dromus. L. B. 1666. 12. — Suorum circa partes gencrationis in utroque 
sexu observationmn prodromus etc. L. B. 1668. 12. — Opusciüa anato- 
mico-chirurgica etc. Lips. 1707. 8. — Vergl. S uringar, a. a. 0. 1863. 
S. 193 — 206. und oben S. 275. Sehr lebhaften Antheil nahm van 
Hörne an den Streitigkeiten, zu denen der bereits oben (S. 276) erwähnte 
de Bils, besonders in Betrefi der Chylus-Gefässe, Veranlassung gab, und 
in welche auch Sylvius, Th. Bartholinus und viele andere Anatomen jener 
Zeit verwickelt wurden. — Vergl. A. A. F o k k e r, Nederl. Tijdschrift 
voor Geneeskunde. 1865. II. 167 seq. — Joh. van Hörne ist nicht zu 
verwechseln mit dem Schweden Joh. von Hoorn, welcher lange in Holland 
lebte, und vorzüglich als Geburtshelfer bekannt ist. 

Zu den Verdientesten dieser holländischen Anatomen gehört 
Reinier (Reignier) de Graaf aus Schoonhoven (1641 — 1673). 
Seine wichtigsten Arbeiten betreffen die männlichen, besonders 
die weiblichen Geschlechtswerkzeuge, deren Bau er mit bis dahin 
unbekannter Sorgfalt beschrieb und durch musterhafte Zeich- 
nungen erläuterte, besonders die von ihm entdeckten und nach 
ihm benannten Follikel des Eierstocks. Ausserdem ist de Graaf 
Erfinder der Injection der Gefässe, welche allerdings durch Swam- 
merdam, der zuerst erstarrende Flüssigkeiten anwendete, noch 
weit mehr durch Ruysch^), vervollkommnet wurde. 

de Graaf studirte zu Löwen unter Plemp, in Utrecht unter Diemer- 
broeck, in Leyden unter de le Bo6 Sylvius und van Hörne. Zu Leyden 



1) S. unten S. 295. 



Aufschwung dor Anatomie und Physiologie in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts. 20S 
Die Niederlande, van Hörne, de Graaf. Nuck. Bidloo. 

gab er noch als Student die berufene Abhandlung über den pankreatischen 
Saft heraus (vergl. unten die Lehren des de le Boe Sylvius), bereiste dann 
Frankreich, promovirte in Angers, lebte einige Zeit in Paris, und Hess 
sich dann als Arzt in Delft nieder, de Graaf starb schon im 32sten Jahre, 
angeblich in Folge der unverdienten Kränkungen, welche Swammerdam 
ihm bei Gelegenheit von Frioritäts-Streitigkeiten in Betreff der Injection 
der Blutgefässe u. s. w. zufügte. 

R. de Graaf, Tractatus anatomico-medicus de succi pancreatici natura 
et usu. Zuerst als Inaug.-Diss. L. B. 1663. L. B. 1671. 12. [«Juvenile 
opus». Haller.] — De virormn organis gener ationi inservientibus. L. B. 
1668. 8. — De muUerum organis generationi inservientibus. L. B. 1672. 8. 
[«Opus elegantissimum». Haller.] — Französisch: Bäle, 1699. 8. — De 
dysteribiis, de usu siphonis in anatomia, defensio partium genitaUum. Mit 
den beiden vorigen Schriften: Amstel. 1677. — Opera. L. B. 1677. 8. 
Lond. 1678. 8. Amstel. 1701. 8. 1705. 8. Holländisch: Amsterd. 

1686. 8. — Deutsch: Leipzig, 1752. f. 

Anton Nuck aus Harderwijk (1650 — 1692), Arzt und Lector 
der Anatomie und Chirurgie im Haag, seit 1687 Prof. in Leyden, 
welcher gleichfalls schon in jungen Jahren starb, nimmt unter 
den Anatomen dieser Periode, besonders wegen seiner Unter- 
suchungen über die Drüsen und Lymphgefässe, die er durch 
alle Organe des Körpers verfolgte, und welche Sömmering noch 
hundert Jahre später für unübertroffen erklärte, eine höchst ehren- 
volle Stelle ein. 

Ant. Nuck, De vasis aguosis oculi. L. B. 1685. — De ductu sali- 
vali novo, saliva, ductihus aquosis et humore aqiieo oadorum. Lugd. Bat. 

1687. 12. — Beide zusammen: Sialograjjhia et ductuum aquosorum 
anatome nova etc. L. B. 1695. — Adenographia curiosa et uteri foetninei 
anatome nova. Lugd, Bat. 1692. 8. 1722. — Oj^erationes et experimenta 
chirurgica. L. B. 1692. 1696. 1714. 1733. Deutsch: Halle, 1728. 
Holländisch: Leyden, 1740. 8. [«Aeque peritus demonstrator angiologiae 
lymphaticae, quam alii in vulgaribixs vasis». Haller.] 

Govert (Gottfried) Bidloo aus Amsterdam (1649 — 1713), 
seit 1694 Professor in Leyden, machte sich besonders durch ein 
mit Unterstützung wohlhabender Freunde herausgegebenes ana- 
tomisches Prachtwerk bekannt, wie bis dahin noch keins er- 
schienen war. Allerdings ist der künstlerische Werth der grössten- 
theils von dem berühmten Gerard de Lairesse gestochenen 
Tafeln weit bedeutender als der anatomische. 

Bidloo wurde im Jahre 1688 als Nuck's Nachfolger Lector der Ana- 
tomie im Haag, Günstling des Prinzen Wilhelm III., damals König von 
England, im Jahre 1690 «General-Superintendent» der Militär-Hospitäler 
in Holland, im Jahre 1692 auch derer in England. Im Jahre 1701 begab 
er sich als Leibarzt des Königs nach London , kehrte aber nach dem schon 



294 D'ö neuere Zeit. Das siebzehnte Jahrhundert. 

im folgenden Jahre eingetretenen Tode desselben in seine frühere Stellung 
nach Leyden zurück. Der Erfolg seines Werkes und sein grosser amtlicher 
Einfluss erzeugten in Bidloo einen Hochmuth, der sich namentlich seinem 
alten Lehrer Ruysch gegenüber, welcher seine Arbeiten einer scharfen 
aber durchaus gerechten Kritik unterzogen hatte, in der tadelnswerthesten 
Weise zu erkennen gab. 

Godefr. Bidloo, Anatomia huniani corporis, centum et qiiinqtie 
tabulis per G. de Lalresse ad vivum delineatis demonstrata. Amstelod. 
1685. f. Holländisch: Amsterd. 1690. f. Utrecht, 1734. Englisch: 
Leyd. 1737. f. Lateinisch: Lugd. 1739. f. (Vergl. oben S. 289 die un- 
rechtmässiger Weise von W. Cowper veranstaltete Ausgabe.) — Chou- 
lant, Geschichte der anatomischen Abbildung. S. 93. — Die Original- 
Zeichnungen von Lairesse sollen sich in der Bibliothek der Ecole de 
medecine zu Paris befinden. (Hufeland, Med. Bibliothek. I. 3. 36.) — 
Exercitationum anatomico-chiriirgicarum decas [/]. L. B. 1704. 8. — 
Becas II et III. L. B. 1708. 4. — Eine gegen Cowper gerichtete Schrift 
erschien: L. B. 1700. 4.; Cowper's Beantwortung derselben: London, 
1704. 4. — Ferner veröffentlichte Bidloo im Jahre 1702 eine Schrift 
über eine im Heere Wilhelm's HI. herrschende Seuche. — Opera medico- 
chirurgica. L. B. 1715. 4. — Vergt. Suringar, 1. c. p. 575. 

Unter diesen holländischen Anatomen kann auch Charles 
Drelincourt aus Paris (1633 — 1697), zuerst Arzt des Prinzen 
von Turenne und königlicher Feldarzt, seit 1668 Professor in 
Leyden, wo Boerhaave zu seinen Schülern gehörte, genannt 
werden. Er beschrieb zuerst die nach Vieussens genannte Klappe 
im Gehirn, und gab eine gute Darstellung des Larynx und der 
Drüsen der Epiglottis. 

C. Drelincourt, Opuscula medica. Hag. Com. 1727. 4. — Su- 
ringar, a. a. 0. S. 569. 

Zu den namhafteren Anatomen dieses Zeitraums gehört Phi- 
lipp Verheijen aus Verrebroeck, einem belgischen Dorfe 
(23. April 1648 — 28. Januar 1710). Anfangs Landmann, dann 
Theolog, zuletzt (nachdem er durch Amputation einen Fuss ver- 
loren) Mediciner, Professor zu Löwen. Seine Anatomia corporis 
humani mit zahlreichen kleinen und mittelmässigen Abbildungen 
verdrängte das Compendium von Th. Bartholinus. 

Phil. Verheijen, Anatomia corporis humani. Lovan. 1683. 4. 
Zweite Ausgabe in 2 Bänden : Brux. 1710. 4. 1726. 4. Deutsche und 
holländische Uebersetzungen. Dazu mehrere Nachdrucke. — Der zweite 
Band für sich: Supplementum anatomicum. Amstelod. et Lips. 1731. 8. 
u. öfter. Vergl. Choulant, Graphische Incunabeln, S. 124. — Verheijen's 
Anatomie umfasst, da sie nach der Sitte ihrer Zeit im ersten Theile von 
den festen, im zweiten von den flüssigen Gebilden (Blut, Milch, Spiritus etc.) 
handelt, auch die Physiologie. — Die lange nach Verheijen's Tode er- 



Aufschwung (lor Auatomio und Physiologie in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts. 295 
Die Niederlande. Kidloo. Drolincourt. Verheijen. Rnysch. 

schienenen Observationes anatomicae enthalten Untersuchungen über die 
Tagesfrage seiner Zeit: die Lymphgefässe. — Haan, Notice sur Ja vie et 
Jes ouvrages de Verheyen. Louvain, 1842. 12. — FrauQois, Eloge de 
P. Verheijen. Bruxell. 1847. 4. — van Raemdonck, Levensheschryving 
imn Philip Verheyen. St. Nicolaas, 1862. 8. — Im Jahre 1862 ist Ver- 
heijen's Büste in seinem Geburtsorte aufgestellt worden. Broeckx, Hist. 
de la med, beige ^ p. 160 ff. 

Friedrich Ruysch, aus dem Haag (23. März 1638 — 22. Febr. 
1731), zu Leyden ein Schüler van Horne's, seit 1667 Lector 
der Chirurgie, seit 1668 Professor der Anatomie und Chirurgie, 
seit 1685 auch der Botanik zu Amsterdam, ist hauptsächlich 
bekannt durch die grossen Verdienste, welche er sich um die 
anatomische Technik, namentlich um die durch ihn zu hoher 
Vollkommenheit gebrachte Gefäss-Injection erwarb. Durch die 
letztere wies er Gefässe an Stellen nach, wo sie bis dahin 
niemand vermuthet hatte. Zu seinen bleibenden Verdiensten 
gehören die Beschreibung der Gehör-Knöchelcheu, der Zähne, die 
Untersuchungen über das Schwinden der Kiefer bei Greisen, über 
die Verzweigung der Kranzgefasse des Herzens, den Verlauf der 
Aorta, die Verschiedenheiten des männlichen und weiblichen 
Skelets, besonders in Betreff des Beckens, die grössere Dichtig- 
keit und Rundung der Rippen des Weibes, die wichtige Ent- 
deckung der Arteriae und Venae bronchiales, die der nach ihm 
genannten, unter der Chorioidea des Auges gelegenen, Membran, 
die Arbeiten über den Zusammenhang der mütterlichen und kind- 
lichen Gefässe der Placenta, — über die Gerinnung des Blutes, 
die Entzündungshaut u. s. w. 

Nach dem Tode von Roonhuijze (im Jahre 1672) wurde Ruysch auch 
städtischer Geburtshelfer und Gerichtsarzt. Neben allen diesen Functionen 
widmete er sich einer ausgedehnten, besonders chirurgischen und geburts- 
hülflichen, Pi'axis. — In Betreff seines Hauptfaches, der Anatomie, welchem 
er 62 Jahre lang mit beispiellosem Fleisse sich hingab, war Ruysch im 
Grunde nur ein ungelehrter, oft selbst mit den wichtigsten Arbeiten seiner 
Vorgänger unbekannter, aber mit ungewöhnlich feinen Sinnen und uner- 
müdlichem Fleisse ausgerüsteter Präparator. Man sagte von ihm, er habe 
Luchs-Augen und Feen-Hände. Allerdings gelang es ihm nicht, sich von 
dem Vorwurfe der Charlatanerie und Gewinnsucht frei zu halten. Treue 
Gehülfen seiner anatomischen Arbeiten fand er an seinem Sohne Heinrich, 
einem namhaften Botaniker, der aber schon früh starb, besonders an seiner 
Tochter Rahel, einer vorzüglichen Blumen- und Fruchtmalerin. — Seine 
berühmte anatomische Sammlung verkaufte Ruysch im Jahre 1717 durch 
Vermittelung des russischen Leibarztes Blumentrost an Peter den Grossen, 
welcher sie im Jahre 1693 bei seinem Aufenthalt in Holland kennen ge- 
lernt hatte, für den Preis von 30 000 Gulden. Schon nach zehn Jahren 



296 Dio neuere Zeit. Das siebzehnte Jahrhundert. 

hatte Euysch eine zweite Sammlung angelegt, von welcher ein Theil für 
20 000 Gulden in den Besitz des Königs Johann Sobieski von Polen über- 
ging. Von allen diesen Schätzen ist ausser einigen wenigen unbrauch- 
baren Präparaten in den Sammlungen zu Greifswald und Leyden nichts 
mehr übrig. — Ueber die von Ladmiral verfertigten Abbildungen 
mehrerer Injections-Präparate (Leyden, 1736 — 1741) vergl. Choulant, 
Geschichte der anatomischen Abbildung. S. 106. — Das Geheimniss der 
Injection ging mit Ruj^sch zu Grabe; wenigstens bleibt ungewiss, ob Das, 
was Rieger, Leibarzt in Petersburg, in dem Artikel «Balsamum» seines 
(unbeendigt gebliebenen) Arznei -Wörterbuchs darüber mittheilt, als 
authentisch zu betrachten ist. 

Fr. R u y s c h , Observatianum anatomico-chirurgicarum centuria. 
Accedit Catalogus rariorum in museo Buyschiano. Amstel. 1691. 4. — 
Thesaurus anatomicus. Amstel. 1701 — 1724. 4. 10 voll. — Adversaria 
anatomico-medico-chirurgica. Amstel. 1717 — 1723. 4. — O^era. Amstel. 
1734. 4. 4 voll. Holländisch: Amsterd. 1744. — Fr. Schreiber, 
Historia vitae et meritorum Frid. Rwjsch. Amstel. 1732. 4. — Haller, 
Epistolae, Bern. 1773. 8. I. 183. 



399. Nächst diesen Bearbeitern der gröberen Anatomie 
verdienen zwei Niederländer hervorgehoben zu werden, deren 
Namen unter den Begründern der mikroskopischen Anatomie zn 
den glänzendsten gehören. 

Der Erste von ihnen istAntony van Leeuwenhoek aus 
Delft (24. Oct. 1632 — 26. August 1723), ein ungelehrter, nur 
seiner Muttersprache mächtiger, aber vorurtheilsfreier Autodidakt, 
der sich durch unermüdlichen Fleiss bedeutende Kenntnisse in 
allen Theilen der Naturkunde verschaffte, und durch seine 
meisterhaften, von ihm selbst verfertigten, Mikroskope, durch 
grosse manuelle Geschicklichkeit und eine seltne, bis ins höchste 
Greisenalter unverminderte, Schärfe des Gesichts zu den staunens- 
werthesten Entdeckungen gelangte. 

Es gibt kaum einen Gegenstand der Naturkunde, welchen 
Leeuwenhoek nicht mikroskopisch untersucht hätte. Seine An- 
gaben zeugen in der Regel von der grössten Genauigkeit; viele 
derselben sind durch die Forschungen der neuesten Zeit be- 
stätigt worden^). — Das grösste Aufsehn erregte Leeuwenhoek 
durch seine , lange Zeit bezweifelte, Entdeckung der Infusions- 
Thierchen (am 8. Sept. 1675). 

Antony van Leeuwenhoek kam als Jüngling zu einem Tuchhändler zu 



») S. unten § 303. 



Aufschwung der Anatomie und Physiologie in der zweiten Hälfte des Jahrhundorts. 907 
Die Niederlande. Leeuwenhoek. 

Amsterdam in die Lehre, wo er wahrscheinlich Gelegenheit fand, natur- 
historische Sammlungen zu besuchen. Im Jahre 1653 oder 1654 kehrte 
Leeuwenhoek nach Delft zurück, wo er von nun an bis ins höchste Alter 
als Privatmann und Inhaber einer städtischen Sinecure («Kamerbe warer 
der Kamer van Heeren Schepenen van Delft») lebte. Mit mikroskopischen 
Untersuchungen scheint sich L. erst seit dem Jahre 1670 beschäftigt zu 
haben ; wahrscheinlich verbrachte er die Zwischenzeit mit naturhisto- 
rischen Studien und mit der Verfertigung seiner Instrumente. Die letz- 
teren bestanden fast sämmtlich aus einfachen Linsen, welche Leeuwenhoek 
aus Glas, Bergkrystall, Diamant, zuweilen selbst aus Körnern von Quarz- 
sand, verfertigte. Zu den schwierigsten Untersuchungen gebrauchte er 
grössere, zum Theil aus zwei, auch wohl aus drei Linsen zusammenge- 
setzte, Gläser. Die Linsen wurden zwischen zwei dünne, mit einer cen- 
tralen Oeffnung versehene. Metallplatten eingefügt, und das Objekt ver- 
mittelst einer Nadel u. s. w. auf dem sehr kleinen , durch zwei Schrauben 
horizontal und vertikal verschiebbaren, Objekt-Tische befestigt. 

Die Instrumente, welche Leeuwenhoek den ihn Besuchenden zeigte, 
besassen nur eine 40 — 160fache Vergrösserung. Für seinen eigenen Ge- 
brauch besass er Linsen von weit grösserer Kraft. So verwahrt z. B. das 
Utrechter Museum eine biconvexe Linse von 27 Ofacher Vergrösserung. — 
Leeuwenhoek hütete seine Instrumente mit Argus-Augen. Niemals war 
er dazu zu bewegen. Andere die Verfertigung derselben zu lehren, oder 
gar eins von ihnen zu verkaufen. Sie übertrafen bei weitem alle andern 
jener Zeit, selbst die damals berühmten zusammengesetzten Mikroskope 
von Eugenio Divini in Rom, deren Oculare angeblich die Grösse eines 
Handtellers hatten, während das Rohr die Dicke eines Mannsschenkels 
besass. Dennoch vergrösserten sie nur 143 mal. 

Die Zahl der von Leeuwenhoek hinterlassenen Mikroskope betrug 419. 
Einen Theil derselben vermachte er der Londoner Societät der Wissen- 
schaften; dieselben befinden sich gegenwärtig im Britischen Museum. In 
Holland finden sich gegenwärtig nur noch sehr wenige derselben. 

Zu mikrometrischen Bestimmungen benutzte Leeuwenhoek Gersten- 
körner, Sandkörner, Haare von Menschen und Thieren, später hauptsäch- 
lich die Blutkörperchen des Menschen, mit deren Breite er die beobach- 
teten Gegenstände verglich. Trotz dieser unvollkommenen Methode sind 
seine Messungen meist überraschend richtig. 

Leeuwenhoek starb fast 91 Jahr alt. Noch 36 Stunden vor seinem 
Tode untersuchte er einen goldhaltigen Sand. Er hinterliess eine Tochter, 
Maria, welche 1745, 88 Jahr alt, starb. 

Leeuwenhoek's in Brief-Form verfasste Abhandlungen sind sämmtlich 
in den Phihsophical transactions der Jahre 1673 — 1723 niedergelegt. 
In den Jahren 1702 — 1712 veröffentlichte er Nichts , weil man seine 
Beobachtungen für Täuschungen erklärte. — Ausserdem sind seine 
Arbeiten gesammelt: Alle zijne naUiurkundige werken. Delft, 1696. 4. 
4 voll. Latein.: Lugd. Bat. 1722. — Dazu: Sendhrieven aan de Heeren 
van de koninglijke societeit te London en andere geleerde lieden over ver- 
schetjde verhorgenheden der Natuure, met 7 vervolgen. Leyden u. Delft, 
1687 — 1718. 5 voll. Latein. : Delft, 1719. — Die wichtigsten Unter- 
suchungen Leeuwenhoek's sind (zum Theil mit Abbildungen) zusammen- 



298 Dio neuere Zeit. Das siebzehnte Jahrhundort. 

gestellt in drei in den Jahren 1843 und 1844 erschienenen, sich gegen- 
seitig ergänzenden , Dissertationen , welche sämmtlich den Titel führen : 
De Leemvenhoekii meritis in quasdam jyartes anatomiae microscopicae, von 
Le Sueur-Fleck, N. H. van Charante (beide zu Leyden), und 
Halbertsma. — Am ausführlichsten handelt über Leeuwenhoek's Leben 
und Arbeiten: P. J. Haaxmann in Nederl. Tijdschrift voor Geneeskunde. 
1871. IL 1 — 86. — besonders in seiner Schrift : Antony van Leeuiven- 
hoek. De ontdekker der Infusorien. 1675 — 1875. Leiden [Doesburgh], 
1875. 8. (pp. VIIL 140.) — Vergl. Ch. G. Ehrenberg, Ueher Leih- 
nitzen's Verhältniss u. s. w. und dessen Briefwechsel mit Leeuwenhoek. 
Denkschriften der Berliner Akademie der Wissenschaften, 1845. 

In Folge der von Prof. Ferd. Cohn in Breslau ausgegangenen Anregung 
hat die Stadt Delft am 8. Sept. 1875 das zweihundertjährige Jubiläum 
der Entdeckung der Infusorien gefeiert, und eine Stiftung gegründet, nach 
welcher eine zu Ehren Leeuwenhoek's geprägte goldne Denkmünze an 
hervorragende Forscher im Gebiete der Infusorien-Kunde verliehen werden 
soll. Die erste dieser Denkmünzen wurde Ehrenberg zuerkannt. — P. 
H a r t i n g , Gedenkhook van het den 8ten Sept. 1875 gevierde 200jarige 
her inner ungsfeest der ontdecking van den mikroskopische ivezens door 
Antony Leeuivenhoek. s'Gravenhage en Rotterdam, 1876. 8. 

Geringere Beziehung zur Heilkunde haben die mikroskopi- 
schen Untersuchungen von Joh. Swammerdam aus Amsterdam 
(1637 — 1680), welche zwar grossentheils früher als die von 
Leeuwenhoek angestellt, aber weit später veröffentlicht wurden. 
Seine Arbeiten betreffen, abgesehen von seiner für ihre Zeit vorzüg- 
lichen Inaugural-Dissertation über das Athmen, von der über die 
Lymphgefässe u. s. w., hauptsächlich die Insekten und die nie- 
deren Thiere überhaupt. Am bekanntesten wurde Swammerdam 
durch seine Bijhel der nahiiir, eine Arbeit, welcher er, mit Auf- 
opferung seines Vermögens, sechszehn Jahre seines Lebens 
widmete, und welche dazu bestimmt ist, die Allmacht und Weis- 
heit Gottes zu verherrlichen, 

Swammerdam, der Sohn eines Apothekers, welcher eine naturhisto- 
rische Sammlung zusammengebracht hatte, war ursprünglich zum Studium 
der Theologie bestimmt. Schon als Knabe beschäftigte er sich mit Zoologie, 
besonders mit Entomologie. Er studirte unter van Hörne und Sylvius 
zu Leyden, wo er mit Steno (S. unten § 302) ein Freundschafts-Bündniss 
schloss, und lebte dann mit diesem eine Zeit lang in Paris , wo er sich des 
Wohlwollens des Grafen Thevenot, eines Gönners der Naturkunde, er- 
freute. Hierauf begab er sich nach Amsterdam und Leyden, wo er reiche 
Gelegenheit zu anatomischen Untersuchungen fand. In der letzten Zeit 
seines Lebens fiel der von jeher zum Trübsinn geneigte, durch Armuth 
und Krankheit gebeugte Mann dem Pietismus auheim. Er sah sich ge- 
nöthigt, seine Sammlungen an Thevenot zu verkaufen. Durch diesen ge- 
langten sie an du Verney (S. unten S. 300), zuletzt an Boerhaave, nach 



Aufschwung der Anatomie und Physiologie in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts. OQQ 
Die Niederlande. Leeuwenhoek. Swammerdam. — Frankreich. Biolan d. J. 

dessen Tode sie sich in alle Welt zerstreuten. — Zuletzt gab er einen 
grossen Theil seiner handschriftlichen Aufzeichnungen den Flammen Preis, 
weil er es für sündlich hielt, in die Geheimnisse der Schöpfung eindringen 
zu wollen. Der Rest kam nach verschiedenen Schicksalen gleichfalls in 
Boerhaave's Hände, 

Joh. Swammerdam, Tractatus phijsico-anatomico-medicus de respi- 
ratione tisuque pulmonum. L. B. 1667. 8. 1679. 8. ed. 5. L. B. 1728. 
L. B. 1738. 4. Auch in Manget's Biblioth. — [«Nihil hujus speci- 
minis inauguralis simile hactenus aut in Belgio prodierat, aut alibi». 
Haller.] — Historia insectorum generalis, ofte algemeene verhandeling von 
de hloedelose dierkens. I. deel. Utrecht, 1669. 4. — Miraculum naturae, 
sive uteri muliebris fahrica, notis in Joh. van Home prodromum illu- 
stratum etc. Ädjecta est nova methodus, cavitates corporis ita praepa- 
randi, ut suam semper genuinam faciem servent. L. B. 1672. ed. 5. L. B. 
1729. 4. — Ephemeri vita, of afbeeldingh van s menschen leven vertoont 

in de historie van het vliegent ende een dag levent haß of oever-aas. 

Amsterd. 1675. 8. — Bijbel der Natuure, of historie der insecten tot 
zeekere Sorten gebracht, ed. Boerhaave. Nebst Swammerdam's Leben. 
Leyden, 1737. 1738. 2 voll. f. — Latein, von Gaubius. — Deutsch: 
Leipz. 1752. f. — Vergl. Oscar Schmidt, Die Entwickelung der ver- 
gleichenden Anatomie. Jena, 1855. 8. S. 37 flf. — Noch Cuvier nennt 
Swammerdam's Anatomie der Biene eine unübertroffene Meister-Arbeit. 



Frankreich. 

800. Weit geringere anatomische Leistungen haben während 
des siebzehnten Jahrhunderts die Franzosen aufzuweisen. Die 
Mitglieder der Fakultät vergeudeten die Zeit, welche ihnen der 
Betrieb einer gewinnreichen Praxis und die Geschäfte des Hofes 
übrig Hessen, in Streitigkeiten mit den Paracelsisten und Chirurgen, 
ja es kam sogar so weit, dass die Zergliederung von Leichen, 
bei welcher seit dem vierzehnten Jahrhundert Barbiere die Haupt- 
rolle spielten, mit der Würde eines Arztes unverträglich erschien. 
So geschah es, dass einigerraassen gründliche Kenntnisse in der 
Anatomie fast nur bei den Wundärzten angetroffen wurden, 
welche es trefflich verstanden, diesen Vortheil den Aerzten 
gegenüber auszunutzen. 

An der Spitze der französischen Anatomen dieses Zeitraums 
steht Joh. Riolan der Sohn, Professor zu Paris, der berühm- 
teste Anatom seiner Zeit. Bei aller Unterwürfigkeit unter die 
Auctorität Galen's zeichnen sich Riolan's Arbeiten durch eine bis 
dahin kaum bekannte Sorgfalt aus. Am verdienstlichsten waren 
seine genauen Beschreibungen des Netzes, des Mesenteriums, 
der Fettanhänge des Colon, der Klappen der Vena azygos, der 



300 Die neuere Zeit. Das sielizehnte Jalirhundert. 

Samenkanälchen , des fötalen Verhaltens der Hoden, die Ent- 
deckung der Kiemenspalten. Noch bekannter freilich wurde 
Riolan durch die gehässige Eifersucht, mit welcher er fremde 
Verdienste zu verkleinern suchte. 

S. ob. S. 264 u. 276. — Das oben Angeführte erklärt es, dass selbst 
Riolan für nöthig hält, sich wegen seiner anatomischen Arbeiten seinen 
Collegen gegenüber zu entschuldigen. Sein Hass gegen die Chirurgen ver- 
mochte ihn dazu, die für seine Vorlesungen nöthigen Präparate selbst aus- 
zuarbeiten, um Jenen jede Gelegenheit zu entziehen, sich in der Anatomie 
zu vervollkommnen. Dagegen machte er sich dem Hofe gegenüber der 
niedrigsten Kriecherei schuldig. Er nennt Ludwig XIII. das Abbild 
Gottes, das Meisterstück der Schöpfung! — Ein bleibendes Verdienst 
erwarb sich Eiolan durch die auf seinen Antrieb erfolgte Gründung eines 
anatomischen Theaters und eines botanischen Gartens («Jardin du roi», 
später «Jardin des plantes»). 

Joh. Riolanus (fil.), Schola anatomica novis et raris ohservationibus 
illustrata. Ädjuncta est accurata foetus humani historia. Paris. 1607. 4. 
Genev. 1624. 8. ed. 4. Par. 1649. — In Uhrum Claudii Galeni de 
ossibus ad tyrones explicationes apologeticae j^^o Galeno adversus novitios 
et novatores anatomicos. Par. 1613. 8. — Osteologia ex veterum et recen- 
tioruni praeceptis descrijyta. Paris. 1614. 8. — Discours sur les hernia- 
pthrodites, ou il est demontre, contre Vojnnion commune, qu'il n'y a point 
de vrais hennaphrodites. Par. 1614. 8. — Änatomia s. Änthroptographia 
et osteologia. Paris. 1626. 4. 1649. f. und öfter. — Encheiridium ana- 
tomicum et jxithologicum. Par. 1648. 12. L. B. 1649. 8. ed. 4. : Par. 
1658. 4. (mit den Abbildungen von Vesling [S. oben S. 55]) und öfter. 
Zuletzt Francof. 1677. 8. Pranzös. : Par. 1655. und öfter. — Opuscula 
anatomica nova. Lond. 1649. 4. Par. 1652. 12. 1653. 8. — Opera 
anatomica vetera recognita et auctiora, mia cum ojniscuUs anatomicis novis. 
Paris. 1649. f. Ferner zahlreiche Streitschriften gegen Habicot (S. oben 
S. 179), Pecquet und Th. Bartholinus. — Vergl. Leon Le Fort, Con- 
ferences Mstoriqiies. Paris, 1866. 8. p. 111 — 140. 

Nächst Riolan begegnen wir bedeutenderen französischen 
Anatomen erst wieder gegen das Ende des siebzehnten Jahr- 
hunderts. Unter ihnen ist der älteste Guichard du Verney 
(Duverney) aus Feurs en Forez (5. Aug. 1648—10. Sept. 1730). 
du Verney war zuerst Demonstrator am Jardin des plantes, 
trat aber später diese Stelle an seinen Schüler Dionis ab. Er 
gehörte zu den vorzüglichsten Lehrern seiner Zeit, und kann 
als Begründer der französischen anatomischen Schule des acht- 
zehnten Jahrhunderts betrachtet werden, aus welcher, ausser 
Dionis, Winslöw, Senac, Petit u. A. hervorgingen, du Verney's 
Arbeiten zeichnen sich durch musterhafte, bis ins Kleinste 
gehende Sorgfalt und scharfes Urtheil aus, und betreifen be- 
sonders das Gehirn, den fötalen Kreislauf und die vergleichende 



Aufschwung der Anatomie und Physiologie in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts. 301 
Frankreich. Riolan d. J. du Verney. Dionis. Vleussens. 

Anatomie, unter deren neueren Begründern er eine ehrenvolle 
Stelle einnimmt. Sein berühmtestes Werk ist das über das 
Gehör-Organ, in welchem auch die Krankheiten desselben ab- 
gehandelt werden. Ferner bezeugt du Verney's Werk über die 
Krankheiten der Knochen seine chirurgische Tüchtigkeit. 

Guichard du Verney, Traite de V Organe de Vou'ie, contenant la 
structure, les usages et toutes les maladies de l'oreille. Paris, 1683. 12. 
1718.12. Lugd. 1731. 4. Latein. : Norimb. 1684. 4. L. B. 1731. 4. 
Deutsch: Berlin, 1732. 8. Ferner eine englische Uebersetzung. — Nach 
seinem Tode erschienen: Traite des maladies des os. Paris, 1751. 12. 
2 voll. — Oeuvres anatomiques. Paris, 1761. 4. 2 voll. — Ausserdem 
veröflfentlichte du Verney zahh-eiche und werth volle Abhandlungen, nament- 
lich über den fötalen Blutlauf, in den Memoires de Vacad. des sciences. 
(T. I. II. X.) 

du Verney's Schüler, Pierre Dionis aus Paris (gest. 11. Dec. 
1718), «Demonstrator» der Anatomie und Chirurgie am Jardin 
des plantes, Arzt Ludwig's XIV., zugleich einer der angesehensten 
Wundärzte und Geburtshelfer seiner Zeit, ist am bekanntesten 
durch sein bis in die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts fast 
allgemein benutztes Handbuch der Anatomie. 

P. Dionis, L'anatomie de Vhomme, suivant la circulation du sang et 
les dernieres decoiwertes. Paris, 1690. 8. und öfter, zuletzt 1729. 8. 
Lateinisch: Genev. 1696. 8. Ferner findet sich neben englischen und 
deutschen sogar eine von dem Jesuiten Parrenin herrührende chinesische 
Uebersetzung. 

Bedeutender ist Raymond Vieussens aus einem Dorfe 
der Rouergue im südlichen Frankreich (1641 — 1717), Arzt am 
Hospitale St. Eloy zu Montpellier, später Leibarzt der Prinzessin 
von Montpensier zu Paris, nach deren Tode er in seine frühere 
Stellung zurückkehrte. Die Arbeiten von Vieussens, welcher 
bereits mehr als fünfhundert Leichen zu zergliedern Gelegenheit 
hatte, und dessen eisernen Fleiss seine Zeitgenossen rühmlichst 
hervorheben, betreffen hauptsächlich das Nervensystem, das 
Gehör-Organ und das Herz. Seine Hauptschrift über das letztere 
berücksichtigt in sehr eingehender Weise auch die pathologischen 
Zustände, und nimmt in dieser Hinsicht neben den später zu 
besprechenden Werken von Valsalva, Albertini und Lancisi eine 
ehrenvolle Stelle ein. Als Physiolog gehörte Vieussens zu den 
eifrigsten Anhängern der Chemiatrie. 

Raim. Vieussens, Neurographia universalis, hoc est omnium hu- 
mani corporis nervorum simul ac cerebri medullaeque spinalis descriptio 
anatomica. Lugd. 1685. f. 1716. f. Francof. 1690. f. Tolos. 1715. 4. 



302 Die neuere Zeit. Das siebzehEte Jahrhundert. 

Aucli in Hanget 's Biblioth. — Tractatus duo. Primus de remotis et 
proj-imis mixti principüs etc. Secundus de natura, differentiis, conditio- 
nibus et causis fernientationis etc. Lugd. 1688. 4. 1715. 4. — Deux 
dissertations, la premiere touchant Vextraction du sei acide du sang, la 
seconde sur la proportion de ses principes sensibles. Montpell. 1698. 4. 
— De sanguinis humani sale fixo et de bilis usu. Lips. 1698. 4. — 
Epistola nova quaedam in corpore humano inventa exhibens. Montp. 1703. 
4. Lips. 1704. 4. — Novum vasormn corporis humani systema. Amstel. 
1705. 4. — Tratte de la structure de l'oreille. Toulouse, 1714. 4. — 
Traite nouveau de la structure et des causes du mouvement du coeur. 
Toulouse, 1715, 4. — Traite nouveau des liqueurs du corps humain. 
Toul. 1715. 4. — Oeuvres frangoises. S. 1. 1715. — Nach V.'s Tode er- 
schien : Expcriences et reflexions sur la structure et les iisages des visceres. 
Paris, 1755. 8. 



DentscMand. 

301. Auch in unserm Vaterlande, so sehr gerade hier die 
Anatomie mit der Ungunst der Verhältnisse zu kämpfen hatte, 
erregte das Beispiel der Engländer und Niederländer schon früh 
den Wetteifer einer nicht geringen Anzahl von Aerzten. Viele 
ihrer Arbeiten stehen den bisher genannten ebenbürtig zur Seite. 

Hierher gehört zunächst Conrad Victor Schneider (1614 
— 1680), Prof. zu Wittenberg, Verfasser des berühmten, freilich 
durch das Uebermass unfruchtbarer und geschmackloser Gelehr- 
samkeit in hohem Grade abstossenden, Werkes üher die Katarrhe, 
durch welches die seit Jahrtausenden eingewurzelte Irrlehre von 
der Entstehung des Schleimes im Gehirn für immer beseitigt 
wurde ^). — Eine andre Schrift Schneider's: über die Krankheiten 
des Kopfes, bekämpft die herkömmliche Localisation der Geistes- 
kräfte, und sucht zu zeigen, dass der Verstand an ein mate- 
rielles Organ nicht gebunden sey. 

Conr. Victor Schneider, De catarrhis libri IV. Viteb. 1660 — 
1664. 4. — De morbis capitis seu cephalicis Ulis, ut vocant, soporosis, 
atque de hör um curatione. Viteb. 1669. 4. — De nova gravissimormn 
trium morborum curatione {apoplexia lipopsijchia, paralysi\ Francof. 
1672. 4. — De spasmorum natura et subjecto. Viteb. 1678. 4. — Ferner 
eine grosse Menge von unter Schneider's Vorsitz erschienenen Disser- 
tationen. — Von den Lebens-Umständen dieses hochverdienten Mannes 
ist wenig mehr bekannt, als dass er im Jahre 1614 zu Bittei-feld geboren 
wurde, dass sein Vater später viele Jahre als Beamter in Wittenberg lebte, 



') S. unten S. 308. 



Aufschwung der Anatomie und Physiologie in der zweiten Hälfte dos Jahrhunderts. 3Q3 
Deutschland. Schneider. Feyer. Brunner. Bohn. 

WO er selbst im Jahre 1639 als Professor angestellt und mit der Erklärung 
Galen's und der Araber betraut wurde. — Vergl. Marx, Abhandlungen 
der Göttinger Societät der Wissenschaften. 1874. Bd. 19. S. 1 — 49. 

Ferner nehmen unter den um die Anatomie verdienten Aerzten 
dieses Zeitraums zwei Schweizer, wegen ihrer gediegenen Unter- 
suchungen über die Drüsen des Darmkanals, welche zum Theil 
noch jetzt ihren Namen führen, ehrenvolle Stellen ein. Joh. 
Conrad Peyer aus Schaffhausen (26. Dec. 1653-29. Febr. 1712), 
ein Schüler und Freund du Verney's^), lebte als Arzt in seiner 
Vaterstadt; — Joh. Conrad Brunner (später von Brunn) 
aus Diessenhofen bei Schaffhausen (16. Jan. 1653 — 2. Oct. 1727), 
ein weitgereister Mann, gleichfalls eine Zeit lang Arzt am letzteren 
Orte, war später Professor und Pfälzischer Leibarzt zu Heidel- 
berg und Mannheim. Von Wichtigkeit wurden namentlich die 
von Brunner bei Hunden ausgeführten Exstirpationen des Pan- 
kreas, durch welche er bewies, dass dieses Organ keineswegs 
die grosse Wichtigkeit besitze, welche die Chemiatriker ihm 
beilegten. 

Job. C n r. Peyer, Exercitatio anatomico-medica de glandulis in- 
testinorum, earumque usu et adfectimiibus etc. Scaphus. 1677. 8. Auch 
in Manget's Bibl. — Parerga anatomica. Genev. 1681. 8. — Ferner 
finden sich zahlreiche Abhandlungen von Peyer in den Miscellanea naturae 
curiosorum. Lips. Francof. et Norimb. 1670 seq. 4. — Seine Myrecologia, 
s. de ruminantibus et ruminatione commentarius. Basil. 1685. 4. ist 
wahrscheinlich eine der ersten gründlichen Abhandlungen über die Ver- 
dauungs -Werkzeuge der Wiederkäuer. 

Joh. Conr. Brunner, Experimenta nova circa pancreas; accedit 
diatribe de lympha et genuino pancreatis usii. Amstel. 1683. 8. L. B. 
1722. 8. — Manget's Bibl. — De glandulis in duodeno intestina de- 
tectis. Heidelb. 1687. 4. Schwabach, 1688. 4. Francof. 1715. 4. — 
De glandtda pituitaria dlss. Heidelb. 1688. 4. Auch in der zweiten Aus- 
gabe der vorigen Schrift. — Diss. de pleuripneumonia epidemica Philipps- 
burgi grassante. Heidelb. 1689. 8. (Vergl. Bd. HI.) — Diss. de methodo 
tuta et facili citra salivationem curandi luem veneream etc. Scaphus. 1739. 
4. — Ferner zahlreiche Abhandlungen in den Acta nat. curiosorum. 

Neben diesen Anatomen erscheint Joh. Bohn aus Leipzig 
(20. Juli 1640—19. Dec. 1718), Professor und Gerichtsarzt in 
seiner Vaterstadt, als einer der bedeutendsten Physiologen seiner 
Zeit. Besonderes Verdienst erwarb sich Bohn, einer der ent- 
schiedensten Gegner der Chemiatrie, um die Lehre von der 
Verdauung und von der Zeugung. Sein, Malpighi gewidmetes. 



') S. oben S. 300. 



304 Die neuere Zeit. Das siebzehnte Jahrhundert. 

Hauptwerk ist überhaupt sehr geeignet, den Zustand der Phy- 
siologie seiner Zeit kennen zu lernen. Ferner gehört derselbe 
zu den wichtigsten Begründern der gerichtliehen Medicin. 

Job. Bobn, Exercitationes phtjsiologicae XXVI. Lips. 1668 — 1677. 4. 
— Circulus anatomico-physiologicus, seu Oeconomia corporis-animalis etc. 
Lips. 1680. 4. 1686. 4. 1697. 4. 1710. 4. — Dissertationes chymico- 
physicae. Lips. 1685. 4. 

Von geringerer Bedeutung ist Theodor Ke rekring aus 
Hamburg (1640 — 1693), ein Schüler von de le Boe Sylvius, 
Arzt zu Amsterdam, zuletzt Resident des Grossherzogs von Tos- 
cana in Hamburg, ein Gegner der latrophysiker und Mikrosko- 
piker, welchem zum Vorwurf gemacht wird, die Entdeckungen 
Anderer für sich ausgebeutet zu haben. Am bekanntesten ist 
Kerckring durch die Beschreibung der noch jetzt seinen Namen 
führenden Klappen des Darmkanals. Wichtiger ist, dass er zuerst 
(an der Pfortader des Pferdes) das Vorhandenseyn der Vasa 
vasorum nachwies, dass er in seiner Osteogenie die Entwickelung 
des Skelets von Monat zu Monat verfolgte, und der pathologi- 
schen Anatomie gebührende Rücksicht schenkte. 

Theod. Kerckring, Spicilegium anatomicum. Amst. 1670. 4. 1673. 
4. 1717. 4. — Osteogenia foetuum, in qua quid cuique ossiculo singulis 
accedat mensibus quidque decedat — descrihitur. Amstel. 1670. 4. Mit 
sehr mittelmässigen, in Betreff der feineren Verhältnisse unbrauchbaren, 
Abbildungen. — Änthropogeniae ichnographia. Amstelod. 1671. 4. — 
Anatomia. Amstelod. 1671. f. — Commentarius in curriim triumphalem 
antimonii Basilii Valentini. Amstel. 1671. 12. — Optera omnia anatomica. 
L. B. 1717. 4. 1729. — Vergl. Banga, a. a. 0. 564 ff. 



Dänemark. 

Mich. Skjelderup, in: Anniversaria in memoriam reipublicae sacrae 
et literariae Hafniensis. *Hafn. 1811. 4. 

30S. Eine ruhmvolle Stelle in der Geschichte des sieb- 
zehnten Jahrhunderts gebührt den Dänen und Schweden, von 
denen namentlich die ersteren auf dem Gebiete der bis dahin 
im Norden von Europa tief darnieder liegenden Anatomie eine 
Reihe glänzender Namen aufweisen. — Der älteste von ihnen 
ist Olaus Worm aus Aarhuus in Jütland (13. Mai 1588 — 
81. Aug. 1654), seit dem Jahre 1613 Professor der Humaniora 
und der griechischen Sprache, seit 1624 der Medicin in Kopen- 
hagen, wo er sich aber vorzugsweise mit der ärztlichen Praxis 



' Aufschwung der Anatomie und Physiologie in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts. 305 

Dänemark. Worm. Die Familie Bartholinus. 

beschäftigte. Worm ist am bekanntesten durch die von ihm 
zuerst beschriebenen, seinen Namen führenden, «Ossicula» des 
Schädeldaches. 

Am wichtigsten sind Worm's Briefe in Th. Bartholinus Epistölae. — 
Die von Worm zusammengebrachte Sammhmg von Natur- und Kunst- 
Gegenständen ist beschrieben in: Museum Wormianutn. L. B. 1655. f. 
— Eine Gedächtnissrede auf denselben von Th. Bartholinus erschien: 
Hafn. 1654. 

An der Spitze der dänischen Anatomen des siebzehnten Jahr- 
hunderts steht die Familie Bartholinus: Caspar, dessen Sohn 
Thomas, und Caspar der Enkel. Der Erstere, geb. in der 
damals dänischen Stadt Malmö (12. Febr. 1585—13. Juli 1629), 
wurde im Jahre 1612 Professor in Kopenhagen (seit 1624 der 
Theologie !) Am bekanntesten ist er durch ein später von seinem 
Sohne Thomas bearbeitetes Lehrbuch der Anatomie. 

G a,s^. Bsivtholinus ([.), Institutiones anatomicae. L. B. 1611. 8. 
und öfter. 

Sein Sohn Thomas (20. Oct. 1616 — 4. Dec. 1680), das 
berühmteste Mitglied der Familie, ein vielseitig gebildeter Arzt, 
gleichfalls Professor der Anatomie in Kopenhagen, lebte seit 
dem Jahre 1660 als Privatmann. Seine mit lobensv^erthen Ab- 
bildungen versehenen Instiüitiones anatotuicae, eine Umarbeitung 
von dem gleichnamigen Werke seines Vaters, waren über fünfzig 
Jahre lang eins der verbreitetsten Compendien, und wurden, 
ausser in mehrere europäische Sprachen, angeblich auch auf 
Befehl des Gross-Moguls ins «Indische» übersetzt. 

Thom. Bartholinus, Institutiones anatomicae. L. B. 1641. 8. 
1645. 8. 1651. 8. 1673. 8. 1686. 8. — Ausser diesen Original-Aus- 
gaben (welchen sämmtlich auch die Abhandlungen von de Wale de motu 
chi/li und de motu sanguinis beigefügt sind) erschienen noch viele andere 
lateinische, deutsche, französische, italienische (eine in Versen!) hollän- 
dische und englische. — Vergl. Choulant, Graph. Incunabeln, 122. — Die 
wichtigsten von den übrigen zahlreichen Schriften desselben sind folgende : 
De angina jMerorum Campaniae Siciliaeque ejndemica etc. Par. 1646. 8. 
Neap. 1653. 8. (S. Bd. III.) — De luce animalium libri HL L. B. 
1647. 8. Hafn. 1663. 8. 1669. 8. — Historiarum anatomicarum cen- 
turiae VI. Hafn. 1654 — 1665. 8. — Cista medica Hafniensis. Hafn. 
1662. 8. Eine gleich der folgenden für die Specialgeschichte jener Zeit 
nicht unwichtige Sammelschrift. — Epistolarum medicinalium centuriae IV. 
Hafn. 16 63 — 1667. 8. — De medicina Danorum domestica dissertationes X. 
Hafn. 1666. 8. — Acta medica et philosophica Hafniensia annorum 
1671—79. Hafn. 1673—1680. 4. 5 voll. Eine der frühesten medici- 
nischen Zeitschriften. — Die Dissertationen von Bartholinus, welche sich 

Haeaer, Gesch. d. Med. U. 20 



öOd Die neuere Zeit. Das siebzelinte Jahrhundert. 

auf die Entdeckung der Lymphge fasse beziehen, S. oben S. 277 ff. — 
Vergl. auch oben S. 128. — *A. G. Sommer, Thomas Barfholiniis. 
Kjöbenhavn, 1858. 4. (Universitäts-Programm in dänischer Sprache.) 

Caspar Barth oliuus der Enkel (1655—11. Juni 1738), 
erhielt, noch nicht 20 Jahre alt, eine Professur der Philosophie, 
im Jahre 1677 die der Anatomie zu Kopenhagen. Er ist am 
bekanntesten durch seine Untersuchungen über die weiblichen 
Genitalien. 

Casp. Bartholin US [IL], Exercitationes miscellaneae varii argu- 
menti; imprimis anatomici. L. B. 1675. 8. — De ovariis mulierum et 
gener ationis historia epistola 1. Lugd. Bat. 1675. 12. Rom. 1677. 8. — 
Epist. IL Amstel. 1678. 12. Norimb. 1679. 8. L. B. 1696. 12. — 
Auch in Manget's Bihl. — De cordis stnictura et usu. Hafn. 1678. 4. 

— De olf actus organo disquisitio anatomica. Hafn. 1679. 4. und öfter, 
u. m. a. 

Zu den verdientesten Anatomen des siebzehnten Jahrhunderts 
gehört ferner Nicolaus Steno aus Kopenhagen (10. Jan. 1638 
— 25. Nov. 1686), der bedeutendste Schüler von Thomas Bar- 
tholinus. Steno galt mit Recht für einen der grössten ana- 
tomischen Entdecker seiner Zeit; es gibt fast keinen Theil des 
menschlichen Körpers, dessen Kenntniss er nicht gefördert hätte. 
Schon in seiner Inaugural-Dissertation veröffentlichte er die Be- 
schreibung des Ausführungs-Ganges der Parotis, welcher seinen 
Namen führt. Seine späteren Arbeiten betreffen vorzüglich die 
Thränen-Organe, die Muskeln, die weiblichen Genitalien, und den 
feineren Bau und die Verrichtungen des Gehirns. 

Steno studirte in Kopenhagen und Leyden; um das Jahr 1669 lebte 
er in Paris im Verkehr mit den angesehensten Kreisen. (S. oben S. 298.) 
Vor einem solchen hielt er z. B. Vorträge über das Gehirn, in welchen 
er die Lehren von Willis und Descartes bekämpfte. Schon damals zeigte 
sich Steno, unter dem Einflüsse des berühmten Kanzelredners Bossuet, 
dem Uebertritt zur katholischen Kirche geneigt. Später lebte er längere 
Zeit in Padua, w^urde Leibarzt Ferdinand IL von Toscana, Erzieher des 
Sohnes von Cosmus III. , und trat zum Katholicismus über. Demnächst 
war er kurze Zeit Professor der Anatomie in Kopenhagen, wurde dann von 
Innocenz XL zum Bischof von Titiopolis i. p. und zum apostolischen Vicar 
für Niedersachsen ernannt, und lebte als solcher am Hofe zu Hannover 
und in Hambui-g. Zu seinen grossen wissenschaftlichen Verdiensten kam 
eine seltene Bescheidenheit. 

Nicol. Steno, De glanduUs oris et nuper observatis inde prodeun- 
tihus vasis. L. B. 1661. 4. (Diss. inaug.) — Ohservationes anatomicae, 
quibus varia oris, ocidorum et narium vasa describuntur , novique salivae, 
lacrumarum et muci fontes deteguntur etc. L. B. 1662. 12. 1680. 12. 

— De muscuUs et glandulis observationum specimen etc. Hafn. 1664. 4, 



Aufschwung der Anatomie und Physiologie in der zweiten Hälfte des Jahrh. Dänemark. QA? 
Die Familie Bartholinus. Steno. Bereicherungen der Anatomie. Knochen. Zahne. Haut. 

Amstel. 1664. 12. L. B. 1683. 12. Amstel. 1694. 12. und in Hanget 's 
Bibl. [«Aureus libellus». Haller.] — Elementorum mi/ologiae specimen: 
seu musculi descriptio geometrica. Flor. 1667. 4. Amstel. 1669. 8. Mit 
7 Taff. — De solido intra solidum naturaUter contento. Florent. 1669. 4. 
L. B. 1679. 12. — De cerebri anatome diss. Lugcl. Bat. 1671. 12. — 
Steno's Leben schrieb Dom. Maria Manni. Firenze, 1775. 8. Die 
Hauptabsicht dieser Schrift geht dahin, Steno wegen seines Uebertritts 
zum Katholicismus zu verherrlichen. 

Nach Steno bat Dänemark bis in die neuere Zeit keinen 
bedeutenden Anatomen mehr aufzuweisen. Schon seit Tb. Bar- 
tholinus Tode begann der Verfall ; besonders nachtheilig wirkte, 
dass bei dem grossen Brande von Kopenhagen im Jahre 1728 
auch das Anatomie-Gebäude zerstört wurde. 



Die wichtigsten Bereicherungen der Anatomie und 
Physiologie während des siebzehnten Jahrhunderts. 

303. Die Osteologie hatte im sechszehnten Jahrhundert 
durch Vesalius, Falloppio, Ingrassia eine von ihrer jetzigen nur 
wenig verschiedene Gestalt gewonnen. Im siebzehnten Jahr- 
hundert richtete sich die Untersuchung auf diesem Gebiete des- 
halb vorzugsweise auf die Structur, hauptsächlich auf den mi- 
kroskopischen Bau, des Knochengewebes. Den ersten Rang in 
dieser Hinsicht, wie in Betreff der meisten übrigen Gebilde, be- 
haupten die Arbeiten von Leeuwenhoek. Er schildert die 
Knochen als aus in verschiedenen Richtungen verlaufenden 
Röhren zusammengesetzt, und gibt bereits rohe Abbildungen der 
erst von Purkinje wieder entdeckten Knochenkörperchen. 

An den Zähnen unterschied schon Malpighi die Substantia 
ossea «filamentosa» [eburnea] (welche er aus einem netzartigen 
Gewebe bestehen lässt) und «tartarea» [osteoidea]. Leeuwen- 
hoek dagegen gibt bereits eine vortreffliche Beschreibung der 
Schmelz-Substanz. 

Die äussere Haut wurde schon von Malpighi sorgfältig 
untersucht. Die untere Schicht der Epidermis führt mit Recht 
seinen Namen; eben so kennt er die Schweiss- und Talg-Drüsen, 
die Fett -Zellen der Haut. — Die naturgetreuesten Angaben 
finden sich bei Leeuwenhoek. Er zeigte, dass die Epidermis 
aus «glatten Schuppen» besteht, durch deren Zwischenräume 
seiner Meinung nach, nicht durch vermeintliche «Poren», der 
Schweiss hervordringt. Nicht minder kennt er die Veränderungen, 

20* 



308 Dio neuere Zeit. Das siebzehnte Jahrhundert. 

welche die Oberhaut durch die Bildung von Schwielen und 
Narben erfährt, die Ablagerung des Pigments der farbigen Ra^en 
in den tieferen Lagen der Epidermis. 

Die wichtigsten Arbeiten über die gröbere Anatomie der 
Muskeln wurden von Cowper und S t e n o veröffentlicht. Der 
Letztere, von dessen Untersuchungen über die Thätigkeit der 
Muskeln später die Rede seyn wird, zeigte zunächst, dass es 
kein andres «Fleisch» als das der Muskeln gibt, dass der Bau 
der letzteren bei Menschen und Thieren übereinstimmt, und dass 
alle Muskeln in Sehnen oder sehnige Fasern übergehen. Mit 
besonderer Genauigkeit schilderte er (früher als Lower, welcher 
ihm nicht immer Gerechtigkeit widerfahren lässt) die Verschlin- 
gungen der das Herz und die Zange bildenden Muskel-Fasern. 

Der mikroskopische Bau der Muskeln wurde bereits von 
Borelli, Hooke und Steno ins Auge gefasst. Bor eil i freilich 
gelangte durch die UnvoUkommenheit seiner Instrumente und 
durch vorgefasste Meinungen fast nur zu Täuschungen, indem 
er z. B. die Elemente der Muskeln aus Prismen bestehen liess 
u. s. w. Die Primitiv-Bündel wurden zuerst von Hooke er- 
kannt. — Die sorgfältigsten Untersuchungen sind auch hier die 
von Leeuwenhoek. Er untersuchte die Muskeln bei allen Thier- 
klassen, und lehrte, dass das Wachsthum derselben durch Ver- 
grösserung, nicht durch Vermehrung, der Primitiv-Bündel erfolge. 
Er kannte ferner die Querstreifen, und glaubte, dass die Primitiv- 
Fasern aus Kügelchen zusammengesetzt seyen. — Die Sehnen 
beschreibt Leeuwenhoek als hohle, mit einer hellen und zähen 
Flüssigkeit gefüllte Fasern. Ein unmittelbarer Uebergang der 
Muskel-Fibrillen in dieselben findet nicht Statt. Durchaus richtig 
schildert er die Muskel- und Sehnenscheiden und deren Ver- 
bindung, so wie die zwischen den Muskel-Fibrillen verlaufenden 
Gefässe und Nerven. Die letzteren legen sich nach seiner 
Meinung an die Fibrillen an. An Sehnen von Ochsen und 
Schafen glaubte Leeuwenhoek Nerven beobachtet zu haben. 

Die Kenntniss des Baues, der Functionen und der krank- 
haften Zustände der Schleimhäute erfuhr durch das klassische 
Werk von Schneider über die Katarrhe'^) eine vollständige 
Umgestaltung. Mit allen Hülfsmitteln der Anatomie und Physio- 
logie wurde in demselben die seit ältester Zeit gangbare und bis 



') S. oben S. 302. 



Bereicherungen der Anatomie in der zweiton Hälfto des Jahrhunderts. 309 

Muskeln. Sehnen. Schleimhäute. Darmicanal. Pankreas. 

dahin niemals angefochtene Lehre widerlegt, dass aller Schleim 
des Körpers im Gehirn gebildet werde, durch die Oeffnungen 
der Siebplatte in die Nase und den Schlund ablaufe, und dass 
durch die Abnormitäten dieses Verhaltens die katarrhalischen 
und viele andre Krankheiten entstehen. 

In Betreff der Verdauungswerkzeuge sind zunächst die 
Arbeiten hervorzuheben, welche die Speicheldrüsen betreffen. 
Der Ausführ Qngsgang der Parotis, welchen schon Casserio^) ge- 
sehen, aber für eine Sehne gehalten hatte, wurde im Jahre 1658 
gleichzeitig durch Needham und durch Steno aufgefunden^). 
Wharton entdeckte den seinen Namen führenden Ausführungs- 
gang der Unterkiefer-Drüse*), Aug. Quirinus Rivinus (9. Dec. 
1652 — 30. Dec. 1723), Professor in Leipzig, besonders als Bota- 
niker bekannt, im Jahre 1679 den nach ihm genannten Aus- 
führungsgang der Glandula subungualis, dessen Entdeckung 
später auch Caspar Bartholinus (der Enkel) in Anspruch 
nahm. 

Aug. Quir, Rivinus, De dyspepsia. Lips. 1679. 4. 

Allen diesen Organen, so wie den kleineren drüsigen Appa- 
raten der Mundhöhle, der Nase, des Auges, hauptsächlich den 
Thränendrüsen, widmete auch Steno seine musterhafte Sorgfalt. 

Eine wichtige Bereicherung erfuhr die Kenntniss der Ver- 
dauungs-Werkzeuge durch die Entdeckung des Aus führungs- 
ganges des Pankreas. Das Verdienst derselben gebührt 
einem Zuhörer Vesling's in Padua, Moritz Hofmann aus 
Fürstenwalde (20. Sept. 1621—22. April 1698), später Prof. der 
Anatomie und Botanik zu Altdorf, welcher den genannten Gang 
im Jahre 1641 an einem Truthahn, und Georg Wirsung aus 
Baiern, Vesling's vieljährigem Prosector, welcher ihn bald darauf 
am Menschen auffand. Indess hielten sie, verleitet durch die 
damals noch herrschenden Ansichten über den Verlauf der Chylus- 
gefässe, und weil man das Pankreas den Drüsen des Gekröses 
gleich stellte, das von ihnen entdeckte Gebilde längere Zeit 
für ein vom Darme her in die Bauchspeichel-Drüse eintretendes 
Chylus-Gefäss. 

Wirsung gab eine Abbildung in Kupfer mit einer kurzen Erklärung 
heraus : Figura ductus cujusdani cum midUpUcibus suis ramulis noviter 
in pancreate a Jo. Georg. Wirsung phil. et med. D. in diversis corporibus 



S. oben S. 54. ^) S. oben S. 306. *) S. oben S. 288. 



310 Diö neuere Zeit. Das siebzelinte Jahrhundert. 

humanis observati. Päd. 1642. fol. min. (Von grösster Seltenheit.) — 
Choulant, Geschichte der anatomischen Äbhildimg, S. 91. Derselbe, 
Graphische Incunabeln^ S. 147. — Vergl. Joh. Mor. Hofmann (der 
Sohn), Idea machinae humanae. Altdorf. 1703. 4. — Wirsung wurde 
am 22. Aug. 1643, mitten unter seinen Freunden, von einem Dalmatier, 
Cambier, meuchlings erschossen. 

Das bedeutendste Werk dieser Periode über den gröberen 
Bau der Leber ist das von Glisson; es bildet noch heute die 
Grundlage dieses Gegenstandes^). — Der Entdeckungen von 
Peyer und Brunner in Betreff der Darmdrüsen ist gleichfalls 
schon gedacht v^orden^). 

Die V7ichtigsten Untersuchungen über den feineren Bau der 
Drüsen sind die Malpighi's. Er zeigte schon im Jahre 1665, 
entgegen der bis dahin herrschenden und von Ruysch noch im 
Jahre 1722 vertheidigten Meinung, nach v^elcher die Drüsen 
lediglich aus Gefässen bestehen sollten''), ihre Zusammensetzung 
aus Acinis, aus denen das Secret durch Aufsaugung in die Aus- 
führungsgänge übergeht. — Von besonderer Wichtigkeit wurden 
die Untersuchungen Malpighi's über den bis dahin ganz unbe- 
kannten Bau der Milz. Auf die von ihm und von Bellini an- 
gestellten Untersuchungen über den Bau der Nieren ist bereits 
früher hingewiesen worden^). 

Epoche-machend waren ferner die Entdeckungen Malpighi's 
in Betreff des Baues der Lungen. Er zeigte zuerst durch Auf- 
blasen derselben ihren vesiculären Bau, und das in den Wänden 
der Lungenbläschen sich ausbreitende Gefässnetz. 

J. Moleschott, De Malpighianis ptdmonum vesicidis. Heidelberg. 

1845. 8. 

Von grosser Bedeutung wurde ferner die Entdeckung der 
(allerdings schon von Galen bemerkten und von Verheijen^) ober- 
flächlich beschriebenen) Arteriae und Venae bronchiales 
durch Ruysch, weil sie den letzten Zweifel über die Ernährung 
der Lungen und die Bedeutung der Arteria pulmonalis beseitigten. 

Den Mittelpunkt der anatomischen Arbeiten der zwischen 
Harvey und Haller liegenden Periode bilden erklärlicher Weise 
die Untersuchungen über den Bau des Herzens. Am genauesten 
wurde derselbe von Steno, Lower und Vieussens untersucht, 
von denen der letztere zugleich zu den wichtigsten Begründern 



") S. oben S. 288. ^) S. oben S. 303. 

') S. oben S. 295. ») S. oben S. 287. «) S. oben S. 284. 



Bereicherungen der Anatomie iu der zweiten Hälfte des Jahrhunderts. 311 

Leher. Drüsen. Milz. Niereu. Lungen. Herz. Gefässe. Gehirn. Nerven. 

der pathologischen Anatomie des Herzens gehört. — Die ge- 
nauesten Angaben über den Bau der Gefässe finden sich bei 
Leeuwenhoelc. Er beschreibt zwei Häute der Arterien: die 
innere [die Epitelial-Schicht] als ein sehr feines Netzwerk, die 
äussere [mittlere] als eine aus ringförmigen Fasern bestehende 
Membran. Er zeigt, dass die Arterien vermittelst der nur aus 
einer einzigen Haut bestehenden Capillaren unmittelbar in die 
Venen übergehen. 

Das Gehirn und die Nerven waren schon von den Ana- 
tomen des sechszehnten Jahrhunderts, besonders von Varolio, 
später von Casserio, genauer beschrieben worden ^'^). Eine um- 
fassende Anatomie des Nervensystems, welche zugleich auch das 
Verhalten des thierischen Baues berücksichtigte, lieferte Willis, 
unter der Beihülfe Lower's und des Zeichners Christopher Wren. 
Allgemein bekannt ist die von ihm herrührende Beschreibung 
des Circulus arteriosus an der Basis des Gehirns, und die des 
gleichfalls seinen Namen führenden Nervus accessorius^^). — 
Sehr sorgfältige Untersuchungen, namentlich über die Blutgefässe 
des Gehirns, lieferte auch Job. Jac. Wepfer, Arzt in Schaff- 
hausen, einer der angesehensten Praktiker jener Zeit, in seiner 
Schrift über den Schlagfluss. Er gab die ersten richtigen Be- 
schreibungen von dem Verlaufe der Carotiden und ihrer Aeste, 
von den Gefässen der Gehirnhäute, ihrem Hervortreten aus 
der Schädelhöhle u. s. w. ^-). — Eben so verdienen die Unter- 
suchungen des berühmten DeleBoe Sylvius über die Basis und 
die inneren Theile des Gehirns, namentlich die noch jetzt seinen 
Namen führende Grube, erwähnt zu werden. Sehr sorgfältig 
untersuchten auch mehrere Anatomen dieses Zeitraums, besonders 
Humphrey Ridley, Arzt in London, die Dura mater des 
Gehirns, welcher sogar beschieden seyn sollte, eine Zeit lang 
für eins der wichtigsten Gebilde des Körpers zu gelten, und die 
von derselben gebildeten venösen Sinus. 

B.i\m.i:>h.v ej Ui die j, Änatomy of the brain. Lond. 1695. 8. Lat. : 
L. B. 1725. 8. 

Aber alle diese und andere Arbeiten überragt bei weitem 



^'') S. ob. S. 52 u. 54. — Für das Folgende vergl. Flourens, Histoire 
des etiides sur le cerveau. Journ. des savans, 1862. 221 ff. 406 ff. 

^') S. oben S. 289. 

^^) S. unten die Darstellung der praktischen Heilkunde im siebzehnten 
Jahrhundert. 



312 Die neuere Zeit. Das siebzehnte Jahrhundert. 

das Werk von Vieussens^^), dessen Genauigkeit vielleichterst 
in neuerer Zeit durch Gall und Spurzheim übertroffen worden ist. 
Es muss genügen, anzuführen, dass das von ihm beschriebene 
Centrum der Marksubstanz noch jetzt seinen Namen trägt, dass 
er zuerst auf die Pyramiden und Oliven des verlängerten Markes 
aufmerksam machte. — In eine etwas spätere Zeit fallen sodann 
die Untersuchungen, welche Lancisi in Rom in seiner Schrift 
de subitaneis mortihus über die Faserung des Corpus callosum und 
über die durch Descartes zu so grossem Ansehn gelangte Zirbel- 
drüse anstellte. 

Joh. Maria Lancisi, De subitaneis mortibus. Rom. 1707. 4. und 
öfter. — S. oben S. 242. 

Die frühesten Untersuchungen des feineren Baues des Gehirns 
rühren von Malpighi her. Soweit es sich um Verhältnisse han- 
delt, welche ohne Hülfe des Mikroskops erkennbar sind, stimmen 
seine Angaben im allgemeinen mit der Natur überein. Hierher 
gehören besonders diejenigen über die Verbreitung der grauen 
Substanz, die Faserzüge des Rückenmarks und ihren Uebergang 
in das Gehirn, deren Anordnung ihn bereits dazu führte, das 
letztere als einen Anhang des Rückenmarks zu betrachten. 
Dagegen wurde er bei der mikroskopischen Untersuchung durch 
die Rohheit seiner Methode (indem er z. B. das Gehirn behufs der 
Untersuchung kochte) und die Unvollkommenheit seiner Instru- 
mente dazu verleitet, das Gehirn aus mikroskopischen Kügelchen 
bestehen zu lassen, und demgemäss den drüsigen Organen beizu- 
zählen ; eine Täuschung, welche sehr wesentlich dazu beitrug, die 
herkömmlichen Irrthümer über die Verrichtungen des Gehirns auf- 
recht zu erhalten. — Willis lässt das Gehirn, gleich allen Körper- 
theilen, aus «Fibern» («fibrae») bestehen, «welche sich indess 
bei der Weichheit dieses Organs nicht isoliren lassen». — Auch 
die Untersuchungen Leeuwenhoek's über das Gehirn stehen 
hinter seinen übrigen bei weitem zurück. Allerdings erkannte 
er den Reichthum der Rindensubstanz an Gefässen, die Zu- 
sammensetzung der Mark - Substanz und der Nerven aus «Fi- 
brillen, deren tausend der Breite von drei Barthaaren gleich 
sind». Aber im Innern dieser Fibrillen sollten sich Kügelchen, 
in einer Flüssigkeit schwimmend, befinden, durch deren Er- 
schütterungen die Empfindungen u. s. w. zu Stande kommen. — 
Endlich ist anzuführen, dass der durch sein unglückliches Schick- 



") S. oben S. 301. 



Bereicherungen der Anatomie in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts. 313 

Gehirn. Nerven. Auge. Ohr. 

sal bekannte Francesco Giuseppe Borri (Burrus, Burrhus) 
bereits eine chemische Untersuchung des Gehirns vornahm, welche 
zeigte, dass dasselbe zum vierten Theile aus einem Wallrath- 
artigen Fette bestehe. 

Fr. Burrhus, De cerebri ortu et usu. Hafn. 1669. 4. — Vergl. 
unten die Geschichte der Augenheilkunde während dieses Zeitraums. 

Der Anatomie des Sehorgans wurden die wichtigsten Be- 
reicherungen durch Ruysch und Leeuwenhoek zu Theil. Der 
Erstere beschrieb die nach ihm benannte Schicht der Chorioidea, 
die Gefässe derselben und die der Netzhaut, so wie die Ciliar- 
Nerven. Leeuwenhoek unterwarf den feineren Bau des Auges, 
namentlich der Linse, bei allen Thierklassen seinen meister- 
haften mikroskopischen Untersuchungen. Er schilderte als die 
feinsten Theile derselben Fasern, welche sich zu Lamellen ver- 
einigen, und der Linse einen blätterigen Bau verschaffen, und 
beschrieb schon sehr genau das verwickelte Gesetz des Ver- 
laufs dieser Fasern. — In Deutschland bereicherte der gelehrte, 
vorzüglich auch als Historiker bekannte, Heinrich Meibom aus 
Helmstädt '(14. Jan. 1678 — 16. Oct. 1740), Professor in seiner 
Vaterstadt, die Anatomie durch eine ausgezeichnete Schrift über 
die nach ihm genannten, schon von Casserio mangelhaft beschrie- 
benen, Drüsen der Augenlider. 

Henr. Meibomius, De vasis palpebrarum navis. Heimst. 1688. 4. 

Die Entdeckung des Thränen -Apparats und seiner Verrich- 
tungen gehört zu den zahlreichen Verdiensten Steno's. 

Die Anatomie des Gehörorgans machte während des sieb- 
zehnten Jahrhunderts, zuerst durch Casserio^*), später durch 
De le Boe Sylvius, Cecilio Folio, Claude Perrault, 
besonders aber durch du Verney, Vieussens u. A. die be- 
deutendsten Fortschritte ^ ^). 

Fr. deleBog Sylvius, Dictata in C. Bartholini institutiones ana- 
tomicas. In dessen Opera. 

Caec. Folius, Nova internae aiiris delineatio. *Venet. 1654. 4. 
(Selten. [Bibl. Greifswald.]) S. oben S. 268. 

Claude Perrault, Essays de Phijsique. Par. 1680—1688. 12. 
Tom. n. Essay du bruit. 

Cl. Perrault aus Paris (1613 — 9. Oct. 1688) studirte Medicin, 



") S. oben S. 54. 

^*) Die Bereicherungen der Anatomie der Geschlechtswerkzeuge werden 
unten § 305, gleichzeitig mit den Fortschritten der Lehre von der Zeugung 
und Entwickelung, besprochen werden. 



314 Die neuere Zeit. Das siebzehnte Jahrhundert. 

wurde aber durch die von dem Minister Colbert ihm übertragene franzö- 
sische üebersetzung des Vitruvius zur Baukunst geführt, in welcher er 
sich zur höchsten Stufe der Meisterschaft aufschwang. Bekanntlich ist er 
der Erbauer des Louvre. Perrault gehörte zu den vorzüglichsten Physikern 
seiner Zeit ; aber auch der Zoologie, Anatomie und Physiologie widmete er 
fortwährend die sorgfältigsten Studien. Zahlreiche Abhandlungen des- 
selben über die verschiedensten Gegenstände finden sich in den Memoires 
de l'academie von 1666 — 1709. — Perrault starb, 75 Jahre alt, an den 
Folgen einer Verletzung bei der Section eines Kameeis. 



Physiologie. 

304. In dem Zeitraum von fast einhundert Jahren, welcher 
seit dem Erscheinen des grossen Werkes von Vesalius verflossen 
war, hatte die Anatomie eine völlig neue Gestalt gewonnen. In 
dem zwischen Harvey und Haller liegenden Jahrhundert erfuhr 
nunmehr auch die Physiologie eine vollständige Wiedergeburt. 
Schon damals zeigten sich die Anfänge der Trennung beider bis 
dahin innig verschmolzenen Zweige, welche in unsern Tagen, 
nicht immer zum Heil der Wissenschaft, ihren Abschluss er- 
reicht hat. 

Durch die grossen Arbeiten Kepler's, Galilei's und Newton's, 
die Begründung des Sensualismus durch Bacon, Locke und 
Descartes, war die physikalische Methode der Forschung auf 
allen Gebieten der Naturkunde zur Herrschaft gelangt. Die neu- 
gewonnene Lehre vom Kreislaufe stützte sich zu einem grossen 
Theile auf unabweisbare physikalische Thatsachen. Gebieterisch 
trat den Aerzten die Forderung entgegen, nach der Methode 
Harvey's auch die übrigen Theile der Physiologie zu bearbeiten. 
Die Hast freilich, mit der man ohne weiteres den thierischen 
Organismus als einen Complex mechanischer, besonders hydrau- 
lischer, Vorrichtungen betrachtete, führte zu den schwersten Irr- 
thümern. 

Inzwischen hatte, ungefähr seit der Mitte des sechszehnten 
Jahrhunderts, auch die Chemie bedeutende Fortschritte gemacht. 
Es waren durch dieselben einige glückliche Blicke auf die Zu- 
sammensetzung der organischen Körper, auf die Natur einiger 
bis dahin räthselhafter Krankheiten, geworfen worden; sie hatte 
die Therapie mit einer nicht geringen Zahl kräftiger Arzneien 
bereichert. War es zu verwundern, dass man, geblendet von dem 
Glänze, den schon die ersten Strahlen dieser jungen Wissen- 
schaft verbreiteten, mit frischem Muthe es unternahm, die Ge- 



Bereicherungen der Physiologie in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts. Sl*! 

Anfänge exakter Untersuchungen. latrophysiker und latrochemiker. 

heimnisse, welche die Physik zu enträthseln unvermögend war, 
mit Hülfe der Chemie zu entschleiern? 

Es ist hergebracht, die Aerzte, welche auf diesen beiden 
Wegen wandelten, in «latrophysiker» und «latrochemiker» («latro- 
mathematiker» und «Chemiatriker») zu trennen. In Wahrheit ist 
eine so scharfe Sonderung nicht gerechtfertigt. Die latrophy- 
siker schlössen chemische Erklärungen keineswegs aus; noch 
weniger kam es den latrochemikern in den Sinn, die oft so 
unabweisbare physikalische Auffassung lebendiger Vorgänge von 
sich zu weisen. 

Die Versuche des siebzehnten Jahrhunderts, die Physik und 
die Chemie zur Grundlage der Heilkunde zu erheben, sind die 
ersten Schritte auf dem Wege der exakten Bearbeitung unsrer 
Wissenschaft. Sie verdienen deshalb die höchste Anerkennung, 
und die Geschichte hat die Pflicht, das Verdammungsurtheil zu 
berichtigen, welches im Anfange unsres Jahrhunderts, zur Zeit 
der Herrschaft des Vitalismus, selbst von hochgefeierten Schrift- 
stellern über dieselben gefällt worden ist. 

Allerdings erwuchsen der Wissenschaft durch die Vertreter 
jener Richtungen keineswegs sofort reife und dauernde Früchte. 
Denn auch diesmal litt die gute Sache weit mehr durch den 
blinden Ungestüm fanatischer Anhänger, als durch die Anfein- 
dungen Derer, welche mit aller Macht, und oft genug mit vollem 
Rechte, den Ueberstürzungen der Fortschritts-Männer entgegen, 
und für das Alte in die Schranken traten. Von diesen Vorwürfen 
werden die latrophysiker weit weniger getroffen als die Anhänger 
der Chemiatrie. Nicht Wenigen der Ersteren gebührt das Lob 
der klaren Einsicht in den Umfang und die Grenzen ihrer Auf- 
gabe, des Ernstes und der Besonnenheit bei dem Bemühen, sie 
zu lösen. Unverkennbar äussert sich bei den Meisten von ihnen 
der tiefgreifende Einfluss der philosophischen Bewegungen ihrer 
Zeit, der Herrschaft des Sensualismus. Es ist kein Zufall, dass 
die Lehren der latrophysiker vorzugsweise in Italien und in 
England Wurzel fassten. Jenseits der Alpen, in der Heimath 
Falloppio's, Eustacchi's, Galilei's und Malpighi's, war der Geist 
der Ruhe und Besonnenheit seit langer Zeit zum Erbtheil der 
Aerzte geworden ; — die Landesgenossen Bacon's und Harvey's 
waren schon durch ihre Stammesart vor unklaren und unprak- 
tischen Träumereien gesichert. 

An Versuchen, organische Vorgänge durch Beobachtungen und 
Experimente im Sinne der physikalischen Methode zu ergründen, 



316 Die neuere Zeit. Das siebzehnte Jahrhundert. 

hatte es auch früher nicht gefehlt. Es würde sogar leicht seyn, 
Beispiele aus dem frühen Alterthum heran zu ziehen^). — Als der 
wichtigste Vorläufer der latrophysiker des siebzehnten Jahr- 
hunderts wird mit Recht Santorio Santo ro aus Cape d'Istria 
(1561 — 1636), Professor zu Padua und Venedig, der berühmte 
Entdecker der «Perspiratio insensibilis» betrachtet. Mit be- 
wunderswürdiger Ausdauer prüfte Santoro, indem er dreissig 
Jahre lang Arbeitstisch, Lagerstätte u. s. w. auf einer Wage 
aufschlug, die Schwankungen, welche das Körpergewicht, nach 
Abzug der festen und flüssigen Ausscheidungen, in den ver- 
schiedenen physiologischen und pathologischen Zuständen dar- 
bietet. So unsicher die Ergebnisse dieser rohen Methode sich 
auch gestalten mussten, um so mehr, da die Ausdünstung der 
Lungen von der der Haut nicht getrennt wurde, so bilden sie 
doch die Grundlage aller späteren Versuche über denselben 
Gegenstand. 

Sanctorius Sanctorinus, Ars de statica medicina, sectionibus 
aphorismorum Septem comprehensa. Venet. 1614. 12. und ausserdem 
noch 20 Ausgaben (zuletzt Paris, 1770. 12.) und französische, englische, 
italienische und deutsche Uebersetzungen. (Deutsch: Bremen, 1736. 12.) 

— Eine andere sehr voluminöse Schrift Santoro's : Methodiis vitandoruni 
errorum omnium, qui in arte medica contingunt, lihri XV. Venet. 1602. 
f. 1603. f. L. B. 1630. f. Genev. 1631. 4. ist von geringerem Interesse. 

— Wegen der übrigen Schriften vergl. Ha 11 er, Bihl. anat. I. 324. Bihl. 
med. pr. II. 351. 

Die wichtigsten Ergebnisse der Beobachtungen Santoro's in Betreff 
der Perspiratio insensibilis waren folgende: «Die unmerkliche Ausdünstung 
vermindert das Körpergewicht beträchtlicher, als alle übrigen Ausschei- 
dungen zusammen genommen. — Sie steht im Allgemeinen zu den übrigen 
Ausleerungen in umgekehrtem Verhältniss. — Bei einer täglichen Auf- 
nahme von acht Pfund an Speise und Trank kann sie sich bis zu fünf Pfund 
erheben. — Im Winter beträgt sie im Durchschnitt täglich 25 Unzen. — 
In den ersten fünf Stunden nach dem Essen beträgt dieselbe ein Pfund, 
in den nächsten sieben Stunden drei, in den folgenden vier Stunden kaum 
^2 Pfund. — Während der Nacht werden im Mittel 24 Unzen perspirable 
Materie secernirt. — Die Unterdrückung der Perspiratio insensibilis wird 
in der Regel durch eine in den nächstfolgenden Tagen eintretende ent- 
sprechende Steigening derselben wieder ausgeglichen. — Bei Fleischdiät ist,, 
die unmerkliche Ausdünstung geringer, als bei eben so reichlichem Genuss 
weniger nährender Speisen. 

Santoro construirte ferner Thermometer, einen Pulsmesser («Pulsilo- 
gium») und andere Instrumente. Nicht geringe Verdienste erwarb er sich 

') S. Bd. I. S. 80. 



Beroicherungen der Physiologie in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts. 317 

Die Porspiratio insensibilis. Verdauung. Blutbereitung. Ernährung. 

auch dadurch , dass er den herrschenden Schlendrian in Betreff des Ader- 
lasses bekämpfte. 

Santoro selbst hatte bereits seiner Entdeckung grosse Be- 
deutung für die Pathologie und Therapie beigelegt. Es wird 
sich zeigen, zu welchen Folgerungen sie von den der Cheiniatrie 
ergebenen Aerzten benutzt wurde. 

Der Widerstreit in den physiologischen Anschauungen der 
Tatromathematiker und latrochemiker tritt am schärfsten in der 
Lehre von der Verdauung, der Blutbereitung und Ernährung 
hervor. Die Ersteren schildern die Verdauung als eine rein 
mechanische, durch die zerreibende Wirkung des Magens be- 
wirkte, Zerkleinerung der Speisen («Trituratio»). Borelli be- 
rechnete diese Kraft für den Magen des Truthahns auf 1350 Pfd. 
Die Chemiatriker dagegen betrachten die Verdauung als eine Art 
der «Fermentatio». Dieser Ausdruck bezeichnet aber bei den 
Besseren von ihnen keineswegs die gewöhnliche Gährung (welche 
nur eine Art der «Fermentatio» bildet), sondern die innere [mole- 
kulare] Bewegung der Materie überhaupt, welche im Magen und 
Darmkanal durch die Einwirkung bestimmter chemischer Agen- 
tien eingeleitet und unterstützt wird. Der Speichel nämlich, 
noch mehr der pankreatische Saft, hauptsächlich aber die Galle, 
erregen, die beiden ersten durch ihre [vermeintlich] saure, letztere 
durch ihre alkalische Beschaffenheit, eine allgemeine Bewegung 
in dem Speisebrei, welche allgemein als «Eifervescentia» be- 
zeichnet wird. In Betreff der ferneren Schicksale des Chylus, 
seinen Uebergang in das Blut, stimmen die latrochemiker im 
Wesentlichen mit den latrophysikern überein. 

Die Ernährung und Absonderung wurden von den latro- 
chemikern gleichfalls den durch das Blut, der Wärme desselben, 
die «Fermentation» und die Lebensgeister eingeleiteten chemi- 
schen Vorgängen zugeschrieben; die latrophysiker suchten gerade 
in dieser Lehre mechanische Erklärungen zur Geltung zu bringen. 
Auch diesmal ist auf ihrer Seite das Verdienst der grösseren 
Wissenschaftlichkeit, Schon Borelli schildert den Ernährungs- 
vorgang, vorzüglich die Secretionen, als das Resultat des Blut- 
druckes, der Porosität der Capillaren, des eigenthümlichen Baues 
der Organe, und leitet von den physikalischen Schwankungen 
dieser Verhältnisse allein die Verschiedenheiten der Ernährung 
und Absonderung in den verschiedenen Körpertheilen ab. — 
Am sorgfältigsten bearbeitete Bellini diese Lehre, indem er für 



318 D'6 neuere Zeit. Das siebzehnte Jahrhundert. 

die Verschiedenheit der Secretionen auf den Verlauf der kleinsten 
Gefässe, ihre Krümmungen, Verästelungen u. s. w. das Haupt- 
gewicht legte. Dennoch räumte gerade er gleichzeitig auch der 
Fermentations-Theorie einen nicht unbedeutenden Spielraum ein. 
Der physikalische Theil der Function des Athmens war 
schon von Herophilus, noch bestimmter von Galen '^) durchaus 
richtig aufgefasst worden. Im siebzehnten Jahrhundert finden 
sich die naturgemässesten Vorstellungen über die Mechanik des 
Athmens bei Borelli und seinen Anhängern. Sie schildern die 
Inspiration als die unmittelbare Wirkung der Erweiterung des 
Thorax durch die Inspirations - Muskeln , die Ausdehnung der 
Lungen als einen durchaus passiven Vorgang, die Exspiration 
als die Folge des Erschlafifens der Erweiterer des Brustkorbes. 
Allerdings unterlassen mehrere Anhänger dieser Ansicht nicht, 
dieselbe mit spitzfindigen Zuthaten auszuschmücken. 

Descartes z. B. lehrte, class bei der Inspiration Spiritus in die be- 
treffenden Muskeln einströmen, so lauge als niclit Ueberfülluug derselben 
und Compression der dieselben umgebenden Häute entsteht. Sobald dieser 
Zeitpunkt eintritt, strömen die Lebensgeister zurück und ergiessen sich 
in die erschlafften Antagonisten. Diese unter dem Namen des Carte- 
sius'schen Cirkels bekannte Theorie suchte namentlich Swammerdam 
durch Versuche zu stützen. Vergl. Cartesius, De homine. Amstelod. 
1677. 4. p. 54. — Swammerdam, De respiratione. L. B. 1679. 8. 
p. 25. 

Um so grösserer Zwiespalt herrschte in Betreff der Erklärung 
der durch das Athmen bewirkten Veränderungen des Blutes. 
Dass dunkles Blut an der Luft sich röthet, hatte schon längst 
die Beobachtung des sich selbst überiassenen Aderlass-Blutes 
gezeigt. Die latrophysiker schildern die Röthung, welche das 
venöse Blut in den Lungen erfährt, gleichfalls als einen mecha- 
nischen Vorgang. Ihrer Meinung nach dient der Eintritt der 
Luft in die Lungenbläschen lediglich dazu, die ohnedies schon 
in den Verästelungen der Lungenarterie aufs höchste gesteigerte 
Zertheilung des Blutes noch mehr zu begünstigen, und dem- 
selben die zur Erhaltung des Lebens nöthigen Eigenschaften zu 
verleihen. Malpighi vergleicht diesen Vorgang mit der Thätig- 
keit eines Bäckers, welcher durch Kneten die Bestandtheile des 
Brot-Teigs theils trennt, theils verbindet. An dieser und ähn- 
lichen Erklärungen hielten einzelne latrophysiker, z. B. Pitcairn, 
noch im Anfange des achtzehnten Jahrhunderts fest. Indessen 



*) S. Bd. I. S. 236. 360. 



Bereicherungen der Physiologie in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts. 319 

Der Athem-Process. Ahnungen des SaueratofFs. 

verschafften sich gerade in diesem Kapitel der Physiologie 
chemische Erklärungen schon früh bei vielen Aerzten Eingang. 
Namentlich galten die «salpetrigen» Bestandtheile der atmosphä- 
rischen Luft als die Ursache der durch das Athmen erfolgenden 
Röthung des Blutes^). Aber auch diese Auffassung gestaltete 
sich schliesslich selbst bei entschiedenen latrochemikern wieder 
zu einer mechanischen, indem z. B. De le Boe Sylvius die 
Wirkung jenes Salzes als eine «Rarefaction», d. h. eine feine 
Zertheilung, bezeichnet, welche im Herzen durch die demselben 
eingepflanzte Wärme ihren höchsten Grad erreicht. Einer che- 
mischen Erklärung näher steht die Meinung von Mayow, welcher 
die Röthung des Blutes von einer durch jenes Salz bewirkten 
«Fermentation» der «schwefligen» Theile des ersteren ableitet. 
Die wichtigste Folge dieser Verhandlungen war, dass man 
sich bemühte, den jene Veränderungen des Blutes bewirkenden 
Bestandtheil der atmosphärischen Luft nachzuweisen. Mehrere 
englische Naturforscher, namentlich Radulph Bathurst und 
Nathanael Henshaw, erklärten um das Jahr 1654 für den- 
selben den «Grundstoff» der Salpetersäure. Besonders wichtig 
wurden die zehn Jahre später von Hooke^) unternommenen 
Versuche, welche zeigten, dass durch Einblasen von Luft in die 
Lungen selbst bei sterbenden Thieren nicht blos der Farben- 
wechsel des Blutes, sondern auch die Bewegung des Herzens 
eine Zeit lang unterhalten werden könne. 

Die angeführten Verhandlungen finden sich in Thora, Wharton, 
Life and literary remains of Rad. Bathurst. Lond. 176L 8. p. 70. — 
Nath. Henshaw, AerocliaUnos, or a register for the air. Lond. 1677. 
12. — ^Tprsit, Histonj of the royal Society. Lond. 1702. 4. und in E. 
Hooke, Experiments and observations. Lond. 1726. 8. p. 217. 

Ein fernerer Fortschritt in dieser schwierigen Lehre wurde 
sodann durch die Untersuchungen von Boyle über die Elasti- 
cität der atmosphärischen Luft und deren Bedeutung für die 
Mechanik des Athmens herbeigeführt. 

ßob. Boyle, Nova experimenta de vi aeris elastica, in dessen Opera 
varia. Genev. 1680. 4. — Derselbe in Philosophical trarisactions. 1700. 
vol. 3. p. 215. 

Eine neue Epoche in der Kenntniss dieses Gegenstandes wird 
durch John Mayow bezeichnet, den wichtigsten Vorläufer der 
antiphlogistischen Chemie. In seiner Abhandlung über das Athmen 



«) Lower, de corde. L. B. 1740. p. 183 seq. *) S. oben S. 282. 



320 Die neuere Zeit. Das siebzehnte Jahrliundert. 

spricht derselbe die Meinung aus, dass die «salpetrigen» Bestand- 
theile der Luft bei der Respiration dieselbe Rolle spielen, wie 
bei der Verbrennung, dass sie es sind, welche die den «Lebens- 
geistern» zugeschriebenen Wirkungen verursachen. Mayow leitet 
sogar bereits viele Fieber von einer zu reichlichen Aufnahme 
jener «salpetrigen» Substanz her, und erklärt aus derselben 
namentlich den sauren Geruch der Fieber-Schweisse. 
Job. Mayow, Opera. Hag. Com. 1681. 8. p. 95 seq. 

Einen Hauptgegenstand der physiologischen Verhandlungen 
des siebzehnten Jahrhunderts bildete erklärlicher Weise die B e- 
wegung des Herzens und des Blutes. — Harvey hatte 
durch seine unsterbliche Schrift nicht blos die Thatsache des 
Kreislaufs nachgewiesen, sondern auch die Grundzüge von der Be- 
wegung des Blutes entworfen. Durch Bor eil i und seine Schüler 
sodann wurden die physikalischen Verhältnisse dieses Cardinal- 
Punktes der Physiologie für lange Zeit festgestellt. Allerdings 
machten sich die Wirkungen der falschen Voraussetzungen, von 
denen Borelli bei der Berechnung der Muskel - Kräfte ausging, 
bei diesem Gegenstande ganz besonders geltend. Er bestimmte 
die bei jedem Pulsschlage thätige Kraft des Herzens, unter Be- 
rücksichtigung des Widerstandes der (seiner Meinung nach sich 
immer mehr verengenden) Arterien, welchen er auf das Sechzig- 
fache der Herzkraft annahm, auf 18 000 Pfd., also für 24 Stunden 
auf mehr als 3000 Millionen Pfund! Dennoch, lehrte Borelli 
ferner, sey diese Kraft nicht hinreichend, um das Blut auch 
durch die Venen wieder zurückzutreiben •, in diesen steige es viel- 
mehr, unterstützt von den Klappen, nach dem Gesetze der Haar- 
röhrchen in die Höhe. 

Ein Theil dieser Schwierigkeiten wurde beseitigt, als Bellini 
nachwies, dass die Schnelligkeit der Blutbewegung mit der 
Theilung der Arterien in Aeste und Zweige sich fortwährend 
vermindert*, noch mehr, als gezeigt wurde, dass die Summe der 
Querschnitte der Arterien mit ihrer Entfernung vom Herzen fort- 
während zunimmt. Bohn sodann kehrte, um die Fehler der 
Borelli'schen Rechnung zu verbessern, zu der Annahme einer den 
Arterien inwohnenden Kraft der Bewegung zurück, welcher er 
den Uebergang des Blutes aus den ersteren in die Venen vor- 
zugsweise zuschrieb. Allerdings erhebt Bohn selbst das Be- 



') S. oben S. 289. 



Bereicherungen der Physiologie in der zweiten Hälfte des Jahrhundorts. 321 

Bewegung des Herzens nnd des Blutes. 

denken, dass die Arterien, je mehr sie sich theilen, zugleich 
immer dünnwandiger werden; eine Schwierigkeit, welche erst 
durch die Entdeckung der Muskelfasern der Gefässe gehoben 
werden konnte. — Das ferner von Bohn behufs der Ernährung 
der Körper-Gebilde zwischen den Arterien und Venen angenom- 
mene Parenchym wurde durch die mikroskopische Beobachtung 
des Blutlaufes und durch die Ergebnisse der Gefäss-Injectionen 
für immer beseitigt. 

Die ersten gelungenen Injectionen der feinsten Gefässe wurden im 
Jahre 1675 von Stephan Blankaard, Arzt zu Middelburg, ausgeführt. 
Steph. Blancardus, De circulaüone sanguinis per fihras. Amstel. 
1677. 12. Abgedruckt in dessen Jina^omm j^rad/m. Amstel. 1668. 12. 
p. 305 seq. — Aehnliche Versuche machte im Jahre 1680 ein Schüler 
Bohn's, Christian Joh. Lange, später Professor in Leipzig. Chr. 
Job. Lange, Diss. de circulatione sanguinis. Lips. 1680. 4. — Aber die 
Leistungen dieser Voi'gänger wurden durch die von Ruysch bei weitem 
übertroffen. S. oben S. 295. 

Der Antrieb zur Bewegung des Herzens wurde entweder in 
das dasselbe durchströmende Blut, oder in die durch die Nerven 
dem Herzen zugeführten «Lebensgeister» verlegt. Die letztere 
Meinung fand eine Hauptstütze an den Versuchen, welche 
Wepfer'') im Jahre 1679 über die Wirkungen des Schierlings 
und anderer Gifte bekannt machte. Die mit Nux vomica ver- 
gifteten Thiere z. B. zeigten nicht die geringste Veränderung 
des Blutes, dagegen waren die Muskelfasern des Herzens welk 
und erschlafft. An diese Untersuchungen Wepfer's schlössen 
sich die von Peyer^) und Härder, welche zeigten, dass das 
abgestorbene Herz von frisch getödteten Thieren und Gehängten 
durch Einblasen von Luft in den Ductus thoracicus und den 
rechten Vorhof von Neuem in Bewegung gesetzt werden könne. 

Peyer, Parerga anatomica. Genev. 1681. 8. p. 198. ed. 3. L. B. 
1786. 8. 

Am spitzfindigsten sind auch bei diesem Gegenstande die 
Erklärungen der Chemiatriker, z. B. von Vieussens, welcher 
die Arterien des Herz -Muskels in überaus feine «neurolympha- 
tische» Gefässe sich verästeln, und diese mit den Venen und den 
«Fleischgefässen» in Verbindung treten lässt. Den Antrieb zur 
Bewegung des Herzens gibt die Einwirkung des im Blute ent- 
haltenen «salzigen Schwefels» auf die «nitrösen Lebensgeister», 
welche durch die Nerven in das Herz eindringen. 



^) S. oben S. 311. ') S. oben S. 303. 

Haeser, Gesch. d. Med. II. 21 



322 I*ie neuere Zeit. Das siebzehnte Jahrhundert. 

Unter den Versuclien, die Menge des im menschlichen 
Körper befindlichen Blutes zu bestimmen, sind die von Allen 
Moulin, Arzt zu Trim in Irland, im Jahre 1687 unternommenen 
erwähnenswerth. Er schätzte dieselbe nach dem Gewichte des 
aus den geöffneten Arterien grösserer Thiere sich entleerenden 
Blutes bei dem erwachsenen Menschen auf ungefähr acht Pfund. 

A. Moulin, Phüosophical transactions. 1700. 

Die Entdeckung der Blutkörperchen durch Malpighi 
fällt in das Jahr 1665^). Er hatte sie schon im Jahre 1648 
bemerkt, aber für Fett - Körperchen gehalten. Allerdings sah 
Swammerdam schon im Jahre 1658 «eiförmige Körper» im 
Blute des Frosches, ohne seine Beobachtung zu veröffentlichen. 
Malpighi beschrieb die Blutkörperchen Anfangs als Korallen- 
artige Schnüre. Durch denselben Irrthum wurde wahrscheinlich 
auch Kirch er im Jahre 1673 verleitet, von «Würmern» im 
Blute eines Fieber-Kranken zu sprechen. — Ihre wahre Gestalt 
erkannte erst Leeuwenhoek. Er untersuchte sie bei allen 
Thierklassen, glaubte aber, dass sie überall fast von gleicher 
Grösse seyen. — Die Geschwindigkeit der Blutbewegung 
wurde gleichfalls am sorgfältigsten von Leeuwenhoek am 
Schwänze der Kaulquappe, des Aales, an der Schwimmhaut des 
Frosches und der Flughaut der Fledermaus untersucht. Seine 
Angaben kommen der Wahrheit sehr nahe. Zugleich untersuchte 
Leeuwenhoek die Veränderungen, welche die Blutbewegung durch 
Reizung der kleinsten Gefässe erfährt. 

Die ersten Versuche, die chemische Zusammensetzung 
des Blutes zu ergründen, konnten bei der Rohheit der ange- 
wendeten Methoden nur zu den grössten Irrthümern führen. So 
glaubten Chirac, Professor zu Montpellier, und Vieussens 
eine Säure im Blute entdeckt zu haben. Der deshalb entstan- 
dene Prioritäts- Streit war so heftig, dass er den Bruch ihrer 
bis dahin bestehenden Freundschaft herbeiführte. Vieussens fand 
diese Säure in dem Rückstande einer Blutmenge von 50 Pfund, 
welche er auf 4 Unzen in kupfernen Gefässen eingekocht hatte! 
Im Uebrigen gehören die Untersuchungen desselben über das 
Blut, die Lymphe und die Milch zu den sorgfältigeren. Für den 
eigentlichen nährenden Theil des Blutes erklärt er das Plasma. 
Lymphe ist das Residuum der zur Ernährung nicht verwendeten 

8) S. oben S. 278. 



i 



Bereicherungen d. Physiologie in d, zweiton Hälfte d. Jahrh. Blutmenge. Blutkörperchen. 32S 
Geschwindigkeit der Blutbewegung. Zusammensetzung des Blutes. Das NerTonsystem. 

serösen Bestandtheile des Blutes. Ferner ist Vieussens der Ent- 
decker der Ferment-Wirkung des Speichels. 

H. Yienssens, Supplementum anatomicum. 1710. p. 113. 



305. Höchst unvollkommen blieben noch lange Zeit die 
Ansichten über die Verrichtungen des Nervensystems. Am 
meisten wurde hier der Fortschritt vereitelt durch die grosse 
Dürftigkeit der anatomischen, namentlich der mikroskopischen 
Kenntniss des Gehirns; durch die Unkenntniss der Verschieden- 
heit der Empfindungs- und Beweguugs-Nerven, am meisten durch 
eingewurzelte Theorieen, welche durch vermeintliche und wirk- 
liche Entdeckungen neue Stützen zu gewinnen schienen. 

Den Mittelpunkt der herrschenden Anschauungen bildete die 
Lehre von den «Lebensgeistern». Die an verschiedenerlei «Spi- 
ritus» geknüpften Galenischen Kräfte hatten sich bequemen 
müssen, die ihnen von Alters her angewiesenen Stätten des 
Herzens, des Magens, der Leber u. s. w. zu verlassen; um so 
hartnäckiger suchten sie sich in dem letzten ihnen übrig ge- 
bliebenen Bollwerke, dem Gehirn, zu behaupten. Den weitesten 
Spielraum verstatteten ihnen diejenigen Aerzte, welche den «sper- 
matischen» Substanzen überhaupt, dem Ei weiss, namentlich dem 
des Vogel -Eies, den Drüsen, «Lebensgeister» zuerkannten. Im 
Uebrigen blieb dem Gutdünken eines Jeden überlassen, welche 
Vorstellungen über dieselben er sich machen wollte. — Auch hier 
begegnen wir dem Widerstreit der beiden Haupt-Parteien. Die 
decidirten latrophysiker wollen von «Lebensgeistern» überhaupt 
nichts hören, und führen mit Newton die ihnen zugeschriebenen 
Erscheinungen auf Schwingungen, Spannungen und Erschlaffun- 
gen der Nerven zurück. Die latrochemiker dagegen schildern 
dieselben als eine feine, dem Alkohol, dem Aether oder Aether- 
Dunst ähnliche Substanz. Andere freilich, z. B. Willis, ver- 
gleichen sie mit dem aus den Euphorbiaceen hervorquellenden 
Safte. «Die Nerven mögen hohl seyn oder nicht», sagt Glisson, 
«sie enthalten eine Flüssigkeit, welche im Tode verschwindet. 
In den Nervenfasern gehen Ströme auf und nieder, deren Ver- 
mischung durch die die ersteren isolirenden feinen Membranen 
verhütet wird». 

Schon früh wurde die Lehre von den «Lebensgeistern» mit 
dem Kreislaufe des Blutes in Verbindung gebracht. Das Material 
zu denselben wird vom Blute des linken Ventrikels und der 

21* 



324 D'6 neuere Zeit. Das siebzehnte Jahrhundert. 

«eingepflanzten Wärme» des Herzens geliefert. Ihre hauptsäch- 
lichste Bildungsstätte ist das Gehirn. Diese Irrthümer wurden 
bekräftigt durch Malpighi, welcher die Rindensubstanz des 
Gehirns als drüsenartig, mithin als zur Absonderung der «Lebens- 
geister» durchaus geeignet, schilderte. Auch später hielten Viele 
mit Wharton an der drüsigen Natur des Gehirns fest-, in dem 
durch den Schlund und die Nase abfliessenden Schleime er- 
blickten sie die bei der Bereitung der ersteren zurückbleibende 
Schlacke. Viele glaubten ferner, dass ausser dem Gehirn auch 
noch andere mit Ausführungsgängen nicht versehene Drüsen, 
besonders die Milz und die Drüsen des Mesenterium, zur Be- 
reitung eines den «Nervengeistern» ähnlichen Fluidums bestimmt 
seyen. Eine mächtige Stütze schien diese Ansicht durch die 
Entdeckung der Lymphgefässe zu erhalten. In Folge dieser 
gelangte man dazu, den «Lebensgeistern», gleich dem Blute, 
einen Kreislauf zuzuschreiben. Es wurde gelehrt, dass die im 
Gehirn bereiteten «Lebensgeister» in die Nerven übergehen und 
bis zu deren letzten Verzweigungen sich ergiessen, dass alsdann 
die abgenutzten Theile derselben von den Lymphgefässen auf- 
genommen und in den Venen-Strom zurückgeführt werden. Ihren 
entschiedensten Vertreter fanden diese Lehren an De le Boe 
Sylvius, dem Hauptbegründer der chemiatrischen Schule. 

Fr. Deleboe Sylvius, Notae de cerebro in C. Bartholini Insti- 
tutiones anatomicas. L. B. 1641. 8. — De spirituum animalium in cerebro 
cerebelloque confectione, per nervös distributione, atque tisu vario. L. B. 
1660. 4. 

Eine wesentliche Stütze erhielt die Hypothese von dem Kreis- 
laufe des Nerven -Fluidum zu Anfang des achtzehnten Jahrhun- 
derts durch Antonio Pacchioni aus Reggio in Calabrien 
(13. Juni 1665 — 5. Nov. 1726), einen Schüler Malpighi's, Arzt zu 
Tivoli und Rom. Dieser glaubte nämlich in der, übrigens von 
ihm sehr gut beschriebenen, Dura mater einen aus drei Muskeln 
und vier Sehnen zusammengesetzten Bewegungsapparat »efunden 
zu haben. Dieser Apparat und die durch denselben bewirkten 
Bewegungen des Gehirns und der «Nervengeister» erschienen 
ihm als das vollständige Seitenstück des Herzens und des Blut- 
Kreislaufes. 

Ant. Pacchioni, De durae matris fabrica et usii disquisitio ana- 

tomica. Rom. 1701. 8. — Dissertationes binae illustrandis durae 

meningis ejusque glandularum structurae atque usibus concinnatae. Rom. 
1713. — Dissertationes physico-anatomicae de dura meninge humana etc. 



Bereicherungen der Pliysiologie in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts. S25 

Verrichtungen des Nervensystems. Hirnhewegungen. Psychische Vorgänge. Das Auge. 

*Rom. 1721. 8. — Opp.omn. Rom. 1741. 4. — Bekanntlich führen die 
von Pacchioni entdeckten vermeintlichen Drüsen der Dura mater noch 
jetzt seinen Namen. 

Nichts war natürlicher, als dass hiernach fast die ganze 
Pathologie in Krankheiten des Blutes und der Nervengeister 
zerfiel. Erst durch Santorini, noch mehr durch Hall er, 
welcher die wahren Ursachen der Hirnbewegungen erläuterte, 
wurden diese Theorieeu für immer beseitigt. 

In Betreff der Functionen der einzelnen Theile des Gehirns 
zeigte Willis, dass das grosse Gehirn das Organ der willkür- 
lichen, das Cerebellum das der unwillkürlichen Bewegungen ist. 
Den Sitz der Sensibilität verlegte er in die Corpora striata, das 
Gedächtniss und die Einbildungskraft in die Marksubstanz u. s.w. 
— Die klarsten Vorstellungen über die psychologischen Vorgänge 
finden sich bei Glisson. Er betrachtet als die Grundvermögen 
der Seele die Perception, das Begehren und die Bewegung. Die 
Perception zerfällt wiederum in drei Arten : die jedem Körper 
zukommende «natürliche», die «sensitive» (durch die Sinne ver- 
mittelte) und die «animale», d, h. die Vorstellungen im engeren 
Sinne, welche wiederum in zugeleitete und spontan entstehende 
zerfallen. — Vielfache Mühe verursachte den Aerzten des 
siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts die Erklärung des 
Schlafens und Wachens. Die meisten beruhigten sich bei 
einem Wechsel der Spannung und Erschlaffung der Nerven- 
fasern. Gerathen während des Schlafes einzelne Partieen der 
Gehirnfasern in den Zustand der Spannung, so entsteht der Traum; 
umgekehrt im Wachen das Einschlafen der Glieder u. s. w. 

Am frühesten und glänzendsten bewährte sich die Anwendung 
der Physik auf die Pbysiologie in den Untersuchungen, welche 
neben den Anatomen die grössten Physiker den Sinneswerk- 
zeugen widmeten. — Schon durch Job. Kepler wurden die 
Grundlagen der physiologischen Optik so richtig festgestellt, dass 
spätere Untersuchungen dieselben nur haben bestätigen können. 
Bereits im Jahre 1604 zeigte er, dass die Linse nicht, wie man bis 
dahin glaubte, der Sitz des Sehvermögens ist, sondern ledig- 
lich die Bedeutung eines Licht-brechenden Mediums besitzt, dass 
die in umgekehrter Stellung auf die Netzhaut geworfenen Bilder 
der äusseren Gegenstände nur dazu dienen, die selbständige 
Wahrnehmung der Seele zu erregen. — Mit gleicher Sorgfalt 
und gleichem Erfolge wurde sowohl die Anatomie des Auges 
als die physiologische Optik von dem am Hofe zu Wien lebenden 



326 Dio neuere Zeit. Das siebzehnte Jahrhundort. 

Jesuiten Christoph Scheiner, einem ausgezeichneten Physiker 
und Astronom (gest. 1650), bearbeitet, und durch dieselben die 
Untersuchungen Kepler's in allen wesentlichen Punkten bestätigt. 

— Nicht geringe Verdienste um die Physiologie des Sehens 
erwarb sich auch Descartes. Er ist der Erste, welcher das 
Auge mit einer Camera obscura vergleicht, und die Bedeutung 
der Ciliarfortsätze für die Abänderungen der Wölbung der Linse 
hervorhebt. — Selbst der bald erkannte Irrthum von Edme 
Mari Ott e, Prior des Klosters S. Martin sous Beaune und Mit- 
glied der Pariser Akademie der Wissenschaften (gest. 1684), 
welcher durch den nach ihm genannten allbekannten Versuch 
zu der Meinung gelangte, dass nicht die Retina, sondern die 
Chorioidea das Organ der Lichtperception bilde, führte zu wich- 
tigen Aufschlüssen über die Bedeutung der Chorioidea u. s. w. 

— Die grösste Förderung wurde ferner der physiologischen 
Optik durch die Entdeckungen Newton's zuTheil: die Disper- 
sion des Lichtes und die Entstehung der Farben. 

Joh. Kepler, Dioptrice. Aug. Vind. 1611. 4. Lond. 1682. 8. 
Opera, ed. Frisch. Francof. 1858— 1870. 8. 

Chr. Scheiner, Ociilus, hoc est fundamentiim opticum etc. Oenop. 
1619. 4. Frib. Brisg. 1621. 4. Lond. 1642. 4. — Cartesius, 
Dioptrice. — S. ob. S. 238. 241. 

Edme Mariotte, Nouvelle decouverte siir la vue. Par. 1668. 4. 
1682. 4. L. B. 1717. 4. In dessen Oeuvres. Leide, 1717. 4. A la 
Haye, 1740. 4. 

Isaac Newton, Optica. Lond. 1709. 4. 1721. 8. 1729. 4. u. s. w. 

Die frühesten Verdienste um die Anatomie des Gehörorgans 
erwarb sich Casserio^). Mit besonderer Sorgfalt beschrieb er 
die Gehörknöchelchen und ihre Muskeln, deren Kenntniss er 
durch die Entdeckung des Tensor tympani minor bereicherte. 

— Fast vierzig Jahre später (um das Jahr 1640) fügte De le 
Boe Sylvius die erste neue Entdeckung hinzu: die eines 
Knöchelchens zwischen dem herabsteigenden Schenkel des Am- 
boses und dem Köpfchen des Steigbügels. — Zu den wichtigsten 
Untersuchungen gehören die von Claude Perrault^), welcher 
zuerst die auf dem Spiralblatte der Schnecke sich ausbreitenden 
Nervenfäden als das Organ der Gehör-Empfindung nachwies^), 

— die von Jean Meryaus Vatan (6. Jan. 1645—3. Nov. 1722), 



') S. oben S. 54. ") g^ oben S. 313. 

^) Claude Perrault, Oeuvres diverses de physique et de mechanique. 
Leide, 1721. 4. IL 241 seq. 



1 



Bereicherungen der Physiologie in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts. 327 

Auge. Ohr. Zunge. Haut. Muslielthätigkeit. Thierische Bewegung üherhaupt. 

Oberwundarzt des Hotel-Dieu in Paris ^), — vor Allen die von 
du Verney^). 

In Betreff des Geschmacks-Organs genügt die Bemerkung, 
dass Malpighi und Bellini'^) die Papillen der Zunge als die 
Organe der Geschmacks -Empfindung nachwiesen. Malpighi 
zeigte ferner, dass die Papillen der Haut dieselbe Bedeutung für 
das Tast-Organ besitzen. Bohn^) sodann bewies bereits die 
Verschiedenheit des Tast- und Wärme-Sinnes. 



Muskelthätigkeit. Thierische Bewegung' überhaupt. 

306. Durch den ungeahnten Aufschwung der Astronomie 
und der mathematischen Physik war die Lehre von der Be- 
wegung zur Grundlage der Naturwissenschaft geworden. Harvey 
hatte die Physiologie mit der Kenntniss von der fundamentalsten 
aller thierischen Bewegungen bereichert. Mit Nothwendigkeit 
wurden die Aerzte dazu geführt, dem Vorgange der animalen 
Bewegung überhaupt, ihren Erscheinungen, Organen und Be- 
dingungen, die sorgfältigste Untersuchung zuzuwenden. Es wird 
sich zeigen, dass diese, schon die Philosophen des frühesten 
Alterthums beschäftigende, Lehre zum Ausgangspunkte aller auf 
die wissenschaftliche Begründung der Physiologie und der Heil- 
kunde gerichteten Bemühungen des siebzehnten und achtzehnten 
Jahrhunderts sich gestaltete. Diese Bemühungen sind die Quelle 
der medicinischen Systeme, von denen bis in den Anfang 
unsres Jahrhunderts hinein nicht wenige der begabtesten Aerzte 
das Heil der Wissenschaft erwarteten. 

Die Grundlage aller dieser Untersuchungen bildet das Werk 
Borelli's über die Beivegung der Thiere^). Es beruht auf dem 
Satze, dass alle Vorgänge im lebenden Körper von der Spannung 
der festen und von der Dichtigkeit der flüssigen Theile abhängig 
sind. In dieser Schrift werden zunächst die beweglichen Knochen 
des Skelets und die an dieselben sich anheftenden Muskeln als 
physikalische Hebel-Apparate betrachtet, deren Bewegungen von 
der Länge der Hebel-Arme, der Grösse der Lasten, der Lage 



*) J. Mery, Ihscription exacte de l'oreiMe; in Lamy, De l'ame sensitive. 
Par. 1677. 12.? 1678. 12. 
') S. oben S. 300. 

«) S. oben S. 284 und 286. ') S. oben S. 303. 

') S. oben S. 284. 



328 Die neuere Zeit. Das siebzehnte Jahrhundert. 

der Hypomochlieii, dem Verhältniss der Muskeln zu den letzteren, 
ihrer Stärke, der Grösse ihrer Ansatz -Winkel u. s. w. bedingt 
sind. Die Kraft eines Muskels berechnete Borelli nach dem 
Gewichte, welches erforderlich ist, um seine Fasern zu zerreissen. 
Allerdings führte der Eifer für die mathematische Begründung 
der Physiologie einzelne Anhänger Borelli's so weit, den Pytha- 
goreischen Lehrsatz und die Theorie von dem Parallelogramm 
der Kräfte auf die Erscheinungen, welche contrahirte Muskel- 
fasern unter dem Mikroskope zeigen, und auf die Winkel an- 
zuwenden, unter denen die Chylus-Gefässe aus dem Darm her- 
vortreten. Aber so fehlerhaft die Voraussetzungen auch seyn 
mochten, von denen Borelli ausging, so irrig die Folgerungen, 
zu denen er gelangte, das Ziel, welches er vor Augen hatte, 
die Methode, die er gebrauchte, es zu erreichen, sichern seinem 
Werke unvergänglichen Werth. 

Zu den gediegensten Untersuchungen über die Thätigkeit 
der Muskeln gehören die von Steno^). Auf die letzte Ursache 
der Muskel-Bewegung, das «Nerven-Fluidum», geht derselbe nicht 
ein. Im Uebrigen gelangt er zu folgenden Ergebnissen. 

Bei der Contraction eines Muskels verkürzen sich sämmtliche Fasern 
desselben und der Muskel wird hart. Die Sehnen nehmen an dieser Ver- 
kürzung keinen Antheil. — Auf den höchsten Grad der Contraction folgt 
eine geringe Verlängerung der Muskel -Fasern. — Quer durchschnittene 
Muskeln contrahiren sich zuerst in geringem Grade, um sich alsdann 
dauernd zu verlängern. — Dieselbe Wirkung hat die Durchschneidung 
der den betreffenden Muskel versorgenden Nerven und Gefässe. 

Aber weit mehr noch als durch die einzelnen Formen der 
thierischen Bewegung wurde das Interesse der Physiologen des 
siebzehnten Jahrhunderts durch die Frage nach den letzten Be- 
dingungen derselben in Anspruch genommen. Caspar Bartho- 
linus der EnkeP) wusste bereits, dass die Muskeln auch nach 
Entfernung des Gehirns und der Nerven beweglich bleiben. Dass 
selbst höhere Thiere ohne Gehirn zu existiren vermögen, zeigte 
Redi^) an Schildkröten, welche die Exstirpation dieses Organs 
sechs Monate überlebten. Auch de Marchettis^) hatte (im 
Jahre 1652) dem Herzen und den Darmmuskeln eine ursprüng- 
liche, von dem Gehirn unabhängige, Bewegungsfähigkeit zuer- 
kannt. 

«Cor haud quaquam externo et adventitio impulsu cietur, sed in se 



2) S. oben S. 306. ^) S. oben S. 306. 
*) S. oben S. 286. ') S. oben S. 283. 



Bereichorungen der Physiologie in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts. 329 

Muskelthätigkeit. Thierische Bewegung überhaupt. 

ipso agitatur et palpitat, neque motionis suae initium habet a cerebro» etc. 
de Marchettis, Anatoinia. Patav. 1652. 4. 1654. 4. Harderov. 
1656. 12. 

Auch auf diesen Gegenstand richtete Steno schon früh seine 
volle Aufmerksamkeit, In seiner Myologia geomefrica zeigte er 
bereits, dass die Contractions-Fähigkeit eines Muskels auch durch 
die Durchschneidung seiner Nerven und Gefässe nicht aufge- 
hoben wird, dass (vs^ie auch Swammerdam bestätigte) bei 
Fröschen die Fähigkeit der Bewegung selbst durch die Beseiti- 
gung des Gehirns und des Herzens nicht erlischt, dass die Unter- 
bindung der Aorta Lähmung der Muskeln des Hinterleibes zur 
Folge hat. 

Mit überraschender Klarheit finden wir die Theorie von der 
immanenten Bewegungs-Fähigkeit der Muskeln, den Keim zu der 
Lehre von der Irritabilität, bei Willis entwickelt^). — Die 
thierische Bewegung besteht nach ihm in der Fähigkeit des 
Muskel-Gewebes sich zusammen zu ziehen: der «Copula elastica». 
Der Antrieb zu der Bewegung entspringt in den Central -Or- 
ganen des Nervensystems ; das Vermittlungsglied zwischen diesen 
und der «Copula elastica» ist der «Impetus motivus», welcher 
von den in den Nerven herbeiströmenden «Lebensgeistern» aus- 
geht. Allerdings ist Willis noch ungewiss, ob er die -Contracti- 
lität der Muskeln für eine denselben zufolge ihres Baues un- 
mittelbar zukommende Eigenschaft, oder für die Wirkung anderer 
Ursachen halten soll. An mehreren Stellen setzt er die «Copula 
elastica» mit der Ernährung der Muskeln in Verbindung; an 
andern spricht er von «Lebensgeistern» der Muskeln, welche 
«wie in einem Teiche ruhen» und durch den «Impetus motivus» 
der Spiritus vitales in Thätigkeit gesetzt werden. 

Auf diesen Vorarbeiten von Steno und Willis beruhen die 
eingehenden Untersuchungen von G 1 i s s s o n ^). Sie dienen zu- 
gleich als ein Beispiel der Unbefangenheit, mit welcher noch 
immer selbst hervorragende Anatomen, entschiedene Anhänger 
der exakten Methode, bei der Bearbeitung der schwierigsten Pro- 
bleme der Physiologie sich von philosophischen Voraussetzungen 
leiten Hessen. 

In Glisson's erster Schrift, der Anatomie der Leber, erscheint 
die «Reizung» («irritatio») noch als eine ganz allgemeine Ursache 
physiologischer Vorgänge, z. B. der wechselnden Menge der 



^) S. oben S. 288. ') Das. 



330 Die neuere Zeit. Das siebzehnte Jahrhundert. 

Gallen-Secretion. In der Schrift de naturae substantia energetica^) 
schildert Glisson die «Irritabilität» im weitesten Sinne als eine 
der Materie überhaupt in den verschiedensten Abstufungen zu- 
kommende Grund-Eigenschaft : als die Fähigkeit, durch Reize er- 
regt zu werden. Die allgemeinen Formen derselben erscheinen 
alsdann als «Perception», «Begehren» und «Bewegung», welche 
wiederum in den Abstufungen der «natürlichen», «sensitiven» 
und «animalen» Entwickelung sich darstellen. 

In ihrer ausgebildetsten Gestalt erscheint die Irritabilität (wie 
besonders in der Schrift de ventriculo et intestinis gezeigt wird) 
bei den thierischen Wesen, Bei ihnen ist der Träger derselben 
die «fibra», d. h. ein überaus zartes, dem Spinnen-Gewebe ähn- 
liches, aber schwer zerreissbares, mit Contractilität und Expan- 
sibilität ausgestattetes Gebilde. Aus solchen «Fibern» bestehen 
die Muskeln, Nerven, Sehnen, der Darm, die Haut, die Nieren. 
Nicht aus Fibern zusammengesetzt sind die Knochen,, das Blut, 
das Fett. Aber auch diese Gebilde entbehren keineswegs der 
Fähigkeit der «Perception», nur dass sich dieselbe auf die 
«natürliche» Stufe beschränkt. 

Die auf die thierischen Wesen wirkenden Reize sind ent- 
weder äussere oder innere. Die durch die ersteren bewirkte 
Erregung der «Fiber» bleibt entweder auf diese beschränkt 
(«Perceptio naturalis») oder sie pflanzt sich auf die Nerven fort 
und gelangt durch diese zum Gehirn («Perceptio sensitiva»). 
D. h. die durch äussere Reize erregten Bewegungen zerfallen in 
unbewusste und bewusste. Die durch innere Reize erregten 
Bewegungen entstehen, indem die «Phantasia» und der «Sensus 
internus» entweder durch einen äusseren Reiz [Reflex-Erregung] 
oder durch den Willen in Thätigkeit gesetzt werden. 

Die Theorie Glisson's enthält unleugbar den Keim zu der 
ein halbes Jahrhundert später von Hall er begründeten Lehre 
von der «Irritabilität». Dennoch haben Beide im Grunde nur 
dieses Wort mit einander gemein. Der englische Physiolog be- 
zeichnet mit demselben eine allgemeine Eigenschaft aller orga- 
nischen, hauptsächlich der thierischen Gebilde, vor allen der 
«Fibra». Aber so wenig als die «Fibra» irgendwie Anspruch 
darauf hat, als anatomische Realität zu gelten, so wenig ist die 
derselben beigelegte «Irritabilität» mehr als eine philosophische 



^) Diese in der Original-Ausgabe äusserst seltne Schrift erschien *Lond. 
1672. 4. [Univ.-Bibl. Breslau.] 



Bereicherungen dor Physiologie in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts. SSI 

Thierische Bewegung. Glisson. Mayow. Baglivi. 

Fiction; die Irritabilität Haller's dagegen ist eine physiologische 
Thatsache, eine durch das Experiment bewiesene Eigenschaft 
bestimmter lebender Gebilde. 

Hall er selbst {Bibl. anat. I. 452) beurtheilt Glisson's Irritabilitäts- 
theorie folgendermassen : «Senile opus plus habet ratiocinii, anatomes 
miuus. Neque tarnen eo minus eximia plurima continet, physiologica et 
anatomica. Fibrae naturam omnium primus contemplatus est. De irri- 
tabilitate nemo ante Glissonium rectius cogitavit, quam equidem paulo 
liberalius omnibus corporis humani partibus tribuit, etiam fluidis. Motum 
cordis primus ab irritatione derivavit; gradus irritabilitatis definivit; 
nimiam fecit et nimis parvam aque sensu distinxit; ipsum demum nomen 
excogitavit». — G. H. Meyer, Glissons Irritahilitäts- und Sensihilitäts- 
lehre; in Haeser's Archiv für die gesammte Medicin, V. 1 ff. — C. 
Müller, Francisci GUssonii theoremata de perceptione, appetitu et motu. 
Diss. Berl. 1846. 8. (pp. 34.) 

Unter den ferneren Bearbeitungen dieses Gegenstandes ist 
die von Mayow'') hervorzuheben, dessen Scharfblick sich auch 
bei dieser Gelegenheit geltend macht. In Hinblick auf die 
Steigerung der Athembewegungen bei körperlichen Anstrengungen 
schreibt er den Fermentations-fähigen «nitrösen» Bestandtheilen 
der atmosphärischen Luft eine Rolle bei der Muskelthätigkeit zu. 

Sehr ausführlich untersucht denselben Gegenstand im Jahre 
1701 Baglivi^*') in seinen Abhandlungen de fibra motrice et 
morbosa, de anatome fihrarum^ de motu mnsculorum et de morhis 
solidorum. Er unterscheidet in den contractilen Gebilden des 
Körpers «fleischige» und «häutige» Fasern («fibrae») [im wesent- 
lichen quergestreifte und glatte Muskelfasern], welche die Eigen- 
schaft der Contractilität («Nisus, elater, vis systaltica») besitzen; 
die Quelle dieser Eigenschaft ist das die «Faser» ernährende Blut. 
Ausserdem schreibt er dem Blute noch eine mechanische Mit- 
wirkung bei der Bewegung zu, indem er glaubt, dass die zwi- 
schen den feinsten Abschnitten der Muskelfasern rollenden Blut- 
körperchen als Hypomochlien wirken. Die Nerven gelten auch 
bei Baglivi nur als Erreger der Muskeln. 

«Examinata saepe diligenter [musculorum] fabrica et ingenti sanguinis 
copia undique circumfusa, quae non nutritioni solum, sed nobilioribus 
usibus destinata est, asserere coepi, praecipuam, ne dicam totam vim 
motus sive potentiam moventem musculorum in ipsis residere musculis, 
id est in peculiari fibrarum artificio, earumque cum sanguineo fomento 
proportionata mixtione et impulsu; spiritus vero fluentes per nervös nihil 



«) S. oben S. 289. '") S. unten § 309. 



332 Die neuere Zeit. Das siebzehnte Jalirhun dert. 

aliud quam determinationem ad motum praestare». Baglivi, Opera. 
L. B. 1710. 4. p. 401. 



Geschlechts-Werkzenge. Zeugang. Entwickelung. 

H i s , die Theorieen der geschlechtlichen Zeugung, Archiv für Anthropologie. 
IV. 1870. — Th. Bischoff, Geschichtliche Bemerkungen zu der Lehre von 
der Befruchtung und der ersten Entwickelung des Säugethier-Eies. Wiener 
med. Wochenschrift. 1875. No. 9. 

307. Nächst der Lehre von der Bewegung und Bereitung 
des Blutes erfuhr kein andrer Theil der Anatomie und Physio- 
logie so grosse Bereicherungen, als die Lehre von den Verrich- 
tungen der Geschlechts-Werkzeuge und von der Entwickelung 
der Thiere und des Menschen. Seit ältester Zeit hatte dieser 
Gegenstand auf Naturforscher und Aerzte besondere Anziehungs- 
kraft ausgeübt. Dennoch blieb gerade über dieses Gebiet fort- 
während die grösste Dunkelheit verbreitet. 

Der Bau der männlichen Geschlechtsorgane wurde von 
Highmore, dem Entdecker des nach ihm benannten Gebildes 
am Hoden, hauptsächlich von de Graaf untersucht^). 

Die lange Reihe der während des siebzehnten Jahrhunderts 
hervortretenden Arbeiten, welche den Bau und die Verrichtungen 
der weiblichen Genitalien, vornämlich die Entwicke- 
lungs-Geschichte betreffen, wird eröffnet durch die Fabrizio's 
von Acquapendente, welcher, gegenüber der alten Lehre, 
dass viele lebende Geschöpfe, selbst Thiere höherer Ordnung 
(Schlangen, Frösche u. s. w.), durch Urzeugung entstehen können, 
den Satz aussprach, dass die meisten Thiere aus Eiern hervor- 
gehen. Zugleich finden sich bei ihm die ersten Beschreibungen 
und Abbildungen von der Entwickelung des Hühnchens, der 
Säugethiere und des Menschen. 

Fabricius ab Acquapendente, De forniato foetu. Patav. 1615. 
4. — Vergl. oben S. 53. 

Unzweifelhaft waren es diese Untersuchungen Fabrizio's, 
welche seinen grossen Schüler, den unsterblichen Entdecker des 
Blut-Kreislaufs, dazu anregten, demselben Gegenstande viel- 
jährige Studien zu widmen. Harvey veröffentlichte dieselben 
in der im Jahre 1651 erschienenen Schrift über die Entivickelung 
der Thiere'^). Dieselbe gründet sich auf überaus zahlreiche Be- 



») S. oben S. 288 und 292. ''') S. oben S. 253. 



Beroicherungen der Physiologie in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts. Geschlechts- QQQ 
Werkzeuge. Entwickelung. Fabrizio. Harvey. Entdeckung der wahren Natur d. Ovarien. 

obachtungen in allen Thierklassen, namentlich des Hirsches, des 
Rehes und des bebrüteten Hühner-Eies, welche so vollständig 
sind, als es bei dem Gebrauche sehr unvollkommener Mikroskope 
möglich war. Ihr wichtigstes Ergebniss bestand in der Fest- 
stellung der Thatsache, dass in allen Thierklassen das Material 
zur Bildung und Entwickelung der Frucht von dem Ei geliefert 
wird, und dass der männliche Samen nur zur Anregung dieser 
Entwickelung dient. «Omne animal ex ovo»! 

Harvey erfreute sich bei diesen Untersuchungen der ausgedehntesten 
Unterstützung König Karl's I., welcher ihm für dieselben den grossen 
Wildstand des Parkes von Windsor u. s. w. zur Verfügung stellte. Die 
Schrift von der Entstehung der Thiere liefert den Beweis, dass der grosse 
Physiolog sich die vollständigste Kenntniss aller die geschlechtlichen Zu- 
stände des Edelwilds betreffenden Verhältnisse verschafft hatte. 

Von Epoche -machender Bedeutung indess wurde erst die 
Entdeckung der wahren Natur der Ovarien bei den höheren 
Thieren und dem Menschen. — Seit alter Zeit galten die «Testes 
muliebres» für die Bereitungs- Stätte des «weiblichen Samens», 
aus dessen Vermischung mit dem männlichen die Befruchtung 
erklärt wurde. Selbst noch Harvey verglich die Ovarien der 
höheren Thiere, besonders der Zweihufer, mit der Prostata und 
den Mesenterial-Drüsen , welche nach seiner Meinung nur zur 
Befestigung der Gefässe und zur Absonderung einer die Theile 
schlüpfrig erhaltenden Feuchtigkeit dienen sollten. 

Harvey, De gener atione animalium. Exerc. 65. 

Das Vorhandenseyn kleiner Bläschen-artiger Körper in den 
«weiblichen Hoden» war keineswegs unbekannt, aber sie galten 
für pathologische, den Hydatiden ähnliche, Gebilde. Wem das 
Verdienst zukommt, die wahre Natur der Ovarien entdeckt zu 
haben, ist ungewiss. Wahrscheinlich vertheilt sich dasselbe auf 
van Home, dessen Beschreibung derselben im Jahre 1668 er- 
schien^), auf Swammerdam, Horne's Zeichner, welcher nach 
dessen Tode die Entdeckung für sich in Anspruch nahm*), und 
de Graaf, welcher jedenfalls die Kenntniss dieses Gegenstandes 
am meisten förderte, obschon es ihm nicht gelang, das Ei im 
Ovarium nachzuweisen. Dagegen entdeckte er die nach ihm 
genannten Follikel, welche er freilich für Produkte der Befruch- 
tung erklärte, und erläuterte das Verhältniss der Ovarien zu 
den Tuben, in denen er ein Ei aufgefunden zu haben glaubte. 

*) S. oben S. 292. *) S. oben S. 299. 



334 Die neuere Zeit. Das sietzehnto Jahrhundert. 

Von Interesse ist die bei Ke rekring, welcher vier Tage alte mensch- 
liche Embryonen gesehen zu haben glaubte, sich findende Bemerkung, dass 
aufmerksame Frauen ihm mittheilten, es werde, bei Frauen und Jung- 
frauen, bei jeder Menstruation ein Ei ausgestossen. Kerckring, Änthro- 
pogeniae icJmographia [S. oben S. 304], cap. 1. 

Die durch Fabrizio und Harvey begründete Lehre von der 
Entwickelung der Frucht aus dem Ei wurde durch die von 
S warn m er dam bei zahlreichen Thieren, besonders bei Fröschen, 
Insekten und bei den Pflanzen angestellten Untersuchungen, am 
meisten durch die Arbeiten von Malpighi und Redi^) zu 
allgemeiner Anerkennung gebracht, und in dem Satze «Omne 
vivum ex ovo» zusammengefasst. Malpighi namentlich gab 
die erste zusammenhängende Geschichte der Entwickelung des 
Hühnchens mit vielen feinen Bemerkungen und verhältnissmässig 
schon sehr guten Abbildungen. 

Am deutlichsten ergibt sich der Standpunkt, zu welchem diese Lehre 
um die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts gelangt war, aus der Dar- 
stellung von Bohn (S. oben S. 303) in dessen Circuhis anatoniico-physio- 
logicus. Die Befruchtung erfolgt durch die begeistigende Kraft des Samens, 
welcher durch die poröse Substanz des Uterus zu dem Ovarium dringt. 
In Folge dessen wird das Ei von dem Ovarium losgerissen, und durch die 
Tuben zu dem Uterus geführt. An der Stelle des Eies bleibt im Ovarium 
der gelbe Fleck zurück. Die Ei-nährung der im Ei präformirten Frucht 
erfolgt durch die zwischen dem mütterlichen und kindlichen Theile der 
Placenta befindliche «chylöse» Flüssigkeit, welche von den Brüsten des 
Fötus abgesondert und zum Theil von demselben verschluckt wird. 

Einen neuen Abschnitt in der Entwickelung dieser Lehre 
bezeichnet die in den August des Jahres 1677 fallende Ent- 
deckung der «Samenthierchen» durch Joh. Harn aus Arn- 
heim (gest. nach 1723), damals Student in Leyden, welcher später 
in seiner Vaterstadt als Arzt und Bürgermeister zu hohem Ansehn 
gelangte. Die Entdeckung Ham's wurde sofort von L e e u w e n- 
hoek bestätigt und gegen die später von Nicolaas Hartsoeker 
aus Gouda (1656 — 1725), einem zu Utrecht lebenden Natur- 
forscher, erhobenen Prioritäts-Ansprüche in Schutz genommen. 

Leeuwenhoek, Philos. transactions, 1677. Dec. 142. — 1678. 
Jan. u. Febr. — Irrig wurde bisher, nach Haller's Vorgang, in Folge einer 
Namen -Verwechslung, Ludwig von Hamm en aus Danzig (1652 — 1689), 
welcher gleichzeitig mit Joh. Ham in Leyden studirte, und später Leibarzt 
des Königs Joh. Sobiesky war, als Entdecker der Samenfäden genannt. 
Halbertsma (S. oben S. 298) hat durch das Zeugniss Leeuwenhoek's den 



^) S. oben S. 285 und 286. 



Bereichornngen der Physiologie in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts. S3^ 

Befruchtung. Entdeckung der Samenfäden. Der fötale Kreislauf. 

Irrthum Haller's beseitigt. Nie. Hartsoeker, Extrait critique des 
lettres de Mr. Leemvenhoek, p. 45 ; in dessen Cours de physique. A la 
Haye. 1730. p. 45. 

Es ist sehr erklärlich, dass viele Naturforscher, an ihrer 
Spitze Leeuwenhoek, welcher die «Samenthierchen» für alle 
Thierklassen nachwies, in denselben die eigentlichen Keime der 
Frucht zu erblicken und mit ihnen das Räthsel der Befruchtung 
gelöst zu haben glaubten. Mit grösster Entschiedenheit, ja mit 
leidenschaftlicher Heftigkeit, trat namentlich Leeuwenhoek selbst 
für die neu gewonnene Theorie der «Animaliculisten» den 
«Ovisten» gegenüber in die Schranken. Zu noch phantasti- 
scheren Vorstellungen gelangten Hartsoeker und Nicolas 
Andry aus Lyon (1658 — 1742), Prof. zu Paris, welche unter 
Anderm die (natürlich nicht auf Beobachtungen sich stützende) 
Meinung äusserten, dass die «Samenthierchen» in das Ei schlüpfen 
und in demselben ihre Nahrung finden. Aber sogar L e i b n i t z 
Hess sich dazu hinreissen, von Unsterblichkeit der Samenthier- 
chen zu sprechen. 

Hartsoeker, a. a. 0. — N. Andry, De ?a ghieration des vers 
dans le Corps de l'homme. Par. 1700. 12. p. 191. Amsteld. 1701. 12. 
— Leibnitz, bei Fontenelle, Eloge de Hartsoeker in Oeuvres de 
Fontenelle. VI. p. 270. 271. 280. 285. 

Allen diesen Hypothesen machte endlich Antonio Val- 
lisneri aus Trisilico bei Modena (1662 — 1730), Professor zu 
Padua, dadurch ein Ende, dass er durch sorgfältige Unter- 
suchungen die Bedeutung des Eies für die Entwickelung der 
Frucht bestätigte, wobei er allerdings die «Samenthierchen» für 
unwesentliche Bestandtheile des Sperma erklärte. 

Ant. Vallisneri, Istoria della generazione delV uomo e degli animali, 
se sia da vermiceUi siyermatici o sia dalle uova. Venez. 1721. 4. Deutsch: 
Lemgo, 1739. 8. — Letter e critiche. Venez. 1721. 4. p. 145. 167. 
Opere fisico-mediche. Venez. 1733. f. 

Allerdings fehlte es noch bis weit in das achtzehnte Jahr- 
hundert hinein keineswegs an Naturforschern, welche dadurch, 
dass sie für die Generatio originaria in die Schranken traten, 
unter Anderm den Spott Voltaire's herausforderten. 

F. Dav. Strauss, Voltaire. Berlin, 1870. 8. S. 230. 

Das Verhalten des fötalen Kreislaufs wurde am sorgfältigsten 
von du Verney^) untersucht, die Ernährung des Fötus durch 



«) S. oben S. 300. 



336 Die neuere Zeit, Das siebzehnte Jahrhundert. 

das Blut der Mutter von Needham^) nachgewiesen. — In Betreff 
der Placenta und der Eihäute verdienen die Untersuchungen 
von Nicolaas Hoboken aus Utrecht (1682 — 1678), Professor 
daselbst, und von Steno^), in Betreff des Nabelstranges die 
von Wharton^) hervorgehoben zu werden. 

Nie. Hoboken, Änatomia secundinae humanae. Ultraj. 1669. 8. 
1675. 8. 



Die praktische Medicin im siebzehnten Jahrhundert. 

308. Es konnte nicht fehlen, dass der mächtige Aufschwung, 
welchen die Grundlagen unsrer Wissenschaft während der zweiten 
Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts erfahren hatten, auch auf 
die praktischen Zweige derselben die segensreichste Wirkung 
äusserten. Am deutlichsten zeigte sich dieselbe in der Er- 
weiterung und Vervollkommnung der ärztlichen Beobachtung, 
in dem wachsenden Ansehn der exakten Methode. Aber diese 
heilsame Veränderung trat keineswegs in dem Umfange hervor, 
den man hätte erwarten sollen ; am wenigsten erfüllten sich die 
Hoffnungen der heissblütigen Fortschritts -Männer. Ihr unge- 
stümes Vorwärts -Drängen stiess aller Orten auf den vielfach 
berechtigten Widerstand, welchen die Conservativen Dem, was 
sie als den Ruin der Heilkunde betrachteten, entgegen stellten. 

Einen nicht geringen Antheil an der Erweiterung der ärzt- 
lichen Erfahrung hatte der seit der Gründung europäischer Co- 
lonieen in Amerika, Asien und Afrika überaus lebhafte See- Ver- 
kehr, welcher zu zahlreichen Beobachtungen über die Natur- 
produkte, das Klima, die Krankheiten und die Heilmittel fremder 
Welttheile Veranlassung gab. 

Noch weit mehr wurde die praktische Heilkunde durch die 
wachsende Zahl der klinischen Lehr- Anstalten und die Verbes- 
serung des klinischen Unterrichts gefördert. Von Dem, was in 
dieser Hinsicht in Italien bestand, ist früher gesprochen worden^). 
Den blühendsten Zustand zeigten die Universitäten der Nieder- 
lande, vor allen Leyden. Hier folgte auf Heurnius und Schre- 
velius im Jahre 1648 ein Deutscher, Albert Kyper aus Königs- 
berg, auf diesen zehn Jahre später der berühmte De le Boß 
Sylvius. 



') S. oben S. 289. «) S. oben S. 306. ") S. oben S. 288. 

') S. oben S. 129. 



Die praktische Medicin. Klinischer Unterricht. 337 

Groshans, Het onderwijs in de geneeskunde te Leiden in 1663. In : 
Tijdschrift der Maatschappij tot hevordering der Geneeskunde. 1856. Jan. 
et Febr. jj. 15 seq. 

Am dürftigsten war es um den klinischen Unterricht in 
Frankreich und Deutschland bestellt. Allerdings gründete Re- 
naudot, der Erfinder des Lombard's und der Herausgeber der 
ersten politischen Zeitung^) in Paris auch eine Poliklinik; dieselbe 
gelangte aber nur zu geringer Bedeutung. — Im Uebrigen be- 
währte Frankreich von neuem, dass in Despotieen die Wissen- 
schaft nicht zu gedeihen vermag. Nicht zum wenigsten haftet 
an vielen von den französischen Aerzten die Schmach, dass sie 
in feiger Unterwürfigkeit unter die Launen wollüstiger Macht- 
haber und feiler Höflinge zu niedrigen Lakaien herabsanken, 
dass ihnen jedes Gefühl für die Ehre ihres Berufs verloren ging. 
Und gerade sie, vor allen die Fakultät von Paris, stellten sich 
an die Spitze der Reaction. Wie sie vor hundert Jahren Ve- 
salius und Paracelsus verfolgt hatte, so erhob sie sich nunmehr 
gegen die Entdeckung Harvey's und alle aus ihr hervorgehenden 
Neuerungen. Gerade so hartnäckig, wie sie an der veralteten 
scholastischen Lehrweise, an unendlichen geistlosen Disputa- 
tionen, an einem abgeschmackten Ceremoniell fest hielt, verthei- 
digte die Fakultät von Paris die unwandelbaren Dogmen eines, 
namentlich in seinem therapeutischen Theile, zum Zerrbilde ent- 
arteten Galenismus. 

Unvergänglich sind die Denkmäler, welche Moliöre in mehreren seiner 
besten Lustspiele, namentlich im Malade imaginaire und Medecin malgre 
lui in der köstlichen Figur des Dr. Diafoirus, in seiner Disputation gegen 
die «circulateurs», seinem «seignare, ensuita purgare, reseignare et re- 
purgare» der Pedanterie der Fakultät errichtet hat. Gewiss trug, wie 
Moehsen sagt, der Spott des französischen Aristophanes sehr viel dazu bei, 
den Missbrauch der Aderlässe und Abführmittel zu beschränken. — Vergl. 
die vortreffliche Schrift von M a u r. Raynaud, Les medecins au temps 
de Möllere. Paris, 1862. 8. (pp. 468.), deren Einleitung eine ausführ- 
liche Geschichte der medicinischen Fakultät zu Paris, ihrer Verfassung, 
des Unterrichts, der Prüfungen u. s. w. enthält. — Schweitzer, Mauere's 
Tod und sein letztes Werk: «Le malade imaginaire». Vortrag. Wiesbaden, 
1873. — Molifere starb bekanntlich (am 7. Febr. 1673) an einem Blut- 
sturze, welcher eintrat, als er in der Rolle des Argan in der Promotions- 
Scenedas Wort «Juro» ausrief. — Eben so werden die «grands seigneurs» 
verspottet in der Person des Dr. Sangrado im Gil-Blas von Lesage. — 



^)Fel. Reybaud, Theophraste Uenaudot, createur du journalisme en 
France. Paris, 1856. 12. 
Haeser, Gesch. d. Med. JI. 22 



338 Die neuere Zeit. Das siebzehnte Jahrhundert, 

Ferner ist eine vielleicht von Scarron herrührende Satire auf die Aerzte 
jener Zeit vor kurzem veröffentlicht worden : E. de Barthelemy, Les 
niedecins au 17'^ne siede. Satyre attribuee ä Scarron, puhliee d'apres un 
manuscrit de la hibliotheque imperiale. Paris, 1871. 8. (pp. 32.) Nur in 
50 Exemplaren gedruckt. 

Eine reiche Quelle für diesen Gegenstand ist das von M. J. A. Le 
R i herausgegebene Journal de la sante du roi Louis XIV. de Vannee 
1711, ecrit par Vallot, d'Äquin et Fagon, tous trois ses premiers medecins. 
Paris [Durand], 1862. 8. Das Original auf der Pariser Bibliothek, eine 
Copie in Versailles. — Vallot war eine Creatur Mazariu's, d'Aquin, sein 
Neffe, Günstling der Montespan, Fagon der der Maintenon. — Louis XIV. 
litt fortwährend an allerhand Beschwerden, nicht selten auch an bedeuten- 
deren KJrankheiten. Trotz unendlicher Aderlässe, abführender Tränke und 
Klystiere erreichte er das Alter von 77 Jahren. — L. W, Li er seh, Das 
Journal de sante du roi Louis XIV. Bremen, 1869. 8. (SS. 36.) 

Nicht geringer war die Vielgeschäftigkeit der Aerzte Ludwig's XIU. 
In einem einzigen Jahre verordnete ihm Boucard 47 Aderlässe, 212 Lave- 
ments und 215 Arznei-Tränke. — Näheres S. bei Moehseu, Beschreibung 
einer Berlinischen Medaillen-Sammlung, 161 ff. 

Den grellsten Gegensatz zu diesen Auswüchsen einer wider- 
natürlichen lieber -Cultur zeigt ein Blick auf Russland. Hier 
fand sich noch im Jahre 1675, den Hof zu Moskau ausgenommen, 
kaum irgendwo ein Arzt. Die erste Apotheke in Moskau grün- 
dete im Jahre 1584 ein Engländer, Trenkham, unter Iwan Was- 
silie witsch IV. Charakteristisch ist, dass die Besoldung der 
ersten Leibärzte in Russland hauptsächlich in unglaublichen 
Mengen von Spirituosen bestand. Noch im achtzehnten Jahr- 
hundert waren die meisten in Russland ansässigen Aerzte un- 
wissende Abenteurer. Unter Peter dem Grossen fanden sich im 
ganzen Reiche 31 Aerzte, 51 Wundärzte und 22 Apotheken. 

Claus, Med. Zeitung Russlands, 1855. No. 28. 



Die Praktiker der zweiten Hälfte des siebzehnten 
Jahrhunderts. 

latrophysiker. 

Italien. 

309. Gleich wie die Abstände divergirender Linien mit der 

Entfernung von ihrem Ausgangspunkte fortwährend wachsen, so 
tritt der Widerstreit zwischen den Grund- Anschauungen der latro- 
physiker und Chemiatriker immer deutlicher hervor, je weiter 
wir in dem Gebiete der praktischen Medicin vorwärts sehreiten. 



Praktiker der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts. SSQ 

latrophysiker. Borelli. Bellini. 

Die Einsichtsvollsten unter den latrophysikern, so sehr sie auch 
in der Pathologie an ihren Grundsätzen fest hielten, so weit 
waren sie davon entfernt, denselben einen unberechtigten Ein- 
fluss auf die ärztliche Praxis einzuräumen. Aufs klarste lebte 
in ihnen die Ueberzeugung , dass die Anforderungen der prak- 
tischen Heilkunde von der strengen Methode der physiologischen 
Forschung verschieden sind, dass die praktische Medicin um 
ihres unmittelbaren Zweckes willen in vielen Fällen auf die 
Schärfe der wissenschaftlichen Methode verzichten und sich mit 
den Ergebnissen der künstlerischen Erfahrung begnügen muss. 
Aus diesem Grunde huldigen die hervorragendsten Anhänger 
der iatromechanischen Richtung in praktischer Beziehung dem 
Hippokratismus. 

Schou im sechszehnten Jahrhundert fehlt es nicht an Versuchen, die 
Medicin auf die Mathematik zu gründen. Hierher gehört ihrem Titel nach 
eine Schrift von J. Virdung (Hasfurt), Nova medicinae niethodus nunc 
primum et condita et aedita ex mathematica rati^ne morhos curandi. 
Ettelingae [Valent. Kobian], 1532. 4. (106 Blatt.) 

Die bei Borelli, dem Begründer der iatromathematischen 
Schule, sich findenden pathologischen Bemerkungen beschränken 
sich fast nur auf die wichtigsten Anomalieen der Nerventhätig- 
keit: den Schmerz und den Krampf, und auf die Theorie des 
Fiebers. Alle diese Zustände entstehen durch eine mechanische 
Reizung («vellicatio») der Nerven, welche wiederum auf Störungen 
der Bewegungen des Nervensaftes, auf Verstopfungen der Ein- 
mündungen der Nerven in die Drüsen, die Haut u. s. w., und der 
daraus entspringenden dyskrasischen Schärfe des Nervensaftes 
beruhen. Schon hieraus geht hervor, dass selbst Borelli, so 
sehr er, gestützt auf an Thieren angestellte Injections-Versuche 
mit Säuren, Alkalien und Schwefel - Präparaten , die Theorieen 
der Chemiatriker verwirft, Anomalieen der Säfte-Mischung keines- 
wegs in Abrede stellt. Demgemäss erklärt er denn auch in 
Betreff der genannten Krankheitszustände, besonders des Fiebers, 
schweisstreibende Arzneien und (behufs der Stärkung der festen 
Theile) die China-Rinde für die wichtigsten Heilmittel. 

Borelli, De motu animalium. L. B. 1710. 4. p. 261 seq. 

Eine weit ausgedehntere Anwendung der mechanischen Theorie 
auf die praktische Heilkunde findet sich bei B e 1 1 i n i. Derselbe 
schliesst zwar bei seinen pathologischen Erklärungen chemische 
Anomalieen der Säfte, erzeugt durch krankhafte «Fermentation» 
keineswegs aus; das grösste Gewicht jedoch legt er, hauptsäch- 

22* 



340 Die neuere Zeit. Das aietzehnto Jahrhundert. 

lieh in der Lehre von der Entzündung und vom Fieber, auf 
rein mechanische Störungen der Blutbewegung; vor Allem auf 
die seiner Meinung nach mit der Verzweigung der Arterien fort- 
während zunehmende Reibung des Blutes an den Gefäss- Wänden, 
und die dadurch erzeugten «Stockungen». Eine Lehre, welche 
mehr als hundert Jahre lang einen grossen Theil der Pathologie 
beherrscht hat. 

In therapeutischer Beziehung sind die Bemerkungen von Interesse, 
welche sich in der Abhandlung Bellini's über den Aderlass (S. ob. S. 287), 
namentlich über die durch denselben bewirkte Revulsion und Derivation, 
finden. 

Der bedeutendste von den hierher gehörigen italienischen 
Praktikern ist Giorgio Baglivi (geb. um 1669, gest. 17. Juni 
1707 im Alter von 38 Jahren), ein Schüler Malpighi's, der Nach- 
folger Lancisi's im Lehramte der Anatomie und Chirurgie an 
der Sapienza zu Rom, eben so hoch geachtet als Mensch wie 
als Gelehrter. 

Baglivi wurde als zartes Kind mit einem Unglücksgefährten von 
gleichem Alter in einem bei Ragusa gestrandeten Schiffe aufgefunden, 
dessen Bemannung umgekommen war. Zwei Brüder Namens Baglivi, 
der eine Geistliche, der andre Arzt, nahmen sich der Verlassenen an, 
welche später den Beruf ihrer Adoptiv- Väter ergriffen. 

Seine Schriften sind folgende : De praxi medica ad pristinani obser- 
vandi rationem revocanda libri IL Rom. 1696. 8. L. B. 1704. 8. — 
Marburg. 1793. 8. ed. Baidinger. Italienisch: Firenze, 1844. 8. Französ. 
von J. B u c h e r : De l'accroissement de la medecine pratique, precedee 
d'une introduction sur l'influence du Bacmiisme en medecine. Par. 1851. 8. 
— Specimen quatuor lihrorum de fibra motrice et morbosa. Rom. 1701. 
ültraj. 1703. 4. — Eine Anzahl Dissertationes, unter andern auch De 
vegetatione lapidum. — De terrae motu romano anno 1703 — 1705. — De 
anatome, morsu et effectibus tarantulae. — Observationes anatomicae et 
practicae. — Opera omnia medico-practica et anatomica. L. B. 1704. 4. 
1710. 4. u. öfter. Zuletzt: Lugd. 1765. 4. — Haller, Bibl. med. pr. 
IV. 197. An dieser Stelle fällt Haller über Baglivi ein nicht eben sehr 
günstiges Urtheil, und äussert sogar den Verdacht, dass derselbe Unter- 
suchungen von Malpighi für seine eigenen ausgegeben habe. 

Eine gedrängte Darstellung der Ansichten Baglivi's enthält die Vorrede 
des ungenannten Herausgebers seiner Werke: Lugd. 1710. 4. u. Antverp. 
1715. 4. 

Baglivi ist der Hauptvertreter derjenigen Aerzte des sieb- 
zehnten Jahrhunderts, welche in theoretischer Hinsicht sich zu 
der iatromechanischen Lehre, in praktischer Beziehung zu den 
Grundsätzen der Hippokratiker und der alten Aerzte überhaupt 



Praktiker der zweiten Hälfte dos siebzehnten Jahrhunderts. latrophysiker. S4-1 

Italien. Bellini. Baglivi. England. Colo. 

bekennen, durch deren Geringschätzung schon damals Viele ihre 
absonderliche Aufklärung an den Tag zu legen vermeinten. 

«In nonnuUis namque academiis ita male adver sus veterum opiuiones 
aflfectos vidi, ut humanae meutis majestatem imminutam putent, si in le- 
gendis Galenioorum libris operae quid vel temporis coUocetur. In aliis 
contra tarn anxie et religiöse theorematis veterum inhaerere, ut inventa 
recentiomm quantumvis praeclara et utilia exagitare non desinant.» — 
Seine Canones de medicina solidoruni schliesst Baglivi mit einem Epilogus 
legnm medicarum, aus welchen wir folgende hervorheben: «In theoricis 
quaestionibus agitandis Sanctoriani et Harvejani, at in veris sensibus 
practices et naturae morborum eruendis Hippocratici et Duretiani praefe- 
runtor.» — «Sophistarum captionibus abstinento, curandi leges ab Hippo- 
crate dictatore petunto.» — «Penes Hippocratem siunma potestas esto.» 
Opp. p. 487. 



England. 

310. Die zweite Haupt-Pflegestätte der iatromechanischen 
Lehre war Gross-Britannien. In noch grösserem Umfange als es 
von den Italienern geschah, waren zahlreiche englische Aerzte 
bemüht, die iatromechanischen Theorieen für die Pathologie und 
Therapie zu verwerthen. Aber auch sie räumten grösstentheils 
den «Fermenten» und den «Lebensgeistern» einen nicht geringen 
Spielraum ein. Indessen treten die bemerkenswerthesten Ver- 
treter dieser Richtung erst im achtzehnten Jahrhundert, unter 
dem entschiedenen Einflüsse Boerhaave's, hervor. 

Im siebzehnten Jahrhundert ist einer der frühesten von den 
hierher gehörigen Aerzten William Cole zu Bristol, der Freund 
Sydenham's, ein vielbeschäftigter Praktiker. Am bemerkens- 
werthesten sind seine Ansichten über das Fieber. Cole bekämpft 
sowohl die Lehre der Chemiatriker, welche das Fieber von im 
Gehirn erzeugten, die Nerven reizenden Fermenten ableiten, als 
auch die Theorie Borelli's von der Verstopfung der Drüsen und 
der dadurch erzeugten Verderbniss des Nervensaftes. Er erklärt 
dagegen das Fieber für die Wirkung zurückgehaltener Auswurfs- 
Stoffe, oder von aussen eingedrungener, oder auch im Körper 
selbst erzeugter Substanzen, welche in die feinsten Zwischen- 
räume der «Fasern» eindringen, und eine «Erschütterung» der 
nervösen Theile, nach ihrem Uebergange in das Blut aber die 
Fieber-Hitze erzeugen. Von der chemischen Natur der schäd- 
lichen Substanzen hängt der Charakter, hauptsächlich der Typus 
des Fiebers, ab. Das eintägige Fieber entsteht durch «salpetrige» 



342 Die neuere Zeit. Das siebzehnte Jahrhundert. 

Theilchen u. s. w. Das geeignetste Mittel, um die krankhafte 
Spannung zu vermindern, ist der Aderlass; eben so wichtig ist 
demnächst der Gebrauch der mit bittern Mitteln versetzten China- 
Rinde, um den «Tonus» der Fasern wieder herzustellen, und sie 
zur Austreibung der schädlichen Stoffe in den Stand zu setzen. 

Guil. Cole, De secretione animali cogitata. Oxon. 1674. 12. 1677. 
8. Lond. 1681. 12. Hag. Com. 1681. 12. Genev. 1696. 4. Auch in 
Sydenham's Opera und M a n g e t's Bibliotheca. — A physico-medical 
essay, concerning the late frequence of apoplexies etc. Oxford, 1689. 8. 
1693. 8. — De mechanica ratione peristaltica intestinorum motus. Lond. 
1693. 8. Vorher englisch in Philosophical transacUons, 1676. — Novae 
hypotheseos ad expUcanda febrlum intermittentium symptomata et typos 
excogüatae hypotyposis. Lond. 1694. 8. Genev. 1696. 4. Amstel. 1698. 
8. Auch in Morton's Opera. — ConslUmn aetiologicum de casu quodani 
epileptico etc. Adnexa disquisitione de perspirationis insensibüis materiae 
expurgandae ratione. Lond. 1702. 8. 

Zu ihrer Höhe gelangte die Anwendung der physiologischen 
Lehren der latromechaniker auf die praktische Medicin durch 
Archibald Pitcairn aus Edinburg (25. Dec. 1652—20. Oct. 
1713). 

Pitcairn studirfce zuerst Theologie, dann Jurisprudenz, hierauf in Mont- 
pellier, wohin er sich seiner Gesundheit wegen begab, Medicin. Im Jahre 
1692 erhielt er einen Euf nach Leyden, wo auch Boerhaave zu seinen Zu- 
hörern gehörte ; seine geringen Erfolge als Lehrer veranlassten ihn indess, 
schon im folgenden Jahre nach Edinburg zurückzukehren. Seine wich- 
tigsten Schriften sind folgende : Archib. Pitcarnius, Oratio de medi- 
cina ab omni philosophandi secta lihera. Edinb. 1696. 8. — Diss. de 
opera, quam praestant corpora acida vel alcalina in curatione morborum 
u. s. w. — De curatione febrium, quae per evacuationes instituitur. Seine 
zahlreichen Dissertationen erschienen gesammelt: Roterod. 1701. 4. 
Edinb. 1713. 4. JJnter dem Titel Opuscula medica : Roterod. 1714. 4. 
Venet. 1715. 4. — Elementa medicinae physico-niathetnatica. Lond. 1717. 
8. Hag. Com. 1718. 4. Enghsch: Lond. 1727. 8. — Opera. Venet. 
1733. 4. L. B. 1737. 4. 

Pitcairn ist der entschiedenste Gegner der Anwendung der 
Philosophie auf die Medicin; ein Gegenstand, den er in einer 
besondern Rede behandelte ; eben so sehr der Chemiatrie. Unter 
den gegen dieselbe gerichteten Bemerkungen findet sich auch 
die, dass die von den Chemiatrikern sehr häufig verordneten 
Pflanzen -Säuren durch den Einfluss der Verdauung und der 
Circulation sich in Alkalien verwandeln. — Er pflichtet dem 
obersten Grundsatze der latromechaniker bei, dass alle Ver- 
schiedenheiten physiologischer und pathologischer Vorgänge ledig- 
lich von den verschiedenen Durchmessern der Poren in den ein- 



Praktiker der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts. latrophysiker. ^4.^ 

England. Cole. Pitcairn. "*" 

zelnen Organen abhängen. Die Grund-Vermittler aller thierischen 
Bewegungen sind das Herz, der Kreislauf und die Nervengeister. 
Die letzteren bewirken durch ihr Einströmen in die Muskeln die 
Bewegung, durch ihr Zurückströmen zum Gehirn die Empfindung. 
— Die Bereitung des Blutes erfolgt auf durchaus mechanische 
Weise vermittelst der Bewegungen der Lungen, des Herzens und 
der Gefässe; die Körperwärme entsteht durch die Reibung des 
Blutes an den Gefässwänden ; die Verdauung ist die Wirkung 
der mechanischen Kraft des Magens und der Bauchpresse; der 
Magensaft dient nur zur Aufweichung der Speisen u. s. w. — 
Die Menstruation erklärt Pitcairn als die Folge der nur dem 
Menschen eigenthümlichen aufrechten Stellung und der dadurch 
bedingten periodischen Hyperämie des Uterus; eine Meinung, 
welcher fast alle späteren latromechaniker beitraten. 

In der Pathologie Pitcairn's gelangen diese Grundlehren zur 
consequentesten Durchführung. Das Fieber ist Nichts als be- 
schleunigte Bewegung des Blutes, in deren Folge erhöhte Tem- 
peratur, Hyperämie verschiedener Körpertheile (bei den akuten 
Exanthemen z. B. der Haut), hauptsächlich aber «Rarefaction» 
[Auflösung und Wässrigkeit] des Blutes entsteht. Die Heilung 
des Fiebers erfolgt spontan, hauptsächlich durch Vermehrung 
der Perspiratio insensibilis, oder durch die Kunst. Ein unmittel- 
bar die «Rarefaction» des Blutes beseitigendes Mittel ist bis 
jetzt unbekannt; Diaphoretika sind unzweckmässig, weil sie die 
Circulation noch mehr beschleunigen. Am angemessensten er- 
scheint die Anwendung des Aderlasses und der Vesicantien. — 
Die Syphilis, sagt Pitcairn, stammt aus Amerika, und ist ent- 
standen durch die in südlichen Ländern häufige Unterdrückung 
der Hautthätigkeit. Deshalb sind in warmen Klimaten Diapho- 
retika zu ihrer Heilung ausreichend ; im Norden dagegen ist es 
nöthig, das Quecksilber bis zum Eintritt des Speichelflusses an- 
zuwenden. — Gleich allen einseitigen Theoretikern huldigt auch 
Pitcairn vielfach dem Gebrauche empirischer Mittel. So schildert 
er «Cranium humanum» und Regenwürmer als die für gewisse 
krankhafte Bewegungen geeigneten Medikamente. Rühmlicher 
ist seine Vorliebe für die China-Rinde. 

Den geringsten Anklang fanden die Grundsätze der latro- 
mechaniker in Frankreich, am wenigsten erklärlicher Weise bei 
der Schule von Paris. Erst zu Anfang des achtzehnten Jahr- 
hunderts treten einige Zöglinge der Schule von Montpellier als 
Anhänger der iatromechanischen Lehren hervor. 



344 Die nettere Zeit. Das siebzehnte Jahrhundert. 

Auch in den Niederlanden, der Heimath und dem Hauptlager 
der Chemiatrie, huldigten nur wenige Aerzte den Grundsätzen 
Borelli's. Am bekanntesten von ihnen ist Vopiscus Fortunatus 
Plemp (23. Dec. 1601 — 12. Dec. 1671), Professor zu Löwen, 
einer der frühesten und einflussreichsten Anhänger Harvey's. 

Vopiscus Fortunatus Plempius, De fundamentis medicinae 
lihri VI. Lovan. 1638. 4. 1644. f. 1652. f. Plemp ist ferner bekannt 
als Uebersetzer der ersten zwei Bücher von dem Kanon des Avicenna aus 
dem Arabischen ins Lateinische. — Den Namen Fortimatus erhielt Plemp, 
weil er dem Kaiserschnitt sein Leben verdankte. Haan, Notice sur la 
vie et les ouvrages de Vopiscus Fortunatus Plempius. {Ännuaire de Vuni- 
versite de Louvain, 1845.) — S. oben S. 271. 

Nach diesen Vertretern der iatromechanischen Theorie richten 
wir unsre Betrachtung auf die Begründer und Anhänger der 
Chemiatrie. Eine Hauptquelle der letzteren bildeten die Lehren 
des Reformators von Einsiedeln, und die Wiedergeburt derselben, 
welche von einem niederländischen Arzte ausging, mit dessen 
Leben und Lehren wir uns zunächst beschäftigen. 



H e 1 m n t. 

G. A. S p i e 8 s , J. van Helmonfs System der Mediän, verglichen mit den 
bedeutenderen Systemen älterer und neuerer Zeit u. s. w. Frankf. 1840. 8. 
(SS. XXXII. 520.) Gediegen und geistreich. Vergl. H. Haeser, in dessen 
Archiv, IL 544 — 564. — Durch eine Preisaufgabe der Belgischen Akademie 
der Medicin wurden veranlasst: W. Rommelaere, Etudes sur J. B. van 
Helmont. Ouvr. cour. Bruxell. 1868. 4. (pp. 272.) — Mandon, J'. JB. van 
Helmont, sa biographie, histoire critique de ses oeuvres. Bruxelles, 1868. 4. 
[Mit dem zweiten Preise gekrönt.] Vergl. den Bericht von Tallois über 
diese und die übrigen Concurrenzschriften im Bullet, de l'acad. de chir. de 
Belgique. 1866. p. 985 — 1080. — Früher erschienen : J. J. Leos, Biographie 
des Joh. Bapt. van Helmont. Heidelb. 1807. 8. — J. M. Caillou, Memoire 
sur van Helmont et ses ecrits. Bordeaux, 1819. 8. — D'Elmotte, Essai 
philosophique et critique sur la vie et les ouvrages de J. B. van Helmont etc. 
Bruxelles, 1821. 8. (pp. 72.) — Rixner und Sieb er, Leben und Lehr- 
meinungen berühmter Physiker u. s. w. Heft 7. Sulzb. 1826. 8. — V. Goet- 
hals, Notice sur J. B. van Helmont. Bruxell. 1840. 8. (pp. 49.) — Vergl. 
C. Broeckx, Essai sur Vhistoire de la medecine beige etc. Brux. et Mens, 
[Leroux], 1837. 8. p. 84 seq. Mit Helmont's Bildniss. 

311. Johann Baptista van Helmont, geb. zu Brüssel 
im Jahre 1578, durch seine Mutter verwandt mit der alten 
adligen Familie von Stassart, war der jüngste seiner Geschwister, 
und erhielt, obschon er seinen Vater bereits im Jahre 1580 
verlor, eine sehr sorgfältige Erziehung. Nachdem er im Jahre 
1594, siebzehn Jahre alt, seine philosophischen Studien in Löwen 



Praktiker der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhnnderts. latrophysiker. 34-5 

Die Niederlande. Plemp. — Die Ohemiatriker. van Helmont. 

beendigt hatte, kam er in eine ebenda befindliche Lehranstalt 
der Jesuiten. Unersättliche Lernbegierde führte ihn schon früh 
zu fast allen Fächern des menschlichen Wissens, von denen aber 
keines ihn zu fesseln vermochte. Er würde Capuziner geworden 
seyn, wenn seine schwächliche Gesundheit es gestattet hätte. 
Grosse Anziehungskraft übten auf Helmont die Vorlesungen des 
berühmten Martin del Rio über die Magie. Endlich glaubte 
er in der stoischen Philosophie die gesuchte Befriedigung zu 
finden; aber auch von ihr wurde er zurückgeschreckt, da er 
dieselbe mit den Lehren des Christenthums im Widerspruche 
fand. Helmont wandte sich hierauf zum Studium der Rechts- 
und Staatswissenschaft, bald darauf zu dem der Botanik, und, 
nach langem Zögern, weil er durch die Wahl des ärztlichen 
Berufs seine adlige Herkunft zu beflecken fürchtete, zufolge einer 
Eingebung seines Schutz-Engels Raphael, ohne Vorwissen seiner 
Familie, zu dem der Heilkunde, von welcher er zugleich für 
seine Wissbegierde und für seine Menschenliebe volle Befriedi- 
gung erwartete. Durch eisernen Fleiss und ein glänzendes Ge- 
dächtniss wurde er mit den Schriften der alten und neuen Aerzte 
völlig vertraut ; Galen hatte er zweimal gelesen, die Aphorismen 
des Hippokrates wusste er auswendig. Obschon er aber auch 
bei den Aerzten nicht fand, was er suchte, so fesselte ihn die 
Medicin doch so sehr, dass er im Jahre 1599 die Doctorwürde 
erwarb, und, auf Anregung von Thomas Fyens (Fienus) 
und andere seiner Lehrer, zu Löwen chirurgische Vorlesungen 
hielt. Obschon dieselben Beifall fanden, so gab er sie doch 
bald wieder auf, da er sich überzeugte, dass es ihm an Er- 
fahrung fehle. Er begab sich deshalb zu einem praktischen 
Arzte, um am Krankenbette die Heilkunde kennen zu lernen; 
aber auch hier fand er nichts als Hypothese und Willkür. Von 
neuem regten sich in ihm die Vorurtheile des adligen Blutes; 
am meisten aber brachte ihn das Studium der Schriften von 
Thomas a Kempis und Joh. Tauler zu dem Entschlüsse, der 
Medicin gänzlich zu entsagen ; er verschenkte seine Besitzungen 
an seine verwittwete Schwester, und begab sich, mit der Ab- 
sicht nie zurückzukehren, in Begleitung einiger Freunde in die 
Schweiz, nach Italien, Frankreich und England. — Entscheidend 
für seine spätere Richtung wurde die Bekanntschaft mit einem 
Pyrotechniker, einem übrigens rohen Menschen, durch welchen er 
die Chemie und die chemischen Arzneien kennen lernte. Da er 
durch diese ungleich bessere Heilerfolge erhielt, als durch die 



346 Dio neuere Zeit. Das siebzehnte Jahrhundort. 

Galenische Medicin, welche ihm sogar ihren Dienst versagte, 
als er, nachdem er den Handschuh eines an der Krätze leidenden 
Mädchens getragen, von dieser Krankheit befallen wurde, so 
wendete er sich mit erneutem Eifer der Heilkunde zu. Im Jahre 
1605, nach fünfjähriger Abwesenheit, kehrte Helmont in seine 
Heimath zurück, und vermählte sich bald darauf mit Margarethe 
von Ranft, welche ihm die Herrschaft Merode zubrachte. Seit 
dieser Zeit lebte er bis zu seinem Tode in Vilvorde bei Brüssel, 
wo er seine ganze Zeit den Studien und, fast gegen seine 
Neigung, einer sehr ausgebreiteten Praxis widmete. Mehrere Be- 
rufungen, z. B. an den Hof des Kurfürsten von Köln, selbst an 
den des Kaisers zu Wien, schlug er aus. — Indess war das 
Leben Helmont's in der Zurückgezogenheit von Vilvorde keines- 
wegs immer ein friedliches. Am verhängnissvollsten für ihn 
wurde seine Theilnahme an einem Streite über sympathetische 
Wundmittel. Goclenius, Professor in Marburg, ein eifriger 
Anhänger des Paracelsus, hatte im Jahre 1608 ein von diesem 
erfundenes «Unguentum sympatheticum et armarium» in einem 
Traktate^) angegriffen, und war deshalb von einem Jesuiten, 
Roberti, bekämpft worden. Helmont mischte sich in den Streit, 
indem er in einer besondern Schrift für Goclenius Partei nahm, 
Indess wurde die von der geistlichen Behörde bereits ertheilte 
Erlaubniss zum Drucke auf Andrängen der Jesuiten zurück ge- 
nommen. Dennoch erschien die, übrigens wenig bedenkliche, 
Schrift, ohne Helmont's Wissen, im Jahre 1621 zu Paris. Die 
Hauptanklage bestand darin, dass in derselben die Heilkraft der 
Religion geleugnet wurde. Helmont wurde bei dem Erzbischof 
von Mecheln verklagt, in den Jahren 1634 und 1635 zur Haft 
gebracht, und seine Manuscripte mit Beschlag belegt, obschon 
er sich bereit erklärte, seine ketzerischen Aussprüche zu wider- 
rufen. Die förmliche Freisprechung erfolgte erst im Jahre 1646, 
zwei Jahre nach seinem Tode'-). Noch während seiner Gefangen- 
schaft verlor Helmont zwei seiner Söhne in einer heftigen Pest- 
Epidemie. Er selbst starb nach sechswöchentlicher Krankheit 
an den Folgen einer Pleuritis am 30. Dec. 1644 im 66sten 
Lebensjahre. 

Helmont's Schriften sind folgende: 



') S. oben S. 110. 

^) Der Process ist ausführlich besprochen von C h, Broeckx, AnnaUs 
de l'academie d'archeologie. Brux, 1856. 



Praktiker der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts. Die Chemiatrikor. 347 
van Helmont. Loben und Schriften desselben. 

Dageraad ofte niewve opkomst der Geneeskonst, in verborgen grond- 
regulen der Nature. Leid. 1614. 4. — De magnetica vidnermn naturali 
et leglüma curatione disp. contra Joh. Roberti soc. J. theol. Par. 1621. 12. 

— Eine andre sehr unbedeutende, von Helmont selbst unterdrückte, Ver- 
theidigungsschrift : Apologie du magnetisme aninial hat Broeckx heraus- 
gegeben: Anvers, 1869. 8. (pp. 78.) (Aus Annales de l'acad. d'arcMol. 
Tom. XXV.) — Bei Helmont's Lebzeiten erschienen ferner: De aquis 
Spadanis. 1624. — Supjylementwm de Spadanis fontihiis. Leod. 1624. 8. 
Antverp. 1642. 4. — Fehrium doctrina inaudita. Antverp. 1642. 4. 
Amstel. 1648. 4. — Opuscula medica inaudita. I. De lithiasi. Tl. De 
febrihus. III. De humoribus Galeni. IV. De peste. Colon. Agr. 1644. 8. 
Amstel. 1648. 4. — Das nachgelassene Hauptwerk Helmont's : Ortus 
medicinae, id est initia physicae inaudita. Progressus medicinae noinis in 
morborum uUionem, ad vitani longam, gab H.'s Sohn, Franz Mercurius, 
heraus. Amstel. [Elzevir] 1648. 4. 1652. 4. (Beste Ausgabe.) Den 
beiden letzten Ausgaben sind auch die von Helmont selbst kurz vor seinem 
Tode veröffentlichten Traktate : De lithiasi, de febribus, Scholarum humo- 
ristarum j^assiva deceptio et ignorantia, und Tumtdus pestis angehängt. 
(Tmnulus 2^estis B,uch. allein: Amatel. 1648. 4. Colon. Agripp. 1649. 8.) 

— Nachdrucke: Venet. 1651. f. Lugd. 1667. f. Ulmae, 1680. 12. 
Francof. 1682. 4. Hafn. 1704. 4. (Die beiden letzten Ausgaben als 
«Opera omnia.») — Engl.: Lond. 1662. 4. — Deutsch: Sultzbach, 1683. 
f. Franz. : Lyon, 1670. 4. — Neuerdings hat fei-ner Broeckx noch drei 
unbedeutende, bisher ungedruckte, Jugend- Arbeiten Helmont's veröffent- 
licht: Commentare über die Hippokratischen Schriften de diaeta und de 
victu. Anvers, 1849. 8. 1851. 8., ierner : Eisagoge in artein medicam a 
Paracelso restitutam. Anvers, 1854. 8. (pp. 147.) 

Helmont's eben genannter Sohn, Franz Mercurius (20. Oct. 1614 
— 1699), ein vornehmer und viel gereister Mann, lebte in der letzten Zeit 
seines langen Lebens zu Berlin, wo er unter Anderm mit Leibnitz in Ver- 
bindung stand. Er erwarb sich um die Physiologie der Sprache und um 
den Unterricht der Taubstummen nicht unbedeutende Verdienste. Hierher 
gehört seine Schrift : Alphabeti vere naturalis hebrairi delineatio, quae 
methodum suppeditat, juxta quam surdi muti sie informari possunt, ut ad 
sermonis usum perveniant. Sulzbaci, 1657. Holländisch: Amsterd. 1697. 
12. — Vergl. G. Ph. F. Groshans, Historische Anteekeningen. I. 
Amsterd. 1869. 8. p. 26 seq. — Seine durchaus theosophischen Opuscula 
philosophica erschienen: Lond. 1690. 8. — Ferner finden sich : Obser- 
vationes circa hominem ejusque morbos. E Belgico. *Amstel. 1692. 12. 
*Paradoxal-Discurse oder ungemeine Meynungen von dem Macrocosmo 
und Microcosmo. Aus dem Engl. Hamb. 1697. 8. Das Nähere bei Ch. 
Broeckx, Le baron Frangois Mercure van Helmont etc. Anvers, 1870. 
8. (pp. 28.) 

312. In der Periode der Scholastik war die Naturkunde 
zur Sklavin der Theologie geworden. Im Zeitalter der Refor- 
mation war auch auf diesem Gebiete der Kampf der sinnlichen 
Erfahrung gegen die Auctorität aufs heftigste entbrannt; aber 



348 Die neuere Zeit. Das siebzehnte Jahrhundert. 

fürwahr! die neuen Fesseln, welche die protestantische Ortho- 
doxie der Naturforschung anlegte, waren eben so fest, als die 
alten. Allerdings erwuchsen dem Materialismus im Jahrhundert 
Bacon's und Harvey's durch die Fortschritte auf allen Gebieten 
der Naturwissenschaft neue und starke Waffen, aber noch immer 
übten die Dogmen der Kirche so grosse Macht, dass selbst die 
freiesten Geister nicht vermochten, sich über den Zwiespalt des 
Glaubens und des Wissens zu erheben. — Helmont ist die Ver- 
körperung dieses Zwiespaltes ; er ist in vieler Hinsicht der Faust 
des siebzehnten Jahrhunderts. Er vereinigt in sich die in- 
brünstige Frömmigkeit des gläubigen Katholiken mit den freien 
Anschauungen des denkenden Naturforschers. Seine Bemühungen 
entspringen in ihrem innersten Kerne aus der Ahnung von der 
Untrennbarkeit der Materie und der Kraft; ihr Ziel ist die innige 
Vereinigung der Erkenntniss Gottes und der Natur. Damit ist 
genug gesagt, um den Ausgang zu ermessen. Seiner reforma- 
torischen Aufgabe ist sich Helmont auf das klarste bewusst; 
sein Ziel ist zu ergründen, was Keiner vor ihm unternahm: «die 
Wurzel des Lebens». 

«Opus fuit, totam antiquorum philosophiam destruere, atque innovare 
scholarum physices documenta. Postremo de vitae radice (de quo nemo) 
agam.» (Promissa auctoris.) 

Schon hieraus erhellt, dass Helmont im wesentlichen mit 
Paracelsus auf einer Linie steht, von dem er seine ersten An- 
regungen erhielt, dessen Verdienste er verehrt, dem er aber in 
seinen späteren Schriften entgegen tritt. Er tadelt seinen Hoch- 
muth, Alles wissen und erklären zu wollen, die Gewaltthätigkeit 
seiner Deutungen der Naturvorgäuge. Am meisten verwirft Hel- 
mont die unchristliche Lehre vom Mikrokosmus ; denn der Mensch 
sey nicht das Abbild der Natur, sondern Gottes. Er nennt es 
einen Widerspruch, dass Paracelsus die lebenden Wesen bald aus 
Keimen, bald aus den vorgeblichen Elementen, «Salz, Schwefel 
und Quecksilber», entstehen lässt; am bittersten beurtheilt er 
die Lehre von den «tartarischen» Krankheiten. In dem Grund- 
Princip der Therapie dagegen, in der Lehre von den «Arkanen», 
stimmen beide vollständig überein. 

«Fateor lubeng, mo ex ejus scriptis profecisse multum.» — «Labor 
Paracelsi et aemulatio inveniendi causam morbificam nobis gratificando 
sunt. Qui scholarum sciens inanes nugas et turpia otia totus contendit in 
bonum publicum. At credidero, si ambitionis fuisset negligentior, quod in 
vera medendi fuudamenta per munificentissimam Dei gratiam pervenisset. » 



Praktilcer der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts. Die Chemiatriker. 349 
van Helmont. Allgemeine Charakteristik desselben. 

— «Ut quisquis credat, se Paracelsum, qui haec docet, sigillatim haec 
quoque universa sie novisse. — Praecipitat namque medendi scientiam et 
tyrones in millenas confusiones, obscuritates , ignorantias et impossibili- 
tates, uuam tantum ob culpam, ut videatur scilicet omnium gnarus, et 
somnia sua putentur vera.» 

Es ist leicht zu erkennen, worin der holländische Reformator 
seinem deutschen Nebenbuhler nachstand, und worin er ihn über- 
traf. Nicht entfernt gleicht er ihm an Genialität und Origina- 
lität; eins der grössten und bleibendsten Verdienste des Para- 
celsus fehlt ihm gänzlich: die Förderung der Muttersprache. Denn 
Helmont's Schriften sind durchgängig lateinisch, und zwar in 
einem nichts weniger als reinen Style, verfasst. Dagegen tiber- 
trifft der vornehme und reiche Niederländer seinen deutschen 
Vorgänger bei weitem durch allgemeine Bildung, durch den 
vollen Besitz des naturkundigen Wissens des siebzehnten Jahr- 
hunderts. Helmont ist einer der bedeutendsten Naturforscher 
seiner Zeit; er ist der Entdecker der Kohlensäure. Er ist ein 
gründlicher Kenner der Anatomie, deren Kenntniss er für uner- 
lässlich erklärt; der pathologischen Anatomie ist er mit Eifer 
zugethan. Ausgerüstet mit diesen Kenntnissen, mit Scharfsinn, 
am meisten mit einer höchst lebhaften Phantasie, gelangte Hel- 
mont zu den glücklichsten Ahnungen über die Verrichtungen des 
lebenden Körpers. 

Und eben derselbe Mann ist einer der grössten religiösen 
Schwärmer! Gewiss ist er der gelehrteste aller Theosophen. 
Er ist ein streng-gläubiger Katholik; nicht zum wenigsten ver- 
achtet er die Lehre Galen's deshalb, weil sie von einem Heiden 
herrührt. Helmont glaubt an göttliche Eingebungen ; er erzählt, 
dass er eines Tages seine eigne Seele als einen leuchtenden 
Krystall gesehen, dass er seine ganze Lehre im Traume aus- 
gearbeitet habe. Von der göttlichen Gnade allein werde dem 
Menschen geistige und sittliche Erleuchtung zu Theil. 

Dennoch ist es ungerecht, die Lehren Helmont's mit den 
schrankenlosen Hirngespinnsten vieler Paracelsisten auf eine 
Linie zu stellen. Ein grosser Theil der Anklagen und Missver- 
ständnisse, die er sich zugezogen, entspringt aus der Unordnung, 
welche in seinen Schriften herrscht, am meisten aus seiner zwar 
originellen, aber auch unklaren und ermüdenden Schreibart. 
Erst durch Spiess, neuerdings durch Rommelaere (welchem die 
Schrift seines deutschen Vorgängers auffallender Weise unbe- 
kannt blieb) hat Helmont eine gerechtere Würdigung erfahren. 



350 Die neuere Zeit. Das siebzehnte Jahrhundert. 



Allgemeine Physiologie. 

313. Das System Helmont's beruht, gleich dem seines 
deutschen Vorgängers, auf den Lehren der Neu-Platoniker. Der 
oberste Grundsatz desselben ist die Einheit der Natur, als der 
freien Schöpfung Gottes, dessen Odem alle Geschöpfe mit Leben 
erfüllt. Ein zweiter Grundsatz Helmont's, durch welchen er sich 
den hergebrachten Meinungen aufs schroffste entgegenstellt, ist, 
dass er, wie Paracelsus, aber weit entschiedener als dieser, die 
Natur nicht als ein Fertiges, durch die ursprüngliche Schöpfung 
für immer Abgeschlossenes («in facto esse»), sondern als ein 
beständig Vergehendes, aber durch die Macht des Schöpfers fort- 
während neu sich Gestaltendes («in fieri esse») betrachtet. Als 
materielle Elemente der lebenden Wesen gelten ihm das Wasser 
und die Luft; aus ihrer Vereinigung entsteht die Erde. Helmont 
hält indess zur Entstehung der organischen Geschöpfe das Wasser 
allein für hinreichend, und er vermeint diesen Satz durch einen 
berühmt gewordenen Versuch zu beweisen : das Wachsthum von 
Weidenzweigen, die nur mit Wasser begossen werden. 

In jedem geschaffenen Wesen sind Stoff («materia») und 
Kraft («causa efficiens, Archeus, Fermentum») unzertrennlich 
mit einander verbunden, und eben diese Vereinigung bewirkt, 
dass sie leben. Die Lebensstufen der einzelnen Geschöpfe 
aber bilden sehr zahlreiche Uebergänge von der «vita minima 
prima» zur «media» und «ultima». Die Erhaltung derselben beruht 
auf ihrer ununterbrochenen Verwandlung durch die Körper der 
Aussenwelt, die dann meist, wie z. B. die Nahrungsmittel, eine 
Zurückbildung auf die Stufe der «vita prima» erfahren. Niemals 
aber geht die Vita der äusseren Dinge im Conflikte mit dem 
Organismus ganz verloren, sondern sie bleibt, da die indifferente 
Materie für sich nichts wirken kann, nothwendig vorhanden. 
Aus dem letzteren Grunde bezeichnet Helmont dieses für Phy- 
siologie, Pathologie und Therapie gleich wichtige Verhältniss 
als das «magnum oportet». Eben deshalb ist der Tod nicht 
eine Vernichtung, sondern nur eine Verwandlung, bei welcher 
die Materie zerfällt, der Archeus aber in den allgemeinen Schooss 
der Natur, zu den von Anbeginn erschaffenen Fermenten, zurück- 
kehrt, um andern Körpern zu neuer Entwickelung zu dienen. 
Jedes organische Wesen wird sonach, insofern es eine in sich 
geschlossene Einheit bildet, belebt durch den von Gott stam- 



PraktiVer der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts. Die Chemiatriker. 351 
van Helmont. Allgemeine Physiologie. 

menden «Archeus influus»; die einzelnen Körpertheile durch die 
mit ihren materiellen Substraten innig verbundenen Kräfte, die 
«Archei insiti» («Blas locales»). — Der Körper des Menschen 
steht unter dem «Duumvirate» zweier Seelen, der unsterblichen 
von Gott stammenden, und der durch den Stindenfall zu ihr ge- 
tretenen thierischen Seele. Der Archeus influus des Menschen 
ist nicht die Seele selbst, sondern nur das Organ derselben; er 
hat seinen Sitz in dem «Duumvirate» des Magens und der Milz. 
Von hier aus beherrscht er die Archei insiti der einzelnen Körper- 
theile vermöge der ihm beiwohnenden «actio regiminis», welche 
auf die in den festen, besonders den flüssigen Stoffen des Körpers 
enthaltenen «Fermente» einwirkt. Indem der Archeus influus 
diesen sein Siegel aufdrückt (sie seiner Natur gemäss erregt), 
entstehen in den Archei insiti die «Ideae sigillares». Nähere 
Angaben über die Natur der Archei finden sich nicht; im Ganzen 
scheinen sie als Aether-artige Gebilde zu gelten. Helmont be- 
zeichnet sie häufig auch mit dem Namen «Blas», und unter- 
scheidet je nach den wichtigsten Wirkungen der letzteren das 
«Blas motivum, sensitivum, alterativum» u. s. w. — Das Blut 
entsteht aus den Nahrungsmitteln durch das an die Magensäure 
gebundene «Ferment» des Magens, und durch die ferneren Um- 
wandlungen («Concoctiones»), deren Helmont noch fünf statuirt, 
welche dasselbe zur Assimilation und zur Bildung der Fermente 
in den einzelnen Organen geschickt machen. Hierbei finden sich 
einzelne ganz richtige Beobachtungen. So weiss Helmont z. B., 
dass der saure Chymus durch die Galle «salinisch» wird. — • 
Das eigentlich belebende Princip des Blutes ist der «Latex» 
desselben [Plasma], aus welchem alle Körpertheile hervorgehen. 
Die unmittelbarste Wirkung der durch das Blut bedingten Bil- 
dungsvorgänge ist die Körperwärme, welche also, der Galeni- 
schen Ansicht entgegen, nicht als Ursache, sondern als Produkt 
des Lebens betrachtet wird. Die «Spiritus vitales» werden 
gleichfalls geleugnet, und die ihnen zugeschriebenen Wirkungen 
dem Blute und dem «Latex» desselben beigelegt. 

Die psychischen Kräfte des Menschen sind die Wirkungen 
des unsterblichen göttlichen Geistes. Durch den Sündenfall trat 
zu diesem die thierische Seele ; sie bemächtigte sich des an die 
Materie gebundenen Archeus, und entriss der unsterblichen Seele 
die Herrschaft. Auf diese Weise kam die Krankheit in die Welt. 
Demgemäss besteht die höchste Aufgabe des Menschen darin, 
das göttliche Wesen seines Geistes zu erkennen, und durch ihn 



352 Die notiere Zeit. Das siebzehnte Jahrhundert. 

zur Anschauung Gottes zu gelangen. Dies geschieht durch das 
Gebet und die Abstraction des unsterblichen Geistes von den 
Fesseln der thierischen Seele und ihrer irdischen Hülle. 



Allgemeine Pathologie. 

314. Diese physiologischen Grund-Anschauungen finden in 
der Pathologie Helmont's die consequenteste Anwendung. Selbst- 
verständlich nimmt derselbe auf die Galenischen Elementar- 
Qualitäten und Cardinalsäfte nicht die geringste Rücksicht. Aber 
auch Paracelsus, welcher bei dem Versuche, die Entstehung der 
Krankheit zu erläutern, nur zu einem Bilde gelangte, indem er 
die Wirkung der «Entia» mit der des befruchtenden Samens 
verglich, vermag ihn nicht zu befriedigen. 

Hochverdienstlich war zunächst der allgemeine Grundsatz, 
dass zwischen den Bedingungen der normalen und krankhaften 
Vorgänge kein wesentlicher Unterschied besteht. — Helmont 
erklärt die Krankheit für einen positiven und substantiellen 
lebendigen Vorgang, für ein «Ens reale subsistens in corpore». 
Die Krankheitsursachen erzeugen dieselbe, indem sie den Archeus 
influus aufreizen, einschüchtern u. s. w., und auf diese Weise in 
demselben krankhafte «Ideen» («passiones, perturbationes, exar- 
throses») hervorrufen. Diese wiederum, indem sie den «Archei 
insiti» als «Ideae sigillares» aufgeprägt werden, erzeugen durch 
die Abänderungen der «Fermente» die entsprechenden mate- 
riellen Veränderungen, z. B. die der Säfte, welche deshalb stets 
nur für Wirkungen der krankhaften Vorgänge gelten. 

«Materia namque occasionalis, sive intro allata, sive intus genita, 
semper tantum occasionaliter concitat Archeum, nt inde expavescat ac di- 
versimode excandescat. Sub cujus scilicet perturbatione nascitur idea, in- 
formans aliquam partem Archei. Istudque compositum ex materia Archei 
et praefata idea seminali, tanquam efficiente initio, est vere morbus omnis 
seminalis.» {Ignot. hosp. morh. p. 491.) — «Est itaque morbus ens quod- 
dam natum, postquam nocua quaedam potestas peregrina violaverit vitale 
iuitium, hujusque vim penetraverit, ac penetrando excitaverit Archeum ad 
indiguationem, furorem, metum etc.» {Ortus imagin. morhos. p. 552.) — 
«Morbus constat materia et efficiente, non secus atque reliqua naturae 
entia. Efficiens namque Archeus, laborando per suas passionum exar- 
tbroses, et parturiendo suarum perturbationum ideas — procurat de sui 
substantiam portionem aliquam disponere juxta fines, quos in ejusmodi 
ista sui alienatione proposuit, sibi atque toto hostiles etc.» {Ignot. hosp. 
morh. p. 403.) 



Praktiker iler zweiten Hälfte dos siolizeliiitoa Jahrhunderts. Die Chumiatrikur. '^^^ 
van Helmont. Allgoinuinu Pathologie. ooo 

Die Krankheiten zerfallen somit in die des Arclieiis iüfliius, 
und in die der Archei insiti. Letztere sind die praktisch wich- 
tigeren, da sie in der Regel die Kuusthülfe in Anspruch nehmen, 
während dagegen die von dem obersten Archeus selbst aus- 
gehenden Krankheiten («:morbi archeales»), wie sie ohne Ein- 
wirkung äusserer Ursachen zu entstehen vermögen, auch durch 
die eigne Thätigkeit des Archeus wieder beseitigt werden. Zu 
den ursprünglichen archealischen Krankheiten rechnet Helmont 
1. die erblichen, welche auf einer angeborenen Idea morbosa des 
Archeus influus beruhen; 2. die «morbi silentes», d. h. die ohne 
äussere Veranlassung periodisch wiederkehrenden Uebel, z, B. 
die Epilepsie; 3. die typischen Krankheiten, welche er, da sie 
ihre Anfälle des Nachts zu machen pflegen, «Torturac noctis» 
nennt; 4. die Krankheiten von ungleicher Vertheilung der Kräfte 
(«robur inaequale»), die wieder vorzüglich auf die erblichen 
Uebel ihren Einfluss äussern^). 

Die Krankheiten der Archei insiti dagegen werden durch 
äussere Einflüsse, «Recepta» und «Retenta», hervorgerufen-). Die 
«Recepta» zerfallen in vier Klassen: a) «Recepta a sagis», 
Bezauberungen und magische Uebel, deren Existenz Helmont 
für unzweifelhaft hält, aber durchaus von natürlichen, obschon 
noch nicht enträtliseltcn, Ursachen ableitet, b) «Coucepta.» 
Zu diesen rechnet Helmont die von der Seelenthätigkeit aus- 
gehenden Schädlichkeiten, so wie manche Gifte, durch welche 
der Seele unmittelbar eine kranke Idee eingeprägt wird, z. B. 
das Hundswuth-Gift. Der letzte Grund dieser krankhaften Wir- 
kungen der Seele ist die Sündhaftigkeit des Menschen. Als die 
Hauptquelle der hartnäckigsten Geistes-Krankheiten betrachtet 
Helmont den Hochmuth. Aehnlich wie die Leidenschaften wirken 
die abnormen Zustände des Uterus, dessen Archeus mit einer 
besonders lebhaften «Imaginatio phantastica» und einer sehr 
ausgedehnten «Actio regiminis» versehen ist, deren Ausschrei- 
tungen sich vornämlich als Hysterie äussern. In diesem Sinne 
spricht Helmont von Wahnsinn, ja von Selbstmord des Uterus, 
c) «Inspirata», die durch den Athmungsprocess einwirkenden 
Schädlichkeiten, d) «Suscepta», die chirurgischen Schädlich- 
keiten, z. B. die Verwundungen, welche Helmont nur als Ge- 
legenheitsursachen zur Erkrankung betrachtet. — Die Retenta 



') De morbis archealibus. Opp. Fiancof. 1682. -1. p. 519 seq. 
^) Morborum phalanx et divisio, 1. c. p. 536 seq. 
Haeser, Gesch. d. Med. 11. 23 



354 Dio notiere Zeit. Bas sietzelinte Jahrhiinaort. 

zerfallen in «Retenta assiimta und innata». Die ersten bestehen 
in den unvollständig assimilirten Nahrungsstoffen ; die zweiten 
sind Krankheitsprodukte, und rühren hauptsächlich von Erkran- 
kungen der Archei insiti her. Eine sehr wichtige Rolle spielt in 
diesem Kapitel der «Latex sanguinis». — Eine unmittelbare Folge 
dieser Auffassungs-Weise ist es, dass Helmont die Symptome 
und Produkte der Krankheit von dieser selbst sorgfältig unter- 
scheidet, obschon er zugesteht, dass namentlich die letzteren als 
Gelegenheits- Ursachen fernerweitiger Krankheiten der Archei 
insiti von grosser Bedeutung sind. — Helmont schaltet an dieser 
Stelle ein Kapitel de uromantia vetcrum ein; als das wichtigste 
diagnostische Kennzeichen des Harns gilt ihm das specifische 
Gewicht. 



Specielle Pathologie und Therapie. 

315. Seine Ansichten über das Fieber entwickelt Helmont 
in einer seiner besten und klarsten Schriften: Fehrium dodrina 
inaudita. — Mit gänzlicher Verwerfung der hergebrachten 
Fäulniss-Theorie betrachtet er als die Ursachen der Fieber die 
«Spinae», d. h. reizende Einflüsse, z. B. fremdartige Beimischun- 
gen des Latex sanguinis, Reizungen der Archei insiti durch 
Retenta, Irrthümer oder Aifekte des Archeus influus. Der wahre 
Sitz des Fiebers ist deshalb nicht, wie die Galenisten lehren, 
das Herz, sondern das «Duumvirat»: der Magen mit dem Dünn- 
darm und der Milz. Je mehr sich der Sitz des Fiebers dem 
Pylorus nähert, um so gefährlicher ist der Verlauf. Deshalb ist 
die Pest, welche vom Magen ausgeht und die Lebensgeister un- 
mittelbar angreift, die schlimmste Fieberform. Nur die Quartana 
hat ihren Sitz nicht im Darme, sondern in der Milz. 

Bemerkenswerth ist die Ahnung des urämischen Fiebers. Helmont 
bezeichnet nämlich als Ursache der Farbe des Harns mit einer glücklichen 
Vermuthung die «Scoria» oder das «Stercus liquidum» [Harnstoff], welches 
von den Venen des Dickdarms aus den Faeces aufgesogen und den Nieren 
zugeführt wird. Wird das Stercus liquidum, anstatt durch den Harn aus- 
geschieden zu werden, absorbirt und in die Praecordial- Venen geleitet, so 
entsteht eine besonders gefährliche Fieberform. De fehribiis, c. 11. 

Die Erscheinungen des Fiebers bestehen im Wesentlichen aus 
einer Reihe von Bewegungen, welche der Archeus hervorruft, 
um sich des ihm aufgedrungenen «Dornes» zu entledigen. Zu 
diesen Veranstaltungen des Archeus gehört auch das Zittern der 



Praktiker der zweiten Hälfte des sietzelinten Jahrhunderts. Die Chemiatriker. 355 
van Helmont. Specielle Pathologie und Therapie. 

Fieberkranken und die Zusammenzieliung der Gefässe im Frost- 
stadiura. Denn der Fieberfrost ist nichts als ein Versnob des 
Arcbeus, die den Partes similares aufgedrungenen fremden Stoffe 
(«excrementa») durch Erschütterung auszutreiben. Kommt der 
Arcbeus damit nicht zu Stande, so erregt er das «Blas altera- 
tivum» dazu, durch Erzeugung von trübem Urin und übel- 
riechendem Schweiss den Feind zu bannen. Diese Anstrengun- 
gen des Arcbeus finden, wie die eines von Zeit zu Zeit Atbem 
schöpfenden Ringer's, in Intervallen Statt. 

«Intendit Arclieus per tremulos rigores excutere adhaereus parti simi- 
lari excrementum ; sed — — advertens se per rigores parum proficere, 
Blas alterativum excitat, quod totum alibi docui consistere in hieme et 
aestate, frigore inquam et calore. — — Tandemque itaque vehit iratus 
Archeus se ipsum accendit propria thymosi, hostemque adoritur, aestuat, 
olidmnque tandem sudorem profundit.» De febrih. c. 9. ab. iuit. 

Weit reicher an naturgemässen Vorstellungen ist Helmont's 
Fieber-Therapie. Allerdings schildert er als die wichtigste Auf- 
gabe, den aufgeregten Archeus durch die «Arcana» zu beruhigen, 
bei deren Anwendung kritische Vorgänge nicht eintreten, da sie 
durch jene Mittel überflüssig werden. Indess wird eingeräumt, 
dass es häufig nöthig sey, die Gelegenheitsursachen des Fiebers 
durch ausleerende Mittel, namentlich durch Beförderung der un- 
merklichen Hautausdunstung, zu entfernen. Wahrscheinlich aus 
diesem Grunde erklärt sich Helmont gegen das Dursten-Lassen 
der Fieberkranken ; eine Maxime, welche sich vielleicht seit 
Asklepiades fortgeerbt hatte. — Das grösste Lob verdient die 
dringende Empfehlung des Weins bei Fieberkranken, welcher, 
wie Helmont sagt, selbst bei der Pest alle andern Heilmittel über- 
trifft. Freilich werden die guten Wirkungen desselben dadurch 
erklärt, dass er den Anstrengungen des Archeus, den Feind 
auszutreiben, durch Steigerung der Hitze zu Hülfe komme. — 
Das zweite grosse Fiebermittel Helmont's sind die Diaphoretika, 
vor allen der, wahrscheinlich Calomel enthaltende, «Praecipitatus 
diaphoreticus Paracelsi». 

Es ist bekannt, welchen Umfang die alte Lehre von den K a- 
tarrhen in Anspruch nahm^). Helmont dagegen wies in einer 
seiner besten Abhandlungen: CatarrJd äelirameiita, nach, dass 
der Katarrh nicht in den vom Magen zum Gehirn aufsteigenden 
Dünsten u. s. w. seine Quelle habe, sondern durch eine krank- 



*) Vergl. oben S. 302. 



356 Dlß neuoro Zeit. Das siolizelinto Jahrhundert. 

hafte örtliche Absonderung in Folge gewisser «Fermente» ent- 
stehe. Die Riechnerven und den Kehlkopf nennt er die, aller- 
dings häufigen Irrthümeru unterworfenen, «Wächter» der Athem- 
Werkzeuge («custodes errantes»). Im gesunden Zustande wird 
ein normaler Schleim abgesondert, welcher die Respiratious- 
Organe vor Schaden bewahrt ; im kranken Zustande beeilen sich 
dieselben, oft vergeblich und zum Nachtheil des Kranken, eine 
grosse Menge von Schleim abzusondern, um die Theile zu 
schützen. Zur ausführlichen Begründung dieser Lehre dient der 
Schnupfen, bei welchem Anfangs ein dünner, dann ein dicker 
Schleim secernirt wird. — Helmont behandelt die Coryza zu An- 
fang mit einem Niesemittel (Helleborus niger und Zucker zu 
gleichen Theilen). Beim Katarrh der Lungen werden Schleime, 
Syriipe u. s. w. verworfen, da sie ja nicht in die Lungen ge- 
langen; eben so Fuchs-Lunge und ähnliche Mittel. Dagegen 
werden je nach den Umständen Narkotika, besonders aber, um 
die Ausscheidung des Schleimes zu befördern, Bewegung em- 
pfohlen. — Hauptmittel beim chronischen Katarrh sind der 
Schwefel und möglichste Beschränkung des Getränks. — Das 
Asthma der Frauen beruht in der Regel auf Hysterie; das der 
Männer auf einem Krampf der Bronchien. Es ist deshalb der 
Epilepsie verwandt, und heisst bei Helmont «Caducus pulmonum». 
Den Namen «Lungen-Epilepsie» verdient insonderheit das «Asthma 
siccum», welches im Gegensatz zu dem «Asthma humidum» eine 
allgemeine Krankheit ist. Die Heilmittel des ersteren stimmen 
deshalb mit denen der Epilepsie überein. Für die letzte Ursache 
des Asthma hält Helmont ein in der Lunge - vorhandenes, nur in 
Intervallen wirkendes, Gift. Er vermuthet, dass in allen Fällen 
von Asthma Abnormitäten der Lungen vorhanden sind^). 

An dem Beispiele der «Pleuritis» (welche auch die Pneumonie 
in sich schliesst) zeigt er die Einseitigkeiten der Alten in der 
Entzündungslehre ^). Die nächste Ursache derselben sey 
ein den betreffenden Archeus insitus verletzender Reiz («calcar, 
Spina»), z. B. Error loci der Magensäure, das Einathmen kalter 
Luft. Durch diese Einflüsse bildet sich im Blute eine Säure, 
welche, wie auch Versuche bestätigen, die Bildung der Speck- 
baut veranlasst. Die therapeutischen Aufgaben bei der Pleuritis 
richten sich auf die Beseitigung der «Spina», und auf die Ent- 



^) Asthma et tussis, 1. c. p. 342 seq. 
^) Ftircm Pleura, 1. c. p. 376. 



Praktiker dur zwoiten Hiilftu dos siubzüliutoii Jalirliundorts. Die Chemiatriker. ^'^7 
Vau Helinout. Spocielle Pathologie und Therapie. 

fevnung des Ergusses. Der Aderlass wird selbstverständlich 
durchaus verworfen. Für das wichtigste Heilmittel erklärt llel- 
mont das unter seltsamen Proceduren gesammelte und ge- 
trocknete Blut des Bockes. 

Bemerk enswerth sind die naturgemässen, in der Schrift 
Tumulus pestis niedergelegten, Ansichten Helmont's über die 
Pest, welche er schon in jungen Jahren auf Reisen furchtlos 
aufsuchte. Der Einfluss der Gestirne auf die Entstehung dieser 
Krankheit wird gänzlich in Abrede gestellt, das Pestgift für 
eine Art «Spiritus silvestris veneno tinctus» erklärt. Die Quelle 
dieses Giftes sind entweder Pestkranke [Contagium] oder Sümpfe 
u. s. w. [Miasmen], oder es bildet sich originär im Körper des 
Menschen, 

Besondere Beachtung schenkt Helmont den chronischen 
Krankheiten: den Kachexieen (Wassersucht, Gicht, Steinkrank- 
heit), der Gelbsucht, der Epilepsie. — Die Wassersucht (von 
welcher Helmont zweitausend Fälle beobachtet zu haben be- 
hauptet) ist nicht eine Folge von Erkrankung der Leber, sondern 
der Nieren. Helmont fand bei vielen Sectionen Hydropischer die 
Leber gesund, und eben so häufig Erkrankungen der Leber ohne 
Wassersucht. Die Krankheit beruht in Wirklichkeit auf einer 
krankhaften Idee des Archeus, vermöge welcher er in seinem Zorne 
die Harnmenge vermindert, und das Serum in die Bauchhöhle 
treibt. Die Therapie besteht in der Erzeugung wässriger Stuhl- 
gänge; hierzu dienen besonders der Präcipitat des Paracelsus 
und die Bryonia*). — Auch die Gicht beruht auf ererbten oder 
erworbenen krankhaften Stimmungen des Archeus, auf dem ihm 
aufgeprägten «Sigillum podagrae», welches abnorme Säurebildung 
im Latex, und durch Ablagerungen der «calx» und der «creta 
podagrae» in den Gelenken den arthritischen Anfall verursacht. 
Deshalb kann auch die Therapie der Gicht nur gegen jene 
krankhaften Stimmungen gerichtet seyn. Als das wirksamste 
Antarthriticum wird das «Arcanum corallinum» geschildert, der 
Hauptsache nach rother Präcipitat^). — Der Lithiasis widmet 
Helmont gleichfalls eine seiner wichtigsten Schriften. Die Harn- 
steine nennt er, wie Paracelsus, mit einem sonst nirgends vor- 
kommenden Worte: «Duelech», weil etwas den Harnsteinen Aehn- 
liches sich nirgends wieder findet! Um zu beweisen, dass dieselben 



*) Ignotus Hydrops, 1. c. p. 482 seq. 

") Volupe viventmm morbus antiquitus putatus, 1. c. p. 370 seq. 



358 Die neuere Zeit. Das siebzehnte Jahrhundert. 

nicht, wie Paracelsus glaubte, aus dem Niederschlage eines Tar- 
tarus-haltigen Schleimes entstehen, sondern das Produkt einer all- 
gemeinen, besonders im Blute («uterus calculi») vorhandenen Ver- 
änderung und einer von derselben bedingten krankhaften Thätig- 
keit der Nieren und des ganzen Körpers seyen, stellte Helmont 
eine grosse Menge von Harn-Untersuchungen an. Er gelangte 
durch dieselben zu der Meinung, dass der Stein potentia in 
jedem Harn sich finde, und dass zu seiner Bildung drei Dinge 
nöthig sind: 1. Harnsäure («Spiritus urinae»); 2. «Potentialer 
Weingeist,» als Ursache der Coagulation der Harnsäure •, 3. eine 
Verderbniss des «Ferments» des Urins, — Die wichtigsten Mittel 
gegen die Lithiasis sind das Kochsalz und das «Arcanum philo- 
sophorum» [im Wesentlichen Eisen-Salmiak], Zur Erfüllung der 
zweiten Indication, der Ausscheidung des Steines, dienen die 
Diuretika, besonders Krebs-Augen, und erweichende Umschläge 
auf die Nierengegend. Einspritzungen in die Blase, welche 
Helmont gleichfalls versuchte, wirkten zu reizend. ~ In dem Icterus 
erblickten die Alten einen Hauptbeweis für die Existenz der 
«gelben Galle», Helmont dagegen glaubt, dass bei dieser Krank- 
heit ein neuer krankhafter Stoff aus dem Chymus auf seinem 
Wege vom Pylorus bis zum Ende des Duodenum's sich bilde. 
Das Hauptmittel gegen die Gelbsucht sind die Alkalien. 

Unter den chronischen Krankheiten handelt Helmont ferner 
auch die Apoplexie und die Epilepsie ab. Der Schlagfiuss be- 
ruhte nach der herkömmlichen Lehre auf einer Anhäufung von 
Schleim im vierten Ventrikel. Helmont hingegen verlegt den 
Sitz der Apoplexie in die Präcordien, und erklärt die Affection 
des Gehirns für secundär. Zum Beweise beruft er sich auf die 
Schwindel -Anfälle, welche, z. B. bei der Seekrankheit, vom 
Magen und den Hypochondrien ausgehen. Hiernach beruht der 
Schlagfiuss auf einem im Magen erzeugten betäubenden Gifte 
(«anodynum apoplecticum»), und die Behandlung desselben be- 
steht in Brechmitteln mit nachfolgenden Tonicis*^). — Auch die 
Epilepsie gilt für eine «archealische» Krankheit, bei welcher 
gleichfalls ein im Magen erzeugtes Gift eine wichtige Rolle spielt. 

Wie Paracelsus, so bekämpft auch Helmont die Trennung der 
Medicin und Chirurgie. Gelegenheit dazu geben ihm besonders 
die Abhandlung von der Pest und die Besprechung der Haut- 
krankheiten und Geschwüre, welche, wie er zeigt, nur durch die 



Morborum sedes in anima sensitiva, 1. c. p. 532. 



Praktiker der zweiten Hälfte dos siotzehutoii Jalirhundorts. Die Cliomiatriker. S'SQ 
Vau Helinoiit. Spociolle l'atliologie und Therapie. "" 

Beseitigung ihrer allgemeinen Ursachen geheilt werden können. 
Der Sitz der eigentlich krankhaften (zerstörenden) Thiitigkeit 
des Geschwürs ist der Rand desselben; der Substanz -Verlust 
ist nur ein «privativer» Zustand. Die Aufgabe der Therapie 
besteht deshalb darin, das Geschwür-Gift zu zerstören. Dazu 
dienen Colcothar (Eisen-Oxyd) und Realgar (Schwefel-Arsen). 
Untergeordnet sind agglutinirende Mittel u. s. w. — Die Krätze 
erklärt Helmont für eine örtliche Erkrankung der Haut. Der 
Krätzmilbe, welche doch schon Avicenna kannte, gedenkt er 
nicht. Das Hauptmittel gegen die Scabies sind Schwefel-Salben^), 



316. Im Gegensatze zu der bisherigen, seiner Meinung nach 
lediglich symptomatischen, Therapie lehrt Helmont, dass die Be- 
seitigung der Krankheiten jederzeit das Werk heilsamer «Ideen» 
des Archeus influus ist, die in ihm ohne äusseres Zuthun oder 
durch geeignete Heilmittel entstehen, und seine Besänftigung 
oder Sinnesänderung («pacatio, alteratio») bewirken. Das grösste 
Gewicht legt er zunächst auf das diätetische Verhalten im wei- 
testen Sinne. Namentlich erklärt er die Erhaltung der Kräfte 
des Kranken für eine der wichtigsten Aufgaben des Arztes; 
unleugbar verdankte er diesem Grundsatze einen grossen Theil 
seiner ungewöhnlich günstigen Erfolge. 

Helmont äussert seine die Behandlung der Krankheiten betreffenden 
Grundsätze hauptsächlich in den Abhandlungen : Potestas medicamimmi ; 
7»* verbis, herh's et lapldibiis est magna virtus ; PharmacojJolium et 
Dispensatorium modernorum. Vereinzelte therapeutische Bemerkungen 
finden sich an vielen Stellen, besonders in de febribus und de lithiasi. 

In Betreff der Arzneimittel geht Helmont von dem Grund- 
satze aus, dass dieselben die ihnen durch das göttliche Erbarmen 
verliehenen Kräfte («virtutes, sapores») nicht deshalb äussern, 
weil sie der Krankheit entgegengesetzt oder ähnlich sind, sondern 
dass sie auf dieselben wirken, wie das Licht auf die von ihm 
getroffenen Gegenstände. 

«Manifestum est itaque, quod vis quaedam medica transferatur, mu- 
tetque suum subjectum naturale et abeat in objectum peregrinum, solo 
velut radio, vel aspectu sui.» In verb. herb, et lapid. 1. c. p. 545. — «Re- 
media morbum tollunt, non vi contrarietatis , ut neque propter nudam 
similitudinem , sed propter raerum Bonitatis donum, restaurans naturam 



') Scabies et ulcera scholarmn, 1. c. p. 303 seq. 



3G0 Die iieueru Zeit. Das siebzehnte Jahrhundert. 

adjuvaiulo, quae alioqui sui ipsius mcdicatrix.» Scholar, humorist. pass. 
deceptio, c. I. 7. 

Ans diesem Grunde ist die Grösse der Arznei-Gaben von 
untergeordneter Bedeutung; vielmehr gelangt Helmont beinahe 
zu dem Cardinal-Satze der Hahneraann'schen Lehre, nach welchem 
die Heilkraft der Medikamente zu der Grösse ihrer Gabe in umge- 
kehrtem Verhältniss steht. Zum Beweise der rein dynamischen 
Wirkung mancher Heilkörper verweist er z. B. darauf, dass 
Wasser, in welchem Quecksilber gelegen hat, die Eigenschaften 
des letzteren erlangt, ohne von der Substanz desselben etwas 
aufzunehmen ^). 

Hiernach erscheint die Therapie Helmont's, wie die seines 
Vorgängers von Einsiedeln, als eine Verbindung Hippokratischer 
Physiatrik mit dem Glauben an die Arkana ; nur mit dem Unter- 
schiede, dass Helmont die Wirkung der Arzneien durch die in 
dem Archeus erzeugten heilsamen «Ideen» erklärt, während sie 
bei Paracelsus direkt gegen die wesentlichen Bedingungen der 
Krankheit, den «Samen» derselben, gerichtet sind. 

Eine unmittelbare Consequenz der allgemeinen therapeutischen 
Maximen Helmont's besteht darin, dass die herkömmliche Lehre 
von den Krisen für ihn ohne Bedeutung ist, da es der letzteren 
bei der Anwendung der Arkana nicht bedarf. Eben so, dass er 
alle und jede Art der Ausleerungen, welche die Entfernung ver- 
meintlicher materieller Krankheitsursachen zum Zwecke haben, 
verwirft. 

Zu den grössten und bleibendsten Verdiensten Helmont's ge- 
hört die Entschiedenheit, mit welcher er den Aderlass bekämpft. 
Selbst die neuesten Gegner dieser Operation haben den Argu- 
menten, mit welchen er sein unbedingtes Verdammungsurtheil 
stützt, nur wenig hinzuzufügen vermocht. Die Anwendung des 
Aderlasses bei der Plethora wird damit zurück gewiesen, dass 
ein gut beschaffenes Blut, da seine Menge stets in Verhältniss 
zu den lebendigen Kräften stehe, niemals die der Plethora zu- 
geschriebenen Symptome erzeuge, ein durch zu reichlich vor- 
handenes schlechtes Blut erzeugter Zustand aber nicht Plethora, 
sondern Kakochymie zu heissen verdiene. — Die fortwährend 
allgemein gebräuchlichen «revulsiven» und «derivatorischen» 
Blutentziehungen^) werden mit den Gesetzen des Kreislaufs für 



') In verhis, herb. etc. p. 545. ^) Vergl. oben S. 62 ff. 



Praktiker der zweiten Hälfte des siobzohnton Jahrliundorts. Die Chemiatriker. Sßl 
van Uolniont. Speciolle I'athologiü und Tlierapie. 

unvereinbar erklärt. Ferner habe der Aderlass jederzeit eine 
Schwächung des Kranken zur Folge, und selbst im günstigsten 
Falle werde durch denselben die Reconvalescenz verzögert^). 

Den Kernpunkt der Galenischen Lehre von den Purgirmitteln 
bildete der Satz, dass die einzelnen abführenden Arzneien vermöge 
ihrer «Vis selectiva» die verschiedenen Krankheitsstoffe, Schleim, 
gelbe, schwarze Galle u. s. w. entleerten; Helmont dagegen zeigte, 
dass bei Gesunden durch jene Mittel gerade dieselben Stoffe 
entleert werden, wie bei Kranken, und erklärte sich demgemäss 
aufs entschiedenste gegen den Gebrauch derselben, noch mehr 
gegen die zu seiner Zeit sehr gebräuchlichen «ernährenden» 
Kly stiere, denen er jede Wirkung abspricht. — Am heftigsten 
eifert er gegen Salben und Pflaster, besonders gegen Vesicantien, 
eine Erfindung des «Moloch», welche nichts bewirken, als den 
Verlust von unschuldigem Serum, gegen den Gebrauch der Fon- 
tanelle, die man als prophylaktische Mittel selbst bei gesunden 
Personen, ja bei Kindern, anwendete. 

Eben so wenig als mit der herkömmlichen Therapie ist 
Helmont mit der zu seiner Zeit gebräuchlichen Pharmacie, mit 
den Confectionen, Syrupen und destillirten Wässern, einverstanden. 
Die grössten Heilkräfte schreibt er in Betreff der pflanzlichen 
Substanzen den Tinkturen zu; am höchsten schätzt er die mine- 
ralischen Arzneien; das kräftigste Mittel, sie zu entwickeln, ist 
das Feuer. — Als die wirksamsten mineralischen Heilmittel be- 
trachtet Helmont das Quecksilber, den Spiessglanz und Arsenik, 
und die aus ihnen bereiteten, grossentheils den Schriften des 
Paracelsus entnommenen, Präparate, über deren Zubereitung er 
indessen, um Missbrauch zu verhüten, nur wenig mitthcilt. Zu 
den kräftigsten Heilmitteln wird das Kochsalz gezählt, nament- 
lich bei Steinkranken, bei denen es die Mehrzahl der Aerzte 
aus theoretischen Gründen für schädlich erklärte. — Gleich den 
Alchymisten glaubt auch Helmont an eine Universal-Arznei, «Ens 
primum, Metallus primus, Alkahest». 

Am ausführlichsten handelt Helmont von seinen Geheimmittehi in der 
Abhandlung Arcana Paracehi. Die wichtigsten sind der «Mercurius 
vitae» (ein Antimon-Präparat), die «Tinctura antimonialis Lili», «Mer- 
curius diaphoreticus» «Liquor Alkahest immer talis» (wesentlich kohlen- 
saures Kali), das «Aroph» oder «Aroma philosophorum» (Eisensalmiak), 
Arcanum corallinum, die Essenzen der Edelsteine, Kräuter und Wurzeln, 



^) Vergl. besonders de febrihus, c. 4. 



362 Die neuere Zeit. Das siebzehnte Jahrhundert. 

die flüchtigen Langeu«alze u. s. w., der «Lapis Helmontii», eine bei Ant- 
werpen sich findende borsanre Magnesia. Vergl. oben S. 99. 

Sehr grosse Verdienste erwarb sich Helmont um die Heil- 
quellen-Lehre, besonders durch die Nachweisung der fixen Al- 
kalien und der Kohlensäure in vielen derselben. Sein Traktat 
über die Heilquellen von Spaa gehört zu seinen besten Arbeiten. 
Er zeigte, dass die dortigen Quellen eine «soluta atque corrosa 
ferri minera» [Eisen-Oxyd] enthalten, dass sie tonisch und ad- 
stringirend wirken, und empfahl sie demgemäss bei chronischen 
Durchfällen, Amenorrhoe, Anschwellungen der Leber und Milz, 
und bei Lithiasis, weil bei ihrem Gebrauche die Harnsäure («Sal 
urinae»), die einzige Ursache der Harnsteine («solus calculorum 
architectus») sich vermindere. 



317. Das Unternehmen Helmont's scheiterte zunächst daran, 
dass er, trotz der entschiedenen Bekämpfung des Galenismus 
und der aus ihm entsprungenen scholastischen Medicin, an dem 
Grund-Gedanken desselben, dem Teleologismus, nicht nur unver- 
brüchlich fest hielt, sondern ihm sogar einen bis dahin kaum 
gekannten Einfluss verstattete. Seine Absicht ist darauf ge- 
richtet, das «Leben» zu erklären. Dazu verlockte ihn der 
mächtige Aufschwung, welchen die Physiologie seit Harvey ge- 
nommen hatte, am meisten der blendende Glanz der jungen 
Chemie. Aber gleich Unzähligen, welche vor und nach ihm 
dasselbe Ziel verfolgten, kommt auch Helmont nicht über die 
Tautologie hinweg, welche das «Leben» durch die «Lebenskraft» 
erklärt, mit dem einzigen Unterschiede, dass die letztere bei ihm 
persönliche Gestalt gewinnt. Denn der Begriff der «Lebenskraft» 
wird in Helmont's «Archeus» zu einem bald segenbringenden, 
bald verderblichen Dämon. 

Unbestritten sind seine grossen Verdienste um die Chemie, 
die Verbesserung der Therapie, die Einschränkung des Ader- 
lasses, die Bereicherung der Heilmittellehre. Das höchste Lob 
gebührt seiner würdigen Auffassung des ärztlichen Berufs, seiner 
Begeisterung für das Wohl der Menschheit. Denn ihm ist die 
Heilkunde ein Amt der Liebe und des Erbarmens, die letzte 
Aufgabe alles Wissens die Uebuug der Christenpflicht. 

Die Lehren Helmont's fanden bei den Zeitgenossen desselben 
im Ganzen nur geringe Beachtung. In seiner Heimath zum Theil 
darum nicht, weil er den katholischen Aerzten als Ketzer galt. 



Praktiker der zweiten Hälfte des Biebzehnten Jahrhunderts. Die Ohemiatriker. 363 
van Helmonl. Sjlvius. 

in den protestantischen Ländern, namentlich in Deutschland, nicht, 
weil diese gerade damals den Drangsalen des dreissigj ährigen 
Krieges erlagen. Es kam hinzu, dass seine Schriften in einer 
wenig einladenden Form verfasst waren, dass er darauf verzichten 
musste, seine Lehren durch mündliche Vorträge zu verbreiten. 
Noch hinderlicher war ihm, dass bald darauf durch Bacon und 
Descartes Anschauungen zur Herrschaft gelangten, welche den 
seinigen schnurstracks entgegen liefen; am meisten, dass sein 
Standpunkt den grossen Haufen der Aerzte, dem nur mit hand- 
greiflichen, wenn auch noch so plumpen, Theorieen, am meisten 
aber mit nützlichen Recepten gedient wird, bei weitem über- 
ragte. — Ein einziger Arzt, Franz Oswald Grembs, Salz- 
burgischer Leibarzt, kann für einen unmittelbaren Anhänger 
Helmont's gelten, obschon es nicht sehr im Sinne seines Meisters 
war, wenn er es unternahm, die therapeutischen Lehren des- 
selben mit denen des Galenismus zu verschmelzen. 

F. 0. Grembs, Ärhor Integra et ruinosa hominis. Monach. 1657. 4. 
Francof. 167L 4. 

Wie unbarmherzig Helmont von vielen seiner Gegner beurtheilt wurde, 
zeigt ein Ausspruch von Gui Patin (S. oben S. 117). Er nennt ihn einen 
Galgenvogel, welcher die Medicin umzuwälzen suchte, nichts im Auge 
hatte, als chemische Arkana, und schliesslich seiner Aderlass-Scheu zum 
Opfer fiel. «Van Helmont etoit un mechant pendard flamand, qui est 
mort enrage depuis quelques mois. II n'a jamais rien fait qui vaille. J'ai 
vu tont ce qu'il a fait. Cet homme ne meditoit qu'une medecine toute de 
secrets chimiques et empiriques, et pour la renverser plus vite, il s'inscvi- 
voit fort contre la saignee, faute de laquelle pourtant il est mort frene- 
tique.» Gui Patin, Lettres, ed. Reveille Pa